»Zu den heiligen Tönen,
Die jetzt meine ganze Seel’ umfassen,
Will der tierische Laut nicht passen,
Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen Was sie nicht verstehn,
Daß sie vor dem Guten und Schönen,
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren.«

Goethe (Faust)

ie Wertschätzung Rembrandts hat im Laufe der Zeit vielfach gewechselt. Der junge Rembrandt war in seiner Vaterstadt Leyden und in Amsterdam ein beliebter und gesuchter Künstler, während er schon auf der Höhe seines Könnens die Gunst der großen Menge eingebüßt hatte. Nicht äußerlich, aber in seinem inneren Wirken gereichte ihm das zum Glück. Es fiel ihm nicht mehr zu, Arbeit nach dem Geschmack des Publikums zu liefern, sondern er konnte, seinem Gefühl, seinem Genie allein folgend, Werke schaffen, wie sie ihm gefielen, Porträts oder Stoffe, die seine Phantasie meist biblischen oder mythologischen Erzählungen entlehnte.

Schon bald nach seinem Tode aber rechneten ausländische Galerien und fürstliche Liebhaber, höher denkend als das undankbare Vaterland, es sich zur Ehre an, Werke des geschätzten holländischen Malers zu besitzen. Erst im Beginn des 19. Jahrhunderts, das an einseitigem Klassizismus erkrankt war, das allein die schönen Linien Raffaels und seiner süßlichen modernen Nachempfinder, der sogenannten Nazarener, schätzte, kam Rembrandt als der Maler des Häßlichen und Farblosen in völligen Verruf. Dann kam in unserer Zeit wieder der Umschwung.

So hoch wie heute ist Rembrandt nie eingeschätzt worden. Es war noch ein kühnes Wort eines vereinzelten Mannes, als Eugen Delacroix 1851 auf seiner Reise durch Holland in sein Tagebuch schrieb:

»Vielleicht wird man einmal entdecken, daß Rembrandt ein viel größerer Maler ist als Raffael.«

Sich selbst entschuldigend fügt er aber gleich hinzu: »Ich schreibe da eine Gotteslästerung, über die allen Leuten von der Akademie die Haare zu Berge stehen werden … es ist aber nicht in der Ordnung, daß man gesteinigt wird, wenn man sagt, der große Holländer habe mehr malerischen Gewinn in sich gehabt als Raffael.«

Und heutzutage? Das Urteil von Delacroix ist zum mindesten nicht mehr verblüffend, mag man ihm zustimmen oder nicht. Es blieb unserer Zeit Vorbehalten, Rembrandt in seiner ganzen Größe zu verstehen, nicht nur als Maler, sondern auch in seinen anderen Eigenschaften.

Das ist sicher kein Zufall! Es ist nur eine logische Konsequenz, daß erst in dem Zeitalter der Naturwissenschaften ein Rembrandt auf den Gipfel seines Ruhmes gelangen konnte. Ich meine nicht die Naturwissenschaften im engeren Sinne, sondern den Sinn für die offene, einfache Auffassung der uns umgebenden Dinge und die sich daraus ergebende Wertschätzung der wirklichen Lebensvorgänge, wie sie, von den Naturwissenschaften ausgehend, heute alle Kreise durchdrungen hat, in höherem Grade, wie diese sich meist dessen bewußt werden. Erst ein naturwissenschaftlich denkendes Geschlecht konnte Rembrandt ganz verstehen. Solange man gewohnt war, alles nur nach dem Maßstab von festgelegten Schönheitsregeln zu beurteilen, die Natur nur mit einer gefärbten Brille zu beobachten und vor der Wirklichkeit, die oft brutal ist, die Augen zu verschließen, solange man es für geistreich hielt, erst zu denken und dann zu beobachten — anstatt umgekehrt, so lange mußte Rembrandt als der Maler des Häßlichen, Ordinären und Abstoßenden dastehen.

Es ist mir immer als eine merkwürdige Tatsache erschienen, daß die Geistesrichtungen sich so rasch und so stark in ihren Richtungen gegenseitig beeinflussen. Eine idealisierende, philosophierende Zeit in der Medizin und der Naturwissenschaft fällt zeitlich immer ungefähr zusammen mit der gleichen Richtung in Literatur und darstellender Kunst. Als man von den Naturwissenschaften gelernt hatte, sich endlich von Philosophie und festgelegten Regeln frei zu machen und sich zunächst an rein nüchterne, kleine, oft scheinbar bedeutungslose Tatsachen zu halten, folgte bald auch in der Malerei die Richtung des Realismus. Zugleich schrieb Zola seine für die Literatur von weittragendster Bedeutung werdenden naturalistischen Romane. Auch in der Musik, die ja nie ganz realistisch werden kann, ist dieses Hinneigen und Suchen danach, das Freiwerden von geheiligten Regeln in dieser Epoche zu Anden. Dem Genius Richard Wagners gelang es, nach dem Pathos eines Meyerbeer, aus dem Starrwerden alter Regeln natürlichere Bahnen einzuschlagen und natürlich empfindende Menschen auf die Bühne zu stellen. Solche Richtungen zu inaugurieren bleibt Vorbehalten ganz vereinzelten auserwählten Geistern, welche die Menschen zunächst hassen und verfolgen, am liebsten kreuzigen und verbrennen möchten. Sind sie dann mit ihrem Schaffen durchgedrungen, hat ihr Wollen und Können, oft unmerklich, das Denken breiter Schichten beeinflußt, so kommt das furchtbare, große Heer der öden Nachbeter, welche sich »Moderne« nennen, welche sich nicht erinnern, daß modern von Mode herkommt, welche nicht merken, daß sie Nachahmer anstatt Pfadfinder sind, und welche endlich, die Richtung übertreibend, dem Genie sein Bestes nehmen, die weise Mäßigung.

Natürlich, ein jeder ist aus seiner Zeit geboren, auch ein Rembrandt. Auch Rembrandt wäre in einem anderen Jahrhundert ein anderer geworden. Es ist aber das Wesen des Genies, daß es seine Zeit versteht und den neuen Errungenschaften seiner Zeit Töne ablauscht, die ein anderer vor ihm nicht verstanden hat. Was heute nicht mehr vereinzelt dasteht, obgleich es immer noch etwas Seltenes und Großes ist, die einfache, nüchterne Naturbeobachtung und Darstellung — das erstaunt uns an dem Manne in dem Beginn des 17. Jahrhunderts, an seiner vorausahnenden Sprache. Und doch war Rembrandt ein Kind seiner Zeit, wie wir im folgenden sehen werden.

Text aus dem Buch: Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung : nebst beitra˜gen zur geschichte des Startichs : eine Kulturhistorische Studie (1907), Author: Greeff, R. (Richard).

Siehe auch:

Rembrandt 1606-1669 Rembrandt als Naturbeobachter Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung