Kausale und genetische Betrachtungsweise. — Körperstrafe seitens der Mutter. — Bei verschiedenen Völkern. — Anschauungen von Philosophen — Von Aerzten und Juristen. — Späte Folgen der Schlageszenen für die seelische Entwicklung. — Alles passive Erleben drängt zum reziproken Tun. — Die verschiedenen Reaktionen des Kindes. — Gefährlichkeit der ungerecht verhängten Strafe. — Wie die Kinder selbst über die Körperstrafe urteilen.

Man ist zur Klärung der Wirkung der Erziehungsstrafe zu viel von der Absicht des Erziehers und vom Zweck, den die Strafe erfüllen soll, ausgegangen. Unser Weg der kausalen Betrachtung ist mühsamer, führt aber allein zum Ziel. Wir haben schon bisher die Reaktionen des Kindes auf Tun und Rede des Erziehers verfolgt; die Wissenschaft lässt erwarten und die längere Erfahrung zeigt, dass hier komplizierte Zusammenhänge walten und verwickelte Kausalvorgänge ablaufen. Sie konnten erst verstanden und zerlegt werden, als man die späten Folgen der Erziehungsmassnahmen und insbesondere der Erziehungsstrafe bis zur Reife und weiter noch im Leben des Erwachsenen nachzuweisen lernte.

Die Beobachtung, dass ein Nadelstich, der einem in der Entwicklung begriffenen Lebewesen an einer bestimmten Stelle zugefügt wurde, bestimmte Störungen in der späteren Entwicklung des Organismus setzt, sagt noch wenig; bedeutungsvoll ist aber schon die vergleichende Erfahrung, dass die Folgen um so schwerer sind, je früher die Verletzung gesetzt wurde. Aus der vergleichenden Feststellung dieser Spätfolgen je nach dem Sitz der Verletzung gelang es, die verschlungenen Wege der Körperreifung zu verfolgen. In analoger Weise setzen bei der Erziehung offenkundige und anonyme, grobe und feine Einflüsse Veränderungen der werdenden Seele. Die sich verknüpfenden, einander bald verstärkenden, bald hemmenden Wirkungen liegen noch sehr im Dunkel. Doch zeigt sich schon ein Ordnungssystem, das praktisch brauchbare Folgerungen ziehen lässt. Um es benützbar zu machen, musste man immer mit dem Leben und Erleben der Kinder, wie es wirklich ist, in Fühlung bleiben und, ohne dogmatische Voreingenommenheit, Seelisches durch Seelisches verstehen. Zweitens musste man das Gewordene, z. B. die Gewohnheiten und den Charakter eines Menschen, genetisch, d. h. im Werden, erfassen, auf dem langen Wege von der Vererbung der Bereitschaft, in bestimmter Weise zu reagieren, über die Modifizierung durch soziale, wirtschaftliche und erzieherische Einflüsse, zur Erstarrung in Gewohn-heits- oder Charaktereigentümlichkeiten.

Read More Wirkung des Bestraftwerdens.

Strafen und Erziehen

Was ist Strafe? — Die Entwicklung des kindlichen Ichs und des Gewissens. — Bestraft werden und Selbstbestrafen des Kindes. — Analogie zum Primitiven. — Das Schuldgefühl. — Naturslrafe, Dressur und Erziehungsstrafe. — Der Konflikt des Oedipus als normale Entwicklungsstufe. — Beispiele. — Das Alter des Kindes und die Entwicklung seines logischen Denkens ändern den Einfluss des Strafens. — Analogie zwischen den Stufen des einzelnen Kindes und denen der Menschheit. — Schuldgefühl, Strafbedürfnis und Geständniszwang. — Reife zur Strafe.

