Kategorie: Sebastiano del Piombo


SOVIEL gewichtige Stimmen hatte selten ein Künstler für seinen Ruhm aufzuweisen, wie Sebastiano del Piombo: Michelangelo und Tizian, Ariost und Aretino, die päpstlichen Medici haben seine Werke über alles gelobt, und wenn die Geschichte ihm Unrecht that und manche seiner schönsten Bilder anderen grösseren zuschrieb, so gereicht ihm auch das zum Ruhm, mit Giorgione und Raffael verwechselt zu sein.

Sebastianos Biographie erzählt weniger von dem, was er geleistet hat — Leben war diesem lustigsten unter allen Malerfrates der Renaissance nicht gleichbedeutend mit Arbeit — als was er erlebte, schaun und hören durfte, „wovon er selbst ein Teil“. Durch die zwei führenden Schulen ist er gegangen: die venezianische und die römische, beider Kräfte suchte er in sich zu vereinigen, und am Leben der Grössten dort und hier hat er Anteil, gebend und empfangend, als Freund und Gegner. Sein Leben spiegelt die Pracht der Hochrenaissance, die hohen Gestalten der Künstler und Gönner, die grossen und kleinen Leidenschaften, die in dieser verwirrend vielköpfigen Schar bedeutender Menschen Strömungen und Unterströmungen trieben.

Sebastiano Luciani ist um 1485 zu Venedig geboren. Er hatte gerade seine Ausbildung bei Bellini, dem grossen Meister der ganzen jüngeren Generation vollendet, als Giorgione’s Madonnen und seine Fresken am neuerbauten Kaufhaus der Deutschen das Jahrzehnte lange Mühen um Licht und Luft und schönes Sein wie mit einem Schlage zu erfüllen schienen: unerhört frei gezeichnete, traumhaftschöne Gestalten und im weichen Spiel von Licht und Schatten eine Folge glühender Harmonien. Mit den grössten, mit Tizian, Palma und dem alten Bellini selbst that auch Sebastiano den Schritt in die neue Zeit.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Sebastiano del Piombo

Geboren zu Venedig um 1458, Gestorben zu Rom 1547.
Venezianische Schule

In der Boydellschen Sammlung von Stichen nach den „hervorragendsten Gemälden in England“ ist 1779 in London als ein Werk des Raphael „Die heilige Dorothea“ in der Galerie des Herzogs von Marlborough in Blenheim veröffentlicht, welche von dort vor zwanzig Jahren für die Berliner Galerie erworben wurde. Freilich nicht mehr als ein Werk des „göttlichen Urbinaten“, aber als eines der hervorragendsten Gemälde eines Künstlers, der ihm in rein malerischen Qualitäten mindestens gleichsteht: Sebastiano del Piombo. In Bienheim galt das Bild als Porträt der Fomarina, der Geliebten Raphaels. Aber seitdem man den Namen Raphael für den Maler des Bildes hat fallen lassen, ist auch die Benennung der Dargestellten aufgegeben. Hat sie doch mit den Porträts der berühmten Bäckerstochter, wie sie uns in den Bildnissen des Palazzo Barberini, des Palazzo Pitti und der Strassburger Galerie erhalten sind, nur die grossen, edlen Formen der römischen Frauen und ihre Tracht gemein. Als Heilige hat sie der Künstler nur durch das Fruchtkörbchen, auf das sie die Linke legt, charakterisiert, fast unmerklich, soll das Bild doch vielmehr das Idealbild einer schönen Italienerin sein, deren Name Dorothea durch die Anbringung des Körbchens versteckt angedeutet wird. Solche ideale Frauenbilder hatte Giorgione in die Kunst eingeführt; aus Tizians früherer Zeit und namentlich von Palma sind sie uns in grösserer Zahl erhalten. Sebastiano brachte sie nach Rom, als er um das Jahr 1511 von Venedig dorthin übersiedelte. Die tiefen, leuchtenden Farben, ihre feine koloristische Tönung, die stimmungsvolle landschaftliche Feme solcher Bilder des Giorgione-Schülers übten auf die Römer eine ausserordentliche Wirkung. Selbst ein Meister wie Raphael konnte sich ihr nicht entziehen, und der unzugängliche Michelangelo wurde dadurch mit dem jungen Venezianer befreundet; in den grossen Formen dieses herrlichen Bildes verrät sich schon der Einfluss des gewaltigen Florentiners.

Sebastiano del Piombo

Geboren um 1485 zu Venedig. Gestorben 1547 zu Rom.

ebastians frühester Beruf war, wie viele versichern, nicht die Malerei, sondern die Musik, indem er sich nicht allein mit Gesang, sondern mit dem Spiel verschiedener Instrumente, vornehmlich der Laute, ergötzte, auf welchem Instrumente man ohne andere Begleitung alles ausführen kann. Diese Geschicklichkeit machte ihn den Vornehmen Venedigs einige Zeit sehr angenehm, und er hatte als Künstler mit ihnen stets vertrauten Umgang. Da ihm aber schon in früher Jugend die Lust ankam, die Malerei zu üben, lernte er die ersten Anfangsgründe bei dem damals schon sehr hochbetagten Giovan Bellini. Da geschah es, daß Giorgione da Castel Franco die neue, im Kolorit sehr harmonische und feurige Weise nach Venedig brachte, und Sebastiano trennte sich von Giovanni, ging zu Giorgione in die Schule und blieb lange genug bei ihm, um seine Manier großenteils anzunehmen. So malte er denn in Venedig einige sehr ähnliche Bildnisse nach der Natur, darunter das des Franzosen Verdelotto, eines trefflichen Musikers, damals Kapellmeister in San Marco. In dem selben Bilde stellte er dessen Gefährten, den Sänger Ubretto, dar; Verdelotto aber nahm es mit nach Florenz, als er dort Kapellmeister von S. Giovanni wurde, und es befindet sich heutigen Tages im Hause des Bildhauers Francesco Sangallo. Zu der selben Zeit malte Sebastiano in S. Giovanni Crisostomo zu Venedig eine Tafel mit einigen Figuren, so sehr in Giorgiones Manier, daß viele, welche nicht volle Sachkenntnis besitzen, es für eine Arbeit dieses Meisters halten; es ist ein schönes, mit vieler Rundung in den Farben modeb liertes Werk.

