Für das Gesellschaftsleben und seine Ausstrahlungen ist Kairo in Ägypten, was Paris in Frankreich ist. Mit dem einen großen Unterschied allerdings, daß die Seinestadt bis heute, und sicher noch für lange, gewissen Kulturwünschen die letzte Erfüllung bedeutet und den Brennpunkt des ganzen Landes darstellt, während Kairo tatsächlich schon seit Jahren aufgehört hat, ein in sich geschlossener orientalischer Weltplatz von tiefgehenden Werten und starken volkstümlichen Reizen zu sein.

Ägyptens Hauptstadt ist eine große Enttäuschung. Der Fluch des Europäers lastet auf ihr. Nicht mehr hundert Jahre werden in dieses schöne Land gehen, und die alte Kalifenstadt hat gleichgültige europäische Manieren, hat mit der englischen Disziplin auch die englische Nüchternheit angenommen. Nicht lange nach der in Aussicht stehenden Eröffnung der vielumstrittenen Kap-Kairo-Bahn wird der eine Endpunkt dem andern gleichen, wird Kairo wie Kapstadt sein: ein schön gelegener internationaler Handelsplatz mehr, ein gut orientierter, korrekt verwalteter Kolonialbesitz. Volk und Volkstum sind hier unerbittlichem Untergang geweiht. Die Denkmäler kann man ja nicht ohne weiteres vernichten und will es auch nicht. Mit Vergnügungsreisenden lassen sich immer noch gute Geschäfte machen. Das bodenständige Leben aber wird man ausrotten, wie es unter der Fahne der sogenannten Zivilisation anderwärts schon ausgerottet ist. Wohin der Europäer auf seinen Geschäftszügen nur immer kommt, vernichtet er die Eigenart der Völker, Länder und Städte, ohne daß es ihm gelingt, etwas Neues und Originelles an ihre Stelle zu setzen. Nicht einmal das rein Europäische, dessen Wert, namentlich für fremde Erdteile, doch auch recht zweifelhaft ist. Er bringt immer nur das gerade für seine Zwecke praktisch Notwendige und erzeugt dadurch im ganzen etwas Rasseloses, Zwitterhaftes und Unausgesprochenes, das niemanden fesselt und begeistert — das leer ist, langweilig und nichtssagend.

Schon will die englische Aufsichtsbehörde in den ältesten Vicrteln und Winkeln Kairos ganze Häuserblocks niederlegen lassen und dadurch freie Plätze schaffen, was der Anfang vom schnellen Ende wäre — vom Ende des bunten orientalischen Tageslebens, das heute noch in den engen, hohen Gassen dieser Stadtteile dahinflutet und dem Besucher, für den Augenblick wenigstens, eine Ahnung aufdämmern läßt, wie sich hier die Menschen und Völker früher einmal gegeben, wie sie im alten Orient in lässiger Geschäftigkeit ihr Dasein verbracht haben: unter diesem Himmel und dieser Sonne ein farbiger Abglanz. Denn der Tag ist des Orientalen, ist vor allem auch des Ägypters Tummelplatz. Nur am Tage lebt er, mit sich selbst und mit den anderen. Wenn die Sonne untergeht, verläuft sich die Menge. Und sie geht hierzulande frühzeitig unter.

Ein Nachtleben hat man in Kairo nie gekannt und kennt es auch heute nicht. Wenigstens in den heimischen Vierteln. Die neueren Stadtteile wurden natürlich mit europäischen Gast- und Vergnügungsstätten überschwemmt, schon der vielen Fremden wegen. Der Ägypter selbst geht aber immer noch verhältnismäßig selten aus. Früher tat er es gar nicht. Erst die Europäer haben es ihn gelehrt. Am Tage pflegt er herumzubummeln, hier zu schwatzen und dort zu handeln, und sich nicht allzuviel um sein Haus zu kümmern. Der Abend aber gehört der Familie, gehört der Frau.

So hat sich denn in Ägypten keinerlei Unterhaltungskunst ausgebildet, von Erbauungskunst gar nicht zu reden, die dem Orientalen ja überhaupt nicht liegt und durch die bequemen und verheißungsvollen Übungen der mohammedanischen Religion mehr als hinreichend ersetzt wird. Wenigstens hat man von öffentlichen Zerstreuungen nie viel gehalten. Wenn der Sinn einmal nach Unterhaltungen stand, inszenierte man sie zu Hause: im Hof, für seine Freunde und Verwandten, oder meist im Harem, für sich selbst im Kreise der Frauen. Hier im kühlen Lieblingsraum der Wohnung haben die Gaukler und Schlangenbändiger ihre verblüffende Kunst gezeigt und reife Männer von Helden und Sagen berichtet — hier in den verschwiegenen Gemächern der Lust und Liebe die jüngeren Frauen verträumte Lieder gesungen, in schwülen Nächten die älteren ihre Märchen erzählt.

Heule ist das nun alles an die Öffentlichkeit gezerrt und seinem natürlichen Nährboden entzogen worden. Wenn es diese Dinge überhaupt noch gibt. Ganz plötzlich wollte man ein öffentliches Abend-und Nachtleben betreiben, ohne über die nötigen Mittel zu verfügen und die langen Stunden nach Sonnenuntergang ausfüllen zu können. Man setzte sich mit seinem angeborenen Stumpfsinn in die Cafes, rauchte dort in satter Beschaulichkeit die monströse Wasserpfeife und nahm ein geistloses Brettspiel vor. Oder baute große viereckige Säle und ließ sich dort etwas vortanzen und Vorsingen. In Varietes also, die zu Stätten ohnmächtigster Rasse- und Kulturlosigkeit werden mußten. Denn nicht nur, daß die Leute hier unfähig sind, die nötige Geschicklichkeit für allerlei öffentliche Darbietungen zu erlangen oder dem Überlieferten gar etwas Neues und Eigenes hinzuzufügen, sie haben auch das bißchen, was sie an Unterhaltungskunst besaßen, vollständig verkümmern oder verrohen lassen. Ohne jeden Drang zu zivilisatorischer oder gar kultureller Betätigung, hat der Ägypter längst aufgehört, am Fortschritt der Menschheit irgendwie und irgendwo mitzuarbeiten. Als Materialist sondergleichen fühlt er sich auf allen Gebieten künstlerischer, überhaupt geistiger Tätigkeit ganz und gar wunschlos. Er will nichts, weil er nichts entbehrt. Ein so furchtbarer Absturz von früher zu heute ist in der Weltgeschichte kaum sonst zu beobachten.

