Erstes Kapitel.

Der geographisch-historische Standpunkt.

ln einer im Jahre 1849 herausgegebenen und, wie es scheint, hier und da nicht ohne allen Beifall aufgenoimnenen Schrift1 habe ich darzuthun gesucht, dass das alte Tartessus, welches unsere Quellen in die Nähe und ausserhalb der Säulen des Herkules setzen, im Allgemeinen das heutige Tortosa an der Mündung des Ebro, die dortige berühmte Phöniciercolonie aber möglicher Weise nicht die heutige Stadt Tortosa selbst, sondern das etwas weiter stromaufwärts am rechten Ufer des Flusses gelegene und vielleicht mit dem Ibera des Livius identische Städtchen Xerta gewesen sei. Von hier aus durch den Zusammenhang der Dinge beinahe wider Willen zur Geographie des alten Nordens, speziell des Zinn – und Bernsteinlandes, und auf diesem Wege endlich sogar bis zur Insel Thule geführt, wollte es mir scheinen, als ob der in der angeführten Schrift eingenommene Standpunkt auch einen günstigen Blick auf dieses dunkle Terrain verspreche, weshalb ich mir die Mühe nicht habe sparen wollen, auch diese misslichen Regionen zu durchwandern. Es erscheint zweckmässig, den in jener Schrift eingenommenen Standpunkt kurz zu h°zeichuen, namentlich auch, um Einiges, was zur Vervollständigung dienen kann, nachzutragen.

Zwei schon im Altcrthume eingeschlichenc Missverständnisse scheinen es vorzugsweise zu sein, welche die alte Geographie des westlichen Europa und die Vorstellungen von dem Handel der Phönicicr mit dem Westen und Norden dieses Erdtheiles verwirrt haben. Das erste ist veranlasst worden durch die relative Natur des Begriffes Westen, d. h. äusserster Westen, das andere durch den im Laufe der Zeit veränderten Gebrauch des Namens Phönicier.

Der (äusserste) Westen war natürlich zunächst allemal da, wo die Bekanntschaft mit der Erde, also die bekannte Erde, im Westen auf hörte. Da die Bekanntschaft mit dem Westen anfangs beschränkt war und erst im Laufe der Zeit sich erweiterte, so rückte der (äusserste) Westen der Alten im Laufe der Zeit natürlich immer weiter hinaus und verschiedene Zeitalter verstehen unter demselben Verschiedenes. Zwei Hauptschritte aber sind es, welche die Erdkunde im Westen gemacht hat. Eine gewisse längere Zeit blieb zuerst die Erdkunde der Griechen im Westen eingeschränkt auf die Küsten und Inseln der Osthälfte des mittelländischen Meeres, und als äusserster Westen galten folglich in dieser Zeit die Länder, welche dieses Meer im Westen begrenzen, das karthagische Gebiet, Sicilien mit den benachbarten Inseln und Italien. Erst einer zweiten Periode der Erdkunde gehört die Kenntniss an, dass der (äusserste) Westen weit über der bisher angenommenen Grenze bei dem heutigen Marokko und Spanien sei.

Der Name der Westländer war nun im Alterthume Hespe-rien. Zunächst ist es also dieser Name, welcher im Fortwandern begriffen ist und dem Gesagten zufolge zuerst eine Zeit lang an den Ländern um die sizilisch-karthagische Meerenge als det Westgrenze des mittelländischen Meeres haften bleibt, sodann aber auf die Länder um die spanisch – marokkanische Meerenge als die Westgrenze der Westhälfte des mittelländischen Meeres übergeht. Aber dieser Name zieht auch noch andere Namen nach sich, unter ihnen zwei vorzugsweise wichtige. So lange Sicilien und seine Nachbarländer der äusserste Westrand der Erde zu sein schienen, musste das diese Länder westlich bespülende Meer, also die Westhälfte des mittelländischen Meeres selbst, als der die Erdscheibe umgürtende Oceanz oder das Aussenmeer erscheinen, dagegen war das Meer oder Binnenmeer die Osthälfte des mittelländischen Meeres. Erst für eine zweite Periode der Erdkunde, in welcher auch diese westliche Meereshälfte als Meer oder Binnenmeer erkannt war, wurden diese beiden Namen auch auf sie ausgedehnt und unser heutiges atlantisches Meer wurde Ocean. Mit dieser offenbaren Berichtigung der geographischen Vorstellung Hand in Hand ging nun aber auch eine Verderbung derselben. Auf den Inseln, Klippen, Sandbänken und Küsten der siciliscli-karthagischen Meerenge, welche nach der altern Erdansicht die einzige fahrbare Einströmung des Oceans in das Binnenmeer war, hatten die die Strasse beherrschenden karthagischen Phönicier Säulen errichtet, welche die Griechen, ohne recht zu wissen, was man sich darunter denken solle, Säulen des (ph önieisehen) Herkules zu nennen sich gewöhnten. Eben weil die eigentliche Bedeutung des Ausdrucks nie recht bekannt war, dachte man sich unter der Gegend der Ilerkulessäulen überhaupt nur noch die im äussersten Westen den Ocean mit dem Binnenmeere verbindende Meerenge zwischen Afrika und Europa, und als nun später der Werten bis über .die Westhälftc des mittelländischen Meeres hinaus bekannt wurde, trug man den Namen Ilerkulessäulen irriger Weise von ihrem rechten Orte auf die Strasse von Gibraltar über, wo es niemals solche Säulen gegeben hatte, bloss darum, weil man jetzt diese Meerenge für die Oceanein-strömung erkannt hatte. Bas Uebelste dabei war, dass man hierüber ganz vergass, dass das früher anders gewesen war, und von den auf der altern Erdansicht fussenden altern Angaben annahm, dass, wenn diese von Hesperien, vom Ocean und den Herkulessäulcn sprachen und damit die Grenze zwischen den beiden Hälftendes mittelländischen Meeres meinten, ebenfalls schon die Grenze zwischen dem mittelländischen und atlantischen Meere gemeint wäre, wie es später der Fall war. Hierdurch ist es gekommen, dass eine Anzahl geographischer Gegenstände und historischer Begebenheiten, von welchen die vorliegenden Schriftsteller des Alterthums nach frühem Quellen berichten, von ihnen in ein Verhältniss zur Strasse von Gibraltar gesetzt werden, in welchem sie nach dem Sinne der Letztem nur zu der sizilisch-karthagischen Meerenge gesetzt sein sollten.

