Kategorie: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum


Fragen wir nun nach Bedeutung und Stellung des Turmhelms im gegenwärtigen Bausdiaffen. Stadttore werden heute nicht mehr gebaut. Es käme für unsere Betrachtung also vornehmlich seine weitere Entwicklung auf Kirchen in Betracht. Hier wird es nötig sein, das Problem des Kirchenbaus der Gegenwart ein wenig zu beleuchten. Von vornherein kann wohl bemerkt werden, daß für den Turmhelm der Kirche mit dem Abschluß des 18. Jahrhunderts seine größte geschichtliche Bedeutung vorüber war. Das 19. und 20. Jahrhundert hatten neben dem religiösen ganz andere Impulse zu hervorragender Stärke entwickelt. Sie haben auf wirtschaftlichem Gebiet ihre gigantische Entfaltung erfahren und auch dort im BauwiHen einen alles überwältigenden Ausdruck gefunden. Die gewaltige Umformung des Lebens konnte auch den Kirchenbau auf die Dauer nicht unberührt lassen. Heute soll auch für Kirchen und Türme die Zeit der Nachahmung vorüber sein. Auch sie sollen ein zeitgemäßes Gesicht haben. Auch sie sollen den Formcharakter annehmen, den Technik und Verkehr geprägt haben. Es ist wohl nicht leicht, in diesem Geiste für gläubige Seelen Kirchen zu bauen. Die katholische Lehre ist unwandelbar und im Mittelalter verankert. Es ist zweifelhaft, ob ihre Anhänger in Gotteshäusern, die jede Romantik und Mystik vermissen lassen, volles Genügen finden. Die evangelische Kirche kann auf alle Mystik verzichten. Sie will ihrem Wesen nach Predigtkirche sein und nur durch das Wort wirken. Aber auch unter den Protestanten sind viele, deren religiöse Bindung und Erbauung zu nicht geringem Teil auf dem Raumzauber unserer schönen alten Kirchen und auf der suggestiven Wirkung ihrer kostbaren Einrichtungen und schmückenden Beigaben beruhen. Sie erwecken durch ihre Ehrwürdigkeit Ehrfurcht, die an sich schon einer gewissen Einstimmung und Frömmigkeit gleichkommt. In einer Zeit, in der die letztere in weiten Kreisen gelockert ist oder nichtkirchliche Formen angenommen hat, muß es besonders schwer sein, neue Kirchen zu bauen, die die Seelen in gleichem Maße bindet wie die alten erhabenen Zeugen der Vergangenheit.

Heute, nachdem in Deutschland das völkische Bewußtsein wieder lebendig wurde, ist es selbstverständlich, daß auch die unserer Volksseele eigentümliche Formkraft zu neuem Leben erwacht. Die überwältigende Wucht des gotischen Bauwil-Icns beseelt wieder unsere heutige Baukunst. Wenn wir auch nicht die besonders betonte Senkrechte wiederfinden — sie war ja nur der Ausdruck für die transzendentale Seite des gotischen Geistes — so spüren wir doch in unseren gigantischen Bauten von heute die gleiche zusammengeballte Kraft. Allerdings stehen heute in den großen Städten nicht mehr die Kirchen an erster Stelle im Bauprogramm, sondern riesige Kontorund Handelshäuser und Werkanlagen. Ohne ihre hohen Helme würden sich Hamburgs Kirchen schon heute kaum neben solchen Bauten behaupten können. Kirchliche Neubauten haben dagegen nur eine untergeordnete Bedeutung. Ihre Errichtung erfolgt eigentlich nur in neuen Sicdclungsgcbictcn.

Vertikale und Horizontale sind heute in gleichem Range die herrschenden Linien. Kubische und prismatische Bauglicder von gewaltigen Ausmaßen fügen sich zu organischen Einheiten zusammen. Wo bleibt da noch Platz für Turmhclmc? Die Türme treten als hohe gemauerte Prismen auf und zeigen keinen Helm oder nur die unbetonte Andeutung eines solchen. (Kirchen in Hamburg-Langenhorn und am Straßburger Platz in Ham-burg-Bambeck.) Oder sie bedeuten einen schüchtcrnen Widerhall aus vergangener Zeit. Das reizende neue Kirchlein in Hamburg-Meiendorf schmückt in diesem Sinne ein kleiner Dachreiter. Vielleicht ist die Zeit der hohen, prächtigen Turmhelme ganz vorüber. Vielleicht gehören sie für immer der Geschichte an, um mit Stolz und Würde, mit Ernst und Frohsinn von dem großen Kulturschaffen vergangener Zeiten zu erzählen. Dann sind sic unseres besonderen Schutzes und unserer besonderen Würdigung wert. Vielleicht ist aber der Turm mit seinem Helm dem Deutschen doch so stark in die Seele eingezeichnet, daß er als ein traditionelles, unauslöschliches Symbol immer wieder zum Leben erwacht.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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Dresden im 16. JAHRHUNDERT
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Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART
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Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum
Landschaft, Mensch und Bauwerk im niederdeutschen Raum
Sinn und Bedeutung der Türme und Tore
Vom Wesen und Aufbau des Turmhelms
Einfache Bedachungsformen der Türme
Die vierseitige Pyramide und der Kegel als Turmhelm
Der achtseitige pyramidische Helm und seine Verbindung mit dem Vierkantturm
Schmuckformen der Helmpyramide
Das achtseitige prismatische Bauglied als Träger der Pyramide
Die typischen Formen romanischer Turmhelme
Schrumpfformen des Helmes und das kreuzförmige Satteldach
Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß der Renaissance
Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß des Barock
Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß des Klassizismus

Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum


Die Kehrseite des Barock und des Rokoko wurde der Klassizismus. Niemals hatte die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Verbindung mit der Antike, beziehungsweise der Renaissance, auf deren Formen und Grundlagen sie erwachsen war, gänzlich gelöst. Das finden wir in der Architektur, der Malerei und der Plastik bestätigt. Fürsten wurden gern als antike Heroen dargestellt. Der Barock hatte nur gegenüber leeren Formen nach kraftvolleren gesucht und nach tieferer Beseelung verlangt. Der schwärmerische und süßliche Charakter des späten Rokoko, der auch auf anderer Ebene in Klopstocks Dichtungen unverkennbaren Ausdruck fand, erfuhr eine Abkühlung durch die Aufklärung, deren Kunstform der Frühklassizismus war. Er war eine gedankliche Richtung ohne künstlerische Freiheit, die auf rein verstandes-mässiger Verwendung antiker Formen beruhte. Er umfaßte die Zeit von 1770—1800. Friedrich d. Gr. unterstützte diese Bewegung sehr. Wir finden in •seinen Bauten, deren Schöpfer Gontard und Knobelsdorff waren, immer wieder die Kuppel und die Säulenreihe. In diesem Sinne entstanden die Gendarmenkirche, die Französischen Kirchen in Berlin und Potsdam, die Hedwigskirchc in Potsdam (im 19. Jahrhundert vollendet) und die Neue Kirche in Berlin.