Strafe ist die bewusste Zufügung eines Uebels wegen Uebertretens irgendwelcher Vorschriften ethischer und auch nicht ethischer Normen durch eine bestimmte Persönlichkeit. Die Bereitschaft zum Strafen, Bestraftwerden und Sichselbstbestrafen wird in der gleichen Zeit im Kind erweckt und auf gebaut, in der es von den Erziehern die ersten sittlichen Gebote empfängt. Mit ihnen zugleich erfährt es von der Strafgewalt der Erzieher und der Forderung, so zu handeln, dass die Strafe vermieden wird. Es gleicht sich seinen Erziehern an und «identifiziert« sich mit ihnen, d. h. es übernimmt Eigenschaften und Verhaltensweisen von ihnen. Das geschieht zuerst unbewusster- und allmählich bewussterweise aus dem natürlichen Bedürfnis nach Kontakt und Anlehnung, der Vorform des Autoritätsbedürfnisses, aber auch aus Not und Angst vor Liebesentzug und Strafe — und aus Liebe. Das Kind nimmt in diesem Verähnlichungs- oder Assimilationsprozess das Bedürfnis nach Erziehung und nach Strafe als aktive Strebung in seine eigene Persönlichkeit auf. Es erlebt aber auch gleichzeitig in seiner leiblichen und seelischen Hilflosigkeit passiv Erziehung und Strafe. Die Spannung zwischen seinem Ich und der erziehenden und strafenden Umwelt wird zum Anlass zu einer Spannung im Ich des Kindes; sein triebhaftes Ich spaltet — als Niederschlag der Erzieher in seiner Seele — einen Teil des Ichs ab, gleichsam einen Verbündeten der Erzieher. Das Ergebnis ist, dass je nach seinen biologischen, sozialen und seelischen Bedingungen das Kind sich bald als das wollende Ich, bald als das eigene Trieb-Ich fühlt und handelt. Ersteres vertritt die strafenden Erzieher, welche im Sinn von Recht, Moral und Kultur eingreifen, letzteres das primitive, unsoziale Triebhafte, das sich gegen fremde Eingriffe wehrt. Gewöhnlich sind beide Richtungen des Ichs gleichzeitig vorhanden und kämpfen gegeneinander. Um der Strafe zu entgehen, verbietet sich das Kind allmählich selbst Unerlaubtes, ja, es wird bei bestimmten Erziehungsmethoden und bei bestimmten Erziehern oft ein viel strengerer Richter gegen sich selbst als der Erwachsene, dem es sich gleichgesetzt hat. Ueberstrenge und zu grosse Weichheit desselben Erziehers sind daher Extreme, die sich in ihrer schädlichen Wirkung auf das Kind — Selbststrenge oder Verweichlichung — berühren. Je mehr einerseits das Kind verweichlicht und daher seinem Triebhaften und «Kriminellen», von dem es bedrängt wird, nachgibt, und je stärker und härter andererseits von aussen dagegen gekämpft wird, um so unerbittlicher baut sich sein Gewissen auf. So wird das unbewusste und bewusste Verhalten des Kindes beeinflusst und gesteuert.

Spaltung im Seelenleben des Erziehers oder des Lehrers, Zwiespalt zwischen den Eltern oder zwischen Eltern und Schule rufen bei der Aufwühlbarkeit des Kindes ein reichhaltiges, unharmonisches Echo in ihm hervor, während Geschlossenheit der Personen und einheitliche Umwelt die Reifung und gute charakterliche Entwicklung begünstigen. Von der Umwelt hängt es in hohem Masse ab, welche Forderungen aus Anlehnung oder durch Abstossung das Kind sich als eigene Moral stellt. Bei dem seelischen Wachstum spielt nicht nur das objektiv Wahrgenommene des Kindes, sondern auch die Phantasie eine Rolle. Es gibt eine magische Entwicklungsstufe des Kindes, die mit der des erwachsenen Primitiven zu vergleichen ist.

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Strafen und Erziehen

Die Strafe als Rechts- und als Erziehungsmittel. — Die Strafrechtstheorien. — Absolute und relative Straftheorien in der Rechtslehre. — Die Vergeltung als absolute Rechtfertigung der Strafe. — Die Abschreckung. — Steigerung der Kriminalität durch die Abschreckung. — Strafrechtsentwicklung. — Psychologie der Abschreckung durch Strafen. — Kriminalistische Erfahrungen. — Erfahrungen der Psychiater. — Was lehrt die Dressur der Tiere? — Ansichten von Philosophen und Psychologen. — Das Problem der Ambivalenz. — Die Sicherungstheorie. — Die Theorie der Besserung und Heilung durch Strafe.

