Pseudorembrandtsche Gemälde gleich Art

Ich habe im Lauf der Zeit Kenntnis erhalten von einigen wenigen weiteren Gemälden, die denselben Stoff: »Tobias heilt seinen Vater von der Blindheit« auf dieselbe Weise, d. h. als Starstich behandeln. Es handelt sich ohne Ausnahme um Bilder, die Rembrandt zugeschrieben werden, jedoch von Schülern oder Nachahmern Rembrandts stammen. Selbständig ist kein Künstler auf die Idee gekommen, so darzustellen, weder vor noch nach Rembrandt. Da diese Gemälde also nahe Beziehungen zu dem Brüsseler Rembrandt haben, wollen wir sie im Anschluß besprechen.

I) Der van den Eckhout in Braunschweig.

Als mich 1904 eine ärztliche Konsultation nach Braunschweig führte, benutzte ich die Gelegenheit, mir die herrliche dortige Galerie anzusehen, namentlich Rembrandts wunderbares, farbenprächtiges Familienbild aus der letzten Zeit seines Wirkens (Nr. 228). Ich fand dort ein Gemälde »Tobias heilt seinen Vater von der Blindheit« (Kat.-Nr. 262) als ein Werk G. van den Eckhouts bezeichnet, das dem Bild Rembrandts in Brüssel sehr ähnlich ist.

Gerbrand van den Eckhout war ein Maler, der 1621—1674 in Amsterdam lebte und zu den eigentlichsten Schülern Rembrandts gehörte. Das Reichsmuseum in Amsterdam besitzt z. B. die »Ehebrecherin« von ihm. Viele seiner Werke sind von denen Rembrandts kaum zu trennen. Ich bitte wegen solcher Belehrungen die Kunstgelehrten um Verzeihung, das sind ja für sie bekannte Dinge, und ich will mit diesen Kenntnissen weder sie belehren noch damit prunken, aber ich schreibe ja auch, um meinen vielleicht minder unterrichteten Fachgenossen Interesse und Anregung zu geben.

W. Bode nennt das Bild eine alte Kopie des Bildes von Rembrandt. Dies ist auch zweifellos richtig. Mit einigen Abweichungen ist das Bild nur eine freie Kopie des Brüsseler. Von welcher Hand sie auch gefertigt sei, sie kommt dem Original in vielen Punkten nicht gleich.

Ein Vergleich fällt sehr zu Ungunsten des Braunschweiger Bildes aus. Zunächst ist der köstliche braune Goldton Rem-brandts ersetzt durch ein durchgehend stumpfes Graubraun. Es ist ein ganz anderes Kolorit, das das Bild besitzt. Auch die Lichtsammlung am Fenster ist nicht so meisterhaft durchgeführt. Der Ausdruck in den Gesichtern der beteiligten Personen ist weniger treffend. Besonders trifft das für den Patienten, den alten Tobias, zu. Wir vermissen die Spannung der Gesichtsmuskeln, den Ausdruck der Angst und des momentanen Schmerzes, und besonders der charakteristische Zug, daß der Mund geöffnet ist, fehlt. Die unendlich liebevolle Art, mit der seine Gattin, auf einem Stuhl vor ihm sitzend, die Hände des Operierten hält, kommt nicht so zum Ausdruck wie bei Rembrandt.

Was das auffallendste ist, das Braunschweiger Bild ist in der Breite um ein Drittel größer als das Brüsseler. Nach rechts zu sieht man die Treppe, welche im Rembrandtschen Bild nur im oberen Teil sichtbar ist, von Anfang an ganz aufsteigen. Dahinter rechts findet sich noch ein Herd mit Küchengerät. Das in der Bibel erwähnte Hündchen des Tobias, das auf den zahlreichen Darstellungen Rembrandts aus der Tobiassage fast nie fehlt, ist auf dem Brüsseler Bild nur drei Viertel da, der Kopf fehlt. In Braunschweig sehen wir, daß es eine oben und noch mehr rechts sitzende Katze anbellt.

Da im übrigen das Bild in Braunschweig zweifellos eine Kopie des Rembrandtschen darstellt, so muß das letztere Bild später nach rechts zu stark beschnitten sein. Und zwar läßt sich aussagen, daß dies wohl relativ spät geschehen ist. Dafür spricht folgender Befund.

