Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen

Kapitel II.

Kapitelgliederung:
§ 1.   Uebersicht
§ 2.   Holz- und Moosfräulein
§ 3.   Wildleute in Böhmen
§ 4.   Wildleute in Hessen, Rheinland, Baden.
§ 5.   Wildleute in Tirol: Fanggen.
§ 6.   Wildleute in Graubünden: Waldfänken.
§ 7.   Wildleute in Tirol: Selige Fräulein
§ 8.   Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage
§ 9.   Wilde Leute: Norggen
§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol
§ 11.  Freibäume
§ 12.  Wildleute: Delle Vivane, Enguane
§ 13.  Wilde Leute der keltischen Sage
§ 14.  Dames vertes
§ 15.  Wildfrauen in Steiermark
§ 16.  St. Walpurgis
§ 17.  Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen
§ 18.  Die schwedischen Waldgeister
§19.  Die russischen Waldgeister
§20.  Peruanische und brasilianische Waldgeister
§21.  Rückblicke und Ergebnisse

§ 1. Uebersicht.

Der Erörterung der Baumseele lassen wir die Besprechung der Waldgeister folgen. War der einzelne Baum beseelt, so mußte man sich den Wald von einer Vielheit dämonischer Wesen erfüllt denken. Dieselben erscheinen jedoch nicht mehr als die immanenten Psychen der Baumleiber, sondern als selbständige freiwaltende Persönlichkeiten, deren Leben an dasjenige der Bäume gebunden ist, und deren Verrichtungen zum Teile aus der Vorstellung des anthropomorphisierten Baumes geflossen sind, die aber gemeinhin außerhalb der Bäume wohnen und handeln. Man könnte es gewissermaßen als ein abgekürztes Verfahren von Seiten der Phantasie bezeichnen, wird es aber natürlich finden, wenn schon einige wenige dieser Baumgeister ausreicheu, um collectivisch den ganzen Wald zu vertreten, und wenn in die Vorstellung und den Glauben, die man von ihnen hegt, Züge übergehen, welche in plastischer Anschaulichkeit den Eindruck verkörpern, den nicht sowol der einzelne Baum als die Gesammtheit der Bäume mit ihren Lebensäußerungeu auf die menschliche Seele ausübt. So gelten nicht allein die mannigfachen Stimmen und Töne, die im Walde laut werden, sondern auch die Bewegungen der Aeste für Anzeichen von dem Dasein der Waldgeister, für Formen ihrer Lebenstätigkeit. Was wir oben S. 42 wahrnahmen, bestätigt sich hier; im Rauschen der Blätter, im Sausen und Brausen der erregten Luft macht sich die Baumseele, die Seele des Waldes selbst bemerkbar, es schweben die Waldgenien im Wirbelwinde und Sturme dahin und ziehen als Jäger oder Gejagte in der wilden Jagd einher.

Der grüne Wald ist die großartigste, üppigste und augenfälligste Entfaltung von Pflanzenwuchs; deshalb wird der Waldgeist, indem er in abermaliger Begriffserweiterung generellen Character annimmt, zum Dämon der Vegetation; so daß er sogar in dem Leben der Kulturpflanzen waltend, Korn und Flachs hervorbringend gedacht wurde. Und sei es nun, daß von hier aus eine Uebertragung stattfand, oder daß aus dem Pflanzenwuchs in Feld und Alpenwiese sich ganz gleichmäßig ebenfalls die Gestalten von Vegetationsdämonen entwickelten, genug auch außerhalb der Wälder keimt der Volksglaube Berg- und Feldgeister, welche mit geringer Abweichung den geisterhaften Waldleuten zum Verwechseln ähnlich sehen. Der gemütliche und geistige Reflex localer Naturverhältnisse allein scheint alle diese Wesen durch individuelle Besonderheiten unterschieden zu haben. Die Holz- und Moosleute in Mitteldeutschland, Franken und Baiern, die wilden Leute in der Eifel, Hessen, Salzburg, Tirol, die Waldfrauen und Waldmänner in Böhmen, die Tiroler Fanggen, Fänken, Nörgel und selige Fräulein, die romanischen Orken, Enguane, Dialen, die dänischen Ellekoner, die schwedischen Skogsnufvar, endlich die russischen Ljeschie bilden auf diese Weise eine einzige Sippe mythischer Gestalten. Es wird unsere Aufgabe sein, im Folgenden die Zusammengehörigkeit dieser Gestalten darzutun, um zugleich an ihnen die characteristischen Eigentümlichkeiten in Eigenschaften und Verrichtungen zu beobachten und uns zum Bewußtsein zu bringen, welche die Tradition diesen Wald- und Feldgeistern zuschreibt. Etwas ausführlicher werden wir in dieser Auseinandersetzung bei einigen Sagen verweilen müssen, denen wir später im grauen Altertume bei Faunen, Satyrn, Panen und Silenen wiederbegegnen und einen wesentlichen Beitrag zum Verständniß der Natur dieser Wesen verdanken werden.

Wir beginnen mit einem an eine Volkssage oder Volksvorstellung angelehnten altnorwegischen Sinnspruck, der wirksamer den nämlichen Gedanken ausdrückt, wie unser Sprichwort

„Kleider machen Leute“.

Das nordische Epigramm lautet:

„Meine Kleider gab ich auf dem Felde zweien Baummännern. Sie dünkten sich Helden, als sie Gewande hatten; der Schmähung ausgesetzt ist der nackende Mann“.1

Der einsame laub- und rindenlose Baum ist hier deutlich zu einem freibeweglichen koboldartigen Wesen geavorden; wie denn von hilfreichen Zwergen,

Hausgeistern und Kobolden in Deutschland vielfach die Sage vorkommt, daß man zum Lohn ihrer Dienste und aus Mitleid mit ihrer Nacktheit ihnen Kleider schenkt; sobald sie das sehen, dünken sie sich zu vornehm zu arbeiten und verschwinden. Diesen aus der Baumseele hervorgegangenen nordischen Baummäunern stehen deutsche Waldgeister ganz parallel.

§ 2. Holz- und Moosfräulein.

Wolbekannt ist in Mitteldeutschland eine Klasse geisterhafter Wesen,1 welche im Riesengebirge als Rüttelweiber, im Böbmenwalde und in der Oberpfalz als Holzfräulein, Waldfräulein, Waldweiblein, im Orlagan und Harz als Moosweiblein, Holzweihel, um Halle als Lohjungfern, (von loch = lucus Gebüsch) bekannt sind und denen sich entsprechende männliche Gestalten Waldmännlein, Moosmännlein zugesellen.2 Die letzteren sind seltener, als die Moosweibchen und ganz in Grün gekleidet. In der Gegend von Saalfeld bilden Handwerker, besonders Drechsler diese Wesen als Püppchen nach und

stellen sie zum Verkauf; zumal zu Weihnachten stellt man in Reichenbach noch kleine Moosmänner auf den Tisch. Als Oberhaupt der Moosfräulein wird an der Saale die Buschgroßmutter genannt. Die Moosleute beiderlei Geschlechts haben einen behaarten Körper, jedoch ein altes runzeliges Gesicht, das an mehreren Stellen gleich alten Baumstämmen ganz mit Moos bewachsen ist. Eine Oberpfälzer Sage sagt, das Holzfralerl sah ganz moosig aus. wie Wickelwerg, klein und ohne bestimmte Gestalt: eine Harzer aus Wildemann beschreibt die Moosweiblein als ganz in Moos gekleidet, das sie wie eine Decke oder ein Fell umgab.1

Ihr Leben ist an das Leben der Waldbäume gebunden. So oft ein Mensch ein Bäumchen auf dem Stamme driebt. d. h. so lange umdreht, bis Rinde und Bast abspringeu, muß eines von den Waldleuten sterben. Es ist mithin der Trieb der Selbsterhaltung, der sie veranlaßt den Menschen, mit welchen sie Zusammenkommen, als gute Lehre einzuschärfen: „Schäl’ keinen Baum“,2 oder „Reiß nicht aus einen

fruchtbaren Baum.” 1 Unter dem fruchtbaren Baum ist hier noch ganz altertümlich nicht der Obstbaum zu verstehen, sondern der Waldbaum, welcher Eckern (d. h. Frucht, goth. akran2) trägt, Eiche oder Buche. Das Verbot des Baumschälens gewinnt durch die vorhin besprochenen Strafen ebensowol einen tiefen und realen Hintergrund, als es unserer Auseinandersetzung darüber zur Bestätigung gereicht. Wenn es zuweilen heißt, daß die Holzfräulein lange gelbe Haare haben,3 so darf vergleichsweise darauf hingewiesen werden, daß in dichterischer Sprache nicht selten das Laub der Bäume als deren Haar bezeichnet wird.1

Lassen diese Angaben noch die Ansicht durchblicken, als wenn die Waldleute den Bäumen des Waldes als deren Elementargeister immanent seien, so zeigen andere Aussagen sie in freier Tätigkeit, so jedoch, daß noch mehr als ein Characterzug eine fortwährende Erinnerung an ihr Baumleben bewahrt. Sie wohnen in hohlen Bäumen, nach andern in Mooshütten, betten ihre Kinder auf Moos oder in Wiegen von Baumrinde, schenken grünes Laub, das sich in Gold verwandelt, und spinnen das zarte Miesmoos, das oft viele Schuhe lang von einem Baume zum andern gleich einem Seile hängt. Denn davon haben sie ihr Gewand. Daher sollen sie auch wunderbare nie endende Garnknäuel an ihre Lieblinge vergaben.5 Anderes Tun von ihrer Seite characterisiert sie — wie es scheint — als Genien eines größeren Vegetationsgebiets oder der Vegetation überhaupt

Denn wie anders wäre der Zug: zu deuten, daß man z. B. in der Oberpfalz beim Leinsäen einige Körner für das Holzfräulein in die Büsche des nahen Waldes warf? War die Leinsaat aufgegangen, so verfertigte man bei Gelegenheit des Jätens aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttehen und rief:

Hulzfral! dan is daú Dal!
Gib an Flachs an kräftiuga Flaug,
Nau hob i un du gnaug.1

Auch bei der Ernte läßt man im Frankenwalde drei Hände voll Flachs für die Holzweibel auf dem Felde liegen.2 Zu Neuenhammer in der Oberpfalz bindet man beim Ausraufen des Flachses vom Felde 5—6 Halme, die man stehen läßt, oben in einen Knoten zusammen, damit das Hulzfral sich darunter setze und Schutz finde.

Auch kleidet sich das Hulzfral in Flachshalme.3 Man traf einst ein solches zur Erntezeit ganz in Flachshalme eingewickelt auf einem Baumstumpf im Wahle sitzen; Erntearbeiter nahmen es mit nach Hause. Es sprach eine unverständliche Sprache und winselte so lange, bis man es wieder an seinen Ort brachte.4

Jener Flachsbüschel, welcher vielfach (z. B. Pilsen in Böhmen) auf dem Acker stehen bleibt,5 wird mitunter z. B. Küps bei Kronach in Oberfranken) in Gestalt eines Zopfes geflochten und jubelnd umtanzt, wobei die jungen Leute rufen:

Holzfrala, Holzfrala!
Flecht ich dir a Zöpfla
Auf dei nackets Köpfla.8

Panzer bringt aus dem Coburgischen eine Variante bei, welche besagt, daß man schamhaft bemüht sei, dem durch das Abernten des Flachsfeldes entblößten Mutterschoße der Holzfrau eine Hülle zu bereiten.7 Aber nicht allein bei der Flachsernte,

auch bei der Heu- und Kornernte bedenkt fromme Einfalt die Holzweibchen. Im Amte Sonneberg bei Meiningen, überhaupt im Meininger Oberland, bei Calmbach in Oberfrankeu u.s.w.1 läßt man, wenn das Grummet eingefahren wird, ein kleines Häufchen Heu auf der Wiese liegen und sagt, das gehöre den Holzfräulein oder dem Hulzfräle für den gebrachten Segen. Endlich ist aus dem Böhmenvahle, der Oberpfalz und Oberfrankeu auch die Sitte bezeugt, auf dem Fruchtacker einige reife Aehren der Ernte, einen Büschel, als dem Holzfräulein, der Holzfrau, dem Waldfräulein zugehörig stehen zu lassen,1 dann soll man im nächsten Jahre desto mehr Segen in seine Kornscheuern einheimsen. Und nicht minder bleibt zu Guttenberg B. A. Stadtsteinach in Oberfranken auf jedem Obstbaum etwas von der Frucht für das Holzfräulein hangen.3

Deutlich erkennt man in diesen Gebräuchen die folgenden Anschauungen: Wie wir oben dieselben Geister bald den Baum, bald niedere Pflanzen bewohnen, von ihnen ausgehen und zu ihnen zurückkehren sahen, so zeigt das nämliche Wesen, welches in der Vegetation des Waldes wirksam ist, sich auch in dem Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese regsam. Es lebt in ihnen und lebt ihr Leben mit. Daher sind die Flachshalme die Hülle seines Leibes, darum entblößt ihm das Ausraufen der Halme Kopf und Schoß. Aber danebenher läuft wieder die andere Wendung dieser Vorstellung, daß es im Fehle wohne und den Halmen guten Schutz zum Wachstum gebe. Daher bereitet ihm fromme Sorgfalt ein Hüttchen. Man darf

alle diese Bilder und mythischen Vergleiche nicht bis ins Einzelne ausmalen; zu ihrem Wesen gehört eine reizvolle Unbestimmtheit. Der geistige Eindruck, den die Natur macht, hat sich in ihnen zu lebendigen Gestalten verkörpert, welche einzelne Züge der bildlich augeschauten Notwendigkeit entlehnen, mit den übrigen aber durch eine freie Schöpfung der ergänzenden Phantasie beschenkt sind. Die einmal gewordene Gestalt lebt, da sie im Volksglauben eine erträumte Realität besitzt, weiter und entwickelt, verändert sich in den Köpfen der Gläubigen. Es kann uns daher nicht auffallend sein, neben den dargelegten Anschauungen der andern Auffassung zu begegnen, daß das Holzweibchen Eigentümerin des Flachses, Getreides, Grases sei und deshalb ihm wenigstens ein Anteil, ein Büschel, eine Handvoll gelassen werden müsse, während der Mensch das Uebrige in seinem Nutzen verwendet. Ueber diese in analogen Erntegebräuchen vielfach hervortretende Meinung verweise ich einstweilen auf Konidämonen.