Der Ruf Sebastianos verbreitete sich dadurch, und Agostini Chigi aus Siena, ein reicher Kaufmann, der in Venedig viele Geschäfte machte, vernahm zu Rom sein Lob und suchte ihn dahinzuziehen, zumal es ihm besonders gefiel, daß er außer der Malerei die Kunst des Lautenspielens verstand und sich in der Unterhaltung anmutig und gefällig zeigte. Es hielt nicht schwer, Bastiano für die Reise nach Rom zu bestimmen; er wußte, wie sehr es als eine gemeinsame Vaterstadt allen schönen Geistern stets förderlich war, und ging mehr als gern dahin. Von Agostino sogleich mit Arbeit versehen, malte er in seinem Auftrag vorerst die kleinen Bogen oberhalb der Loggia des Gartens in dem Palast in Trastevere, woselbst Baldassare von Siena die ganze Wölbung verziert hatte. In diesen Bogen stellte Sebastiano allerlei Phantasien in seiner von Venedig mit herübergebrachten Manier dar, die von der der damaligen vorzüglichen Maler sehr verschieden war. Außerdem mußte er auf Verlangen Agostinos an dem selben Ort neben Raffaels Galathea einen Polyphemus in Fresko malen, in welchem er aus Wetteifer mit Baldassare von Siena und Raffael, der Erfolg bleibe dahingestellt, sich selbst zu übertreffen suchte. Er malte auch einiges in Öl, wovon man in Rom viel hielt, da er von Giorgione eine gewisse verschmolzene Art der Malerei gelernt hatte. Während er diese Arbeiten förderte, gewann Raffael solchen Ruf in der Malerei, daß seine Freunde und Anhänger behaupteten, seine Bilder wären mehr nach den Regeln der Kunst ausgeführt, als diejenigen des Michelagnolo, anmutig im Kolorit, in der Erfindung schön, im Ausdruck der Gesichtszüge lieblich und in der Zeichnung charakteristisch; die Gemälde Michelagnolos hingegen hätten mit Ausnahme der Zeichnung keinen jener Vorzüge, und Raffael sei deshalb in der Malerei, wenn nicht trefflicher, doch mindestens Michelagnolo gleich und im Kolorit ihm auf jeden Fall vorzuziehen. Diese Ansichten waren unter vielen Künstlern verbreitet, welche der Anmut Raffaels mehr huldigten als der Tiefe Michelagnolos, und sie zeigten sich aus verschiedenen Rücksichten in ihrem Urteil dem Raffael günstiger als dem Michelagnolo. Nicht so Sebastiano. Mit klarer Einsicht erkannte er die Vorzüge eines jeden. Dadurch wandte das Herz Michelagnolos sich ihm zu, sein Kolorit und die Anmut seiner Bilder gefielen ihm wohl, und er nahm ihn in Schutz mit dem besonderen Gedanken, daß er, wenn er nur dem Sebastiano im Zeichnen Hilfe leistete, so, ohne selbst etwas in der Sache zu tun, diejenigen, welche die obige Meinung hatten, niederschlagen und, hinter einem Dritten versteckt, zeigen würde, wer von ihnen der Bessere sei. Währenddessen und während die an sich wirklich schönen und rühmenswerten Arbeiten Sebastianos durch das Lob Michelagnolos ins Unendliche erhoben wurden, ließ ein Herr aus Viterbo, ich weiß nicht wer, ein Günstling des Papstes, von Sebastiano für eine von ihm in S. Francesco zu Viterbo errichtete Kapelle eine Tafel mit einem toten Christus und der Madonna malen, die ihn beweint. Der Künstler vollendete sie mit vielem Fleiß und brachte darauf eine Landschaft im Dämmerlicht an, Erfindung und Karton dieses Werkes jedoch stammten von Michelagnolo, es galt allen, die es sahen, für sehr vorzüglich, erwarb Sebastiano vielen Ruhm und bestätigte die Meinung derer, welche ihn begünstigten.

In der Zeit, wo Raffael für den Kardinal von Medici das Bild von der Verklärung malte, welches nach Frankreich geschickt werden sollte, nach seinem Tode aber auf dem Hauptaltar von S. Pietro in Montorio aufgestellt wurde, begann Sebastiano, fast im Wetteifer mit Raffael, eine Tafel der selben Größe: eine Auferweckung des Lazarus, der vier Tage im Grabe gelegen. Sie war mit großem Fleiß gemalt, in einigen Teilen nach der Zeichnung und Anordnung Michelagnolos. Beide Bilder wurden zum Vergleich öffentlich im Konsistorium ausgestellt und das eine wie das andere sehr gerühmt, denn übertraf auch dieses Gemälde Raffaels durch höchste Anmut und Schönheit jedes andere, so fanden doch auch die Mühen Sebastianos bei jedermann ehrenvolle Anerkennung. Das eine sandte der Kardinal Giulio von Medici nach seinem Bischofsitz zu Narbonne in Frankreich, das andere stand in der Kanzlei, bis es mit dem Rahmen von Giovan Barile nach S. Pietro in Montorio kam. Sebastiano, der durch dieses Werk dem Kardinal einen großen Dienst erwiesen, verdiente später während dessen Papsttum reichen Lohn von ihm zu empfangen.