In der im Jahre 1755 von A. de Marcenay nach dem Rembrandtschen Bild gefertigten Radierung, von der ein Exemplar in meinem Besitz ist, geht das Bild nach rechts zu noch weiter als jetzt, der Hund ist noch ganz auf dem Bild, aber nicht so weit wie bei der alten van Eckhout zugeschriebenen Kopie. Wahrscheinlich hat also schon eine kleine Beschneidung des Bildes nach rechts zu stattgefunden, ehe die Marcenaysche Radierung entstand, einer Partie, die wahrscheinlich schon sehr dunkel war und im übrigen auch nicht sehr interessant ist. Vielleicht hat dann später noch einmal eine Beschneidung des Bildes nach beiden Seiten hin stattgehabt. Nach rechts zu um ein weniges, da der Pfund heutzutage auf dem Rembrandtschen Bild nur noch ohne Kopf zu sehen ist und der Eingang zur Treppe fehlt, ganz unlogische Dinge, die Rembrandt sicher nicht so gemalt härte, und nach links zu um ein erhebliches Stück, da auf dem Marcenayschen Stich noch eine Gruppe von fünf Zuschauern herauskommen, die als Zuschauer oder wartende Patienten an der Wand auf einer Bank sitzen oder daneben stehen. Von diesen sind auf den beiden Gemälden nur die zwei vordersten sichtbar. Marcenay hat diese in seinem sonst Punkt für Punkt genau nach dem Original gehaltenen Stich sicher nicht aus seiner Phantasie hinzugefügt. Ich denke mir, daß die wohl sehr geschwärzten, von den Lichtpartien abgelegenen Partien den späteren Besitzern der Bilder nichts mehr sagten, nicht mehr gefielen und deshalb fortgeschnitten worden sind. Man war in solchen Handlungen früher nicht so pietätvoll wie heute.

Wir finden in der Behandlung unseres Bildes eine Analogie zu der Beschneidung der berühmten »Nachtwache« Rembrandts in Amsterdam.

Das Interieur mit der Wendeltreppe, wie es uns also am besten auf der Braunschweiger Kopie entgegentritt, ist angefertigt unter Benutzung der beiden kleinen Philosophenbilder im Louvre zu Paris.

Kat.-Nr. 409 (im C. Bodeschen Werk Bd. II Nr. 121): Der Philosoph vor dem geöffneten Buch. Um 1633 gemalt.

Kat.-Nr. 408 (bei Bode Bd. II Nr. 122): Der Philosoph in stiller Betrachtung. Bezeichnet: 1633.

Aehnliches: Esau am Sterbelager Isaaks, im Besitz des Earl of Brownlow (Bode Bd. II Nr. 217), und

Der heilige Franziskus im Gebet. Im Besitz von Alfred Beit in London.

2) Das Gemälde in Heidelberg (s. Taf. I).

Ein drittes, mit Rembrandt bezeichnetes Gemälde, das den gleichen Vorgang darstellt, befindet sich in süddeutschem Privatbesitz und wurde mir freundlichst leihweise überlassen. Es ist 32 Zentimeter lang und 23,5 Zentimeter hoch, auf altes Lindenholz gemalt, bezeichnet rechts unten: Rembrandt. f. 1637. Bei flüchtigem Blick haben die Figuren Rembrandtsche Charaktere. Dem Maler hat auch das Rembrandtsche Bild oder die Skizzen dazu Vorgelegen, es ist derselbe Vorgang dargestellt mit denselben Figuren, wenn auch der Raum und die Gruppierung ganz anders ist. Der Patient sitzt in rotem phantastischem Mantel mit prächtigem Gürtel, wie ein orientalischer Fürst aussehend, auf einer Art Treppe. Seine Gattin, eine alte, gebeugte Frau, der Figur bei Rembrandt sehr ähnlich, links sitzend, hält leicht den auf das Geländer aufgelegten Arm des Tobias am Handgelenk. Der Arzt, alias junge Tobias, wie bei Rembrandt mit Turban und Feder angetan, hinter ihm stehend, sticht von oben mit einem spitzen Instrument in das linke Auge. Der Engel sitzt rechts am Tisch in weißem Gewand (Taf. I).