Mehrfach wird erzählt, daß die Holzfräulein mit Menschen Verbindungen schlossen.1 Das ist vielleicht ein Reflex des tiefen unwiderstehlichen Eindrucks, den die Waldnatur auf das Gemüt ausübt. Auf einer jüngeren Entwickelungsstufe zeigt sich der Glaube an die Moosweibchen (Holzfräulein) in der Angabe, daß sie zur Erntezeit aus ihrem Walde herauskommen, um die Mähenden zu necken oder beim Heumachen allerlei Mutwillen zu treiben, oder um den Menschen beim Heuen und Kornschneiden als rüstige Arbeiter zu helfen.2 Dachte man sich ehedem einmal die Gaben der Ernte als ihr Werk, so war es ein Schritt zu der Annahme, daß sie auch der Erntearbeit Segen verliehen und so mochte sich die Vorstellung von persönlicher Mithilfe dabei her-

vorbilden. Immerhin kann dieser Zug trotz relativ jungem Alters in sehr frühe Zeit hinaufreichen. Ihm schließt sich aber eine ganze Reihe von andern Erzählungen an, nach welchen unsere Waldleutchen in den Dienst der Bauern treten, fleißig das Vieh im Stalle besorgen und füttern, auf der Mühle mahlen und Brod backen,1 wogegen man ihnen die Ueberbleibsel der Mahlzeiten hinstellt. So lange sie im Hause weilen, ist Glück und Segen bei den Bewohnern. Man darf sie aber nicht mit einem neuen Kleide für die nur ärmlich und dürftig verhüllte oder ganz unbedeckte Blöße ihres haarigen Leibes beschenken, denn dann verschwinden sie augenblicklich.2 Ebenso verschwinden

sie, wenn man in ihrer Gegenwart einen Fluch ausstößt. Alle diese Züge, die Pflege der Haustiere, die Mitarbeit hei den häuslichen Verrichtungen, das Verschwinden bei Empfang eines neuen Gewandes und die Entgegennahme von Speiseresten als tägliches Opfer sind Züge, welche in deutscher Sage allen Kobolden und Hausgeistern gemein sind. Wir entnehmen aus dieser Tatsache einstweilen nichts anderes, als die unbestreitbare Wahrheit, daß auch die Waldfrauen (Moosweibchen, Holzfräulein, Holzmännlein u. s. w.) in Hausgeister übergehen, wie der Baumgeist. Auf die Kräuter des Waldes verstehen sich diese Wesen gut und helfen damit den Menschen bei Krankheiten. Zur Zeit der Pest kamen die Holzfräulein aus dem Walde und riefen:

Eßt Bimellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an. Und einem Tagelöhnerweibe hilft eine Waldfrau in der Kindesnot mit der schönen blauen Blume Nimmerweh.1 Auch die Moosweiblein von Wildemann teilten Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2 Nicht minder lehrt das Moderwitzer Moosweiblein Heilmittel gegen Krankheiten der Schafe.3

Aus diesen

Beispielen geht hervor, daß die Moosleute und Holzfräulein als krankheitabwehrende, gesundheitverleihende Wesen gedacht wurden. Im Verein mit dem Glauben an deren Rolle als segenbringende Hausgeister geht dieser Zug — wie später klar werden wird — auf die Grundvorstellung zurück, daß sie Geister des Wachstums seien, mithin auf die nämliche Anschauung, welche sie auch im Leben des Ackers wirksam sein ließ.

Der Glaube von den Holzfräulein nimmt jedoch vermöge des ob. S. 39 entwickelten Gedankenprozesses zuweilen die Wenduug, daß diese Genien für arme Seelen erklärt werden. Auf diese Eigenschaft bezieht sich der Brauch, für die Holzfräulein die bei den Mahlzeiten übrig gebliebenen Brosamen in den Ofen zu werfen, die beim Herausschöpfen am Rande der Schüssel hangen gebliebenen Tropfen, das am Kübelreifen sitzen gebliebene Mehl ihnen zuzueignen.1 Wenigstens die erstere Sitte ist ein auch sonst in Norddeutschland wie in Süddeutschland den armen Seelen dargebrachtes Opfer.2

Der Moosweibchen und zugleich der armen Seelen erbitterte Feinde sind die Geister der wilden Jagd, in der Oberpfalz auch die Holzhetzer genannt. Dieselben fahren bekanntlich im Sturmwinde und Ungewitter durch die Wipfel des Waldes daher. Prätorius zeichnete vor 200 Jahren aus der Umgegend von Saalfeld die Sage auf, wie der wilde Jäger unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute jagte. Der Schall seines Hornes und das Gebell der Hunde war weithin hörbar. Ein Bauer, dem sein Vorwitz eingab, in den Jägerruf einzustimmen, fand am andern Morgen an seinem Pferdestall das Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt.3 So jagt schon der Sturmriese Vásolt nach dem Eckenlied ein wildes Fräulein im Walde4, in Schlesien der Nachtjäger die mit Moos bekleideten Rüttelweiber.5 Um Halle hetzt der wilde Jäger, der ohne Kopf auf seinem Schimmel durch die Luft fährt, mit vielen Hunden die Lohjungfern; im Voigtlande,

Orlagan, Franken und Oberpfalz jagt der wilde Jäger die Holzweibchen oder Holzfräulein und ihre Männchen. Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß, mit grünem Schuh bekleidet, dem naehrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.1 Nur dann haben die kleinen Waldleute Ruhe, wenn sie sich auf einen Baumstumpf retten können, auf welchen der Holzhauer, während der Baum fiel, „bevor er im Sturz mit der Spitze den Erdboden erreichte“ oder „während der Zeit, daß der Schall des fallenden Baumes noch hörbar war, mit scharfer Axt drei Kreuze in einem Zwickel oder keilförmigen Dreieck einhieb. Deshalb unterlassen die Holzhauer es selten in der angegebenen Weise die Stöcke zu kreuzen, und man sah deren in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch viele in den Wäldern; Börner erwähnt namentlich die Waldungen des Saalufers, vornehmlich bei Hungers- oder Hunnenburg; Schwanthaler sah dasselbe in den Nadel Waldungen bei Bamberg. Es müssen aber jedesmal 2 Arbeiter dabei beschäftigt sein, weil einer es nicht so schnell fertig bringt. Durch jeden so gekreuzten Stock soll ein Holzweibel erlöst werden. Es setzt sich darauf, und dann kann ihm die wilde Jagd nichts anhaben; 2 nach andern werden die Holzfräulein durch drei Kreuze auf den Stöcken unschädlich,3 nach noch andern können sie dann ihre Wohnung, die sie bis dahin im Baume gehabt hatten, behalten.4 Um den Holzweibeln vor ihrem Feinde noch mehr Schutz zu bieten, sind „über Mittag“ auch auf allen Ackergerätschaften (Eggen und Pflügen) dergleichen Kreuze angebracht worden.5 Auch zwischen den beim Schluß der Ernte auf dem Acker stehen gelassenen Flachshalmen sucht und findet die Holzfrau Sicherung

vor dem wilden Jäger.1 Waldmännlein und Waldweiblein vergelten den Holzhackern ihren Liebesdienst damit, daß sie dieselben zur Nachtzeit ohne Irrgang aus dem Forste geleiten, auch manchmal abgeworfene Hirsch- und Rehgeweihe finden lassen.2 Es scheint mir unverkennbar, daß die Bekreuzung der Baumstümpfe — selbst wenn sie etwa ursprünglich den nüchternen praktischen Zweck gehabt haben sollte, die abgehauenen Stämme als rechtmäßig nach Anweisung durch den Bannwart gefällte zu bezeichnen — nur deswegen in der kurzen Zeit geschehen sollte, während der Baum fällt, damit die Baumseele nicht entweiche, sondern noch rechtzeitig der geöftnete Baumleib durch ein magisches Siegel gleichsam wieder geschlossen und zugleich gegen Eindringlinge von außen her geschützt werde. Nach vorhin mitgeteilten Sagen soll man ja den vom Tomtegubbe bewohnten Baum nie ganz umhauen; der Elf stirbt, wenn der Baum mit den Wurzeln ansgerissen wird; unter Umständen lebt der Dämon also auch noch im Baumstumpfe fort. Es ist mithin wol begreiflich, weshalb im bekreuzten Stocke (truncus) die Moosleute ihre Wohnung behalten können. Die wilde Jagd ist eine Personification des baumerschütternden Sturmwindes.

Wie nun der estnische Baumelf vor dem Gewitter erschreckt in die tiefsten Wurzeln zurückweicht, ist auch der Sturm, der manchen Stamm darniederstreckt, den Baumgeistern gefährlich und veranlaßt sie, sich in ihre Pflanzenhülle znrückzuziehen. Der unberührte Baumstamm ist keinen Augenblick davor sicher, der Wut des Sturmriesen zum Opfer zu fallen, aber dem abgehauenen Baumstumpf kann derselbe nichts mehr anhaben. Dieses muß der anfängliche Gedankenkreis sein, aus welchem nach mehrfachen Mittelgliedern die Vorstellung erwachsen ist, daß die Moos- und Holzleute auf bekreuzten Stücken vor dem Wilden Jäger Schutz fänden, und von da aus vollzog sich in Folge der Identifizierung der Holzfrau mit dem Getreidedämon die weitere Uebertragung des Schutzortes auf Ackergerätschaften, während das Flüchten in die letzten Flachshalme wol nur wiederum besagt, daß der Genius der Pflanze sich beim Sturm in seine eigene Haut zurückziehe, wie die Schnecke in ihr Häuschen.

1) Schünwerth II, 360.
2) Pau2er II, 70, 93.

Doch es erübrigt die Holzleute noch von einer neuen Seite kennen zu lernen. Einem Waldweibchen war der Schiebkarren gebrochen. Sie bat einen Vorübergehenden ihr denselben auszubessern. Während dies geschah, steckte sie ihrem Helfer eifrig die herabfallenden Spähne in die Tasche. Der warf sie verächtlich heraus, einige wenige aber, welche er nicht beachtet, hatten sich am andern Tage in harte Taler verwandelt.1 Die nämliche Sage erzählt man in allen wesentlichen Stücken übereinstimmend von Frau Gauden (Góde), Holla und Perchta, sie lassen sich ihr zerbrochenes Gefährt (Wagen oder Pflug) zimmern, oder einen Pfahl zuspitzen, oder arbeiten selbst daran, so daß die Späne fliegen. Diese herabfallendeu Splitter werden schieres rotes Gold.2 Góde, Holla und Perchta fahren im Sturme daher. Während aber die Waldleute nach den vorhin angeführten Sagen der wilden Jagd als Jagdobject dienen, sind diese mythischen Frauen solche Wesen, welche in übereinstimmenden Ueberlieferungen als Anführerinnen der wilden Jagd an der Spitze derselben auftreten und ein gespenstiges Wild verfolgen, auch wol Menschenfuß und Menschenlende dem Spötter aus den Wolken zuwerfen. 3 Auf im Sturme waltende Wesen paßt — wie es scheint — sehr wol die Deutung, welche W. Schwartz den goldenen Spänen des zerbrochenen Gefährtes gegeben hat, indem er an die Aehnlichkeit des rollenden Donners mit dem Getöse rollender Wagen und an jene ditmarsische Auffassung des Gewitters erinnerte, wonach der „Alte da oben im Himmel wieder einmal fährt und mit der Axt an die Kader schlägt“.4 Danach wären also jene Sagen der Niederschlag eines großartigen Naturbildes. Im tobenden Gewittersturm wird der zerbrochene Wagen der wilden Jägerin verkeilt, und die

goldgelben Bltze sind die herabfallenden Späne.1 Sei nun diese Deutung richtig oder nicht, jedenfalls nötigt uns die Uebereinstimmung der beigebrachten Ueberlieferungen mit der Sage vom Schubkärrchen des Moosweibleins entweder in letzterer eine nur fälschliche Uebertragung eines ursprünglich fremden Mythenzuges anzunehmen, oder znzugestehen, daß auch die Moosweibchen im Sturme durch die Luft fahrend gedacht wurden. Dabei kann es uns zunächst ganz gleichgütig sein, ob sie als Jagdobject dienen, oder selbst als Jägerinnen auftreten, falls in der Tat die fliegenden Späne nur ein bildlicher Ausdruck für gewisse Vorgänge beim Gewittersturme sind. Nun haben wir nicht allein schon oben S. 12 gesehen, daß Geister, welche man im Baume hausend, dem Baum einwohnend sich vorstellte, gleichwol auch im Sturme daherzogen, sondern es giebt auch sonst noch Spuren, welche verraten, daß man im Winde die Umfahrt der Waldfrauen vernahm. In Westfalen sagt man beim Wirbelwinde „da fliegen die Buschjungfern.“2 Die Leute um Warnsdorf im nördlichen Böhmen glauben fest an das Dasein des Buschweibchens; es erscheint als steinaltes Mütterchen, mit schneeweißen wild herabhängenden Haaren und moosbewachsenen Füßen, auf einen Knotenstock gestützt, und beschenkt mit gelben Blättern, die zu Gold werden.