Bald nachher, da Raffael nicht mehr lebte, wurde dem Sebastiano durch Begünstigung Michelagnolos der erste Platz in der Malerei von jedermann zugestanden, und Giulio Romano, Giovan Francesco aus Florenz, Perino del Vaga, Polidoro, Maturino, Baldassare aus Siena und alle übrigen mußten ihm nachstehen. Als daher Agostino Chigi nach Anordnung Raffaels die Kapelle mit seinem Grabmal in Santa Maria del Popolo errichten ließ, ward Sebastiano beauftragt, sie auszumalen. Die Verkleidung wurde aufgerichtet, und alles blieb verdeckt, ohne daß man etwas zu sehen bekam, bis zum Jahre 1554, da dann Luigi, der Sohn Agostinos, gedachte, was dem Vater nicht gelungen war, wolle er erreichen und das Werk zum Schluß gebracht sehen. Er ließ deshalb Tafel und Kapelle von Francesco Salviati malen, und dieser brachte sie in kurzem zu einer Vollendung, welche die Saumseligkeit und Unentschlossenheit Sebastianos ihr nie hatte geben können, denn es war von ihm wenig daran getan, ob auch Agostino und seine Erben ihm weit mehr zahlten, als sie schuldig gewesen wären, wenn er sein Wort gelöst hätte; er aber tat es nicht, sei’s, von den Anstrengungen der Kunst ermüdet, oder zu sehr in die Gemächlichkeiten und Freuden des Lebens versenkt. Gleiche Versäumnis ließ er sich gegen Herrn Kammerclericus Filippo aus Siena zu schulden kommen, in dessen Auftrag er über dem Hauptaltar der Kirche della Pace zu Rom ein Ölbild begann, ohne es je zu vollenden. Die Mönche, dadurch zur Verzweiflung gebracht, mußten das Gerüst fortnehmen, welches sie beim Gebrauch der Kirche hinderte, das Bild mit Leinwand verhängen und in Geduld warten, so lange Sebastiano lebte. Nach seinem Tode deckten sie das Werk auf, und man erkannte, was vollendet war, als eine sehr schöne Arbeit. Unter anderen sind bei der Madonna, welche die heilige Elisabeth besucht, viele Frauen sehr lebendig und schön nach der Natur gezeichnet, man sieht indes auch hier, daß Sebastiano in allem, was er tat, große Mühe aufwenden mußte und nichts von jener Leichtigkeit hervorbrachte, wodurch Talent und Studium bisweilen den belohnen, welcher sich unausgesetzt übt. Einen Beweis für diese Ansicht findet man in der selben Kirche della Pace in der Kapelle Agostino Chigis; Raffael hatte dort die Sybillen und Propheten gemalt; diese zu übertreffen, wollte Sebastiano in einer Nische darunter etwas auf die Mauer ausführen, er ließ sie deshalb mit Peperino verkleiden und die Fugen mit gebranntem Stucko ausfüllen, brachte jedoch so lange Zeit mit Überlegungen hin, daß er sie nur gemauert ließ, denn nachdem sie zehn Jahre also gestanden, starb er.

Leicht war es dagegen, von Sebastiano ein Bildnis nach der Natur zu erhalten. Sie wurden ihm nicht schwer, und er vollendete sie schnell, während mit historischen Bildern und anderen Gestalten das Gegenteil der Fall war. In der Tat ist Porträtmalen sein eigentlicher Beruf gewesen; dieses erkennt man an dem Bildnis von Marcantonio Colonna, einem so wohl ausgeführten Werke, daß es wie lebend erscheint, und an den Bildern von Ferdinando Marchese von Pescara und der Signora Vittoria Colonna, welche beide gleich schön sind. Er malte Hadrian VI., als er nach Rom kam, und den Kardinal Nincofort, welcher wünschte, Sebastiano möge ihm eine Kapelle in Santa Maria dell Anima zu Rom verzieren, Sebastiano hielt ihn jedoch von einem Tag zum anderen hin, und der Kardinal übertrug sie endlich seinem Landsmann, dem Flamen Michele, der dort in Fresko Begebenheiten aus dem Leben der heiligen Barbara darstellte und dabei unsere italienische Manier sehr gut nachahmte; auf der Altartafel aber brachte er das Bildnis des Kardinals an.

Nachdem der Kardinal Giulio von Medici als Ciemens VII. zum Papst erwählt worden, ließ er Sebastiano durch den Bischof von Vasona sagen: die Zeit, ihm Gutes zu erweisen, sei gekommen, er werde sie nicht nutzlos verstreichen lassen. In Hoffnung darauf malte Sebastiano, der im Bildnis vor allen sich hervortat, viele derselben nach der Natur, darunter das von Clemens, welcher damals keinen Bart trug, und ein zweites wiederum von Seiner Heiligkeit; davon das eine der Bischof von Vasona erhielt, das andere weit größere, worin er sitzend bis zum Knie dargestellt ist, befindet sich zu Rom in Sebastianos Hause.