Die sakrale Strafe war inneres Gebot. Die Strafe als Vergeltung und Rache war selbstverständliches Bedürfnis und Recht. Erst als die Erziehung des Menschen zur Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft ein Gegenstand der Ueberlegung wurde, wurde auch in der Strafe das Erziehungsmittel erkannt und erörtert. Dadurch wurde erst eine Psychologie der Strafe möglich und erst, als man schon viele Theorien des Strafrechts und später, von pädagogischer Seite, des Strafens in der Erziehung entwickelt hatte, untersuchte man den Gegenstand des Strafens selbst und versuchte das Verbrechen und den Verbrecher zu verstehen. In dieser Entwicklung stehen wir heute noch mit unsern praktischen Versuchen und theoretischen Forschungen.

Es bestehen heute nebeneinander mehrere Strafrechtstheorien. Ihre Herrschaft wechselte im Lauf der Geschichte je nach Stand und Entwicklung der Gesellschaft. Vergeltung- und Gerechtigkeitstheorien heissen die «absoluten» im Gegensatz zu den relativen, wie z. B. die Abschreckungs- oderBesserungstheorien. Die Verfechter der ersteren sehen den Sinn des Strafens vorwiegend in der «gerechten Vergeltung» der Untat. Sie wird von ihren Befürwortern vor allem durch die Annahme gestützt: der Mensch hat einen Vergeltungstrieb in sich, auch ein natürliches Gerechtigkeitsgefühl. Mit der Entwicklung der Menschenkenntnis und der Seelenkunde erkannte man aber, dass der Drang zur Vergeltung und zur Gerechtigkeit formal und inhaltlich verschieden sind. Gerechtigkeit als Funktion der Unparteilichkeit ist keine angeborene Tugend der Menschheit — sie ist nach Hunte eine «künstliche» Tugend —, der Impuls zur Vergeltung ist ursprünglich eine primitive Reaktion, eine Art Reflex, verwandt den Reaktionen des Tieres auf Angriff und Schädigung.

Erinnern wir uns an die frühere Feststellung vom Fluch als Rest der sakralen Riten, aber auch als Methode, der Natur die Justiz zu übergeben. Auch der alttestamentarische Gott mit seinem Strafgericht über die Bösen ist noch in der modernen Strafrechtstheorie der Vergeltung zu spüren. In ihr übernimmt zum Teil eine irdische Instanz die Funktion Gottes und begründet oft ihr Recht zur Vergeltung mit der Göttlichkeit menschlicher Justiz.

Die mit dem Strafen als Vergeltung gemachten Erfahrungen verneinen ihre wirklich «abschreckende» und damit auch ihre erzieherische Wirkung. Im modernen Kampf um die Strafiechts-theorie der Vergeltung haben Forscher wie Kraepelin und Aschaffenburg darauf hingewiesen, dass Strafe als Vergeltung nachweislich erfolglos sei. Den Hauptgrund für die Wirkungslosigkeit sieht ein anderer Forscher, Liszt, darin, dass das Objekt der Vergeltungsstrafe nicht der Täter, sondern die Tat sei. Fromm und Haun haben vom psychoanalytischen Standpunkt aas gezeigt, dass auch in den Reihen der Befürworter der Vergeltungsstrafe gewisse Zweifel an ihrer Wirksamkeit bestehen. Die Annahme, dass das «Volk» durch die Vergeltungsstrafe in seinem «Gerechtigkeitstrieb» wirklich befriedigt und in seiner Rechtsmoral erzogen würde, wird immer wieder in Frage gestellt. So meint Seufert:

«Die Befriedigung, welche das Walten der Strafrechtspflege erzeugt, ist bei vielen Menschen nichts anderes als das Lustgefühl über den Schmerz eines anderen».

Lilienthal schreibt:

«Die Strafe entsühnt nicht, sie brandmarkt . . . Von einer Sühne durch Strafe zu reden, heisst die harte Wirklichkeit des Lehens völlig verkennen».