Erst mit den begeisterten und begnadeten Künstlern Schinkel, Gilly und Semper entstand der reife Klassizismus, an dem dann auch ein größerer Teil des Volkes lebendigen Anteil nahm. Die Kuppel der wundervollen Nikolaikirche in Potsdam ist ein Werk Schinkels. Eine andere niederdeutsche Residenzstadt, Ludwigslust, wird noch heute von den edlen Bauformen jener Zeit beherrscht. Die Kirchen dieser Zeit, zu denen die dortige Schloßkirche und die Englische Kirche in Hamburg gehören, weisen jedoch oftmals keine Türme auf. Dennoch muß hier auf die Kirche in Husum (178) hingewiesen werden, die ein Ergebnis der klassischen Bauweise ist. Wenn hier von einem Helm gesprochen werden soll, so kann man darunter wohl nur die halbkugelförmige Kuppel mit dem Kranz verstehen. Sie muß jedoch notwendig im Zusammenhang mit der ganzen Turmfassade betrachtet werden. So empfinden wir die klare Aufteilung, die Ausgeglichenheit von Last und Kraft, das Gleichgewicht von Waagerechten und Senkrechten und überhaupt die feierliche Schönheit des Maßes.

In der Kirche in Krempe in der Marsch (179) hat sich mehr als sonst irgendwo auch unter dem nivellierenden Gewände des Klassizismus die Kraft des Volkstums und die Bodenständigkeit behauptet. Ein mächtiger Vierkantturm, dessen beträchtliche Flächen nur ein schönes, schlichtes Portal und je ein Paar nicht große Rundbogenfenster beleben, wird oben von einem Gitter mit massiven Ecken umsäumt. Er trägt einen wuchtigen, fensterlosen Rundturm, dessen gleiche Breite und Höhe ihm ein gewaltiges Gewicht geben. Sein einziger Schmuck sind eine klein und gedrückt wirkende Rundbogentür an der Stirnseite des Turmes und ein Tropfenkranz unter dem Randgesims. Über den Rundturm wölbt sich eine patinagrüne, halb-kugelförmige Kuppel, über deren Scheitel sich eine offene, runde Laterne mit acht Bogenfenstern erhebt.

Als dritte muß hier die Vicelinkirchc in Ncu-münster genannt werden. Alle drei sind als Werke des dänischen Baumeisters Hansen nach dem Vor-bildc der Frauenkirche in Kopenhagen entstanden.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß der Renaissance
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Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum

Mit dem Ausbruch des 30jährigen Krieges hörte in unseren Landen die Renaissance auf. Deutschland war nach dem Kriege ein Friedhof. Es hatte den Anschluß an sein früheres Kunstschaffen verloren. Künstlerisches Wirken aus eigener Volkskraft war vor der Hand nicht mehr möglich. Die religiösen Verfolgungen durch Philipp II. brachten einen Strom von Holländern nach Norddeutschland. Aber auch die Hugenottenkriege fielen in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, So blieb auch französische Zuwanderung nicht aus. Die Fürsten nahmen die Verfolgten wegen ihres Wohlstandes und ihrer Fähigkeiten willig auf und erteilten den Künstlern aus ihren Reihen zahllose Aufträge. Die Blutverwandtschaft und die Verwandtschaft einiger Fürstenhäuser (Brandenburg und Anhalt) führten wohl mit zur Bevorzugung der Holländer. Ihre Spuren aus jener Zeit finden wir u. a. noch heute in der Holländischen Straße in Potsdam, in Stade, in Friedrichstadt a. d. Eider, in der St. Georger Kirche in Hamburg und in der Nikolaikirche in Schwerin. Während sich die norddeutschen Künstler dem holländischen Einfluß, seltener dem französischen ergaben, lehnte sich Süddeutschland mehr an Italien an. Überall war ein großer Wandel eingetreten. Das hatte notwendig so kommen müssen! Die Renaissance mit ihren antiken Formüberlieferungen band die Schaffenden doch so s’ehr an feste Regeln, daß phantasiebegabte Künstler in ihrer Entfaltung außerordentlich gehemmt waren. Wenn sie auch mit größerer Unbekümmertheit und Frische ihre Formelemente verarbeiteten als in der Renaissance des 19. Jahrhunderts, so blieben doch wertvolle Kräfte zur Unfruchtbarkeit verdammt. Als aber einmal um die Mitte des 17. Jahrhunderts der Damm durchbrochen war, entwickelte sich aus diesen gestauten Kräften ein überwältigender Reichtum. Der Barock ist auch für den Kirchenbau eine überaus produktive Zeit voll drängender und stürmender Kraft gewesen. Er war zugleich reich an Phantasie und Gefühl. Wenn auch ebenso wie in der Renaissance nicht immer neue Kirchen gebaut wurden, so wurden doch gerade die Helme nach Sturmoder Brandschäden oft zeitgemäß erneuert. Und wie Hamburg im Barock überhaupt seine große Baugeschichte erlebte, so erhielten aus gegebenen Notwendigkeiten fast alle seine Helme ein barockes Gesicht, auch die alte Nikolaikirche gehörte dazu. Die fremden Anleihen fielen auf fruchtbaren Boden. Künstler von Format, man denke an Sonnin, haben uns die herrlichsten, von deutschem Geiste getragenen Denkmäler geschaffen, Helme von strahlender, leuchtender Schönheit. Wir finden schwere und wuchtige Formen, aber auch solche von rokokohafter Zierlichkeit. Die horizontale Gliederung und der Wechsel von Arkadenkränzen oder Laternen mit Kuppeln, also der Wechsel von Baugliedern mit geraden und geschwungenen Linien, wird aufrechterhalten, meistens unter Wahrung der pyramidischen Spitze. Der Kreis wird lebendig, fängt an, sich zu dehnen und wird zum Oval. Die Kuppeln werden ebenfalls lebendig, weiten sich zu neuen, regelmäßigen, in der Ansicht jedoch schiefrunden Gebilden, zu Hauben-, Glocken-und Zwiebelformen.

Bei der Fülle der barocken Helmformen scheint es notwendig, nach Übersicht und Ordnung zu suchen. Dabei ergibt sich, daß sie alle auf bisher gezeigte Formen und gemeinsame Wurzeln zurückgehen, und daß der geradezu beunruhigenden äußeren Mannigfaltigkeit letzten Endes doch eine große Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt. Wir finden folgende Formen, die alle mit oder ohne prismatische Zwischenglieder auftreten können, in den Barock übersetzt wieder:

1. die vierseitige Pyramide auf dem Vierkantturm,

2. die achtseitige Pyramide ohne Vermittlungskranz auf dem Vierkantturm,

3. die achtseitige Pyramide mit Vermittlungskranz auf dem Vierkantturm,

4. die achtseitige Pyramide mit Zeltdachecken auf dem Vierkantturm,

5. die achtseitige Pyramide auf Rundturm und

Oktogon,

6. die achtseitige Pyramide mit vier Ecktürmchen.

1 a) Das Turmdach in Dörnhagen bei Paderborn (103) geht auf das Zeltdach zurück, das in Großenaspe (104) auf die hohe vierseitige Pyramide. An ähnlichen Beispielen im ostpreußischen Oberland (105) und in Stavenhagen (106) wird durch die Horizontale schon eine Gliederung angedeutet. Das letztere nimmt in der bogenförmigen Unterbrechung des Gesimses über der Uhr ein besonderes Barockmerkmal an.

1 b) Die beiden den Giebel von St. Mariä Himmelfahrt in Köln (107) flankierenden hohen Türme tragen eine Bedachung, die auf die Dörn-hagener Form zurückgehen könnte. Das Turmdach von St. Georg in Köln (108) bewahrt bis zum Fuß der Zwiebelform den quadratischen Querschnitt. Freihängende, überdachte Glocken und eine Reihe von Luken dienen ihm als Schmuck.

Das Dach des Turmes von Ütersen (98) finden wir mit geschwungenen Flächen auf dem von Oldenburg (Holstein) (109) wieder. Hier bemerken wir zugleich eine winklige Durchbrechung des Dachgesimses über der Uhr.

