Das im Schlußsatz Erwartete ist eingetroffen: Noch vor Druckvollendung ist die englische Expedition — am 3. August 1904 — ohne weitere Kämpfe vor der heiligen Stadt angelangt und hat in ihrem Angesicht am Kitschu ein Lager anfgeschlagen. Nach den ersten telegraphischen Berichten *’H) entspricht der Anblick der offenen, in grüne Haine von Pappeln und Weiden eingebetteten Stadt, überragt und majestätisch beherrscht von der fremdartig gewaltigen Potala-Burg, ganz dem Bilde, das wir nach älteren Quellen uns davon gemacht haben. Ein anscheinend anfänglich geplanter letzter Widerstand bis aufs Messer vor den Toren der bisher unnahbaren Stätte unterblieb; am 4. August bereits konnte Oberst Younghusband, zur Erwiderung des von chinesischen Amban ihm abgestatteten Besuchs, mit einer Eskorte ungehindert in die Stadt einreiten — der mystische Bann von Lhassa ist gebrochen, unfraglich für immer!

Ohne Zweifel ist die Ankunft der Engländer vor und in der Stadt des Dalailama ein Ereignis von epochaler Bedeutung für die Geschichte Asiens, dessen weiteren Folgen man mit der größten Spannung entgegensehen darf. Allein die englische Expedition ist damit nicht zu Ende. Es wird für England nun darauf ankommen, die politischen Früchte der — das muß ehrlich anerkannt werden — glänzend durchgeführten militärischen Aktion zu sichern, und das wird noch manche Schwierigkeiten und vielleicht unvorhergesehene Zwischenfälle mit sich bringen. Schon jetzt zeigt es sich, daß die einheimischen Behörden die diplomatischen Verschleppungskünste noch immer fortzusetzen bemüht sind. Und vor allem eins — der Dalailama selbst ist nicht gestellt worden, er ist aus Lhassa entflohen, noch unsicher, wohin!

So dürfen wir denn jetzt mehr als je gespannt sein, was nun geschehen wird.
Anfang August 1904.

Dr. Georg Wegener.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Siehe auch:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England

Tibet und die englische Expedition

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.


Die ersten Bestrebungen der Engländer, von Indien  aus mit Tibet in Beziehung zu treten, gehen, wie früher erwähnt, auf Warren Hastings (Gouverneur von Bengalen 1772, General-Gouverneur von Britisch-Indien 1774—85) zurück, der mehrere Gesandschaften an den Ta-schilama von Schigatse absendete. Ein vielversprechender Briefwechsel entspann sich, der auf Einleitung eines freundschaftlichen Handelsverkehrs hinzielte. Allein als Hastings 1785 seinen Posten verließ, wurden diese Ansätze nicht weiter gepflegt, Bald trat vielmehr nach der mehrfach berührten Niederwerfung der Gurkhas 1792, deren Einfall nach Tibet von Hastings Nachfolger begünstigt worden war, durch die Chinesen der völlige Abschluß der tibetischen Grenzen ein.

Für fast ein Jahrhundert ruhte seitdem jeder Versuch einer Wiederanknüpfung vonseiten der Engländer. Ein wenig bedeutender Handel wurde über Kaschmir, Nepal und Bhutan unterhalten, allein direkte Beziehungen fehlten gänzlich.

Daß aber immerhin die Möglichkeit künftiger Vermittelungen mit Tibet nicht aus dem Auge gelassen wurden, geht schon allein aus der geheimen Auskundschaftung Tibets durch die seit den sechziger Jahren unablässig verfolgte Entsendung der indischen Pandits  hervor.

Ebenso gelang es England, seine politischen Grenzen mehrfach unmittelbar bis an die tibetischen vorzuschieben. So geschah das dadurch, daß der westliche Teil der Provinz Gnari Khorsum, Ladak, 1842 zu Kaschmir kam. Über diese Gegenden war jedoch die Verbindung mit Tibet für praktische Zwecke ein zu schwieriger. Ungleich geeigneter war die allmähliche Einverleibung des kleinen Himalaya-Staates Sikkim. Diesem, als der Basis für die gegenwärtigen englischen Bestrebungen, müssen wir eine nähere Aufmerksamkeit widmen.

Sikkim ist das im Norden von Kalkutta zwischen Nepal und Bhutan gelegene schmale Gebiet der südlichen Himalaya-Abdachung, das man als das Quellbassin des zum Brahmaputra strömenden Tista bezeichnen kann. Von dem erhabenen Firstkamme des großen Himalaya-Kettenzuges, der Sikkims Nordgrenze bildet, springen zwei gewaltige Gebirgsausläufer nach Süden vor; der eine, westliche trägt neben anderen Bergriesen den majestätischen Kandschindschinga. Dieser meridionale Rücken bildet die Grenze gegen Nepal. Der östliche, der den Namen Tschola-Kette trägt, ist zwar nicht von ebenso hervorstechenden Gipfeln gekrönt, giebt aber doch einen ähnlich gewaltigen Randwall ab. Er sondert seinerseits Sikkim von dem östlich davon gelegenen Tschumbi-Tal, das in seinem oberen Teil zu Tibet gehört, weiter nach unten zu Bhutan. So ist Sikkim mit einem riesenhaften Hufeisen von Hochgebirgsketten umgeben. Wenige Pässe führen nur hinüber. Die wichtigsten, die nach Tibet leiten, nannten wir schon (S. 81 ff). Das Innere des Gebiets ist ein labyrinthisches Gewirr scharfrückiger, von den Randketten herabziehender Gebirgskämme und tief eingerissener Talfurchen. Die Tista greift mit zahlreichen Nebenarmen blattrippenartig nach den Seiten zwischen sic hinein. In den Hochtälern ihrer nördlichsten Quellfäden, dem Latschen und Latschung, die bis hart an den Fuß der massenscheidenden Hauptkette heranführen, herrscht schon strenger Hochgebirgscharakter. Weiter nach Süden eine Landschaft von wunderbarer Eigenart und bezaubernder Schönheit. In den Gründen der tiefen Talrinnen tropisch brütende Wärme, an den überaus steilen Gehängen der inneren Gebirgskämme eine wundervolle Waldvegetation, genährt von den üppigen Regen des indischen Monsuns, den die riesige Bergmuschel der großen Randgebirge Sikkims abfängt. Die messerscharfen Rücken der Kämme sind auch in der guten Jahreszeit wochenlang von brauendem Gewölk umlagert, sodaß ein dicht wucherndes Gehänge von Schlingpflanzen und herrlichsten Orchideen die Äste der Riesenbäume überdeckt und die Feuchtigkeit in Tropfen aus den Moosbärten herniederträufelt. Wenn sich aber dann die Wolken verziehen, so liegt für den Blick dort oben ringsher in einer überwältigende Herrlichkeit, schneeleuchtend, die erhabenste Hochgebirgswelt der Erde.

Die einheimischen Bewohner Sikkims, die Leptscha,  sind ein mongolisches Volk, das den Tibetern nahe verwandt und vermutlich eine sehr alte, in unbestimmter Vorzeit über den Himalaya vorgeschobene Kolonie südtibetischer Stämme ist. Noch heut ist ja, wie wir früher gesehen haben die periodische Hin- und Herwanderung tibetischer Hirten über die Himalaya-Pässe im Gange. Die Gründung ihres heutigen Reichs und ihrer Kultur hängt mit der lamaistischen Missionierung von Tibet aus zusammen. Bei der großen Reformation durch Tsongkapa wunderten einige Lamas der unterliegenden Rotmützensekte hierher aus. Sie gewannen durch ihre überlegene Bildung rasch Einfluß, bekehrten das Volk zum buddhistischen Glauben und machten einen ihnen ergebenen Mann tibetischen Stammes zum Fürsten von Sikkim, dessen Familie noch heute dort regiert. Als dann in Tibet selbst der Gegensatz zwischen den beiden Sekten gemildert wurde, knüpften die Lamas von Sikkim mit dem siegreichen Haupt der Gelbmützen, dem Dalailama, engere Beziehungen an, sodaß heute auch für die Kirche von Sikkim hierarchisch die oberste Instanz der große Heilige von Lhassa ist. Zahlreiche Klöster ganz tibetischen Kults sind in den Berg- und Waldwildnissen Sikkims verstreut, meist in prachtvoll romantischer Lage. Das nationale Hauptkloster ist das berühmte, im 18. Jahrhundert gegründete Pemiongtschi, nördlich von Dardschiling, in 2000 Meter Höhe kühn auf einem scharfgeschnittenen Bergrücken thronend; ein eindrucksvoller Bau, dessen mächtig ausladendes Dach der Stürme halber mit Ketten an den Boden befestigt ist. Ungleich gewaltiger noch als in Dardschiling ist der Blick von hier aus auf die fast doppelt so nahen Riesen der Kandschindschinga-Gruppe.

Im Laufe der Zeit knüpften sich die kulturellen Bande mit Tibet immer enger. Wolle, Seide chinesicher Ziegeltee und allerlei Luxusartikel wurden von dort bezogen; die einheimischen Landesfürsten, deren Titel das tibetische Gyalpo ist, heirateten tibetische Frauen, das Tibetische ward Hofsprache; zuletzt residierte der Hof, um den schweren Monsun-Regen zu entgehen, zeitweilig im Tschumbi-Tal, auf tibetischem Staatsgebiet. Trotz alledem bestand, wenigstens nach den englischen Quellen, denen ich hier folge ein politisches Abhängigkeitsverhältnis Sikkims zu Tibet nicht.

England erhielt die erste Gelegenheit, sich in die Verhältnisse von Sikkim zu mischen, durch einen kriegerischen Einfall der ewig unruhigen Gurkhas von Nepal, die 1814—17 das Ländchen besetzt hielten. Die Britten intervenieren, stellen die Selbständigkeit des Fürsten wieder her und erlangten dadurch zunächst eine Art moralische Schutzherrenstellung in Sikkim.

Parteien, die damit unzufrieden waren, erregen aber bald daranf in Verbindung mit Nepal neue Unruhen, die England den willkommenen Anlaß zu neuem Eingreifen geben. Diesmal muß Sikkim die Rechnung teurer bezahlen. Es muß in die pachtweise Abtretung des Ortes Dardschiling und eines kleinen Bezirks seiner Umgebung willigen, wo die Gesundheitsstation für das Gouvernement Bengalen errichtet werden soll. Rasch erwächst hier in der Bergwildnis eines der schönsten und elegantesten Alpenstädtchen der Welt und zugleich eine Hochwarte Englands für die Grenzlande des mittleren Himalaya.

Die Veranlassung, diesen Besitzkern zu erweitern, ließ auch nicht lange auf sich warten. Im Jahre 1850 nahm der englandfeindliche Premierminister von Sikkim den Gouverneur von Dardschiling, Campbell, und den Gelehrten Dr. Hooker auf einer Forschungsreise im Hochgebirge an der Grenze von Tibet gefangen. Dies wurde mit einer Annexion des gesamten südlichen Sikkim bis an den Nebenfluß der Tista, Randschit-Rummam, heran geahndet. Letzteres wurde zum Bezirk von Bengalen geschlagen, Dardschiling durch eine kühne Bergbahn mit dem Tieflande verbunden, das ehemalige Urwaldgelände von englischen Teepflanzern kultiviert, der ireie Verkehr eröffnet, das Land durch Straßen erschlossen, kurz ganz dem englischen Reiche angegliedert. Der nördliche Teil mit der Landeshauptstadt Tumlong behielt einstweilen noch seine Unabhängigkeit.

Auch das dauerte jedoch nicht lange. Grenzzwischenfälle, die Klage, daß Sikkim ein Asyl für Übeltäter bilde  u. a. m., führten 1860 zu einem Einmarsch der Engländer und einer Mediatisierung des Fürsten im Vertrage von Tum-lang 1861. Er blieb, in der Weise wie die indischen Fürsten, im Besitz seines Thrones und Landes, erkannte aber Englands Oberhoheit an und erhielt ein Jahresgehalt (seit 1873 im Betrag von 12000 Rupien, was die Kleinheit und Ärmlichkeit der Verhältnisse gut charakterisiert). Die Zollgrenze gegen Bengalen wurde abgeschafft, England berechtigt, nach Belieben Straßen im Lande zu bauen und Rasthäuser (Dak-Bunga-lows) für seine Beamten anzulegen, der Fürst hob die bis dahin übliche Sklaverei auf und verpflichtete sich, den größten Teil des Jahres nicht mehr im tibetischen Tschumbi-Tal, sondern in Tumlong zu residieren.

Bis dahin hatte sich Tibet gegen alle diese Vorgänge ganz teilnahmlos verhalten. Als jetzt nun aber die Engländer auch im nördlichen Sikkim anfingen, ihre Straßen und Brücken zu bauen, als englische Landesvermesser öfter an den Grenzpässen gesehen wurden und verlautete, sie wollten Handelsstraßen nach Tibet hersteilen, wurden die Behörden von Lhassa mißtrauisch. Der chinesische Amban richtete einen ziemlich hochfahrenden Brief an den Gyalpo von Sikkim, des Inhalts, wenn er fortfahre, für die Fremden Straßen in seinem Lande zu bauen, die darauf hinzielten, eine Verbindung mit Tibet anzubahnen, so würde es ihm schlecht gehen. Das alte Lamareich wünsche energisch, in Ruhe gelassen zu werden von den europäischen Handelsleuten.