Die Enttäuschung über die Wirkung der Vergeltungsstrafe hängt wohl mit der Erkenntnis zusammen, dass die Rache eine Uebeltat nicht mehr gutmachen kann, ein Verbrechen nicht mehr ungeschehen macht, dass nach der Tat die Rache in keinem Zusammenhänge mehr mit der Tat steht und dass man im Grunde zu spät eingegriffen hat; man hätte vorher das Verbrechen hindern sollen. Dennoch scheint die Straflosigkeit der Verbrechen die Sicherheit des Rechtempfindens im Volke zu lockern. Der durch Erziehung und Anlage zum Rechttun moralisch Genötigte wird allerdings nicht zum Verbrecher, weil er Verbrechen ungesühnt sieht, und der immoralisch Empfindende wird durch die Abschreckung nicht gebessert. Aber dem rechtlich Denkenden wird das bisher ungeprüfte Rechtsgefüge zum Problem, er wird zum Verbrechen z. B. mit politischer Begründung leichter sich verstehen, der unmoralisch Empfindende ist durch die «Rechtsunsicherheit» gleichsam in seinem Handeln bestätigt.

Read More Grund und Zweck des Strafens, die Strafrechtstheorien. Das Erziehen durch Strafe.

Strafen und Erziehen

Erziehungsgruppen als Strafraum. — Der sakrale Ursprung. — Das Talion. — Wandlung der Strafe und ihrer Motive. — Verschiedene Formen der sakralen Strafe und Beginn der Justiz. — Die Blutrache. — Humanisierung der Strafe. — Fluch als Strafmethode. — Das Denken der Primitiven und das Unbewusste. — Dämonologie der Strafe und göttliches Strafgericht. — Der Henker als Magier.

Gemeinschaft als Lebensform bedeutet eine innere und äussere soziale Verbundenheit der Individuen als Träger persönlicher und überpersönlicher Strebungen. In der Gemeinschaft spielt die Erziehungspaargruppe eine bedeutsame Rolle: Erwachsener und Kind, Lehrer und Schüler, Mann und Frau, Staat und Bürger erziehen einander absichtlich und unabsichtlich. Hierbei wirken sich Impulse und Ueberlegungen aus mit dem Ziel der Selbst- und Fremdhilfe. Verstösse oder Vergehen werden gerächt oder bestraft, die Gefahr ihrer Wiederholung soll dadurch vermindert oder unmöglich gemacht werden. Bevor Belohnen und Bestrafen zu Erziehungsmitteln wurden, musste jene Epoche überwunden sein, in der nicht eigentlich erzogen wurde, sondern die Kinder aus Instinkt und Not sich den Erwachsenen assimilierten.

Um die Frage zu verstehen, wie Strafe überhaupt zum Erziehungsmittel wurde, spüren wir ihre Urformen auf. Wie rechtfertigt sich das Strafen? Welche Ergebnisse hat das Strafen gezeitigt? Welche Rolle spielen Traditionen und Fortschritt beim Festhalten und Verwerfen dieser uralten, aber auch ganz modernen Einrichtung?

Das Strafen als unbewusster und bewusster Versuch, Menschengruppen oder Individuen methodisch leiden zu machen, um sie zu erziehen, ist uralt, war aber immer gemischt mit anderen Motiven. Historisch gesehen lässt sich eine klare Scheidung zwischen irrationalen und verständlichen Strebungen, zwischen Leidenschaft, Willkür und Nützlichkeitsüberlegung, Magie, Hass, Rache und Nothilfe, Justiz, Religion und Pädagogik nicht vornehmen. Aber eines scheint uns historisch gesichert: Das Modell der Erziehungsstrafe ist geprägt in der Werkstatt der Rache und Vergeltung, der sakralen oder heiligen Handlung, der Feindseligkeit und des Zornes.

Die Erziehungsstrafe hat wie alles Strafen ihren Ursprung nicht im Verstand, sondern im Affekt, im heiligen Zorn, in der sakralen Hilflosigkeit und im «Tremendum Mysterium», im Rausch, in der Ekstase und im Schauer.

Das «Heilige» ist in der Vorgeschichte der Menschheit uralt, Rudolf Otto vor allem wies nach: es ist ursprünglich die dämonische Scheu, das primitive religiöse Gefühl. Die dämonische Scheu durchläuft viele Stufen, bis ihre «verstreuten und verworrenen aufzuckenden Gefühle» zu Religion werden, auch bis sie mit Ethik und Verstand in Fühlung tritt.

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Strafen und Erziehen