Der immer schwankende Gesundheitszustand seines Bruders erfüllte den jüngeren mit unbeschreiblicher Angst. Was konnten die Folgen aller dieser Anfälle schrecklicher Beklemmung werden! Seine ängstlichen Befürchtungen waren nicht grundlos. Schon einmal war er in größter Eile nach dem Süden gereist und hatte den Bruder im Hospital in einem Zustand angetroffen, der jede Befürchtung begreiflich machte. Welch eine Unruhe für ihn, der im Geschäft unentbehrlich war und nie voraus wissen konnte, wann diese Depressionen sich einstellten, — für ihn, der als der jüngere um seinen älteren Bruder mit einem Zartgefühl besorgt war, das dem einer Mutter für ihr krankes Kind gleichkam. Größere Liebe gibt es nicht, als sein Leben für seinen Bruder hinzugeben. Seine Liebe für Vincent war dieser Art.

Er sann auf Mittel, ihm mehr in der Nähe von Paris einen Aufenthalt zu schaffen. In einem kleinen Ort an der Saöne kannte er einen Arzt, mit dem er gut befreundet war; ein Mann, der eher Künstler als Arzt war.

Unter dessen Obhut sollte sein Bruder gestellt werden. Soweit es ihm bei seinen zahlreichen Berufsgeschäften möglich war, sollte er den Künstler im Auge behalten, wenn der traurige Gemütszustand ihn zu überfallen drohte. So wie früher sein Vater ihn nach seinem Wunsch zu leiten verstanden hatte, benutzte auch er jetzt eine gelegentliche Schwäche und erreichte es, daß sein Bruder ihn nach dem neuen Aufenthaltsort folgte. Es war ein reizender Ort, der seine letzte Wohnstätte werden sollte und den er im Frühjahr betrat.

An Schönheit allerdings weniger glänzend als der Süden. Aber auch hier strahlte die Natur in ihren lieblichsten Reizen 5 eine hügelige Landschaft, von blumenreichen Gärten unterbrochener Wald, Villen, die reich mit Rosen überwachsen waren, und hier und da ein runder Turm romanischen Stils oder die Mauern alter, oft fast zu Ruinen verfallener Kastelle, eine alte Abtei oder eine Kirche aus Sandstein: alles Kennzeichen der lieblichen französischen Landschaft. Noch einmal, wie neugeschürtes Feuer, entbrannte im Gemüt des Künstlers Arbeitslust und Schaffenseifer.

Er nahm Malstock, Palette, ein Bündel Pinsel zur Hand: wenn er mit einem Bild noch nicht einmal fertig war, sah man ein zweites, ein drittes schon im Atelier neben ihm entstehen. Nach Stellen, die er vorher im Herumstreifen gewählt hatte, trug er mit Mühe seine Staffelei und arbeitete bei grellem Sonnenschein, er produzierte wie der Sommer selbst in seinem Überfluß. In diesem Blumenlande kamen Blumen auf seinen Bildern zu vollstem Recht, und er malte seine Sonnenblumen.

Darest thou now, o soul,
Walk out with me toward the unknown region
Where neither ground is for the feet nor any path to follow?
Then we burst forth, we float,
In Time and Space, o Soul, prepared for them,
Equal, equipt at last, o joy, o fruit of all them to fulfil, o soul!

Walt Whitman.

Die Wissenschaft hatte es vorhergesagt: das alte Leiden mußte wiederkehren*, und auf die anstrengende Arbeit drohte das Schreckgespenst aller Künstler, die Ohnmacht, zu folgen 3 für ihn bedeuteten Beklemmung, Angst und Verzweiflung dasselbe; eine Verzweiflung, die ihn das Leben mehr als den Tod fürchten ließ. Der jüngere Bruder war eben im Begriff, seiner jungen Familie, Frau und Kind, für die Sommerferien nach Holland zu folgen, wohin sie schon abgereist waren. Eine Woche lang hatten Geschäfte ihn in Paris zurückgehalten, zum Glück für ihn! Ein Telegramm seines Freundes, des Arztes, forderte ihn auf, auf der Stelle nach Auvers zu kommen. Er fühlte voraus, wie er seinen Bruder dort antreffen würde. Mechanisch brachte er dies und das noch in Ordnung, so daß seine Angelegenheiten zunächst erledigt waren, eilte nach dem Bahnhof, wrarf sich in den ersten Zug, der abfuhr, und verbrachte die wenigen Stunden der Fahrt bis zum Aufenthaltsort seines Bruders halbgelähmt vor Angst.

Er kam noch rechtzeitig an. Wie zum Lohn für so große Zuneigung, für so zarte Besorgnis, für so uneigennützige Liebe war es ihm vergönnt, die Augen dem zuzudrücken, den er so lieb gehabt hatte, wie man nur etwas liebhaben kann, an das das ganze Herz sich geklammert hat, ganz uneigennützig mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag und jedem Gedanken.

Er hatte seinen Bruder noch lebend angetroffen. Am Morgen desselben Tages hatte Vincent das Haus, in dem sein Zimmer war, verlassen und hatte nach seiner Gewohnheit alles, was er zum Malen im Freien zu brauchen glaubte, mitgenommen. Das Wetter war glühend heiß an diesem Julitage. Seine Wirtsleute, die von seiner Krankheit unterrichtet waren, wurden unruhig, als er gegen drei Uhr noch nicht heimgekommen war. Denn er pflegte zur Zeit zum Mittagessen zu kommen und brachte dann auch meistens eins der Bilder mit zurück, um ein anderes noch unfertiges mitzunehmen, je nach der Stunde und dem Licht des Tages. — Sie fanden ihn bewußtlos, aber noch lebend und trugen ihn heim.

Das Sterben war ihm leichter als leben. Er war dem Sensenmann entgegengegangen. Der Arzt kam, tat, was er vermochte, telegraphierte, selbst tief erschüttert, an den Bruder und blieb inzwischen bei dem Kranken. Ein durch die vergangenen Jahre alt und gelb gewordener Brief Theodor van Goghs an seine Schwester redet mit seiner eignen Stimme wie hoch über dem schweigenden Grab:

„—Man sagt, es sei gut, daß er ruht: — Ich zögere es zu tun. Eher empfinde ich es als eine der größten Grausamkeiten des Lebens; er ist zu den Märtyrern zu zählen, die lächelnd starben.

„Es verlangte ihn nicht darnach, am Leben zu bleiben, und er war so beruhigt, weil er immer für seine Überzeugung gestritten hat, die er geprüft hatte an den Besten und Edelsten, die vor ihm waren: Ein Beweis dafür ist seine Liebe zu seinem Vater, seine Liebe für das Evangelium, für die Armen und Unglücklichen, für die Großen der Literatur und Kunst. In dem letzten Brief, den ich von ihm habe, und .der ungefähr vier Tage vor seinem Tode datiert ist, steht: ,Ich versuche es ebensogut wie gewisse Maler zu machen, die ich sehr geliebt und bewundert habe-“

„Man muß es einsehen, daß er ein großer Künstler war; ein großer Mensch zu sein geht damit oft zusammen. Die Zeit wird die Anerkennung wohl bringen; und mancher wird es bedauern, daß er so früh gegangen ist.

„Er selbst verlangte darnach zu sterben. Während ich bei ihm saß und ihm zuredete, daß wir versuchen würden, ihn zu heilen, und daß wir hofften, er bliebe dann von seinen Verzweiflungsanfällen ganz verschont, erwiderte er: ,La tristesse durera toujours/ — Ich fühlte, was er damit sagen wollte.

„Kurz darauf bekam er einen Anfall von Beklemmung, und in der nächsten Minute schloß er die Augen. Er wurde dann ganz ruhig und kam nicht mehr zur Besinnung.

„Die Leute in dem schönen Dorfe hielten sehr viel auf ihn. Von allen Seiten hörte man, wie beliebt er war, so daß viele ihn zu Grabe geleitet haben. Dort wird ein Stein dem Vorübergehenden seinen Namen sagen.

„Ich nehme mir vor, in einigen Monaten eine Ausstellung seiner Werke in Paris zu organisieren. Ich wünschte, du könntest einmal alles beisammen sehen 5 man muß viel davon beieinander sehen, dann versteht man es besser.

„Es wird wohl auch über ihn noch geschrieben werden. Wenn ich einen Raum erhalten kann, so wird die Ausstellung im Monat Oktober oder Anfang November stattfinden, dann sind die Pariser in der Stadt.——————–

„Er wird sicher nicht vergessen werden.“

(5. August 1890.)

Wohl hat sich die Prophezeiung, mit der dieser Brief schließt, bewahrheitet. Viel ist geschrieben worden — nicht alles den Tatsachen entsprechend. — Ein Ehrenplatz ist seinen Bildern im Museum von Niederlands Hauptstadt eingeräumt worden. Vieler Augen werden auf seine Werke gerichtet sein, im Ausland sowohl wie im Vaterland, das seine Kunst während seines Lebens nicht verstanden hat.

Von Kunstsinn und kaufmännischem Geist geleitet, mehr noch getrieben von einem Gefühl inniger Pietät, hat die taktvolle Hand einer Frau*) das beinahe Unmögliche für diese Kunst getan, ihr Bahn zu brechen durch eine Mauer steifer Konvention, die Vincents Kunst im Anfang als Unkunst verwarf. Seit dem Tag vor zwanzig Jahren, da die letzten Überreste des Künstlers in dem Land der Farben und des Sonnenscheins zu Grabe getragen wurden, sind in zahlreichen europäischen Städten Ausstellungen gewesen, von denen fremde und einheimische Blätter, jedes nach eigner Einsicht und Anschauung, berichtet haben. Im Atelier, inmitten vollendeter und unvollendeter Arbeiten, mit einem Berg von Blumen bedeckt, unter denen auch die Sonnenblumen, die er so lieb gehabt, hat der Sarg gestanden, der seine sterblichen Überreste enthielt. Sein Bruder trug ihn mit einem kleinen Gefolge von Künstlern, die von Paris für diese Feierlichkeit herübergekommen waren, zu Grabe. Es waren alles ausgezeichnete Künstler. — Am Grabe verlor der Bruder, übermannt von Trauer und Rührung, einige Momente die Besinnung. Für kurze Zeit schwand ihm das Bewußtsein für das, was um ihn vorging: — „Es war der Bruder, der seinen Bruder aus dem Grabe rief“— so hat der Maler und Schriftsteller Bernard, der Freund und Bewunderer des einen und Freund in der Familie des andern Bruders war, diesen Augenblick grenzenlosen Schmerzes beschrieben, und zwar in einem Artikel, der sicher gleichzeitig mit den damals zwischen den beiden Brüdern gewechselten Briefen erscheinen wird, und der von eignem Genie wie von der Anerkennung für das des andern strahlt.

*) Frau Cohen-Goschalk, Witwe des jüngeren van Gogh.

Was diese persönlichen Erinnerungen betrifft, so mögen sie wie das Wort sein, von dem der Prophet Jesaias gesagt hat: „Es wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern das verrichten, was mir gefällt.“

Nachdem ich sie lange Zeit nicht verstehen konnte, ist seine Kunst langsam meinen Augen aufgegangen. So mögen im allgemeinen die Urteile verschieden sein, wie es beim Publikum der Herbstausstellung 1908 der Fall war, da der eine vor Bewunderung mit den Augen nicht los kam, der andre nur mißbilligend sich abwandte und den Maler für verrückt hielt. Dürfen die Urteile also dermaßen verschieden sein, so wird doch jeder zugeben müssen, daß die Kühnheit der Linien, das Gewagte und die Kraft der sehr bewußt einander gegenübergestellten Farben in Erstaunen setzt, — wird zugeben müssen, das Werk eines Mannes zu sehen, der im Schweiße seines Angesichts arbeitete, solange es Tag für ihn war, bis zu der Nacht, in der er nicht mehr arbeiten konnte.

ANHANG

Um die Klarheit und Einfachheit der Darstellung zu zeigen und als Beweis, wie die Kunst des Beschreibens beim Künstler gleichen Schritt mit seiner weiteren Entwicklung gehalten hat, zum Beweis auch, in welchem Maße er die französische Sprache beherrschte, folge noch ein kleines Stück Prosa, das mein Bruder mir zukommen ließ:

II y a 25 ans environ, qu’un homme de Granville partit pour l’Angleterre. Apres la mort de son pere ses freres se disputaient l’heritage, et tächaient surtout de lui soustraire sa part. Las de se quereller, il leur abandonna sa part et partit pauvre pour Londres, ou il obtint une place de maitre de Francais a une ecole. II avait 30 ans lorsqu’il se maria avec une Anglaise bien plus jeune que luij il eut 1 enfant, une fille.

Apres avoir ete marie 7 ou 8 ans, sa maladie de poitrine s’agravit.

Un de ses amis lui demanda alors s’il avait encore quelque desir, ä quoi il repondit, qu’avant de mourir il aimerait a revoir son pays.

Son ami lui paya les frais du voyage.

Il partit donc, malade jusqu’ä la mort, avec sa femme et sa fille de 6 ans pour Granville. La il loua une chambre ä de pauvres gens demeurant pres de la mer.