Wenn im Frühlinge und Herbste zerrissenes Nebelgewölk vom Gebirge aufsteigt, wenn „der Wald raucht“, so pflegt man zu sagen „das Buschweibchen kocht.“

Jene Nebelstreifen werden als der Hauch von seinem Heerde bezeichnet. Naht im April ein Hagelschauer, so ruft man „das Buschweibchen steigt über das Gebirge.“3

§ 3. Wildleute in Böhmen.

Bei den Czechen entsprechen unsern Waldweibern die lesni panny Waldjungfern oder divé zeny wilde Weiber; sie lieben Musik (das Sturmlied)1 und Tanz (den drehenden Wirbel des Wirbelwindes), der von ihnen bei einem heftigen Sturme mit der ausgelassensten

Wildheit in der Luft ausgeführt wird.1 Ihnen stehen Waldmänner zur Seite lesni muzove, welche Mädchen rauben und sie zwingen mit ihnen in Ehe zu leben.2 Ein tanzlustiges Mädchen hütete in einem Birkenwalde die Ziegen und spann dabei Flachs. Mittags erschien so die Waldfrau in weißem Gewände, dünn wie Spinngewebe, mit einem Kranze von Waldblumen in den bis zum Gürtel hinabfließenden Goldlocken. Sie erfaßte das Mädchen und tanzte mit ihr bis Sonnenuntergang schön und so leicht, daß sich das Gras unter ihren Fußen nicht bog, wozu die Vögel lieblich sangen. So geschah es drei Tage hinter einander. Um die Versäumniß zu ersetzen, spann die Waldfrau dem Mädchen den Rocken voll und gab dem Garne die Eigenschaft nicht abzunehmen, so lange man auch weifte, und sie füllte ihm die Taschen mit Birkenlaub, das sich in Gold verwandelte (die nämlichen Züge begegneten uns o. S. 76 bei den Moosweibchen). Wäre das Mädchen aber ein Knabe gewesen, so hätte die Waldfrau ihn zu Tode getanzt oder zu Tode gekitzelt.3

§ 4. Wildleute in Hessen, Rheinland, Baden.

In Hessen entsprechen den Waldfrauen und Waldmännern, nur ins Riesenhafte übersetzt, die wilden Leute, welche im Walde zwischen den Basaltfelsen an der Kinzig ihr Wesen treiben. Die gewaltigen Steinmassen, welche im Bernhardswalde bei Schlüchtern niederstarren, heißen nach ihnen wilde Häuser. Schon vor dem 11. Jahrhundert nennt eine hessische Urkunde bei Dronke, Traditiones Fuldenses p. 544 in jener Gegend einen Ort „wilderó wíbó hús“ „ad domum wilderó wíbó.“ Vgl. Roth, Kl. Beiträge zur Sprach-, Orts- und Namensforsclnmg 1850. I, 231. Landau, Gau Wetareiba. 1855. S. 128 in der Nähe von Salmünster, wo mehrere Wildfrauenhäuser vorkommen. Förstemann, Altd. Namenb. II. 1534. Die wilden Männer sind am vergnügtesten, wenn der Sturmwind tobt und der Blitz aus den Wolken fährt. Dann gehen sie hoch oben über die Berge und rütteln

an den Wipfeln der Bäume; aber sie freuen sich auch, wenn die Aronspflanze gedeihlich emporwächst, und wenn sie zwischen den Schachtelhalmen dahergehen können. Ihre großen schönen Frauen steigen in den Mondnächten in die Lüfte, ihre Kinder schützen die Kinder der Menschen, wenn sie im Walde Beeren suchen.1 Auf dem Hohenberg in Hessen sieht man die Spuren, wo sie saßen und wo sie Hände und Füsse liegen hatten. Ihre Kleidung ist grün und rauh, gleichsam zottig, ihr Haar lang und aufgelöst. Das giebt ihrem Aussehen etwas schauerlich Wildes, so daß sich jedermann vor ihnen fürchtet. Dabei sind sie ganz zutraulich gegen die Menschen, raten und helfen ihnen, wo sie nur können. Oft werden sie von den rohen Bauern verfolgt, auch gefangen, aber sie rächen sich nie.

In einer Höhle am Rodenstein wohnten zwei wilde Weiber. Die eine war sehr schön. In sie verliebte sich ein Jäger und sie gebar ihm bald ein Kind. Sie sind in die Zukunft eingeweiht. Wenn in der Gegend von Fulda jemand sterben sollte, dann kam eines aus dem Wildfrauenloch heraus und zeigte sich wehklagend in der Kälte des Sterbehauses. Auch die Kunde der geheimen Naturkräfte wohnt ihnen bei. Sie wissen, wozu die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind; und wenn die Bauern das wüßten, würden sie mit silbernen Karsten hacken.2

In der Eifel wohnten die wilden Frauen ebenfalls in Felsgrotten, die das vulkanische Gestein gebildet hat. Dergleichen Grotten heißen zuweilen „das Wildfräuleinhaus.“ Darin saßen sie und boten jedem ihre Brüste, die sie über die Schulter warfen, zum Trinken dar.3

Auch im Badischen haben wilde Leute im Wildeleutloch in einer Höhle des Eichelberges bei Oberflockenbach gewohnt, sie waren ganz haarig und fast unbekleidet. Sie halfen den Einwohnern der benachbarten Dörfer hei den Feldgeschäften, gradeso wie die Holzfräulein. Der Felsen über ihrer Höhle hieß Wildeleutstein, und auf ihm befand sich ein Trog, aus dem sie zu essen pflegten, die Wildeleutschüssel genannt.4

§ 5. Wildleute in Tirol: Fanggen.

In den Alpenländern haben sich die wilden Leute in verschiedene Gestalten gespalten. Als riesige Waldgeister erscheinen die Wildfrauen im Patznaum-, Stanzer- und Oberinnthale in Tirol unter dem Namen Fanggen (Sing. Fangga, Fanggin) Wildfanggen, wilde Weiber; ungeheure Gestalten, am ganzen Körper behaart und beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund ist von einem Ohre zum andern gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart (lichen barbatus) und reicht rauh und struppig über den Rücken. Ihre Stimme ist rauhe Mannesstimme, ihre dunklen Augen sprühen zu Zeiten Blitze. Joppen von Baumrinden und Schürzen von Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung. Sie leben in Gesellschaft in Wäldern, vorzüglich nannte man als ihren Aufenthalt einen großen Urwald im Urgthal zwischen Landeck und Ladis und einen andern Urwald, den „Bannwald“ (vgl. o. S. 39) am Pillerberg im Oberinnthal.

Die in ein und demselben Walde hausenden Fanggen waren an diesen Wald gebunden; wurde der Wald geschlagen, so schwanden sie; starb ein Baum, oder wurde er gefällt, von dem eine Fangga den Namen trug, so war auch ihr Dasein dahin. Sie hatten nämlich noch jede ihren besonderen Namen als Hochrinta (hohe Rinde) Stutzforche (Stutzföhre) Rohrinta (Rauhrinde) Stutzemutze (Stutzkatze). Der im Sturm den Wald durchfahrende Riese, der wilde Mann, wird als Gemahl der Fangga genannt.1 Gleich ihm hat sie menschenfresserische Neigungen. Wenn die Fangga im Walde von Naßereit, welche von der Größe eines mittelmäßigen Baumes war, kleine Buben zu fassen bekam, so schnupfte sie dieselben wie Schnupftaback in ihre Nase oder rieb sie an alten dürren Bäumen, die von stechenden Aesten starrten, bis sie zu Staub geraspelt waren.2 Wer erkennt in diesem Zuge nicht jenes Zutodekitzeln wieder, das von der böhmischen Waldfrau ausgesagt wurde, mithin eine Naturauffassung des Wirbelwindes? (s. o. S. 87). Andererseits sind die Fanggen unverkennbar eine Belebung der mächtigen Bäume des Urwaldes im Hochgebirge, und ihre Grausamkeit ist Ausdruck des furchtbaren und ungeheuerlichen Eindrucks, den diese gewaltige Waldnatur auf das

1) Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols S. 51. 52.
2) Alpenburg a. a. 0. 52.

Gemüt macht.1 So bestätigt es sich auch in diesem Falle, daß die Baumgeister als Verkörperungen von meteorischen Erscheinungen oder wenigstens als in diesen einen Teil ihrer Lebensäußerungen betätigend gedacht wurden. Doch auch noch andere uns schon bekannte Wahrnehmungen erhärtet die Fanggensage durch neue Beläge. Auch die Fanggen spielen die Rolle von Hausgeistern. Wie die Holzweibchen (o. S. 80) treten sie freiwillig bei Menschen in Dienst und arbeiten für diese, bis plötzlich das Bekanntwerden ihrer Herkunft und ihres Namens sie verschwinden macht. Eine für unsere weitere Untersuchungen wichtige Sage, die darauf Bezug hat wollen wir mitteilen.

Bei einem Bauer zu Flies stand eine unbekannte Dirne im Dienst, welche riesenstark war und mehr arbeitete, als zehn andere zusammen, aber nichts vom Christentum wußte und wollte. Es war ein Fanggenmädchen. Einst kam der Bauer vom Imstermarkt über den Pillerberg nach Hause. Wie er nun durch den Bannwald kommt, die Joche der verkauften Oechslein über die Schulter gehängt, hört er mit einmal aus der Mitte des Waldes eine unbekannte sehr laute Stimme: Jochträger, Jochträger, sag’ der Stutzkatze (Stutzamutza), die Hochrinde (Hoachrinta) sei todt. Drauf wird alles wieder still. Von Angstschweiß triefend kommt der Bauer nach Hause und erzählt das im Bannwalde erlebte Abenteuer seiner Frau und der Dirne, die gerade beim Mußessen sitzen. Als er die Worte erwähnt: „Sag’ der Stutzkatze, die Hochrinde sei todt“, springt die Magd mit dem hellen Geschrei „die Mutter! die Mutter!“ empor, läßt alles stehn und liegen und läuft dem Bannwalde zu. Niemals wurde sie mehr gesehen; aber bald verbreitete sich die Nachricht, daß Stutzkatze nun im Walde hause und das Geschäft ihrer Mutter, Kinder stehlen und fressen, fleißig fortsetze.2 Mit

unwesentlichen Varianten ist diese Erzählung in Bezug auf Fanggen und verwandte Wesen, Holzweibchen und Buschnännchen, Salige Fräulein, Nörkel, Zwerge, katzengestaltige oder bockgestaltige Kobolde weit, bis in den Norden verbreitet.1 Mit

einiger Sicherheit ist daraus zu schließen, daß sie in dem Wesen der Wald- resp. Erdgeister begründet sei.1

§ 6. Wildleute in Graubünden: Waldfänken.