Trotzdem setzte England unbeirrt seine großartigen Straßenanlagen fort. Besonders wurde, unter schwierigen Sprengungen, eine treffliche Heerstraße vom Tista-Tal nach dem Dschelep-Paß hinauf geführt.

Nach all diesen Vorbereitungen nahm die britisch-indische Regierung dann, rund hundert Jahre nach Turners Reise, den Versuch einer kommerziellen Anknüpfung mit Tibet wieder auf. Anfang der achtziger Jahre reiste der Finanzsekretär der britisch-indischen Regierung Colman Macaulay nach Peking und erwirkte sich dort die Erlaubnis einer Mission nach Lhassa, wo er persönlich mit den dortigen Behörden über die Anlage einer Handelsstraße durch das Latschen-Tal und die ProvinzTsang verhandeln wolle. Im Jahre 1886 brach er dann von Dardschiling mit kleiner Eskorte auf und gelangte bis zur tibetischen Grenze am Kongra-Paß. Hier ergaben sich jedoch Schwierigkeiten; die tibetischen Behörden erhoben Einspruch gegen seine Weiterreise, und der chinesische Hof ließ durchblicken, daß er eine gewaltsame Überwindung dieses Widerstandes ungern übernehmen würde. Damals bestand in Europa, auch bei den Engländern, immer noch ein Rest der aus den achzehnten Jahrhundert ererbten großen Meinung von der Macht des chinesischen Reiches, und da um diese Zeit infolge der Einverleibung von Burma Grenzregulierungsfragen zwischen Indien und China schwebten, so verzichtete die Regierung in Kalkutta auf die Durchführung des Macau-layschen Tibet-Mission.

In dem verschlossenen Lande, über dessen innere Vorgänge wir ja bis heute nur dunkle Vermutungen fassen können, scheint dieser Schritt Englands als Schwäche aufgefaßt worden zu sein und den Groll gegen die unwillkommenen Dränger zur Reife gebracht zu haben. Vielleicht spielen auch bei den nun folgenden Vorgängen noch innere religiöse Ereignisse mit, die wir nicht kennen. Jedenfalls schickte die Lama-Regierung noch im selben Jahre 1886 plötzlich Truppen über den Dschelep-Paß, die Lingtu, eine die Straße zum Paß beherrschende Höhe, zwölf englische Meilen westlich der Grenze, besetzten und befestigten. Unter dem Einfluß von Lhassa erklärte der Fürst von Sikkim, als er die Tibeter zum Rückzug über die Grenze veranlassen soll, jetzt plötzlich, er sei von alters ein Vasall Tibets. Eine diplomatische Vorstellung der britisch-indischen Regierung in Peking blieb praktisch erfolglos, ein Ultimatum an die Tibeter in Lingtu ebenfalls, und so entschloß sich England, nachdem dies Spiel bis zum Anfang 1888 gedauert hatte, zu einem militärischen Vorgehen.

Dieser erste kleine englische Grenzkrieg mit Tibet dauerte vom März bis September 1888, und sein Verlauf ist für die gegenwärtigen weiterreichenden Operationen von vorbildlichem Interesse.

Eine zunächst nicht sehr bedeutende engliche Truppe wurde unter dem General Graham auf der neuen Straße zum Dschelep-Paß entsendet, um die von den Tibetern geschickt gewählte Position von Lingtu zu nehmen. Inzwischen hatten diese hier einen Wall und Palisaden über die Straße gezogen und letztere selbst teilweise zerstört. Felsblöcke und Baumstämme waren an steilen Punkten oberhalb des Weges aufgehäuft, mit Vorrichtungen, sie auf die Angreifer herunterzurollen. Im raschen Ansturm gelingt es indeß den Engländern leicht, diese mittelalterlich primitiven Befestigungen, die von den Tibetern z. T. mit Schleudern und Bogen verteidigt werden, zu nehmen; 32 Tibeter werden getötet.

Keineswegs aber schreckte, wie man erwartet hatte, diese Niederlage die Lamaregierung in Lhassa ab. Im Gegenteil, neue Truppen wurden über den Dschelep-Paß entsendet, sodaß die Engländer sich bei Gnathong, etwas oberhalb von Lingtu, in 12000 m Höhe über den Meerespiegel, ihrerseits befestigen und auch Verstärkungen nachziehn mußten. Im Mai griffen die Tibeter selbst diese Verschanzungen mit großem Mut an und wurden erst nach schweren Verlusten zurückgeschlagen.

Auch jetzt indessen zeigt man in Lhassa noch keinerlei Neigung zum Frieden, die Truppenverstärkungen dauerten fort. Bei der entscheidenden Schlacht im September standen zuletzt etwa 11 000 Mann den Engländern gegenüber, die nur etwa 2000 Mann — z. T. Gurkha-Truppen — stark waren. In einer einzigen Nacht warfen hier die Tibeter unmittelbar oberhalb von Gnathong einen riesigen Stein wall von Brusthöhe und 4—5 Meilen Länge auf, der technisch eine fast unbegreifliche Leistung und doch geräuschlos wie durch Zauberei hergestellt war. Unkundig der Mittel moderner Kriegskunst jedoch lediglich zu ihrem Schaden, denn sie zerdehnten ihre Macht als Besatzung dieses ganzen Walles zu einer langen, schwachen Linie. Auch bestand diese Truppe fast nur aus ungedrillter, jämmerlich bewaffneter Miliz, die von den Mönchen in ungeordneten Massen über den Paß geworfen war, und so endigte der Sturm durch die Engländer mit einer überaus schweren Niederlage der Tibeter, die etwa 1100 Mann verloren, während auf englischer Seite die Verluste sehr gering waren.

England hatte damals keine Neigung, den durch die Transportschwierigkeiten schon über Erwarten kostspieligen Gebirgskrieg nach Tibet selbst hinein zu tragen; es ließ sich daher auf Verhandlungen ein — bei denen jetzt plötzlich China wieder als Vormacht Tibets hervortrat.

Zwischen dem damaligen Vizekönig von Indien, Lord Lansdowne, und dem kaiserlich chinesischen Residenten von Lhassa wurde— unter völliger Übergebung der einheimischen Behörden von Lhassa — in Dardschiling der Vertrag von 1890, ratifiziert 1893, vereinbart, der in der Hauptsache folgendes enthält: China erkennt förmlich die Oberhoheit Englands über Sikkim an. Beide Staaten erklären, die Grenze respektieren und ihre Verletzung ahnden zu wollen. Auch soll der Handelsverkehr zwischen Tibet und Indien erleichtert werden. Die infolge der nomadisierenden Lebenweise der Grenzbewohner bestehenden Unklarheiten über die Weidegerechtigkeit im oberen Sikkim sollen beseitigt werden. Die nähere Erläuterung und praktische Ausführung dieser Punkte, insbesondere die genauere Bestimmung und Markierung der in den Hochgebirgsgegenden der vielfach unsicheren Landesgrenze, wird einer Kommission von Vertretern der chinesischen Regierung in Tibet und der englischen in Indien übertragen, die binnen eines halben Jahres nach Abschluß der Verhandlungen zusammentreten sollte.

Die Tibeter waren, wie sich leicht denken läßt, über den ganzen Verlauf der Angelegenheit äußerst aufgebracht gegen China. Dies hatte wiederum zur Folge, daß die chinesische Regierung die Kommissionsverhandlungen mit altbewährter Zauderkunst ziemlich ergebnislos im Sande verlaufen ließ. Die zweifelsfreie Festlegung der Grenze unterblieb, ebenso die Lösung der Weidefrage; die vereinbarte Eröffnung eines Marktes in Yatung auf der tibetischen Seite des Dschelep-Passes — seit dem 1. Mai 1894 begann von chinesischer Seite hier eine offizielle Handelsstatistik — wurde dadurch illusorisch gemacht, daß die Regierung von Lhassa ihren Untertanen die Niederlassung dort verbot.

Ein wenig lebhafter entwickelte sich der Handel nach und nach allerdings. Nach dem vor kurzen veröffentlichten englischen Parlamentsberichta) hatte die Einfuhr von Indien nach Tibet’; folgende Werte:


*) Die Zusammenstellung sondert nicht den über Sikkim und den auf anderen Wegen gehenden Handel, doch scheint das letztere verhältnismäßig wenig in Betracht zu kommen.

Die Gesamtbeträge sind also sehr bescheiden; es läßt sich jedoch, mit unbedeutenden Rückschlägen, eine Steigerung bis zu dem Jahre 1900 erkennen. Den Hauptanteil des Einfuhrwerts nach Tibet machen in den ersten Jahren Korn und Hülsenfrüchte aus, mit 1—200000 Rupien an Wert. Fast gleichbleibend erhält sich dieser Artikel während all dieser Jahre bis zum Ende auf dieser Wertstufe, nur einmal im Jahrgang 1897—98, schnellt er auf 643790 Rupien hinauf. Bald läuft aber die Kategorie der Baumwollen-Erzeugnisse ihm den Rang ab, sie steigt im Laufe der Periode von rund 100000 R. pro Jahr auf rund 370000. Am nächsten an Wert kommen dann Wollwaren, deren Wert von rund 38000 auf 128000 Rupien im Jahre anwächst. Von geringerer Bedeutung sind: Färbe-Mittel, Metalle, Zucker, Tabak und andere Artikel, am geringsten ist lange Zeit der Import von Seide, nur 970 R. im Jahrgang 1898—99; im letzten hat er 50173 R. Wert. Seinen beträchtlichen Seidebedarf deckte Tibet eben nach wie vor aus dem alten Seidenlande China. Noch konservativer verhielt es sich inbezug auf den Tee, den das Land seit alters in ungeheuren Mengen in Gestalt des minderwertigen gepreßten Ziegeltees aus China einführt. Es ist noch nicht gelungen, daneben dem indischen Tee Eingang zu verschaffen.

Interessanter noch ist die Übersicht der Ausfuhr aus Tibet. Auch hier seien zunächt die Gesamtwerte für die einzelnen Jahre zusammengestellt:

Die Vergleichung ergibt, daß der Wert der Ausfuhr aus Tibet nach Indien durchweg größer gewesen ist, als der Einfuhr, und da Tibet als minderkultiviertes Land fast ausschließlich Rohprodukte ausführte, Indien dagegen zum großen Teil Industrie-Erzeugnisse, so muß die Quantität der tibetischen Ausfuhr die der indischen in noch größerem Verhältnis überwogen haben. Vielleicht erklärt sich dies daraus, daß eben die künstlichen Qrenzschwierigkeiten nur bei dem Verkehr nach Tibet bestehen, nicht umgekehrt.

Die Erzeugnisse, die Tibet ausführte, waren lebende Tiere, rohe Wolle, Borax, Moschus, Salz und einige wenige andere Artikel, die in der Zusammenstellung nicht spezialisiert werden. Unter den lebenden Tieren wiegen der Zahl nach die Schafe und Ziegen vor, die von den Tibetern auf den Markt von Dardschiling gebracht wurden. Ihre Anzahl ist seit dem ersten Jahre der Liste von 8120 auf 31 735 Köpfe gestiegen. (Die Werte sind 25485 und 80712 Rupien). Dem Ertrag nach werden sie etwas übertroffen durch Pferde und Maultiere, deren Zahl von 609 im Wert von 49600 R. auf 1227 im Wert von 83393 R. angewachsen ist.

Der Wert des Borax stieg von 89962 auf 345613 R.t der Moschus von 16091 auf 114928 R., Salz von 118269 auf 179134 R. In erster Linie steht die Wolle, die mit 351 163 Rupien einsetzt und bis auf 1038283 R. steigt. Über das Gold von Thok Dschalung und anderen Goldfeldern, das ja größtenteils über Gartok auch nach Indien abfließen soll, gibt die Liste leider keine Rechenschaft.

Alles in allem ist der Handel mit Tibet bisher recht unbedeutend. Trotzdem mahnen die englischen Kenner seit Jahrzehnten energisch, die Entwickelung dieses Verkehrs zu fördern. Man erwartet, daß Tibet sich noch in ganz anderer Weise als Markt für die englische Industrie auswachsen wird, und daß umgekehrt insbesondere die feinen Wollen der tibetischen Herden für diese eine große Zukunftsbedeutung haben. Vor allen aber stehen im Hintergründe die Hoffnungen auf Tibet als künftiges Goldland.

Als der Verfasser im Anfang 1898 im „Independent Sikkim“ reiste, wie der unter dem dem einheimischen Fürsten verbliebene Teil des Gebiets immer noch genannt wird, mußte er vorher in Dardschiling die Erlaubnis des betreffenden Deputy-Commissioners einholen, dabei seine Reiseroute genau angeben und sich verpflichten, nicht davon abzuweichen, insbesondere nicht ein Eindringen nach Tibet zu versuchen. Als Grund dafür wurde angegeben, daß die englische Regierung jedes Erwecken von Mißtrauen bei den Tibetern vermeiden wolle, um den Handel mit diesem Lande zu entwickeln.