Zwar sprechen die sogenannten Gebildeten immer noch mit einem gewissen Stolz von ihrem arabischen Theater. Was sie so nennen, ist aber weder arabisch noch Theater. Allerdings gibt es einige reisende Truppen. Da die Ägypter selbst aber keinerlei dramatische Literatur besitzen, lassen sie europäische, vor allem französische Stücke in arabischer Sprache aufführen. Und zwar meist von Syriern. Bei der Strenggläubigkeit des Mohammedaners darf sich kein Ägypter und vor allem keine Ägypterin öffentlich zeigen. Und was unten im Parterre herumsitzt, sind erst recht keine reinen Araber, die doch einmal als Herrenvolk eine weltgeschichtliche Rolle gespielt haben, sondern Armenier, Griechen, Levantiner, sogenannte Spaniolen und Juden: alle mehr oder weniger rein, in einer mehr oder weniger geglückten Mischung, nicht zuletzt auch mit altägyptischem und arabischen Blut. Man kann also ermessen, wie sieh die schlechten Eigenschaften dieser, ohnehin nicht sonderlich begnadeten Völker im Charakter des modernen Ägypters ein Stelldichein geben und was die geistige und vor allem die künstlerische Kultur von diesen edlen Ge-wächsen und letzten Ablegern einstiger orientalischer Herrlichkeit zu erwarten hat. Das moderne Ägypten ist deshalb reif, eingeschluckt zu werden, wozu sich die Engländer ja schon seit längerm in der ihnen eigenen Bedächtigkeit und Zielsicherheit anschicken.

Wenn sich der Ägypter in Kairo amüsieren will, geht er also in eins der arabischen Varietes. Diese meist schmutzigen und auch sonst wenig anheimelnden Lokale sind aber ebenfalls weder arabisch noch Varietes. Das Singen und Tanzen wird von syrischen Jüdinnen besorgt. Weiter gibt es hier nichts. Der Ägypter hat gar keinen Sinn für Abwechslung. Im Gegenteil. Nichts fesselt ihn mehr, als wenn die Favoritin dort oben sein Lieblingslied drei- oder gar fünfmal wiederholt. Er wird sie jedesmal nur immer stärker beklatschen. Auch findet er gar nichts dabei, wenn eine und dieselbe Sängerin sich gleich stundenlang ohne Unterbrechung produziert. Und doch verstehen die meisten Zuhörer gar nicht einmal, was gesungen wird. Die Lieder sind größtenteils in Schriftarabisch abgefaßt, dem klassischen Dialekt aus dem sechsten Jahrhundert, der sich von der heutigen Umgangssprache etwa so unterscheidet, wie Provenealisch und Neufranzösisch. Das hindert den Ägypter aber nicht im mindesten, die Bravour des Vortrags und die Unerschöpflichkeit des Repertoires dadurch noch ganz besonders zu feiern, daß er zwölf Flaschen Bier auf die Bühne bringen und der Allverehrten vor die Füße stellen läßt. Und zwar entkorkt. Allerdings trinkt sie das Bier nicht aus und kredenzt es auch nicht den halbkreisförmig um sie herumsitzenden Musikern. Nachdem sie die Gabe mit huldvollem Lächeln quittiert hat, werden sämtliche Flaschen wieder zugekorkt, fortgetragen und hinten an der Bar verkauft. Die Hälfte des Erlöses bekommt die Sängerin, die andere Hälfte die Direktion. Es sind Gemütsmenschen, diese Ägypter. Selbst den Ausdruck zärtlichster Ergriffenheit setzen sie über den Umweg abgestandener Bierflaschen in bare Münze um. Und niemand findet etwas dabei. Auch der Spender selbst nicht.

Was hier in Ägypten auch immer unternommen wird, steigert sich sofort zu schnöder Gewinnsucht und schrankenloser Ausschweifung. Die Liedertexte leisten an erotischen Hinweisen das Unmöglichste. Man ist gewiß auch in Europa dieserhalb nicht immer sehr zurückhaltend. Was aber in Kairo an Eindeutigkeiten geboten wird, läßt sogar die Vortragspraxis gewisser Pariser Cafekonzerte noch um einiges hinter sich. Erst die letzten Entschleierungen stellen den Ägypter zufrieden, und zwar restlos. Andere Bedürfnisse hat er nicht. Anzügliche Lieder und anzügliche Tänze genügen ihm vollständig, so daß in einem arabischen Variete der berüchtigte Bauchtanz mit dem zu einer Art Laute vorgetragenen Couplet in ununterbrochener Folge abwechseln. Nur daß der sogenannte Es-samma, der Lärmmacher, ab und zu dazwischenschreit. Er hat während der Vorträge für Ruhe zu sorgen, das Zeichen zum Beifall zu geben und nachher die Zwischenpausen auszufüllen, indem er billige Witze ins Publikum wirft oder auch mit dem einen oder andern Zuhörer Wechselreden zu führen sucht, die natürlich auch sehr bald wieder ins Obszöne einmünden.

Augenblicklich gilt die Tanhida als die erste Sängerin und Tänzerin in Kairo: eine ziemlich fette syrische Jüdin mit ganz hübschem Gesicht und sogar etwas Stimme. Sie pflegt ein geschmackloses orientalisches Kostüm von wenig Eigenart zu tragen und sich über und über mit Schmuck zu behängen. Daß den Europäern die viel mit Dritteltönen arbeitenden Kompositionen nicht sonderlich angenehm sind — daß uns die monotone Vortragsweise und die halblaute näselnde Art der Tongebung nicht gefallen und die Angewohnheit, gegen Schluß des Liedes die Stimme plötzlich zu heben, komisch anmutet, will ja nicht viel besagen. Was die in einen sehr bequemen Polsterstuhl hineingesetzte dicke Dame in fünfviertelstündigem Turnus zum besten gibt, hat aber mit Kunst gar nichts zu tun. Und dasselbe gilt für den Bauchtanz. Wie man ihn hier vorführt wenigstens. Was so unverhüllt und absichtlich seine Zwecke bekundet, was also, ästhetisch gesprochen, so im rein Stofflichen befangen bleibt, muß jeden Anspruch auf Kunst verwirken, auch wenn man die der Aktion selbst zugrunde liegenden technischen Fertigkeiten und die Ausdauer und Verve einer primitiven Tanzlust anerkennen will. Die Ägypterin tanzt nicht nur ganz empfindungslos, sondern vor allem ohne jeden Charme und ohne Koketterie, ohne alle spielerischen Beigaben und ohne die tausend schillernden Nuancen des Werbens und Geworbensein-Wollens, ohne Maß, Takt und spezifisch weibliches Anstandsgefühl. Sie tanzt schlechterdings gemein. Sie stilisiert weder ihre Gefühle — die sie, wie gesagt, nur vortäuscht und nicht einmal hat — noch ihre Ausdrucksbewegungen. Was sie gibt, ist eine einzige priapische Gebärde. Und das ist widerlich. Ich spreche nicht von irgendeinem moralischen Standpunkt aus. Die Moral ist eine Sache völlig für sich. Ob man so etwas wie den Bauchtanz überhaupt ausführen soll, steht hier nicht in Frage. Mau tanzt ihn bei Millionenvölk’ern, was immerhin Veranlassung gibt, uns damit auseinanderzusetzen. Ich spreche lediglich vom Standpunkt des reifen Menschen aus, dem stofflich nichts fremd ist und sein darf •— der aber in allen öffentlichen Vorführungen neben einer allgemeinen Menschenwürde in erster Linie ästhetische Werte sucht. Und von diesem Standpunkt aus erscheint der Bauchtanz der Ägypter als eine Folge obszöner Gesten und stellt sich damit außerhalb jeder Kunstübung.