Abgesehen davon, daß alles schlechter gezeichnet ist, ergeben sich bei einigem Zusehen viele Widersinnigkeiten und Unmöglichkeiten. Die Beleuchtungsverhältnisse sind nicht beobachtet und falsch, die Gruppe sitzt in der Tiefe des Zimmers fast an der Tür, wo nichts gesehen werden kann. Das zur Operation bestimmte Auge ist vom Licht abgewendet, der Operateur sticht, mit der rechten Hand von oben kommend, in das linke Auge, beides Unmöglichkeiten. Während das Instrument im Auge ist, sieht der Operateur anderswohin. Kurz, der Maler hat ein gewisses Kompositionstalent, er hat den Vorgang aber nie gesehen und beobachtet, sondern aus seiner Phantasie komponiert und deshalb falsch dargestellt.

Die Bezeichnung »Rembrandt« ist nicht später aufgesetzt, sondern liegt in der Farbe. Die Prüfung des Bildes durch Fachgelehrte (Herr Geh. Rat W. Bode und Professor Hauser in Berlin hatten die große Güte, das Gemälde daraufhin anzusehen) ergab, daß es nicht älter ist als höchstens von der Mitte des 18. Jahrhunderts an, vielleicht jünger, da Einzelheiten schon damals künstlich alt gemacht sind.

3) Das Gemälde in Parma (s. Taf. II).

Giuseppe Albertotti, Professor der Ophthalmologie, früher in Modena, jetzt in Padua, hat bereits im Jahre 1897 den Annali di ottalmologia Bd. XXVI S. 18 die Aufmerksamkeit auf ein in der Galerie zu Parma befindliches Bild aus der Schule Rembrandts gelenkt, auf dem der Starstich, am rechten Auge mit der rechten Hand ausgeführt, getreulich wiedergegeben ist. Herrn Professor J. Hirschberg in Berlin verdanke ich den Hinweis auf diese Notiz (cfr. Zentralbl. f. prakt. Augenheilk. 1906 Dez.-Heft S. 363).

Das Original in Parma (Saal II, Kat.-Nr. 34) kenne ich nicht. Es existierte bisher auch keine Photographie des Bildes. Es ist beschrieben in dem Buch: La R. Galleria di Parma per Corrodo Ricci. Parma. Edit. W. L. Battei, pag. 17.

Professor Laudedeo Eesti, der Direktor der königlichen Galerie in Parma, hatte die große Liebenswürdigkeit, das Bild für mich photographieren zu lassen. Es ist in meiner Arbeit als Taf. II reproduziert.

Das Bild ist in Parma benannt: Tobias heilt seinen Vater von der Blindheit. Scuola olandese. Es ist in Oel auf Leinwand ausgeführt und hat eine Höhe von 0,58 Meter und eine Breite von 0,36. Albertotti schreibt es einem Schüler Rembrandts zu. Herrn Professor Eesti verdanke ich noch folgende Notizen. Hinten ist in den Schriftzeichen des beginnenden 18. Jahrhunderts zu lesen: Rembrant (sic!)

Gerretsz
van Ryn.

In geringer Entfernung davon und in derselben Höhe befindet sich eine andere Inschrift, die nur teilweise erhalten ist und von Ricci nicht erwähnt ist (ein wenig älter als die erste):

Vm d an
RevBrant

Das Bild stammt aus Mailand und wurde 1839 von der Galerie angekauft. Es ist sehr gut erhalten, ohne Ueber-malung und sehr fein in der Farbenstimmung (Eesti).

