Kategorie: Sandro Botticelli


SANDRO BOTTICELLI ´s Auge und Hand sind die natürlich frischen Organe und scharfen Werkzeuge des florentinischen Künstlers der Frührenaissance, aber der Wirklichkeitssinn seiner zeitgenössischen Vorbilder, Fra Filippo, Verrocchio, Pollajuolo, wird bei Sandro nur Mittel zu dem Zwecke, den ganzen Kreislauf menschlichen Gefühlslebens, von stiller Schwermut bis zu heftiger Erregtheit zum Ausdruck zu bringen.

Im Dämmerlichte jener liebenswürdigen Schwermut verständnisinnig zu verweilen, gehört heute zum guten Ton der kunstfreundlichen Welt; wer jedoch nicht nur sich selbst in Sandro’s Temperament gefallen, ihn vielmehr als Künstler psychologisch verstehen will, der muss ihm auch in das helle Tageslicht seiner Thätigkeit als Schilderer leidenschaftlich bewegten körperlichen und geistigen Lebens und aul den verschlungenen Pfaden folgen, die er als williger Illustrator der gebildeten florentinischen Gesellschaft so häufig zu wandeln hatte.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Sandro Botticelli

Geboren 1446 zu Florenz. Gestorben den 27. Mai 1510 daselbst.

n der Zeit des älteren Lorenzo Magnifico de’ Medici, welche fürwahr für Menschen von Geist ein goldenes Zeitalter gewesen ist, lebte Allessandro, nach unserer Sprechweise Sandro, di Botticello genannt; eine Benennung, deren Anlaß wir sogleich erkennen werden. Sein Vater, Mariano Filipepi, ein florentinischer Bürger, erzog ihn mit Sorgfalt und ließ ihn in allen Dingen unterrichten, die man Kinder lernen läßt, ehe sie einem Berufe bestimmt werden. Obwohl nun der Knabe alles, was er wollte, leicht begriff, war er doch stets unzufrieden und fand an keinem Unterrichte Gefallen, weder am Lesen, noch amSchreiben, noch am Rechnen, sodaß der Vater, ungeduldig über diesen absonderlichen Sinn, ihn aus Verdruß dem Goldarbeitergewerbe bestimmte, und ihn zu seinem Paten Botticello gab, einem ziemlich guten Meister dieser Zunft.

Zu jener Zeit herrschte große Vertraulichkeit, ja ein fast beständiger V erkehr zwischen Goldarbeitem undMalern. Sandro, der viel Geschick besaß und sich ausschließlich mit Zeichnen beschäftigte, wurde durch jenen Umgang von Liebe zur Malerei ergriffen und faßte den Entschluß, sich ihr ganz zu widmen. Er bekannte seinem Vater freimütig dieses Begehren, und wurde zu dem damals trefflichen Meister, dem Karmelitermönch Fra Filippo in die Lehre gegeben, wie Sandro selbst gewünscht hatte. Von jener Zeit an ergab er sich ganz seinem Beruf und ahmte seinen Meister sehr getreu nach; dieser faßte deshalb eine große Liebe zu ihm, unterrichtete ihn mit aller Sorgfalt und brachte ihn bald dahin, daß er eine Stufe in der Kunst erreichte, die ihm niemand zugetraut hätte.

Im Handelsgericht von Florenz, zwischen den Tafeln, auf welchen die beiden Pollajuoli einige Tugenden dar# gestellt hatten, malte Sandro in früher Jugend eine Figur der Stärke, und in Santo Spirito zu Florenz eine Tafel für die Kapelle der Bardi; er führte sie mit Fleiß und wohl zu Ende und brachte dabei einige Ölbäume und Palmen an, die mit großer Sorgfalt gearbeitet sind. Eine andere Tafel verfertigte er für die Nonnen der Konvertiten und eine für die Nonnen von S. Bamaba. Im Mittelschiff der Kirche von Ognissanti neben der Tür, die nach dem Chor führt, wurde im Auftrag der Vespucci ein St. Augustin in Fresko von ihm gemalt; hierbei strengte er sich nach Kräften an, alle Meister seiner Zeit, vornehmlich den Domenico Ghirlandajo zu übertreffen, der auf der entgegengesetzten Seite den heil. Hieronymus dargestellt hatte. Seine Arbeit erwarb ihm großes Lob; man erkennt in dem Angesicht St. Augustins das tiefe Nachdenken und den feinen Scharfsinn, welcher Menschen eigen ist, die immer der Erkenntnis hoher und schwieriger Dinge nachforschen.