Vor diesen Leistungen ganz und gar unverfrorener Menschlichkeiten sitzen nun die bis auf den dunkelroten Tarbusch europäisch gekleideten und europäisch angekränkelten Effendis mit ihren glatten Gesichtern und dem melancholischen Phlegma, also nicht einmal mit allzuviel innerer Teilnahme und überschüssiger Genußfähigkeit. Sitzen und schlagen den Abend tot. Zwang- und dranglos. Weil es Mode geworden ist und zum bürgerlichen Leben gehört. Daß sich aber auch das gewöhnliche Volk nicht anders unterhält, könnte ich in Assuan beobachten, wo es mir mit Hilfe unseres Hotelportiers gelang, ein Eingeborenentheater anfzustöbern. Es war mitten im Negerviertel des Ortes aufgeschlagen und machte den Eindruck eines ganz kleinen deutschen Landzirkus. Nur daß natürlich alles schmutziger und zerlumpter war und der innere Ausbau und die ganze Aufmachung jeden Komfort vermissen ließ. Die Zuschauer gruppierten sich mehr auf- als nebeneinander zu ebener Erde um die kleine Arena herum. Wir selbst durften, als einzige Europäer, in einer der drei ganz wahllos in den Raum hineingebauten, nur auf Hühnerleitern ersteigbaren Logen Platz nehmen, von denen die zweite Seine Exzellenz der Herr Mudir, der höchste Beamte des Bezirks mit seiner Begleitung, und die dritte zwei Damen des Fischmarkts (wie die verrufenen Viertel in Ägypten heißen) innehatten. Das Ganze war ein Gemisch von Zirkus, Variete und Theater. Aber jedesmal aus den minderwertigsten Elementen dieser drei Arten von Schaukunst, wodurch das Programm allerdings etwas bunter, aber keinesfalls kurzweiliger wurde als in Kairo. Die einzelnen Nummern hatten wiederum eine solche Ausdehnung, daß man, noch dazu bei den schlechten Leistungen, immer wieder die Geduld verlor.

Der Abend begann mit Seiltänzerproduktionen, die aber nicht von einem einzigen, sondern gleich von vier Leuten hintereinander ausgeführt wurden. Immer dieselbe Nummer in immer derselben miserablen Weise. Kaum dachte man, die Springerei wäre endlich vorüber, so kam ein neuer Champion aus der Garderobe, wenn man den hinter unserer Loge befindlichen, durch einen zerfetzten Leinwandlappen abgetrennten Raum so nennen will. Und in diesem Stil ging es weiter. Trapezkünstler, Clownszenen, Parterreakrobaten, rhythmische Reigenspiele und kleine Theaterstücke folgten in schier unabsehbarer Reihe aufeinander, bis man das Ganze auch jetzt wieder von dem berüchtigten Bauchtanz krönen ließ.

Was man hier darbot, war also ebenfalls keine bodenständige Rassekunst von irgendwelcher Bedeutung, sondern nach allerschlechtesten europäischen Mustern dem Geschmack dieser blöden Menge angepaßte niedrigste Schauunterhaltung. Ich wartete immer auf den orientalischen Gaukler oder auf einen der berühmten arabischen Taschenspieler. Aber nichts davon kam. Dafür waren die Possenreißer öde und langweilig und gefielen sich in den faulsten Witzen und Situationen. Dennoch unterhielt sich das Volk ausgezeichnet Man wieherte vor Vergnügen, mitsamt Seiner Exzellenz dem Herrn Mudir. Nur die Damen des Fischmarktes langweilten sich, knabberten gedörrte Kerne und suchten Verbindung mit der Schauspielergarderobe, die bei der luftigen Bauart des Theaters nicht allzuschwer zu finden war.

Reizloseres als diesen Abend kann man nicht ausdenken. Ich möchte nur wissen, wo denn eigentlich alle die ägyptischen Berühmtheiten sind, von denen man zu Hause so Vieles und Schönes gelesen hat. Die Awälim, die Sängerinnen alter Volkslieder — die Qhawäzi, die Haremstänzerinnen — die Rifäiji, die geheimnisvollen Schlangenbeschwörer, und vor allem die Geschichtenerzähler: der Antäri und der Abu Zedi, die von den arabischen Nationalhelden Antär und Abu Zed so wundervolle Dinge zu berichten wußten, daß man Abend für Abend wiederkam, weil der Alte auf der Schwelle des Hofes oder des Kaffeehauses kein Ende finden konnte über alle die herrlichen Taten und Schicksale seiner Lieblinge — und vor allem die Zahiri, die von ez Zahir Beibars, einem Mameluckensultan aus dem dreizehnten Jahrhundert, wilde Mären kündeten, aus der Zeit, wo er die Mongolen in Syrien aufs Haupt schlug — die ihre Geschichten so lustig durch eigene komische Intermezzi zu würzen verstanden? Noch sollen einige da sein. Aber man sieht sie kaum. Die Leute verlangen nicht mehr nach ihnen. Sie wollen und können nicht mehr zuhören, wenigstens längst nicht mehr so wie früher, wo das ganze Cafe von Andächtigen gefüllt war und die letzten in weitem Halbkreis auf der Straße hocken mußten. Sie gehen lieber ins Kino, die heutigen Ägypter, und lassen sich ausrangierte Films mit europäischen, also zum Teil ganz unverständlichen Motiven herimterk’nr-beln. Auch Ägyptens Hauptstadt hat ein gutes Schock davon.