Wir sehen vier Figuren dargestellt, knapp im Raum stehend, ohne erkennbare Details im Hintergrund. Ein intensiv helles Licht strahlt von links aus und spiegelt sich intensiv auf den vier, dem Licht zugewandten Gesichtern. Der alte Tobias, ein schöner Greis mit langem, weißem Haar und ebensolchem Bart, sitzt und hat den Kopf nach links gewendet. Der junge Tobias, mit dem charakteristischen Turban auf dem Kopf (wie auf dem Brüsseler Bild), beugt sich von links seitlich und vorn her dicht zu dem Kopf des Vaters hin. Mit dem Zeigefinger der linken Hand zieht er das obere Augenlid des rechten Auges nach oben und sticht mit der in der rechten Hand befindlichen spitzen Nadel von außen her in das Auge ein. Eine der beiden jungen Frauengestalten steht hinter der Gruppe und streckt die (viel zu groß geratene) linke Hand vor, als wolle sie den Kopf des Greises halten helfen. Die andere steht seitlich rechts, schaut aufmerksam und etwas ängstlich zu und hat die zusammengelegten Hände in etwas theatralischer Weise erhoben.

So sicher man sieht, daß der Maier Rembrandts Art angenommen hat, ja die Rembrandtschen Darstellungen gleicher Art studiert hat, so sicher erkennt, wer sich etwas mehr mit Rembrandt beschäftigte, daß das Bild nicht von der Hand des Meisters selbst ist. Es ist bei aller Aehnlichkeit der einzelnen Figuren eine ganz andere Anschauungsweise und eine

andere Handschrift darin. Bei aller Feinheit der Zeichnung und Gruppierung haben die Figuren etwas modellhaft Zusammengestelltes und sind mit allen Gliedern in einer lebhaften theatralischen Bewegung, wie sie Rembrandt fremd ist, und wie sie auch bei der Wirklichkeit einer solchen Operation im höchsten Maße unnatürlich sein würde.

Derselben Ansicht war auch Herr Dr. Valentiner vom Kupferstichkabinett zu Berlin, ein ausgezeichneter Rembrandt-kenner, der vermutete, daß das Bild vielleicht von dem Holländer B. Cuyp sein könnte, einem Maler, der gern Rembrandt-sche Figuren und Sujets aufnahm (Benjamin Gerritsz Cuyp, geb. 1612 in Dordrecht, gest. 1652 ebenda). Jedenfalls ist das Bild aus späterer Zeit, in der starke italienische Einflüsse sich in der holländischen Malweise geltend machten.

Text aus dem Buch: Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung : nebst beitra˜gen zur geschichte des Startichs : eine Kulturhistorische Studie (1907), Author: Greeff, R. (Richard).

Siehe auch:

Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung

»Er stehe fest und sehe sich hier um,

Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.

Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen?

Was er erkennt, läßt sich ergreifen!«

Goethe (Faust)

Auf einem Gemälde von Rembrandt in Brüssel habe ich eine Entdeckung gemacht, die mir für den Realisten Rembrandt sehr charakteristisch zu sein scheint. Sie war der Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Das Bild Rembrandts: »Tobias heilt seinen Vater von der Blindheit«, ist im Privatbesitz des Herzogs von Arenberg und befindet sich in dessen Palais in Brüssel, der einstigen 1548 erbauten Wohnung des Grafen Egmont am kleinen Zaavel-platz. Es enthält eine bekannte, wertvolle Gemäldegalerie, die bei Abwesenheit des Herzogs dem Publikum geöffnet wird.

Dort habe ich das Bild gesehen und als okulistischer Fachmann die überraschende Entdeckung gemacht, daß es sich offenbar um die ganz realistische Darstellung einer alten Staroperation (Reklination, Niederdrückung der Linse) handelt.

Das Bild ist auf Eichenholz gemalt und bezeichnet links an der Stuhllehne: Rembrandt f. 1636. Seine Höhe beträgt 0,48, seine Breite 0,39 Meter, es gehört also zu den kleinsten Bildern, die Rembrandt gemalt hat. Der Gewährsmann des Baedeker-sagt bei dem Bild Rembrandts: vielmehr Salomon Köninck.

S. Köninck war ein Schüler und Nachahmer von Rembrandt und lebte von 1609—56 hauptsächlich in Amsterdam. Seine Gemälde, biblische Stoffe und Porträts, kommen denen von R. oft sehr nahe und können wohl verwechselt werden.

W. Bode, einer der besten Kenner Rembrandtscher Gemälde, zählt in seinem großen Rembrandtwerk (Rembrandt. Ein beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde mit den helio-graphischen Nachbildungen, eine Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Verlag von Charles Sedlmeyer. Paris 1899) dieses Bild in Bd. III Nr. 216 unter den echten Rembrandts auf.