Le soir il se faisait porter sur la greve et regardait le soleil se coucher dans la mer. Un soir, voyant qu’il etait pres de mourir, les gens avertissent sa femme qu’il etait temps d’envoyer chercher le eure pour qu’il donnät Pextreme onction au malade.

Sa femme qui etait protestante s’y opposa, mais il dit „laissez les faire“.

Le eure arriva donc et le malade se confessa devant tous les gens de la maison.

Alors tous les assistants ont pleure en entendant cette vie juste et pure.

Aprös il voulut qu’on le laissät seul avec sa femme; quand ils furent seuls, il l’embrassa et dit „je t’ai aimee“. Alors il mourut . ..

Il aimait la France, la Bretagne surtout et la nature et il voyait, Dieu; c’est a cause de cela que je vous raconte la vie de cet „etranger sur la terre“, qui cependant en fut un des vrais citoyens.

Vincent van Gogh.

Vor ungefähr 25 Jahren reiste ein Mann aus Granville nach England. Nach dem Tode seines Vaters stritten sich seine Brüder um die Erbschaft und bemühten sich namentlich, ihm sein Teil vorzuenthalten. Da er des Streitens müde war, überließ er ihnen sein Erbe und reiste arm nach London, wo er an einer Schule Stellung als französischer Lehrer fand. Er war dreißig Jahre alt, als er sich mit einer Engländerin verheiratete, die viel jünger als er war; er hatte ein Kind, eine Tochter.

Nachdem er sieben oder acht Jahre verheiratet war, verschlimmerte sich seine Brustkrankheit.

Einer seiner Freunde fragte ihn damals, ob er noch irgendeinen Wunsch hätte, worauf er erwiderte, er würde gern, bevor er stürbe, sein Vaterland noch einmal sehen. Sein Freund zahlte ihm die Reisekosten. Er reiste also, todkrank, mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter nach Granville ab. Dort mietete er ein Zimmer bei armen Leuten, die nahe am Meere wohnten. Abends ließ er sich ans Ufer tragen und schaute zu, wie die Sonne im Meer unterging. Eines Abends machten die Leute, die sahen, wie nahe er am Sterben war, seine Frau darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, nach dem Priester zu schicken, der dem Kranken die letzte Ölung geben sollte.

Seine Frau, die Protestantin war, widersetzte sich dem, aber er sagte: „Laß sie nur machen.“ Der Priester kam also an, und der Kranke beichtete vor allen Leuten im Haus. Alle Anwesenden haben damals geweint, als sie von diesem rechtschaffenen und reinen Leben hörten. Darauf wünschte er, mit seiner Frau allein gelassen zu werden als sie allein waren, umarmte er sie und sagte: „Ich habe dich geliebt.“

Dann starb er . . .

Er liebte Frankreich, ganz besonders die Bretagne und die Natur, und er sah Gott. Das ist der Grund, warum ich dir vom Leben dieses „Fremdlings auf der Erde“ erzähle, der indessen einer der echtesten Bürger auf ihr war.

Text aus dem Buch: Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh (1920), Author: Du Quesne-van Gogh, Elisabeth Huberta.

Siehe auch:
Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh – Vorbereitung
Vincent van Gogh – Die ersten Malanfänge
Vincent van Gogh – Aufs neue nach Frankreich

Vincent van Gogh 1853-1890


Er ist fortgegangen j sie haben ihn alle nicht wiedergesehen, seine Mutter nicht, seine Schwester nicht, sein jüngster Bruder nicht, der noch ein Knabe war. Man sagt mir, daß in nicht langer Zeit Briefe veröffentlicht werden} sie werden wie Stimmen aus Gräbern klingen und mehr sagen, als diese Seiten mit ihren wenigen Erinnerungen, die aber so deutlich und genau der Verfasserin im Gemüt stehen, daß sie nur abzuschreiben braucht, freudig, um der Wahrheit willen.

Namentlich vom Aufenthalt des Malers im Süden werden diese Briefe viel erzählen. Nachdem er sich einige Zeit bei seinem Bruder in Paris aufgehalten hatte, fing er an, sich nach dem Lande der Farben und des Gesangs zu sehnen: nach der Provence. Dort sollte ein Farben-schillern, eine Farbenglut ihm entgegenstrahlen und von ihm auf die Leinwand gebannt werden, wie in der Blütezeit unserer altholländischen Malerschule auch nur einige der Älteren ihre Blumen und Früchte zu malen verstanden.

Ein Bild, das er dann und wann nach Holland schickte, hielt seine Familie mit seinen Arbeiten auf dem Laufenden} die Briefe, die Theodor nach Holland schrieb, klangen immer hoffnungsvoller. Er, mehr Kunstkenner wie Kunsthändler, las den zukünftigen Ruhm aus den Arbeiten seines Bruders, der der Gegenstand aller seiner Sorgen, seiner Zuneigung, seiner nie nachlassenden Aufmerksamkeit und Teilnahme war. Immer mußte man sich um ihn sorgen, um ihn, der gänzlich blind für die gewöhnlichen alltäglichen Bedürfnisse des Daseins war, der keinerlei Mangel leiden durfte, damit er unbehelligt bis zu dem Punkte gelangen konnte, den er sich als Ziel gesteckt hatte. Gesorgt hat sich sein Vater um ihn, und ein unendliches Zartgefühl in seiner Besorglichkeit bewies ihm sein Bruder. Der war verheiratet und später Vater eines Sohnes mit dem Namen Vincent $ er hat seinem Bruder stets den gleichen Platz in seinem Herzen bewahrt.

Noch immer waren Vincents Arbeiten zur Unverkäuflichkeit verurteilt. Der Versuchung, jetzt seinerseits dem Kunsthandel den Rük-ken zu kehren, so wie Vincent es wollte, widerstand er. Er war zu praktisch veranlagt und wollte seine Stellung und seine Aussichten auf keinen Fall preisgeben. Ein Fortschritt schien es ihm schon, daß ein kleiner Kunsthändler, dessen Laden nur ein Fenster breit war und der, soviel in seinen Kräften stand, Freund und Beschützer von noch mehr armen namenlosen Anfängern war, dann und wann wenigstens ein Bild ausstellte. Aber Vincents Sachen auszuhängen, ohne daß sie auffielen — das war nun mal unmöglich.

Auf diese Weise wurden seine Bilder gesehen, er wurde beachtet, das war zum mindesten etwas. Aber das Feuer seines Genies, das nach außen in Farbengluten ausbrach, verzehrte ihn schließlich innerlich und unterwühlte seine Kör-perkräfte; durch rastlose Arbeit wurde sein Nervensystem überreizt, namentlich durch die Überanstrengung der Sehnerven. Das Malen bei greller Sonne und bei Dämmerlicht griff seine Augen unerhört an.

Dann und wann zeigten sich bereits epileptische Erscheinungen bei dem Künstler. Lange vorher quälten sie ihn mit einem namenlosen Gefühl von Beklemmung, einer Beklemmung, die er selbst in einem Briefe beschrieben hat und die ihn auf Wochen darnach zur Untätigkeit verurteilte. Was mußte für einen Geist wie den seinen Untätigkeit bedeuten!

Dieser körperliche Verfall brachte zeitweilig über das Gemüt des Künstlers eine Art Verzweiflung, die mit nichts zu überwinden war. — Das schlimmste dabei war, daß diese Anfälle eher sich vermehrten, als daß sie abnahmen. Wiederholt wurde er ins Krankenhaus von Arles aufgenommen. Von dort ist uns ein kostbares Bild hinterblieben, das die Rück- und Gartenseite des Hospitals darstellt. Jetzt, da ich darüber schreibe, möchte ich es vor mir sehen, gleich wie die vielen anderen Bilder, die nacheinander in vielen europäischen Städten ausgestellt werden. Unter ihnen war sicher auch das eines proven§alischen Hirten und ein anderes, „La Berceuse“ benannt.

Als er nach einem der traurigen Anfälle seines Leidens im Krankensaal eines Hospitals lag, wurde an einem Nachmittag in das dem seinen benachbarte Abteil ein Alter von höchst merkwürdiger Erscheinung gebracht. Sein Äußeres erinnerte den Maler an die Darstellungen der Erzväter alter flämischer Meister. Der Mann war über achtzig Jahre alt, ein Hirte, der von frühester Jugend an die Herde in den südlichen Ebenen geweidet, der immer unter offenem Himmel übernachtet hatte, ohne ein Lager zum Ausruhen, und zur Bedeckung nichts als sein Tierfell. Sein Bett war das blühende Heidekraut gewesen, seine Nahrung die Milch seiner Herde und ein paar getrocknete Früchte, die ihm äußerst selten gebracht wurden und lange Zeit als Proviant reichten. Sein Leben war verlaufen, so wie die Jahreszeiten fast unmerklich ineinander übergehen, so wie der Tag auch still sich in die Abenddämmerung auf löst und die Dämmerung allmählich zur Nacht wird, ein Leben ohne nennenswerte Ereignisse, klar wie ein nächtlicher Sternhimmel, „pur, comme un ciel etoile“.

Von einem für die Gegend auffällig strengen Nachtfrost über-fallen, wurde er am Morgen erstarrt aufgefunden. Aber man glaubte noch Zeichen von Leben an ihm zu bemerken, und die Leute, die kamen, um die Milch von der Wiese zur Stadt zu bringen, führten den alten Mann mit nach Arles, wo im Krankenhaus die Lebensgeister wieder geweckt wurden. Doch meinten die Ärzte, nur für Stunden, da der Frost die Herzgegend angegriffen hatte. Als er wieder vollkommen bei Bewußtsein war, erzählte er, dankbar für die Wohltaten eines guten Bettes und eines zu lange schon entbehrten Obdachs, die Geschichte seines Lebens. Kein Wunder, daß sich seine ehrwürdigen Züge dem Maler ins Gedächtnis prägten, so daß er sie im Bilde wiedergab.

Ein Gegenstück zu diesem Bilde ist „La Berceuse“. Es stellt die Frau dar, die seit Urzeiten im Volksglauben der provencalischen Schiffer fortlebt als die, die dem Schiffsvolk die Lieder, die ihnen ihre Mutter schon an der Wiege summte, singt, so oft ein Schiff, vom Sturm übermannt, unterzugehen droht und der Tod aus dem Wellengesicht sie angrinst—dann hören die- Schiffer von den Lippen der Berceuse die Wiegenlieder längst vergangener Zeiten. So erzählt die Legende.

Text aus dem Buch: Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh (1920), Author: Du Quesne-van Gogh, Elisabeth Huberta.

Siehe auch:
Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh – Vorbereitung
Vincent van Gogh – Die ersten Malanfänge

Vincent van Gogh 1853-1890


Endlich, so wie ein Strom allen Hindernissen zum Trotz unbeirrt dem Meere zufließt, hatte das Genie seine Bahn gefunden. Der junge Mann hatte angefangen zu malen. Zu Haus zeigte er im Familienkreise Aquarellzeichnungen, die er nach dem Leben der Grubenarbeiter gemacht hatte. Es war noch nicht viel, die Zeit war für ihn mehr wie ausgefüllt gewesen 5 jedenfalls waren es Zeichnungen, und was sie darstellten, das lebte: Ein Grubenarbeiter vor seiner Hütte, die viel Ähnlichkeit mit unseren drentischen Hütten hatte: niedrig gebaut, mit einem schrecklich hohen Strohdach, alt und in den Jahren mit Immergrün und farbigem Moos bewachsen, so bunt im Sonnenlicht wie farbiges Mosaik. — Ein Grubenarbeiterpaar, Mann und Frau, hagere Gestalten, mit Armen und Beinen, die wegen ihrer Magerkeit viel zu lang schienen, fahl die Kleider, fahl die Gesichtsfarbe, jeder mit einem schmutzigen Sack voll Schlacken auf dem Rücken, mit langen Schritten auf einem Weg, der nicht mit Sand, sondern mit Steinkohle bedeckt war, nach Hause gehend: alles armselig, kalt und schmutzig.

Von einer bekannten Adresse ließ er sich Farben und Pinsel kommen, und nach wenigen Monaten bezog er die Zeichenakademie in Antwerpen. Im Februar oder März wird er nach Antwerpen abgereist sein; Ende Mai, an einem Sonntag nachmittag, kam er höchst unerwartet den Gartenweg heraufgelaufen, der nach der Wohnung der Eltern führte. So sahen ihn seine Schwestern, die am Fenster mit Handarbeiten beschäftigt waren, mit seiner großen Staffelei auf dem Rücken, in einem blauen Kittel, der bekannten Tracht flämischer Viehhändler, den filzenen Malerhut tief in die Stirn gedrückt.

Er wollte zunächst bei seinen Eltern bleiben, im Dorf gab es ja viel für ihn zu tun. Es lag nicht gerade im malerischsten Teile Brabants, auch war der Bevölkerung weder die Umgänglichkeit noch herzliche Zuvorkommenheit eigentümlich, die es einem Maler ermöglicht, vollkommen ungezwungen unter ihr zu malen. Was er da arbeitete, darf man getrost unbeholfen und fehlerhaft nennen, mit Ausnahme der Blumen. Wo er sie früher oder später gemalt hat: sie tragen stets ihren eigenartigen Charakter, und lange sind sie seine beliebtesten Bilder geblieben: „Pflanzen mit strahlendem Seelenleben in zartbebenden Formen, schüchtern wie seidige Schmetterlinge“ — so sind Vincents Blumen beschrieben worden, in seinem Fierzen aber hat er sicher Cowpar die Worte nachgesprochen:

„To one the meanest flower that blows can give thoughts that do often lie too deep for tears“; das heißt: „Die kleinste Blume kann Gedanken erwecken, die selbst für Tränen zu tief sind.“ Die Eltern des Malers wurden mit Fragen über ihren Sohn von teilnehmenden Freunden und Verwandten bestürmt. Es ist nun mal bei unserer Gesellschaft, die nicht immer angenehmster Art ist, so in der Welt bestellt, daß jeder das Recht zu haben meint, über das Tun und Lassen seiner Mitmenschen zu urteilen, namentlich wenn es die Erziehung der Kinder betrifft: „Wenn das mein Sohn oder meine Tochter wäre, dann würde ich“, und was folgt, ist in allen Fällen dem geradewegs entgegengesetzt, was die Eltern bisher für den besten Weg hielten.

„Wenn ich so reich wäre, wie diese Leute, würde ich sicher oder würde ich nicht usw.“, und dann kommt wieder irgendwas von dem Bestehenden durchaus Verschiedenes. So gaben auch in diesem Falle hundert Stimmen ihre verschiedenen Meinungen von sich. Jeder war natürlich überzeugt, seinem Rat zu folgen sei für Vincent das beste.

„Es ging nicht an, daß ein junger Mensch von achtundzwanzig Jahren noch nicht mal sein eignes Brot verdiente, er mußte anders behandelt werden, mußte sich besser kleiden, er hatte sich nicht abzusondern, sondern sich zu benehmen wie jeder andre (als ob es nicht zuweilen ein Vorrecht sei, nicht wie die vielen anderen zu sein). Sein Vater mußte ihm den Kopf einmal gehörig waschen, mußte ihn in eine Anstalt stecken usw. . . “

In dieser Weise erging man sich in guten Ratschlägen. Als ob es für die Eltern nicht schon genügt hätte, sich in ihren Erwartungen betrogen zu finden und ihre Geldsorgen täglich wachsen zu sehen j denn die Malweise ihres Sohnes erforderte viel Farbe, und Farbe ist teuer. Obendrein bewunderten sie seine Arbeiten durchaus nicht. Was sie nach ihrem Geschmack schön fänden, verwarf er mit verächtlichem Lächeln, und was er malte, war in ihren Augen wiederum schlechter Geschmack. Die gegenseitigen Beziehungen waren in dieser Zeit nicht die‘ glücklichsten. Zu Weihnachten ungefähr verschwand er plötzlich in keineswegs guter Stimmung und hinterließ die Eltern betrübt und in Unsicherheit darüber, wohin er sich wenden werde.

Sie glaubten schon, er sei zurück nach England gegangen, als er ihnen mitteilte, er beabsichtige im Haag zu arbeiten. Dort hatte er seinen Vetter Mauve besucht, durfte in dessen Atelier arbeiten, und seine Cousine Ariette, Mauves Frau, der er in späterer Zeit einen seiner bekannten blühenden Baumgärten verehrte, hatte ihn in ihrem Hause freundlich aufgenommen. Jetzt fühlte er sich selbst wachsen. Die Haagsche Malschule, deren Mitglieder ihm zumeist persönlich bekannt waren, fesselte ihn: Mauve durch die Zartheit und Poesie seiner Auffassung: kleine Buchenalleen und Birken, weite Heideflächen mit Hirten und Schafen, dem einzig Lebendigen in der Stille der Natur, deren Frieden sie nicht störten; Buchenhecken und Haine, die die rostbraunen Blätter behielten, bis das Frühlingsgrün des Lenzes endlich wiederkehrte: Man fühlte es auf den Bildern nahen, — wie getreu war das alles der Natur abgelauscht.

Die Bilder von Maris mit ihrer Frische und Sicherheit des ersten Angriffs interessierten ihn namentlich; auch Gabriel, de Bock und Poggenbeek und der Meister aller Israels. Sicher lernte der junge Künstler, so wie es bei ihm Gewohnheit war, von ihnen. Nachgeahmt aber hat er nicht einen; er hielt sich außerhalb ihrer Sphäre5 und als Mauve ihm einmal riet, nach Gips zu zeichnen, und in seinem Atelier eine Figur in günstiger Beleuchtung aufgestellt hatte, warf er sie, auf die Gefahr hin, sie zu zerbrechen, um und verschwand aus dem Atelier. Begreiflicherweise machte der Vorfall der Freundschaft ein Ende, denn Mauve, der außerdem sehr leicht erregbar war, hatte auf derartiges Benehmen hin durchaus genug von ihm. Er selbst faßte diesen Vorfall als einen famosen Witz auf, und so oft er darauf zu sprechen kam, lachte er wie ein Gassenjunge nach einem geglückten Streich. Doch blieb seine Bewunderung für Mauve, so befremdend es auch scheinen mag, immer gleich groß, nur fürchtete er jeden Einfluß auf sich selbst, jede Nachahmung, jede Anlehnung an andre. Deshalb verließ er auch Amsterdam. Er wollte keiner Schule folgen.

„Aufrichtigkeit gegen sich selbst ist die erste Bedingung des Künstlers, und ein völliges Reifenlassen dessen, was ihn ergreift. Gegenwärtig ist zu viel Hast und zu wenig Aufrichtigkeit in dem Sichselbstsuchen,“ hat Herr Plaesschart in der Groene Amsterdamer vom 27. Februar 1910 gesagt.

Diese Künstler waren mit mehr oder weniger Berechtigung sich selbst die Nächsten, er aber blieb ganz für sich, einzig in seiner Art steht er, steht auf den Ausstellungen sein Werk vor uns. Auf der Pariser Ausstellung im Herbst 1908, so erzählt ein Augenzeuge, gab es Leute, die vor seinen Sachen sprachlos vor Bewunderung waren, andere kehrten sich achselzuckend ab: c’est un fou. Lange bevor der Künstler einen Namen hatte, fragte der Maler Gabriel einmal eine Dame, in deren Gesellschaft er zufällig Werke Vincents angeschaut hatte: „und was halten Sie von seiner Kunst?“ Sie, die selbst keine Malerin war, wagte diesem Meister gegenüber kein Urteil auszusprechen.

„Ich bin froh, daß Sie es Kunst nennen, Herr Gabriel,1u sagte sie nur, worauf der Meister gutmütig lachte.—

Daß seine Sachen dazu verdammt waren, im Kunsthandel unverkäuflich zu sein, störte ihn nicht im geringsten. Daß ein bekannter Kunstkäufer ein Blumenstück seiner Hand selbst umsonst, nur unter der Bedingung, es aufzuhängen, nicht annehmen wollte — er lachte darüber. Seine Kunst hob ihn mit Adlerschwingen über die Kleinlichkeit der Welt, und hätte man ihm vorgeworfen, in seinem Alter noch nicht einmal für sich selbst sorgen zu können, so würde er sicher geantwortet haben wie jener Eine, dem keiner zu vergleichen ist, als seine Eltern ihn, den Zwölfjährigen, inmitten der Schriftgelehrten fanden und ihm vorwarfen, von ihnen weggelaufen zu sein: „Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist.“ „Ils vivent, les yeux tournes vers le dedans,“ sagt Taine in seiner Geschichte der englischen Literatur. Das Genie muß sich durch schwere, unverdrossene Arbeit an sich selbst entwickeln, sonst bleibt es nichts als ein Diamant, in dessen verhülltem Glanz die Sonnenstrahlen sich nicht widerspiegeln können.

Hatte der junge Mann Gelegenheit gehabt, das unermüdliche Arbeiten der Grubenarbeiter zu beobachten, war seinem Blick solcher Eifer aus früheren Jahren bekannt, „wenn er die Mäher die Sichel durch die Halme hatte schlagen sehen oder die Sense durch das hohe Gras, bis lange nach Sonnenuntergang, wenn Unwetter am Himmel drohte und die Ernte noch eingeholt werden mußte — jetzt war für ihn die Zeit zu arbeiten da. Nachts studierte er Bücher über Aquarell, über Perspektive, tagsüber besuchte er Museen oder Ateliers, zeichnete selbst figürlich nach lebendem Modell, oder er kopierte eine ganze Serie französischer Vorlagen, die sehr lehrreich waren wegen der dargestellten natürlichen Figuren in einfachen Umrissen ohne Schatten; das versprach eine Beherrschung der Linie, die die Mühe des Kopierens verlohnte.

Dies Studium feuerte ihn dermaßen an, daß er eine Anzahl Vorlagen um Figuren eigner Erfindung nach lebendem Modell vermehrte. Sie sind gewiß nicht die minderwertigsten der Serie gewesen, namentlich eine mit kräftigen Linien skizzierte Frau 3 das Bild ist durch die einfache Ausführung um so sprechender: dürr, frühgealtert, das Haupt mit dem dünnsträhnigen Haar tief auf die eckigen Knie niedergebeugt, nackt und einsam. In charakteristischen Buchstaben das vielsagende Wort: Sorrow als Randbemerkung. Es verdient besonders erwähnt zu werden. Wenn ich an das Bild denke, kommt mir immer das kleine Lied von Josef Cohen in den Sinn:

Durch alle Jahrhunderte hin
steht im einsam-stillen Gäßchen
einsam-still eine Frau,
ihre Kleider reden von Freude,
ihre Augen sprechen von Leid.

Namentlich aber die folgende Strophe:

Aus den Kanälen der Straßen
steigt Weinen auf,
das ängstlich Frauen weinen
durch die Jahrhunderte hin.

Sicher wird sie ein Bild des Elends gewesen sein, diese Frau, die Mutter von fünf vaterlosen Kindern war und nun, von allen verlassen, als Malmodell ihr kärgliches Brot verdiente. Unser Freund, der vorurteilslos und ohne überhaupt zu urteilen, wohlzutun pflegte, der mitlitt, wo er leiden sah, der sich nie darüber klar wurde, daß er nichts hatte, um geben zu können, weil alles, was er gab, eines andern Geld und Gut war — er bot dieser Frau Obdach an, ihr und ihren Kindern. Sie hatte ihm die Geschichte ihres Elends erzählt, die alte Geschichte vom Fallen, mit oder ohne Schuld, wie man’s nehmen will, ohne sich wieder aufraffen zu können, wie sie ratlos gewesen, nicht gewußt, was später, was jetzt werden soll, wie sie nichts zu essen gehabt, keine Medizin, wenn die Kinder krank waren . . . und bei all dem allein, immer mit ihrer Sorge allein . . . Die Haltung, die ihr der Maler gegeben} paßte freilich zu ihrer Geschichte von Scham und Reue: Der Kopf mit den dünnrieselnden Haaren, tief auf die mageren Knie gebeugt:

„Sorrow!“

Das Geld, das für Kost und Wohnung bestimmt war, für Malutensilien und Studium, reichte nur zur Hälfte aus, ihn selbst und die hilflose Familie am Leben zu halten. Wer hätte aber auch daran gedacht, sieben statt einen damit zu ernähren! Als nach Verlauf einiger Zeit sein Vater von allem unterrichtet war, kam er, um sich persönlich von dem, was er gehört hatte, zu überzeugen. Der Hausherr hatte schon geplant, den Maler wegen Nichtzahlens der Hausmiete zu belangen, und der Steuertermin war auch schon längst verfallen.

Selbst halb verhungert, willigte er, wie damals in der Borinage, ein, dem Vater zu folgen, der ihn immer mit größter Vorsicht und Zartheit zu behandeln pflegte, weil er die Wunderlichkeiten seines Sohnes in erster Linie mit Mitleid gewahrte. Hätte er anders gehandelt, was wäre aus ihm und seiner Kunst geworden! Die Frau wies jede Hilfe, die man ihr bieten wollte, von der Hand. Aufs neue wollte sie ihr Bohömeleben als Modell bekannter Maler aufnehmen und versuchen, ihre Kinder auf diese Weise durchzubringen. Der Ort, wohin unser Maler seinem Vater folgte, lag in einem viel schönem Teile Brabants als sein erster Aufenthalt, in einer Webergegend von eigentümlicher Poesie. Die meisten Häuser niedrig, die Bauernhöfe breiter ausgebaut, hie und da eine ansehnliche Besitzung älteren Ursprungs; die Menschen freundlich, einfach, arbeitsam, Ackerbauer, Landarbeiter oder Weber, die letztem an ihrem blassen, ungesunden Aussehen kenntlich, da das Webergewerbe ein schädlicher, aufreibender Beruf ist. In ihrer schweigsamen Art sind sie meist gewohnt, nur auf die Farben zu achten und auf das Tick-Tack ihres Webstuhls zu horchen. Festgestampfter Lehm ist der Fußboden der Webstuben, selten gibt’s noch die alten Webstühle, deren Schnitzwerk meistens die Jahreszahlen vergangener Jahrhunderte tragen und deren Eichenholz schwarz ist wie altes Chorgestühl im Dom. Durch ein Seitenfenster fallt ein Bündel Lichtstrahlen in den niedrigen Raum mit den verräucherten Balken und dem dunklen Webstuhl, auf die schmutzig-graue Gestalt des Webers und seine bleichen, nimmermüden Hände. Wandert man durch die Dorfstraße, unter einer Allee von Nußbäumen mit gefiederten Blättern, dann wird es einem verständlich, daß der unübertreffliche Bauerndichter, der Schotte Burns, sich beim rhythmischen TickTTack, das aus den Webstuben klingt, zum Singen angeregt fühlte.

An den Sonntagabenden, kurz vor dem Vesperläuten, kann man die Weber, einen Sack auf dem Rücken, mit dem in der Woche gesponnenen Leinen, nach dem modern gebauten Haus und zugehörigen Magazin des Fabrikanten gehen sehen. Dort wird das Leinen, das meist für fürstliche Tische bestimmt ist, nachgemessen 3 und in den Sack kommt ein gleiches Gewicht Garn- oder Baum-vvollstränge: die Arbeit für die nächste Woche. Einsame, träumerische Gestalten, allein oder zu zweit, selten in Gruppen von mehreren, sieht man da wandern, im Winter den Weg am kahlen Acker entlang, auf dem das kurze, grüne Winterkorn noch steht, im Sommer zwischen dem rauschenden, reifen Getreide, im trägen Gang etwas wie Sehnsucht nach langerwünschter Samstagruhe. Für einen Künstler war hier ein weites Arbeitsfeld. Früh am Morgen schon konnte man den Maler am Brunnen hinter der elterlichen Wohnung beschäftigt finden, wie er die Leinwand in den Rahmen spannte, den der Nachbar-Schreiner nach seiner Anweisung flink und billig zusammengefügt. Frisch sprühte das Wasser über das Leinen oder über fertige Schwarz-weiß-Zeichnungen, die diese

Behandlung vonn Verwischen bewahrte. Meisterhaft in der Ausführung sind diese Kohle- und Kreidezeichnungen, die Vincent selbst gern rühmte. Ihm war, als lebte er in dieser Zeit sein Leben dreifach. Eine Stunde galt ihm soviel wie drei, je nachdem er in ihr arbeitete. Es war ihm gleichgültig, was er mitzuschleppen, wie weit bis zum Ziel er zu laufen hatte; er suchte seine Arbeit da, wo er im voraus sicher war, welche zu finden; niemand wehrte ihm je oder verschloß ihm die Tür, wenn er ein Interieur malen wollte. Wie er sich selbst jeder Form von Geselligkeit entzog, ihr gänzlich fremd war, so daß man selbst sich fremd ihm gegenüber fühlte, ging er unter den Armen und Schlichten ganz auf, unter denen, die die Natur schlecht bedacht hatte. Ihnen gegenüber beobachtete er eine Bescheidenheit, die auch den Schein der Aufdringlichkeit mied. Dabei zahlte er gut; nach der bestehenden Gewohnheit der Maler sein Modell pro Stunde. Und saß ihm ein Kind im Kinderstuhl, so hatte er immer einen Apfel oder einen Leckerbissen zur Hand, damit es still hielt, oder war es ein altes Väterchen in der Ecke am Kamin, so kürzte er ihm die Zeit mit Tabak für seine Pfeife.

Nachlässig gekleidet, im blauen Kittel flämischer Bauern, das Haar kurz, der Bart rostbraun und struppig, die Augen zuweilen entzündet und rot vom Anstarren irgendeines Gegenstandes in der Sonne, den Hut mit der weichen Krempe tief in die Augen gedrückt, so würde man ihn nicht für den älteren Bruder seiner Geschwister gehalten haben, um die er sich wenig kümmerte. Daran war mehr die Verschiedenheit der Lebensweise als etwa Antipathie schuld. An den gemeinsamen Mahlzeiten nahm er auf eine sonderbare Weise teil; er setzte sich in eine Ecke des Zimmers, seinen Teller auf den Knien und vor sich in einigem Abstand auf einem Stuhl ein noch nasses Bild; mit einer Hand beschattete er die halbgeschlossenen Augen, mit der andern führte er Gabel und Löffel zum Mund5 sein Brot schnitt er selbst und in dicken Stücken, auch mit Kaffee und Tee bediente er sich selbst; von Kindheit an war er gewohnt, sein Brot trocken zu essen. Abwesend, in seine Arbeit vertieft, wußte er kaum, was er genoß, war nur darauf bedacht, mit. größter Genauigkeit „die eine Farbe der andern gegenüber zu stellen“, „die Farben gegeneinander abzuwiegen“; meiner Ansicht nach liegt hierin das größte Geheimnis und die vornehmste Eigenart seiner Kunst. Drang aber aus dem Gespräch der andern der Name irgendeines Schriftstellers bis zu ihm, dann wurde er wach. Dann wußte er zu erklären, fand in dem ihm bekannten Schicksal des Schriftstellers den Grund für das Entstehen dieses oder jenes Buches, verglich lebende mit den Schriftstellern der Antike und zitierte dabei das bekannte Wort von Bulwer aus den „Letzten Tagen von Pompeji“: Alle Menschen und menschlichen Leidenschaften sind zu allen Zeiten die gleichen. Seine Lieblingsschriftsteller waren Dickens, Carlyle, Beecher-Stowe, Jan van Beers, Thomas a Kempis und Salomo in seinen Sprüchen. Die Zuhörer ließen ihm gern das Wort: ihm, der so gut wußte, was er sagte; doch blieb seine Absonderlichkeit für die Eltern immer ein Kummer. Wäre er ein Alltagsmensch gewesen, so hätte er nicht das absonderlich-großartige Werk hinterlassen, das wir heute von ihm besitzen.

Die Kunst war seine erste und ist seine einzige Liebe geblieben. Freunde im eigentlichen Sinne des Wortes, kann man sagen, hat er nicht gehabt, seine Beziehungen zu van Rappard vielleicht kamen einer Freundschaft am nächsten. Dieser verkehrte gelegentlich bei Vincents Eltern; in Antwerpen hatten sie sich kennen gelernt; doch van Rappard war viel länger dort geblieben, weil er Schule zu machen wünschte. Dies hinderte nicht, daß er seinen Freund zu einer Zeit bewunderte, als das noch niemand tat. Er hat ihn damals schon „einen gewaltigen Koloristen“ genannt. In der Wahl ihrer Stoffe stimmte beider Geschmack erstaunlich gut überein: Gruppen elend aussehender Arbeiter in niedrigen dumpfen Zimmern, in die durch ein Seitenfenster grell das Licht einfällt, so wie von Zeit zu Zeit das harte Los des Arbeiters durch unerwartete Freude erhellt wird. Etwas Ähnliches ist auf den Bildern beider wiederzufinden ; in Brabant haben sie zusammen gemalt, und während Vincents Aufenthalt im Haag haben sie sich gemeinsam auf kurze Zeit zum Arbeiten nach Drente begeben. Während unser Freund aber die Schwingen gewaltig ausbreitete, ist van Rappard in den konventionellen Grenzen der damals üblichen Kunst geblieben*).

Außer dieser Freundschaft hatte Vincent keine. Er setzte sich innerlich mit den Werken derer auseinander, die er kennen gelernt hatte: Scheffer, Mauve und viele andere, die er sehr hoch schätzte; unerschütterlich fest war sein Schritt auf dem vorgefaßten Weg, wie der eines Bunjan auf der Reise in die Ewigkeit. In der Wohnung des Küsters der katholischen Kirche hatte er sein Atelier, ein geräumiges längliches Zimmer, das früher der Bet-und Strickschule gedient hatte. Ein paar noch feuchte Bilder standen dort herum, da er immer mehr als eins unter den Händen hatte; Kohlezeichnungen waren an den Wänden befestigt, auch ein paar der Figurenzeichnungen aus der Serie, die er im Haag bearbeitet und mit Gestalten eigner Erfindung bereichert hatte, u. a. das Bild der Frau mit der Beischrift : Sorrow. In einer Ecke des Ateliers stand ein eingegangener Baum, der, vom Sturm gefällt, verdorrt war. Er war etwas verschnitten und in einen Napf mit Erde gestellt.

*) In New York erwarb er sich eine große Auszeichnung, seine Arbeit wurde preisgekrönt. Er ist, verheiratet, ohne Kinder zu hinterlassen, in seinem dreißigsten Jahre, ich glaube an Schwindsucht, gestorben.

Der Wipfel trug eine ganze Versammlung Vogelnester, die der Maler auf seinen Streifereien durch die Wälder gesammelt hatte; wenn die Vögel ausgeflogen waren, hatte er sich die Nester genommen. Da hing das trichterförmige Nest des Zaunkönigs, das moosige der Finken; die simple Behausung von Spatz, Star und Krammets-vogel, eines von der Nachtigall, das weniger kunstvoll als alle andern gebaut war, auch ein schneeweißes, wolliges Nest eines Wiele-Waal, das aus Sumpfgras geflochten und innen ganz und gar weiß aus Daunenfedern war; wunderlich steckte in einer Gabel der dürren Baumkrone das Nestchen der Uferschwalbe, aus Grashalmen und mit einem Boden aus Lehm, endlich ein paar Nester von tief nistenden Vögeln, die unten rings um den Stamm gestellt waren. Gera hätte er das Nest eines kleinen Bartsch-Fisches besessen, das in der Hauptsache aus Fischgräten zusammengestellt ist; so eines war aber nicht leicht zu finden, wieviel Mühe er und sein jüngerer Bruder, noch ein Schulbub, sich auch darum gaben. Der hatte großes Interesse für die Sammlung. Diese Teilnahme verband die Brüder. Denn viel lieber als aus seinen Schulbüchern ließ er sich von seinem Bruder über die Eigentümlichkeiten des meistens in grünen Zweigen versteckten Vogellebens unterrichten. Eine kuriose Geschichte, die während des kurzen Zusammenseins der zwei unter elterlichem Dache passierte, war folgende:

An einem Sonntag im Februar wütete in der Nähe ihres Dorfes ein heftiger Waldbrand. In einen ausgedehnten Tannenwald, der an den Bahndamm grenzte, war aus einer Lokomotive ein Funken geflogen. Die dürren Bäume, durch andauernden Nordwind trocken wie Kork, brannten wie Zunder. Da, als das heftigste Feuer gelöscht war, begegneten sich die Brüder höchst unerwartet zwischen dem qualmenden Holz: Sie waren quer durch den Wald gelaufen, jeder von einer anderen Seite — warum, war beiden nicht recht deutlich. Es war ihnen halt eingefallen. Der praktische, kerngesunde Knabe, ein angehender Mechaniker*), der selten Bücher las, der nur lernte, weil er mußte, zu faul sogar zu Handarbeiten, und er, der Künstler, der unermüdliche, der nie müßig war, der sich mit großen Problemen über die Farben und über seine Kunst im Kopfe trug, von nichts als seiner Kunst beseelt — hier ihr auf Augenblicke ganz entrückt, beide von nichts erfüllt, als dem begreiflichen Wunsch, durch den brennenden Wald zu laufen.

Im Vorfrühling, an nebligen Februartagen, wenn die Umrisse von Bäumen und Dächern nur eben sichtbar, die lebhaften Farben irn Nebel für sich aber um so stärker wirken, dann sind Holzauktionen in den Dörfern Brabants oft ein sehr reizvolles Bild. Holz in lockeren Reisigbündeln aufgehäuft, verlockend für die Augen der Bäcker, rundgehackte Buchenblöcke mit hell- und dunkelgelben Ringen am Schnitt, Stapel von unlängst gefällten Eichenstämmen und hin- und herlaufende Bäuerlein in blauen Kitteln und blankgescheuerten Holzschuhen. Das Weiß und Blau sticht hell vom Schmutziggrau und braun der Straße ab, vom Holz und den entlaubten Bäumen, die kerzengerade am Straßenrande stehen.

Etwas derartigem begegnete an einem frühen Morgen Vincents Malerauge. GroßerSchrecken! Er hatte keine Farben mehr — gerade waren sie ausgegangen. Er erwartete sie zusammen mit Leinwand. Einen Augenblick überlegt . . . schnell einen Bogen Aquarellpapier, aus Mutters Küche Waschbläue und Kaffeesatz geholt, und um elfUhr schon daheim mit einem Aquarell, das sämtlichebraunen und blauen, auch die neutralen Töne enthielt; trotz des mangelhaften Materials meisterhaft vollendet, der Eindruck der nebelgrauen Dorfstraße, die Holzstapel, die handelnden Bäuerlein: alles unvergleichlich wahr wiedergegeben.

*) Jetzt steht sein Name unter den im südafrikanischen Kriege ehrenvoll Gefallenen auf den Gedenktafeln, die die Niederlande zum Andenken hinnberschickten und die an den Kirchenmauem in Johannesburg und Pretoria angebracht sind.