Vor allem soll es gar keine Märchenerzähler mehr geben, wie es in Ägypten keine Märchen mehr gibt. Zu hören nicht und nicht zu erleben. In dem Lande, das einmal eine Zeit kannte, wo der Fürst tausend Nächte hindurch der überströmenden Phantasie einer gehetzten Sklavin zu lauschen und alles darüber zu vergessen vermochte, auch Mord und Mordlust, ist der Khedive heute der erste Geschäftsmann und fährt im Automobil seine Pflanzungen und Fabriken ab. Nicht er, sondern ein englischer Lord hat zu sagen, was in Ägypten geschehen soll. Scheherezadens Mund ist verstummt für immer. In Europa macht man eine Prunkausgabe ihrer Märchen nach der andern, stellt sie in hohe Bücherschränke und findet wohl auch Zeit, eines Winterabends auf eine Stunde hineinzuschauen in die unbegreifliche Fülle ihrer Visionen, in die weiche Buntheit dieser versonnenen und verkjungenen Welt. Im Lande selbst weiß man nichts mehr davon, will man nichts mehr davon wissen. Man ist stumpf geworden, nüchtern und genügsam. Was der Fremde hier sieht, ist brüchig und schal, langweilig, öde und leer. Er fühlt sich betrogen um all das Seltsame und Geheimnisvolle, das man ihm vorgespiegelt hatte in den Legenden aus alten Tagen, in den phantastisch aufgeputzten Berichten der Forscher: um den Orient als geschlossenen Ausdruck einer zwar verklingenden, aber immer noch spürbaren Welt für sich, einer Menschheitsgenieinschaft von ganz eigentümlicher Prägung des innern und äußern Lebens — um den Orient mit seinen Verträumtheiten, in allen seinen Halbtönen, mit der sanften Feierlichkeit festlicher Sitten und dem dunklen Zauber schicksalvollverschwiegener Nächte, mit seiner Leidenschaft und nie rastenden Eifersucht, mit all der Tücke, mit Verrat und schneller Vergeltung.

Ob ich ihn überhaupt noch sehen werde, den alten Orient, oder doch ein Stück von ihm — ob er jemals war, gerade so war, wie er sich in unser Hirn und Herz eingehämmert hat — ob man nicht einem Phantom nachgejagt ist, das aus kunstvollen Überlieferungen seit frühester Jugend Gestalt geworden und dazu noch aus eigener beschwingter Phantasie immer wieder neue Nahrung zu ziehen wußte?

Spiele der Völker

Der Bantuneger Ostafrikas kennt keine ästhetischen Werte in unserm Sinne. Das Schöne läßt ihn gleichgültig, in der Natur und in der Kunst — in dem, was von sich aus geworden ist, und in dem, was der Mensch in unbezwingbarem Drang nach ästhetischen Genüssen für seine besonderen Zwecke ausgebildet hat.

Stumpfsinnig schlendert er durch die Welt der Erscheinungen: durch ihre Pracht und Größe, Vielheit und Mannigfaltigkeit, durch das unendliche Spiel ihrer Formen und Farben, durch alle die Ausströmungen jener begnadeten Gesetzmäßigkeit, die uns das Leben erst lebenswert macht.

Der Neger hat überhaupt nicht das Bedürfnis, in ein irgendwie höheres Verhältnis zu den Dingen außer sich zu treten, die Ausdruckswerte seiner Umgebung einzufangen und seelisch reflektieren zu lassen. Die Natur liefert ihm sein Essen und seine Frauen. Das allein ist ihm Lust genug. Daher seine maßlose Grausamkeit.

Weil ihn rein gar nichts auf dieser Welt packt und rührt, weil er nichts heilig hält und nichts anderes kennt als sein eigenes wichtiges Selbst und dessen nächstliegende Bedingungen. Daher auch seine Indolenz: diese nie zu erschütternde Gleichgültigkeit all dem Wollen, Wünschen und Hoffen gegenüber, das um ihn herum keimt und aufgehen möchte — das so oft Hilfe braucht und Anteilnahme, Zuspruch und gütigen Rat.

So ist ihm alles, was wir Kunst nennen, Hekuba. Wohl hat auch der Neger Temperament und Leidenschaft. Auch eine gewisse Lust an der Darstellung seines Körpers im Spiel der Glieder und Muskeln, eine Freude am Schmuck, an Buntheit und Pracht. Doch fehlt ihm jeder Sinn für das schöne Maß und die Fähigkeit, sich auf ein Gefühls- und Anschauungsproblem für eine gewisse Dauer, mit Fleiß und Anspannung aller Kräfte, festzulegen, fehlt ihm die Einsicht in die tieferen psychologischen Zusammenhänge menschlicher Regungen und vor allem jede Art intuitiven Schauens und Ergründens, fehlt ihm überhaupt der Begriff der Leistung: der aus sich gewordenen, letzten Endes zwecklosen künstlerischen Tat.

Der Neger ist ganz und gar ungenial.

Ein bedauernswertes Stiefkind des Höchsten. Er hat sich bei der Verteilung der Welt und ihrer Güter so spät aufgemacht, daß die Kunst schon vergeben war. Manche Neger sind gewiß schlau und gewitzigt und um Mittel und Wege zur Erlangung ihres Vorteils so leicht nicht verlegen. Auch kluge soll es geben. Ein Genie aber hat man noch nicht unter ihnen gefunden. Nach keiner Richtung hin. Vor allem nach der künstlerischen nicht. Der Neger hat nie eine Kunst gehabt und wird nie eine haben. Er besitzt keine Phantasie, wenigstens keine produktive, und kennt keine Ideale: keine Betätigung an sich, ohne deutliche Beziehungen zu den Ansprüchen des Tages, kein Aufgehen des innern Menschen in beglückende Selbstlosigkeit.- Ihm mangelt der Sinn für das Verhältnismäßige und für die Zurückführung der einzelnen Erscheinungsform auf ihren einfachsten und schlagendsten Ausdruck. Bei ihm ist alles wild, unbändig: un- und urmäßig.

Was den Neger treibt, ist eine ausgesprochene Lust am Spiel: am kind’schen Spiel. Er tanzt. Und tanzt gern. Solange Kräfte und Nächte reichen. Hier ist er ungebunden, frei. Die möglichst unablässige Bewegung des Körpers in allen seinen Gliedern vermittelt ihm die nötigen Lustgefühle. Das ist alles. Er hat die erste Stufe zur Anschauungskunst noch nicht überschritten. Der Neger weiß im Grunde nichts von Schaustellungen zur Lust anderer, sondern nur von Körperbetätigungen zur eigenen Lust. Die um den Tanzkreis Gescharten sehen ausschließlich zu, wie sich die anderen aufregen — das erotische Moment ist fast all dieser Übungen letzter Sinn — oder wie sic sonst in einfacher Weise ihre Unterhaltung finden. Auch bei den wildesten Kriegstänzen stehen die Zuschauer dumpf und stumpf dabei. Irgendeine Handlung, wenn auch noch so einfacher Art, vor anderen und für diese anderen, wenn auch in noch so primitiver Weise, abzuspielen: etwas derartiges kennen sie nicht. Genrehafte Tanzstücke ist das Höchste, was sie fertiggebracht haben. Die Neger sind ein Volk ohne Theater.

