Kategorie: Unedierte Federzeichnungen – Miniaturen und Initialen des Mittelalters

Die vorliegenden vier kolorierten Federzeichnungen befanden sich in der Sammlung des Strassburger Altertumsforschers Kanonikus Dr. Straub, dann in derjenigen des Strassburger Architekten Cesar Winterhalter. Sie dienten als Einbanddecke eines kleinen gedruckten Buches der Spätzeit und sind ersichtlich einem reich illustrierten Codex der Wende des XIII. ins XIV. Jahrhundert entnommen. Ein Bild ihres gegenwärtigen Zustandes giebt die photographische Wiedergabe auf Tafel XLVI, während die Tafeln XLVII – L die Miniaturen in ihrem ursprünglichen Farbenzustande aber ohne die das Bild störenden Schrifttexte veranschaulichen.

Tafel XLVII zeigt die Belagerung von Thebez („Thebes“) und den Tod des „Abimelech“. Bei der Erstürmung eines Thurmes wirft ein Weib auf „Abimelech* einen Mühlstein und der König bittet seinen Knappen, ihm den Todesstoss zu geben, damit es nicht heisse, ein Weib habe ihn getütet. Diese Szene ist hier veranschaulicht und interessant ausgestaltet durch die detailliert gezeichneten Rüstungen und Waffen, welche ich bereits in der „Zeitschrift für historische Waffenkunde“ 1901 Nr. 8 gewürdigt habe.

Das andere Bild (Tafel XLVHI) zeigt uns Davids Flucht vor den ihn suchenden Trabanten Sauls. „David“ lässt sich an einem Seil vom Fenster herab, Indessen „Michol“ die Verfolger abhält. Auch dieses Bild ist ebenso architektonisch wie waffengeschichtlich von Interesse, wozu sich noch das Wappen des einen Schildträgers gesellt, welches demjenigen des Abtes Jordanus von Lucelles entspricht (Vautrey, Histoire des eveques de Bäle, Einsiedeln, Benziger, 1884 I, 145). Die Abtei Lucelles, deutsch Lützel, an der schweizerisch – elsässischen Grenze gelegen, ist 1123 als Luciceila gegründet worden und gehörte zum Bistum Basel. Nach der Abtetafel von Lucelles aus dem Jahre 1666 (abgebildet bei Vautrey, a. 0.) war Jordanus nur anno 1293 Abt in jenem Kloster; ein geborener Burgunder, erscheint er nach Mülinen „Helvetia sacra“ bereits 1296 wieder in Burgund als Abt von Bellevaux.

Das dritte und vierte Bild, Tafel XLIX u. L, scheinen in symbolischem Zusammenhang zu stehen. Auf dem einen, Tafel XLIX, sieht Christus vor Gott-Vater und zeigt diesem seine Wunden; auf dem zweiten, Tafel L, steht Herodes Antipas („Antipas“) als Angeklagter vor dem Richterstuhle Julius Casars („Julius Cwsar“), ein künstlerisch ansprechendes Bild von ikonographisch hohem Interesse.

Die Art der Zeichnung und des Kolorits und der ganze Stil verraten einen deutschen, etwa elsässischcn oder schweizerischen Meister vom Ende des XIII. Jahrhunderts, womit die durch das Wappen gegebenen Anhaltspunkte im Einklang stehen.

Siehe auch:
Unedierte Federzeichnungen, Miniaturen und Initialen des Mittelalters-Einleitung

Unedierte Federzeichnungen - Miniaturen und Initialen des Mittelalters

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich meine ersten Pergamentminiaturen erworben. Diesen reihten sich im laufe der Jahre weitere an, bis sich allmählich aus dem bescheidenen Grundstöcke eine nicht unansehnliche Sammlung entwickelte.

