VITTORE PISANO nimmt unter den Künstlern des Quattrocento eine eigenartige Stellung ein. Sein Leben ist ein Wandern; er beginnt im Norden der Halbinsel seine Arbeit, wird dann auf jedem Fürstenschloss begehrt, bis er schliesslich im Neapler Süden anlangt. Seine Geschichte ist mit derjenigen der Fürsten seiner Zeit so eng verknüpft, dass seine Biographie unwillkürlich zu einer Dynastenchronik auswächst. Mit jungen Jahren schon als Maler hochgefeiert, bieten ihm die Adriastadt und der Papst die vornehmsten Aufträge an, die sie zu vergeben haben. Diese Thätigkeit in Venedig und Rom ist aber nur der bescheidene Anfang seiner von heller Fürstengunst umstrahlten Künstlerfahrt. In Ferrara, Mantua, Pavia, Rimini und Neapel darf er als familiaris neben den Grossen an der Tafel sitzen. Der Glanz des orientalischen Concils in Ferrara, das stark bewegte und feingestimmte Hofleben in der königlichen Parthenopeia haben seine Augen mit vollen Lichtern gesättigt. Nur an einer Stadt ist er zeitlebens vorbeigegangen, wohin kein Fürst ihn rief, wo er Mächtigere zu scheuen hatte — Florenz. Wir sind gewohnt, das Werden der Quattrocentokunst mit dem Wachstum des künstlerischen Bewusstseins in Florenz zu identificieren. Das ist ein Unrecht, in das wir, von Vasari verführt, immer wieder hereingeraten. Wir dürfen über Masaccio und Donatello Vittore Pisano nicht vergessen.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Vittore Pisano