Der Negertanz ist vor allem Ausdruck und erst in zweiter Linie Unterhaltung: Spiel, Zeitvertreib, Festakt. Und zwar nicht künstlerischer Ausdruck, sondern Ausdruck überschüssiger Lebens- und Körperkräfte. Der Neger gehört auf dieser Welt bekanntlich zu den ganz Faulen. Die Pflanzer wissen in den Kolonien ein Lied davon zu singen. Und selbst jeder Durchreisende kann sich leicht davon überzeugen. Nie sah ich4 Menschen mit einer so ausgeprägten Wollust irgendwo herumliegen, wie feiernde Neger. Wenn sie ihre Kontrollkarte von dreißig Tagen abgearbeitet haben, müssen sie mindestens eine Woche lang ausruhen. Anders tun sie es nicht. So findet man in den Negerdörfern bei hellichtem Tage starke, ausgewachsene Männer in gottgewolltem Stumpfsinn zu Dutzenden auf ihren Matten hocken.

Der Neger wird jeder irgendwie geregelten Beschäftigung leicht überdrüssig. Nur der des Tanzens nicht. Wenn die Dorfpolizei nicht um zwölf Uhr Schluß machen ließe, würde er damit bis zum frühen Morgen fortfahren. Mit einer Kraft- und Nervenvergeudung, die ins Fessellose geht. Neger, deren ganzes Sinnen bei der Arbeit, auf einem Neubau etwa, darauf gerichtet ist, einen Stein weniger aufzuladen oder den Wassereimer nur dreiviertel voll zu nehmen, tanzen zehn Stunden und mehr ununterbrochen. Auf dem großen Volksfest am Geburtstag unserer Kaiserin, dem ich meine wesentlichsten Eindrücke verdanke — ich sah hier dreiundzwanzig verschiedene Tänze und Tanzspiele von sechzehn verschiedenen Stämmen — war ein besonders charakteristisch herausgeputzter und deshalb leicht kenntlicher Mann, der bereits um vier Uhr nachmittags seine Sprünge gemacht hatte, in der Nacht um halb zwölf Uhr immer noch an der Arbeit. Schließlich fiel er aber doch um und blieb bewußtlos liegen, ohne daß die anderen im geringsten Notiz davon nahmen. Allerdings für wenige Minuten nur. Dann sprang er wieder auf und von neuem in den Kreis der anderen hinein. So wild wie zuvor. Als ob er frisch aufgefüllt hätte. Und bei einer Hochzeitsfeier der Suaheli in Tanga, der ich durch einen glücklichen Zufall in der Hütte des Brautvaters beiwohnen konnte — allerdings erst, nachdem ich einen meiner silbernen Manschettenknöpfe dem rechten Nasenflügel der jungen Frau gestiftet hatte — wurden zwei Mädchen kurz nacheinander ohnmächtig. Ihre Augen quollen aus dem Kopfe, der ganze Körper verfiel in ein konvulsivisches Zucken, und die Arme hingen schlaff an den Schultern. Wenn der Brautvater sie nicht aufgefangen hätte, wären sie im nächsten Augenblick umgestürzt. So legte er sie wie ein Stück Holz in eine Ecke. Alles ohne die geringste Aufregung. Der Tanz ging ruhig weiter. Die Umstehenden hatten kaum darauf geachtet. Auch hier dauerte es nicht lange, und die eben noch Ohnmächtigen waren wieder mit in der ersten Reihe dabei.

Der Hauptzweck der Negertänze geht offenbar auf das Erzielen des Tanzrausches als intensivstes aller mephistophelischen Stimu-Iantien hinaus: auf das Eingehen in mehr oder weniger nachhaltige romantisch-erotische Dämmerzustände als wirksamstes und verläßlichstes Mittel zur Befreiung von den Miseren des Lebens. Der Tanzrausch ist, wenigstens in der Art und Intensität, wie ihn der Neger betreibt, die stärkste unter all den dämonischen Künsten, die der Mensch von sich aus freiwillig zu erzielen vermag, und übertrifft nach dem, was man hier in Afrika sehen kann, bei weitem den Alkoholrausch und die anderen Tröster der Menschheit. Jede Rasse hat ein eigenes Bedürfnis nach Glück und sucht es in ihrer Weise zu befriedigen: ihren Anlagen, Begabungen und Instinkten gemäß. Der Neger findet seine höchste und letzte Befriedigung im Tanz. Weil er ihm die größte Lust gewährt: schrankenloseste Befreiung von allen Fesseln. Das Unzulängliche fällt hier von ihm ab, das Unbegreifliche wird Ereignis. Beim Tanzen, und nur beim Tanzen, ist der Neger wahrhaft glücklich.

Eins allerdings hat der Neger, was ihm doch wohl als künstlerische Teilbegabung angerechnet werden muß: ein starkes rhythmisches Gefühl. Hier könnte manches europäische Orchester und vor allem mancher deutsche Chorverein von ihm lernen. Nicht nur, daß sie ihre Ngomas — wie die Negertrommeln heißen, die dann auch den Tänzen selbst den Sammelnamen gegeben haben — außerordentlich rhythmisch schlagen, in einer gleichbleibend zupackenden, unerhört präzisen Art, die geradezu aufregend wirkt und für Europäer nerven nicht lange zu ertragen ist, die Leute tanzen auch alle rhythmisch durchaus korrekt und bis zum letzten Atemzuge mit höchst vitaler Kraft und Hingabe. Dabei sind die rhythmischen Verhältnisse oft sehr verwickelt. Der Tanz liegt nicht immer nur über einer einzigen Taktart, sondern ist manchmal so zusammengesetzt, daß Schritte aus verschiedenen Taktarten miteinander abwechseln. Dazu werden dann noch ganze Takte und vor allem auch Teile von Takten durch Pausen ausgefüllt, was die Sache noch mehr kompliziert, so daß man in den meisten Fällen auch bei angestrengtester Aufmerksamkeit den kombinierten Tanz-Rhythmus der einzelnen Ngoma nicht genau festzustellen vermag, um so weniger, als bei einem solchen Volkstreiben, wie es in Daressalam mit besonderer Bravour viele Stunden lang andauerte, stets fünfzehn bis zwanzig Ngoma-Orchester gleichzeitig ertönten. Von dem Lärm kann man sich keinen Begriff machen, auch von dem Nervenverbrauch nicht, der notwendig war, um in diesem Trubel und bei dieser Hitze noch Material für ästhetische Untersuchungen zu sammeln.