Den Tiroler Fanggen entsprechen die Graubünder Waldfänken, die besonders in den deutschen Tälern, im Prätigän, Schalfik, Churwaldental und Savien bekannt sind. Sie werden nicht ganz so unhold geschildert, als die Tiroler Fanggen und treten öfter paarweise auf. Auch den Waldfänken mißt die Sage gewaltige Stärke, Körpergewandtheit, daneben Witz, genaue Wetter- und Kräuterkenntuisse und den Besitz von Geheimnissen der Viehzucht bei. Ihre Weiher, welche häufig auch Waldmutern (Waldmütter) genannt werden, sind in umgeworfene Felle gekleidet, die männlichen Waldfänken, oder „wilden Männer,“ über und über am ganzen Körper behaart und mit Eichenlaub bekränzt. Ihre Behausung ist der Wald. Auch sie tragen einzelne Personennamen (weibl. Rúchrinden u. s. w., männl. Giki, Gäki u. s. w.) In den beiden Vorarlbergischen Tälern Montavon und Klostertal endlich heißen die männlichen Wesen Fenggen und unter ihnen begegnen wieder weibliche Eigennamen wie Jochrmpla, Jochringgla, Muggastutz, Rohrinda, männliche wie Urhans. Sie werden zwar auch häufig als riesige Wildmänner und Wildfrauen,

beschrieben, am ganzen Körper mit struppigen Haaren bedeckt, so daß nur an den Wangen die Fleischfarbe kümmerlich durchschimmerte, oft aber schreibt man ihnen — wie zuweilen schon den Waldfänken in Graubünden — zwerghaften Wuchs zu und sie gehen dann ganz in Zwerge und Hausgeister über, so zwar, daß sie nun zwar in Höhlen und Felslöchem (Fenggalöcher, Fenggatöbler, ’s wild Mannlis Balma), zuweilen hoch über dem Waldwuchs auf hohen Alpenrevieren ihre Wohnung aufschlagen, im übrigen aber dieselben Verrichtungen haben und Gegenstand derselben Erzählungen sind, wie ihre riesenhaften Namensverwandten.1 Auch sie verraten noch deutlich Beziehungen zum Leben des Waldes. Sie sind so alt, als der und der Wald, ja ein Fangg im Kilknerwald in Gaschurn kommt herzugelaufen als man eine Tanne fällt und bittet, den Baum stehen zu lassen; er sei so viel Jahr alt, als derselbe Nadeln habe, und könne wenn er falle sein Alter nicht mehr zählen.2

Es geht daraus hervor, daß die Größe der Gestalt keinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen Geistern bezeichnet. Als besonders bemerkenswert aus dem Kreise der Sagen, welche sich an diese wilde Leute knüpfen, will ich nur zwei besonders hervorheben. Die eine ist ein Seitenstück zu der bekannten Erzählung von Odysseus Ueberlistung des Polyphem, aus deren weiter Verbreitung unter Türken, Arabern, Serben, Rumänen, Esten und Finnen schon W. Grimm3 nachwies, daß sie eine alte auf Elementargeister bezügliche Volkssage sei, die Homer auf einen Helden übertrug. Die Uebereinstimmung der Waldfänken-und Polyphemossage gewinnt an Bedeutung durch den Umstand, daß ein Waldgeist, und zwar der russische Ljeschi (s. u. § 19), gleich den Kyklopen nur ein Auge hat. Zu einem Holzhauer im Walde gesellt sich ein geschwätziges Fenggaweibchen und verdrießt ihn durch ihre neugierigen Fragen. Er giebt sich erst den falschen Namen Selb, 4 während er doch Hannes heißt, und

als dann das Weiblein seinen Aerger noch weiter reizt, dabei aber im Eifer die Hand in eine Holzspalte bringt, zieht er schnell Axt und Keil heraus und klemmt die jämmerlich Schreiende auf diese Weise in den Baum ein. Auf ihren Angstruf kommt das wilde Fenggmännlein hinzu und fragt, wer ihm das getan habe: „O selb tán!“ Da lacht das wilde Männlein und ruft: „Selb tán, selb hán!“ Dieselbe Erzählung geht von Waldfänken, sowie von Nixen und Zwergen.1 Die zweite Tradition, von der wir reden zu wollen ankündigten, wird sich späterhin als besonders wichtig für das Ganze unserer Untersuchungen herausstelleu und gleichfalls aus dem alten Griechenland und Italien nachweisen lassen. Sie wird ebensowol von den wilden Männern der riesigen Waldfänken, als von den zwerghaften Fänkenmännlein erzählt. Die Fänkenmännlein in Churrhätien nämlich übernehmen ganz ebenso wie in Mitteldeutschland die Busch- und Moosmännchen, Holzfräulein u. s. w. sehr gern und häufig die Rolle der Hausgeister und Kobolde; sie besorgen im Stille das Vieh, füttern, tränken nnd striegeln es nach schönster Art oft ganz ohne Lohn, oft nur um ein paar Käse, um ein Näpfchen

Milch oder um den Schaum der Milch. Am liebsten jedoch verstehen sie sich zur Hut der Heerden auf den Alpen und in den Maisessen und werden daher öfters wilde Küher oder wilde Geißler genannt. Schenkt man ihnen aber Kleider oder Schuhe zum Lohn, so werden sie, wie im gleichen Falle die mitteldeutschen Waldleute (s. o. S. 80) verscheucht. Solch ein wilder Mann (Geißler oder Küher) wird regelmäßig beschrieben als von großer Körpeistärke, behaarten Leibes und nur mit einem Schurz von Fellen bekleidet. In der Hand führt er eine mit den Wurzeln ausgerissene Tanne.1 Man trieb ihm die Geiße oder Kühe der Ortschaft gemeinhin vor das Dorf entgegen bis zu einem großen Steine, solche Felsblöcke werden noch gezeigt und heißen gern „der Geißlerstein.“2 Dort nahm er schweigend die Tiere in Empfang und trieb sie weiter, man wußte nicht wohin. Abends waren sie alle zur bestimmten Zeit wieder mit strotzendem Euter beim Steine, so daß sie kaum gehen konnten. Offenbar sind diese wilden Männer nicht Personificationen einzelner Bäume, sondern des gesummten Waldes mit dem Uebergang in Geister der gesammten Vegetation der Alpe. Dem wilden Geißler gleicht sich die finnische Waldjungfrau, welche in der Kalevala angerufen wird, das Vieh vor Schaden zu hüten, resp. abends nach Hause zu treiben (vgl. o. S. 30 und Kalev. übers, von Schiefner 1852 XXXII. v. 6O—100); andererseits ließe er sich füglich als ein Spiritus familiaris der Dorfschaft anffassen. Auf den Stein legt man ihm den ausbedungenen Lohn an Milch oder Käse. Da er auf diese Weise mit den Leuten in keinen mündlichen Verkehr trat und niemals zu den Wohnungen kam, suchte man ihn zu fangen und zur Mitteilung seiner Geheimnisse zu bewegen. Es geschah dies, indem man ihn in Wein oder Branntwein berauschte. Die näheren Umstände dieser Begebenheit werden mit kleinen Abweichungen erzählt, zu deren Characteristik die folgenden Varianten nebeneinander erwähnt werden mögen. Zu Monbiel stellte man dem die Heimkühe leitenden Männlein einen Schoppen Veltliner

auf den Stein. Es betrachtete den Wein lange und besann sich, ob es trinken solle. Endlich setzte es ganz vorsichtig die Lippen an. Da mundete ihm das Getränk äußerst wol und es trank den ganzen Schoppen.1 Zur Zeit, als die Pest in Graumünden unzählige Opfer forderte, starben keine wilden Weiblein und Männlein und man kam zu dem Schlusse, daß sie ein Geheimmittel besitzen müssen. Ein Bauer wußte mit List dasselbe einem Fänkenmännlein zu entlocken, welches sich oft auf einem Steine zeigte, der eine bedeutende Höhlung hatte. Ihm war das Lieblingsplätzchen des wilden Männchens wolbekannt, er ging hin, füllte die Höhlung des Steines mit gutem Veltinerwein und verbarg sich in der Nähe. Das Männchen war verdutzt, als es die Höhlung seines Lieblingssteines mit funkelndem Naß gefüllt sah. Es beugte sich mehrmals mit dem Naschen über den Wein, winkte mit dem Zeigefinger und rief „Nein du überkommst mich nicht!“ Endlich kostete es doch und immer mehr und wurde lustig und lustiger und fing an allerlei Zeuges zu schwatzen. Da trat der Bauer aus seinem Verstecke hervor und fragte, was gut sei gegen die Pest, „Ich weiß es wohl,“ sagte das Männchen, „Eberwurz und Bibernell; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Jetzt war der Bauer zufrieden und nach dem Gebrauche von Eberwurz und Bibernell starb niemand mehr an der Seuche.2 Vgl. o. S. 81.

Ein Waldfänke bei Conters hütete einst einen Sommer hindurch die Ziegen des Dorfes, sein Hirtenstab war ein Tannenbaum. Hatte er die Geißen Abends bis zu einer gewissen Stelle zurückgeführt, kehrte er in den Wald heim. Vergeblich suchten ihn die Söhne von Conters zu fangen. Endlich füllten sie zwei Brunnentröge, aus denen er zn trinken pflegte, den einen mit rotem Weine, und den andern mit Branntwein. Der wilde Geißler sah zuerst den roten Wein und rief: „Röteli du verführst mi net!“ und labte sich dann mit Branntwein, da dieser die Farbe des Wassers trug. In der darauffolgenden Berauschung wurde er gebunden und, da die Sage ging, die Fänken wüßten aus Milchschotten Gold zu bereiten und ähnliches, so wollten ihn seine Peiniger nicht eher loslassen, bis er ihnen ein Geheimmittel entdeckt habe. Er versprach, wenn sie

ihm losbänden, einen guten Rat Die Burschen ließen ihn also frei. Da sagte er schelmisch:

Ists Wetter gut, so nimm deiu Oberwamms mit,

Wirds dann leidig, kannst tun wie du willst.1

Nach der Sage von Klosters im Prätigau waren es mehrere neugierige Burschen, die gern die nähere Bekanntschaft des Geißlers gemacht hätten. Er hatte die Gewohnheit jeden Abend aus dem kleinen Brünnlein zu trinken, das zunächst dem Geißlersteine sich befand. Die jungen Leute sammelten im Dorfe manche Maß Kirschenwasser und füllten an einem heißen Sommertage unversehends das ganze Brünnlein damit. Der wilde Mann schöpfte mit der hohlen Hand. Anfangs mißfiel ihm der Trank, bald jedoch behagte er ihm; er trank in vollen Zügen und sank bald von der Wirkung des berauschenden Wassers bezwungen machtlos zu Boden. Schnell sprangen die Bursche aus ihrem Verstecke hervor, banden ihn mit Weiden und Stricken und trugen ihn ins Dorf in eine festverschlossene Kammer, aus der er um Mitternacht ausbrach, um sich nie wieder sehen zu lassen. Mit ihm war der Wolstand des Dorfes dahin.2 In der Ueberliefernng von Klausen ist es wiederum ein Brunnentrog, den man dem riesigen, mit zottigen Haaren überwachsenen Wildmann mit Branntwein füllt. Die Sage von Afing erzählt, daß der Wilde auf einen ausgerissenen Baum gestützt Tags oder in stiller Nacht die Holzfäller im Hauserwalde störte und ihnen das Wasser aus dem Troge des Schleifrads austrank. Um ihm dies zu verleiden, füllten sie den Trog mit Branntwein, und als er berauscht war, hieben sie ihm den Kopf ab.3

Was den Namen des Fanggen, Fänken oder Fenggen betrifft, so hat ein Kenner der deutschen und romanischen Volksdialekte

des Alpengebiets Chr.  Schneller die Vermutung ausgesprochen.1 daß er aus der Mundart der benachbarten ladinischen Gemeinden entlehnt und zwar aus dem Feminin zu Salvang d. i. Sylvanus abgekürzt sei, mit welchem Worte man dort den wilden Mann zu bezeichnen pflegt. Dieser Meinung stehen zwar einige, doch wie ich glaube, nicht durchschlagende sachliche Gründe entgegen; nicht allzu sehr ins Gewicht fallen dürfte, daß bei den Ladinern das Ferm. Salvangga bereits ansgestorben und dafür eine andere Bezeichnung der wilden Weiber aufgekommen ist. Dagegen müßte der Uebergang von v in f für jene. Dialecte erst nachgewiesen sein, ehe wir uns entschließen können Schnellers Erklärung beizutreten.

§ 7. Wildleute in Tirol: Selige Fräulein.

Ganz verschieden von den Wildfanggen scheinen auf den ersten Blick, aber auch nur auf den ersten Blick diejenigen Wesen zu sein, welche in Deutschtirol, namentlich im Vintschgau und Oberinnthal, unter dem Namen Selige oder Salige Fräulein, Salgfräulein, Salinger, sonst auch als wilde Frauen oder wilde Fräulein, in Wälschtirol als Enguane oder Belle (resp. Delle) Vivane bekannt sind, obwol auch in ihnen nach einem Worte Weinholds, 2 der die Seligen als die lieblichsten Schöpfungen unserer Mythologie characterisiert, Wald- und Bergfrauen3 nicht verkannt werden können, milde, schöne Geister des Waldes und Gebirges, die über und unter der Erde segnend wirken, den Menschen hilfreich, die Tiere schützend. In der Tat haben sie fast alle Züge mit den Moosleuten und Buschfrauen Mitteldeutschlands gemein, noch mehr stimmen sie zu den wilden Frauen in Oberbaiern und im Salzburgischen, welche wir als die Vertreterinnen der geographischen wie sachlichen Mittelglieder zu den Salgfräulein an dieser Stelle beiläufig iu die Betrachtung mit hineinziehen werden, aber das Kolorit der Sage von den Seligen und die Scenerie, in der sie auf treten, ist verändert und ihr Wesen verklärt und vergeistig!. In einzelnen Fällen z. B. im Pusterthale ist jedoch ihre Gestalt noch nicht von diesem so zu sagen ätherischen Hauche

