1. Simon de Vlieger / Fischer an der See

Die freie Landschaft, in der die Staffage nur eine flüchtige Episode ist, entwickelte sich in Holland erst allmählich aus den mit Figuren gefüllten Bildern des Land- und Strandlebens. Als sich das Volk eine neue Kunst schuf, wollte es zunächst von sich seihst erzählen; auch konnte das kunstunerzogene Publikum der kleinen Geschichten auf den Schilderungen der Natur noch nicht entraten. So haben die frühen Seebilder, die des Aert Aertsen, Adriaen van de Venne, Adam Willaerts u. a. meist eine übergrosse Staffage, über der das Meer verschwindet. Nur wenige, wie Jan Porcellis, malten, vielleicht nur, weil sie ungeschickte Figurenzeichner waren, unscheinbare, fast figurenlose Seestücke, aber konnten das Fehlen des

Menschen noch nicht durch den Ausdruck grosser Stimmungen innerlich rechtfertigen.

Die ,»Fischer an der See“ werden traditionell Jan Porcellis zugeschrieben, können aber hei der Freiheit in der Wiedergabe der Figuren und der breiten Auffassung nur von dem ihm überlegenen und einer grösseren Zeit angehörenden Simon de Vlieger sein (man vergleiche die Figuren auf Radierungen und Gemälden, etwa auf den Bildern in Cassel und in der Sammlung Carstanjen zu Berlin). Dieser Künstler ist in seiner Bedeutung noch nicht genügend gewürdigt. Kaum einer der Seemaler ist so vielseitig wie er. Unter seinen Radierungen und Gemälden gibt es Dorfstrassen, halb im italienischen Geschmack, und Pferdetränken sowie mehrere Tierstudien, die denen Paul Potters verwandt sind, unter seinen Zeichnungen — abgesehen von einigen, die mit unserer übereinstimmen und gleichfalls unter dem Namen des Jan Porcellis gehen — besonders schöne Waldstudien, welche in Kohle auf blauem Papier mit weisser Höhung ausgeführt sind. In seinen älteren Seestücken gleicht de Vlieger noch den oben genannten Künstlern der Früh-zeit, aber später nahm er noch die Ideale der Remhrandtschen Epoche in sich auf. Einige Werke des Alters (aus den vierziger Jahren) haben trotz genauer Anlehnung an die Natur den Stil der grossen Zeit: ein heller, goldiger Luftton liegt über der von weissen Schaumkronen unterbrochenen Wasserfläche, und wenige Figuren wandeln festtäglich gekleidet am leuchtenden Strande hin. — Auch die Zeichnung geht in der fast unholländischen Komposition, in der die Figuren eng vom Rahmen umgrenzt sind, über die einfache Weise der älteren Generation hinaus und verrät in der starken Kontrastierung von Hell und Dunkel die Kenntnis des Remhrandtschen Stiles.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Simon de Vlieger