Der Organismus der Negertänze wird dann bei einzelnen Ngomas dadurch noch besonders verwickelt, daß Musikanten oder Musikantengruppen im selben Orchester manchmal in verschiedenem Takt schlagen. So konnte ich einmal deutlich heraushören, wie drei verschiedene Tanzrhythmen Übereinanderlagen. Der eine bearbeitete mit zwei Holzschlägeln ein greilklingendes Blech in einem höchst aufregenden, wahnsinnig rasch genommenen Zweivierteitakt, ein anderer die große, an einem Mangobaum befestigte Haupt-Ngoma im Dreivierteltakt, und zwar in der Wiener Art mit den kürzer betonten beiden letzten Vierteln, während man auf zwei kleineren Ngomas zum Überfluß noch den genauen Tanzrhythmus markierte und damit die Ausführenden in ihren sehr komplizierten Tanzschritten unterstützte. Daß diese Art von Musizieren den meisten europäischen Ohren wie ein Chaos anmutet, ist nicht zu verwundern. Doch werden die einzelnen Rhythmen immerhin so tadellos ausgeführt, daß sich ein gut durchgebildetes musikalisches Gefühl mit der Zeit doch in diese Art des Über-Rhythmisierens hineinlebt und dabei gewisse Reize verspürt.

Bei den Negern tanzen die Männer und Frauen zumeist getrennt. Selten nur schließen sie sich zu gemeinsamer Übung zusammen. Dem Neger liegt so etwas im allgemeinen nicht. Er wirbt um keine Frau, bemüht sich nicht einmal sonderlich darum. Das Weib, das er haben will, kauft er. Ohne jede Gefühlsverschwendung. So bleibt er auch beim Tanzen lieber unter sich und läßt die Frauen ebenfalls allein.

Übrigens pflegt der Neger bei seinen Ngomas durchweg zu singen. Nicht sonderlich laut und in näselnder Tonfärbung, so daß die Stimmen im Lärm der Trommeln so ziemlich untergehen. Reine Instrumentalmusik kennen die Neger im allgemeinen ebensowenig wie Gesang ohne Instrumentalbegleitung. Nur ein einziges Mal, bei einer Kriegs-Ngoma der Leute aus Szongea, tanzte man zu einem reinen Chorliede. Allerdings hatte der Vortänzer Schellen an den Füßen, auch klatschten die umstehenden Frauen den Takt mit den Händen, was sonst nicht oft vorkommt. Meist stehen die Zuschauer, wie gesagt, recht indolent dabei.

Die Texte der Ngomagesänge haben vielfach ihren festen Wortlaut und gehen auf jahrhundertelangen Brauch zurück. Sie sind inhaltlich von großer Naivität und formal ungemein einfach, lassen also verhältnismäßig wenig dichterische Begabung erkennen. Oft wird aber auch für den einzelnen Zweck improvisiert, wobei es manche Vortänzer zu einer großen Fertigkeit bringen sollen, was ihnen dann jedesmal eine gewisse Popularität einträgt. Insofern haben manche dieser Negertänze etwas von der alten europäischen Stcgreifkomödie.

Als wir zu den Wangoni-Leuten herantraten, die sich gerade zu ihrer Jgamba-Ngoma anschickten, machte der Anführer sofort ein Spottlied auf uns, dessen Refrain die anderen dann mit besonderm Vergnügen nachsangen. Sie sollen sich darüber aufgehalten haben, daß wir von ihren Tänzen ja doch nichts verstünden. Und das ist zweifellos richtig. In das letzte Wesen seiner festlichen Amüsements können wir ebensowenig eindringen, wie wir des Negers letzte Menschlichkeiten erschöpfend zu ergründen wissen.

Auch die nebenan tanzenden Wasseramos dichteten uns an. Aber weniger boshaft. Sie ließen ihre Sokore-Ngoma von einem eigenartigen Instrument in Form eines gerippten und gespaltenen Bambusstückes begleiten, das mit einem Stäbchen gekratzt wurde und einen Höllenlärm machte. Da sie unser Interesse merkten, machten sie eine Tanzpause und reichten uns das Ding her. Als sie dann wieder anfingen, besangen sie diese erschütternde Tatsache und gaben ihrer Freude Ausdruck, daß uns ihr eigenartiges, von keinem andern Stamm benutztes Reibholz so gut gefallen hätte.

Sehr lustig war übrigens das Improvisationsthema, das die bei den Europäern dienenden Suaheli-Boys ihrer Ngoma zugrunde gelegt hatten. Sie versicherten unermüdlich, daß sie „von den Herren wieder Prügel bekämen, wenn sie einen neuen Aufstand machen würden“ — eine Erkenntnis, die allerdings recht nahe liegt, den Sängern aber doch ein hinreichendes Bewußtsein der einschlägigen Verhältnisse bezeugt.

Unter den zur Begleitung der Negertänze verwendeten Instrumenten spielen also die Schlaginstrumente weitaus die Hauptrolle. Der Neger macht seine Trommeln aus Baumstämmen von verschiedenem Umfang, die er aushöhlt und an einer Seite mit Fell überzieht. Die ganz großen werden irgendwo aufgehängt und stehend mit festen Knüppeln geschlagen, die mittleren und kleinen entweder sitzend mit hochgezogenen Beinen unter die Kniekehlen geschoben oder kniend vor sich auf den Boden gestellt und beide Male mit den Händen bearbeitet. Man stimmt sie durch Erwärmen der Felle am Strohfeuer oder durch Bestreichen mit flackernden Feuerbränden, wodurch die in den einzelnen Orchestern verwendeten Ngomas — es sind mindestens zwei und selten mehr als sechs — verschiedene Tonhöhen erhalten. Dazu bläst vielfach ein einzelner noch ein oboenartiges Instrument mit talergroßem Mundstück, vom Klange eines Dudelsacks. Und zwar stundenlang, indem er von Zeit zu Zeit seine Backen fast bis zum Platzen voll Luft zieht, aus diesem Vorrat dann jedesmal eine ganze Weile das Blasrohr speist und gleichzeitig sehr kunstvoll durch die Nase atmet. Was er auf diese Weise von sich gibt, ist mit seinen merkwürdigen Intervallen und der Steine erweichenden Monotonie bei stets gleichbleibender Intensität des Tons für europäische Ohren meist noch weniger zu ertragen als das ohrenbetäubende Trommeln.