Ungeachtet ihrer unverkennbaren Schönheit konnte die braban-tische Landschaft mit der Zeit ihm doch keine neuen Anregungen mehr geben. Sein Auge verlangte nach glühenden Farben, nach einem Blumenmeer, wie die Provence es bietet, so wie wir’s auf dem „Unterholz“ von des Meisters Hand finden, das im Besitz der Verfasserin dieser Skizze ist — Blumen in allen Farben zwischen üppigem Kraut, das zwischen den Bäumen empor wuchert. Seine Gedanken führten ihn zuweilen zurück nach Paris; denn er fühlte, daß damals zuviel Schönes seinen Augen entgangen war. Jetzt dort malen und arbeiten zu können, darnach sehnte er sich. Wieviel hatte sich seit seinem ersten Aufenthalt dort in ihm geklärt. Er mußte mit seiner bisherigen Malweise brechen, um zu seinen glühenden Farben zu gelangen. Von da an unterscheidet man zwischen seiner holländischen und seiner französischen Periode.

Der unerwartete Tod seines Vaters, der, ohne daß er es wußte, an einem Herzfehler litt, war die Veranlassung, daß der jüngere Bruder aus Paris herüberkam. Die Zuneigung, Verehrung vielmehr, die er dem älteren Bruder entgegenbrachte, ist Hand in Hand gegangen mit der Entwicklung, die dessen Kunst zeigte. Selbst kein Künstler, aber mit einem künstlerischen Empfinden begabt, das mehr wert war als die oberflächliche Mittelmäßigkeit, mit der mancher sogenannte Künstler produziert, schätzte er, noch jung, nach eigenem Urteil seinen Bruder so ein, wie es diesem gebührt; nie hat er auch nur einen Augenblick in seinem Glauben an die Zukunft der Kunst Vincents gewankt.

So kurz er auch erst in der Stellung war, in der sein Bruder sich so ungeschickt gezeigt hatte, wurde er doch schon auf Grund seines angeborenen Taktes zuweilen dazu herangezogen, mit angesehenen Leuten zu verhandeln oder sie in Museen herumzuführen$ denn bei einem hohen Maße von Bescheidenheit legte er, was Bilder und ihre Maler betraf, reiche Kenntnisse und ebenso guten Geschmack an den Tag. Zu aufrichtig war sein Schönheitsgefühl,um sich nicht auch zuweilen verletzt zu fühlen,durch die Launenhaftigkeit und den Ungeschmack der Mode, die nur allzu oft die Mittelmäßigkeit über das Verdienst stellt5 aber unmerklich wußte er dem Geschmack derer, mit denen er sich zu unterhalten hatte, seine Richtung zu geben, und auf eine Weise, daß sie glaubten, durch eigene Einsicht darauf gekommen zu sein.

„Was kann ich dazu tun,“ schrieb er einmal seiner Schwester, mit der er gewohnt war, in vertraulicher Korrespondenz zu stehen, „wenn jemand bei mir ein Bild bestellt, wie kürzlich geschah, auf dem Sonne und Mond gleichzeitig zu sehen sein sollen! Ich lasse so ein Bild eben malen. Dem Geschmack derartiger Leute ist nun mal nicht mehr zu helfen . . .“

Ein andermal schrieb er mit Begeisterung von einem alten Herrn, der aus der Provinz nach Paris gekommen war, um seine Galerie zu komplettieren 5 Theodor sollte ihm helfen. Er selbst hatte viel bei der Gelegenheit gelernt, und der alte Herr hatte bei ihrem Zusammensein aufs liebenswürdigste mit ihm verkehrt. Kein Wunder, daß es ihm ein Bedürfnis wurde, die Bewunderung, die er selbst ganz aufrichtig für die Arbeiten Vincents empfand, auch in andern zu wecken. Das schien zunächst geradezu unmöglich — namentlich zu dieser Zeit noch. Es war zwischen den Brüdern Gewohnheit geworden, daß der jüngere alles erhielt, was der ältere produzierte, daß alle Bilder nach Paris geschickt wurden aber es wollte absolut nicht gelingen, etwas, nicht mal die besten zu verkaufen. Goupil hatte seinen Bannfluch darüber ausgesprochen, das erklärte alles. Das einzige, was damit noch anzufangen war, blieb, sie gegen Bilder anderer Maler einzutauschen. Das war ein Tauschhandel, den die Künstler untereinander trieben. Aber das galt auch nur für eine kleine Anzahl Bilder. Der größte Teil mußte auf seine Zeit warten. Ein großer Schmerz vor allem für den Jüngeren, der immer selbst für seinen Bruder zu arbeiten hatte und nur zu gut wußte, was es hieß, ohne Mittel bestehen zu sollen. Seit längerer Zeit schon hatte er die Sorgen des Vaters auf die eigenen Schultern geladen, jetzt, nach dessen Tode, bezahlte er noch auf eigene Rechnung Vincents Studium und nahm ihn mit nach Paris, wo sie beide ganz in der Kunst aufgingen.

Shakespeare sagt: „Die besten Gedichte sind die, die nicht geschrieben werden.“ Dasselbe gilt vom Anschauen von Bildern, die oft besser gesehen, als sie von manchen gemalt werden. In künstlerischen Dingen waren sich beide Brüder durchaus gleich, beide verehrten die Meister vom Haag, Mauve, Maris, Israels, Mesdag und auch andere in einzelnen ihrer Arbeiten, ganz besonders warm aber schlug ihr Herz für die französische Schule, für Corot und die unendlich feine Lyrik der Kunst Millets. — „Gibt es nicht von Natur aus eine Gemeinschaft unter den Lebenden dieser Welt?“ — sagt Taine in seiner Geschichte der englischen Literatur.

Wie frei von aller Nachahmerei er auch war, wie ganz er selbst, so hat der Geist Millets doch sehr stark auf ihn gewirkt, als er seine Kartoffelesser in Brabant malte. Dieselbe Frömmigkeit wie im „Angelus“ von Millet liegt in seinem „Säemann“3 das letzte dieser Art ist das Bild eines Mannes und einer Frau, die auf dem Heimweg von ihrer Arbeit demütig beim Abendläuten die Köpfe neigen.

„Es ist besser für mich zu sterben, als zu leben.“ — „Sterben ist schwer, aber leben noch schwerer“, so hatte Vincent am Totenbette seines Vaters gesprochen. Schwer waren für ihn die Monate vor dem plötzlichen Tode gewesen. Er hatte in diesem Orte gearbeitet, hatte zuviel gearbeitet. Überanstrengung machte ihm schlaflose Nächte, stundenlang hörte man ihn hin und her gehen, ehe er zur Ruhe ging. Sein Atelier hatte er aufgeben müssen. Es wurde vom Hausherrn zu anderen Zwecken gebraucht. Ein Waschzimmerchen im Erdgeschoß des Hauses seiner Eltern hatte es vertreten müssen. Das war natürlich kein sonderlich geeigneter Raum.

Das Familienleben, an dem er sonst nicht teilnahm, mit dem er aber durch diese Veränderung mehr in Berührung kam, bedrückte ihn. Der Unterschied der Anschauungen entlockte ihm bittere Bemerkungen, die von den Hausgenossen sehr verschieden aufgenommen wurden. Überall fand sich etwas, das ihn beunruhigte, das ihn „agacierte“, mit dem französischen Worte ausgedrückt, das halb Verstimmung, halb Verbitterung bedeutet. Verstimmung namentlich spricht am deutlichsten aus der Zeichnung, die er in dieser Zeit gemacht hat; sie stellt die Hinterseite der elterlichen Wohnung mit dem dort gelegenen Blumengarten dar. Aus dem altmodischen, ein wenig auf die Seite gesunkenen Gebäude, aus dem wohlgepflegten, freundlich angelegten Garten hatte er ein Gespensterhaus gemacht: Mitten im wilden Gras, umgeben von Bäumen, die der Wind zur Seite peitschte, und ein paar Gestalten, von denen man nicht weiß, wer sie sind, noch was sie treiben. Meisterhaft ist diese Zeichnung, sehr fein in Schwarz und Weiß wie ein Steindruck gearbeitet. Doch alles, was in dieser Umgebung umherspukt, war von seinem Geist, seiner Unruhe, seinem hastenden Schaffensdrang durchdrungen: beängstigend, geheimnisvoll anzuschauen.

Text aus dem Buch: Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh (1920), Author: Du Quesne-van Gogh, Elisabeth Huberta.

Siehe auch:
Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh – Vorbereitung

Vincent van Gogh 1853-1890

Echte Dorfkinder waren’s, die da im Dorfgarten spielten! Auf ein paar Blumenbeeten glühten Geranien, noch feuerrot trotz untergehender Sonne, Reseda und Goldlack — alles in voller Blüte und vom heißen Augustnachmittag durstig nach Wasser. Hinter den Blumenbeeten eine Bleiche, schneeweißes Leinen ausgebreitet auf einem Streifen Gras, das die feuchte Wäsche bei diesem Wetter frisch und saftig hielt, dann in Reihen hinter der Wiese Beerensträucher und duftendes Himbeergebüsch und schließlich hoch aufgestapelt gegen die Buchenhecken, die den Garten von dem dahinter liegenden Roggenfeld schieden, ein Haufen frisches Erbsenstroh mit vereinzelt hängengebliebenen halbtrockenen Schoten.

Drei fröhliche Kinder kletterten an ihm hinauf, um im Augenblick zum allgemeinen Vergnügen wieder hinabzupurzeln. Hin und wieder hielten sie ein und schauten vom Gipfel ihres Berges ins Land hinaus. Da hinter ihnen lag das Wohnhaus ihrer Eltern, ein Landhaus in altmodischem Stil, mit vielen Fenstern und dunkelgrünen Läden, gegen die die farbigen Blumen der Gartenbeete noch heller leuchteten; ein Haus mit einer ganzen Geschichte, Generationen hatten es bewohnt, alle hatten das gleiche freie, unbekümmerte Leben geführt, und nie war es sonderlich reich an Abwechslungen gewesen. Dies Haus also lag hinter ihnen und vor ihnen, jenseits der Hecke, Roggenfelder, soweit man nur sehen konnte, bis zu dem hellgrauen Streifen ganz hinten am Horizont. Dort lagen dann Wiesen und fruchtbare Felder, die sich in der Entfernung nur schwer unterscheiden ließen und die ein kleiner bra-bantischer Bach mit einer schneeweißen Brücke durchzog. Dorthin, gegen die weite Ferne gewandt, stand das Kleeblatt und beobachtete gespannt, was da kam.

Ganz einwandfrei war ihr Aussehen nicht, Kleider und Haare, auch die Reinlichkeit der Hände ließen zu wünschen übrig, zwei Mädel von neun und zwölf und ihr älterer Bruder von dreizehn Jahren. Aber das verzieh man ihnen gern j auf ihren braunen Locken lag ein Glanz wie von Federn, und in ihren Augen war etwas, das an die Heiterkeit der Blumen und die Frische strömender Bäche denken ließ. Ihr ausgelassenes Spiel stockte, da eins, sich umschauend, den älteren Bruder kommen sah, einen Jungen von eben siebzehn Jahren.

Mehr breit von Gestalt als lang, den Rücken leicht gebogen durch die schlechte Gewohnheit, den Kopf hängen zu lassen, das rotblonde Haar kurz geschnitten unter einem Strohhut, der ein seltsames Gesicht beschattete: gar kein Jungensgesicht. Die Stirn schon leicht gerunzelt, die Augenbrauen über der weit ausgebauten Stirn in tiefem Nachdenken zusammengezogen, klein und tiefliegend die Augen, bald blau, bald wieder grünlich, je nach den wechselnden Eindrücken. Bei so unschönem, ungelenkigem Äußeren hatte er doch etwas Merkwürdiges durch den unverkennbaren Ausdruck innerlicher Tiefe.

Bruder und Schwestern waren ihm fremd, sich selbst und seiner eigenen Jugend stand er wie etwas Fremdem gegenüber. Noch kaum erwachsen, war das Genie doch schon lebendig in ihm, noch unbewußt ihm selbst, so wie ein Kind nicht versteht, was seine Mutter ist und doch beim Hören ihrer Stimme alles weiß. Wortlos schritt der Bruder an den Kindern vorbei, zum Garten-pförtchen hinaus, durch die Felder den Pfad entlang, der nach den Wiesen führte. An den Bach ging er; die Kinder sahen es an der Flasche und dem Fischnetz, das er bei sich trug. Aber keinem von ihnen fiel es ein, ihm nachzurufen: „Darf ich mitgehen, Bruder?“

Und doch, nur zu gut wußten sie, wie geschickt er die Wassertiere zu fangen verstand. Er zeigte sie ihnen wohl auch, wenn er zurückkam mit sehr lustigen ganz großen und ganz kleinen Tieren; da gab es breite Käfer mit glänzenden, schwarzbraunen Schildern, mit großen runden Augen und Hakenbeinchen, die sich nervös krümmten, sowie sie aus dem Wasser aufs Trockene gebracht wurden.