Das andere Missverständnis» ist hervorgebracht durch die im Laufe der Zeit veränderte Bedeutung des Namens Phönicier. Eigentlich hiess bei den Griechen Phönicier Alles, was aus Phönice stammle, und sie unterschieden in dem Worte die Bewohner des Mutterlandes von denen- der Colonien eben so wenig, als in dem Worte Hellenen. Im Munde der Römer nahm der Name unwillkührlich die Form Pöniei; oder -Punier an, und dieser Ausdruck hatte eigentlich auch nur dieselbe allgemeine Bedeutung. Aber indem die Griechen wegen ihrer östlichen Lage bei ihrem Ausdrucke eben so unwillkührlich zunächst an die östlichen Phönicier und insbesondere an die des Mutterlandes dachten, wie die Römer wegen ihrer westlichen Lage bei ihrem Ausdrucke an die westlichen Coionialphönicier und insbesondere an die Karthager, auch die Karthager den Griechen und Römern Veranlassung gaben, sie speziell mit dem Namen Karthager von den übrigen Phöniciern zu unterscheiden, so kommt es mehr und mehr dahin, dass der Name Phönicier sich auf die Phönicier des Ostens und vorzugsweise auf die des Mutterlandes beschränkt und mindestens den Gedanken an die Punier oder Karthager ausschliesst. Auch in diesem Punkte nun haben die Schriftsteller der spätem Periode den Sprachgebrauch ihrer Zeit bei ihren griechischen Vorgängern vorausgesetzt und Dinge, welche diese von den Phöniciern in dem frühem allgemeinen Sinne, des Wortes berichten, auf die Phönicier des Ostens und vorzugsweise des Mutterlandes bezogen, während das, was jene den Phöniciern im Allgemeinen beimessen, im Besondern gerade von den westlichen Colonialphöniciern oder später sogenannten Puniern gilt. Dadurch ist es gekommen, dass sich vor die Geschichte der Punier noch eine ältere Geschichte der Phönicier des Mutterlandes im Westen gelegt hat, für die es schon im Alterthume keinen einzigen historischen Beweis gab und die der Sache nach nur dasselbe mit dem Mythus des (phönicischen) Herkules ist. Der Process ist ganz einfach der: Nachdem diese Phöniciergeschichte einmal als etwas von der Puniergeschichte Verschiedenes erschienen war, konnte sie in der von der Puniergeschichte ausgefüllten Zeit nicht mehr untergebracht werden und wurde nun, statt sie aufzugeben, in eine entferntere leere Zeit hinausverlegt. Dieser Process ist aber ganz gleich dem ersten: Nachdem gewisse Gegenstände und Oertlichkeiten einmal als etwas von den Gegenständen und Oertlichkeiten des geographisch gesicherten Bereiches Verschiedenes erschienen waren, konnten sie in dem von diesen letztem ausgefüliten Raume nicht mehr untergebracht werden und wurden nun, statt sie aufzugeben, in einen entferntem leeren Raum hinausverlegt.

Dem Zusammengreifen beider Missverständnisse danken wir demnach eine vor der historischen Zeit liegende Geschichte sidonischer und lyrischer Seefahrt und Colonisation ausserhalb der

Meerenge von Gibraltar, die sich faktisch reducirt auf die seit Gründung der phönieischen Colonien an der sizilisch-libyschen Meerenge hauptsächlich von Karthago aus betriebene Seefahrt und Colonisation ausserhalb dieser letztem Meerenge. Beide Missverständnisse aber hängen auch innigst zusammen, denn die Handelsfahrten in den Westen bewirkten eben die Erdkunde des Westens. Der Periode des ausschliesslich unmittelbaren und direkten Handels der Phönicier des Mutterlandes bis an und wenig über die karthagisch – sicilische Meerenge hinaus entspricht die erste Periode der Erdkunde des Westens; der Periode, in welcher sich die karthagischen Phönicier ihr neues Vaterland zum Stützpunkte eines neuen Handels bis an und wenig über die Meerenge von Gibraltar hinaus machen, an dem dann die Phönicier des Mutterlandes mittelbar und indirekt An-theil nehmen, entspricht die zweite Periode der Erdkunde des Westens.

Text aus dem Buch: Thule. Die Phönicischen Handelswege nach dem Norden, insbesondere nach dem Bernsteinlande, sowie die Reise des Pytheas von Massilien. Neu nach dem quellen untersucht von Gustav Moritz Redslob (1855), Author: Redslob, Gustav Moritz.

Thule