Neben diesen allgemein üblichen haben die einzelnen Stämme dann oft noch ihre besonderen Instrumente. Außer den Reibhölzern der Wasserainos fielen mir bei einer Wadigo-Ngoma eine Art von Okarina, bei den Teufelstänzen der Manyemas ein richtiges Xylophon und bei den Wabungas mit kleinen Sternchen gefüllte Blechdosen auf, die die tanzenden Frauen zum Rhythmus zweier Ngomas an Stielen taktmäßig hin und her schwangen.

Da der Neger eine große Vorliebe für Schmuck, Putz und Tand hat, kann es nicht wundernehmen, daß er sich für seine Feste ganz besonders auffallend, meist ohne Sinn und Maß herrichtet und namentlich im Anzug überaus bunt und grell ausstaffiert, so daß viele seiner Tänze für uns etwas ungemein Komisches haben. Aber nur für uns. Denn er selbst meint das alles sehr ernst. Wirklicher liarlekinaden, das heißt absichtlich komisch angelegter Ngomas wüßte ich mich nicht zu erinnern.

Am reichsten schmücken sich natürlich die Frauen. Nicht nur, daß sie zum Fest in ihren schönsten und farbenfreudigsten Tüchern erscheinen, ihre komplizierten Frisuren mit besonderer Sorgfalt behandeln, die buntesten Pflöcke in die Ohrmuscheln und das blitzendste Knöpfchen in den rechten Nasenflügel treiben und sich allerlei Kreise auf Stirn und Backen malen, sie ziehen auch hellfarbige Höschen an, die nach Biedermeierart bis auf die Knöchel reichen und mit ihren langen Rüschen kokett unter dem Leibtuch hervorlugen, und behängen Hals und Hüften über und über mit Ketten von Glasperlen, Steinen, Muscheln oder was sonst einer Negerin Herz zu erfreuen vermag. Aber auch die Männer tun an solchen Tagen ein übriges. Gern eignen sie sich ganz wahllos irgendeinen alten europäischen Gegenstand an, um ihr tägliches Negerkleid damit zu heben. So arbeiteten die Matunibe-Leiite mit nackten Oberkörpern, an denen eine Unmasse schwerer Glasketten auf und ab tanzten. Ihre ganze Kleidung bestand aus schreiend bunten Stoffetzen, die sie sich um die Hüften gewickelt hatten. Dazu trug der eine mitten auf dem Kopf einen langen europäischen Toilettenkamm im Wollhaar, der andere hatte einen schmutzigen grauen Filzhut, der dritte gar einen Gigerlstrohhut mit ganz schmalem Rand übergestülpt, ein vierter eine große schwarze Brille aufgesetzt und was dergleichen Lächerlichkeiten mehr waren.

Ein besonderer Verkleidungsaufwand wird natürlich bei den ausgesprochenen Phantasietänzen getrieben, mit denen sich unter anderen die Wasscramo-Leute belustigten. Schon den Tanzplatz hatten sie mit phantastisch zurechtgemachten Stockpuppen eingezäunt. Die Tänzer selbst boten dann mit ihrem monströsen Kopfputz, in dem sich Perlen, Hahnenfedern, allerlei grelle Lappen, zinnerne Löffel und dergleichen Zeug mehr zu einem wahren Bau auftürmten, mit dem flatternden, ebenfalls bunt bemalten Brustschurz und den dicken Wülsten voll rasselnder Steine an den Beinen einen geradezu grotesken Anblick.

Das Tollste aber leisteten die Manyema-Weiber in ihren beiden Teufelstänzen: der Kumba-Ngoma und der Kisonge-Ngoma. Jene tanzten die älteren und ganz ungewöhnlich dicken, diese die jüngeren, schlankeren und beweglicheren Frauen. Alle waren hier weiß angestrichen. Der Schwarze stellt sich den Teufel weiß vor. Wahrscheinlich im Gegensatz zu seiner eigenen Hautfarbe und nicht, wie manche glauben, weil ihm die weiße Rasse als besonders teuflisch erscheint. Natürlich sollte auch bei den Manyemas der Teufel durch Beelzebub ausgetrieben werden. Der Teufel ist ja nur gegen die ihm verfallenen Menschen frech. Vor seinesgleichen fürchtet er sich und kneift aus. Deshalb der herausfordernde Kopfbau unserer Manyema-Weiber: dieser Wust von bunten Federn auf alten, kiepenförmigen Strohhüten oder auf richtigen Kölner Karnevalsmützen. Manche hatten ganze Hähne auf dem Kopf und mächtige Federkragen um die Schultern. An den Hüften klapperten breite Muschelgürtel und an den Fußgelenken kastaniettenartige Rasseln. Dazu gab es die tollsten Sprünge und schlangenartig vom Kopf über die Brust nach unten verlaufende erotische Tanzbewegungen zu einem haarsträubenden Lärm besonders vieler, besonders großer Ngomas. Und das viele Stunden lang. Man könnte schon verstehen, daß der Teufel vor diesem Apparat entfesselter Scheußlichkeiten die nötige Angst bekam.

Da der Neger im allgemeinen keine andere Belustigung kennt als den Tanz, hat er sein ganzes Feiertagsleben gleichsam mit Tänzen durchsetzt und für die verschiedenen Zwecke und Gelegenheiten verschiedene Arten von Tänzen durchgebildet, die sich zwar meist recht ähnlich zu sehen scheinen, bei näherer Betrachtung aber doch in der Anlage und Durchführung, vor allem im Tanzcharakter voneinander abweichen. Ich konnte im großen und ganzen drei Arten unterscheiden: die Kriegs- und Festtänze, wozu auch alle Huldigungstänze gehören — die Unterhaltungstänze, vom harmlosen Gedrehe bis zu ausgesprochen erotischen An- und Abregungstänzen — und die Gesellschaftsspiele in Tanzform.

Von Kriegstänzen sah ich auf unserm Volksfest keine sehr ausgeprägten Beispiele. Es lag ja auch nahe, für den friedlichen Charakter einer Huldigungsfeier die im heimatlichen Kral bei anderen Gelegenheiten so beliebte Gattung nicht in besondenn Maße heranzuziehen. Die Wangoni-Neger gaben zwar recht lebhafte militärische Exerzitien zum besten, deren Gesangstext sich mit dem letzten Aufstand beschäftigte. Doch schwangen die Leute statt ihrer Speere und Bogen nur Spazierstöcke und überließen es allein ihrem Vortänzer, mit dem gefährlichen Kiri, einer Art Wurfkeule, den Rhythmus zu markieren und dem Ganzen etwas Wildheit zu verleihen.