Sandro kam dadurch in Ruf und erhielt Auftrag für die Werkmeisterschaft von Porta Santa Maria eine Tafel in S. Marco zu malen, eine Krönung der Madonna und einen Engelchor. Das alles wurde von ihm sehr gut gezeichnet und ausgeführt. Im Hause der Medici übernahm er viele Arbeiten für den älteren Lorenzo, darunter eine Pallas in Lebensgröße, auf einem Schilde mit Baumästen, die in Flammen stehen, und einen heiligen Sebastian. Sandro erhielt zu jener Zeit Auftrag, eine kleine Tafel zu malen, mit Figuren in der Größe von dreiviertel Ellen; sie wurde zwischen den zwei Türen an der Vorderseite von Santa Maria Novella aufgestellt, linker Hand, wenn man durch die Mitteltür in die Kirche tritt. Es enthält die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland. Man sieht darin so viel Gemütsbewegung in dem ältesten König, daß er, voll Andacht und Zartlichkeit den Fuß des Heilandes küssend, von Freude durchdrungen scheint, das Ziel seiner langen Reise gefunden zu haben. In dieser Gestalt ist Cosimo der ältere von Medici dargestellt, von allen Bildnissen, die es in unseren Tagen von ihm gibt, das treueste und lebendigste. Der zweite König weiht in Demut dem heiligen Kinde Verehrung und reicht ihm seine Gaben dar. Dies ist Giuliano de Medici, Vater des Papstes Clemens VII. In dem dritten ist Cosimos Sohn Giovanni abgebildet; auch er kniet vor dem Kinde, scheint ihm anbetend Dank zu zollen und es als den wahren Messias zu begrüßen. Es läßt sich nicht schildern, welche Schönheit Sandro den Köpfen dieses Bildes verlieh; die einen sind von vorne, andere von der Seite, die einen halb abgewandt, andere niedergebogen odersonst in verschiedener Weise zu sehen, dabei manigfaltige junge und alte Gestalten, mit allen Eigentümlichkeiten dargestellt, welche die Meisterschaft des Künstlers erkennen lassen; denn er unterschied den Hofstaat der Könige so, daß man gewahr wird, welche dem einen; und welche den anderen zugehören; kurz dieses Werk ist bewundernswert, in Zeichnung, Malerei und Zusammenstellung so schön, daß es heutigen Tages jeden Künstler in Staunen versetzt und seinem Verfertiger damals in Florenz, wie an anderen Orten, einen großen Namen erwarb. Als daher Papst Sixtus die Kapelle in seinem Palast zu Rom erbaut hatte und sie mit Malereien verziert sehen wollte, ernannte er Sandro zum obersten Aufseher über diesesW erk. Dieser maltedort mehrere Bilder; eines wie Christus vom Teufel versucht wird, ein anderes, wie Moses den Ägypter tötet und von den Töchtern Jethro in Midian zu trinken bekommt, endlich, wie Feuer vom Himmel fällt, als die Söhne Aarons opfern wollen; in den Nischen oberhalb dieser Bilder stellt er einige heilige Päpste dar. Durch dieses Bild erlangte Sandro großen Namen und Ruf vor vielen Florentinern und anderen Meistern, die mit ihm um die Wette arbeiteten, und Papst Sixtus belohnte ihn durch eine bedeutende Summe Geldes, die aber Sandro ganz und gar während des Aufenthaltes zu Rom verbrauchte, wo er seiner Gewohnheit gemäß, nach Laune lebte.