In Kappeln (110) scheint sich der untere Teil der unterbrochenen Helmpyramide unter der Last fast kuppelförmig zu wölben. Die Schärfe der Kanten wird durch Fasen, die am Turm hinaufführen und bis zur Helmspitze reichen, gemildert. Nahe über dem Prisma legt sich um die Pyramide ein kräftiger Wulst. — In Schönberg in der Probstei (111) wird die Fase in gleicher Breite bis zum Fuß der Kugel hinaufgeleitet. Diese, die eine Ausweitung der Pyramide darstellt, wirkt sehr schwer, da sie die Breite der Laterne erreicht.

Auch der Helm der Kirche in Nienstedten bei Hamburg (112) ist bis auf die Spitze im Querschnitt nahezu quadratisch. Er ist ganz in Kupfer gekleidet. Der Turm der Garnisonkirche in Potsdam besteht aus vier aufeinandergesetzten, nahezu kubi– sehen Körpern, die nach oben hin kleiner werden.

Der letzte, der das bekannte Glockenspiel birgt, trägt auf vier Eckpfeilern, denen je zwei Säulen vorgelagert sind, die in Abbildung (113) wiedergegebene Helmform. Sie ist zweiteilig, im Querschnitt quadratisch und hat abgefaste Kanten. Die Flächen des unteren Teils sind nach außen, die des oberen nach innen gebogen. Der besondere Schmuck ist eine Krone, aus der ein Kreuz emporragt, das auf der Spitze eine strahlende Sonne und auf den Seitenarmen den preußischen Adler und das Buchstabenzeichen des Königs Friedrich Wilhelm I. trägt.

Unter demselben Fürsten entstand auch die Heiligegeistkirche in Potsdam (114). Der Dachrand über dem oberen Geschoß ihres Tuimes ergibt infolge vorgelagerter Pilaster und Säulen ein Quadrat, aus dem die Ecken rechtwinklig herausgeschnitten sind (115). Der darüber errichtete Helm hat in allen Höhen einen kreisföimigen Querschnitt, Er besteht aus einer halbkugelartigen Kuppel, einer offenen Laterne und der Spitze. Der wuchtige Turm der Garnisonkirche ist als Symbol eines preußischen Heiligtums wohl bekannter als der der Heiligegeistkirche. Dennoch verdient dieser aus ästhetischen Rücksichten wohl die größere Beachtung.

2 a) Auf dem Kirchturm in Gresse (Meckl.) (116) finden wir den Zarpener Helm (26) in den Barock übersetzt wieder. Er hat hier die Gestalt einer Glockenblume angenommen, die natürlich nicht fünf, sondern acht Rippen aufweist. — Hier müßten auch Bergedorf, Altengamme und Scclow noch einmal genannt werden (28, 30, 32).

2 b) In Kladrum (Meckl.) (117) bemerken wir eine ähnliche Überführung ins Achteck, das einen sich verjüngenden „Turm“ mit zwiebelförmiger Haube trägt.

Auf dem urgewaltigen Turm der altherwürdigcn Kirche in Zirkow auf Usedom erhebt sich aus einem pfannengedeckten Zeltda.ch ein schlichter, vierkantiger Holzturm, der nach der Art des Zar-pener Turmes (26) eine achtscitige Pyramide aufnimmt, die hier barocke Gestalt angenommen hat.

Im Stadtbild von Rostock finden wir ähnlich wie in dem vom alten Hamburg vorwiegend Barocktürme. Der schönste von ihnen soll hier genannt werden. Es ist der Jakobiturm (118). Sem Helm unterscheidet sich deutlich von der üblichen Form seiner Zeitgenossen. Im oberen und unteren Teil hat er den Charakter einer achtscitigen, gotischen Pyramide bewahrt. Sie ist mit dem Turm weder durch Schildgicbel noch durch ein Schleppdach verbunden und steht mit ihren acht geraden Beinen unmittelbar auf der waagerechten Ebene der oberen Turmkanten. Vier erreichen die Mitte dieser Kanten, die anderen vier lassen die Turmecken frei (vgl. 49. Verden, Andreaskirche). Der Turmrand ist von einem feinen Gitter umgeben. In diesem Kranz bilden vier Zifferblätter und die Bekrönungen der Ecken einen schönen Schmuck. Der Helm verjüngt sich oberhalb einer horizontalen Gesimslinie und führt in geschwungenen Flächen über zwei Arkadenkränze zur Spitze.

Auf dem breiten Turm der Marierikirche in Rostock (119) hat man eine hübsche Lösung gefunden. Über dem Turmrechteck schwingen sich vier Flächen als hohe Pyramide empor. Der Eindruck wird dadurch erhöht, daß eine Anzahl anderer Linien, die von den Erkerecken aufwärts führen, denselben Rhythmus aufweisen. Etwa in mittlerer Höhe tritt ohne Vermittlung die achtseitige Helmform mit Laterne und sehr schlanker Spitze auf.

Audi auf dem Westturm der Klosterbasilika in Freckenhorst (Westf.) (120) beginnt über der vierseitigen Laterne unvermittelt die achtseitige Pyramide.

3 a) Ungegliederte barocke Helmpyramiden mit dem bekannten Vcrmittlungskranz begegnen wir auf vielen Hamburger Landkirchen: Eppendorf (121), Curslack (122), Moorburg (123), Oclisen-wärdcr (124) und Bergstedt (125). Während bei den drei ersten die Trennung von Pyramide und Schleppdach nur durch ein Sims erfolgt, ist in Bergstedt an dieser Stelle ein Gürtel eingefügt und in Ochsenwärdcr eine Laterne. Die originellste von diesen Dorfkirchen ist wohl die in Curslack, wo der Blick vom Mauerwerk bis zur Spitze in drei Etappen auf geschwungenen Linien hinaufgleitet.

Auf dem schmucken Dachreiter der Kirche in Plön (126), der durch die Arkadenfenster und die Zifferblätter so schön aufgeteilt ist, hat auch der Helm eine recht gefällige Form. Die S-förmig geschwungenen Flächen des Schleppdaches tragen eine Pyramide, deren unterer Teil stark ausgeweitet ist.

An der welschen Haube auf dem Burgtor in Lübeck (127) sind die Gratlinien mehrfach gebrochen und ausgerundet. Auf der Kirche in Bosau (II) hat die Pyramide Zwiebelform angenommen. Abgesehen von der Einschnürung über dem ganz unbetonten Vermittlungskranz ist diese Haube der vorigen ähnlich. Auch der Kirchenhelm in Greven bei Münster (128) ist ihr verwandt. Er reckt sich jedoch durch seine Spitze höher empor. — In Rosenberg bei Marienburg (129) ist die Pyramide durch Horizontale in drei Abschnitte gegliedert.

Am Glückstadter Kirchenhelm (130) ist der Vermittlungskranz zum Hauptkörper geworden. Er erscheint stark aufgebläht und emporgezogen und trägt eine kleine Haube (vgl. 117, Kladrum). Die schwerfällige Form wird durch Fensterluke, Uhr und freihängende Glocken belebt. Besonders erwähnenswert ist der Schmuck der Helmstange. Über einer goldenen Kugel schwebt, wie im Wappen der Stadt, Fortuna mit wehendem Schleier. Über ihrem Haupte sieht man eine goldene Krone als Symbol des Königs von Dänemark.

Auch am Helm der Nikolaikirche in Schwerin (132) ist der Vermittlungskranz zum Hauptteü geworden. Er hat sich gewaltig gedehnt und steht breitschultrig da. Ein breites Gesims trennt ihn von der zierlichen, fein geschweiften pyramidischen Spitze.