Unterdessen starb Mariano Fetti, Siegelbewahrer des Papstes; da gedachte Sebastiano der Versprechungen, welche der Bischof vonVasona, Hausmeister Sr. Heiligkeit, ihm gegeben hatte, und bewarb sich um das erledigte Amt. Dieselbe Stelle verlangte Giovanni von Udine; jedoch zahlte dem der Papst ein Gehalt von dreihundert Scudi. Mit dem Mönchskleid angetan, veränderte Sebastiano alsbald seinen Sinn, denn da er, ohne den Pinsel zu rühren, seine Wünsche befriedigen konnte, genoß er der Ruhe und erholte sich bei gemachlichem Einkommen von mühevollen Nächten und Tagen; hatte er hinwiederum einmal Arbeit, so machte er sich mit einer Leidenschaftlichkeit daran, als ob es zum Sterben ginge. Hieraus kann man erkennen, wie sehr unsere geringe menschliche Klugheit uns irre leitet welche oft, ja fast immer, das Gegenteil von dem wünscht, was uns frommt, die (mit dem toskanischen Sprichwort zu reden) sich ins Auge schlägt, wenn sie das Kreuz machen will. Es ist nämlich allgemeine Ansicht, daß Belohnungen und Ehren die Sterblichen zum Studium der Künste anfeuern, daß ihr Eifer und die Treue für ihren Beruf hingegen nachlasse, wenn sie sehen, daß die, welche die Macht dazu haben, Verdienste unbelohnt lassen. Deshalb tadeln sowohl die Alten wie die Neuen nach besten Kräften solche Fürsten, welche nicht Künste lern jeder Art emporhelfen und den redlich Strebenden nicht die verdiente Belohnung zukommen lassen. Wie wahr indes auch diese Ansicht in den meisten Fällen sei, so sehen wir doch auch bisweilen, daß die Freigebigkeit gerechter erhabener Fürsten eine entgegengesetzte Wirkung hervorbringt, denn viele schaffen in niederen mittelmäßigen Vermögensumständen der Welt mehr Nutzen, als in Größe und bei reichlichem Besitz. Dieses beweist die Großmut Clemens’ VII., welchem der Venezianer Sebastiano als ein trefflicher Maler diente, solange bis er ihn zu reich belohnt hatte, worauf er von einem eifrigen und fleißigen ein unachtsamer nachlässiger Arbeiter wurde, der, früherhin an Gütern arm, mit Raffael gewetteifert und sich unausgesetzt gemüht hatte, nun das Gegenteil tat, als er genug hatte, um zufrieden zu sein. So muß es wohl dem Urteil kluger Fürsten überlassen bleiben, wann, wen, in welcher Weise und nach welcher Regel sie Großmut gegen Künstler und andere vorzügliche Personen zu üben haben. Nachdem Sebastiano Frate del Piombo geworden war, malte er mit großer Mühe im Auftrag des Patriarchen von Aquileja einen Christus, der sein Kreuz trägt, in halber Figur auf Stein, ein sehr gerühmtes Werk, besonders Kopf und Hände, worin Sebastiano fürwahr trefflich gewesen ist. Bald nachher kam die Nichte des Papstes, die nachmalige und jetzt noch lebende Königin von Frankreich, nach Rom. Fra Sebastiano begann ihr Bildnis, es blieb jedoch unvollendet in der Garderobe Sr. Heiligkeit, und da kurz darnach der Kardinal Hippolyt von Medici in die Signora Giulio Gonzaga verliebt war, welche sich damals zu Fondi aufhielt, sandte er Sebastiano mit vier leichten Pferden dorthin, sie zu malen, und im Verlauf eines Monates vollendete er dieses Bildnis, das durch die himmlische Schönheit der Signora und die geschickte Hand des Künstlers ein wahrhaft göttliches Werk wurde. Nach Rom gebracht, erwarb es ihm reiche Belohnung von dem Kardinal, der es mit Recht für weit besser achtete als irgendeines der früheren Gemälde Sebastianos; später erhielt es König Franz von Frankreich und ließ es zu Fontainebleau aufstellen.

