Hugo Grotius und der Ursprung des Schlagworts von der Freiheit der Meere.

Von Dr. Walther Vogel, Universitätsprofessor.

Die Engländer können in diesem Jahr ein merkwürdiges Jubiläum feiern, das freilich ganz im Sinne der heutigen englischen Politik liegt und den Engländern äußerst zeitgemäß erscheinen müßte. Es sind nämlich in diesen Tagen 300 Jahre verflossen, seitdem der berühmte englische Jurist John Seiden ein schon einige Jahre früher verfaßtes gelehrtes Werk dem König Jakob I. vorlegen durfte, das den bezeichnenden Titel „Mare clausum“, „das verschlossene Meer“, führt. In diesem Werk wurde der Anspruch der englischen Könige auf die Herrschaft in den die Küsten Großbritanniens bespülenden Meeren, ja auf das Eigentumsrecht der englischen Krone an diesen Meeren begründet. Es wird uns erzählt, daß König Jakob es „mit großem Interesse las“, und nur der Umstand, daß man befürchtete, gewisse Stellen darin würden dem Schwager des Königs, König Christian IV. von Dänemark, anstößig sein, verhinderte, daß das Werk damals in Druck gegeben und veröffentlicht wurde. Dies geschah vielmehr erst im Jahre 1635 auf ausdrücklichen Befehl König Karls I., und die Engländer betrachteten das Werk seitdem als eine Art Staatsschrift, mit der sie bei diplomatischen Verhandlungen ihre Ansprüche begründeten. Der Titel von Seldens Buch, mit vollem Bedacht gewählt, sprach es deutlich aus, daß es sich um eine Gegenschrift gegen das berühmte Werk seines niederländischen Zeitgenossen Hugo de Groot (oder, wie er gewöhnlich latinisierend genannt wird, Hugo Grotius), „Mare liberum“, „das freie Meer“, handelte. Auf dieses Werk des Hugo Grotius geht das Schlagwort von der „Freiheit der Meere“ zurück, das jetzt in so vieler Munde ist und das bei den Friedensverhandlungen vermutlich eine wichtige Rolle spielen wird.

Ich sage absichtlich, „das Schlagwort von der Freiheit der Meere“ geht darauf zurück; denn die Streitfrage selbst ist älter. Aber die Schrift des Grotius und die Auseinandersetzungen, die sich daran knüpften, bezeichnen den Anfang der juristisch-philosophischen Behandlung dieser Frage, die jetzt auf der Tagesordnung steht. ‚Freilich wird eine nähere Betrachtung lehren, daß man unter „Freiheit der Meere“ recht verschiedene Dinge verr stehen kann, und daß man damals im Grunde etwas ganz anderes darunter verstand, als wir es heute tun. Es ist meine Aufgabe heute abend, Ihnen auseinanderzusetzen, aus welchen Zeitumständen heraus diese Frage zu Beginn des 17. Jahrhunderts brennend wurde, welche Bedeutung ihr in jenem Zeitalter zukam, und wie die Frage damals behandelt und gelöst wurde. Mancher lehrreiche Vergleich mit der Gegenwart wird sich dabei aufdrängen und manche praktische Folgerung sich ziehen lassen.

Versetzen wir uns zunächst in die Zeitumstände, die den Ruf des Grotius und seiner niederländischen Landsleute nach der Freiheit der Meere hervorlockten. Seit länger als einem Menschenalter standen die sieben „Vereinigten Provinzen“ der nördlichen Niederlande in ihrem hartnäckigen Befreiungskämpfe gegen Spanien. Es gehört zu den auffallendsten Eigentümlichkeiten dieses Krieges, daß der Seehandel zwischen beiden Kriegführenden fast ungestört fortdäuerte. Beiden Parteien war er eben unentbehrlich: Spanien wegen der Zufuhr an Getreide und Rohstoffen namentlich aus dem Ostseegebiet, den Niederlanden wegen des hohen Handels- und Frachtverdienstes, den sie aus diesem Seehandel zogen. Die Fahrten ihrer Handelsmarine waren eine Hauptgeldquelle für die Staaten, und die Flotte nahm denn auch besonders in den 1580er und 1590er Jahren einen großen Aufschwung.

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