In dem Sehlcppdach des Turmhclms von Prob-steierhagen (131) wurden die Dreiecke zwischen den vier Trapezen infolge der stumpfen Turmecken in breite Bandstreifen verwandelt (vgl. mit Schönberg in der Probstci). Es schließt oben mit einem regulären Achteck ab und trägt eine hohe achtseitige Pyramide, deren unterer Teil eine dicke Zwiebelform bildet. Die Spitze ist ähnlich wie in Glückstadt durch eine gleichartige, aber wesentlich kleinere Haube ersetzt worden.

3 b) Besonders groß ist die Zahl der Helme, die auf gleicher Basis eine durch prismatische Zwischenglieder aufgeteilte Pyramide zeigen. Diese Aufteilung war in der Renaissance aufgekommen und lebte fort. Die Übersetzung des Stralsunder Kütertores (100) in den Barock finden wir häufig wieder. Die Haube der alten Kirche in Warstein im Kreise Arnsberg (133), die der katholischen Pfarrkirche in Wartenberg (Ostpr.) (134), die des hölzernen Glockenturmes in Visselhövede (135)*) und die des Südturmes der Johanniskirche in Osnabrück (4) sind Spielarten in diesem Sinne. Ein besonders stolzer Vertreter dieser Gruppe ist der Helm des Doms in Riga (Tafel XXIII). Der vornehme Dachreiter der Kirche in Kellinghusen (Holst.) (101), der im Jahre 1729 entstand, hat viel vom Renaissancecharakter bewahrt.

In den Helmen der Michaeliskirche in Lüneburg (136) und der Nikolaikirche in Stralsund (XX) schwingen sich Trapeze und Dreiecke in großer, schön geformter S-Linie von der Turm wand hinauf zur Laterne. Die so entstehende Kuppel zeigt in Lüneburg in mittlerer Höhe eine horizontale Gliederung durch ein Gesims. In beide Abschnitte dieser Kuppel sind vier Luken eingebaut, von denen die obere Gruppe die Zifferblätter der Uhr trägt. An der Pfarrkirche in Güstrow (137) hat der Kranz von Trapezen und Dreiecken eine gewaltige Ausdehnung angenommen. Diese Flächen  schwingen sich in zwei mächtigen Wellen hinauf zu einer kleinen Laterne. Auf dem zweiten Wellenberg sind wie Bullaugen die Zifferblätter der Uhr eingebaut. In allen drei Fällen trägt die Laterne, wenn auch in verschiedener Form, eine pyrarni-dische Spitze.

*) Hölzerne Glockentürme, die neben der Kirche stehen, gibt es noch eine ganze Reihe in Niederdeutschland, wenn auch die meisten im Laufe der Zeit verfallen und abgebrochen worden sind. Sie tragen als Bedachung meistens eine einfache vierseitige Pyramide. Wir finden sie außer der in Visselhövede beispielsweise noch in den hamburgischen Vierlanden (siehe Altengamme, Bergedorf, Curslack), in der Lüneburger Heide in Jesteburg, Müden und Hittfeld und in der Marsch z. B. in Estebrügge, St. Margarethen und in Altenbruch bei Cuxhaven. Hier hat der alte Glockenturm neben der doppeltürmigen Kirche sein Recht behalten. So sind die Haupttürme den beträchtlichen Erschütterungen, die das Läuten der Glocken verursadit, nicht ausgesetzt.

Der breite Turm des Domes in Kolberg (138) (III) erhält durch seine Bedachung eine Gliederung in drei Abschnitte. Er erweckt geradezu den Eindruck von drei Türmen. Der südliche und der nördliche Teil sind mit einem Zeltdach abgedeckt worden. Uber dem mittleren erhebt sich ein hoher, schlanker Helm, den auch hier wieder eine offene Laterne ziert. Ihre steil aufgerichtete Basis besteht aus ebenen Flächen, Trapezen und Dreiecken. Die hohe pyramidische Spitze nimmt infolge einer unmittelbar über der Laterne wahrnehmbaren Einschnürung die Form einer schlanken Zwiebel an. Auf dem Turm der Ursulakirche in Köln (139) ist die Laterne von einer Galerie umgeben. Auf ihrer Haube erhebt sich ein von acht Säulen getragenes Dach, auf dem eine mächtige Krone ruht. Das Ganze versinnbildlicht schon echte mittelfränkische Fröhlichkeit.

Der Turmhelm der Kirche von Varel (Oldenburg) (140) zeigt nur in seinem oberen Teil barocke Linienführung. Auf einem gekappten Zeltdach ruht ein halber Würfel, dessen Seitenwände die Zifferblätter zieren. Darüber folgt der Vermittlungskranz mit Laterne und Spitze.

Bei Betrachtung des „Glockenturms“ in Arnsberg (141) könnte man wohl an eine achtkantige bauchige Flasche denken. Der flachgelagerte Vermittlungskranz bildet ihren Fuß. Auf dem geraden Hals steht die Haube wie ein glockenförmiger, in einer Spitze endender Stöpsel.

Zu den schönsten Barockhelmen des niederdeutschen Raumes gehört zweifellos der der Marienkirche in Osnabrück (142) (III). Er bedeckt einen Turm mit rechteckigem Grundriß und hat sich aus einer achtseitigen Pyramide mit Schleppdach entwickelt. Der horizontal gegliederte prismatische Teil, in dem erst das regelmäßige Achteck erreicht wird, legt sich in entsprechender Höhe verengend um die Form wie ein breiter Gürtel um das Kleid einer schlanken Frau. Der Helm zeigt bei gotischer Schlankheit durch feingeschwungenc Linienführung und wohlabgewogene Gliederung eine ganz besonders edle Form. Es fehlt ihm nicht ‘an schmückenden Beigaben. Der obere Teil des Gürtels zeigt zwei Auskragungen, von denen die eine die Stundenglocke, die andere die Viertelstunden-glocke des Uhrschlagwerkes birgt. Über und unter der Einschnürung finden wir einen aus je acht spitzgicbeligen Luken gebildeten Kranz. Einen solchen stellen auch die kleinen Auskragungen dar, die wir nahe über dem Schleppdach erkennen.

Auf dem Turm der Kirche in Burg auf Fehmarn (143) hat das Schleppdach nahezu die Form einer großen Kuppel angenommen. Sie trägt ein zierliches achteckiges Türmchen, dessen Pyramide eine weitere Gliederung durch Horizontale zeigt.