Sobald er vollendet hatte, was ihm übertragen worden war, kehrte er schnell nach Florenz zurück. Dort beschäftigte er sich als ein Mann von grübelndem Verstände, Dantes Dichtungen teilweise zu erklären, stellte die Hölle dar, und arbeitete einen Kupferstich davon, eine Beschäftigung, mit welcher ihm viel Zeit verloren ging, denn daß er nicht andere Arbeiten vomahm, brachte große Unordnung in sein Leben. Er mühte sich noch sonst, einige seiner Zeichnungen in Kupfer zu stechen, nach schlechter Manier jedoch, denn der Stich war schlecht gemacht, und das beste, was man von seiner Hand sieht, ist der Triumph des Glaubens des Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara, dessen Sekte er dermaßen anhing, daß er das Malen ganz vernachlässigte und, weil er dadurch alles Einkommen verlor, sich in die größte Verlegenheit stürzte. Ja indem er sich jener Partei völlig anschloß, und, wie man sie zu nennen pflegte, ein Klagebruder (ein piagnone) wurde, entfremdete er sich aller Arbeit und sah sich im Alter so völlig verarmt, daß er fast Hungers gestorben sein würde, hätte nicht Lorenzo von Medici, für den er außer vielen anderen Dingen auch einiges im kleinen Spital von Volterra arbeitete, ihm, so lange er lebte, Unterstützung zukommen lassen, was nachmals von seinen Freunden und wohlhabenden Leuten, die seine Kunst verehrten, fortgesetzt wurde.

Sandro hatte in S. Francesco außerhalb des Tores von S. Miniato ein schönes Bild gemalt: die Madonna in runder Umfassung, umgeben von mehreren Engeln in Lebensgröße. Diesem Werke sehr ähnlich verfertigte Biagio, einer seiner Zöglinge‘, ein rundes Bild, und wollte es gern verkaufen. Sandro, welcher dieses wußte, verkaufte es an einen Bürger für den Preis von sechs Goldgulden, und da er von Natur fröhlich war, und mit seinen Schülern und Freunden gern Scherz trieb, sagte er zu Biagio: „Endlich habe ich doch dein Bild verkauft, wir müssen es diesen Abend in der Höhe aufhängen, weil es dadurch ein besseres Ansehen gewinnt; morgen früh gehe ich nach dem Hause des Bürgers und hole ihn hierher, damit er dein Bild an günstigem Ort betrachte und du das Geld bekommst.“ — „O, Meister,“ rief Biagio, „wie wohl habt ihr getanI“ — lief nach der Werkstatt, befestigte sein Bild an einem ziemlich hohen Platz und ging von dannen. Unterdes verfertigte Sandro mit Jacopo, einem anderen seiner Schüler, acht Mützen aus Papier, in der Form, wie sie die florentinischen Bürger zu tragen pflegten, und befestigte sie mit weißem Wachs auf den Häuptern der acht Engel, die in jenem runden Bilde die Madonna umgaben. Der Morgen kam, mit ihm Biagio in Begleitung des Bürgers, welcher die Malerei gekauft (hatte und um den Scherz wußte; sie traten in die Werkstatt, Biagio wendete seine Augen nach oben und erblickte seine Madonna, nicht mehr im Kreise der Engel tronend, sondern inmitten florentinischer Senatoren, mit jenen seltsamen Kapuzen. Schon wollte er anfangen zu schelten und sich bei dem Käufer entschuldigen; er merkte jedoch, daß jener nichts erwähnte, ja das Bild sehr lobte, und schwieg deshalb still, ging mit dem Bürger nach dessen Wohnung zurück, erhielt die Bezahlung der sechs Gulden, wie mit seinem Meister ausgemacht war, und kehrte nach der Werkstatt zurück. Unterdes hatten Sandro und Jacopo die Papiermützen weggenommen; nun erschienen ihm seine Engel wieder als Engelgestalten, und nicht als bemützte Bürger; er staunte, wußte nicht, was er Vorbringen sollte, und sprach endlich zu Sandro: „Meister, ich weiß nicht, ob ich träume oder wache; als ich vorhin kam, hatten diese Engel rote Mützen auf, und jetzt ist nichts davon zu sehen; wie geht das zu?“ — „Du bist nicht recht bei Tröste, Biagio,“ antwortete Sandro, „das Geld hat dir den Kopf verrückt, glaubst du, wenn dem so wäre, würde der Bürger noch dein Werk gekauft haben?“ — „Daß er nichts darüber sagte,“ entgegnete Biagio, „ist freilich wahr, bei allem dem scheint es mir ein seltsam Ding.“ — Bald standen alle die anderen Malerjungen um ihn her, und redeten so lange, bis er endlich selbst glaubte, es sei eine Einbildung gewesen.

