(1477—1576)
Leinwand,280×181 cm

In einer Halle, die von den flackernden Pechflammen einer fünf armigen Hängelampe unruhig erleuchtet wird, sitzt in weißem Mantel Christus auf den Stufen. Drei Knechte drücken ihm mit Stäben die Dornenkrone an das Haupt. Alle Gestalten sind von ungemein kräftiger Körperbildung und in heftigen Bewegungen begriffen, als hätte sie Michelangelo gezeichnet. Vorne rechts steht ein Knabe mit Schilfrohren im Arm, und vor Christus kniet ein schmucker Hellebardier, dessen Kleidung allein aus dem bräunlichen Helldunkel farbig aufleuchtet. In dem tiefen Ernst dieser Darstellung, in dem Ausdruck des Leidvollen, auch in der Zeichnung der Körper mit ihrer stark betonten physischen Kraft und Bewegung, kurz in diesem späten, farblosen Tizian erkennen wir den Maler der Assunta und der Madonna von Pesaro nicht wieder. Es ist ein Werk seines Altersstils, eines seiner allerletzten, nach einer Darstellung im Louvre von 1560 mit Veränderungen wiederholt. Einiges davon ist von Palma Giovine, seinem jüngsten Schüler, nachträglich ausgerührt worden. Wir bewundern diesen Altersstil, schon weil er uns ganz neue Seiten an Tizian zeigt, aber wir halten ihn nicht für das Höchste, nur weil er in seiner Entwickelung das Letzte gewesen ist. Ihre Mittagshöhe hat die venezianische Malerei mit dem Tizian erreicht, wie er bis 1550 geworden war.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München TIZIANO VECELLIO 1477-1576

Abbildungen Kunstdrucke TIZIANO VECELLIO 1477-1576