Alle die Käfer, auch die mit den schrecklich langen Fühlhörnern, hatten Namen, die so schrecklich schwer zu merken waren, aber ihr Bruder kannte sie alle auswendig. Hatte er dann die Käfer präpariert, so spießte er sie sauber in weißausgeklebten Schachteln reihenweise auf, mit kleinen Zettelchen über jedem Tier, auf dem der Name, sogar auf lateinisch, stand! Keines hätte ihn je ausgelacht, im Gegenteil, sie sprachen mit Respekt von ihm. Ihn aber zu bitten, zum Bach mitgehen zu dürfen, dahin, wo es frisch und kühl war, wo man die Hände in den weißen glänzenden Sand eintauchen konnte, ohne schmutzig zu werden, das trauten sie sich nicht.

Am Bachrand wuchsen die schönsten Vergißmeinnicht und rosafarbenen Schwanblumen, und die Mädels, die über alles die Blumen liebten, sehnten sich nach den unerreichbaren Dingen; allein durften sie nicht aus dem Garten gehen, und auf den Spaziergängen mit den Eltern hieß es beständig: „Nicht an das Wasser, Kinder!“ Instinktiv fühlten sie, feinfühlig wie Kinder sind, daß ihr Bruder nun mal lieber allein blieb. Kam er aus dem Pensionat, in das sein Vater ihn gegeben hatte, zu den Ferien heim, dann suchte er nicht die Geschwister, sondern die Einsamkeit auf.

Er wußte alle Plätze, wo seltene Blumen wuchsen. Das Dorf mit seinen geraden Straßen und spießbürgerlichen Häuschen, aus denen alte Betschwestern mit Brillen auf der Nase den Vorübergehenden über die Gardinchen nachguckten, vermied er. Seitdem das früher ansehnliche Dorf keine Haltestelle für die Post mehr war, lag es wie tot und ausgestorben da. Durch Holz und Steg wanderte er drauflos, entdeckte jedesmal irgendeinen überraschenden Ausblick und beobachtete Tiere und Vögel in ihrem Treiben. Von den Vögeln namentlich wußte er genau, wo jeder von ihnen nistete und hauste, und hatte er ein Lerchenpaar ins hohe Roggenfeld niederfliegen sehen, so verstand er es, dem Nest sich zu nähern, ohne die umherstehenden Halme zu knicken oder nur im geringsten zu beschädigen.,Mit tausend Stimmen sprach die Natur zu ihm, und seine Seele lauschte; mehr aber als zu lauschen vermochte er noch nicht.

Nicht eine Federzeichnung noch irgendein Bleistiftgekritzel ist aus dieser Zeit erhalten. Er dachte gar nicht an Zeichnen, der zukünftige Zeichner. Er sann und grübelte; als kleiner Bub schon modellierte er einen kleinen Elefanten mit der größten Genauigkeit aus Ton, den ein Malergehilfe ihm geschenkt hatte. Mit acht Jahren überraschte er seine Mutter mit der Zeichnung nach einer Katze, die mit tollem Ungestüm gegen einen kahlen Apfelbaum des väterlichen Gartens sprang, — überraschend waren diese spontanen Äußerungen seines Kunstsinns, um so überraschender, da sie so selten auftraten, zu selten, um nennenswert zu sein, so daß sie erst viel später den Eltern in die Erinnerung traten.

Wie stark müssen Weltstädte wie der Haag, wie Brüssel, Paris und London auf das für großartige Eindrücke so außerordentlich empfängliche Gemüt des jungen Mannes vom Lande gewirkt haben. Oft lange nachdem sie empfangen worden waren, nach jahrelangem Schlummern, formten sich dergleichen Erlebnisse zu einem Ausdruck angesichts ganz andrer Dinge, unter ganz anderem Licht, unter gänzlich veränderten Verhältnissen gesehen. Doch sind es gerade diese ersten Eindrücke, die sich rückwirkend bei allen folgenden geltend machen. Dann geschieht es, daß jene Eindrücke sich äußern in Farbe und Linie, in irgendeinem Klang oder Bild; und möglicherweise ist es eine derartig langschlummernde Erregung gewesen, verursacht vielleicht vom Anblick von Paris, die dem werdenden Künstler jener Zeit in späteren Jahren eine andere Weltstadt auf die Leinwand bringen ließ: Marseille in seiner ganzen Ausdehnung, scharf konturiert gegen das Dunkelblau des Firmaments, die tausend Lichter der Stadt und ihres Hafens wetteifernd mit dem Funkeln der Sterne oben, mit so überzeugendem Glanz, wie es vielleicht niemals einem anderen Maler wieder gelingen wird.

Die Pensionszeit war jetzt vorüber, der Direktor hatte die Eltern zu ihrem vielversprechenden Sohne beglückwünscht, und Kaufmann zu werden war nach der Familientradition für den jungen Mann das Gegebene. Damals, wie auch heute noch, war es ein Vorzug, für den Kunsthandel ausgebildet zu werden, namentlich im Hause Goupil, das diesen Handelszweig zum Welthandel erhoben hatte, seitdem in Berlin, in New York und London Häuser den Namen der Pariser Firma trugen, die außerdem im Haag und in Brüssel ihre Filialen hatte. Zunächst im Haag, dann in Brüssel verbrachte der angehende Maler seine erste Lehrzeit. Später sollte er dann nach Paris gehen. Die Beschäftigung eines Volontärs beschränkte sich im Anfang auf die eines jungen Buchverkäufers: auf Einpacken, Auspacken, auf das

Entwickeln und die gesamte Behandlung von Photos, oder darauf, heim Einkisten von Bildern hilfreiche Hand zu leisten; — aber das alles war ihm recht: seine Hände verfügten über eine Geschicklichkeit im Zugreifen und Anfassen, über eine Gelenkigkeit, die bei einem Menschen von derartig rauhem Äußeren sicher nicht zu vermuten war. Hatte sich diese Geschicklichkeit schon früher gezeigt, wenn er die Schachteln für seine präparierten Käfer beklebte oder Feldblumensträuße wand, so kehrte sie später bei Gelegenheit ganz ähnlich wieder in seiner angeborenen Fähigkeit, Kranke zu pflegen und Wunden zu verbinden.

Also ganz ohne Widerwillen verrichtete er seine Arbeiten, die eigentlich eines Menschen von seiner Belesenheit und seinen Kenntnissen unwürdig waren $ um so weniger widerwillig, als sie sicherlich zu seiner Ausbildung zum Kunstkenner wesentlich beitrugen. Kunst der verschiedensten Art kam ihm dabei unter die Hände! Kunst aus aller Herren Länder: Bilder und ihre Reproduktionen von allen möglichen Künstlern. Hatte ihn bisher nur die Natur selbst gefesselt, so nahm ihre Nachahmung, ihre Nachbildung jetzt seine Aufmerksamkeit auf geradezu rätselhafte Weise in Anspruch. Doch schien ihm die Nachahmung der Natur, so wie er sie kannte und liebte, nicht immer wahr und aufrichtig genug. Auch fiel es ihm allmählich auf, daß nicht immer das höchste Lob der erhielt, dem seiner Meinung nach vor allem der Preis gebührte $ das verwunderte und verdroß ihn.

„Que voulez-vous, c’est la mode“, gab ihm ein anderer Angestellter zur Antwort, dem er zögernd seine Ansichten mitgeteilt hatte. Also die Mode war es, die Gesetze im Reich der Schönheit aufstellte, die Mode, die er verachtete, die entscheidend war für das „to be or not to be“ eines Künstlers und für das Los der Seinen, die Schätze in den Schoß warf oder zu drückendster Armut verdammte, zu einer Armut, die womöglich sein ganzes künstlerisches Empfinden ersticken konnte. Und ihr sollte auch er gehorchen, zu ihren Füßen knien, er, der sich unabhängig von der Gesellschaft fühlte, fremd ihren Gesetzen und Vorschriften war, er sollte helfen, dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, den guten Geschmack wissentlich verderben und auf diese Weise das wirklich Schöne um seine Geltung bringen! . . . das hätte ihm gerade gepaßt!

Im Kunsthandel fand ein gebildeter junger Mann eine sichere Zukunft. Aber bescheiden, wie die meisten wirklich großen Künstler, hatte er sich nie im geringsten darum gekümmert, was die Welt „Formen“ nannte. War daheim die Familie vertraulich beisammen — er hatte immer die Einsamkeit gesucht, hatte sich aller Gesellschaft entzogen, ungeachtet der Verstimmung seiner Eltern über dieses wunderliche Benehmen.

Zu gleicher Zeit, als er nach einem Pariser Aufenthalt von erst wenigen Monaten einen Teil des empfangenen Gehalts als Weihnachtsgeschenk für seine Brüder und Schwestern nach Haus schickte — was zur Genüge beweist, daß seine Entfremdung von ihnen nicht einem Widerwillen entsprungen war, sondern wohl einer gewissen Unfähigkeit, den andern zuliebe einmal aus sich herauszugehen — gleichzeitig mit diesem für seine Familie so erfreulichen Freundschaftszeichen aus der Ferne erhielten seine Eltern ein Schreiben, das besagte, ihres Sohnes Leistungen seien im Anfang, im Haag und in Brüssel ziemlich befriedigend gewesen, insbesondere was die praktische Seite seiner Tätigkeit anbelangte, daß aber seine Zurückgezogenheit, um nicht zu sagen Unbeholfenheit, oft sogar Lästigkeit im Verkehr für sein Vorwärtskommen im Kunsthandel eine unüberwindliche Schwierigkeit zu werden drohte.

Charaktereigentümlichkeiten dieser Art seien namentlich für das verfeinerte Pariser Publikum ganz besonders abstoßend, nicht am wenigsten Damen gegenüber, die, überzeugt von ihrem Kunstverständnis, nicht wünschten, von diesem „rustre Hollandais“ — wie sie ihn nannten — zur Rede gestellt zu werden..Beständen nicht die Beziehungen seiner Familie zu einem der Chefs — so stand weiter in dem Briefe —, so hätte man ihn schon längst weggeschickt. Jetzt würde er ins Haus Goupil in London versetzt werden. Möglicherweise entspräche der englische Charakter mehr dem seinigen.

Dieser Bericht war wie ein Schlag aus heiterem Himmel für die Eltern, die, obwohl nicht blind für die Eigenart ihres Ältesten, doch zu sehr gewohnt waren, ihn loben zu hören und nur schwer sich vorstellen konnten, daß er imstande sei, auf so rücksichtslose Weise seine Zukunft zu zerstören. Ihre Niedergeschlagenheit war groß, als ihr Sohn ihnen sechs Wochen später in einem Briefe mitteilte, er habe seine Entlassung erhalten, und zwar für immer. In einem Wortstreit mit seinem Chef hatte er äußerst deutlich seine Meinung ausgesprochen, Handel sei Gewinnsucht und Gewinnsucht anständiger Diebstahl. Das sollte ihm teuer zu stehen kommen! Auf diese Art Aufrichtigkeit hin wurden die Beziehungen gelöst. Seine Eltern brauchten sich nicht um ihn zu sorgen. Ein Monat war ihm vorausgezahlt worden, außerdem hatte er schon Stellung gesucht und gefunden, — so schrieb er. Ein Vikar, ein Geistlicher niederen Ranges der englischen Kirche, der ein Pensionat eingerichtet hatte, um bei seiner kärglichen Besoldung die Bedürfnisse seiner zahlreichen Familie befriedigen zu können, hatte ihm eine Stelle angeboten, um in seinem Institut Unterricht in der französischen Sprache zu erteilen.

Die Zurückhaltung, die ihm im Reden eigen war, äußerte sich, seitdem er von zu Hause fort war, in seinen Briefen nicht: Er schrieb viel und über vielerlei. Sein Stil hatte etwas Holpriges, als müßten die tiefsten Eindrücke seines Gemüts erst in seinem Herzen ruhen, bis er ihnen Ausdruck schaffen konnte. Aus dem ganz Großen, Allgemeinen auf echte Künstlerweise auf das Anschaulich-Konkrete eingehend, entwarf er reizende landschaftliche Schilderungen, sonnige Winkel, Straßenecken oder Plätze und verglich all das Neue mit dem Altbekannten aus Heimat oder Geburtsort. Nicht selten geschah es, daß er dabei seine Beschreibungen mit ein paar durch wenige Linien angedeuteten Figürchen verdeutlichte. Später pflegte er, wenn er über Bilder sprach, mit denen er gerade beschäftigt war, sie mit Federzeichnungen anzudeuten, wie das die Briefe zeigen, die der Mercure de France abgedruckt hat. Von seinem neuen Aufenthaltsort, der nicht weit von London entfernt war, beschrieb er in Briefen an seine Eltern seinen geistlichen Herrn als einen langen, hageren, nicht bösartigen Mann,, der, „von der Sorge für eine zahlreiche Familie gebeugt, deren Bedürfnisse seine schmale Besoldung kaum versehen konnte“, in seinen Kleidern sozusagen hing. Sein Gesicht hatte tiefe Furchen, und die Gesichtsfarbe war fahl wie die eines alten hölzernen Heiligenbildes. Die Frau des Hauses beschrieb er als eine zarte, stille Person, deren Augen so blau waren wie die blauen März Veilchen.