umwohnen.1 Irre ich nicht, so spiegelt sich in ihrer Eigentümlichkeit getreu die Empfindung, welche hoch oben in der klaren, freien und reinen Bergluft zwischen den Gletscherfirnen die Seele des Landeseinwohners ergriff, der mit dieser Empfindung das anererbte Material der Wildeleutsage durchströmte und so aus den Tiefen seines vorstehenden und fühlenden Geistes dämonische Personificationen zugleich der Vegetation und der sonstigen Natur auf den höchsten Höhen der Alpenwelt hervorgehen ließ. Sehr deutlich läßt der Vergleich der Sage von hessischen und bairisch-salzburgischen Wildfrauen gewahren, wie groß der Einfluß gewesen ist, den die Natur des Landes auf die Umgestaltung der Sage von den seligen Fräulein ausgeübt hat. Diese wohnen in den innersten Tälern und Berggegenden; 2 ihre Behausung sind schimmernde Eis- und Krystallgrotten,3 die sich im Schoße der Berge zu prachtvollen Räumen erweitern und oftmals talwärts von einem verborgenen Paradiese beblümter Hügel und grüner Wiesen umgeben sein sollen. Hier liegen sie als ihr Hausgetier die Gemsen, schützen dieselben vor den Jägern und bestrafen deren Verfolgung. Hat ein Gemsjäger eines der Tiere getödtet, so jammern sie, daß er ihre Kuh erschossen habe, Züge welche übrigens ebensowol auch an den Fanggen und anderen Wildfrauen haften.4 Nach den Seligen, die darauf hausen, ist ein Ferner im Sulzanerstock (zwischen den hintersten Alpen des Stubeitals) Fräulekopf genannt und die Fräulein selbst werden dort häufig auch als Schneefräulein bezeichnet, weil sie nicht allein die Alpweiden segnen und den Hirten gutes tun, sondern auch den letzteren Winke zum frühen Abfahren geben, wenn große Schneewetter einzufallen drohen.5 Oft sieht man

hoch oben an den höchsten Gipfeln Wäsche, schneeweiße Gewänder oder Kindstüchel wie weiße Wölkchen schweben, oder an den Sonnenstrahlen, die sich durch dichtes Waldlaub oder Felsklausen stehlen, zum Trocknen aufgehängt. Wenn die Wäsche an den Felswänden sichtbar wird, giebt es schönes Wetter, deutlich also sind es Nebel oder lichte Wölkchen, worin man die Gewebe der Seligen zu erkennen meinte.1 Blondlockig, blauäugig, in blendendes Weiß oder Silberzindel gekleidet, wie der Schnee, der die Berggipfel deckt und das Eis der Gletscher, und von Gestalt himmlisch schön, sitzen diese da oben und lassen einen wunderlieblichen Gesang ins Tal hinabschallen, der manchem guten Burschen das Herz mit unnennbarer Sehnsucht dehnt, wie hoch oben auf sonniger schneebeglänzter Höhe, wo man mit sich und Gott allein ist, das Gefühl der Unendlichkeit die Brust weitet. Nur sittlich reine Menschen dürfen den Fräulein nahen. Da mehrere Berichterstatter z. B. Hammerle und Alpenburg, wie es scheint, durch sentimentale Auffassung verleitet wurden, diese Sagen mehr zu idealisieren, als sie es in Wirklichkeit sind, so wollen wir zur Kennzeichnung derselben dem objektiv berichtenden Zingerle eine der vielen Geschichten nacherzählen, welche im Volksmunde von den Saligen in Umlauf gehen.

Bei Graun im Obervintschgau steht ein Mittelgebirg, die „Salge“, hier sollen vor alten Zeiten die „Salgfräulein“ gehaust haben. Sie wohnten unter diesen Steinblöcken in weiten prachtvollen Räumen und waren den Menschen hold und freundlich. Oft saßen sie abends weiß gekleidet auf einem großen Stein unter dem alten Lärchbaum und sangen Lieder. Eines Abends ging ein Hirt vorüber, der von dem schönen Gesänge so bezaubert wurde, daß er stille stand, sich auf einen Stein setzte und bis tief in die Nacht hinein den Salgfräulein zuhörte. Erst als diese mit untergehendem Monde verschwanden, gedachte er seiner Heerde und seines jungen Weibes und ging heim. Seitdem aber war er einsilbig und schwermütig und, ohne seinem

Weibe etwas davon zu sagen, ging er nun oft auf die Salg, um dem Gesange zu lauschen. Endlich wurden die schönen Fräulein mit ihm vertrauter und führten ihn in ihre Grotten, wo ganze Reihen von Gemsen an Krippen standen. Sein Weib bemerkte, daß er öfter des Nachts, sich entfernte und ausblieb. Um zu erfahren, wohin er gehe, befestigte sie einst heimlich an einem seiner Wammsknöpfe einen Garnfaden, behielt aber den daran hangenden Knäuel zurück. Dem leitenden Faden folgend erreichte sie die Höhle der Saligen, in deren Mitte sie ihren Mann vorfand. Da fing sie an zu weinen und zu klagen und verwünschte den Tag ihrer Hochzeit und die Salgfräulein, die sofort unter den Steinen verschwanden, um nicht wieder gesehen zu werden.1

Von den Waldfräulein in Falkwand bei Stuls und noch ausführlicher von den wilden Weibern im Untersberge hei Salzburg wird dieselbe Geschichte etwas abweichend erzählt. Eine der wilden Frauen, welche oftmals aus dem Untersberge gegen das Dorf Anif herabkam und sich auf dem Felde in die Erde Löcher und Liegerstatt machte, hatte so schöne lange Haare, daß sie ihr bis auf die Fußsohlen herabfielen. Ein Bauer verliebte sich hauptsächlich um dieses Umstandes willen in sie und legte sich in Einfalt zu ihr in ihre Lagerstätte, ohne etwas Ungebührliches zu tun. Am zweiten Abend fragte sie ihn, ob er eine Frau habe. Er leugnete, aber am dritten Abend ging seine Frau ihm nach, fand ihn und rief, die Wildfrau erblickend:

„O behüte Gott deine schönen Haare! Was tut ihr da mit einander?“

Da verwies die wilde Frau dem Bauer seine Lüge, schenkte ihr einen Schuh voll Geld uud ermahnte ihn seinem Weibe treu zu bleiben. 2

In der norddeutschen Ebene knüpft sich die noch rohe Erzählung an solche Zwerge (Schanhollen u. s. w.), welche nur mit localer Aenderung entschieden den Waldleuten der oberdeutschen Sage entsprechen. Hier schläft der Bauer im Arme der Zwergin, deren langes Haar bis auf die Erde hinabhängt. Behutsam hebt seine mit Hilfe des Garnknäuels nachgekommene Gattin es auf und legt es zur schönen Eigentümerin aufs Bett.3

Die Deutung dieser Erzählung würde an diesem Orte zu Erörterungen führen, welche von unserm gegenwärtigen Zwecke seitab liegen; wir entnehmen aus ihr nur ein Zeugniß von der Uebereinstimmung der Salgfräuleinsage mit derjenigen von den wilden Frauen resp. Waldweibern. Wie die Holzfräulein (o. S. 76) nie endende Garnknäuel spenden, schenkt die wilde Frau in der Felshöhle bei Widrechthausen ein solches dem Widrechthäuser Bauer, als ihn dessen Frau bei ihr schlafend gefunden und zum Zeugniß, daß er ihr eine Haarlocke abgeschnitten hatte.1 Auch die selige Jungfrau aus der Lecklahne begabt zum Abschied mit solchem wunderbaren Zwirnknäuel, als sie aus dem Dienste eines Bauern plötzlich scheidet, weil man ihren Namen erfahren.2 Auch ein Brodlaib der, so lange mau davon kein Redens macht, nicht ein Ende nimmt, wird als ihr Geschenk erwähnt.3 Gleich den Holzfräulein, Fanggentöchtern u. s. w. sind sie, ohne Lohn und Gabe zu nehmen und ohne Namen und Herkunft zu verraten, hilfreich in der Bauernwirtschaft und, wo sie weilen und schaffen, stellt sich Segen und Ueberfluß ein. Alles gedeiht, aber sie verschwinden und mit ihnen Gedeihen und Reichtum, sobald man in ihrer Gegenwart flucht (vgl. ob. S. 81), nach ihnen schlägt, ihnen Speise vorsetzt oder ihren Namen nennt; oder sie werden durch Ansage eines Todesfalls unter den Ihrigen (s. ob. S. 90) abberufen.4 Im Stalle sammeln sie die verschüttete Milch und trinken dafür wol — andere Nahrung verschmähen sie — aus der Milchbutte, in der dann aber die Milch nicht ab, sondern zunimmt.5 Fast in jedem Hause wohnte ehedem ein solches geisterhaftes Wesen.6 Sie bewähren sich somit vollkommen als gute Hausgeister. Zuweilen gehen sie auch mit irdischen Männern eine Ehe ein und gebären Kinder, verschwinden aber, wenn das Gekeimniß ihres Namens oder ihrer Herkunft verletzt wird. Dann kehren sie jedoch noch immer

an gewissen Tagen zurück, um ihre Kinder zu waschen, zu kämmen und zu kleiden.1

Mau erinnere sich, daß wir auch diesem Zuge bereits bei der Bidschower Sage von der Nymphe eines Weidenbaumes begegnet sind (ob. S. 69); er wird sonst auch von Nachtmahren 2 und von den Seelen verstorbener Mütter erzählt, welche noch über das Grab hinaus ihre Liebe bewähren.3 Seelen Abgeschiedener und Pflanzengeister sahen wir ja schon mehrfach in einander übergehen (S. 40.44). Auch noch ein weiterer Zug, daß die Saligen zuweilen vom Berge niedersteigend in den Spinnstuben sich sehen lassen, und wundersam spinnen, sowie Spinnen und Weben lehren,4 wird anderswo unmittelbar von Baumgeistern berichtet.5  Noch eine weitere Aussage gemahnt unmittelbar an die (ob. S. 36) entwickelten Baumsagen, nach welchen vermöge der Sympathie zwischen Pflanze und Mensch jeder Hieb, der die Baumnymphe trifft, ebenso tief als ins Holz in Fleisch und Bein des Frevlers eindringen soll. Wenn das Heu gemäht wurde, gesellten sich die Fräulein gerne den Menschen zu und halfen bei der Arbeit. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein über die Sense strich, so kam bei diesem schrillen, weithin hallenden Tone jedesmal ein Salgfräulein in die Wiese herunter und zerstreute

die Mahden. Ein Bauer, dem dies auch geschah, verguckte sich in das unbekannte Mädchen. Als im Herbste die Heuernte zu Ende ging und die Selige das letzte Fuder faßte, machte der ungeschickte Liebhaber ein Schlof in das Bindseil und band das Mädchen am Fuße fest. Das Fräulein, in dem Bestreben sich loszumachen, brach das zarte Bein und verschwand weinend. Anderen Tages brach das Bäuerlein auch ein Bein und blieb lebenslänglich lahm .Sein Geschlecht muß es noch bis heute büßen, denn allemal je ein Glied der Familie muß lahm gehen.1 Endlich teilt die Ueberlieferung von den Salgfräulein mit derjenigen von den Busch- und Holzweibchen auch noch den Characterzug, daß sie von dem wilden Jäger gejagt werden, der hier aber der wilde Mann heißt und ganz wie die uns schon bekannten wilden Männer in Hessen und in Graubünden (die Fankenmänner) beschrieben wird. Er ist ein gewaltiger Mann, von weitem gleicht er einer Fichte, die ganz mit Moos (Baumbart) überkleidet ist. Wenn er auf dem Wege eines Stockes benötigt, so reißt er grade einen Baumstamm aus und der Wurzelstock dient als Staggel unten dran. Bei schönem Wetter trägt er einen Mantel, um bei schlechtem — wie er sagt — tun zu können, was er wolle. 2 Wer ihm, wenn er wie die Windsbraut daherstürmt, zuruft: „Halt und fach (fange)! mir die Halba und dir die Halba!“ oder „Jag toll! und bring mer moarga o a Viartl davon!“ oder „Wilder Mann hual, nimm dein Tual!“, dem braust bald der Wind mit fürchterlichem Toben um seine Hütte, er vernimmt ein herzzerreißendes Wehgeheul in den Lüften und die erbetene Hälfte eines seligen Fräuleins hängt

ihm am Türpfosten. Nur wenn sie sich auf einen im Fallen des Stammes schnell durch 12 Axtschläge mit drei Kreuzen bezeichueten Baumstrunk setzen können, finden die Seligen vor dem wilden Manne Schutz, alles dieses den thüringischen und fränkischen Waldweibchen entsprechend. Im Vintschgau giebt es noch manchen Holzknecht, der nicht versäumt, derartige Kreuze einzuhacken.1 Beziehen sich diese Mythen deutlich auf Baumgenien, so weisen andere auf einen Zusammenhang mit der niederen Pflanzenwelt der Hochalpentäler hin. Unter den Saligen begegnen jene von Fanggen und Fänken uns bekannten Namen Stutzamutza u. s. w., in der Hinterdux jedoch nennt man die im Innern des Duxer Ferners hausenden Fräulein „Talgilgen,“ d. h. Maiblumen (Lilien des Tales). Sollte das nur ihre frühlingsfrische Schönheit ausdrückeu? Im Kanton Glarus heißt so ein Bergfräulein hei Schwanden Wídewíbli (Weidenweiblein), ein anderes bei Engi Pulsterewíbli (Huflattichweiblein).2 Im Kanton St. Gallen ruft man den Kindern, um sie vom Pflücken der unreifen Haselnüsse abzuhalten, zu:

„’s Haselliussfräuli chumt.“

Das Letztere ist wol eine Personification engerer Art, als die vorhergehenden. Und wenn in Montavon eine Art Baldrian (Valeriana celtica) Wildfräulekrut heißt,3 so hängt das deutlich damit zusammen, daß die wilden Frauen auch als heilkundig gedacht wurden, wie die Harzer Moosweiblein und oberpfälzischen Holzfräulein (S. 81. 97). Schon ein altes Zeugniß dafür besitzen wir im Gudrunepos (Str. 529); Wate hat von einem „wilden wíbe“ die Heilkunst gelernt und heilt mit guten Wurzeln die Wunden auf dem Schlachtfelde.4 Auch im Ecken liet gräbt das von Fasolt gejagte „wilde vrouwelín“ eine Wurzel,

zerreibt sie in der Hand und bestreicht damit den wunden Dietrich von Beru und sein Roß, davon das Weh verschwand und alle Müdigkeit wich.1 Nach deu über die mitteldeutschen Holzfräulein gepflogenen Erörterungen darf jedoch das Folgende wol wieder auf eine unmittelbare Beziehung der Saligen zur Vegetation gedeutet werden. Wenn Alpenburg recht berichtet ist, so überwandeln die Seligen zur Zeit der Flachs blute unter Anführung ihrer Königin Hulda die Flachsfelder, richten geknickte Stengel auf und segnen Kraut und Blüten.2 Der Flachsbau, Spinnen und Weben ist der Gegenstand ihrer besonderen Fürsorge.3 Vorzüglich aber wenn der Flachs gejätet, das Gras der Wiese gemäht, das Korn des Feldes geschnitten wird, stellen die Seligen oder wilden Frauen sich ein, helfen heuen oder Aehren schneiden, oder eilen vom wilden Mann gejagt vorüber.4 Den Mähdern auf den Bergwiesen stehlen sie gerne die Küchlein und Krapfen vom Kohlenfeuer und wenn das Heu im Winter mit Schlitten von den Alpen geholt wird, hockt ihrer wol ein ganzes Dutzend hintenauf und fährt mit,5 auch ruhen sie gern in Heuschupfen.6 In Martell werden den Arbeitern auf den Bergwiesen immer die sogenannten „Mahdküchel“ mitgegeben, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Auch erscheint jeder Arbeiter beim Mahle in Feiertagskleidern, was wie das späte Mittagsessen sonst nicht gebräuchlich ist. Alles dies geschieht, wie die Leute sagen, „der Fräulein wegen.“7 Sowol die Mitarbeit bei der Ernte, als das Brod- oder Kuchenstehlen sind uns bereits wolbekannte Züge (ob. S. 75). Sollte das Schlafen im Heuschober

und das; unsichtbare Mitfahren mit dem von der Alpe heimgeführten Heu eine Erinnerung daran enthalten, daß die Fräulein als Vegetationsdämonen af das Gras mehr oder minder gebunden seien, oder liegt diesen Erzählungen ein rein menschliches Motiv zu Grunde? Zur Vervollständigung der Wildfräuleinmythen sei noch dieses angeführt, daß sie (resp. die Seligen) Wöchnerinnen, die nicht aufgesegnet sind, mit sich nehmen;1 daß sie Kinder rauben, die später (grüngekleidet) in ihrer Gesellschaft gesehen werden.2 Diese Eigenschaft teilen sie mit der mehr riesenhaften wilden Frau, der Fangg. Eine solche, die des wilden Mannes Gefährtin ist, heißt in Passeier Langtüttin, von ihren langen Brüsten, die sie den Kindern, ihnen nachlaufend, darbietet. Aus der einen fließt Milch, Eiter aus der anderen (vgl. ob. S. 88).3

§ 8. Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage.

Wir bemerkten (ob. S. 100), daß die wilden Frauen in baierischer Ueberlieferung noch eine rohere und ursprünglichere Gestalt bewahrten, als die Tiroler Salgfräulein. Ein in Baiern um 1221 verfaßtes Stück in spielmännischer Poesie, das zweite Lied im Wolfdietrich B. gewährt in der Episode von der rauhen Else die Verflechtung einer Wildfrauensage in einer dem Zeitgeschmack huldigenden Umdichtung, jedoch mit Bewahrung mancher noch sehr altertümlicher Züge, in das Epos. Wolfdietrich wacht auf einem grünen Anger im Walde beim Feuer, indeß seine Gefährten schlafen. Da kriecht auf allen Vieren, wie ein Bär, ein ungeschlachtes behaartes Waldweib, die rauhe Else herbei und fordert ihn auf, sie zu minnen. Da er sie entrüstet zurückweist, verzaubert sie ihn, so daß er in derselben Nacht zwölf Meilen läuft, bis er unter einem schönen Baume die rauhe Else abermals trifft. Sie wiederholt die Frage: „Wilt du mich minnen?“ er die Weigerung. Da wirft sie zornig einen stärkeren Zauber auf den Mann, so daß er schlaftrunken auf den grünen Rasen niedersinkt und sie ihm zwei Haarlocken vom Kopfe und die Nagelspitzen von den Fingern schneiden kann. Jetzt ist er ihr verfallen. Sie macht ihn zu einem Toren, so daß er ein

halbes Jahr ohne Besinnung im Walde „wild laufen“ muß und Kräuter von der Erde als Speise aufrafft. Endlich gebietet Gott dem Weibe durch einen Engel die Verzauberung rückgängig zu machen, widrigenfalls ihr der Donner in dreien Tagen das Leben nehmen werde (oder dir nimt der doure in drín tagen dínen lip). Alsbald stellt sie sich Wolfdietrichen wiederum dar und jetzt willigt er ein, sobald sie getauft sein werde. Sie führt ihn zu Schiffe über Meer in ein Land, drin sie als Königin schaltet (Troja), läßt sich da in einem Jungbrunnen taufen, legt in demselben ihre rauhe Haut ab und steigt mit dem neuen Namen Sigeminne aus demselben als die schönste aller Weiber hervor.1 Nach dem Dichter zog sie schon drei Jahre dem Helden nach, den sie zum Manne wollte, ihr neuer imperativisch gebildeter Name soll daher den Triumph der Liebe ansdrücken und ist nicht mit J. Grimm Myth.2. 405 mit waltminne (lamia) merminne (sirena) zusammenzustellen.

Unverkennbar sind die Spuren mehrerer Wandlungen, welche die Erzählung durchgemacht hat, ehe sie in die Hände des letzten Bearbeiters geriet. Königswürde, Königssitz in Troja, Bewerkstelligung des Zaubers durch ein äußeres Mittel (Ueberwerfen), Namengebung sowie eine spätere Entführung der Sigeminne durch einen Zwergkönig2 mögen Erfindungen des Dichters von Wolfdietrich B. sein, einer früheren Bearbeitung gehört das Bad im Jungbrunnen an, doch auch dies ist kein ursprünglicher Bestandteil der Sage, welche unzweifelhaft nur dies wußte, daß die anfangs in rauher, behaarter Gestalt auftretende Jungfrau dem Helden endlich in liebreizender Schönheit nahte, falls nicht dies den ursprünglichen Schluß der Erzählung bildete, daß Gott dem Waldweibe, in dessen Gewalt der Held geraten war, befahl denselben loszulassen. In der Drohung mit dem Donner bricht, wie J. Grimm (Namen des Donners 322 Kl. Schr. II, 425) mit Recht bemerkte, ein alter Sagenzug durch; der erste Urheber der Episode wußte noch, daß die Waldfrauen, deren eine seine Verse verherrlichten, dem Volksglauben nach gewöhnlich von dem Gewitter verfolgt

werden (vgl. den estnischen Baumelf ob. S. 68) wie die Seligen vom Stumriesen. Weicht schon dieser Zug von den bisher aufgeführten deutschen Sagenformen ab, so noch mehr, daß das Waldweib den Ritter irre laufen läßt (vgl. ob. S. 61 die Sage vom Apfelbaum bei Falsterbro) und daß dasselbe von seiner Seite die geschlechtliche Verbindung mit Menschen sucht. Die Vergleichung der schwedischen Skogsnufvar wird uns jedoch Zug für Zug gewiß machen, daß wir es in diesen aus der dichterischen Verarbeitung herausgeschälten Volksanschauungen mit eurer uralten in Deutschland seit Jahrhunderten verschollenen Form der Ueberlieferung zu tun haben.

§ 9. Wilde Leute: Norggen.

Wie in Graubünden und Vorarlberg die riesigen Fänkennänner in die zwerghaften Fenggen übergehen, kennt der Tiroler Volksglaube neben dem ungeheuren wilden Mann, der die Seligen verfolgt, ein harmloses „Wildmännl.“ Diese „wilden Männlein“ führen häufig den wälschen Namen der Norgen1 (Nörglein, Orgen, Orken, oder Lorgen d. i. ital il orco, franz. ogre, Ferm. it. orca fr. ogresse aus lat. Orcus, in orco, ein Name, der nach der Predigt des h. Eligius (Myth.1 XXX) schon im 7. Jahrhundert unter den Romanen des Frankenlandes ein Wesen des Volksglaubens bezeichnete und dem Begriffe nach, dem deutschen ,.Unnerérdschen“ Zwerg u. s. w. entsprechen wird. Es ist aber fast nur der Name von den Wälschen entlehnt, denn der Orco der Ladiner, ein tückischer Berggeist, der den Menschen schlimm mitspielt, und sich in alle Gestalten wandeln kann, wird in vielen und wesentlichen Stücken verschieden von dem Ork und Nörkele der Deutschtiroler geschildert.2 Letzterer ist halb Zwerg, halb Kobold und zeigt sich als solcher gern von der neckischen Seite. Die Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, welche im Fall an Bergen und Bäumen hangen blieben und noch jetzt in hohlen Bäumen und andern Löchern und Berghöhlen wohnen. 3 Sie hüten dem Bauer

auf der Alp oder im Stalle das Vieh, spielen den Mägden manchen Possen, gehen davon, sobald man sie mit nettem Gewände beschenkt, stehlen Kinder, hocken dem Wanderer auf und machen sich so furchtbar schwer, daß mancher der Last erlag, oder Krankheit davon trug. Ihre Töchter, die beim Bauer dienen, werden auf die schon bekannte Art durch Ansage, daß der Vater todt sei, heimberufen (vgl. ob. S. 90).1 Sie tragen sich gern in Grün, in Bergmoos2, grüne Jacke und grüne Hosen3 oder grüne Strümpfe gekleidet.4 Sie sind also, abgesehen davon, daß bei ihnen, etwa von ihrem ladinischen Namensvater dem Orco her, die schalkhafte Seite des Koboldcharacters mehr herausgebildet ist, den Fenggen Graubündens ganz gleich. Oft erwähnt von diesen wilden Manneln oder Nörgeln ist der folgende Zug, der übrigens auch von den Seligen berichtet wird.5 Bei herannahendem Regenwetter läßt sich das Nörgl jauchzend auf einer Anhöhe sehen und dient als Wetterprophet. Im Frühling oder Spätherbst, zur Zeit der Aussaat erscheint dem Bauer das befreundete wilde Männlein und bezeichnet ihm die Zeit, wann er das Feld bebauen solle. Entweder giebt es durch sein persönliches Erscheinen dieses Zeichen oder indem es einen Pflug, oder eine Egge auf den Acker stellt.6 Aelter wol und ursprünglicher ist die erstere Angabe.

In Navis erschien immer zur Zeit der Aussaat ein wildes Männlein und die Bauern konnten darauf rechnen, daß sie, sobald es sich zeigte, aussäen und eine gute Ernte hoffen durften. Auf den Voldererberg kam alle Frühjahr ein Mannl. Niemand wußte wie es hieß oder woher es kam; und doch stand es mit den Bauern auf bestem Fuß, gab ihnen manchen Rat und bestimmte genau die Tage, an denen sie diese oder jene Arbeit bestellen sollten. So lange der Bauer dem Winke des wilden Männleins

(Norgleins) folgt, erfreut er sich jedesmal einer reichen Ernte. Als er einstmals aber, da der Norg oder sein Zeichen lange ausbleibt, auf eigene Hand aussät, oder einlhimst, kommt hinterher noch ein Unwetter, das die ganze Ernte vernichtet. Der wilde Mann verschwindet für immer mit den Worten: „Hättet ihr mich viel gefragt, hätte ich euch viel gesagt.“1

§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol.