Wir werden auch in vorliegender Arbeit unten Gründe genug finden (aus Analogien mit anderen Gemälden, z. B. im Louvre, aus den vorliegenden Skizzen etc.) dafür, daß das Bild von Rembrandt und nicht von Salomon Köninck ist.

W. Bode gibt folgende Beschreibung des Bildes: »In einem einfachen Raume sitzt links in der Nähe des Fensters der alte Tobias, dem seine Frau die Hände auf dem Schoße hält, während sein Sohn in grünem Kleide und weißem Turban ihm von hinten mit der von der Reise mitgebrachten Medizin das blinde Auge behandelt. Sein Reisebegleiter, der Engel, in weißem Gewände und mit ausgebreiteten Flügeln, sieht aufmerksam zu. Im dunklen Vordergrund zu äußerst links sind noch zwei Figuren nur undeutlich erkennbar. Die Decke läßt die Struktur des Daches sehen. Im Hintergrund ein Topf über dem Feuer, an der Wand Zwiebeln, daneben Wendeltreppe mit einem Faß darunter. Auf einer Bank neben dem alten Tobias das Reisegewand und der Dolch seines Sohnes. Im Vordergrund links ein Stuhl, ein Spinnrad und ein Korb, rechts ein Hund. Beleuchtung von links durch das Fenster auf die Hauptgruppe.

Kleine, ganze Figuren.«

In der Einleitung zu seinem Werk rühmt Bode noch an dem Bilde »die Feinheit der Charakterisierung, die Bewegung und den Ausdruck der vorhandenen Figuren, die Teilnahme derselben an der Operation, welche der junge Tobias unter Leitung des Engels am Auge seines Vaters vornimmt«. »Es ist in der Verteilung des warmen Abendlichtes, das durch das sehr hohe Fenster einfällt, ein besonders anziehendes Werk dieses Künstlers.«

Das Bild hat nachweislich folgende Besitzer gehabt:

1742 Prince de Carignan.

1800 Geildemeester, Amsterdam.

1829 G. Hilbert, London.

Herzog von Arenberg. Katalog Nr. 52.

Sehen wir uns nun den Vorgang der Operation auf dem Bilde mit den Augen des Fachmannes etwas genauer an.

Wir befinden uns in einer alten, winkeligen Stube, wohl der Eingangshalle oder der sogenannten Diele eines Hauses im alten Amsterdam im Armen viertel. Das Strohdach ist vielfach geflickt und an der alten Wendeltreppe ist das Geländer zum Teil abgebrochen. Es ist kein ärztliches Zimmer, allerhand Gerät deutet auf einen zum Haushalt gehörigen Raum. Wir sehen unter einem hängenden Kessel ein Feuer, ferner ein Faß mit Zapfen, eine Art Anrichte, einen Spinnrocken etc. Wenn wir nach der Genauigkeit der Darstellung der Operation und nach den vielen dazu gemachten Skizzen annehmen müssen, daß Rembrandt den Vorgang genau bei einem Okulisten studiert hat, so hat er die Gruppe nachher in diesem Raum, der ihm offenbar durch seine malerische Anordnung und seine eigenartige, einseitige Beleuchtung besonders lieb war, aufgebaut; wir werden unten S. 43 sehen, daß er dieses Interieur mehrfach benutzt hat, z. B. auf zwei in Paris befindlichen Bildern.

Es entsprach auch so besser dem biblischen Text, an den sich Rembrandt, wenigstens in der ersten Zeit seiner Tätigkeit, streng zu halten pflegte, indem er den Vorgang in das Haus eines alten Juden verlegte.