Einer bestimmten Richtung innerhalb des weiten Gebietes der mittelalterlichen Miniaturmalerei habe ich nicht gehuldigt. Das eine Blatt bot mir seiner Schönheit wegen Interesse, das andere, vom ästhetischen Standpunkte aus vielleicht weniger bemerken«« erte, erwarb ich wegen der zur Darstellung gebrachten interessanten Kostüm-, Waffen- oder Interieurdarstellungen. Wieder andere Miniaturen fanden meine Wahl wegen ihrer reichen Ornamentik oder wegen ihrer von der üblichen abweichenden Darstellung. Unter denselben Gesichtspunkten ist auch die Auswahl der hier reproduzierten Miniaturen erfolgt. Manche werden denen dienen, welche die Miniaturen kunstgeschichtlich, als Dokumente zur Geschichte der mittelalterlichen Malerei, studieren, andere werden jenen dienen, welche die Miniaturen als Quellen für ikonographische oder für Kostüm- und waffengeschichtliche Forschungen heranziehen. Wieder andere werden den kunstgewerblichen Zeichnern und allen jenen willkommen sein, welche authentischer Vorlagen bedürfen, um neues in alten Stilen zu schaffen oder altes zu restaurieren und zu ergänzen Und ebenso wertvoll endlich werden wieder andere Blätter jenen sein, welche die Geschichte der Schrift und die der Musikantcn verfolgen. Mehr als bei vielen anderen Kunsterzeugnissen des Mittelalters bieten eben gerade die Miniaturen nach den verschiedensten Richtungen Interesse und wertvolles Studienmaterial.

Tatsächlich ist nur in den selteneren Fällen bei den auf uns gekommenen illustrierten Fergament-handschriften des Mittelalters der Text von grosser Bedeutung, Bei der grossen Mehrzahl jener Manuskripte sind es fast ausschliesslich nur die den Text schmückenden Initialen und Miniaturen, welche dem Buche seinen hohen wissenscltaftlichen und antiquarischen Wert sichern. Und schreitet man zur Publikation eines solchen Buches, so giebt man gewöhnlich auch nicht viel mehr im Bilde wieder, als eine oder mehrere Miniaturen und Schriftproben. In den meisten Fällen giebt sogar das Manuskript über Zeit und Ort der Herstellung nicht mehr Aufschluss, als die Miniaturen selbst. Alles dies, vor allem der Gedanke, dass in der Mehrzahl der Fälle wohl das bedeutendste des Ganzen uns in diesen Miniaturen erhalten geblieben ist, giebt uns cinigerniasscn einen Trost dafür, dass hier bedauerlicherweise die Manuskripte nicht vollständig intakt auf uas gekommen sind.

Nur zu einem ganz geringen Teil stellen die auf uns gekommenen einzelnen Pergamentminiaturen Reste von Manuskripten dar, welche durch Sammler In neuester Zeit zerstört worden sind, ln den meisten Fällen sind es ganz andere Ursachen, welche den Ruin der zugehörigen Handschriften herbeigeführt haben. Schon die Mönche des Mittelalters haben in dieser Hinsicht mancherlei auf dem Gewissen. Sie haben in vielen Fällen alte Texte und Handzeichnungen fein säuberlich ausradiert, um auf das derart gewonnene Pergament neue Texte und neue Bilder zu setzen. Ich besitze beispielsweise ein aus dem Kloster Lorsch stammendes Pergamentpalimpsest, auf dem, deutlich sichtbar, eine frühmittelalterliche Orantenfigur ausradiert worden ist, um im XI. Jahrhundert einem Stammbaum der Karolinger lotharingischer Abstammung Platz zu machen. Wesentlich grösseren Schaden haben unter den alten Bilderhandschriften die Buchbinder, Pergamenter und Blattgoldschläger des XV., XVI. und der folgenden Jahrhunderte angerichtet. Die Perga-menter kauften alte Pergamentmanuskripte auf, um sie für den Profangebrauch neu herzurichten; der Goldschläger war Käufer für diese Blätter, weil er ihrer beim Goldschlagen bedurfte und weil ihm die reich mit Gold belegten Initialen billig Gold zur Neuverwendung lieferten; und der Buchbinder endlich, der klösterliche wie der Laie, nahm sich alte Missale, Antiphonare usw., um damit bequem und billig Pergament für seine Einbände zu erhalten. Unzählige Bücher des XV. bis XVII. Jahrhunderts sind in Decken gebunden, welche aus Blättern aller Pergamenthandschriften bestehen, und unter hundert gebundenen Büchern der Renaissance sind wohl keine zehn, bei denen nicht irgendwie im Dackel oder am Rücken des Einbandes Reste alter Pergamenthandschriften zu linden waren. Auf dies: Weise sind unzählige alte Pergamenthandschriften verloren gegangen.

