Geboren 1477 zu Pieve di Cadore. Gestorben am 27. August 1576 zu Venedig.

izian wurde im Jahre 1480 zu Cadore, einem kleinen Kastell an der Piave, fünf Meilen von der Klause der Alpen, aus der Familie der Vecelli, einem der vornehmsten Häuser jener Gegend geboren. Im zehnten Jahre kam er, ausgerüstetmitglänzendemGeist und Geschick, nach Venedig zu seinem Oheim, einem angesehenen Bürger. Dieser erkannte des Knaben Lust zur Malerei und gab ihn bei Gian Bellino, einem damals trefflichen, und wie ich schon früher sagte, in der Kunst sehr berühmten Meister in die Lehre. Unter seiner Aufsicht übte sich Tizian im Zeichnen, und lieferte bald den Beweis, daß die Natur ihn mit allen Gaben des Geistes und Verstandes ausgerüstet habe, deren die Kunst der Malerei bedarf. Gian Bellino und die anderen Maler

jenes Landes, denen das Studium der Antiken fehlte, pflegten alles, was sie darstellten, ganz vornehmlich, oder richtiger ausschließlich nach dem Leben zu zeichnen, doch nach trockner, harter, steifer Manier und auch Tizian erlernte vorerst jene Weise. Als aber um das Jahr 1507 Giorgione da Castelffanco nach Venedig kam, begann er, da ihn das bezeichnete Verfahren nicht befriedigte, seine Werke mit mehr Rundung und Weichheit in schönerer Manier auszuflihren, ohne jedoch das Studium Von Leben und Natur zu vernachlässigen; ja er suchte sie so gut als möglieh in Farben nachzuahmen und durch kalte und warme Tinten zu schattieren, wie man es in der Wirklichkeit sieht, ohne eine Zeichnung zu machen, weil er der festen Meinung war, das richtige und beste Verfahren und wahre Zeichnung sei, wenn man nur mit Farben arbeite, ohne weitere Zeichenstudien auf dem Papier vorzunehmen. Flierbei vergaß er, daß niemand seine Kompositionen wohl verteilen und ordnen kann, ohne sie erst in verschiedenerWeise auf ein Blatt zu entwerfen, um zu sehen, wie alles zusammenstimmt. Die Phantasie vermag nicht in sich selbst die Erfindung vollkommen zu schauen, sie muß ihren Gedanken den leiblichen Augen eröffnen, die ihr helfen, ein richtiges Urteil darüber zu fällen. Überdem fordern nackte Körper großes Studium, wenn man richtige Einsicht davon gewinnen will, und man kann diese nicht erlangen, ohne auf Papier zu zeichnen. Will man darauf bestehen, nackte oder auch bekleidete Gestalten stets beim Malen vor sich zu haben, so wird man immer in großer Abhängigkeit bleiben, während der, welcher anfangs auf Papier zeichnet, allmählich mit größerer Leichtigkeit im Zeichnen und Malen Gegenstände zur Ausführung bringen lernt. Übung in der Kunst wird dadurch gewonnen, Manier und Einsicht werden vollkommen, und die Mühe und Anstrengung schwindet, mit welcher Malereien in der oben genannten Weise ausgeführt sind. Hierzu kommt noch, daß Zeichnungen dem Geiste Reichtum an schönen Gedanken geben, daß sie lehren, alle Gegenstände der Natur frei darzustellen, ohne sie stets vor Augen zu haben, oder den Mangel der Zeichnung unter dem Reiz der Farben verbergen zu müssen, wie viele Jahre lang die venetianischen Maler getan: Giorgione, Palma, Pordenone und andere, die weder in Rom noch sonst wo ganz vollkommene Werke gesehen haben.

Tizian, der die Manier Giorgiones kennen lernte, suchte sich von der des Gian Bellino frei zu machen, obwohl er sich lange Zeit daran gewöhnt hatte, und näherte sich der ersteren; er ahmte die Abeiten Giorgiones in kurzer Zeit so gut nach, daß seine Malereien bisweilen irrig für Werke jenes Meisters gehalten wurden, wie weiter unten berichtet werden wird. Reifer an Jahren, Übung und Einsicht, führte Tizian eine Menge Bilder in Fresko aus, die man nicht der Reihe nach aufzählen kann, weil sie an verschiedenen Orten verstreut sind. Es genügt, daß viele Leute von Verstand urteilten, es werde ihm in der Kunst der Malerei herrliches gelingen, gleich wie nachmals wirklich geschehen ist.

Im Anfang, da er der Manier Giorgiones zu folgen begann, und erst achtzehn Jahre alt war, fertigte er das Bildnis von einem Edelmanne aus der Familie Barbarigo, seinem Freunde, welches für sehr schön galt, denn die Treue des Kolorits war eigentümlich und natürlich, jedes einzelne Haar war so fein gemalt, daß man sie hätte zählen können, und das selbe gilt von den Punkten einer Atlasjacke in dem selben Bilde. Kurz es war so gut und fleißig ausgeführt, daß man es für eine Arbeit Giorgiones gehalten haben würde, hätte Tizian nicht auf den dunklen Grundseinen Namen gesetzt.

1507, während Kaiser Maximilian mit den Venezianern Krieg führte, malte Tizian, wie er selbst erzählt, in der Kirche von San Marziliano den Engel Raphael, Tobias und einen Hund, in der Ferne eine Landschaft mit einem Gebüsch, darin kniet St. Johannes derTäufer, der betend zum Himmel emporschaut und von einem Glanz aus der Höhe erleuchtet wird. Dies Bild, glaubt man, sei früher von ihm ausgeführt, als er die Wand beim Tuch« gewölbe der Deutschen begann. Mehrere Edelleute, die weder wußten, daß Giorgione nicht weiter an jenem Orte arbeite, noch daß Tizian (der schon einen Teil seines Werkes aufgedeckt hatte) daselbst beschäftigt sei, begegneten Giorgione und wünschten ihm als Freunde Glück, indem sie sprachen: er halte sich bei der Wand nach der Merceria zu besser, als er es bei der oberhalb des großen Kanals getan; worüber Giorgione solchen Verdruß empfand, daß er sich, bisTizian seine Arbeit ganz vollendet hatte und als Maler derselben ganz bekannt war, nicht viel sehen ließ und von da ab nicht mehr wollte, daß derselbe ihn besuche oder für seinen Freund gelte.

Durch den Tod Giovan Bellinos war ein Bild im großen Ratssaale unvollendet geblieben: Papst Alexander, weh eher dem vor ihm knienden Friedrich Barbarossa bei der Kirchentüre von S. Marco den Fuß auf den Nacken setzt Dies kam durch Tizian zum Schluß, indem er viele Dinge veränderte und viele Bildnisse nach der Natur darin anbrachte, mehrere seiner Freunde und andere Personen. Er verdiente, daß der Senat ihm zur Vergeltung dafür ein Amt im Tuchgewölbe der Deutschen gab, welches das Makleramt heißt und des Jahres dreihundert Scudi einträgt. Die Signoren pflegten es dem trefflichsten Maler ihrer Stadt zuzuteilen, wogegen er sich verpflichten muß, von Zeit zu Zeit, wenn ihr Fürst oder Doge erwählt wird, dessen Bildnis um den

Preis von acht Scudi zu malen. Diese bezahlt der Fürst, und das Bild wird zu seinem Gedächtnis im Palaste von San Marco aufgestellt.

Bembo, dessen Bildnis Tizian früher gefertigt hatte, war damals Sekretär vom Papst Leo X. und berief ihn zu sich, damit er Rom, Raffael von Urbino und andere kennen lerne; Tizian verschob jedoch die Sache von heute auf morgen; bis endlich Leo und im Jahre 1520 auch Raffael starb und er nicht hinkam. Er malte für die Kirche Santa Maria Maggiore einen St. Johannes in der Wüste, umher einige Felsen, ihm zur Seite einen Engel, der wie lebend erscheint, in der Feme ein kleines Stück Landschaft mit einigen sehr zierlichen Bäumen, die am Ufer eines Flusses stehen. Nach dem Leben von ihm ausgeführt sind die hochberühmten Bildnisse des Fürsten Grimani und Loredanos und nicht lange nachher das von König Franz, der Italien verließ, um nach Frankreich zurückzukehren.

1530, als Kaiser Karl V. in Bologna war, wurde Tizian, wie man sagt, durch Vermittlung des Aretiners Pietro von dem Kardinal Hippolyt von Medici nach jener Stadt berufen und fertigte ein schönes Bild von Sr. Majestät ganz in Waffenschmuck. Es gefiel dem Kaiser so wohl, daß er ihm tausend Scudi zahlen ließ; die Hälfte davon mußte er jedoch dem lombardischen Bildhauer Alfonso geben, der ein kleines Modell gearbeitet hatte, um eine Marmorbüste des Kaisers danach zu fertigen. Nicht lange nachher, da Kaiser Karl mit dem Heere aus Ungarn zurückgekehrt und noch einmal nach Bologna kam, um sich mit Papst Clemens zu besprechen, wollte er wiederum von Tizian gemalt sein. Dieser hatte vor seiner Abreise nach Bologna auch den Kardinal Hippolyt von Medici in ungarischer Tracht und zum zweiten Male in einem kleineren Bilde ganz in Waffen dargestellt, beide Gemälde aber befinden sich heutigen Tages in der Garderobe Herzog Cosimos. Gleichzeitig fertigte er das Bildnis des Marchese del Vasto Alfonso Davolos und des genannten Pietro aus Arezzo, welcher ihn damals bei Federigo Gonzaga, dem Herzog von Mantua, in Dienst und Gunst brachte. Er begleitete diesen Fürsten nach seinen Staaten und malte sein Bildnis so treu, daß es wie lebend erscheint; auch das vom Kardinal, seinem Bruder, und nach dessen Vollendung zwölf sehr schöne Brustbilder der zwölf Cäsaren zum Schmuck eines Zimmers, zwischen denen, welche Giulio Romano verziert hat. Dieser malte späterhin unter jedem Kaiser ein Bild von dessen Taten.

1541 fertigte er das Bildnis von Don Diego von Mendozza, dem damaligen Abgesandten Kaiser Karls V. in Venedig; er ist stehend in ganzer Figur abgebildet, eine sehr schöne Gestalt. Von da an begann Tizian einige Bildnisse in ganzer Figur zu malen, wie nachmals mehrfach in Brauch gekommen ist. Er fertigte in der selben Weise das Bildnis des Kardinals von Trient, als dieser noch jung war, und für Francesco Marcoloni das von Messer Pietro aus Arezzo, es gelang ihm jedoch minder gut als das frühere, das Messer Pietro selbst an Herzog Cosimo von Medici geschenkt hatte. Diesem sandte er außerdem das Brustbild des Signore Giovanni von Medici, Vater des genannten Herzogs, nach einer Maske gemalt, die in Mantua, wo er gestorben, von der Leiche abgenommen und in den Besitz des Aretiners gekommen war. Beide Bildnisse sind in der Garderobe Sr. Exzeh lenz unter vielen anderen zu rühmenden Gemälden aufgestellt.

In dem selben Jahre hielt sich Vasari dreizehn Monate in Venedig auf, um eine Deckenverzierung für Messer Giovanni Cornaro und einiges andere für die Brüderschaft der Calza zu arbeiten, und Sansovino, der den Bau von Santo Spirito leitete, ließ ihn die Zeichnungen zu den drei großen Ölbildern für die Decke fertigen, die er in Farben ausführen sollte. Als Vasari jedoch fort war, übertrug man jene drei Bilder Tizian, der sie sehr schön malte, indem er mit vieler Einsicht acht hatte, die Figuren von unten auf zu verkürzen. Auf dem einen ist Abraham, der Isaak opfert, auf dem anderen David, der Goliath den Kopf abschlägt, auf dem dritten Abel, den Kain, sein Bruder, erschlagen hat.

Damals fertigte Tizian sein eignes Bildnis, um es seinen Kindern als Andenken zu hinterlassen. 1546 wurde er von dem Kardinal Farnese nach Rom berufen und fand dort Vasari, der von Neapel zurückgekehrt war, um im Auftrag jenes Herrn den SaalderCancelleriazu verzieren. Der Kardinal empfahl Tizian an Vasari, und dieser leistete ihm mit großer Freude Gesellschaft und zeigte ihm die Merkwürdigkeiten Roms. Nach einigen Tagen der Ruhe gab man Tizian Wohnung im Belvedere und beauftragte ihn, noch einmal ein Bildnis in ganzer Figur von Papst Paul, eines von Farnese und eines von Herzog Ottavio zu malen, welche alle trefflich und sehr zur Zufriedenheit jener Herren von ihm ausgeführt wurden. Auf ihr Zureden malte er als Geschenk für Se. Heiligkeit einen Christus in halber Figur, ein Ecce homo. Sei es indes, daß die Arbeiten Michelagnolos, Raffaels, Polidoros und anderer ihm Schaden brachten, oder daß sonst ein Grund obwaltete, es schien den Malern, obwohl an sich gut, doch nicht von gleicher Trefflichkeit wie andere seiner Arbeiten, vornehmlich seine Bildnisse.

Eines Tages, als Michelagnolo und Vasari ins Belvedere gingen, um Tizian zu suchen, sahen sie dort ein in der Zeit von ihm gemaltes Bild, eine unbekleidete weibliche Gestalt, eine Danae, in deren Schoß Jupiter als Goldregen niederfällt, und rühmten (wie man’s macht, wenn der Künstler gegenwärtig ist) sein Werk sehr. Beim

Nachhausegehen redeten sie über seine Verfahrungsweise, und Buonarroti lobte sie und sprach: Tizians Kolorit und Manier gefalle ihm sehr wohl, es sei nur schade, daß man in Venedig nicht von Anfang an gut zeichnen lerne und daß jene Meister nicht in einer besseren Weise Studien machten: „Wenn diesem Manne (sagte er weiter) Kunst und Zeichnung Hilfe leisteten gleich der Natur, vornehmlich bei Nachahmung des Lebens, so könnte nicht mehr und Besseres geleistet werden, da sein Geist herrlich und seine Manier reizend und feurig ist.“ Dies ist gewißlich wahr, denn wer nicht genug zeichnet und auserlesene, antike oder neue Werke studiert, kann durch Übung allein das Richtige nicht treffen, kann nicht verbessern, was nach dem Leben gezeichnet wird, noch ihm die Grazie und Vollkommenheit der Kunst leihen, gegen die Regel der Natur, welche einzelne Teile gewöhnlich unschön hervorbringt. Endlich verließ Tizian Rom, wo er von den oben genannten Herren viele Geschenke, vornehmlich aber für Pomponio, seinen Sohn, ein Amt von gutem Einkommen erhalten hatte, und machte sich auf den Weg nach Venedig, nachdem Orazio, sein zweiter Sohn, das Bildnis von Messer Battista Ceciliano, einem trefflichen Violinspieler, ein sehr gutes Werk und einige andere Bildnisse für Herzog Guidobaldo von Urbino gemalt hatte. In Florenz angelangt, erstaunte er nicht minder über die seltenen Kunstwerke jener Stadt, als es bei den römischen der Fall gewesen war. Er besuchte Herzog Cosimo zu Poggio a Caiano und erbot sich, sein Bildnis zu fertigen; Se. Exzellenz achtete jedoch nicht sehr darauf, vielleicht um den vielen edlen Künstlern jener Stadt und seines Gebietes nicht unrecht zu tun.

Nach Venedig zurückgekehrt, vollendete Tizian ein Gemälde für den Marchese delVasto, eine „Allocution“ (so nannten sie es), die dieser Herr an seine Soldaten hält, und fertigte ihm die Bildnisse von Kaiser Karl V., von dem katholischen König und vielen anderen Personen.

Er fertigte, wie ich schon sagte, mehrere Male das Bild von Kaiser Karl V., wurde deshalb endlich an dessen Hof berufen und malte ihn, wie er damals in seinen fast letzten Jahren aussah, und so gefiel diesem höchst siegreichen Kaiser die Weise Tizians, daß er von der Zeit an, da er ihn kennen lernte, von keinem Maler außer ihm mehr dargestellt werden wollte. So oft er dessen Bild ausführte, erhielt er tausend Goldscudi zum Geschenk, und S. Majestät ernannte ihn zum Ritter mit einem Gehalte von zweihundert Scudi, der auf die Kammer von Neapel angewiesen war.

Als er König Philipp von Spanien, den Sohn Karls, gemalt, erhielt er auch von dort zweihundert Scudi fortlaufenden Gehalt; rechnet man zu diesen vierhundert die dreihundert, die ihm auf das Tuchgewölbe der Deutschen von den venetianischen Signoren gezahlt wurden, so hatte er, ohne sich zu mühen, jedes Jahr siebenhundert Scudi feste Einnahme. Die Bildnisse von Kaiser Karl V. und von Philipp sandte Tizian an Herzog Cosimo und sie sind in dessen Garderobe aufgestellt. Tizian malte für die Königin Maria einen Prometheus, der an den Kaukasus geschmiedet, von dem Adler Jupiters zerhackt wird, Sisyphus in der Hölle, der einen Stein trägt, und Tytius, den der Geier zerreißt. Diese mit Ausnahme des Prometheus erhielt Ihre Majestät und zugleich einen Tantalus in der selben Größe, das heißt lebensgroß auf Leinwand in öl gemalt. In einem bewunderungswürdigen Bilde stellte er Venus und Adonis dar. Venus ist ohnmächtig und der Jüngling will eben von ihr gehen, ihm folgen einige sehr treu nach der Natur gemalte Hunde.

Auf einem gleich großen Bilde sieht man Andromeda, die an den Felsen gefesselt, durch Perseus vom Meerungeheuer erlöst wird, ein über alles reizendes Gemälde. Das selbe gilt von einer anderen Diana, die mit ihren Nymphen im Quell badet und Äctäon in einen Hirsch verwandelt; außerdem malte er eine Europa, die auf dem Stiere durchs Meer reitet. Alle diese Bilder aber werden von Se. katholischen Majestät sehr wert geachtet, indem Tizian durch den Reiz der Farben den

Figuren fast wirkliches Leben verliehen hat. Wahr ist bei alledem, daß seine Verfahrungsweise in den letzten Lebensjahren von der seiner Jugend sehr verschieden war, indem er seine ersten Arbeiten mit einer gewissen Feinheit und mit unglaublichem Fleiß ausführte, sodaß man sie nahe wie ferne betrachten kann, während die des späteren Alters im Fluge, grob und fleckig gemalt sind, in der Nähe nicht gesehen werden dürfen, in der Ferne aber eine vollkommene Wirkung machen. Und diese Verfahrungsweise war Ursache, daß von vielen, welche ihn hierin nachahmen und Übung zeigen wollten, häßliche Malereien gefertigt worden sind, und zwar geschieht dies, weil es ihnen scheint, jene Bilder wären ohne Mühe vollendet, ob dies auch keineswegs der Fall ist und sie sich im Irrtum befinden; denn man erkennt, Tizian überarbeitete sie und ging mit den Farben so oft darüber, daß die dabei aufgewandte Sorgfalt sich wohl kundgibt. Eine höchst einsichtsvolle, schöne und erstaunenswürdige Manier, wodurch die Malereien sehr lebendig erscheinen und mit großer Kunst ausgeführt sind, während ihre Mühen verborgen bleiben.

Für den katholischen König malte er eine heilige Magdalena in halber Figur (bis zur Hüfte); ihre Haare sind aufgelöst und fallen ihr über die Schultern, Hals und Brust, während sie Haupt und Blicke unverwandt dem Himmel zukehrt, durch ihre roten Augen Reue und durch ihre Tränen Schmerz über ihre begangenenSünden kundgibt. Jeder, der dies Bild sieht, fühlt sich dadurch sehr bewegt und, was mehr ist, obwohl überaus schön, regt es doch nicht zu Üppigkeit, sondern zu Mitleid an.

Als es vollendet war, gefiel es Silvio……, einem vene*

zianischen Edelmanne, so wohl, daß er, als ein großer Verehrer der Kunst, Tizian hundert Scudi gab, damit er es ihm überlasse, und dieser war gezwungen, für den katholischen König ein zweites auszuführen, welches nicht minder schön gelang.

Diese und viele andere Werke, welche wir nicht anführen, um nicht zu ermüden, hat er bis jetzt gearbeitet, wo er etwa sechsundsiebzig Jahre alt ist. — Tizian war stets gesund und so glücklich wie je ein anderer Meister seines Berufes; der Himmel gab ihm nur Glück und Heil. In seinem Hause in Venedig sah man alle Fürsten, Gelehrten und vorzüglichen Personen, die zu seiner Zeit nach jener Stadt kamen oder dort lebten; denn nicht nur ist er trefflich in der Kunst, sondern auch sehr liebenswürdig, ist vorzüglich durch Sitten und zeichnet sich durch ein gefälliges Wesen und Betragen aus. Er hatte in Venedig einige Nebenbuhler, doch nicht von großer Bedeutung, sodaß er sie leicht übertreffen konnte, in der Kunst sowohl als in der Gabe, sich mit Angesehenen geschickt zu unterhalten und ihnen angenehm zu sein. Der Gewinn, den er von seinen Arbeiten zog, war groß, da sie ihm sehr gut bezahlt wurden; wohlgetan wäre indes gewesen, wenn er in seinen letzten Jahren nur zum Zeitvertreib gemalt hätte, um nicht durch minder vorzügliche Werke den Ruf besserer Jahre zu schmälern, wo er noch nicht durch Abnahme der Kräfte Unvollkommeneres leistete.

1566, da Vasari, der Verfasser dieser Geschichten, nach Venedig kam, besuchte er Tizian als seinen lieben Freund; er fand ihn, obwohl hoch an Jahren, die Pinsel in der Hand, mit Malen beschäftigt und hatte große Freude, seine Werke zu sehen und sich mit ihm zu unterhalten. Durch ihn lernte Vasari Messer Gian Maria Verdezzotti, einen venezianischen Edelmann, kennen, als einen Jüngling von großemTalent, Freund Tizians und recht guten Zeichner und Maler, wie er durch einige sehr schön ausgeführte Landschaften bewiesen hat. Dieser besitzt von der Hand Tizians, welchen er gleich einem Vater liebt und ehrt, zwei Figuren: einen Apoll und eine Diana, innerhalb zweier Nischen in Öl gemalt.

Tizian, der die Stadt Venedig, ja ganz Italien und andere Teile der Erde durch treffliche Malereien geschmückt hat, verdient von Künstlern geliebt und beachtet und in vielen Dingen bewundert und nachgeahmt zu werden, als jemand, der Werke ausgeführt und noch ausfuhrt, die eines unendlichen Lobes würdig sind und dauern werden, solange das Andenken berühmter Menschen bestehen kann. Zwar haben sich viele bei ihm in die Lehre begeben, doch ist die Zahl derer, welche man wirklich seine Schüler nennen kann, nicht groß, indem er nicht viel Anweisung gab, jeder aber mehr oder weniger lernte, je nachdem er es verstand, die Werke des Meisters zu nutzen.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo
Sandro Botticelli
Andrea del Verrocchio
Andrea Mantegna
Leonardo da Vinci
Giorgione da Castel Franco
Antonio da Correggio
Fra Bartolommeo di San Marco
Raffael von Urbino
Sebastiano del Piombo
Michelagnolo Buonarroti

Tizian von Cadore 1477-1576