Kategorie: Vergänglichkeit

Text von Michael Winkler, Bild vom Kunstmuseum Hamburg.

Als ich am 26. Oktober 2004 den ersten Text in der Rubrik „Pranger“ geschrieben habe, habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt im Stande sei, sechs dieser Texte zu verfassen, und das auch noch im Abstand von nur jeweils einer Woche. Dies ist nun Pranger Nummer 600, es sind mehr als zwölf Jahre vergangen. Es wird der vorläufig letzte Pranger sein, doch in irgendeiner Form wird es weitergehen, voraussichtlich Mitte Februar. Zwölf Jahre voller Höhen und Tiefen liegen hinter mir, zum Glück haben die freundlichen Zuschriften die weniger freundlichen bei weitem überstiegen. Ich bin alt geworden in dieser Zeit, satt an Jahren, wie das früher ausgedrückt worden ist. Den Rechner, auf dem ich diese Texte tippe, habe ich mehrmals ausgewechselt, dafür fahre ich noch immer das gleiche Auto. Mein Fernseher empfängt sein Programm nicht mehr über Antenne, sondern über Satellit, und meine Internetverbindung ist von ISDN auf ADSL 50.000 hochgeschnellt.

Die einzige wirklich gravierende Veränderung in meinem Leben ist meine Mutter. Aus einer aktiven, eleganten Frau ist ein gebrechliches, hilfloses Etwas geworden, in dem noch irgendwo Reste der einst so vertrauten Person stecken, aber nur selten zum Vorschein kommen. Inzwischen ist sie stationär in einem Altersheim aufgenommen worden. Dort gibt es keine Treppen, und die Betreuung, dich ich ihr nicht habe bieten können. Stück für Stück stirbt meine alte Welt… Dieser Gedanke kam mir das erste Mal in den späten Siebzigern, als mein altes Gymnasium sich in eine Baustelle verwandelt hatte. Dann sind Menschen gestorben, erst welche, die ich eher flüchtig gekannt habe, dann traf es die eigene Familie, die Großmutter, den Vater…

Vergänglichkeit