Sobald man nördlich von Dardschiling den Randschit-Rummam, die Grenze des „unabhängigen“ Sikkim überschritt, verschwanden die Teekulturen, die Dardschilings Berggehänge bedecken, und das Waldland in ursprünglicher Gestalt mit spärlich verstreuten Ansiedelungen und romantischen Klöstern begann. Staunend traf der Reisende aber auch in diesen Gegenden vorzügliche Straßenanlagen, Drahtseilbrücken von eleganter Konstruktion, mit der die Wildwasser überspannt waren, und andere Zeichen der englichen Erschließungsarbcit. Sie erschienen schon damals für das dünn bevölkerte, arme Gebiet allein viel zu kostspielig und großartig und wiesen auf große Zukunftspläne hin.

Die gegenwärtige Expedition.

Zwei Ursachen dürften vorzugsweise dazu beigetragen haben, daß England jetzt den Zeitpunkt zum energischen Zeitpunkts. Vorgehen gegen Tibet für gekommen gehalten hat. Die eine ist negativ: Die Scheu vor der alten Schutzmacht China ist durch die kläglichen Niederlagen der Chinesen im japanisch-chinesischen und im Boxer-Kriege geschwunden. Die andere positiv: Die Nachrichten von den Anknüpfungen Rußlands mit Tibet haben England die ernste Gefahr vor Augen gerückt, daß der große Rival um die Vorherrschaft in Asien maßgebenden Einfluß in Tibet gewann. Ein dritter Umstand trat nach Beginn der Aktion als wichtige Triebkraft hinzu, die für England so ungemein günstige — vielleicht von ihm lange vorausgesehene — Verwickelung Rußlands in den östlichen Krieg.

Eine Anlehnung Tibets an das Zarenreich durfte  unter keinen Umständen ruhig mit ansehen. Man hat vielfach, auch in gediegenen Zeitschriften, wie dem „Ostasiatischen Lloyd“, es für unverständlich erklärt, wenn England von einer Besetzung Tibets durch Rußland eine Gefahr für Indien befürchte, denn die wahre uneinnehmbare Verteidigungsmauer des indischen Reiches sei die große südliche Himalaya-Kette mit ihren leicht zu verteidigenden Pässen. Das ist aber sehr kurz gedacht. Abgesehen davon, daß dann eine kostspielige Bewachung und Befestigung aller Pässe notwendig werden würde, läge in der widerstandslosen Überlassung Tibets an die große feindselige Macht eine moralische Einbuße für England von ernstester Bedeutung. Englands Herrscherstellung in dem Dreihundertmillionen-Reich Indien selbst ist, wie jeder Kenner weiß, eine ungemein schwierige, die nur durch eine unerhörte diplomatischeKunst aufrecht erhalten wird; ehrgeizige Fürsten, fanatische Völker, geheime Strömungen verschiedenster Art sind unausgesetzt mit der größten Sorgfalt zu beobachten, denn sie geben dem Lande den Charakter eines beständig in den Tiefen grollenden Vulkans. Nichts aber würde auf diese Faktoren aufreizender wirken, als wenn sich der russische Koloß, in dem, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, vielfach ein Befreier erblickt wird, derart unmittelbar vor den Toren Indiens festsetzen dürfte.

Man hat dann ferner gesagt, es sei ohnehin durchaus unmöglich, daß Rußland eine positive Truppenmacht über die großen nördlichen Hochflächen nach dem bewohnten Süden Tibets vorschieben und damit das Land okkupieren können. Auch Hedin hat sich neuerdings in einem überaus warmherzig und temperamentvoll gegen das englische Vorgehen aussprechenden Aufsatz in diesem Sinne ausgedrückt.fl4) Allein man vergißt, daß dies in ganz allmählichem Vorschieben, wenn die Regierungen in Lhassa oder Peking es unterstützten, doch nicht so unmöglich wäre, ebenso daß auch schon europäische Instruktion und Bewaffnung der Tibeter selbst durch russische Sendlinge für England unangenehm genug wirken könnten.

Nein, es ist von englischem Standpunkt aus politisch vollkommen richtig gedacht, daß Tibet, nach Lord Curzons richtigem Ausdruck das Glacis vor dem großen Festungswall des Himalaya, unbedingt in keinen andern als englischen Händen sein darf. Haben die Engländer dort die Macht, dann allerdings ist die Überschreitung der von Zentralasien nach Indien führenden Hochflächen für jeden Feind unmöglich.

Also: Tibet im Besitz der Russen würde mindestens eine stete Beunruhigung, Tibet in dem der Engländer eine absolut uneinnehmbare Grenzburg für Indien sein. Ob die Form dieser Angliederung Tibets an England nun eine direkte Annexion, ob es die Einsetzung eines Residenten in Lhassa, ob es nur ein Bündnis oder schließlich zunächst allein die Ausschließung jedes anderen Einflusses sein wird, das sind hierfür Fragen zweiten Ranges.

Wieweit England mit seinem Vorgehen noch andere als nur verteidigende Pläne hat, läßt sich einstweilen nur mutmaßen; es betont selbst nach wie vor, daß ihm viel an des tibetischen Handelsmarktes gelegen sei. Gewiß kann man das dem bewußt und immer sich als solches gebenden Handelsvolke glauben. Wahrscheinlich aber gehen die Gedanken noch sehr viel weiter. Es ist immer Englands große Kunst gewesen, rechtzeitig neue Ansatzpunkte zum späteren Eingreifen in günstige Entwickelungen zu gewinnen. Die großartigste handelspolitische Entwickelung aber, die vorauszusehen, wird die kommende Erschließung Ostasiens sein. Trotz des englisch-deutschen Abkommens von 1900 hat England seine Ansprüche auf das Gebiet des Yangtsekiang, den wertvollsten Teil des chinesischen Reiches, als Interessensphäre nicht aufgegeben. Osttibet aber ist das Ursprungsgebiet des mächtigen Stromes; hier würden sich, wenn es in Englands Hand fiele, dann die indische und ostasiatische Einflußzone zu einem ungeheuren Halbringe vereinigen, der, Asiens reichste und bevölkertste Gebiete verbindend, vom indischen Meere sich bis zum pazifischen erstreckt.

Soviel über die inneren Beweggründe zu dem Vorgehen Englands. Es ist nun nicht die Aufgabe der vorliegenden Schrift, die Geschichte der gegenwärtigen englischen Expedition zu schreiben, sondern nur die Grundlagen zu ihrem rechten Verständnis zu liefern. Daher seien die einzelnen Vorgänge bei derselben bis zur Gegenwart nur in Kürze zusammengestellt.

Bereits im Februar 1902 entwirft Lord Curzon, der Vizekönig von Indien, in einem Memorandum den Plan, auf dem das heutige Vorgehen beruht. Die unerledigten Fragen des Vertrags von 1890 sollen wieder aufgenommen werden. Lehnt Tibet Verhandlungen ab, so soll zunächst das Tschumbi-Tal besetzt werden, um die Regierung in Lhassa zu solchen zu zwingen. Eine Bereisung der ihrer Festlegung noch immer harrenden Grenze von Sikkim gegen Tibet durch den Kommissar White im Sommer 1902 blieb ganz ohne Beachtung in Tibet.

Januar 1903 empfiehlt Lord Curzon deshalb, nunmehr energischer vorzugehen und die Verhandlungen drohend und wenn möglich in Lhassa selbst zu führen. Vor allem, wie er sich deutlich ausspricht, um zu prüfen, ob und wie weit „eine andere Großmacht“ — d. h. Rußland — hier im Spiele sei. „Wir müssen“, sagt er, „unsererseits die Initiative ergreifen, um der Gefahr entgegenzuarbeiten, von der wir die britischen Interessen in Tibet für direkt bedroht halten.“ Um den aus dem unklaren Verhältnis zwischen Tibet und China entspringenden Schwierigkeiten vorzubeugen, seien die Verhandlungen nur mit den tibetischen und chinesischen Bevollmächtigten zugleich zu führen. Der englischen Gesandtschaft sei eine bewaffnete Eskorte mitzugeben, genügend stark, um jeden Widerstand auf dem Wege nach Lhassa abzuschrecken.

Wie erwartet, riefen Englands Absichten sofort einen scharfen Notenwechsel mit dem russischen Kabinett hervor, im Verlauf dessen es gelang, von Rußland die bündige Erklärung zu bewirken, daß weder ein russisches Abkommen irgend welcher Art mit oder über Tibet, noch die Absicht, ein solches zu schaffen, bestehe. Konnte diese Versicherung natürlich für England politisch keine dauernde Gewähr der Sicherheit bilden, so gab es ihm doch andrerseits formell inbezug auf Rußland in Tibet freie Hand, und so erhielt Lord Curzon jetzt von London die Erlaubnis, die von ihm beabsichtigten Verhandlungen mit der Behörde von Lhassa in einem tibetischen Orte, nämlich in Kamba-dschong, unmittelbar nördlich von Sikkim, jenseits des Kongralamo-Passes, zu beginnen. Ein weiterer Verhandlungsgegenstand sollte dabei einstweilen die Eröffnung des wichtigen Gvangtse als Handelsrnarkt sein.

Im Juli 1903 ging zunächst der Grenzkommissar White, dann als Führer der Gesandtschaft der Oberst Younghusband mit einer Eskorte von 200 Mann eingeborner indischer Truppen nach Kamba-dschong ab. Weitere 300 Mann blieben als Rückendeckung in Tangu am Latschen-Fluß in Sikkim zurück. (Vgl. für diese und die folgenden Vorgänge die Schilderungen, der Örtlichkeiten S. 81 f, u. 122 f).

Die Wahl des Unterhändlers darf als eine sehr glückliche bezeichnet werden. Schon als junger Offizier hat sich Younhusband durch große Forschungsreisen in Innerasien einen ehrenvollen Namen und eine eingehende Kenntnis der dortigen Völker erworben, die geographische Gesellschaft in London hat ihm die große goldne Medaille verliehen, die Regierung ihn zum britischen Residenten in Kaschgar gemacht.

Die Kommission kam in Kamba-dschong jedoch ebenfalls zu keinem Ergebnis. Die anfangs eingetroffenen Unterhändler blieben wieder weg, ein passiver Widerstand der Bevölkerung verhinderte weiteres Vorgehen. Monate verflossen in tatenlosem, für England wenig schmeichelhaftem Warten.

Endlich ergriff Lord Curzon die Gelegenheit, daß die Tibeter eine von Nepalesen der Expedition zugeführte Proviantkolonne wegtrieben, um, am 6. November, die.Ermächtigung zu gewaltsamen Vorgehen in der Richtung des von ihm entworfenen Planes zu erhalten.

Sofort erfolgen von russischer Seite neue lebhafte Proteste. Jetzt aber wo Rußlands östliche Schwierigkeiten immer deutlicher hervortraten — wurden sie von London aus mit einer Zurückweisung von unerhörter Schärfe beantwortet. In der Depesche des Marquis of Landsdowne hieß es unter anderen, es erscheine äußerst seltsam,

„daß diese Vorstellungen von der Regierung einer Macht erhoben werden, die nirgendwo in der Welt und niemals gezögert hat, auf Nachbargebiete überzugreifen, wenn die Umstände es zu erfordern schienen. Wenn die russische Regierung ein Recht hätte, sich darüber zu beklagen, daß wir Schritte tun, um durch Vorrücken in tibetisches Gebiet Genugtuung von den Tibetern zu erlangen, welche Sprache wären wir dann nicht angesichts der russischen Übergriffe in der Mandschurei, Turkestan und Persien zu führen berechtigt!“

Mitte Dezember rückte in Sikkim eine neue, Younghusband unterstellte Expedition auf der bekannten, lange für solchen Zweck vorbereiteten Heerstraße zum Dschelep-Paß vor mit der Aufgabe, über das Tschumbi-Tal zunächst bis Gyangtse zu gehen, um den Beginn von Verhandlungen zu erzwingen.

Die Truppe bestand aus dem 23. indischen Pionier-Bataillon, dem halben 8. Gurkha-Regiment, einer halben Kompanie Madras-Sappeure, einem Zug englischer Artillerie mit zweisieben-pfündigen Geschützen, einer Abteilung des englischen Norfolk-Regiments, zwei Lazarettzügen und einem Maschinengewehr. Im ganzen nicht über 3000 Mann.

Bei außerordentlicher Kälte wurde der Dschelep-Paß überschritten und das Tschumbi-Tal besetzt. Als dies noch keinerlei Entgegenkommen der tibetischen Behörden zeitigte, wurde im 15700’ hohen Tangla-Paß auch die große Wasserscheide überwunden und damit der Eintritt in das Tal von Gyangtse gewonnen. Man kann diese Übergänge der britischen Truppe zur Winterzeit als außerordentliche Leistung nur rückhaltslos bewundern. Die Legung eines Feldtelegraphen sicherte die rückwärtige Verbindung mit Kalkutta.

Im Lager von Thuna, nördlich vom Tangla-Passe, wird zunächst für mehrere Monate Rast gemacht, wohl um eine günstigere Jahreszeit abzuwarten. Weder ein chinesischer noch ein tibetischer Bevollmächtigter erscheint; dagegen rücken endlich tibetische Truppen auf dem Wege nach Gyangtse an, etwa 1500 Mann unter einem General aus Lhassa sichtlich in der Absicht, den Weitermarsch der Engländer zu verhindern.