Während in den soeben genannten Beispielen das Oktogon nur einmal erschien, gibt es auch Fälle, in denen es zwei-, drei- und viermal übereinander auftritt. Hier sollen einige Hamburger Stadtkirchen genannt werden. — Der schlanke Barockhelm der Katharinenkirche in Hamburg (144) ist in den Jahren 1656—58 entstanden. Ein furchtbarer Gewittersturm hatte den erst 45 Jahre alten, 115 Meter hohen Turm, obwohl er mit eisernen Klammern im Mauerwerk befestigt war, auf das Kirchendach geschleudert und in das Fleet geworfen. Der jetzige Helm erreicht wiederum eine stolze Höhe von 112 Metern. In rhythmischem Wechsel und rhythmischer Verjüngung bauen sich die Formelemente stufenförmig auf. Das Ganze erscheint wie ein Glockenspiel, bei dem die Töne nach oben hin heller und höher klingen. Der Helm ruht auf einem massiven Oktogon, das mit vier großen Zifferblättern und vier Fenstern geschmückt ist. Der Übergang zum Vierkant des Turmes wird durch Walmecken mit bogenförmigem Ablauf vermittelt. Wegen seiner zarten und leichten Form und auch wohl wegen des weiblichen Namens haben die Hamburger den Katharinenhelm gegenüber denen der männlich benannten anderen Kirchen immer als „jungfräulich“ empfunden. Die Spitze schmückt eine vier Meter hohe vergoldete Krone mit vier größeren und vier kleineren, kupfernen, vergoldeten Blättern. Sie hat einen unteren Durchmesser von über drei Metern und mit dem eisernen Ring ein Gewicht von 668 kg. Sie wurde von einem Kirchengeschworcncn und Ratsherrn gestiftet und soll nach dem Volksmund aus dem Goldschatz Störtebeckers geschmiedet worden sein. Häufig ist der schöne Katharinenhelm in Gefahr gewesen. 1792 geriet die Hclmstange durch einen gewaltigen Sturm in so heftige Bewegung, daß das Holzwerk in Flammen stand. 1852 wurde die Spitze durch einen Blitz getroffen und zum Teil zerstört. Die schwerste Gefahr drohte dem Helm, als infolge der Fäulnis in einem großen Tragpfosten eine Drehung und ein Überhang von 1,15 m eingetreten war. Dem genialen Baumeister Sonnin ist es im Jahre 1770 gelungen, diesen schweren Schaden dauerhaft zu beseitigen. Es darf hier bemerkt werden, daß auch der Helm der Petri-kirclic in Lübeck früher eine ähnliche vergoldete Krone trug. Sie wurde ihm im Jahre 1465 aufgesetzt und ist auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1560 noch zu sehen.

Sehr verwandt mit dem Katharinenhelm ist der von St. Petri in Riga (148) (XXII). Er überragt jenen mit seiner gewaltigen Höhe von 140 m um 28 m. Leider ist er ein Opfer des gegenwärtigen Krieges geworden.

Der Helm der Hauptkirche in Altona (145) stammt aus dem Jahre 1694. Als im 18. Jahrhundert die Kirche durch den „Schwedenbrand“ zerstört wurde, blieb der Turm verschont. Der Neubau der Kirche erfolgte 1743. Der Helm zeigt einen sehr edlen Aufbau. Es wird beriditet, daß der große Baumeister Sonnin jedesmal den Hut zog, wenn er daran vorüberging. Die Form erinnert an St. Katharinen in Hamburg. Wir sehen wieder drei Glockenformcn. Die untere ist aus dem immer wiederkchrenden Vermittlungskranz entstanden. Dessen hier geschwungene Dreiecke sind so schmal, daß der folgende Helmteil fast würfelförmig erscheint. Das reguläre Achteck entsteht erst im oberen Rande der zweiten Haube. Der Kirchturm in Tönning, der zehn Jahre später (1704) von dem gleichen Zimmermeister Blaeser erbaut wurde, ist nahezu das getreue Abbild des soeben geschilderten.

Die St. Georger Kirche in Hamburg (146) entstand 1747 unter holländischem Einfluß. Ihr Helm erscheint gedrungener, aber nicht weniger schön. Er ist ebenfalls durch zwei Oktogone gegliedert.

Noch jünger ist das beliebte Wahrzeichen Hamburgs, der „Michel“ (147). Er soll nicht aus seiner Gesellschaft gerissen werden, obwohl er seiner Erscheinung nach streng genommen nicht in diese Gruppe gehört. Erst im Jahre 1786 wurde er von Sonnin vollendet. Er zeigt eine schöne Gliederung und eine deutliche Beruhigung in der Form. Die einzelnen Geschosse weisen in der Breite nur geringe Differenzen auf. Dadurch wirkt er außerordentlich stramm. Seine Silhouette erinnert an ein auseinander gezogenes Fernrohr. Die Glockenform tritt nur einmal in der Kuppel der Laterne auf und nähert sich schon der ruhigen Form der Halbkugel. Sie trägt eine spindelschlanke, feingeschwungene Spitze. 1906 brannte die ganze Kirche bis auf die Mauern nieder. Sie wurde nach den alten Plänen wieder aufgebaut. Das Turmquadrat der Kirche, die 2500 Besucher aufnehmen kann, hat eine Seitenlange von 19 m. Die Höhe von 132 m ist für einen Barockturm gewaltig und selten.

Anfangs neigte sich der Helm sichtlich nach NO hinüber. Das rief in der Bevölkerung begreifliche Besorgnis hervor, bis Sonnin mit seiner Erklärung durchdrang, daß ein solcher Überhang von 36 cm planmäßig beabsichtigt war, um der in unserer Gegend erfahrungsmäßig eintretenden Senkung nach SW entgegenzuwirken.

Nach dem erschütternden Brandunglück von 1906 entschloß man sich, die Kirche und den Turm so wiederherzustellen, daß ein ähnliches Verhängnis voraussichtlich nicht wieder eintrcten könnte. Bei der gesamten Konstruktion des Turmes und des Helmes wurde Holz vermieden. Es wurde durch Eisen ersetzt. Wenn man bedenkt, daß Holzhelme außer der Brandgefahr auch noch der nicht zu unterschätzenden Gefahr der Zerstörung durch den Holzbock ausgesetzt sind, kann man eine solche Maßnahme begreifen. Dennoch würde es wohl manchen mit Wehmut erfüllen, wenn er annehmen müßte, daß die Holzkonstruktion, die eine uralte Naturverbundenheit des Menschen bedeutet, endgültig der Vergangenheit angehörte. Besonders bedauerlich wäre es, wenn man glauben müßte, daß die Eichen und anderen Bäume unserer Landschaft nicht mehr teilhaben sollten an dem Aufbau unserer in die Natur eingebetteten Dorfkirchen. Damit würde die sinnvolle Verbindung zwischen dem natürlichen Lebensgut der Landschaft und den kulturellen Lebensformen ihrer Bewohner aufs schwerste erschüttert werden. Das kommt wohl aber schon aus Gründen der Kostenfrage nicht in Betracht. Holz ist ein naturgewachsener Stoff, der auch nach seiner Verarbeitung etwas Lebendiges bleibt, der die Elastizität und Zähigkeit des in Stürmen groß gewordenen Baumes behält, in dessen Struktur die Gesetze des Lebens und der Schöpfung bewahrt werden, dessen Leben und Seele der echte Handwerker fühlt, denen er nachsinnt und die er mit Liebe und Sorgfalt beachtet. Das Eisen dagegen, das industrielle Ergebnis aus einem geschmolzenen Brei, ist strukturlos, leblos und kalt.

Außer dem Helm der Johanniskirche in Verden (149) sollen in dieser Reihe noch zwei besonders genannt werden. In dem der Stadtkirche von Tilsit (150) sind zwischen drei bauchigen Abschnitten zwei Arkadenkränzc cingcfügt. Um den unteren führt eine Balustrade. Unter dem Rande der mittleren Glockenform erkennen wir einen hübschen Schmuck, acht große Kugeln.

Der letzte hier zu schildernde Barockhelm ist der der Ansgarikirche in Bremen (151). Er ist eine der stolzesten Erscheinungen unter seinesgleichen. Der untere Abschnitt vermittelt zwischen Quadrat und Achteck. Er bewahrt die Breite des Turmes. Die Neigung seiner Walmflächen wird auf den höher gelegenen Dachflächen in geschwungener Linie bis zur Laterne weiter geführt. Unter den breiten Dachüberstanden, die durch ebensolche Schlagschatten eine malerische Wirkung hervor-rufen, sind Dutzende von leuchtenden Kugeln befestigt. Der Turm erreicht eine Höhe von 102 m.