Sandro wohnte einstmals neben einem Tuchweber, der wohl acht Stühle aufgerichtet hatte; waren diese alle im Gang, so entstand durch das Treten der Arbeiter und das Zurückschlagen der Aufzüge ein Geräusch, welches nicht nur den armen Sandro fast taub machte, sondern auch das ganze Haus, das nicht mehr allzu fest und stark war, in solchem Maß erschütterte, daß er aus dem einen, wie aus dem anderen Grunde wederarbeiten, noch in seiner Wohnung aushalten konnte. Mehrmals bat er den Nachbar, er solle dieser Beschwerde ein Ende machen, jener aber entgegnete: er wolle und könne in seinem Hause tun, was ihm gefalle. Hierüber aufgebracht, ließ Sandro auf seine Mauer, die höher als jene des Nachbarn und nicht sehr stark gebaut war, im Gleichgewicht einen großen, mehr als eineFuhre schweren Stein legen, welcher bei der schwächsten Bewegung der Mauer zu fallen und Dach, Gebälk, Gewebe und Arbeiter des Nachbars zu zerschmettern drohte. Erschreckt durch die Gefahr, kam dieser voll Hast zu Sandro, mußte jedoch als Antwort seine eigene Rede vernehmen: er könne und wolle in seinem Hause tun, was ihm gefalle. Ein anderer Bescheid war nicht zu erlangen, und es blieb dem Weber nichts übrig, als zu billigem Vergleich zu schreiten und mit Sandro gute Nachbarschaft zu halten. Sandro, sagt man, hatte eine große Liebe zu allen, die sich im Studium der Kunst eifrig zeigten; auch verdiente er ziemlich viel Geld; weil er jedoch schlecht wirtschäftete, gingdurch seine Unachtsamkeit alles zugrunde. Endlich alt, zur Arbeit untauglich und so unbehilflich geworden, daß er mit zwei Stöcken gehen mußte, starb er im achtundsiebzigsten Jahre, nachdem er länger schon krank und elend gewesen war, und wurde 1515 in Ognissanti zu Florenz begraben.

Sandro zeichnete überaus schön und sehr viel, deshalb suchten die Künstler, welche nach ihm kamen, lange Zeit sich Zeichnungen von seiner Hand zu verschaffen, und wir besitzen in unserer Sammlung einige, die mit viel Übung und Einsicht gearbeitet sind. Er war in seinen Kompositionen reich an Gestalten; dieses bezeugen die Stickereien am Schmuck des Kreuzes, welches die Mönche von Santa Maria Novella bei Prozessionen umhertragen und die ganz nach seiner Zeichnung gearbeitet sind. Kurz dieser Künstler verdient großes Lob wegen alles dessen, was er mit Fleiß vollführte wie es bei dem Bilde der drei Könige in Santa Maria Novella der Fall war; dies ist bewundernswert, und nicht mim deres Lob verdient ein kleines rundes Bild von seiner Hand im Zimmer des Priors der Angeli zu Florenz, mit einer Menge kleiner, aber äußerst anmutiger Gestalten, die sehr zierlich gemalt sind.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo

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