Younghusband zieht am 31. März mit seiner unter dem Befehl des inzwischen mit Verstärkungen ihm nachgesendeten Generals Macdonald stehenden Eskorte ihnen entgegen auf Guru zu. In breiter Linie quer zur Marschrichtung der Engländer hatten sich die Tibeter noch vor diesem Orte hinter einem breiten aufgeworfenen Wall aufgestellt. Younghusband gab den Befehl, sie aus dieser Stellung zu verdrängen. Wie eine Herde Schafe, heißt es, ließen sich die Tibeter umgehen und völlig umzingeln, sodaß die englischen Offiziere keinen Widerstand mehr erwarteten. Als sie aber zur Übergabe der Waffen aufgefordert wurden, eröffneten sie plötzlich in fanatischer Heftigkeit mit Schwertern und Gewehren das Handgemenge und kämpften mit außerordentlicher Todesverachtung. Bei ihrer ungünstigen Stellung und sehr mangelhaften Bewaffnung wurden sie jedoch rasch durch das Feuer der Gegner in die Flucht geschlagen. Noch einmal versuchten sie bei Guru Widerstand, werden aber auch hier aus ihren Stellungen geworfen. Ganz wie im Feldzuge von 1888 gab es auf englischer Seite anscheinend gar keine Tote, sondern nur Verwundete; dagegen schätzt man den Verlust der Tibeter auf 300 Tote und zahlreiche Verwundete. Nach anderen Nachrichten verloren die Engländer etwa 10 Mann, die Tibeter 4—500, ja vielleicht noch mehr. Auch der tibetische General, der nach einer Darstellung eigenhändig das Gefecht eröffnet hatte, fiel.

Auf die Nachricht von dieser Niederlage zogen sich weitere tibetische Truppen, etwa 2000 Mann stark, die schon im Herannahen waren, gegen Gyangtse zurück und die Expedition Younghusbands folgte ihnen nach. Sie erreichte die Stadt Gyangtse, nahm sie ohne Widerstand ein, und pflanzte die englische Fahne auf der den Berg überragenden Höhe auf.

Hier verschanzte sich die Expedition, um die weitere Entwickelung abzuwarten. Sie trat zunächst in einen friedlichen Verkehr mit den Eingeborenen, vergeblich aber erwartete sie auch hier die Ankunft tibetischer oder chinesischer Bevollmächtigter. Der Widerstand der Tibeter war durch die neue Erfahrung mit der Kriegsführung der Europäer keineswegs gebrochen. Im Gegenteil, die Lama-Hierarchie bewies eine unerwartet zähe Widerstandskraft. Wanderprediger, heißt es, zogen durch das Land und riefen das Volk zum heiligen Krieg gegen die Fremden. Neue Truppenmassen zogen von Schigatse heran und verschanzten sich unweit Gyangtse. Anfang Mai kam es zu Angriffen auf die englische Position, die wieder unter großen Verlusten für die Tibeter zurückgeworfen wurden. Allein immer neue Scharen schleppte die Regierung des Dalailama heran, so daß die Engländer eine Zeitlang sogar in bedenkliche Lage gerieten, sich als Belagerte verteidigen und Verstärkungen aus Indien abwarten mußten. Wieder stockte somit der Zug fast zwei Monate hindurch.

Endlich, am 28. Juni, gingen die Engländer aktiv vor und griffen die Tibeter an, die in großer Stärke sich auf der linken Seite des Gyangtse-Flusses verschanzt hatten. Den ganzen Tag wurde gekämpft und der Feind aus all seinen Positionen vertrieben.

Die Schwere der Niederlage war so groß, daß jetzt, am folgenden Tage, Tibeter mit einer Parlamentärfahne kamen und um Waffenstillstand baten. Sie kündigten die Ankunft eines Unterhändlers von Lhassa an. Youngshusband ging darauf ein und wartete von neuem im Gyangtse der Bevollmächtigten, die da kommen sollten.

Wie vielfach vermutet wurde, scheint dies aber nur ein neues orientalisches Hintanhalten gewesen zu sein. Mitte Juli riß daher dem englischen Unterhändler die Geduld, er befahl den Vormarsch nach Lhassa auf der großen Straße von Gyangtse über den Paß Kharo-Ia das Nordufer des Yamdok-tso und den Khamba-Ia. Nach den letzten Nachrichten bei Niederschrift dieser Zeilen (23. Juli 1904) haben sie den ersten höheren der beiden Pässe ohne erheblichen Widerstand bereits überschritten und, nur noch etwa 160 km von Lhassa (Berlin-Halle = 162 km) entfernt, ein Lager aufgeschlagen.

Daß sie jetzt weder durch Gewalt noch Diplomatie sich abhalten lassen werden, Lhassa selbst zu betreten, ist im gegenwärtigen Stadium der Entwickelung nicht mehr zu bezweifeln. Und es ist nicht unmöglich, daß es bereits geschehen ist, wenn diese Schrift die Presse verläßt.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

Tibet und die englische Expedition

Die Einführung des Buddhismus und die erste Blüte des Reiches.

Die Geschichte der Tibeter verliert sich rückwärts mit legendären Königslisten im Dämmer des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. wandeln wir noch ganz auf dem Boden schwankender Sagen. Es scheint, als ob in der Vorzeit die Tibeter in verschiedenen, national noch nicht geeigneten Stämmen zunächst mehr die nördlichen Gegenden ihres heutigen Gebiets bewohnten und erst nach und nach bis zu den südlichen vordrangen. Aus Innerasien brachten sie die elementare mongolisch-nomadische Kultur mit, in den Tälern des Südens scheinen sie dann von Indien her den Ackerbau gelernt zu haben; in den älteren Sagen ist die Tendenz erkennbar, Kultureinflüsse Indiens zu betonen.

Eine geschichtshellere Zeit beginnt erst mit dem großen, grundlegenden Ereignis, das berufen war, die einheitliche nationale Entwickelung der Tibeter und ihre eigenartige Stellung unter den Völkern Asiens zu begründen, der Einführung des Buddhismus.

Diese Weltreligion hatte von Indien aus längst ihren Siegeslauf über Asien vollzogen, Innerasien, China, der Südosten waren der Lehre des „Erleuchteten“ bereits gewonnen, als das eisumstarrte Hochland von Tibet noch wie eine Insel inmitten dieser Länder unberührt davon geblieben war und seine spärliche Bevölkerung noch in den alten, aus der Mongolei mitgebrachten schamanischen Religions-Vorstellungen und Riten lebten. Einem energischen tibetischen Herrscher, dem Könige Srongdsan Gampo (629—698 n. Chr.), wird die ddcse#Sser zielbewußte Einführung der buddhistischen Lehre zugleich als einer höheren Form des Glaubens wie als Trägerin einer höheren Zivilisation zugeschrieben. Den Annalen nach vermählte er sich sowohl mit einer nepalesisch-indischen, wie mit einer chinesischen Prinzessin, die beide buddhistisch waren und buddhistische Lehrer, heilige Schriften und geweihte Bildwerke mitbrachten. Angeblich existieren die letzteren, aufs höchste verehrt, in den Tempeln Lhassas noch heut. Hier tritt neben den indischen Einfluß zum erstenmal historisch erkennbar auch der chinesische auf, der rasch für Tibet der maßgebende werden sollte. Srongdsan Gampo betreibt mit besonderem Nachdruck die Einführung chinesischer Errungenschaften. Wir hören, daß er die Zucht der Seidenwürmer, die Bereitung von Getränken aus Wein und Gerste, Wassermühlen, Papier, Tinte u. a. m. aus China übernahm, sich chinesische Gelehrte und Künstler verschrieb, den chinesischen Kalender einführte und umgekehrt den Adel seines Landes veranlaßte, seine Söhne zu ihrer Ausbildung nach China zu senden. In der Folge ist der chinesische Einfluß bis heute gegenüber dem indischen der maßgebende geblieben, in Kleidung, Sitte, Lebensgewohnheiten, in Wissenschaft, Architektur und Kunst.

Von der Regierung dieses Königs datiert auch die Anwendung der Schrift und die Entstehung der nationalen Literatur. Srongdsan Gampo ist in der späteren Legende unter die Heiligen der Lamakirche eingereiht w orden vgl. S. 55), allein in Wahrheit scheint er eine weltlich streitbare Persönlichkeit gewesen zu sein. Er ist zugleich der Begründer eines kräftig ausgreifenden Reiches, dessen Basis in den südlichen Tälern Tibets ruht und dessen Hauptstadt, das heilige Lhassa, er durch einen Burg- und Tempelbau auf dem Potala-hügel begründet. Anscheinend ist die Heirat mit der chinesischen Prinzessin zunächst die Folge eines Krieges mit China gewesen, der für letzteres nicht durchaus glücklich verlief und in dieser Form beigelegt wurde.52) Nach Norden dehnte sich seine Macht weiter und weiter aus, sie umfaßte Kuku-noorien, ja überschritt sogar die Grenzen des Hochlandsbereiches und erreichte um 680 den Tienschan.

Von einem seiner Nachfolger (Thisrong Tedsan, 801 — 845) wird erzählt, daß er besonders wieder die Beziehungen mit Indien, dem Heimatlande des Buddhismus, pflegte. Er tat viel für die Lehre, ließ heilige Schriften von Indien kommen und übersetzen, verlieh der tibetischen Geistlichkeit eine feste Ordnung und schuf für sie hierarchische Stufen und Klassen. Unter einem anderen (Ralpachan) gab es von neuem einen schweren Krieg mit China, der mit dem Frieden von 821 endigte, einem Ereignis, das durch eine noch heute in Lhassa vorhandene Gedenksäule verewigt wurde. Auch ein dritter (Thibtsong 1 Te) zog 882 siegreich gegen China zu Felde. Unter ihm erscheint nach den alten Berichten das tibetische Königreich auf dem Gipfel seiner Blüte. Hier war es, wo das Glück des Volkes ein so vollkommenes gewesen sein soll, daß es dem der seligen Götter glich.

Der Zusatz der Quellen, daß der König dieses Ziel „durch eine grenzenlose Verehrung der Geistlichkeit“ erreicht habe, ist freilich verdächtig. Es ist überhaupt die Frage, ob jene Blüteperiode nicht von der späteren mönchischen Geschichtschreibung schönfärberisch aufgeputzt ist, um folgenden, die Geistlichkeit weniger verehrenden Generationen als leuchtendes Beispiel zu dienen.

Blüte und Verfall dieser ersten Epoche decken sich annähernd mit derjenigen der Karolingermacht in Deutschland. Vom 10. Jahrhundert an trat ein Niedergang ein, verursacht wohl durch die Nebenbuhlerschaft zwischen den weltlichen und den zu mächtig gewordenen geistlichen Gewalten, die seitdem die ganze Geschichte Tibets beherrscht. Reichsteilungen und innere Kriege schwächten dabei die weltliche Gewalt, aber auch die Geistlichkeit verfiel in Unordnung und Machtlosigkeit, die buddhistische Lehre selbst wurde gefährdet.

Es heißt z. B., daß sie gegen Ende des 10. Jahrhunderts „neu eingeführt“ werden mußte.

Von der Mongolen – bis zur Mandschu-Zeit.

Als mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts der Mongolensturm über die alte Welt dahinbrauste und das größte Reich der Erde schuf, geriet auch Tibet, wenngleich wirkliche bedeutende Züge der Mongolen über das Hochland wohl kaum stattgefunden haben, unter den Einfluß des Großkhans; Tributzahlungen gingen an den Hof nach Karakorum.

ln ungeahnter Weise sollte aber diese Einbeziehung in das große Mongolenreich bald die Veranlassung zu einer Lamaismus, bedeutsamen Gegenwirkung werden, zur Ausdehnung der geistigen Macht des tibetischen Volkes über ganz Innerasien.

Die inzwischen herausgebildete tibetische Form des Buddhismus eroberte missionierend jetzt ihrerseits sich mehr und mehr die Völker der Mongolei, denen sie vermutlich wegen ihrer Vermischung mit schamanischen Elementen besonders zusagte. Hiermit begann jener weltgeschichtlich so außerordentlich bedeutungsvolle Prozeß der Bändigung und Sit-tigung der wilden, ewig ruhelosen, mit unerschöpflicher Fruchtbarkeit neue Scharen über ihre Umgebung ausschüttenden Völkermassen Zentralasiens, jenes fahrenden Hexenkessels, aus dem seit Jahrtausenden immer neue Völkerstürme hervorgebraust waren und die Welt bis an die Gestade des atlantischen wie des pazifischen Ozeans erschüttert hatten. Wenn man will, kann man es auch ihre Entmannung und Dezimierung nennen. Das eine geschah durch die sanften Lehren und Sittengesetze des Buddha, das andere durch die entnervende und die Fortpflanzung einschränkende Übertreibung des Mönchs- und Nonnenwesens.

