Erste Periode. (1263—1482.)

Beginn der Münsterfassade. — Spaltung der Bürgerschaft. — Ausbildung der Zünfte. — Ihr Eintritt in die Stadtregierung. — Allmähliche Festigung der Verhältnisse. — Die Stadtverwaltung seit 1482. — Aeussere Geschichte. — Kulturgeschichtliches. — Zur Münsterbaugeschichte. — Die Bauhütte. — Sonstige Bauthätigkeit in Strassburg. – Plastik. — Erweiterungen und Befestigungen. —Aeusserer Anblick der Stadt. — Bevölkerung. — Gewerbe und Handel. — Rheinschifffahrt und Rheinbrücke. — Buchdruckerkunst.

Was für ein Hochgefühl die Bürger nach der Abschüttelung der bischöflichen Herrschaft durchdrang, lässt sich am besten daraus erkennen, dass sie in diesen Jahren den Entschluss fassten, den Münsterbau durch eine grossartige Fassade abzusehliessen. Aber die freudige Einmüthigkeit dauerte nicht lange; denn bald begannen die verschiedenen Elemente der Bürgerschaft, die bis dahin durch die gemeinschaftliche Gegnerschaft gegen den Bischof zusammengehalten worden waren, sich zu scheiden. Es zeigte sich, dass die eigentlichen Führer der Opposition, die Ministerialen, die die Handwerker zum Kampfe fortgerissen und mit ihrer Hilfe gesiegt hatten, jetzt durchaus nicht gewillt waren, dieselben am Stadtregiment theilnehmen zu lassen. Die allmählich zur Vollfreiheit emporgestiegenen Handwerker ihrerseits, durch Fleiss und Tüchtigkeit zu Wohlstand und Bildung gelangt, durch ihren Antheil am Kampfe ihrer Kraft bewusst geworden, hatten nicht Lust, sich länger wie Unmündige regieren zu lassem um so weniger, als die Geschlechter ihren ererbten Einfluss in der schmählichsten Weise missbrauchten.

Daher sind die nächsten zwei Jahrhunderte durch das Ringen der Handwerker nach Antheil in der Stadtverwaltung, die sog. Zunfkämpfe, ausgefüllt, deren Ergebniss eine Verfassung war, die mehr als dreihundert Jahre gedauert hat. Waren die Handwerker zu markt- und gewerbepolizeilichen Zwecken schon längst geeinigt, so erhielten sie seit 1263 auch magistri aus ihren eigenen Kreisen. Aus dem Recht der einzelnen Handwerke auf Gerichtsbarkeit in ihren speciellen Gewerbesachen ist langsam der geschlossene Zunftverband hervorgewachsen. Da im Mittelalter jedes Gericht aber zugleich politischer Berathungskörper war, so bekamen auch die Zünfte neben dem gewerblichen und gerichtlichen einen politischen Charakter. Im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts werden durch sie alle öffentlichen Dienste und Steuern in ihrem Bereiche umgelegt. Die Schöffen, welche aus ihnen zu den Zunftgerichten herangezogen werden, erhalten allmählich den Rang einer festen Institution; ihre Zahl fixirt sich auf im ganzen 300, fünfzehn aus jeder der zwanzig Zünfte.

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Stadt Strassburg

Dritte Periode (1592—1681).

Das Jahrhundert des grossen Kriegs.

Charakteristik des Jahrhunderts. — Der bischöfliche Krieg. — Der dreissigjährige Krieg. — Uebergang Strassburgs an Frankreich. — Daniel Specklin. — Befestigungsarbeiten. — Kunst und Kunstgewerbe. — Litteratur.

Die Zeit von 1592—1681 ist für Strassburg dadurch charakterisirt, dass es allmählich in den Machtbereich des französischen Staates hineingezogen wird, der seine Kreise um das alte Bollwerk deutscher Nation immer enger und enger zieht, um schliesslich die langersehnte Beute einzuheimsen. Zwei gewaltige Mächte standen sich gegenüber: das habsburgische Haus mit seinem Streben nach einer die Welt umspannenden Herrschaft, die es nicht ohne Vernichtung des Protestantismus erreichen zu können glaubte, und das französische Königthum, das, im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zu höchster Macht im Innern aufgestiegen, soeben im Begriff war, die die Reichseinheit schädigende hugenottische Bewegung abzustossen oder unschädlich zu machen, beide Mächte durch und durch katholisch, jene fanatisch und bestrebt, alle Zwecke auf einmal zu erreichen, diese weitblickend und sicher, ihre Früchte reifen zu sehen. Zwischen diese beiden gewaltigen Kolosse gestellt, wurde Strassburgs Selbstständigkeit erdrückt; willenlos fiel es dem Geschickteren zur Beute.

Im Jahre 1583 hatte Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg versucht, das Kurfürstenthum Köln dem Augsburger Religionsfrieden zuwider für den Protestantismus zu gewinnen; sonst häufig gezwungen, die Reformation in Bisthümern zu dulden, griff hier die kaiserliche Macht energisch ein, da es sich um den Bestand der katholischen Majorität im Kurfürstenkollegium handelte. Gebhard musste sein Erzbisthum aufgeben und begab sich nach Strassburg, wo er die Würde eines Domdechanten inne hatte. Mit ihm kam ein Gährstoff in das durchaus nicht streng katholische Kapitel. Als 1592 der Bischof Johann von Manderscheid starb, wählten die protestantischen Kapitelherrn den jungen Markgrafen Johann Georg von Brandenburg, während die katholischen ihre Stimmen dem mächtigen Kardinal Karl von Lothringen zuwendeten. Deutlicher konnten die Absichten der Wähler nicht kundgegeben werden; jede Partei suchte sieh bei dem nothwendiger Weise entbrennenden Kampfe eine mächtige Bundesgenossenschaft zu sichern. So kam es denn zu einem furchtbaren zwölfjährigen, dem sog. bischöflichen Kriege (1592—1604), in dem die Stadt Strassburg, entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit, Partei ergriff, und zwar für den protestantischen Bischof. Der Krieg fand sein Ende in einem Vergleich, den — das war das Schlimmste bei der Sache — Heinrich IV. von Frankreich vermittelte. Der Kardinal erhielt das Bisthum, der Brandenburger eine Entschädigung in Geld, Strassburg wurden seine furchtbaren Verluste nicht vergütet. Dafür zog in die Herzen der Bürger ein Groll gegen die deutschen Fürsten ein, welche die Stadt im Stiche gelassen hatten. Nach des Kardinals baldigem Tode wurde ein Habsburger auf den erledigten Stuhl erhoben ; man wollte die mühsam behauptete Position dadurch noch mehr befestigen. Auch der Jülich-Klevische Erbjolgekrieg (1609—1614) brachte dem Elsass neue Verwüstungen, der Stadt neue Verluste.

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Stadt Strassburg