4 a) Die Zeltdachccken, die wir an dem Turm in Borken (48) bemerkten, finden wir mit der gleichen Bedeutung an dem Barockhelm der Kirche in Ducherow in Pommern (152) wieder.

4 b) Auch der gegliederte Helm der Michaelis-kirchc in Hildesheim (153), der der Stephanskirche in Tangermünde (3) und der in Wormbach (Westf.) (154) sollen hier genannt werden.

5 a) Auf dem Rundturm der Kirche in Rellingen (Holstein) (155) steht ein Helm, der dem in Curslack (122) ohne dessen Schleppdach gleicht. Die Rellinger Kirche gehört zu den achteckigen Barockkirchen, die wir außerdem in Großenaspe, Hörnerkirchen und Niendorf bei Hamburg treffen. Sie sind alle von einem mehr oder weniger großen Latementürmchen überhöht. Einen besonderen, der Kirche angefügten Turm haben nur die in Rellingen und Großenaspe (104). Der Rellinger Turm ist ein alter Felsenbau, der später mit Backsteinen umkleidet wurde. Die Kirche wird deshalb mit zu den Vizelinskirchen gezählt.

Die alte Wagrierkirche in Süsel bei Eutin (156) trägt an der Giebelspitze als Dachreiter einen kleinen achteckigen Turm. Der Helm bildet eine schöne, schlanke Zwiebelform. Der alte Felsenturm, der im Innern deutlich wird, kennzeichnet auch diesen Bau als eine Vizelinskirche.

Der Dachreiter in Wesselburen (Dithm.) (157), der auf der Mitte des Kirchenfirstes steht, hat einen sehr ähnlichen Helm. Er wirkt jedoch schwerer, weil hier der Durchmesser größer ist als der des tragenden Oktogons.

In Barmstedt (Holst.) (158), der alten Schusterstadt, in der die Schuhindustrie noch heute eine Rolle spielt, hat der Volksmund dem außerordentlich schlanken Kirchturmhelm den Namen „Schusterahle“ verliehen. Er wird wie in Rellingen von einem ummauerten alten, runden Felsenturm getragen.

Auf den Rundtürmen des Brüsseler Tores in Mecheln (159) und des Tores am Walramsplatz in Jülich (160) haben die Helme trotz des barocken Einflusses ihren pyramidischen Charakter bewahrt. Die erstgenannten zeigen über der mittleren Höhe eine Formunterbrechung durch ein tonnenartiges Gebilde, das durch vier kleine Dachluken besonders betont wird. Größere Luken bemerken wir nahe über den Traufenlinicn. Die Pyramiden des Tores in Jülich schwingen sich mit hohler Kurve aufwärts und enden mit einer Zwiebelform. Die Türme sind durch das Satteldach bzw. das Walmdach des Mittelbaues verbunden.

Auf dem runden Turm der Pfarrkirche in Köln-Dünnwald (161) wird die Pyramide zu einer schönen Glockenform mit einem Knopf (vgl. Abbildung von Gressc 116).

Zons am Niederrhein, ein verträumtes Zwergstädtchen, das, fern vom Verkehr und unberührt von unserer Zeit, eingesponnen ist von mittelalterlicher Romantik, hat seine Befestigungsanlagen mit Türmen, Toren und Wehrgängen unversehrt erhalten. Hier sollen der „Judentum“ (162) und der Zollturm besonders erwähnt werden. Nur der erstere trägt einen barocken Helm, dieser ein Zeltdach. Sic bedecken auch den Wehrgang, der auf weit vorkragendem gotischen Mauerfries den oberen Teil beider Türme umsäumt. Der schlank emporgezogene Helm des „Judenturms“ stellt einen in den Barock übersetzten Kegel dar, der oben in ein regelmäßiges Achteck übergeht und mit einer kleinen Haube abschließt.

Der Vierungstunn der romanischen Kirche St. Quirin in Neuß (163) erhielt nach einem Brande 1741 eine Barockhaube. Sie erscheint als achtseitige Kuppel, die hinter den gefasten Kanten der acht Giebelspitzen des Turmes an diesen angc-schlossen ist. Auf der Kuppel thront die Figur des Stadtheiligen St. Quirin. Die Form der Bedachung paßt gut zu der in einem „Barock“ der romanischen Zeit von 1209—1226 erbauten Kirche.

Die Johanniskirche in Magdeburg (164) zeigt an der Westseite zwei gleiche, schöne Türme, die durch einen Spitzgiebel getrennt sind. Sie sind bis zum Gitterkranz quadratisch, gehen dann in ein unregelmäßiges Oktogon und endlich mit den herabhängenden Schleppflächen des Helmes in ein regelmäßiges Achteck über.

An der barocken Klosterkirche in Oliva (165) bei Danzig erheben sich über den achtseitigen Türmen überaus schlanke, hohe, fast nadelförmig wirkende Spitzen, die einen ausgesprochenen Gegensatz darstellen zu dem breiten und niedrigen unteren Teil der Helme. Die außergewöhnlich schlanke Form der Türme, die ohne Gliederungen eine beträchtliche Höhe erreichen, finden in den spitzen Helmen eine vortrefflich passende, charaktervolle Ergänzung.

Unter den Helmen der ostfriesischen Kirchen mit ihrem holländischen Charakter, der sich in gediegener, sachlicher Nüchternheit offenbart, wirkt der kleine Vicrungsturm der Neuen Kirche in Emden (166), die im Jahre 1646 von dem dortigen Stadt-baumcister Ratsherrn und Maler Martin Faber nach dem Vorbild der Amsterdamer Norderkerk erbaut wurde, besonders anziehend. Über dem Oktogon erhebt sich dort unmittelbar eine offene, von einer Galerie umgebene Laterne. Das darüber eigentlich erst beginnende Turmdach nimmt über einer engen Einschnürung kugelähnliche Form an.

Diesem Turm verwandt, aber noch eindrucks-•voller, ist der Rathausturm in Emden. Das Rathaus bildet den vollständigen Querabscliluß einer Straße. Diese wird beherrscht von seinem stolzen Turm, der in Form eines mächtigen Dachreiters seine andere Seite trotzig der Sec zukehrt. Er überbaut mit dem Rathaus zugleich das Rathaustor, durch das die Straße führt. Er besteht aus einem kubischen Unterbau und drei sich verjüngenden und zierlicher werdenden Bauglicdern.

Der oktogonale Dachreiter am Giebel der Kirche zu Heide (Holst), der eine offene Laterne darstellt, trägt einen verhältnismäßig großen, zwiebelförmigen Helm. Er überragt seinen Unterbau an Breite, bewahrt aber trotzdem eine ausgesprochen schlanke Erscheinung, mehr als die bereits genannten holsteinischen Zwiebelformen in Süsel und Wesselburen oder auch die in Krusendorf.

5 b) Turmhelme auf gleicher Basis mit eingefügten Laternen finden wir auf der Reinholds-kirche in Dortmund (167), auf der Hammer Kirche in Hamburg (168) und der Cosmaekirche in Stade (169). Das Türmchen der Dreifaltigkeitskirche im hamburgischen Stadtteil Hamm stammt aus dem Jahre 1693. Es steigt als Oktogon über dem Kirchengiebel aus dem Dache heraus und kündet nach drei Seiten die Zeit. Über den Zifferblättern führen barock geschweifte Flächen fast senkrecht zu einem offenen Arkadenkranz hinauf, der eine sehr gefällige, graziös geschwungene Haube trägt. Das ganze Türmchen ist in Kupfer gekleidet.