Die großen Fürsten Ostasiens, denen an einer solchen Beruhigung der innerasiatischen Mongolenstämme sehr gelegen war, erkannten diese Wirkung des tibetischen Buddhismus früh und haben dessen Ausbreitung daher eifrig unterstützt. So schon der geniale Mongolenkhan und Gönner Marco Polos Kublai, nachdem er die Residenz des jetzt völlig konsolidierten Riesenreichs nach dem chinesischen Peking destibcusehen verlegt hatte. Damals hatte sich schon in Tibet die summepiskopale Macht eines Großlamas herauszubilden begonnen. Kublai machte den Vertreter derselben zum geistigen Haupt aller Lamas in seinem Kaiserreich und gab ihm auch weitgehende weltliche Befugnisse. Wie sehr das die Stellung dieser Großlamas förderte, sehen wir aus der erwähnten Notiz Odoricos von Pordenone um das Jahr 1325, der als katholischer Missionar selbst den Vergleich des „Abassi“ mit dem römischen Papst zieht. Freilich, eine unbestrittene Herrschaft dieses Abassi war damit noch nicht begründet. Weltliche Fürsten tauchen daneben wieder auf, neue Könige werden genannt und mannigfache innere Kämpfe halten die Blüte des Landes zurück.

Erst als das Auftreten des Reformators Tsongkapa (1358—1419) den Klerus von Grund aus reformiert hatte, (vgl. S. 62), begann auf dieser Basis durch die Anhänger der gelben Sekte eine neue, mehr und mehr das weltliche Fürstentum überflügelnde Blüte der geistlichen Macht und die allmähliche Schaffung des anerkannten Kirchenstaates, den Tibet heut bildet, und zugleich die immer weitere Ausdehnung des geistigen Einflusses über die Buddhisten Inner- und Ostasiens.

Im 16. Jahrhundert wurde auch in dem mongolischen Urga, im Zentrum der Mongolei, die Institution eines Kutuktu *) begründet, der als eine ähnliche Inkarnation eines tibetischen Heiligen verehrt wird, wie heut der Großlama von Taschi-Ihumpo und der von Lhassa.

Anfänglich waren die Oberen der größeren Klöster des Kommendes Landes überhaupt wohl ziemlich selbständig, nach und nach errang aber der Großlama in dem alten Landeszentrum Chinesen. Lhassa die Oberhand auch über die anderen Bodhisatwas. Und zwar vor allem auch eine geschickte Ausnutzung der politischen Verhältnisse.

Nach dem Sturz der Mongolenherrschaft in China durch die Revolution der Ming 1348 war Tibet zu einem Streitobjekt zwischen den Mongolenkhanen Innerasiens und den chinesischen Kaisern geworden, denen beiden daran gelegen war, den immer wachsenden Einfluß der tibetischen Lehre und Kirche in den Dienst ihrer Politik zu stellen. Tsong-kapa scheint besonders dadurch so großen Erfolg gehabt zu haben, daß er sich auf die Ming-Kaiser stützte. Später waren es besonders die mongolischen Khakhane, die mehrfach kriegerisch die Tibeter zum Gehorsam brachten; zugleich erfahren wir aber auch, daß durch sie im 16. Jahrhundert dem „allwissenden“ Bogda Sodnam Gyamtso der Titel Dalailama verliehen wurde. Da das mongolische dalai, das „Weltmeer“ (vgl. S. 68), aber nur eine Übersetzung des tibetischen Gyamtso ist, so handelt es sich nur um eine mongolische Sanktion einer schon vorhandenen Bezeichnung, die eine außerordentliche Macht und Verehrung ausdrücken will. Dieser Großlama starb 1588, wurde aber nach dem Glauben des Volkes bereits 1589 wiedergeboren. Mit ihm beginnt nun die bis heut dauernde ununterbrochene Folge der Wiedergeburten des Dalailama.

Tibet als Vasall von China.

Als Vollender der Macht der Dalailamas erscheint der sechste in ihrer Reihenfolge, Nawang Lobsang, der, bis dahin Großlama des Klosters Galdan bei Lhassa, 1643 seine Residenz auf dem alten Königshügel Srongdsan Gampos, dem Potala aufschlägt und von dort auch die weltliche Herrschaft über Tibet unbestritten ausübt. Der wesentlichste Schritt zur Sicherung derselben war eine energische Anlehnung an China. Hier war 1644 die Mingherrschaft, die nur vorübergehend auf Tibet hatte Einfluß ausüben können, durch die Mandschu gestürzt worden. Der kluge Priester sah wohl mit Recht voraus, daß der neuen Dynastie eine glänzende Entfaltung bevorstehe. 1650 reiste er selbst auf eine kaiserliche Einladung nach China und besuchte den damaligen ersten Mandschu-Herrscher Schizu. Dieser, der die Dienste des tibetischen Großlamas für eine spätere Niederwerfung der innerasiatischen Völker sowohl wie für die leichtere Beherrschung der stammfremden Chinesen ganz ebenso wie ehedem Kub-laikhan zu schätzen wußte, überhäufte ihn mit Ehren und gewährleistete ihm auch seinerseits den Titel Dalailama.

Der Großlama scheint damals ziemlich selbständig gewesen zu sein, wenn auch seine weltliche Gewalt noch einige innere Stürme, Widersetzlichkeiten weltlicher Nachkommen alter Fürstengeschlechter, zu bestehen hatte.

Im Jahre 1717 machten aber die Mongolen, vermutlich in Verbindung mit letzteren, noch einmal den Versuch, den alten Einfluß über Tibet wieder herzustellen. Der Dsun-garenfürst Zagan Araptan bricht in das Land ein, erreicht und erstürmt Lhassa und nimmt den Dalailama in Gewahrsam.

Diese günstige Gelegenheit ließ sich der damals regie- A!JJf^eiaunng rende bedeutendste aller Mandschu-Kaiser, der große Kanghsi, Ch,na nicht entgehen. Er greift zugunsten Tibets ein, vertreibt 1720 die Dsungaren und befreit den gefangenen Kirchenfürsten. Von diesem Zeitpunkt an ist Tibet förmlich der Souveränität des chinesischen Kaisertums unterstellt. Zwar war diese Wendung wohl durchaus nicht ganz nach dem Geschmack des stolzen Klerus und ebensowenig der einheimischen weltlichen Adelsgeschlechter. Unruhen brachen in Lhassa aus; noch einmal versucht das alte tibetische Königtum seine Wiederherstellung. Allein sie wurden niedergeworfen und die Folge war die, daß von da, von 1750 ab, die chinesische Herrschaft und unter ihr die Theokratie des Dalailama völlig befestigt worden ist.

China leitet seitdem die militärischen Angelegenheiten und die auswärtige Politik Tibets vollständig nach eigenem Ermessen. Repräsentiert wird die Autorität des chinesischen Kaisers durch einen, nach anderen Quellen zwei Residenten, die den mongolischen Titel Amban führen und dem Vizekönig von Szetschwan, der an das östliche Tibet angrenzenden Provinz des oberen Yangtsekiang, unterstellt sind.

Sie haben noch eine Anzahl ziviler Unterbeamter und mehrere Truppenkommandanten, mit ebensovielen Garnisonen, die in besonderen Lagern zu Lhassa, Schigatse, Dingri und Lhari stationiert sind. Die Zahl der Truppen ist aber gering, nach Grenard  im ganzen 1300—1400 Mann; die Beherrschung der Tibeter geschieht mehr durch die altgewohnte Überlegenheit der chinesischen Diplomatie als durch positive Machtentfaltung.

Die bürgerlichen und die kirchlichen Angelegenheiten überläßt China dagegen, formell wenigstens, von einem Bestätigungsrecht für die höheren Ämter abgesehen, vollständig den einheimischen Behörden. Und zwar liegt theoretisch die Gewalt ganz und gar in den Händen des Dalailama, der als absolut gilt. Doch bei der Heiligkeit seiner Person wird er selbst meist nur bei den wichtigsten Gelegenheiten mit Regierungssorgen behelligt, und die Leitung liegt — zumal da er so oft ein Kind ist — für gewöhnlich in den Händen eines Regenten oder Premierministers, mongolisch Nomekhan, tibetisch Gyalpo (der alte Königstitel) genannt.

Der Dalailama wird, wie wir erwähnten iS. 68), wenn er gestorben ist, unter den neugeborenen Kindern des Landes neu gewählt, angeblich auf Grund von übernatürlichen Zeichen, in Wirklichkeit durch ein Konklave von Kirchenfürsten, das anscheinend nur die Weisungen der chinesischen Gesandtschaft ausführt. Denn seit im Jahre 1792 der chinesische Hof eine goldne Urne für die Wahlhandlung geschenkt hat, soll noch kein Dalailama aus einer der Chinesen feindlichen Familie daraus hervorgegangen sein. Daß die Wahl immer auf Söhne der allervornehmsten Geschlechter fällt, scheint aus dem Umstande hervorzugehen, daß diejenigen Berichterstatter, die den Dalailama gesehen haben, fast immer die besondere Feinheit und Vornehmheit seiner Gesichtszüge und seines Benehmens betonen.

Die Tendenz des Gyalpo oder Nomekhan, die Herrschaft ganz an sich zu reißen, liegt der Natur der Sache nach immer nahe und wird die Veranlassung zu inneren Reibungen, die dann ihrerseits den Chinesen erwünschte Gelegenheit geben, als oberste Instanz aufzutreten.

Sehr interessant treten diese Verhältnisse uns in Hucs Souvenirs d’un voyage dans la tartarie etc. entgegen. Der Reisende kommt mit Gäbet gerade zu einer Zeit nach Lhassa, wo der Nomekhan den Dalailama dreimal hintereinander ermordet hat, und, wie es scheint, nicht übel Lust zeigt, sich gegen die chinesische Macht aufzulehnen. Unter diesen Umständen ist soeben der chinesische Delegierte Kischan als Amban dorthin gesendet worden. Ohne reale Machtmittel, fast lediglich auf seine Klugheit angewiesen, weiß der gewandte Mann doch, den tibetischen Würdenträger durch blitzschnelles Handeln zum Geständnis zu bringen und ihn daraufhin seiner Macht zu berauben. In Hucs Darstellung tritt uns der Charakter dieses typischen, eleganten, kühl überlegenen und etwas ironischen chinesischen Diplomaten außerordentlich lebensvoll entgegen.

Dem Nomekhan stehen fünf tibetische Unterminister (Kalon) zur Seite, je einer für Justiz, Finanzen, Domänen, Inneres und Kultus. Der Nomekhan selbst ist in der Regel einer der Äbte der großen Klöster in der Umgegend von Lhassa. Die Mönche dieser sind wohl als die eigentlichen geistigen Leiter Tibets anzusehen.

Neben der geistlichen existiert auch noch immer eine erbliche Laienaristokratie, aus der ein Teil der großen Beamten genommen wird. Nach Grenard sind sogar einzelne geistliche und weltliche Sonderfürstentümer in das Dalailama-Reich eingesprengt, die nicht von dem Großlama, sondern direkt von China abhängen. Das Volk lebt politisch rechtlos, in einer Art Hörigkeit gegenüber den großen Eigentümern.

Eine reguläre tibetische Armee gibt es nach dem letztgenannten Autor nicht, doch ist das ganze Volk als Miliz organisiert, ähnlich den Mongolen55). Nach Tsibikow dagegen hält der Staat ein stehendes Heer von 4000 Mann.

Alle fünf Jahre sendet der Dalailama Tributgeschenke nach Peking, die aber in der Regel durch erheblich kostbarere erwidert werden. Das Interesse, welches China an der Beherrschung Tibets hat, liegt einmal in dem Handel, der fast ganz dorthin geht. Dann aber auch nach wie vor an dem Einfluß auf die ungezählten Millionen der Buddhisten Asiens, ein diplomatisches Verhältnis, das mit den Beziehungen zwischen dem Papsttum und der deutschen Kaisergewalt in den früheren Zeiten, wo sie als die mächtige Schutzherrin auftrat, einige Ähnlichkeit hat. In diesem Sinne entspricht es dem Vorteil des chinesischen Hofes, fremde Kultureinflüsse, die auf das seltsame religiöse und hierarchische Gefüge der Lamakirche zersetzend einwirken können, möglichst fern zu halten, und es erklärt sich daraus, daß die ohnehin im Charakter der chinesischen Politik liegende Abschließung gegen die Außenwelt in Tibet ganz besonders streng durchgeführt wird. Hier haben wir aber zugleich auch wohl den Punkt, wo die Interessen des Klerus sich mit denen der Chinesen decken. Auch jener wrird fühlen, daß seine hierarchische Macht durch Eindringen fremder Ideen und Einflüsse nur leiden könnte, und die Priester haben wohl sehr richtig erkannt, daß die Natur ihres Landes und ihre einheimische Streitmacht doch kaum allein imstande gewiesen sein würden, diese schroffe Abschließung durchzuführen, daß diese vielmehr ebenso wesentlich von Peking aus diplomatisch gewährleistet worden ist.

Aber auch mit den Waffen sind die Chinesen mehrfach für Tibet eingetreten. Als im Jahre 1792 der unruhige Stamm der Gurkhas, der sich der Gewalt in Nepal bemächtigt hatte, auch in Tibet einfiel, bis nach Schigatse, der Hauptstadt von Tsang, vordrang und sie plünderte, unternahmen sie in großem Stil einen Feldzug, der die Eindringlinge zu-rückwarf, bis nach Nepal verfolgte und nachdrücklich züchtigte. Ein zweiter, für dieTibeter zunächst ungünstig verlaufender Konflikt mit Nepal 1854—56 endigte mit einer wenigstens formellen Anerkennung der chinesischen Souzeränitat auch über Nepal. Weniger erfolgreich war der Krieg gegen Kaschmir, dessen Herrscher Gulab Singh im Jahre 1834 die Provinz Gnari Khorsum erobert hatte. Es gelang den Chinesen nur einen Teil davon, das heute noch als das tibetische Gnari Khorsum bezeichnete Quellgebiet des Indus und Satledsch, wiederzuerobern, Ladak blieb in dem Vertrage von 1842 bei Kaschmir.

China hat es verstanden, die Tibeter vollständig inseinen geistigen Bann zu ziehen und ihm — wie übrigens bis vor kurzem allen Völkern Ost- und Innerasiens — die Überzeugung von der absoluten Überlegenheit des chinesischen Kaisertums zu geben. Als im Jahre 1893 bei Gelegenheit der Grenzregulierungen zwischen Tibet und Sikkim (s. unten) ein hoher tibetischer Beamter, ein besonders intelligenter Mann, in dem englischen Dardschiling weilte, hatte Wad-dell Gelegenheit, ihm zu erzählen, daß 1860 englische Truppen Peking besetzt hätten. Der Tibeter konnte nicht überzeugt werden, daß es sich um etwas anderes als einen Scherz handele, und sagte:

„vielleicht hat euer General berichtet, daß er Peking eingenommen habe, aber er ist sicher nicht dorthin gekommen, denn so etwas ist ganz unmöglich.“

Erst in allerjüngster Zeit scheint doch auch nach Tibet trotz aller suggestiven Kunst der Chinesen die Erkenntnis durchgedrungen zu sein, daß China nicht mehr das ist, was es zur Zeit der großen Mandschu-Kaiser Kanghsi und Kien-lung war. Die klägliche militärische Ohnmacht und die Unzulänglichkeit der Verwaltung gegenüber den Anforderungen der modernen Weltentw-ickelung, wie sie sich im japanischchinesischen Kriege und in den Wirren von 1900 01 offenbart hat, ist auch wfohl den Machthabern in Lhassa klar geworden. Gleichzeitig auch das gewaltige, anscheinend unwiderstehliche Emporwachsen einer neuen asiatischen Weltmacht, derjenigen des w’eißen Zaren im fernen, mit dem Ruf fabelhafter Pracht und Reichtumsfülle umgebenen Moskau und St. Petersburg, zumal da diesem neuen Reiche ebenfalls buddhistische Völker angehörten, die Wallfahrten nach Lhassa unternahmen. Es ist nicht ohne innere Wahrscheinlichkeit, daß der Dalailama den Gedanken faßte, anstelle der morsch gewordenen Stütze der Mandschu-Dynastie eine neue am Zarenhofe zu finden.

Nach neuerdings mehrfach lautgewordenen Auffassun handelt es sich sogar schon um die vollzogene Tatsache eines Übergangs ins russische Lager. Hiernach wurde, als Kanghsi 1720 Tibet dem chinesischen Reiche angliederte, zwischen Papst und Kaiser ein förmliches Konkordat geschlossen, nach welchem die buddhistische Kirche sich verpflichtete, all ihren Einfluß für die weltliche Macht der Mandschu-Dynastie einzusetzen, während diese ihrerseits den Besitzstand Tibets und die Integrität der inneren Verwaltung durch den Dalailama gewährleistete. Dieses Konkordat soll 1891 vom Dalailama dem Pekinger Hofe gekündigt worden sein. Als casus violati foederis wurde die ungenügende Verteidigung der tibetischen Ansprüche auf Sikkim in dem tibetisch-angloindischen Konflikte (siehe unten S. 127ff.) herangezogen. Seit 1892 wurden keine Tributsendungen mehr nach Peking gerichtet, dafür aber durch den Bischof der zum russischen Reiche gehörigen buddhistischen Buriäten am Gäna-See unweit Kiachta, der zugleich Mitglied des lamaistischen Klerus und russischer Staatsbeamter ist, in Rußland nahegelegt, daß der Dalailama einen kräftigeren Beschützer als den Mandschu-Kaiser zu haben wünsche. Im November 1900 überbrachte der tibetische Lama Daltiew, seit 1897 Sekretär der auswärtigen Angelegenheiten in Lhassa, bei jenem viel bemerkten Besuch in Liva-dia dem gegenwärtigen Beherrscher von Rußland die Geschenke, durch welche die Würde des buddhistischen kaiserlichen Schutzherrn von dem konfuzianischen Mandschu auf den orthodox-christlichen Zaren übertragen wurde. Durch russische Machenschaften mit Hülfe des bekannten chinesischen Diplomaten Yunglu soll dies neue Verhältnis auch in Peking durch einen Geheimvertrag zwischen Rußland und China bestätigt worden sein.

Die Richtigkeit dieser Darstellung mag fraglich erscheinen, da z. B. noch 1893, also nach der angeblichen Lösung des Verhältnisses mit China, von einer chinesischen Grenzkommission über die Sikkim-Grenze mit der britischen Regierung verhandelt Wurde, und da auch bei dem gegenwärtigen Konflikt immer noch von den chinesischen Ambans in Lhassa die Rede ist. Auch daß noch im Sommer des Jahres 1901 Sven Hedin, der mit besonderen Empfehlungen des Zaren von Rußland reiste, ebenso unbeugsam von Lhassa ferngehalten und rückwärts komplimentiert wurde, spricht dagegen. Er selbst erklärt sich in einem soeben erschienenen Aufsatz energisch gegen die Existenz eines Vertrages zwischen Tibet und Rußland.

Allein, daß wenigstens eine Annäherung Tibets an Rußland in den letzten Jahren tatsächlich bedeutsam im Gange war, daran kann nicht gezweifelt werden. Die Deputation von Liva-dia und die Geschenke des Zaren sind durch den Zaren durch prachtvolle Gegengeschenke erwidert worden. Es sollen sich dabei auch große Quantitäten von Gewehren befunden haben. Ekai Kawagutschi, der Japaner, der neuerdings längere Zeit in Lhassa weilte, (s. S. 22) hat sie gesehen. Sie sind nicht allerneuester, aber doch moderner Konstruktion. B°) Auch er berichtet, daß ein Vertrag zwischen dem Dalailama und dem Zaren geschlossen worden sei. Es herrschte nach ihm in Tibet die Vorstellung, daß der Zar eine Persönlichkeit mit den mystischen Eigenschaften buddhistischer Bodhisatwas sei und daß man bei einem Konflikt mit dem gefährlichen indo-britischen Nachbar sich auf ihn verlassen könnte. Den gegenwärtigen Dalailama schildert er, wie wir schon erwähnten, als eine begabte Persönlichkeit mit hochfliegenden Zielen.

Aus anderer Quelle, vonseiten einer Persönlichkeit, die lange Jahre in bedeutender Stellung in britischen Diensten an den Nordgrenzen des Reiches wissenschaftlich tätig gewesen ist, hörte ich persönlich vor kurzem, daß man in Kreisen der englisch-indischen Regierung sogar die Überzeugung habe, es seien bereits russische Offiziere in Lhassa und hätten begonnen, die tibetischen Truppen europäisch zu instruieren.

Auch dies letztere mag dahin gestellt bleiben; jedenfalls ist soviel doch wohl trotz aller amtlichen Ableugnungen sicher, daß man in Rußland für die großasiatischen Zukunftspläne eine engere Verbindung mit Tibet sehr wohl — vom russischen Standpunkt durchaus richtiger Weise — in Rechnung gezogen hat und daß es andererseits für England Zeit war — mit demselben Recht — einzugreifen, wenn es den Anschluß Tibets an die russische Machtsphäre in irgend einer Form hindern wollte.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

Tibet und die englische Expedition


Außer der Fülle von Nachrichten der im Eingang genannten älteren europäischen und asiatischen Forschungsreisenden, die nach Lhassa hineingelangten, besitzen wir auch eine bemerkenswerte chinesische Literatur über diese Stadt. Insbesondere vereinigt das von Klaproth kritisch bearbeitete geographische Handbuch über Tibet, Wei-tsang-thou-tschi, eine sehr ausführliche und farbenreiche Beschreibung Lhassas, zum Teil mit Einzelheiten über das Innere von Tempeln und Palästen die den übrigen Beobachtern unzugänglich bleiben mußten.

Aus all diesen Notizen können wir uns ein so vollständiges Bild der verbotenen Stadt machen, daß wir Sven Hedin Recht geben müssen, wenn er in seinem letzten Buche Lhassa, obwohl kein heut lebender Weißer es gesehen, für eine der am besten bekannten Städte des innern Asien erklärt.

Die Stadt liegt, in Gärten und Wäldchen bebettet, am Kitschu, einem linken Nebenflüsse des Sang-po, etwa 60 km vor seiner Mündung in diesen, aber nach den Messungen der Pundits in einer Meereshöhe von 3630 m. Daß trotz dieser gewaltigen Erhebung hier die Entwickelung eines so bedeutenden Kulturzentrums möglich war, liegt an der Bildung des breiten Talkessels, der nur nach Südwesten offen ist und der Sonnenwärme ungehinderten Zugang gewährt, während sonst hohe Berge ihn vor den eisigen Winden der umliegenden Hochflächen schützen.

Die sagenhafte Vorgeschichte der Stadt geht auf die ersten Anfänge des Buddhismus in Tibet zurück. Der König Srongdsan Gampo (gestorben um 698 n. Chr.), der diese Lehre einführte, hat, so heißt es, bereits den ersten Bau auf dem „roten Hügel-, dem späteren heiligen Berge Potala, errichtet, an dessen Fuß sich dann die Stadt Lhassa bildete.

Der Name Lha-ssa, der „Gottesstätte“ bedeutet, soll aus einem ursprünglichen Ortsnamen Rasa, der etwas anderes heißt, umgewandelt sein, als in dieser Ortschaft der große Tempel gegründet wurde, der heute Mittelpunkt Lhassas ist35). Er wird von Odorico de Pordenone noch nicht genannt, die Stadt war aber schon damals ein Mittelpunkt religiöser Art. Nicht viel später wandert Tsong-kapa, der Reformator des Lamaismus, aus der Gegend von Kumbum unweit des Kukunor hierher um von hier aus seine gewaltige Wirksamkeit auszuüben. Erst mit der energischen Entwicklung der Idee aber, daß der Großlama von Lhassa die immer erneute Wiedergeburt des Heiligen Padmapani oder Avalokita sei (s. S. 65), wird Lhassa das unumschränkte Haupt Tibets und allgemach der berühmteste Wallfahrtsort ganz Mittel- und Ostasiens. Insbesondere seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, wo der Großlama Nawang Lobsang den neuen Tempelpalast auf dem alten Königshügel bei Lhassa erbaut, ihn nach der mystischen indischen Heimatsstätte Avalokitas Potala benennt.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts wird der Großlama genötigt, infolge von Unruhen seine Residenz zeitweilig nach Kumbum zu verlegen. Die Waffen des Kaisers Kanghsi von China führen ihn nach Lhassa zurück, aber der tibetische Priesterstaat ist seitdem ein Glied des chinesischen Reichs.

Der religiösen Verehrung des Großlama und seines Sitzes Lhassa hat dies Verhältnis aber keinen Abbruch getan; im Gegenteil, die chinesischen Kaiser scheinen diese Verehrung aus politischen Interessen gefördert und sogar ostentativ geteilt zu haben. Hat doch z. B. Kaiser Kien-lung in den Jahren 1767 bis 71 in seinen Jagdgefilden von Dschehol, nördlich von der großen Mauer, eine großartige und kostspielige Nachbildung des Klosterpalastes von Po-tala aufführen lassen.

Welch eine Rolle die Stadt in den Augen der Buddhisten Innerasiens spielt, ergibt sich für uns recht eindrucksvoll daraus, wenn wir die ungemein lebensvolle Schilderung verfolgen, die Pater Huc von seiner Wanderung mit der mongolischen Pilgerkarawane, der er sich angeschlossen, entwirft. Hier erleben wir die ganze Erregung mit, welche die Schar beseelt und sie befähigt, ihre unendlich mühselige Wanderung über die Hochsteppen und himmelragenden Bergpässe des nordöstlichen Tibet zu unternehmen; die täglich wachsende Spannung, mit der jeder einzelne dem Auftauchen der heiligen Stadt entgegensieht. Endlich trennt nur noch ein mäßig hoher, aber steiler Bergrücken sie von dem Anblick der geistigen Metropole der buddhistischen Welt. Schon dieser Berg ist heiliger Boden; wer das Glück erringt, seinen Scheitel zu erklimmen, dem winkt bereits Vergebung aller Sünden. Zu Fuß und mit tiefer Andacht wird der Aufstieg begonnen, bereits ein Uhr Nachts, um bis zum Abend des folgenden Tages nach Lhassa zu gelangen. Gegen Untergang der Sonne kommen sie dann auf Zickzackwegen wirklich am südlichen Bergfuße an; in ihren letzten Strahlen liegt die heilige Stätte vor ihnen. „Diese Fülle von hundertjährigen Bäumen“, schreibt Huc begeistert, „welche die Stadt wie mit einer Umwallung von Laub umgeben, diese großen weißen Häuser, in Plattformen endigend und von kleinen Türmchen überragt, diese zahlreichen Tempel mit vergoldeten Dächern, dieser Buddha-Ia, auf dem sich der Palast des Dalailama erhebt alles das gibt Lhassa einen majestätischen und bedeutenden Eindruck“.

Ganz in derselben Weise, wie hier geschildert, nur oft noch unter größeren Beschwerden kommen die Pilgerzüge aus Nepal und Bhutan, aus Ladak und dem Tarim-Becken, aus der Mongolei, China und Hinterindien, ja aus Sibirien und vom europäischen Rußland; alle die Herzen voll zitternder Erregung, alle schon beseligt durch die um des Glaubens willen erlittenen Mühseligkeiten, alle in der brünstigen Erwartung des Heils, das ihnen der Segen des großen Priesterkönigs bringen soll. Als ßonvalot und Prinz Heinrich von Orleans 1890 die entsetzlichen Wüsten der nordwestlichen höchsten und unwirtlichsten Teile Tibets durchquerten, folgten sie der zufällig gefundenen Spur einer Pilgerstraße der Kalmücken, die von diesen als Geheimnis gehütet wird. Nirgends tritt einem die Macht der religiösen Exaltation eindrucksvoller entgegen, als wenn man sich vorstellt, wie diese armseligen Leute über die Hochpässe des Tienschan-Gebirges, durch das Sandmeer der Takla-Makan und endlich über diese entsetzlichen Hochebenen von Tschangtang hin und zurück pilgern, nur um den Fuß in die heilige Stadt gesetzt und das Haupt vor dem Dalailama gebeugt zu haben. — Hedin teilt in seinem letzten Buche die Geschichte jenes Lama aus Urga mit, der um irgend eines Vergehens willen das Recht verwirkt hat, Lhassa zu betreten. Um die Verzeihung des Dalailama zu erringen, legt er den mehrere tausend Kilometer langen Weg von seinem Wohnort bis nach Lhassa in Gebetsstellung zurück, d. h. er wirft sich nieder auf die Knie und Hände, zieht dann die ersteren nach, sodaß sie in die Spuren der Hände kommen, und wirft sich von neuem nieder. Sechs Jahre braucht er zu der schrecklichen Reise, und eine Stunde vor dem Tor der heiligen Stadt erreicht ihn die Nachricht, daß er, ohne Verzeihung zu erlangen, umkehren müsse.

Er tut dies und — wiederholt die gleiche Wanderung noch zweimal!

Das prächtige Bild Lhassas von weitem schildert einer der neuesten Besucher, der Pandit Sarat Tschandra Das, mit ganz ähnlichen Worten wie huc. Er kommt von Indien, den Kitschu aufwärts, und berichtet:

„Die ganze Stadt lag ausgebreitet vor uns am Ende einer Allee von knorrigen Bäume, die Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ihre vergoldeten Dome. Es war ein stolzer Anblick, wie ich ähnlich nie etwas gesehen. Zu unserer Linken war Potala mit seinen erhabenen Gebäuden und vergoldeten Dächern; vor uns, umgeben von einem grünen Rasenplan, lag die Stadt mit ihren turmähnlichen, weißgetünchten Häusern und chinesischen Gebäuden mit Dächern von blauen, glasierten Ziegeln. Lange Girlanden von beschriebenen und bemalten Lappen hingen von Haus zu Haus und wehten im Winde“.

Wir besitzen seit zwei Jahrzehnten sogar einen von dem Pundit Krischna während eines einjährigen Aufenthalts heimlich mit dem Maß seines Rosenkranzes aufgenommenen Plan von Lhassa, der allerdings bisher nur in einer sehr kleinen Wiedergabe als Karton auf der Karte seiner Reiserouten in Tibet in Petermanns Mitteilungen (Jahrgang 1885, Tafel t) veröffentlicht worden ist. Außerdem hat soeben Waddell im Oeographical Journal (März 1904) einen solchen publiziert, den er aus den Angaben von mehr als hundert von ihm befragter eingeborener Besucher Lhassas konstruiert hat. Welche Vorzüge ein auf diese Weise gewonnener Plan gegenüber dem von dem wohlgeübten Krischna an Ort und Stelle aufgenommenen beanspruchen darf, geht aus dem kurzen Geleitwort Waddells nicht hervor. Er stimmt in den wesentlichen Zügen mit dem alten Plan überein, den wir mit Erlaubnis der Geogr. Anstalt von Justus Perthes in Gotha hier beifügen, verallgemeinert aber viele Einzelheiten.

Nach Plan und Schilderungen liegt das Weichbild Lhassas ein wenig nördlich von den Ufern des Kitschu.

Seine lange, ostwestliche Achse beträgt etwa 3, die kurze, nordsüdliche, etwa 1 1/2km. Innerhalb dieses Ovals liegt die Hauptmasse der Häuser im östlichen Teil, geschart um den großen Tempel Dschovokhang, die uralte Hauptkathedrale  von Tibet, die man ebenso als die St. Peterskirche des Lamaismus bezeichnet, wie den Potala als seinen Vatikan. Dieser kolossalste Tempel Tibets gilt zugleich als der älteste des Landes; seine Gründung wird wie die des Potala auf Srong-dsan Gampo zurückgeführt. Der gegenwärtige Zustand stammt wohl im wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert, wo wir von einem Neubau hören. Das Hauptgebäude ist drei Stockwerk hoch und mit angeblich solid goldenen Platten gedeckt. Seine Außenwände sind mit primitiven Malereien aus der Lebensgeschichte Srongdsan Gampos bemalt. Eine Halle, von sechs Säulen getragen und reich mit Malereien, Skulpturen und Vergoldungen geziert, führt in das Innere.

Durch eine mit Bronze und eisernen Reliefs dekorierte Tür gelangt man zunächst in einen Umgang, den das Dach des unteren Stockwerks deckt. Eine zweite Tür, von Kolossalstatuen flankiert, leitet dann in eine große, basilikaartige Säulenhalle, die von oben durch transparente Ölstoffe hindurch erleuchtet wird; Seitenfenster gibt es nicht. Im Hintergründe führt endlich eine Treppe in das mit kostbaren Schätzen ausgestattete Allerheiligste, in dessen Rückwand die große Nische mit dem berühmten Bildnis Ssakjamunis sich befindet. Davor sieht man die reichdekorierten Thronsessel des Dalailama und anderer hoher Würdenträger der Hierarchie. Das unermeßlich heilige Buddhastandbild ist von gigantischer Größe, reich vergoldet und mit einer Krone aus Gold und Juwelen geschmückt. Es stellt den Stifter der Religion als jungen 16jährigen Priester dar und ist der Tradition nach ein Geschenk des Kaisers von China an Srongdsan Gampo, seinen Schwiegersohn, soll also aus dem 7. Jahrhundert stammen.

Der ganze Tempel ist mit einem Wall umgeben, und kein Weib darf während der Nacht in seinem Umkreis weilen. Rings herum läuft eine 4 m breite Gürtelstraße, der „innere Umgang“ genannt; auf ihr umschreiten die Prozessionen der Wallfahrer das Heiligtum, und zugleich ist die Hauptgeschäftsstraße der Stadt, eingefaßt mit Läden und von Straßenhändlern erfüllt. Hieran schließt sich die Hauptmasse der Stadt in dichtgedrängten Gassen umgeben von einer zweiter Gürtelstraße, 40 m breit den „mittleren Umgang“, jenseits dessen die Häuser und Karawansereien nur noch vereinzelt liegen. Diese endlich sind umschlossen von dem „äußeren Umgang“, der als großes Oval das umgibt, was man als das eigentliche Weichbild von Lhassa ansieht, auch den Potala einbegriffen. Die Quartiere der chinesischen Besatzung liegen außerhalb derselben — eine diplomatische Maßregel, durch welche die Form gewahrt wird, daß die heilige Stadt selbst keine fremden Truppen birgt. Auf diesem äußeren Umgang führen die Pilgerzüge ihre religiösen Umgänge in der bereits geschilderten Gebetsform durch fortgesetztes Niederwerfen aus. Sie vollenden auf diese Weise einen Weg, der sonst in drei Stunden zurückzulegen ist, innerhalb vier Tagen. Die besonders zerknirschten Pilger bezeichnen jedes Niederwerfen am Wege mit einer Münze oder einem wertvollen Stein.

Die Anzahl der Einwohner Lhassas wird sehr verschieden angegeben: zwischen 10000 und 100000 schwanken die mir bekannten Schätzungen. Die Unsicherheiten stammen zum Teil daher, daß der eine Berichterstatter die Mönche in den Klöstern der Umgegend zurechnet, der andere nicht, und daß die nicht ansässige Bevölkerungsmasse infolge der Pilgerzüge und zeitweiligen Handelsmessen augenscheinlich sehr stark flutet. Der zuverlässige Nain Singh gibt rund 30000, einschließlich 18000 Mönche an. Der jüngste Beobachter, Tsibikow, schätzt ähnlich die weltliche Bewohnerschaft Lhassas auf 10 000, die Insassen der umliegenden Klöster Sera und Galdan auf 15—16000). Sonach wird 10—12000 wohl für die Stadt Lhassa ein ziemlich vertrauenswürdiges Maß sein.

Über das Aussehen der Stadt im Innern gehen die Ansichten auseinander. Einige Beobachter schildern sie als sauber und freundlich, nur die Vorstädte seien ärmlich und schmutzig; die Häuser seien groß und würden durchgängig alle Jahre frisch geweißt, so daß sie stets wie neuerbaut aussähen. Ein besonderes Viertel zeigt nach Hucs anschaulicher Schilderung Hauswände, die aus einem mit Mörtel ausgefüllten Gerüst von Rinder- und Schafhörnern hergestellt sind, und bei denen man diesen Hörnern beim Weißen die Naturfarbe läßt und so ein seltsam phantastisches Muster erzeugt. Nach anderen Beobachtern starren wenigstens die Nebenstraßen geradezu von einem unerhörten Schmutz, der selbst Chinesenstädte als sauber erscheinen läßt. Vermutlich werden die letzteren Angaben der Wahrheit näher kommen, denn das tibetische Volk erscheint zwar durch heiteren Sinn, Gastlichkeit und manche andere Tugend, aber nicht gerade durch die der Sauberkeit ausgezeichnet.

Darin jedoch stimmen alle Schilderungen überein, daß trotz der ungeheuren Heiligkeit des Ortes ein äußerst reges Leben in der Stadt herrscht. Man drängt sich, schreit und gestikuliert, kauft und verkauft und sucht von den immer die Stadt füllenden Fremden an Vorteilen zu ziehen, was nur möglich ist. Alljährlich im Dezember findet eine große Messe statt, zu der die Händler aus China, Sikkim, Nepal, Kaschmir, Ladak, der Mongolei und anderswoher zusammenströmen. Ein buntes Gemisch von Trachten, Gesichtern und Sprachen sammelt sich hier, und der mohammedanische Turkestaner, der brahminische Hindu bewegt sich ohne Zwang zwischen den buddhistischen Völkern des inneren und östlichen Asiens. Die Eingeborenen Lhassas selbst fertigen Wollstoffe, die beliebten hölzernen Eßschalen der Tibeter und vor allem die massenhaften Kultgegenstände, deren die Priester und Wallfahrer bedürfen. Wenn aber der Tag sich neigt und noch eben der Schattenriß des heiligen Berges Potala sich gegen den blauen Himmel sich abzeichnet, dann ruht jede Arbeit; die Einwohner versammeln sich auf den flachen Dächern ihrer Häuser, in den Straßen, auf den freien Plätzen und werfen sich dort zu Boden, um ihre heiligen Formeln zu sprechen. Ein einziges dumpfes Geräusch, das gemeinsame Gebet der Stadt, klingt gegen Potala hinaus.

Diese letzte Örtlichkeit, gewissermaßen wieder das Allerheiligste Lhassas und mit Mekkas Kaaba ohne Zweifel der verehrteste Ort Asiens, liegt im westlichen Teile des Weichbildes, etwa eine Viertelstunde im Westen der eigentlichen Wohnstadt. Der Name Potala oder Bodala wird in Europa gern mit einer naheliegenden Volksetymologie als „Buddha-la“ d. i. Buddhasitz erklärt, wie es Huc in der oben (S. 93) angeführten Stelle tut; aber nicht mit Recht. Nach Jaeschke schon deshalb nicht, weil die Bezeichnung Buddha für den Religionsstifter in Tibet überhaupt nicht gebräuchlich scheint; er heißt hier Sang-gye. Nach ihm stammt das Wort aus dem Sanskrit und bedeutet etwas wie Landungsplatz, Hafen44). Der Potala ist ein isolierter, etwa 100 m hoher Felsen, der sich aus einem flachen Wiesental wie eine Insel aus einem See erhebt. Er trägt auf seinem Rücken jene merkwürdige Ansammlung von Kloster-, Palast- und Tempelbauten, in welcher der Dalailama und sein Hofstaat wohnen und dessen Anlage auf die ältesten Zeiten des Buddhismus in Tibet zurückgeht. Der Hauptteil des Ganzen, der sogenannte Phodang Marpo oder Marpori, der „rote Palast“, soll noch von Srongdsan Gampo herstammen.