Auch die Freiheits-Ngoma der Makonde-Neger mit ihren sehr komplizierten Schritten und cakewalkartigen Körperbewegungen verlief nicht gerade aufregend. Glücklicherweise versicherten sie uns immerfort singend, daß sie früher Sklaven gewesen und jetzt freigelassen worden wären. Niemand hätte sonst in diesem korrekten Tanz einen Freiheitshymnus vermutet.

Da ging es bei der Msoma-Ngoma schon erregter zu, die die Wayaho-Leute zu Ehren ihres Dorfältesten, des sogenannten Jumben, ausführten. Dem Geschrei des aus Männern und Frauen in buntestem Durcheinander bestehenden Kreises und den aus der Hockesteliung angesetzten wilden Sprüngen nach zu schließen, muß dieser Jumbe ein vortrefflicher Mann sein, was übrigens auch aus der unermüdlichen Gesangs-Improvisation zu seinen Gunsten hervorging.

Viel reichhaltiger und interessanter waren die eigentlichen Unterhaltungs- und vor allein die Gesellschaftstänze. Sehr hübsch wirkten am frühen Nachmittag einige verhältnismäßig dezent und ungemein exakt getanzte Frauen-Ngomas. Zanzibar-Alädchen hatten einen Kreis gebildet und jedesmal mit dem linken Arm der Nachbarin Schulter umfaßt. Zu groß angelegten Körperbewegungen schwangen sie beim Hochschnellen des Rumpfes bunte Zebraschwänze in der Rechten. Sehr graziös, sehr rhythmisch und mit wohltuender, ein wenig verhaltener Ruhe. Eine andere Frauengruppe desselben Stammes war zu drei Reihen hintereinander angetreten und bewegte sich, auch wieder in gelassenem Schreiten, mit ganz leichten Bauchbewegungen unter dem Klang von tamburinartigen Ngomas vor- und rückwärts. Sie sangen dazu von ihrem Arzt, der sie gesund machen soll, wenn sie einmal krank werden, und den sie dann reichlich dafür belohnen wollen. Die schöne, gepflegte Ngoma machte mit ihren komplizierten, sehr kleinen Schritten in minutiösester Ausführung einen ungemein sympathischen Eindruck. Die Tänzerinnen waren so bei der Sache, daß sie fortgesetzt auf ihre Füße heruntersahen.

Längst nicht so harmlos wie bei den Zanzibar-Mädchen ging es bei den Waganda-Frauen zu. Sie tanzten reinste Erotik. Während ein junges Mädchen zwischen zwei Reihen von Frauen platt auf dem Rücken lag und mit unglaublicher Ausdauer ihre Schlangenbewegungen ausführte, schoben sich die anderen in nicht mißzuverstehender Weise aufeinander zu und wieder zurück. Da man aber bei aller Eindeutigkeit des Themas das rein Tanzmäßige stark betonte und einen durchaus exakten Rhythmus hielt, wirkte das Ganze nicht einmal so unanständig.

Allerdings war die gemischte Ngoma der Wadengerenk’os um vieles dezenter. Hier tanzte jedesmal ein Solopaar eine richtige Werbetour. Der Mann immer hinter der Frau her, ohne sie zu berühren: bald um sie herum, vor ihr durch, dann ihr wieder nach. Sie mit der brennenden Zigarette im Mund und- auf dem Rücken gekreuzten Händen, sehr gelassen, sehr skeptisch, mit versteinertem Gesicht — er mit einem koketten Stückchen, erregter und fanatischer. Da sie kühl blieb, wechselte man fortwährend die Männer, ohne daß Spiel und Tanz unterbrochen wurden.

Diese Ngoma stellt immerhin schon den Übergang zu den eigentlichen Gesellschaftsspielen dar. Ebenso wie die Ngoma-Kilima der Suaheli, die das Besteigen eines Berges nachahmen will. Hier wird zunächst mit ganz langsamen Schritten reihenweise vorgerückt. Dann hat man eine wegsamere Strecke zu passieren, auf der es schneller weitergeht, bis man wieder auf schwierigeres Gelände stößt und in ein langsames Tempo verfallen muß, und so fort in stetem Wechsel.

Ein richtiges Gesellschaftsspiel tanzten erst die Wadigos mit ihrer Tinge-Ngoma. In einem Halbkreis von klatschenden Leuten steht ein einzelner. Was soviel heißen soll, daß er in einem Hause .wohnt. Nun tritt ein anderer von außen zu ihm heran. Was soviel heißen soll, daß der Besitzer des Hauses Besuch bekommt, den er aber nicht ohne weiteres hineinläßt. Der Wirt gibt ihm vielmehr nach dem Takt des Klatschens verschiedene Fußstellungen vor, die der Besucher sofort nachmachen muß. Nur wenn er hier eine Zeitlang einwandfrei zu bestehen weiß, darf er ins Haus treten und die Stelle des Wirts einnehmen, womit das Spiel dann von neuem beginnt.

Schließlich wurden sogar hin und wieder Geschichten getanzt. Auf der schon erwähnten Hochzeits-Ngoma in Tanga führte man die Pflichten der jungen Frau und das ganze Leben der Ehegatten tanzend vor. In stundenlangen Touren. Und Zanzibar-Frauen stellten in Daressalam eine besonders hübsche Geschichte dar. Eine Palme wächst auf dem steilen Abhang eines Hügels, an dessen Fuß sich ein See befindet. Da die Wurzel mit der Zeit zum See hinausgewachsen ist und der Baum umzustürzen droht, muß man sie wieder im Berg verankern. Der Tanz wird jetzt so ausgeführt, daß sich zwei Reihen von Frauen langsam mit wagerecht vorgehaltenen Stöcken aufeinander zu bewegen und bei der betreffenden Stelle ihres Gesangs die Stöcke, die also Baumwurzeln vorstellen sollen, nach der einen Seite zu eindrehen. Hier ist der Tanz zur Pantomime geworden und damit die Stufe erreicht, die im Laufe der Jahrhunderte in Indien zu einer vollendeten Kunstübung ausgebaut und weitergeführt wurde. Der Neger selbst sollte bis heute nicht darüber hinausgelangen.

Text aus dem Buch: Spiele der Völker, Eindrücke und Studien auf einer Weltfahrt nach Afrika und Ostasien, Author Hagemann, Carl.

Spiele der Völker