Schichtung eines Geschlechts

Augsburgs Geschichte ruht in den Zeiten der Reichsstadt auf den Schultern seiner großen Familien, der Berufsfamilien der Zünfte wie jener der ihrer Mute entsprossenen oder im Widerstreit mit diesen aufgestiegenen Geschlechter. Zu beiden Gattungen, zu den Zünften und zu den berühmten Einzelgängern, zählen die Fugger. Sie lassen sich in keinen Typ einfangen und erscheinen doch typisch für das Werden und Sich-Formen großer Häuser, vor allem haben sie das historische Profil Augsburgs in einzigartiger Weise geprägt.

Seit 1367, knapp vor dem Sturz des aristokratischen Regiments, in der Stadt ansässig, schwangen sich die Nachkommen jenes Hans Fugger, der aus dem Lechfelddorf Graben zuwanderte, binnen eines Jahrhunderts in die Spitzengruppe der Großvermögen auf. Angeborene und ererbte, durch Generationen gezüchtete Tüchtigkeit, verbunden mit guten, erheirateten’Beziehungen zu führenden Familien der Weber, Kaufleute und Goldschmiede, schenkten ihnen solchen Erfolg. Jedoch er reihte sie noch nicht in jene kleinste Gruppe ein, deren Glanz den europäischen Ruf der Lechstadt begründete und deren Handelszeichen von Spanien bis Kleinasien, von Skandinavien bis Nordafrika, vornehmlich aber an den Brennpunkten großer Wirtschaft, wie zu Venedig, Brügge oder Iwangorod, mit scheuer Bewunderung betrachtet wurden.

In der Geschichte der Fugger läßt sich von keiner eigentlichen Gründergeneration sprechen. Sie besteht in keiner der beiden nach ihren Wappenbildem unterschiedenen Linien der „Fugger vom Reh“ und der „Fugger von der Lilie“. Jene Folge früher Generationen, die vom Tage der Einwanderung an bis zur Verleihung dieser Ehrenbriefe Kaiser Friedrichs III. hin, also bis zur Befestigung der Firma in der öffentlichen Finanz dauert, stellt vielmehr ein geschlossenes Ganzes dar, so reich es durch mannigfache Persönlichkeiten in sich gegliedert erscheint. Es ist das übrigens bezeichnenderweise beinahe die einzige Epoche, in der die Fugger nach zünftischen oder kommunalen Ämtern, nach Führung innerhalb der Stadt und nicht in erster Linie über die Stadt hinaus, mindestens in bestimmten Vertretern, strebten. Aber selbst diese Individualitäten vermögen darüber nicht hinwegzutäuschen, daß sie bloß historisches Detail, gleichsam Anekdote im Gesamtroman ihres Hauses sind, der sich in weit umfassendere Kapitel ordnet. Nicht aus wenigen Generationen — den meist üblichen: der Erwerber, Ererber und Verderber, sondern aus einer Anzahl von Generationsgruppen, die iihresteils gefügte Einheiten darstellen, ist das Geschick dieses einzigartigen Hauses genealogisch und soziologisch, politisch und wirt schaff lieh, geistig und kulturell aufgebaut.

Die erste dieser Schichten, vom Beginn des vierzehnten bis zur Neige des fünfzehnten Jahrhunderts reichend, vollbrachte die Übersiedelung aus dem bäuerlichen Milieu schwäbischer Heimweber an die Augsburger Reichsstraße und damit in ein Zentrum europäischen Handels sowie internationalen Verkehrs. Es blieb von wegweisender Bedeutung, wenn folgende Generationen nicht mehr draußen auf dem Lande, sondern zwischen städtischen Warenlagern, Verkaufsständen und Rechenpulten heranwuchsen. Durch ihre frühe Jugend dröhnen bereits das Poltern und Ächzen hochbeladener Kaufmannswagen.

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Stadt Augsburg

Konnte Nürnberg um das Jahr 1500 als Hauptstadt der deutschen Kunst gelten, so ist Augsburg in den beiden Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende an die vorderste Stelle des wirtschaftlichen und gesellschaftlich repräsentativen Lebens gerückt. Hand in Hand damit entfaltete sich hier eine un-gemein tätige und breite Initiative in allen Bezirken der Wissenschaft und Kunst. Wenn in anderen deutschen Städten Humanismus und Renaissance als Bildungsgesetz wirkten, so ist es in Augsburg eine Art von Lebensgefühl, das Geist und Form, Gestalt und Substanz der neuen Zeit mit atmenden Organen aufnimmt.

Der Übergang hat sich hier leichter, aber doch nicht ohne Kämpfe und Vorbehalte vollzogen. Wenn man überhaupt von einer Stadt der deutschen Renaissance sprechen will, kann — neben Basel — nur Augsburg diese Kennzeichnung beanspruchen; und es ist. naturgemäß von grundlegender Bedeutung, daß Holbein, der größte Meister der deutschen Renaissance, gerade in dieser Stadt — vermutlich Ende 1497, vielleicht auch erst Anfang 1498 — geboren wurde und aufwuchs. Wie die Welt des reisenden Mannes in Basel ihre geistige Prägung empfing, so die des Knaben und Jünglings durch das Erlebnis des weltaufgeschlossenen, großbürgerlichen Augsburg.

Seit Konradins Zeit ist Augsburg Freie Reichsstadt, und der Übergang zu den neuen ständischen Ordnungen hat sich hier ohne schwere Konflikte vollzogen.

1368 erhielten die Zünfte Zutritt zum Stadtregiment und erlangten in diesem bald ein maßgebendes Übergewicht; doch beließ man den Patriziern Vorrechte in der Besetzung von Ämtern und bei der Durchführung diplomatischer Missionen. Der Gegensatz von Bischofs- -und Bürgerstadt blieb freilich bis zur Reformation bestehen und führte zu häufigen Kämpfen.

Im ganzen war das Regiment der Zünfte, d. i. der Handwerker, zwar fortschrittfreundlich, aber allen radikalen Neuerungen abgeneigt; was seinen Grund in der starken Bindung der Stadt an die Person des Kaisers, besonders diejenige Maximilians, dann aber auch in dem nicht so sehr in Satzungen als in dem Gewicht der finanziellen Macht verankerten Einfluß der großen Handelsgeschlechter und Wirtschaftsführer, voran der Fugger, Welser, Baumgartner, Rem, Imhof, Gossenbrot, Herwart, Manlich, Zink, Kraft und Herbrot hat.

Die die Fernpässe Tirols und des Engadins beherrschende Stadt wurde um 1500 der größte Umschlagsplatz des Handels Süddeutschlands mit Italien und dem Orient, sie war eine Hauptstätte der Leincn-und Baumwollindustrie. Das Haus der Welser entfaltete seine Initiative im Ostindienhandel mit Spezereien und Gewürzen, das der Fugger, voran sein großartigster Repräsentant, Jakob der Reiche (1459 bis 1525), im Bergwerkbau und Erzhandel, besonders in Silber und Kupfer.

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