In Wälschtirol zumal um Folgareit sprechen die Deutschen vom wilden mon, Bilmon oder Bedelmon (wilden Mann), der in Höhlen wohnt als wilder Jäger zur Zeit des Heumähens jagt und, wenn man von ihm einen Jagdanteil verlangt, einen halben Menschenleib an die Haustüre wirft.2 Er lehrt Holzschläger die Kunst Käse zu machen, als man ihn einst, berauscht und so gefangen hat.3 Wäre er nicht zu frühe entkommen, so hätte er noch manche schöne Dinge gelehrt, besonders aus Milch Wachs zu machen. Das von ihm gejagte Weib heiratet einen Menschen, der sie rettet, verläßt denselben, weil er ihr mit der linken statt der rechten Hand den Schweiß getrocknet hat, kehrt aber zurück, um ihre Kinder zu waschen und zu kämmen (vgl. o. S. 104-),5 oder sie eilt davon, weil ihr Mann mit seinem Wagen durch den Wald fahrend plötzlich eine Stimme hört: „Sag der Mao, daß Mamao gestorben ist“.5 Die Frauen der wilden Männer, die wilden Weiber, heißen in Folgareit und Trambileno zuweilen Franberte, sie führen den Wanderer gerne in den Wäldern irre, indem sie plötzlich Stücke Leinwand durch den Wald spinnen und ihm den Weg sperren (Nebel). Dieser wilde Mann wird von den Ladinern in den nämlichen Tälern von Folgareit nnd Trambileno l’om salvadegh (= franz. l´omme sauvage aus salvage, lat. homo silvaticus) genannt. Die entsprechende weibliche Form läßt

sich bereits im 10. Jahrhundert aus des Burchard von Worms Decretensammlung p. 198 (Myth.1 XXXVIII.) erweisen:

Deutlich ist „agrestis femina“ Uebersetzung des deutschen Ausdrucks „wilde Frau“. (Vgl. weiter unten die Sagen von der schwedischen Skogsnufva und o. S. 108 die rauhe Else.) In Valsugana um Borgo heißt der Salvadegh Salvanel. Man erzählt hier von ihm ebenfalls, daß er mitten in Wäldern Höhlen bewohnt, den Hirten die Milch stiehlt und, als man ihn einst durch 2 mit Wein gefüllte Milchgefäße fängt und bindet, die Bereitung von Butter, Käse und Lab leimt. Er raubt kleine Kinder, besonders Mädchen. Wenn ein Baum absteht und auf einer Seite des Stammes an einer schon von der Fäulniß ergriffenen Stelle ein wässeriger Saft abfließt, so sagen im wälschen Etschlande die Bauern, er habe den Salvanel.1 Salvanel entspräche latein. Silvanellus, d. h. doppeltem Diminutiv von Silvanus. In Fassa Enneberg und der Gegend des Kreuzkofels führen die wilden Männer den Namen Salvangs (Sing. Salvang Plur. Salvegn) = lat. Silvani, Silvanii. Sie waren stark, haarig und hatten lange Nägel an den behaarten Fingern. Man fürchtete sich vor ihnen, weil sie gerne Kinder abtauschten. Deshalb trifft man noch jetzt an alten Häusern der dortigen Gegend nur kleine runde Fenster, die sich bequem mit einem Schubladen schließen lassen.2 Die wilden Weiber der Salvegn heißen in Fassa Bregostane, in Enneberg Gannes2 3 (über Fangga s. o. S. 99).

Noch wilder, den Fanggen Deutschtirols ähnlich, denkt sich das Volk um Mantua die gentc salvatica, Geister halb Mensch, halb Tier mit einem Schwänze hinten, welche Menschen mit sich in den Wald tragen und auffressen. Ein ins Saatfeld gesteckter Popanz aus alten Lumpen, von dem man den Kinder sagt, er

werde sie forttragen, wird ebendaselbst als Salbanello bezeichnet.1 Niemand wird sich hier dem Zugeständniß entziehen können, daß in allmählichen Uebergängen ein grader Weg von den Baumgenien und mitteldeutschen Waldleuten uns bis an den römischen Silvanus und Fannus herangeführt hat. Wir werden davon Act nehmen dürfen, um uns dieses Zugeständnisses an einem andern Ort zu erinnern, wenn wir vou ganz anderer Seite den nämlichen Endpunkt erreicht haben werden.

§ 11. Wilde Leute: Pilosus, Schrat, Schrätlein.

Fürs erste liegt uns jedoch die Pflicht ob, die Bedeutung noch eines andern sehr scheinbaren Zeugnisses für die Uebereinstimmung anderer Waldgeister mit den Panen und Satyrn auf ihren wahren Wert hinabzustimmen. Wir sahen, daß die Moosleute und wilden Männer als am ganzen Leibe behaart geschildert werden. Bei romanischen, deutschen und slawischen Schrifstellern des M. A., namentlich Glossatoren ist die Rede von geisterhaften Wesen „Pilosi, qui graece panitae, latine incubi appellantur“, von denen dann verschiedene den Hausgeistern, Kobolden und Zwergen zukommende Geschichten erzählt werden.2 Daraus darf aber keinesweges etwa ein Zeugniß entnommen werden, daß die Erzähler dieser Sagen die betreffenden Hausgeister u. s. w., denen sie den Namen Pilosi, satyri u. s. w. beilegen, als den Faunen oder Panen in Gestalt oder Verrichtungen genauer entsprechend bezeichnen wollen. Vielmehr drückt dieser Name für sie nur den allgemeinen Begriff  aus, im Anschluß an Jesaias 13, 21 in der Vulgataübersetzung. Letztere Stelle liegt allen den erwähnten Glossen zu Grunde oder schwebt den meist kirchlichen Schriftstellern vor. Deutlich aber läßt sich an einem einheimischen Namen, der zuweilen zur Verdeutschung von pilosus gebraucht wird, der schon oft beobachtete Uebergang vom Waldgeist in den Hüter und Schützer des Hauses aufs neue beobachten. Althochd. Glossen Myth.2 447 gewälmten scratun, pilosi; waltschrate satyrus3 auch mhd. begegnet „ein wilder walt-

schrat.“ Nach Kornmann mons Veneris 1644 p. 161 wurde der rötliche Saft, den die Schmetterlinge an die Bäume ansetzen, für das Blut der vom Teufel verfolgten und verwundeten Schretlein gehalten. Man glaubte, daß sie jene Blutspuren zurücklassen, wenn sie, um vor dem Bösen sich zu retten, in das Innere der Bäume hineinschlüpfen. Die Schrate oder Schretel, Schretlein u. s. w. stellten sich also unsern vom wilden Jäger gejagten Moosleuten und den estnischen vom Donner verfolgten Baumelfen (s. o. S. 68) nahe zur Seite. Zu bemerken ist aber, daß in Niederbaiern Schratl den Wirbelwind bezeichnet.1

Schon von alter Zeit her wird den Schraten gleichzeitig auch die Rolle von Hausgeistern und Kobolden zuerteilt Vgl. schretlin penates. Vocab. v. 1482 srate lares mali. Sumerl. 10, 66. Jedes Haus hat ein Schrezlein; wer es hegt, dem giebt es Gut und Ehre u. s. w. Michel Beham 8, 9; screti penates intimi et secretales. Wacehrad mater verbor. Namentlich ist der Skrat bei den Inselschweden und ebenso durch Entlehnung von diesen in der Form Krat bei den Esten ein Hausgeist oder Kobold, der auch mit dem fliegenden Drachen identifiziert wird, welcher seinem Besitzer Getreide und andere Dinge durch die Luft zuträgt.2 Ob in Ekkehards Waltharius die für den in langer Waldwanderung an Aussehen verwilderten Helden gebrauchte Vergleichung „saltibus assuetus Faunus“, „Silvanus Faunus“ jenes deutsche Waltschrate übersetzt, wie Grimm meint, mag dahin gestellt bleiben. Der Schrat wird gewöhnlich zwerghaft, in Kindesgröße gedacht; aber das Beispiel des Tiroler wilden Mannes lehrt, daß daneben sehr wol eine riesige Gestaltung desselben Wesens herlaufen konnte. Wir sahen die gente salvatica vorhin in Tiergestalt übergehen; schon früher begegnete uns ein dem Salgfräulein entsprechendes weibliches Wesen, eine Diale mit Ziegenfüßen (o. S. 95).

§ 12. Wildleute: Delle Vivane, Enguane.

Im Grödener Tale heißen die Seligen Belle Vivane, in Fassa Delle Vivane. Eine solche hockte jedesmal einem Bauer auf den Wagen, wenn er Holz von der Alpe nach Hause führte, und fuhr bis zu einer

1) Panzer, Beitr. II, 209.
2) Rußwurm, Eibofolke § 373 ff.

gewissen Brücke mit. Dem Rate einer klugen Alten folgend wußte der Bauer sie zu fangen und zu bestimmen, sein Weib zu werden. Sie willigte ein, wenn er sie nie Geiß nennen wolle. Als er dies nach Jahren in der Leidenschaft eines Wortwechsels dennoch tat, tanzte plötzlich alles im Zimmer, es entstand in dessen Mitte ein Staubwirbel und darin verschwand sie.1 Im Nonsberg und Valsugana in Wälsch-Tirol heißen die Seligen Angane (Enguane, Eguane); von ihnen werden die bekannten Wildfrauensagen erzählt, ihr Verfolger aber ist ein wilder Jäger Namens Beatrik, der zu Roß und mit vielen kleinen Hündchen, besonders zu Weihnachten daherstürmt. Wir nennen ihn hier besonders, um zu erwähnen, daß er einst einem Hirten befiehlt einen Bock von der Spitze eines Hügels zu holen, zu schlachten, zu kochen und dann mit zu essen. Nach dem Essen warf der Beatrik die abgezogene Haut des Bockes auf die wol aufgehobenen Beine, da war der Bock lebendig und ging zur Türe hinaus, aber er hinkte ein wenig, weil der Hirte ein Beinchen vom Fuße verschluckt hatte.2 Es ist dieselbe Mythe, welche in der jungem Edda vom Gewittergotte Thorr, in Oberdeutschland von der Wiederbelebung eines Hasen, einer Gemse, einer Kuh durch das wilde Heer (Nachtvolk), Zwerge, wilde Frauen oder Hexen, in den Niederlanden und England von Erneuerung eines Ochsen, Kalbes oder Schweines durch die wilde Jägerin Herodias oder durch Heilige berichtet wird.3

§ 13. Wilde Leute der keltischen Sage.

Haben wir einmal im Verfolg der verschiedenen Gestalten der Waldgeister die germanische Grenze nach der romanischen Seite hin überschritten, so sei gleich des wilden Mannes und des wilden Weibes in der Artussage gedacht, zweier Figuren, welche wahrscheinlich aus der keltischen Ueherlieferung der Bretagne ihren Ursprung ableiten. Es sind Riesen von grausiger Gestalt, ellenbreit ein Haupt, ebergleichen Stoßzähnen, roten Augen und über die Ohren hinabhangendem rußfarbenem Haare. Das Weib ist nicht minder schrecklich, als der Mann. Es zeichnen sie kaum die Länge ihres Haares und ihre weit herabhangenden Brüste aus [ir brüste nider hiengen, di siten si beviengen gelích zwein grózen taschen dá]. Der Mann trägt einen mächtigen Eisenkolben als Waffe. Sein Geschäft ist, in dem märchenhaften Walde von Breziliande als Hirte die wilden Tiere des Waldes, Wisende und Auerochsen zu weiden, die ihm bebend als ihrem Meister gehorchen.1

§ 14. Dames vertes.

Dem ersten Anscheine nach völlig von diesen keltischen Wildleuten verschieden weisen die weißen oder grünen Frauen der Franche-Comté (Dames bauches, Dames vertes) doch auch Verwandtschaft mit dem wilden Weihe in Deutschland auf. Grüne Frauen haben u. a. in einem Walde hei Relaus Dép. du Jura ihren Aufenthalt An einer gewissen Eiche (chéne des bras) zünden sie Feuer an, da hört man sie singen und schreien. Auf engem Waldpfade begegnen sie den Menschen und locken sie mit unwiderstehlichen Reizen in das tiefste und entlegenste Dickicht; da schwindet der Zauber; die holdseligen Liebhaberinnen wandeln sich in erbarmungslose

Furien, welche ihr Opfer eben so eifrig verfolgen, als sie es zuvor augezogen hatten. Die großen und schönen grünen Frauen in den Wäldern beim Dorfe Veyria sind so mutwillig, die Vorübergehenden beim Arme zu fassen und sie zu einem Hange über die Ortsgrenzen hinaus zu verleiten. Da verirren sie sich mit ihnen vom rechten Wege und dieselben kommen zum Verdruß der eifersüchtigen Mägdlein von Veyria erst spät wieder. Im Tale von Salins im Walde von Andelot bei Pont d’Hery befindet sich eine Grotte „ chambre de la dame verte“ genannt. Auf dem großen Wege unfern davon läßt sich die grüne Dame oft genug sehen. Einst traf sie ein fünfzigjähriger Mann aus Andelot, Cousin, der den Spitznamen Badaud (Einfaltspinsel) führte, wie sie grade ihr Strumpfband befestigte. Er bot ihr seine Dienste an; sie tat, als nehme sie sein Anerbieten an und schlug ihm einen kleinen Spaziergang in den Schonungen und Wäldern vor. Da er hoffnungsvoll und eifrig darauf einging, nahm sie seinen Am, drückte ihn fest an sich und schleppte ihn dann atemlos durch Dorn und Hecken, Brücker und Sümpfe, wobei sie sich anstellte, als merke sie nichts. Als der Unglückliche endlich um Gnade bat, war sie so gefällig ihn über beackertes Land, oder spitze Felsen laufen zu lassen. Er hatte ein Bündel auf dem Markte gekauften Flachses bei sich. „Laß uns deinen Flachs spinnen,sagte sie, „Badaud, laß uns deinen Flachs spinnen!“ Und allenthalben wurde hier etwas Flachs von den Dornen gekämmt, blieb dort etwas an den Baumästen hängen. „Laß uns deinen Flachs spinnen!“ wiederholte sie und von seinem Bündel blieb auch kein Faden übrig.