Dies Ehepaar hatte zwanzig Jungen in Kost, in dem alten, grauen mit Piosen und Klematis bewachsenen Wohnhaus5 nichtsdestoweniger glich die ganze Einrichtung einer der Schulen, wie Dickens sie beschreibt, und wie sie in der Ausgabe von Chapman und Hall durch so charakteristische Illustrationen dargestellt wird. Wie ausgeschnitten aus diesen Illustrationen erschienen die Buben, wenn sie am Sonntagnachmittag nach der Mittagsandacht, wo sie im Chor gesungen hatten, in kurzen Fräckchen, langen Hosen und Altmännerhütchen auf dem Kopf Bockhüpfen spielten; Jungens zwischen elf und sechzehn Jahren, mager, bleich, Karikaturen der Jugend, „Mr. Creakles young gentlemen, as they appear enjoying themselves“.

Schon wieder, und nicht überraschenderweise, zeigte der junge Mann für diesen unfreiwillig ergriffenen Beruf wenig Talent. Die Jungen zwar ließen ihn gern in Frieden. Zu einem Mr. Mell, wie er im David Copperfield beschrieben ist, zum Gegenstand der Verachtung und niedrigen Quälereien ließ er sich nicht machen, denn niemals machte er sich gemein oder lächerlich; ja manche unter ihnen, soweit sie nur einigermaßen geistig rege waren, wußte er zu fesseln mit seinen Erzählungen über Holland, das Land ohne Berge, mit den vielen Flüssen, wo die Häuser und Städte sauber sind wie das Spielzeug der Riesenländer aus Gullivers Reisen. Zum Unterrichten aber taugte er nicht: das einmal lebendige Genie ließ sich nicht in Fesseln legen. Er litt unter diesem begrenzten Arbeitsfeld mit seiner immer regelmäßig wiederkehrenden Beschäftigung, die ihm selbst etwas ganz Fremdes blieb.

Die meisten Schüler gehörten dem allergeringsten Londoner Kaufmannsstande an: Söhne kleiner Metzger, wenn man so die Aufkäufer der von großen Metzgereien zurückgewiesenen Fleischwaren nennen darf, Buben aus kleinen Schusterläden, aus kleinen Garn-, Band- und Kleidergeschäften. Meist waren sie aus Gesundheitsrücksichten oder aus Bequemlichkeit der Eltern wegen allzu zahlreicher Familie fortgeschickt worden, ohne vorherige gründliche Überlegung, ob die Einkünfte der meistens kümmerlich kleinen Geschäfte ausreichend sein würden, das Schulgeld der jungen Leute regelmäßig zahlen zu können.

Wenn das schuldige Geld am fälligen Termine nicht eintraf, hielt man es, ehe man die Jungen wegschickte oder zu schärferen Maßregeln schritt, für das Beste, die Eltern im eignen Hause um das Geld anzugehen. Zu dieser unersprießlichen und wenig ehrenvollen Aufgabe des Einkassierens rückständiger Schulgelder verwendete der Vorsteher seinen jungen Lehrer, eine Tätigkeit, die sich freilich am allerwenigsten mit seiner ganzen Art und Veranlagung vereinbaren ließ.

Einen Stadtplan von London und eine Anzahl Adressen in der Tasche begab er sich auf die Reise, mit gerade nur dem nötigen Zehrgeld versehen. Kein Fremder mehr in London und gewohnt, selbst seinen Weg durch bekannte und unbekannte Straßen zu finden, fand er die Leute, mit irgendeiner selbstvercchafften Adresse, auch auf, wenn sie umgezogen waren. Sein Herr konnte zufrieden sein. Auf diese Besuche nicht vorbereitet, blieb den Schuldnern zu Ausflüchten keine Zeit, und der Bevollmächtigte nahm mehr Geld ein, als sein Herr je bisher auf andere Weise erhalten hatte. Wenn es auch nicht gerade die allerschlechtesten, allerberüchtigsten Hintergassen waren, die er besuchen mußte, jedenfalls waren es die, in denen Mangel und Not, wo „struggle for life“ die Körper ausmergelte, die Rücken krümmte und die Gesichtszüge entstellte. Wer weiß, ob es nicht das Elend auf diesen Gesichtern gewesen ist, das dem Maler später die Züge der „Aardappeleters“ seiner Brabanter Zeit eingab, als er eine um einen Tisch sitzende Arbeiterfamilie, die ihre Schüssel Kartoffeln zum Mittagsmahl verzehrt, auf die Leinwand brachte.

Hatte der Vikar sich im Anfang selbst zu dem Einfall beglückwünscht, den zum Unterrichten unfähigen Holländer zum Einkassieren der rückständigen Schulgelder zu verwenden, so verfehlte eine zweite Reise ihr Ziel gänzlich. Darauf vorbereitet, wegen des Geldes gemahnt zu werden, erklärten die Ladner, keins zur Verfügung zu haben, erzählten ihm von ihren Kümmernissen, die drückender seien und alle Lebensfreude schwerer bedrohten als die tiefste Not auf dem Lande.

Das Herz des jungen Holländers blutete angesichts dieser unseligen Existenzen, die sich hinschleppten in den grauen Straßen ohne frische Luft, wo Körperqualen und Seelenleiden wie traurige, unsichtbare Schatten jedes neue Leben gefährden, wo die Eltern ihre Tage freudlos zu Ende schleppen, und die Kinder, die niemals die rechte Jugend kennen lernen, mit verlebten Greisengesichtern zur Welt kommen. Um alles dies blutete sein Herz. Er vergaß, daß er wegen des Geldes gekommen war, und kehrte zurück mit leerem Beutel und das Herz voll Weh. Als er seinem Herrn von allem, was er gesehen und gehört, Mitteilung machen wollte, fiel der ihm ins Wort, fragte nach nichts als demGelde und geriet, auf den Bericht von der Erfolglosigkeit der Reise, dermaßen in Zorn, daß er ihn sofort entließ. Mit abgelaufenen Schuhen und ohne irgendwelche Aussichten kehrte er ins elterliche Haus zurück. Groß war die Enttäuschung der Eltern, größer ihre Sorge. Nur zu gut begriffen sie, daß seine „Ungeschicklichkeit“, wie die Mutter es ausdrückte, die Ursache all dieses Mißlingens war.

Zum Glück wurde eine Stellung für ihn in einer bekannten Buchhandlung gefunden. Seine Belesenheit und seine Literaturkenntnisse waren eine Empfehlung für ihn, ebenso sein Sprachtalent. Viel mehr aber als seine Arbeit zog ihn das alte holländische Städtchen an von altertümlichem Aussehen und mit hier und da prächtigen Ansichten. Eine Straße gab’s da, die, wenn man von einem bestimmten Punkte aus sie entlang sah, noch ganz ihr Aussehen wie vor drei Jahrhunderten behalten hatte. Und ganz besonders bannte ihn der Blick über den breiten Fluß, an dem seine Wohnung gelegen war. Jenseits des Flusses zogen sich weite Wiesen hin, in der Ferne ragten viele Türme, der Fluß selbst — in seiner Farbe immer wechselnd, je nach Wind und Wetter Sonnenschein und trüben Himmel widerspiegelnd — führte Holzflöße und mancherlei Fahrzeuge aller Formen auf seinen Wellen mit: ein Anblick, der Maler von ehedem und jetzt immer angeregt hat, ihre Kräfte daran zu versuchen.

Die Zeit dafür war für ihn noch nicht gekommen. Noch war seine Lehrzeit nicht vollendet 5 die Meisterschaft lag noch in weiter Ferne, so weit, wie die Türme auf der andern Seite des Hafens. Sein Genie schlummerte; aber unbewußt arbeitete er an sich selbst, beständig beobachtend und aufmerkend, so wie andere auf ihre Weise an ihrer eignen Bildung arbeiteten und schafften. Es hat darum auch nichts Befremdendes, daß er, sowie er einmal mit malen angefangen hatte, in zehn Jahren mehr schuf und eine schnellere Entwicklung durchmachte als andere während ihres ganzen Lebens. Sie haben sich gewundert darüber, sie, die über ihn geschrieben haben; aber da sie über einen reden, den sie nicht kennen, und nur auf das Kling-Klang eigener Worte hören, haben sie nicht genügend bedacht, konnten es vielleicht nicht, was in diesem Künstler in den zehn Jahren vorher vorgegangen war. Eine stille Lehrschule war ihm das Museum, das den Namen Ary Scheffers trägt und mit seinen Kunstschätzen, in der Hauptsache Arbeiten Scheffers selbst, eine Perle in der Krone der alten Stadt Dortrecht bedeutet.

Nie, selbst mit seinen gewaltigen Farben nicht, würde es ihm gelungen sein, die Darstellung zu erreichen, an der man seine Arbeiten erkennt, hätte er nicht Werke wie die eines Ary Scheffer gründlich studiert. Lehrmeister Louis Philipps, war er mit alter und neuer französischer Malerei gründlich gesättigt und strebte dabei in Genauigkeit und Feinheit der Zeichnung dasselbe an, was sein Bewunderer durch Kraft, Vereinfachung und durch Anwendung der kontrastierendsten Farben zu erreichen suchte. In der Buchhandlung, in der er tätig war, konnte er seinen Wissensdrang befriedigen. Sein Lehrherr hatte ihn, wie jeder, der mit dem jungen Manne in Berührung kam, sofort als etwas Besonderes erkannt und erlaubte ihm, die wichtigsten Werke sich anzuschauen. Das vermehrte seine Belesenheit noch. Ein Pfarrer, man konnte ihn wohl einen Gelehrten nennen, in dessen Hause er verkehren durfte — er machte davon nur Gebrauch, um hin und wieder im Studierzimmer gelehrt zu disputieren —, äußerte zu der ihm wohlbekannten Familie des jungen Mannes seine Verwmnde-rung, daß einer wie er nicht studierte. Mit einer Einsicht, mit so tiefgründiger Lebensauffassung wie der seinen, werde er sicher alle anderen überragen, sobald es ihm ermöglicht würde, der Wissenschaft zu leben. Allerdings, ein normaler Mensch war er nicht, na — aber Gelehrte sind ja selten normal.

Die Hoffnung lebte im Herzen der Eltern wieder auf. Eine neue Zukunft öffnete sich ihrem Ältesten. Inzwischen hatte der nächstälteste Sohn bei Goupil die Stelle, in der Vincent sich so wenig erfolgreich betätigt hatte, mit den gleichen Aussichten erhalten. Für ihn aber konnten sie das Beste hoffen. Der bisher eingeschlagene Weg war vielleicht falsch gewesen, widersprach vielleicht zu sehr seiner Art und seiner angeborenen Neigung zur Absonderung und Selbstbetrachtung. Ein Onkel, der Bruder seines Vaters und Angestellter an der Marinewerft in Amsterdam, bot dem Neffen für die Zeit der vorbereitenden Studien in seinem Hause Kost und Wohnung an und bezahlte den Unterricht in den alten Sprachen, die er zum Vorexamen brauchte.

In wenigen Monaten hatte er Lateinisch und Griechisch bewältigt, unter der Nachhilfe eines israelitischen Repetitors, dessen Name heute noch in der Wissenschaft einen guten Klang hat, obwohl der Mann schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilt. Inzwischen träumten die Eltern in ihrem weit von der Hauptstadt entfernten Nest, dem kleinen brabantischen Grenzdorfe, ihre Zukunftsträume. Es ist dort nicht vergessen, das ehrbare Ehepaar, in der kleinen Welt, in der sie lebten und webten in inniger Vertraulichkeit ungestörten Eheglücks. Auf sie paßte das Wort eines Dichters der Antike: „Durch keinerlei Zwist getrübt währt unsre Liebe bis zum Tode.“

Um Kranke jeglichen Standes zu besuchen und ihnen zu helfen, konnte man sie meistens, der schlechten Wege und ungünstigen Witterung ungeachtet, die Landstraßen entlang gehen sehen, auf Pfaden, die sich hinschlängelten an Erlengebüsch und Gräben entlang, zwei dunkle Gestalten in der meist einsamen Landschaft, dann und wann stillstehend, um im Stehenbleiben das lebhafte Gespräch fortzusetzen oder wohl auch um einander die Schönheit der Landschaft zu zeigen: wie da ein silbriger Rand die Wolken umsäumte oder bei sinkender Sonne der Himmel im Westen golden erglühte; wie das Wasser still und geheimnisvoll vor ihren Augen lag, umsäumt von grünen Tannen, und das Blau des Himmels widerspiegelte ; dann tauchte wohl eine der kleinen, wohlbekannten Meiereien auf, die sie, um Kranke zu pflegen, zuweilen aufsuchten, mit all dem gemütlichen Drum und Dran des ländlichen Aufenthalts, malerisch so reizvoll, in schlichten Linien und Farben … da standen sie auf Augenblicke nebeneinander, keines von beiden groß, aber aufrecht, selbstbewußt, er, das feingeschnittene Gesicht umrahmt von Silberhaar, das für sein Alter noch gar nicht passen wollte, sie, von weniger regelmäßigen Zügen, aber sprechendem Ausdruck und lebhaftem, eindringlichem Blick, der auch ihrem ältesten Sohne zu eigen war — ein Paar, wie man es in seinem untadeligen Lebenswandel in englischen Romanen älterer Zeit geschildert findet oder wie man es auf den prächtigen englischen Gravüren sieht, die aus der gleichen Zeit stammen.