Dieser Meister hatte eine neue Art erfunden, auf Stein zu malen, die den Leuten gefiel, weil es schien, als ob Malereien, denen weder durch Feuer noch durch Holzwürmer Gefahr drohe, ewige Dauer verliehen sei. Er begann deshalb auf solche Steine viele Bilder zu malen und umgab sie mit Verzierungen von anderen bunten Steinen, welche glänzend poliert zu schönem Schmuck dienten, obgleich wahr bleibt, daß diese Malereien, sowohl Figuren als Ornamente, wegen ihres zu großen Gewichtes sich nur mit größter Schwierigkeit bewegen und fortbringen lassen. Eine Menge Personen, von der Neuheit der Erfindung und dem Reiz der Kunst hingerissen, gaben ihm Handgeld, damit er Werke der Art für sie ausführte; Sebastiano aber, der lieber von diesen Dingen reden als daran arbeiten mochte, schob alles auf die lange Bank. Bei alledem malte er einen toten Christus und die Madonna auf Stein im Auftrag von Don Ferrante Gonzaga, der das Werk samt einer Steinverzierung nach Spanien schickte, wo es für sehr schön galt, und Sebastiano erhielt von dem Herrn Niccolo da Cortona, römischem Agenten des Kardinals von Mantua, fünfhundert Scudi dafür ausgezahlt. Hierin nun war Sebastiano zu loben; denn während Dominico, sein Landsmann, der zuerst in Öl auf der Mauer malte, Andre del Castagno, Antonio und Pietro Pollajuolo sich vergebens um eine Verfahrungsweise gemüht hatten, ihre Figuren vor dem Nachdunkeln und frühen Verbleichen zu schützen, machte Sebastiano die Entdeckung, wie man dies erreichen könne. Sein Christus an der Säule zu St. Pietro in Montorio hat sich durchaus nicht verändert, hat die selbe Frische und Farbe wie am ersten Tage, indem er bei diesen Dingen größte Sorgfalt übte, den rohen Bewurf der Mauer mit Mastix und Harz mischte, diese Masse im Feuer brennen, auf die Wand auftragen und dann mit einer im Feuer rot oder richtiger glühend gemachten Kelle glätten ließ; dadurch konnten seine Malereien der Feuchtigkeit widerstehen und sich in der Farbe unverändert erhalten. Mit der selben Mischung arbeitete er auf Peperinostein, Marmor, Porphyr wie sonstigen harten Platten, auf denen Malereien sich lange zu erhalten pflegen, und lehrte dadurch, wie man auf Silber, Kupfer, Blei und anderen Metallen malen könne.

Dieser Künstler fand soviel Vergnügen daran, zu grübeln und zu schwatzen, daß er sich dadurch Tage lang von der Arbeit abhalten ließ; ging er endlich ans Werk, so sah man, daß es ihm sehr schwer wurde, und dies mochte ihn wohl vornehmlich zu der Meinung veranlassen, seine Arbeiten könnten durch keinen Preis bezahlt werden. Für den Kardinal von Aragona malte er ein ausnehmend herrliches Bild von der heiligen Agatha, welche nackt an den Brüsten gemartert wird; es befindet sich gegenwärtig in der Garderobe des Herrn Guidobaldo, Herzogs von Urbino, und steht den dort befindlichen Bildern Raffaels,Tizians und anderer Meister nicht nach. Den Signor Pietro Gonzaga malte er in öl auf Stein nach der Natur — ein sehr schönes Bildnis, womit er sich jedoch drei ganze Jahre mühte.