Aber es sind uns eben dadurch auch zahlreiche Miniaturen und Initialen gerettet worden, denn mit Vorliebe haben die alten Buchbinder zu Pergamentumschlägen Blätter mit .schönen Initialen verwendet. Dieser Sitte verdanken wir zahlreiche, oft sehr frühe Bildwerke, und auch die kostbaren Blätter unserer Tafeln 1 und 2, 5 und 40—50 entstammen alten Bucheinbänden. Wieder andere Miniaturen haben schon vor den Augen jener Buchbinder und Pergamenter Gnade gefunden und sind ausgeschnitten worden, um bald als Stubenzierdc eingerahmt, bald als Andachtsbilder und Lesezeichen in Gebetbüchern aufgehoben zu werden. Übrigens haben schon die Sammler längst vergangener Jahrhunderte manche derartigen Blatter dem Buchbinder, Pergamenter und Goldschläger abgerungen, um sich an ihrem Anblick zu weiden und sie so der Nachwelt gerettet. Andere Sammler, besonders des XVIII. und aus der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, haben allerdings an manchen Pergamentbüchcrn schwer gesündigt, indem sie die besten Miniaturen aus dem Text, ja oft die Initialen einzeln rings den Contouren entlang fein säuberlich aus-schnilten, um sie dann solid auf Cartons zu kleben und mit farbig gemalten, goldgeränderten Bordüren zu umzielten. Heute ist matt über diese Schwächen hinaus, vor 100 Jahren aber übten selbst Sammlerkoryphäen wie Lavater und Goethe diese Praxis. Heute lässt man komplete Manuskripte komplet und zerlegt selbst defekte Miniaturenbücher nur noch in ganz seltenen Fällen, wenn beispielsweise ihr Text jeden Interesses entbehrt und gleichzeitig der schlechte Erhaltungszustand eine Bergung der Miniaturen in Mappen nötig erscheinen lässt. — Das muss freilich auch gesagt sein, dass losgelöste Miniaturen die Reproduktion wesentlich erleichtern und dadurch, dass die einzelnen Miniaturen ein und desselben Manuskriptes nebeneinander auf- und ausgestellt werden können, das Studium ein leichteres, ihr Wert für die allgemeine Belehrung ein grösserer wird, als das bei den zumeist sorgfältig verschlossenen und nur wenigen Spezialisten zugänglichen Manuskripten der Fall ist.

Was die Reproduktion der vorliegenden Miniaturen anbetriflft, so wurde auf ihre photographische Wiedergabe die grösste Sorgfalt verwendet und wurden mehrfach von ein und derselben Miniatur mehrere Aufnahmen in verschiedenen Verfahren gemacht, um daraus dann die bestgelungene zu verwenden. Von einer farbigen Wiedergabe aller Stücke wurde abgesehen, weil dieselbe den Preis des Werkes unverhältnis-inässig verteuert hätte, und weil erfahrungsgemäss die Wiedergabe in Farben nur in den seltensten Fällen thatsächlich das Original erreicht; bald sind es die Farben, bald ist es die Zeichnung, die in der farbigen Darstellung nur ungenügend zur Wiedergabe gelangen. Demgegenüber hat eine gute photographische Reproduktion den Vorzug der Billigkeit und vor allem der Genauigkeit, was in den Augen aller jener von Wert ist, welche derartige Kunstwerke nicht gerne in einer Übertragung sehen, in welcher sich die Hand des reproduzierenden Künstlers wiederspiegelt. Bedauerlicherweise leidet unter diesem Fehler, wie bekannt, die grosse Mehrzahl der lithographischen Miniaturenreproduktionen der letzivergangenen Jahrzehnte.

So übergebe ich denn diese Folge von mittelalterlichen Federzeichnungen, Initialen und Miniaturen der Öffentlichkeit mit dem Wunsche, dass recht viele in ihr neue» und interessantes Studienmaterial linden mögen.

Strassburg, 1901.

Dr. R. FORRER.

 

Text aus dem Buch: Unedierte Federzeichnungen, Miniaturen und Initialen des Mittelalters (1902), Author: Forrer, Robert.

Unedierte Federzeichnungen - Miniaturen und Initialen des Mittelalters