Naturgemäß wurden die Angelegenheiten ihrer sechs Kinder oft besprochen: Die älteste Tochter mit den Zügen des Vaters, dem hochblonden Haar und derselben Gesichtsfarbe wie die Mutter, befand sich zu ihrer Ausbildung in England. Über sie waren die Eltern ohne Sorge. Der folgende Sohn, der des Vaters Namen und seine Herzensgüte geerbt hatte, war in Paris; die drei jüngeren, noch Kinder, machten zurzeit ihrer Mutter besonders viel zu schaffen. Schließlich war es immer wieder der älteste Sohn, auf den die sorgenden Gedanken von Vater und Mutter zurückkamen. Es war, als machte eine geheime Stimme ihres Herzens sie zu Teilnehmern alles dessen, was

damals schon sich in ihm vorbereitete: die Zukunft, die nur die Mutter, die am längsten von beiden lebte, sich verwirklichen sah. Trotz ihrer Bescheidenheit liebten sie es doch, sich einander die Gestalten der Vergangenheit lebendig zu machen. Der Vater, der gut Bescheid in diesen Dingen wußte, erzählte seiner Frau von einem, der vor Jahrhunderten ihren Namen getragen hatte: Er war Bischof von Utrecht gewesen; Frau Bosboom-Toussaint erwähnt ihn in ihrem historischen Roman: Elisabeth Musch. — Ein anderer, ein Ritter gleichen Namens, der Schatzmeister der Vereinigten Generalstaaten gewesen war, tat sich beider Belagerung von ’s-Her-togenbosch durch Friedrich Heinrich hervor. Wieder ein anderer Ahn war unter dem Statthalter Wilhelm III. Gesandter in England gewesen. Augenscheinlich war später in der Familie die Vorliebe fürs Studium wieder rege geworden; das zeigte sich deutlich an ihrem ältesten Sohne.

Aber schon wieder sollten die Zukunftsträume am gleichen Hindernis scheitern. In der Zeit, da sich der junge Mann für das Examen vorbereitete, hatte er sich geistig offenbar überanstrengt. Durch seine Studien büßte er nicht nur die Hälfte seiner Nachtruhe ein, sondern arbeitete und schrieb derart viel, daß die Buchstaben auf den vollgeschriebenen Seiten nicht mehr zu erkennen waren 5 es waren Tintenzeichen ohne Sinn, nichts anderes5 das Genie war zu lebendig in ihm: ein glimmendes Feuer, stets bereit, auszubrechen und ihn innerlich verzehrend.

Sein Oheim und Wirt war als Verkehr nichts Verlockendes: dienstlich wie in seiner ganzen Lebensweise militärisch korrekt, pünktlich und von ungewöhnlicher Ordnungsliebe, hatte er seinen sonderbaren Neffen der Eltern wegen, nicht um seiner selbst willen, ins Haus genommen. Er ließ ihn abgesondert bedienen und nahm von seinem Aus- und Eingehen weiter nicht Notiz. Das war auch nicht gut möglich; denn der junge Mann trieb sich oft und zu allen Tageszeiten in den Hintergassen der Stadt herum. Sonntags besuchte er sechs .bis sieben Kirchen und Zusammenkünfte, selbst in die Synagoge lief er: er wollte die israelitische Lehre, die Grundlage der christlichen Prinzipien, auch in ihrem Gottesdienst kennen lernen.

Wie sehr sein Nervensystem überreizt war, beweist, daß er einmal in den Kollektenbeutel seine silberne Uhr, ein andermal seine Handschuhe hineinwarf; die Uhr trug Monogramm und Namen und wurde in die Wohnung des Oheims zurückgebracht. Die große Anzahl Briefe, die er nach Hause schrieb — zuweilen kamen an einem Tage zwei an —, ließ die Eltern den Kopf schütteln, und kam die Post zu kurz vorm Schlafengehen an, so brachten seine Briefe sie gewöhnlich um die Nachtruhe.

Eine bittere Enttäuschung war es, als ihr Sohn ihnen, gerade als seine Studien auf der Akademie beginnen sollten, mitteilte, er fühle sich berufen, ohne weiteren Verzug das Evangelium zu predigen. Christus selbst hatte ihm das Vorbild gegeben, auch er war einst bei Pharisäern und Sadduzäern in der Schule gewesen; so hatten es die Jünger und die Apostel getan. In England hatte er viel gehört von der Mission unter den Minenarbeitern. Eins der Werke von Dickens hatte in hohem Maße seine Teilnahme für das meist im Dunkeln und in Gefahr arbeitende Volk erregt. Beim Lesen dieses Buches hatte sein mitfühlendes Herz sich für diese Bedauernswerten erwärmt. Bald nachdem er sich angeboten hatte, sah er sich nach der Borinage ausgeschickt, der bekannten Grubengegend in Belgien mit den ausgedehnten Steinkohlenlagern, wo das Bedürfnis nach dem Evangelium groß war. Eine kleine hölzerne Kirche hatte man noch nicht stiften können, dazu fehlten die Mittel, aber ein geräumiger Saal oder eine Scheune war schließlich zu schaffen.

Widerwillig fügten sich die Eltern in diesen Plan, der ihren Absichten, den Sohn in einer einigermaßen befriedigenden Stellung zu sehen, durchaus widersprach. Der gute Zweck war aber schließlich nicht zu verkennen. Daß seine Eltern mittlerweile drückende Geldsorgen seinetwegen kennen lernen mußten, daran dachte er nie, obwohl er gerade um diese Zeit in seinem Vater sein Ideal erblickte. Zunächst konnten die enttäuschten Eltern nichts anderes tun, als ihn gut versehen mit allem, was er in der entlegenen Gegend brauchen könnte, seinem neuen Arbeitsfeld zuzuschicken, — mit einem Koffer, der gut gefüllt war mit dem, was seine Mutter eigenhändig genäht und gestrickt: Arbeiten der Liebe, zarteste Mutterliebe zwischen die Fäden gewebt.

Ein echtes Künstlergemüt wie das seine — wie konnte das Geschmack am elenden Dasein unter der Grubenbevölkerung finden! Ich habe oft den Eindruck gehabt, als wäre der Ursprung aller wahren Kunst aufrichtigste Menschenliebe5 eine Liebe, die sich immer wieder aufs neue offenbaren muß, in jeder neuen Arbeit als Opfer dieser Liebe, das der ganzen Menschheit stets erneut zum Trost in ihrem Leid und ihrem Kampfe dargebracht wird.

Da, wo die Kunst auf heiligem Gebiet sich äußert, erscheint sie mir am schönsten: als Andenken an das Opfer der Liebe, das mit vollster Hingabe Einer darbrachte, der sicher die Kunst in all ihrer Göttlichkeit aus tiefstem Gemüt begriffen hat. Wie werden ihm, dem künftigen Maler, die Grubenarbeitertypen aufgefallen sein, gerunzelt und verwittert, niemals frisch und blühend wie andere Leute, die ihr Brot doch auch im Schweiße ihres Angesichts verdienen, aber unter Gottes lieber Sonne, wenn sie im Morgenglanz strahlt oder am Abendhimmel in der Dämmerung zart verblaßt. Die Frauen, in wenig ansprechender Tracht, das Haar gegen Staub und Schutt mit einem schwarzen Kopftuch bedeckt, waren fast ohne Ausnahme dürr, häßlich und vorzeitig gealtert.

Ganz selten, wie ein lichter Engel, wie eine zufällig, aber zur Verherrlichung Gottes erwachsene Lilie, war eine junge Frau oder ein Mädel zu sehen, unter all dem Elend von unvergleichlicher Schönheit im Liebreiz jhres Wesens, trotz der traurigen Umgebung, aus der sie hervorging, an die Eva des Paradieses gemahnend. Bei einem der wenigen besseren Bürger, einem Bäcker, dem einzigen der Ortschaft, war der junge Holländer einquartiert. Ein weiter, mit roten Backsteinen belegter und mit schwarz geräucherten Brettern gedeckter Raum, der an die Bäckerei angrenzte und von dorther erwärmt wurde, war für die religiösen Zusammenkünfte bestimmt. Die Bäckerfamilie selbst bestand aus Vater, Mutter und drei tüchtigen Söhnen und war getreulich bei jeder Versammlung anwesend. Die Zuhörerschaft setzte sich im übrigen aus einer kleinen Zahl der Grubenarbeiter zusammen, die gelegentlich erschienen oder wegblieben j seit der Ankunft unseres Freundes aber waren es nicht weniger geworden. Es wurde französisch gesprochen und die Ansprachen französisch gehalten. Das bot also keine Schwierigkeit für ihn, der das Französische sprach und schrieb, als wäre es seine Muttersprache. —

Ein Redner war er nicht, obwohl ihm vielleicht die Gebärden des Redners eigen waren, kurze, sprechende Handbewegungen, mit denen er die Geschichten begleitete, Geschichten, wie er sie selbst als Knabe von seiner Mutter vernommen hatte, seinen ungelehrten und ungebildeten Hörern leicht verständlich, die augenblicklich ans Herz griffen und dem durch körperliche Anst rengungen ermatteten Geist Nahrung und Labsal wurden.

Nie verletzten seine Worte Andersdenkende, die zuweilen zum Zuhören kamen. Obgleich während der Zeit, die Vincent in der Borinage zubrachte, kein nennenswertes Unglück geschah, waren kleine Unfälle doch an der Tagesordnung, und es war schon sehr bald zur Gewohnheit geworden, sich von den Missionaren helfen und verbinden zu lassen.

Ich eilte der Zeit voraus, als ich von der ihm angeborenen Geschicklichkeit, der fast weiblichen Zartheit im Verpflegen sprach, die am deutlichsten erst zur Geltung kommen sollte, als mitten im Winter unter dem Grubenarbeitervolke eine Typhusepidemie ausbrach. Ihre Reihen lichteten sich, weder alt noch jung blieb verschont, und damals war es, daß die Bäckersfrau eines schönen Tages an die Eltern des jungen Mannes ein Schreiben richtete, in dem sie mit deutlicher, runder Handschrift und in naiver Ausdrucksweise den Zustand unter ihnen beschrieb: wie erbarmungslos die Krankheit, wie groß das Elend sei und daß „le jeune Monsieur, qui n’dtait pas comme toutes autres“ sein Zehrgeld für die Notleidenden verwendete. Er selbst hätte ein leerstehendes Hüttchen bezogen, das weder Möbel noch sonst was enthielt, und alles, was er an Geld und Kleidern besaß, hätte er den Armen geopfert; weder bei Tag noch bei Nacht wäre er von ihren Lagern gewichen$ sie selbst hätte Söhne und sei Mutter, und darum hätte sie die Eltern benachrichtigt, die von all dem nichts wüßten und ihren Sohn in ihrem Hause glaubten.

Wie gewöhnlich hatte die Post erst spät den Brief ins elterliche Haus gebracht. Schweigend hatte die Mutter während des Lesens zugehört, schweigend hatten Mann und Frau nebeneinander gestanden, jeder bang, dem andern seine Gedanken auszusprechen.

„Das Beste ist, ich hole ihn morgen selbst zurück,“ kam es endlich aus seinem Mund. Ein zarter Händedruck war alles, was sie erwiderte. Dann wurden, nach langer, schlafloser Nacht, alle Schwierigkeiten der Reise überlegt; vor dem Verlangen aber, den geliebten Sohn in Sicherheit zu bringen, wichen alle Hindernisse. Alles war tatsächlich so, wie die gute Bäckersfrau geschrieben hatte: in der armseligen Hütte, mit einem Strohsack als Bett und einer Jacke als Decke traf der Vater seinen Sohn an. Durch Entbehrungen und Nachtwachen geschwächt und abgemagert, willigte er ohne langes Widerstreben ein, mit nach Hause zu gehen. Der älteste Sohn des Bäckers mußte ihm versprechen, die Andachten an seiner Statt zu halten. Am Abend vor beider Abreise, nachdem die Bäckersfamilie, in deren gastfreiem Hause der Vater zu Nacht bleiben sollte, sie aufs herzlichste empfangen, wohnten sie einer Andacht bei. Die stille Stunde war ein unauslöschlicher Eindruck für beide: ein Häuflein Grubenarbeiter, das ausgezehrt von Hunger und Leiden mit lauschenden Mienen den Worten folgte, die einer der ihrigen zu ihnen sprach, dazu die Hängelampe, die phantastische Schatten auf die weißgetünchten Wände warf und an die Zimmerdecke seltsame Gestalten zeichnete: wie von einer Glorie wundersamen Lichts schienen die Züge mancher Teilnehmer umstrahlt.

Text aus dem Buch: Persönliche Erinnerungen an Vincent van Gogh (1920), Author: Du Quesne-van Gogh, Elisabeth Huberta.

Vincent van Gogh 1853-1890