Der Eremit


Dieser vor dem braunen Waldgcbüsch sitzende graubraune, lebensgrosse Einsiedler gehört zu den Lieblingen des die Galerie besuchenden Publikums. Es bewundert Haar und Bart und die Falten des durchfurchten Gesichts und die Adern auf der stützenden Hand» und vollends nun dieses täuschend natürliche Buch, abgenutzt vom vielen Lesen, mit seinen schlaffgewordenen Einbanddecken und den engbeschriebenen Blattseiten. Was der berühmte Feinmaler Gerard Dou, der älteste Schüler Rembrandts, auf ganz kleinen Bildern zu geben pflegte, das hat hier einer in das grösste Format gebracht, der ebenfalls unter Rembrandts Einfluss steht, wie uns der angenehme warmbraune Ton sagt und das Helldunkel. Aber auch schon der Gegenstand» denn solche lesende, betende oder meditierende Eremiten finden sich gerade bei Rembrandt und seinen Schülern häufig. Bald kommen sie als Halbfiguren oder Kniestücke vor, wie hier, bald in ganzer Figur und dann sind sie vielfach als Staffage in einen interessant beleuchteten Innenraum gesetzt. Ob wohl schon vielen, die vor diesem Bilde gestanden haben, eingefallen ist, wie denn eigentlich dieser steinalte Mann in so lässiger Haltung die so weit von seinen Augen entfernte kleine Schrift lesen könne? Wirkliche Beobachter der Natur achten auch auf so etwas, sie lassen die Lesenden sich bücken und setzen ihnen Brillen auf, von Quinten Massys und Dürer an bis auf Gerard Dou; Scheinrealisten malen nur Haarlocken und Gesichtsfalten. Salomon Köninck aus Amsterdam ist bloss ein äusserlicher Nachahmer Rembrandts, ohne Geist und Nachdenken. Seine ganze Bedeutung liegt in seiner technischen Fertigkeit, der feinen Farbe und der noch feineren Zeichnung. Sein zehn Jahre jüngerer Vetter Philips de Köninck, der Landschafter, ist ein sehr viel tüchtigerer Schüler Rembrandts mit einer selbständigen Richtung. Von Salomon braucht man nichts weiter gesehen zu haben als dies eine Dresdener Bild von 1643; es bezeichnet die Höhe seiner Leistungsfähigkeit.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie SALOMON KÖNINCK 1609-1656