Auch die Cosmaekirche in Stade trägt nur einen Dachreiter. Er ist jedoch von beträchtlichen Ausmaßen und steht auf der Mitte des Firstes. Als Wahrzeichen der Stadt Reval gilt der außerordentlich schlanke und hohe Turm des aus der Ordenszeit stammenden Rathauses (170). Die edle Form des ebenso schlanken Barockhelmes erinnert an St. Peter in Riga (148).

Besondere Beachtung verdient der Vierungsturm der Kathedrale in Antwerpen (171) (XIII), der eine in schönen Verhältnissen aus flachen Oktogonen treppenartig aufgebaute Pyramide darstellt.

6 a) Das Motiv der vier Ecktürmchen neben der Helmpyramide finden wir in Solre-le-Chateau

(172) in Flandern wieder. Alle fünf Helme enden mit einer Zwiebelform. Die größere wirkt auf dem schlanken Helm wie eine tulpenartige Blüte auf ihrem Schaft oder wie eine züngelnde Flamme.

Auf dem Turm der Jakobikirche in Stralsund (173) bemerken wir eine flache barocke Haube, auf den Ecktürmchen dagegen gotische Spitzen.

6 b) In dem einen Helm der Nikolaikirche in Lemgo (2) erkennen wir eine barocke Abwandlung desjenigen der Kathedrale von Doornyk (55). Die Hauptpyramide wurde in fünf Abschnitte gegliedert. Die Bürger von Lemgo wollen in beiden Türmen ein zusammengetrautes Paar sehen. Der Barockhclm soll die Frau und die gedrehte Pyramide der Mann sein. Man kann aber wohl behaupten, daß der kräftige Barockturm mit seiner ruhigen, festen, Willensstärken Haltung männlicher wirkt als die schlanke, sich drehende, tanzbereite Pyramide. Nebenbei ist er ja auch der ältere von beiden. Der barocke Spiclturm gehörte früher dem Rat, der andere der Gemeinde.

Der Bclfried in Bcrgues (frz. Flandern) (174), die Jerusalemer Kirche in Brügge (175) und der Nordturm der Marienkirche in Stargard (176) zeigen verwandte Erscheinungen, in denen das Achteck vorherrscht.

Hierher gehört auch der Helm der Nikolaikirche in Greifswald (177). Er muß mit dem ganzen Turm zusammen betrachtet werden. Wir sehen, daß er in vier verschiedenen Zeitabschnitten entstanden ist. Dennoch bildet er ein sehr ansprechendes Ganzes, ähnlich einer Reihe von Häusern aus verschiedenen Zeitaltern, die sich zu einer harmonischen und interessanten Einheit zusammenfügten, wenn die Anglicderung nicht ohne das notwendige Ganzheitsempfinden erfolgte. Der zweite Bauteil von unten gibt dem Turm einen fast wehrhaften Charakter. Die Hauben seiner Ecktürme klingen mit den runden Formen des Turmhelmes zusammen. Dieser zeigt einen sehr betonten Wechsel von geraden und runden Formen und endet in einer schlanken Spitze. Die bauchigen Teile sind stark geschnürt und nehmen hier nahezu Kugelform an.

Daß alle diese barocken Formen unserer Türme von derselben Volksseele zeugen wie die gotischen, liegt auf der Hand. Was uns jedoch als ein wesentlicher Unterschied auffällt, ist neben der strahlenden Heiterkeit die unerschöpfliche Vielgestaltigkeit der jüngeren. Die herrschende Form ist in gotischer Zeit die achtseitige Pyramide. Unterschiede weist sie eigentlich nur im Fuß auf; sie läßt auch hier im Grunde nur zwei Möglichkeiten zu. Dieser einheitliche Formwille ist ein Ergebnis der großen geistigen Gemeinschaft, die im Mittelalter die ganze Christenheit Europas umfaßte. Die Vielgestaltigkeit im 17. und 18. Jahrhundert ist darauf zurückzuführen, daß diese Gemeinschaft unter dem Einfluß der Reformation und dem der Renaissance aufgespalten wurde. Der so entstandene Individualismus und das gehobene Persönlichkeitsbewußtsein wurden in der Barockzeit weiter entwickelt. Auch die Künstler fanden offene Wege für eigenen Willen. Daß die Verwilderung am Ausgang des Barock eine viel größere war als am Ende der Gotik, ist danach leicht begreiflich.

Das leichte, zierliche Rokoko, das seinem Wesen nach nicht konstruktiv, sondern dekorativ war, gewann nur auf die Innenarchitektur Einfluß und wurde in barocken Bauwerken lebendig. An der Fassade und an den Türmen wird sein Mitschwingen aber auch nach außen hin bisweilen bemerkbar.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

Stadtansichten:

Alte Stadtansichten der Hansestadt Bremen
Geschichte der deutschen Baukunst in Bild
Deutsche Baukunst des Mittelalters und der Renaissance in Bild
Die freie Stadt Danzig
Alte Stadtansichten Dresden Teil 1, Teil 2 und Teil 3.
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Dresden im 16. JAHRHUNDERT
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Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART
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Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum
Landschaft, Mensch und Bauwerk im niederdeutschen Raum
Sinn und Bedeutung der Türme und Tore
Vom Wesen und Aufbau des Turmhelms
Einfache Bedachungsformen der Türme
Die vierseitige Pyramide und der Kegel als Turmhelm
Der achtseitige pyramidische Helm und seine Verbindung mit dem Vierkantturm
Schmuckformen der Helmpyramide
Das achtseitige prismatische Bauglied als Träger der Pyramide
Die typischen Formen romanischer Turmhelme
Schrumpfformen des Helmes und das kreuzförmige Satteldach
Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß der Renaissance

Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum

Bei den bisherigen Besprechungen hat sich gezeigt, daß unter den Turmhelmen die gotische PYramidenform vorherrschend ist. Wenn sie auch alle späteren Stilperioden überdauerte, so sind doch deren Einflüsse auch auf die Hclmformen unverkennbar. In jeder Zeit sucht der Mensch in der Baukunst wie in jeder anderen Kunst seinen wesenhaften Ausdruck. Verstand und Gefühl, Kopf und Herz sind die beiden Kräfte, die unser Handeln bestimmen. Sie werden in dem Werk willensmäßig zur Tat. Auf dem Wechsel gefühlsmäßig und verstandesmäßig betonter Zeiten beruht letzten Ende der ganze Ablauf der Kunstgeschichte. Wir könnten die notwendige Folgerung dieses Geschehens leicht nachweisen. Der gotische Bauwille, der im 14. Jahrhundert zu der schönsten Vereinigung von Anmut und Kraft geführt hatte, vernachlässigte später das konstruktive Prinzip zugunsten des Dekorativen. Das führte zu Formenspiel und Verirrung.

Jedes große Zeitalter wird von einer großen Idee geschaffen und getragen. Im Mittelalter war es die Gottesidee und die Ausrichtung auf das Jenseits, in der Romanik auf der mehr verstandesmäßigen Grundlage der Scholastik, in der Gotik auf der gefühlsstarken und offenbarungsreichen der Mystik. Mit dem Verblassen der Idee und ihrer lebenspendenden Kraft tritt auch im künstlerischen Schaffen eine Ermüdung und ein Leerlauf ein. Die die Formen füllende und bewegende Idee fehlt. Die Formen werden zu Formeln. Erstarrtes und Morsches ist reif geworden, von einer neuen großen Idee gestürzt zu werden. Weckruf, Aufrüttelung und Revolution folgen einander und werfen veraltete Formen um. Im Zeitalter der Renaissance war es die Idee von der Befreiung der Persönlichkeit, die die Herrschaft der Kirche in ihre Schranken wies und das Vorbild für seine Lebensform in der Antike sah. Das galt auch für das künstlerische Schaffen in der Renaissance. Sie forderte anstatt Bewegung Ruhe und anstatt Verwirrung Klarheit.