Fra Sebastiano hatte sich nahe der Kirche del Popolo ein gutes Haus gebaut, welches er in großer Behaglichkeit bewohnte, ohne sich weiter um Malen und Arbeit zu kümmern, indem er oft sagte, es sei eine große Mühe, im Alter den Eifer zu mäßigen, zu welchem in der Jugend Verlangen nach Gewinn, Ehre und Lohn die Künstler treibt; nicht minder klug sei es, in Ruhe zu leben, als im Leben sich des Ruhmes wegen nach dem Tode zu sorgen, da doch auch diese Mühen und alle Werke endlich einmal der Vernichtung anheimfielen. Diesen Worten gemäß war sein Tun, denn er suchte immer die besten Weine und kostbarsten Gerichte auf seinen Tisch zu bekommen und hielt vom Leben mehr als von der Kunst. Als ein Freund aller ausgezeichneten Menschen lud er oft Molza und Herrn Gandolfo zum Essen, und bewirtete sie gut, auch hatte er vertrauten Umgang mit dem Florentiner Francesco Bemi, der ihm ein Gedicht schrieb, das Sebastiano mit einem anderen recht hübschen erwiderte, da er vermöge seiner alb gemeinen Bildung auch toskanische Verse zu fertigen und auf Scherze einzugehen verstand. Wurde er von einigen getadelt, und mußte er hören, daß es eine Schande sei, daß er jetzt, wo er zu leben habe, nicht mehr arbeiten möge, so antwortete er: „Da ich genug habe zu leben, will ich nichts arbeiten; heutigen Tages gibt es Leute, die in zwei Monaten machen, wozu ich zweier Jahre bedurfte, und lebe ich noch lange, so wird es nicht lange dauern, daß ich bald alles mögliche gemalt sehen werde; und da die anderen so viel machen, ist es ein Glück, daß es einen gibt, der nichts macht, und ihnen das mehrere zufällt.“ Solche und ähnliche Scherze brachte er hervor, weil er fröhlich und kurzweilig war, und sicherlich gab es nie einen besseren Gesellschafter, als Sebastiano. Michelagnolo hatte ihn sehr lieb, wie ich schon früher sagte, als er jedoch in der päpstlichen Kapelle die Wand mit dem Weltgericht malte, entstand zwischen ihnen einiger Streit; da Sebastiano den Papst beredet hatte, er solle es Michelagnolo in öl ausführen lassen, während jener es nur in Fresko arbeiten wollte; Michelagnolo sagte weder ja noch nein, die Wand wurde nach Vorschlag Pra Sebastianos zubereitet, und Michelagnolo ließ einige Monate verstreichen, ohne Hand ans Werk zu legen; endlich dazu aufgefordert, sprach er, daß er es nicht anders als in Fresko malen werde, Ölmalen sei eine Kunst für Weiber und für bequeme und faule Leute wie Sebastiano. So wurde der Bewurf des Frate heruntergeschlagen und alles zum Freskomalen eingerichtet, und Michelagnolo begann sein Bild, vergaß jedoch nie die Beleidigung, welche er durch Sebastiano erfahren zu haben meinte, und behielt einen Zorn auf ihn fast bis zu seinem Tode. Nachdem Sebastiano endlich so weit gekommen war, daß er weder arbeiten noch sonst etwas vornehmen mochte, als seinem Dienst als Frate und sonst gutem Leben obzuliegen, erkrankte er in seinem zweiundsechzigsten Jahre an einem bösartigen Fieber und bekam, weil er stark und vollblütig war, eine so heftige Entzündung, daß er nach wenigen Tagen seinen Geist aufgab. In seinem Testament hatte er verordnet, sein Körper solle ohne priesterliches Geleite und ohne Aufwand von Kerzen zu Grabe gebracht, das Geld aber, welches dies gekostet haben würde, zur Ehre Gottes an Arme verteilt werden. Dies geschah, und er wurde im Juli des Jahres 1547 in der Kirche del Popolo beigesetzt. Die Kunst verlor durch ihn nicht viel, denn einmal mit dem Mönchskleide angetan, konnte man ihn schon unter die Verlorenen zählen, ob auch um seiner angenehmen Gabe der Unterhaltung willen viele Freunde und Künste ler seinen Tod beklagten. Eine Menge junger Leute begaben sich zu verschiedenen Zeiten bei Sebastiano in die Schule, hatten indes keinen großen Gewinn davon, weil sie seinem Beispiel gemäß nicht viel mehr lernten, als zu leben.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo
Sandro Botticelli
Andrea del Verrocchio
Andrea Mantegna
Leonardo da Vinci
Giorgione da Castel Franco
Antonio da Correggio
Fra Bartolommeo di San Marco
Raffael von Urbino

Sebastiano del Piombo