Die Gruppe ist ganz kunstgerecht nahe an das Fenster gerückt und der Kopf des alten, bärtigen Mannes ist stark nach hinten und etwas nach rechts gedreht, so daß das zu operierende Auge voll und direkt von dem einfallenden Licht beleuchtet wird. Der alte Tobias, ein wunderbarer alter Mann mit weißem Haar und langem Vollbart, sitzt in einem Lehnstuhl. Er hat im Schoß die Hände gefaltet und seine Gattin ergreift von vorn mit der rechten Hand die geschlossenen Hände des Greises und legt ihre linke mit einer unendlichen Liebe und Zartheit auf die Händegruppe. So sind die Hände gegen unwillkürliches Eingreifen in die Operation gesichert. Der junge Tobias, mit dem Turban angetan und im Reisemantel, ein schwarzes Schnurrbärtchen tragend, steht hinter dem Alten und drückt dessen nach hinten und etwas nach rechts dem Lichte zu gewandten Kopf gegen seine Brust, um ihn so ruhig zu stellen, genau so wie wir das auch heute tun, wenn wir bei einem sitzenden Patienten am rechten Auge von oben her etwas vornehmen wollen. Wenn ein Operateur vor dem Patienten steht, so nimmt er sich einmal selbst das einfallende Licht fort, dann aber, was am wichtigsten ist, müßte er, da die Starnadel ganz flach von außen zu an das Auge anzusetzen ist und er das von vorn her über den hohen Nasenrücken nicht kann, für das rechte Auge die linke Hand zum Operieren nehmen. Nach den sehr spärlichen Beschreibungen und Abbildungen, die wir von dem Starstich im Mittelalter haben, nahm man an, daß die alten Aerzte stets vor dem Patienten sitzend operiert hätten, sie mußten dann also amphidexter sein, d. h. am linken Auge die Nadel von außen her mit der rechten, am rechten Auge mit der linken Hand einführen. Es ist das nicht gleich jedermanns Sache, erschwerte die Kunst sicher sehr und erforderte viel Uebung der linken Hand. Auf dem Rembrandtschen Bilde sehen wir zu unserer Freude zum ersten Male, daß im Jahre 1636 in dem kultivierten Amsterdam die Okulisten schon damals diese Schwierigkeit zu umgehen wußten und beim rechten Auge von oben her über den Kopf mit der rechten Hand kamen. In der Tat mache ich es heutzutage, wie wohl die meisten Augenoperateure, so, daß ich für das rechte Auge, möge der Patient sitzen oder liegen, von oben über den Kopf her komme, für das linke Auge zu Füßen des Patienten stehe, so daß immer die rechte Hand die führende ist. (Vergleiche die fehlerhafte Darstellung auf Taf. I, die fälschlich dem Rembrandt zugeschrieben wird. Der Operateur geht von oben her mit der rechten Hand in das linke Auge, was nie ein Okulist tun wird.)

Die linke Hand des jungen Tobias ruht auf der gerunzelten Stirn des Greises über dem rechten Auge, wie man es tut, um das obere Augenlid hochzuheben. Allerdings könnte diese Fixierung des Lides mit dem Finger (eine andere Feststellung der Lider, wie heutzutage, hatte man damals noch nicht) noch etwas realistischer dargestellt sein. Die Finger müßten etwas tiefer unten nach dem Auge zu sitzen. Immerhin ist der Griff sonst richtig. Vielleicht hat aber Rembrandt die linke Hand absichtlich etwas höher auf die Stirn gelegt, als es der Operateur im Moment des Handelns tut, um nicht die Hände allzu dicht an das Auge zu bringen und damit auf dem kleinen Felde durch die vielen Dinge Unruhe und Unklarheit hervorzurufen.

Die rechte Hand hat zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger ein langes, spitzes Instrument, das von oben her den äußeren Rand des Augapfels berührt. Das Instrument ist einer schmalen runden Nadel vergleichbar, die oben leicht kolbig anschwillt und sich allmählich nach unten zuspitzt. Es ist eine regelrechte Starnadel und der Vorgang eine alte Staroperation oder die Niederdrückung (Reklination) des Stares.

Der Engel, ein schöner, junger Mann in lichtem Gewände, dessen Gesicht von dem vollen milden Fensterlicht durchflutet ist, rechts vom Operateur stehend, halb vorgebeugt, sieht mit sehr aufmerksamen, gespannten Blicken und etwas ängstlichen Mienen dem Schauspiel zu, ohne sich an dem Vorgang zu beteiligen.

Text aus dem Buch: Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung : nebst beitra˜gen zur geschichte des Startichs : eine Kulturhistorische Studie (1907), Author: Greeff, R. (Richard).

Siehe auch:

Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung