Geboren zu Cadore angeblich 1477, Gestorben zu Venedig 1576.
Venezianische Schule

Tizian hat die Schönheit des Weibes in den zahlreichsten Gemälden verherrlicht, immer in neuer, wunderbarer Weise. Von seinen Jugendwerken, voran der „himmlischen und irdischen Liebe“, bis zu den Werken seines hohen Alters: den Darstellungen der Danaë, Europa und anderer Götterlieben, die der allerkatholischste Herrscher Spaniens bei ihm bestellte, wurde der Künstler nicht müde, dieses Thema zu wiederholen und immer neue geistige Anregungen aus diesem Born zu schöpfen. Zu diesen früheren Werken zählt auch die „Flora“ in der Galerie der Uffizien, welche unsere Heliogravüre in trefflichster Weise zur Anschauung bringt. Ihre Entstehung lässt sich, nach dem Vergleich mit datierten Gemälden des Künstlers, etwa in das Jahr 1520 setzen. Den Namen verdankt das Bild den Blumen, welche die junge Schöne mit der Rechten uns darbietet; aber der Künstler hat schwerlich die Absicht gehabt, die griechische Göttin in dieser Gestalt vorzuführen. Wenn wir durchaus in der antiken Mythologie nach einem Namen dafür zu suchen hätten, so müssten wir darin Himeros, das Verlangen, erblicken. Eine junge, bildschöne Venezianerin, die ihr Gewand gelöst hat und nur noch mit einer Hand es am Sinken verhindert, blickt sehnsüchtig zu dem Geliebten, dem sie die Blumen als redende Zeichen ihrer Hingebung entgegenstreckt. Die herrlichen Formen, die er auch in der Gewandung ahnen lässt, verhüllt der Künstler teilweise, um den Kopf um so stärker sprechen zu lassen und dem bestrickenden Ausdruck der leuchtenden Augen die volle Wirkung zu geben. Zugleich hat er durch das kühle Linnen und das lilafarbene Seidengewand die Leuchtkraft des Fleisches und das goldige Licht des offenen Haares noch erhöht.

TIZIANO VECELLIO 1477-1576

Geboren zu Cadore angeblich 1477, Gestorben zu Venedig 1576.
Venezianische Schule

Tizians Gemälde sind vor allem auf Farbenwirkung berechnet; Aufbau, Linienführung, Beleuchtung werden dadurch in erster Linie bestimmt. Dabei ist der Künstler aber auch in der Formengebung nicht selten von mächtiger Wirkung; so ein Bild, das durch Farbe und Form gleich sehr ausgezeichnet ist, ist die Grablegung in der Galerie des Louvre, eine der Perlen, die aus der Sammlung in Mantua, wahrscheinlich durch Rubens‘ Vermittlung, in die Galerie König Karls I. von England gekommen war und aus der Versteigerung dieser herrlichen Sammlung durch Cromwell vom Bankier Jabach erworben wurde. Jabach verkaufte sie an Ludwig XIV.; seither ist sie im Louvre geblieben. In der Komposition folgt der Künstler noch dem Vorbilde Donatellos in seinen verschiedenen Reliefs mit derselben Darstellung, aber durch die abendliche Beleuchtung gibt er ihr einen wesentlich stimmungsvolleren, milderen Ausdruck. Den Kopf Christi legt er in tiefen Schatten, und auf die Köpfe der klagenden Angehörigen lässt er nur einzelne Streiflichter fallen, um den Ausdruck zu mildem; nur der Körper Christi, der aus dem kalten Linnen warm herausleuchtet, ist in vollem Licht und erscheint dadurch in seinen grossen, herrlichen Formen. Schimmernde Seidengewänder verbreiten das flackernde Abendlicht auch über die dunklen Flächen und geben den tiefen, prächtigen Farben eine eigentümlich mysteriöse Weihe. Die ergreifende Wirkung des Bildes, seine machtvolle Farbenstimmung haben von jeher mächtig packend auch auf die Künstler gewirkt: Tintoretto und Paolo Veronese sind dadurch beeinflusst worden; Rubens, der das Bild noch in Mantua bewunderte, und A. van Dyck hat es als Vorbild bei ähnlichen Darstellungen vorgeschwebt, und Nicolas Poussin wie Eugene Delacroix haben daran gelernt.

TIZIANO VECELLIO 1477-1576

Geboren zu Pieve di Cadore 1477, Gestorben in Venedig 1576.
Venezianische Schule

In der himmlischen und irdischen Liebe Tizians besitzt die Galerie Borghese zu Rom ein herrliches Meisterwerk, unübertrefflich in dem idealen Gleichmass, in dem sich die verschiedensten künstlerischen Reize entfalten. Bewusstes Erwägen und der überschwellcnde Reichtum jugendlich männlicher Schaffensfreude eines Übermenschen sprechen aus dem prächtigen Glanz der saftigen venezianischen Lokaltöne wie aus der Fülle weiblicher Schönheit von klassischer Formengrösse. Links sitzt am Brunnen, dem Brunnen des Lebens, aus dem soeben Amor einen neuen Schatz heben will, die „irdische Liebe“, gehüllt in überreiche Gewänder. Ein glänzender Gürtel hält das helle Wollkleid über den Hüften, rosafarben kommt der rechte Ärmel hervor, und die behandschuhten Hände der stolzen Dame halten Blumen und eine grosse, bedeckte Schale. Scheinen hier die schönen Formen und die reichen Faltenlagen des üppigen Gewandes überfüllt, gefesselt in äusserlicher Pracht freier und reiner sprechen die in leichtem Fluss sich hingiessenden Linien der nackten Schönen, der „himmlischen Liebe“, auf der anderen Seite des Brunnens. Was dort die Falten verdecken, haben sie hier nur um so glänzender zu umrahmen: das flatternde, saftig rote Manteltuch soll nur den Abschluss nach rechts geben, so dass die schon durch die Horizontalen des Brunnens wie durch die neigende Profilwendung der rechten Frau vereinigten Figuren noch zu einer koloristischen Zentrale zusammengefasst werden. Denn auch das Trennende des dunklen Busches hinten wird durch das helle Figürchen des sich überbeugenden Amor gemildert. Die „Sprödigkeit“, wie man die linke Frau noch genannt hat, sie, die kühl, zurückhaltend ihre Schale verschlossen hält, beginnt leise die Augen scheinen es zu sagen dem Plätschern des von Amor bewegten Wassers oder vielmehr den Worten, den verlockenden Reden der anderen zu lauschen. Von dieser Mittelgruppe rechts und links zum Rande vertieft sich das Bild in klar herausgehobenen Absätzen. Indes tragen gerade diese idyllischen Ausblicke in die Ferne zu der Burg links mit dem vom Licht gestreiften Turme und zu dem Dorf, der Kirche hinten rechts am blauen See einen phantastischen Charakter. Dazu ist es das immer Fesselnde, das entzückend Märchenhafte des ewig Unerklärlichen – denn auch anders hat man die Darstellung, als „Venus die Medea überredend“, deuten wollen , jenes Romantische, Idyllische, welches Tizian hier als ein göttliches Geschenk von Giorgione übernommen hat. Entstanden muss es unmittelbar nach dem Tode Giorgiones sein, d. h. nicht lange nachdem Tizian dessen berühmte „Ruhende Venus“, jetzt in Dresden, vollendete. Freilich, gegenüber den schlichten und zarten Formen der liegenden Venus von der Hand des feineren Meisters lassen die Fülle und Festigkeit des fast hart beleuchteten Aktes, wie die Klarheit der Komposition bei Tizian eine in ganz anderem Sinne gewaltige, eine kühl beherrschende, schöpferische Kraft erkennen. Eigentümlich ist das im Vergleich zum Deckel auf dem Brunnen zu klein geratene Feuerbecken der rechten Figur. Wieder ein Beweis, dass die Meister höchster Kunst selbst die Wahrheit dem Schönen opfern, und mit welcher Freiheit sie dies tun. Gewiss hätte die entsprechend grosse Schale unangenehm gewirkt; sic wäre aus dem Bilde gefallen. Das Relief am Brunnen gibt in der Art des antiken Sarkophagreliefs eine auf den Sinn der Darstellung im Bilde noch nicht bezogene, genrehafte Szene aus einem Rennen.

TIZIANO VECELLIO 1477-1576

Geboren in Cadore 1477, Gestorben in Venedig 1576.
Venezianische Schule

In dem ersten Erwachen des Sinnes für das Individuelle war es natürlich, dass man zunächst nur im Gesicht geistigen Ausdruck finden mochte. Steif und unbewegt stehen die Köpfe der frühen Renaissance in den engen Bilderrahmen. Sic erscheinen wie direkte Ausschnitte aus grösseren Bildern. Leonardos Verdienst war es, auch die Hände, die feinen Finger zu Trägem seelischen Lebens zu machen. Dazu schafft er in seiner Mona Lisa den für Florenz im Anfang des Cinquecento gültigen Typus des Brustbildes, wo die Hände den unteren Abschluss geben. Aber inzwischen hatte man anderswo, in Venedig, eine neue Fassung des Porträts gefunden. Dort, wo man nach dekorativen Glanzstücken, nach Farbeffekten verlangte, gab das Kniestück die vollendete Lösung. Ohne an subtile Durchbildung des Ausdrucks und der Individualität im Gesicht gebunden zu sein, fern von dem Zwang einer geschlossenen realistischen Ausarbeitung des Raumes, welche im Ganzfigurenbild notwendig ist, konnte der Maler sich ganz in der Lust an Farbenpracht ergehen. Dem glänzenden, breit über den Körper fallenden Gewände gegenüber hat die kleine Farbfläche des Gesichtes mit den Händen einen Gegenwert zu stellen. Die lange Reihe prachtvoller Porträts von Tizian, dessen kaltblütige Kraftnatur wie keine andere begabt war, jede Persönlichkeit mit dem Minderwert ihrer Eigenart in ein glänzendes Ensemble zu bringen, zeigt die verschiedenen Phasen in klarer Fortentwicklung. Unser Porträt, seine Tochter Lavinia wiedergebend, gehört in die letzte Epoche. Es wird nicht lange vor 1555, dem Jahre ihrer Vermählung mit einem Cornelio Sarcinelli, entstanden sein. Die Pracht glänzender Lokalfarben in leuchtenden Gewändern und goldigem Kamat, wie sie die früheren Porträts Tizians überreich spenden, ist gewichen. Ein leichtes Spiel schillernder, pikanter Lichter, welche eine Art Phosphorglanz ausstrahlen, tummelt über das Goldbrokat des Gewandes, den reichen Schmuck der Haare und über die Perlen an der Schnur um den Hals. Das Karnat hat einen bleichen, allgemeinen Ton; an Stelle plastischer Durchbildung ist malerische Breite, flächenhafter Gesamtton getreten. Wenn hier das pulsierende Leben, wenn in der Farbe die strahlende Kraft zurückgedrängt wurden, Frische und Freiheit sprechen aus der Bewegung, dem lebhaften Schwung der Linien nach oben und nach der Seite in den zum Tragen erhobenen Händen und im Seitenblick über die Schulter zurück zum Beschauer. Ein roter Vorhang links, die gelbe Zitrone u. a. auf dem vollen Fruchtkorb schwebend über dem bleichen Himmel, beleben koloristisch die Fläche. Das Genrehafte in dem Motiv findet sich im übrigen äusserst selten bei Tizian, dessen Figuren immer in gewisser zeremonieller Stellung gegeben sind. Er mühte sich herzlich wenig damit ab, immer ein neues, gerade für die betreffende Persönlichkeit geeignetes zu finden. Da spielten bei ihm viel mehr Laune und Zufall als Durchbildung und Vertiefung mit. Es gab kein langes, sorgsames Abwägen: nur was die Kraft im Moment erfasste, war ihm gut. Und es war herrlich, weil hier Leidenschaft mit gewaltiger Beherrschung, wilde Phantasie in klarer, aus der Beobachtung geschöpfter Vorstellung gebändigt wurden. Jedenfalls sind es immer koloristische Effekte, die er sucht. Wenn es ihm gerade passt der Farbe wegen, setzt er eine Atelierfigur hinaus in die freie Landschaft und vor leuchtenden Abendhimmel.

TIZIANO VECELLIO 1477-1576