Es ist unter den Berichterstattern nur eine Stimme, daß die Anlage dieser umfangreichen Baulichkeiten zwar einen etwas bizarren, aber doch unleugbar großartigen Eindruck ausübt, wie er der Bedeutung der Stätte wohl entspricht. Bis vor kurzem hatten wir nur eine einzige, mehr als zwei Jahrhunderte alte Abbildung davon, den hier wiedergegebenen Kupferstich in Kirchers „China illustrata“, der auf eine Zeichnung des Pater Gruber zurückgeht und die Quelle zahlreicher Reproduktionen geworden ist, z. B. der sehr wirksamen in Reclus „Geographie universelle“ (Bd. VII, S. 91), obwohl es deutlich erkennbar ist, daß sie bei Kircher Unkundige bearbeitet haben. So ist rechts ein großer zweirädriger Wagen angebracht, den es in Tibet nicht gibt. Es muß aber eine gar nicht üble Skizze zugrunde gelegen haben, denn heute gestattet die Photographie eine Vergleichung. Am besten eignet sich dazu die von uns wiedergegebene des Kalmücken Norzunof (Abbildung 8), die den Potala von der gleichen Seite her darstellt und in den großen Zügen eine überraschende Übereinstimmung mit der Zeichnung Grubers auf-weist.4:*) Sie bekundet zugleich, daß viele Baulichkeiten und die Gesamtanlage seitdem nicht verändert worden sind. Der Mittelbau zeigt fünf chinesisch geformte, nach der Schilderung goldgedeckte Dächer, die bei Kircher fehlen. Vielleicht gehören sie dem prachtvollen Aufbau an, den Kanghsi nach der Einverleibung Tibets dort aufgeführt hat. Kastell- und Mauerbauten umgeben den von allen Seiten würdevoll, ähnlich einer antiken Akropolis aufsteigenden Fels.

Das Innere des Potala wird von den Pandits und dem Handbuch Wei-tsang-thou-tschi mannigfach geschildert. Viele tausend Lamas sollen ihre Wohnungen darin haben. Im Innenhof des großen Mittelbaus befindet sich eine vergoldete, mit kostbaren Steinen geschmückte Kolossalstatue von 22 m Höhe — ‚anscheinend die eines Heiligen, nicht Buddhas selbst — die durch mehrere Stockwerke hindurchreicht. Auf umlaufenden Galerien des Hofes müssen die Pilger erst ihre Füße, dann ihren Gürtel, endlich ihr Haupt umwandern. Ähnlich wie der Vatikan soll der Palast des Großlama 10000 Zimmer haben, die angefüllt sind mit unermeßlichen Kostbarkeiten und Kunstschätzen; Prachtsäle mit geschichtlichen Wandmalereien werden uns genannt usw. Es empfiehlt sich freilich wohl, diese Darstellungen mit einiger Kritik entgegenzunehmen — berichtet doch z. B. Sarat Tschandra Das, die Abwässcrung im „Phodang Marpo“ sei so ungenügend gewesen, daß die Gerüche stellenweis erstickend waren4’1). Trotzdem ist kein Zweifel möglich, daß von kulturhistorischem, völkerkundlichem, auch geographischem (vgl. S. 15) Gesichtspunkte aus hier in der Tat unermeßliche Schätze literarischer, künstlerischer und gewerblicher Art aufgespeichert sein müssen, von einem Wert für die Erkenntnis des gegenwärtigen und vergangenen Asien, wie er nicht größer gedacht werden kann. Scheint doch dieser Stapelplatz ununterbrochener Sammlung von Gaben der gläubigen Buddhisten Asiens viele Jahrhunderte lang von kriegerischen Zerstörungen verschont geblieben zu sein. Wird er jetzt erschlossen, so mag der Himmel geben, daß die geradezu unvergleichliche Gelegenheit für die Wissenschaft die rechten, gleichzeitig in Pietät und Verständnis der Stunde gewachsenen Beobachter findet. Unersetzliches würde verloren gehen, wenn das nicht der Fall wäre.47) Prächtige Anlagen, Gärten, mit Lustschlösser, künstlichen Seen und rauschenden Bächen sollen den Fuß des Berges umgeben. Zwei schöne Alleen mit großen Bäumen führen von der Stadt zu ihm hin, stets belebt von reich gekleideten und wohlberittenen geistlichen Würdenträgern und von fremden Pilgern, die, den langen buddhistischen Rosenkranz zwischen den Händen und Gebete murmelnd, sich dem heiligen Berge nahen.

Manning und Huc berichten übereinstimmend, welch ein lebhaftes Treiben von Menschen unausgesetzt um den Fuß des Potala und an seinen Eingängen herrscht; jedoch im Gegensatz zu dem Lärm in der Stadt werde hier ein ernstes Schweigen bewahrt. Die religiöse Stimmung präge sich im äußeren Gebahren jedes einzelnen deutlich aus.

Zum Schluß noch einige wenige Worte über die seltsame Persönlichkeit, die den Mittelpunkt all dieser grenzenlosen Verehrung bedeutet, den Dalailama. Dies mongolische Wort, das „Weltmeerpriester“, d. h. der unermeßlich große Priester bedeutet, wird in Tibet selbst nicht gebraucht; das tibetische, mit dalai gleichbedeutende Wort heißt Gyamtso.

Auch nennt man ihn Gyalwa Rimpotschi, d. h. „der große Edelstein von Majestät“. Daß er nicht eine Inkarnation Buddhas selbst vorstellt, was man oft hören kann, sondern eine solche des heiligen Avalokita oder Padmapani, betonten wir bereits. Nach unseren früheren Ausführungen (S. 69) kann es nicht Wunder nehmen, daß fast alle Beobachter, die ihn zu Gesicht bekamen, ihn als ein Kind schildern.

Wir haben bis heute nur eine einzige europäische Abbildung des Dalailama. Sie geht ebenfalls auf eine Zeichnung Grubers zurück und findet sich auch in Kirchers „China illustrata“. Ganz augenscheinlich ist hier die vielleicht schon an und für sich ungenügende Vorlage noch unkundiger behandelt als die Zeichnung des Potala, allein das sieht man doch an dieser aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammenden Skizze, daß auch hier ein Kindergesicht wiedergegeben ist.

Höchst anziehend ist die Darstellung, die Manning von seiner Begegnung mit dem Dalailama gibt. Am 17. Dezember 1811 erstieg der englische Arzt die vierhundert Stufen zur Potala-Burg. In einer großen Empfangshalle befand sich der Priestergott inmitten seines Hofstaats, ein Knabe von etwa sieben Jahren. Manning berührte dreimal vor ihm den Boden mit der Stirn und legte dann seine mitgebrachten Geschenke: Geld und eine schöne Seidenschärpe, nieder. Der Knabe berührte ihm segnend das Haupt, eine Ehre, die nach Horazio della Pennas Angaben zu urteilen, sonst nur Königen, inkarnierten Heiligen oder fremden Gesandten zuteil wird.

Hierauf folgte eine kurze, durch einen Dolmetscher vermittelte Unterhaltung, die aus einigen Höflichkeitswendungen bestand. Mit höchstem Anteil aber beobachtete Manning dabei die schöne und interessante Erscheinung des hohen-priesterlichen Kindes. Dasselbe hatte, erzählt er, das einfache und ungezierte Gebahren eines wohlerzogenen prinz-lichen Knaben. Sein Angesicht war geradezu poetisch und rührend schön. Sein Wesen war muntere, liebenswürdige Freundlichkeit, sein schöner Mund ließ sich in anmutigem Lächeln gehn, ja er lachte sogar gelegentlich zwanglos, wenn auch mit Anstand. Manning, ein kecker, garnicht sentimentaler Abenteurer und sonst nicht ohne spöttischen Humor, sagt zum Schluß, die Unterredung mit dem Dalailama habe ihn außerordentlich ergriffen:

„Ich hätte weinen können, so seltsam war der Eindruck, und in tiefen Gedanken verließ ich den Ort.“

Um Neujahr muß der Dalailama sich für einen ganzen Monat in die Verborgenheit zurückziehen, um sich religiösen Übungen zu unterwerfen. Manning sah den heiligen Knaben noch einmal unmittelbar nach dieser Frist: er sah blaß und krank aus, wohl infolge seiner Kasteiungen.

Außerordentlich ähnlich klingt die Erzählung, die der Pundit Sarat Tschandra Das von seiner Audienz bei dem Dalailama am 10, Juni 1882 gibt. Er beschreibt zunächst den steilen Anstieg zur Höhe des Potala und die wundervolle Aussicht von dort.

„Nach einer Weile kamen drei Lamas und sagten, daß der Dalailama einen Gedächtnis-Gottesdienst für den verstorbenen Großlama des Meru-Klosters abhalten wolle, und daß wir dabei zugegen sein dürften. Mit sehr leisen Schritten wandelnd kamen wir zur Mitte der Empfangshalle, deren Dach von drei Reihen von Pfeilern, vier in jeder Reihe, getragen und durch von oben einfallendes Licht erhellt wird. Die Ausstattung war so, wie man sie gewöhnlich in den Lamasereien sieht, nur waren die Behänge von den reichsten Brokaten und Goldstoffen ; die kirchlichen Geräte waren von Gold und die Bemalung der Wände von ausgesuchter Feinheit. Hinter dem Throne fanden sich schöne Teppiche und Atlasvorhänge, ein großes „gyant-sar“, d. h. Baldachin bildend. Der Boden war schön glatt und glänzend, allein die Türen und Fenster, rot gemalt, waren von jener rohen Art, wie‘ sie im Lande gebräuchlich ist.“

Der Pandit deponierte dann in den Schoß eines Beamten seine Gabe für den Dalailama, ein Goldstück, und nahm hierauf mit den übrigen Pilgern seinen Sitz auf wollenen Decken ein, die in acht Reihen lagen. Er kam in die dritte, etwa zehn Fuß vom Thron entfernt.

„Der Großlama“, fährt er fort, „ist ein Kind von acht Jahren mit hellem und schönem Aussehen (bright and fair complexion) und rosigen Wangen. Seine Augen sind groß und durchdringend, der Schnitt seines Gesichts merkwürdig arisch, wenn auch etwas beeinträchtigt durch die Schiefstellung seiner Augen. Die Zartheit seiner Person war vermutlich der Erschöpfung durch die Hofzeremonien und die religiösen Pflichten und asketischen Übungen seiner Stellung zuzuschreiben. Eine gelbe Mitra bedeckte sein Haupt, und deren herabhängende Klappen verbargen seine Ohren; ein gelber Mantel umgab seinen Körper, und er hockte mit gekreuzten Beinen, die inneren Handflächen aneinandergelegt. Der Thron, auf dem er saß, war von geschnitzten Löwen getragen und mit seidenen Schleiern bedeckt, vier Fuß hoch, sechs Fuß lang und vier Fuß breit.“

Als alle gesegnet waren, goß einer der Beamten Tee in die goldene Tasse „Seiner Heiligkeit“, und vier Hilfsbeamte bedienten das Publikum. Nach einem Gebet wurde schweigend der Tee getrunken, der „mit einem entzückenden Wohlgeruch“ parfümiert war. Dann wurde vor den Dalailama ein Tisch mit Reis gesetzt, letzteren berührte er, und die geheiligte Speise wurde hierauf unter die Anwesenden verteilt. Und nun sang der Dalailama mit einer leisen, undeutlichen Stimme eine Hymne, die von den Lamas in tiefen, ernsten Tönen wiederholt wurde.

Hiermit hatte die Zeremonie ein Ende. Der Kämmerer gab dem Reisenden zwei Pakete gesegneter Pillen, und ein anderer band ihm ein Stückchen roter Seide um den Hals — die gebräuchlichen Gegengaben des Dalailama.

Dieser, von dem Pandit so interessant beschriebene Großlama ist nach den übereinstimmenden Berichten der letzten Besucher noch derselbe, der heute auf dem geistlichen Thron von Lhassa sitzt. Er ist also diesmal nicht vor seiner Großjährigkeit beseitigt worden, sondern muß jetzt etwa 32 Jahre alt sein 50). Der Japaner Kawagutschi hatte am 13. September 1900 eine Audienz bei ihm. Er schildert „His Sublimity“ als einen Mann von 28 Jahren, von einer feinen, intelligenten Erscheinung. Er sei von Natur ein Mann von überlegenem Mut und ausgezeichneten Fähigkeiten und von einer tiefen Kenntnis des Buddhismus. Seit er zu Jahren gekommen, habe er die Regierung völlig in die Hand genommen und hege große Absichten auf Reformierung der Verwaltung und Beseitigung alter Mißbräuche. Er habe einen geheimen Vertrag mit Rußland geschlossen, dessen Herrscher er für einen Buddhisten und einen mystischen Bodhisattwa, ähnlich ihm selbst, halte.

Das ist die letzte Schilderung, die wir von dieser merkwürdigen Persönlichkeit besitzen. Aller Voraussicht nach werden bereits die nächsten Wochen damit beginnen, die letzten Schleier zu lüften, die heute noch über Lhassa und seinem Dalailama ruhen. Wie weit die Vorgänge, die das mit sich bringen, umändernd oder zerstörend in diese merkwürdige Welt eingreifen werden, das vermag niemand vorher zu sagen.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

Tibet und die englische Expedition