Die neuen Formen wurden von Fürsten und Bürgern freudig und willig aufgenommen. Der Wandel war jedoch im Kirchenbau, abgesehen von der Innenausstattung, nicht so durchgreifend wie bei der Errichtung von Schlössern, Rat- und Bürgerhäusern. Dennoch verraten auch die Turmhelme den Einfluß der neuen Zeit. Die aufsteigende Bewegung, die ihren Ausdruck in der betonten Senkrechten fand, wird nun gehemmt durch Gesimse und andere Horizontale. Die klaren und ruhigen Grundformen der Renaissance sind das Quadrat bzw. das Rechteck, in denen das Gleichgewicht von Waagerechten und Senkrechten gesichert liegt, und der Kreis, der nach Aristoteles die vollkommenste Linie darstellt. Er ist das Symbol des vollendeten Spannungsausgleichs, der höchsten Harmonie und des größten Ebenmasses. Die hohe Silhouette des gotischen Helmes wird verkürzt und ein- oder zweimal von einem solchen Rechteck unterbrochen, d. h. es werden prismatische Bauteile eingefügt. Aus Säulen, Arkaden und halbkugelförmigen Kuppeln werden geschlossene und offene Laternen gebildet. Die reiche Verwendung von Holzfachwerk zeugt dafür, daß die deutschen Baumeister auch in der Renaissance ihren Heimatsinn bewahrten.

Die Jakobikirche in Hamburg schmückte bis zum Jahre 1810 ein besonders schöner, schlanker Renaissancehelm (96). Er bewahrte in seiner Erscheinung zugleich gotische Tradition, die in dem wiederkehrenden Kranz von Giebeldrciecken und überhaupt in der starken Bewegung nach oben zum Ausdruck kam.

Die vierseitige Helmpyramide der Jakobikirche in Greifswald (97), die mit Pfannen gedeckt ist, hat ein in Fachwerk gebautes prismatisches Zwischenglied aufgenommen. Einen ähnlichen Aufbau finden wir am Turm der Kirche in Otersen (98), der seltsamerweise an der Ostseite des Gotteshauses steht. Er bildet mit diesem zusammen eine unveränderte, geschlossene Baueinheit. Der prismatische Teil, der zur Aufnahme der Glocke dient, zeigt an jeder Seite ein offenes Ärkadcnfcnster. Obwohl der Helm in der Barockzeit entstand, ist sein Renaissancecharakter unverkennbar.

Der Helm der Kirche in Pilsum in Ostfriesland (99), der sich über dem Zinnenkranz eines alten gotischen, gewaltig schweren Turmes erhebt, zeigt im Prinzip dieselbe Form. Von dem Prisma, dessen offener Durchblick die darin aufgehängte Glocke zeigt, sind nur vier Eckständer übrigge-blicbcn. Es wird von vier flachen Giebeldreiecken gekrönt.

Auf dem Kütertor in Stralsund (100) ragen wie an der Iscrnhagener Kirche (44) die Trapeze und Dreiecke steil und hoch empor. Sie schließen sich oben zu einem kleinen Achteck zusammen. Zwischen diesem und der kleinen Pyramide ist eine geschlossene Laterne eingefügt.

Als weitere Beispiele aus der Zeit um 1600 sollen noch der Turmhelm der Bristower Kirche in Mecklenburg (102) und der Dachreiter auf dem Gotteshaus in Ahrensburg genannt werden. Er entstand mit der Gesamtanlagc der Kirche, der mit ihr im Süden und Norden parallel laufenden Zeilen der „Gottesbuden“ und des Schlosses im Jahre 1596 im Aufträge des Grafen von Rantzau. Er beherrscht in seiner edlen und klaren Form ein Idyll, das von schönen, gewaltig hohen Bäumen, die für Ahrensburg so charakteristisch sind, umrahmt wird.

In Danzig, das von den Wirren des 30jährigen Krieges verschont blieb, hat die Entwicklung der Renaissance nicht den allgemeinen jähen Abbruch erfahren. Auf der Katharinenkirche in Danzig führen von den Ecken des Turmes und von den Mitten des oberen Turmrandes die hohl und flach geschwungenen Gratlinien des Haupthelmes zu einer schmuckreichen, von einem Umgang umgebenen, offenen Laterne hinauf. Sie ist durch eine breite Glockenform von einer zweiten, kleineren, offenen Laterne getrennt, die wiederum eine ähnliche Kuppel mit fein gedrehter Spitze trägt. Auf den Ecken stehen vierkantige Türmchen, die durch ein um den Dachrand laufendes Gitter verbunden sind. Sie tragen zierliche Helme, die ebenso wie die Spitze des Haupthelmes an feinste Drechslerarbeit erinnern.

Ein ganz verwandtes Bild zeigt dort der Helm des Rathauses (XIV) an der Langgasse. Sein Turm stammt ebenso wie der der Katharinenkirche aus gotischer Zeit. Der des Rathauses erhielt nach einem Brande (1556) seine heutige charakteristische Bekrönung. Der hohe, kunstvoll gestaltete Helm will den der Katharinenkirche an Zierlichkeit noch übertreffen. Vor dem Stundenschlag senden die Glockenspiele der Türme von Rathaus und Kirchen eine Reihe von Liedern und Choralen durch den Äther, die noch immer von dem einstigen Sieg der Reformation in der Stadt des Koper-nikus künden.

Die Renaissance wird von Anhängern der Gotik und des Barock gern als Intellektualismus verdammt. In Wahrheit gibt es aber kein Kunstschaffen ohne Denken. Wenn auch der Antrieb und der große Wurf aus dem Gefühl hervorgehen müssen, so ist doch an der Realisierung der Idee der Intellekt mindestens in gleichem Maße beteiligt. Die Vollendung finden wir allemal dort, wo das fühlende Herz und der denkende Kopf gemeinsam am Werk sind. Der junge Goethe sagte unter dem Eindruck des Straßburger Münsters: „Gefühl ist alles!“ Der reifere Dichter hat deutsches Leben und deutschen Geist in klassische Form gekleidet. Wohl sind der faustische Drang und die bildnerische Phantasie das Primäre, aber des ordnenden Geistes können sie nicht entraten. Wohl erschienen die Triebkräfte in der Gotik und im Barock jugendlicher und überwältigender. Aber trotz der starken Bindung an die Antike lebten auch in der Renaissance gewaltige bildende Kräfte, die von innen heraus gestalteten und ihrer Zeit ein wahres Gesicht gaben. Doch wurden sie gebändigt und nach dem Vorbild der Antike in edlem Maß gehalten. Schöpferische Erstarrung tritt erst dort ein, wo der Verstand die Gefühlsbewegung erstickt, wo die von innen her gestaltenden Kräfte versiegen und man sich mit dem äußerlichen Aufbau alter Formen begnügt. Dennoch kann der griechische Formadel für deutsches Schaffen immer nur etwas Sekundäres bedeuten. Das Wesentliche und Ursprüngliche der germanischen Kunst liegt in der Energie und Dynamik, das der griechischen in der Statik und formalen Vollendung. In gotischen Domen und barocken Bauformen triumphieren Kraft und Freiheit. Aber darin liegt eine Gefahr. Die Gotik und der Barock liefen sich tot, als sie in der Gesetzmäßigkeit nicht mehr ihre Grenze fanden. Nach jeder Formverwilderung wurde das antike Vorbild wieder der Kompaß für deutsches Kunstschaffen.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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