In der Umgegend von Salins erscheint die grüne Frau oft den Einwohnern von Aresches und Thésy, auch sieht man sie am Quell von Alon. Einem jungen Vorwitzigen Petit Poulot, der sie um den schlanken Leib faßte, um mit ihr zu schachern, gab sie eine derbe Lection, die ihn für längere Zeit zum Gespötte seiner Bekannten machte. Die über die Combe-á-la Dame unweit Clémont vom Jahrmarkt von St. Hippolyte zurückkehrenden Bursche finden sich plötzlich im wilden Waldesdickicht umringt von einer Schaar junger neckischer und niedlicher Damen (aussiespiégles que jolies); an ihrer Spitze, die andern um eines Hauptes Länge überragend die grüne Frau. Sie trieben mit den Burschen ihr Spiel, allerlei Koboldstreiche, führten sie vom Wege ab uud brachen endlich in helles Gelächter aus, welches als vielfaches Echo spöttisch wiederhallte. Zwischen Neufchátel und Rémondan heißt ein Berg ,,la róche de la Dame Verte“.

Da verbirgt sich die grüne Frau, wenn es regnet, in engem Versteck hinter Buchen und einem dichten Vorhang biegsamer Schlingpflanzen. Auch auf einer Wiese an den Ufern der Braine zwischen Seilliéres und Vers wird eine grüne Dame sichtbar, die sich auf Kosten der jungen Leute in diesen Orten lustig zu machen liebt. In den sieben Quellen inmitten eines sehr einsamen Tales bei Greye sieht man die grünen Frauen fröhlich ihre Wäsche waschen. Am liebsten läßt sich die grüne Dame in Gebüschen am Rande der Wiesen, am Abhange gegen einen Weiher und am Ufer der Quellen sehen und gerne stößt sie den Gast, den sie an sich gelockt hat, ins Wasser. Dr. Gaspard aus Gigny (Dép. du Jura) weiß noch sehr wol aus seiner Jugend des folgenden Umstandes sich zu erinnern. Wenn man in der weiten Prairie das Gras mähte, so behaupteten die Arbeiterinnen, welche das Heu streuten und umwendeten, fast regelmäßig die „Dame verte“ ganz in ihrer Nähe haben vorübergehen zu sehen. Dies geschah zumal auf der sogenannten Rosenwiese und in der Nähe der „Grotten“, wo sie und ihre Gefährtinnen sich vereinigen sollen. Schwankten die Kräuter und Halme (epis) im Winde, so sagte man, die grüne Dame und ihre Gefährtinnen seien da, die mit ihren leichten Füßen darüber hinwandelnd Blumen und Aehren niederbögen. Und bei aller Tücke in ihrem Wesen leisten doch auch sie dem nahen Dorfe gewissermaßen den Beistand eines guten Hausgeistes. Zu Maisires im Tale von Loue (Dép. du Doubs) erschien die grüne Frau am Vorabende eines das Dörfchen verheerenden Brandes durch die Kornfelder und Baumgärten wandelnd; doch niemand beachtete ihre stumme Mahnung.1 Vgl. o. S. 108 die rauhe Else, die feminae agrestes silvaticae o. S. 113, und weiter unten die schwedischen Skogsnufvar. Hinsichtlich der Wäsche vgl. S. 101.112. Am bemerkenswertesten jedoch ist der Umstand,

daß dieselben Frauen, welche das Leben des Waldes erfüllen, auch im Winde durch oder über die Grashalme der Wiese, die Kornhalme des Ackerfeldes (und die Wipfel der Obstbäume) wandeln. Vgl. ob. S. 77 die Holzfräulein. Die Promenade durch Dom und Hecken erinnert sehr an die Stumnatur anderer Waldgeister. Das Flachsspinnen gleicht dem Garnspinnen der Holzfrau o. S.

§ 15. Wildfrauen in Steiermark.

Von der Abschweifung ins romanische Ausland kehren wir auf deutschen Boden zurück. In Steiermark hetzt eine ganze Genossenschaft von wilden Jägern (das wilde Gjaid) in einem halb pflüg-, halb schiffartigen Schlitten fahrend und von den gleich Rossen vom Schmied beschlagenen Geistern böser Dienstmägde 1 gezogen die Wildfrauen. Diese sind verwunschene Menschen, welche von der Rückseite hohl, oder muldenartig gestaltet sein sollen. Sie wohnen in einem bewaldeten Kogel (Berggipfel) und waschen in kleinen Lachen ihre Wäsche rein und weiß, die man sie zum Trocknen aufhängen sieht.2 Das Verständnis dieser seltsamen Beschreibung der Wildfrauen liefert vielleicht eine Schilderung der Frau Holle in hessischen Hexenacten; die an der Spitze des wilden Heeres daherfahrende „Frau Holt were von vorn her wie ein fein weibsmensch, aber hinden her wie ein hohler Baum von rohen Rinden“. 3 Sind die Wildfrauen Waldgenien, so liegt es doch wol am nächsten, daran zu denken, daß (wie bei der Melusine das menschengestaltete Oberteil ihr geistiges Wesen, der fischfömige Unterleib ihre Zugehörigkeit zum feuchten Elemente ausspricht) der hohle Rücken, einem vom Alter morsch

gewordenen Baume entlehnt, ihr Naturelement andeuten sollte.1 Wollte man jedoch dieser Deutung Raum geben, so müßte erst erwiesen sein, daß der hohle Rücken ein ursprüngliches Zubehör der Wildfrauengestalt und nicht etwa ein aus der Beschreibung anderer Geister hergenommenes Merkmal gewesen sei. An dieser Stelle kommt es nur erst darauf an, dem Leser ein Material über Waldgenien vorzuführen, welches ihn später befähigt über die Natur derselben ein begründetes Urteil herauszubilden.

§ 16. St. Walpurgis.

In den meisten dieser oberdeutschen Ueberlieferungen tritt die Beziehung der gejagten Frauen zur Korn- oder Heuernte, welche wir bei den Holzfräulein und den Seligen beobachteten (ob. S. 77), ganz zurück. In einer niederösterreichischen Tradition aus der Gegend von Mank kommt dieselbe wieder zum Vorschein. Die neun Tage vor dem 1. Mai heißen Walpurgisnächte und auch andere Tage, besonders die Erntetage, sind der h. Walpurga gewidmet In diesen Zeiten wird die heilige Walpurga, ein weißes Weib mit feurigen Schuhen und goldener Krone, in der Hand einen Spiegel und eine Spindel tragend, von bösen Geistern auf weißen Rossen durch die tiefen Wiesen und Wälder unaufhörlich verfolgt. Vor ihnen flüchtet sie sich gerne in die geöffneten Fenster eines Bauerhauses und verbirgt sich hinter dem Fensterkreuz. Einem Bauer, der bei Nacht sein Getreide heimführte, begegnete die h. Walpurga auf ihrer Flucht und bat ihn um Schutz. Er band sie in eine Garbe ein, bis die wilden Verfolger vorübergetost waren. Beim Ansdreschen ergab diese Garbe Goldkörner.1

Rochholz ( Drei Gangöttinnen, Leipzig 1870) hat vergeblich versucht nachzuweisen, daß Wälpurgis eine altgermanische Göttin war, aus deren Sagenkreis u. a. die vorstehende Ueberlieferung als Rest geblieben. Aus Tatsachen, die wir im Laufe unserer Darlegung mitzuteilen, auch für die Erklärung der vorliegenden Sage nutzbar zu machen gedenken, wird vielmehr hervorgehen, daß der Name Walpurga nur von dem Kalendernamen der Zeit hergenommeu ist, in welche der Volksglaube die Jagd auf das geisterhafte mit dem Holzfräulein, Seligen u. s. w. im übrigen identische Weib verlegte.

§ 17. Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen.

Im norddeutschen Flachland und Dänemark, soviel ich weiß auch in England, treten die Waldgenien als solche sehr zurück. Zwar fehlt es nicht an Seitenstücken zu vielen der von den Holzleuten und wilden Leuten erzählten Sagen, aber in diesen werden an Stelle jener Wesen die sogenannten Unterirdischen, oder weißen Weiber oder Meerfrauen (Haffruer) handelnd oder leidend angeführt, oder es ist ein einzelnes weißes Weib (Frau, Jungfrau, Wetterhexe, Haffru, Ellepige) der Gegenstand der Verfolgung von Seiten des wilden Jägers (Wode, Frau Wauer, in Dänemark Un, d. i. Zusammenziehung aus Oden, Grönjette, Kong Valdemar) und es wird wol hinzugesetzt, daß es seine Buhle1 sei, die er sieben Jahre lang verfolgt habe und wenn er sie heute nicht erreiche, so sei sie erlöst.2 Dabei kehren mehrere

uns bereits bekannte charakteristische Züge wieder. Die gejagten Wesen haben lange fliegende (einmal wird auch gesagt gelbe) Haare.1 Der Wilde hängt, sie, wenn er sie erlegt, mit denselben zusammengeknüpft quer über sein Roß. Auch die Brüste des verfolgten Weibes werden als lang und groß hervorgehoben, wovon sie auch Slatte Langpatte heißt.2

Als characteristische Züge, die vielleicht von Bedeutung sind, dürfen vielleicht noch die folgenden hervorgehoben werden. Die verfolgte Frau muß wie auch der wilde Jäger einen Kreuzweg passieren, der ihre Fahrt unterbricht; im Laufe auf der Flucht wird sie kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur auf den Knien läuft.3

Was auch immer die Bedeutung der Sage von der Jagd des wilden Jägers auf die einzelne Frau, oder eine Schaar elbischer Wesen sei [beide Formen der Tradition sind im Grunde nicht verschieden 4], jedenfalls ist die Verwandlung der Ver-

folgten in Meerfrauen ein durch die geographische Lage der dänischen Inseln veranlaßtes Mißverständnis und ebenso scheinen unter den Unnerérdschen und weißen Weihern (witte wíwer) hier Dämonen gedacht zu sein, welche vor andern Geistern gleichen Namens durch noch deutlich erkennbare Beziehungen zur Pflanzenwelt sich hervortun. Sie wohnen zwar meistens auf freiem Felde unter Büschen oder in der Erde, oder in kleinen Erdkugeln (dem flachländischen Gegenstück der Tyroler Berghöhlen) und wären danach wol als Feldgeister zu bezeichnen, aber zuweilen hausen sie auch in Waldlichtungen, oder unter den Wurzeln alter Bäume. Und wenn man, was doch wol sehr wahrscheinlich ist, die witte Wíwer in Mecklenburg von den witte Wíwer auf dem benachbarten Rügen nicht trennen darf, so bietet die folgende Sage einen directen Belag dafür, daß sie teilweise mit den Baumseelen zusammenfallen. Bei Mönchgut stand eine Eiche. Als die witten Wíwer von dort vertrieben wurden, vertrocknete die Eiche und sie sagten, wenn die Eiche wieder ausschlüge, würden auch sie wieder kommen. Zeitsehr. f. d. Myth. II, 145. Da es ferner nicht ungewöhnlich ist, das Laub der Bäume als Haar aufzufasseu (ob. S. 76), so liegt es nahe mit Müllenhoff (a. a. 0. und Torr. XLVI; XLVII) die langen (gelben) Haare der verfolgten Wesen auf ein charaeteristisches Zubehör von Moosleuten oder Waldfrauen, mit andern Worten auf das gelb gewordene durch den Sturmriesen im Herbste von den Bäumen gejagte Blättergrün zu deuten. Hierauf würde auch der Name des Verfolgers binweisen, wenn man den Grönjätte auf Möen als Riesen d. h. entweder den riesigen Dämon oder den Vernichter, Verfolger des Grüns fassen dürfte.1 Das einzelne gejagte Weib

wäre dann wol als eine Personification der ganzen Vegetation zu verstehen, deren üppige Nahrungskraft und Zeugungsfülle durch die ungeheure (von der jüngeren Volkssage schließlich ins Unschöne übertriebene), Entwickelung ihrer Brüste angedeutet wird. Im Herbste wird sie von Tag zu Tage kleiner und kleiner. Sie war des sommerlichen Gottes Buhle; jetzt entzieht sie sich ihm, vor ihm fliehend, während der sieben Wintermonate (der 7 Jahre der Sage); als Kreuzweg muß die Jahreswende (Mittwinter, Wintersolstiz resp. Neujahr) überschritten werden.1 Wir kommen auf diese Deutung weiterhin noch einmal zurück.

Zuweilen wird die vom wilden Jäger in Dänemark gejagte Frau gradezu als Ellepige (Elfenmaid) oder Ellefru bezeichnet.2 Die Elfen (Ellefolket) wohnen im Erlenbruch, der Mann erscheint als alter Kerl mit breitem Hut; bläst er Menschen an oder gerät ein Tier auf die Stelle, wo er mit den Seinigen weilte, so fallen sie in Siechtum. Die Weiber tanzen bei Mondschein ihren Reigen im grünen Grase, von vorne jung und verführerisch schön, sind sie hinten hohl wie ein Backtrog.3 Der letzte Zug kehrt aber auch in dänischen Sagen wieder, welche Waldfrauen in einer ganz ähnlichen Weise schildern, wie die weiterhin zu besprechenden schwedischen Skogsnufvar. Eines Tages ging ein Kind mit seiner Mutter zu Walde, da sah es ein großes Weib, das rauchte Taback. Was ist das für eine ? fragte der Junge. Laß du sie nur gehen, sagte, die Mutter; da wandte sich das Weib und zeigte einen hohlen Rücken.4 Wol nur irrtümlich ist in der folgenden Sage, die sonst genau den Skogsnufvarsagen entspricht, am Schlüsse auch ein männlicher Elf eingeführt. Auf der Insel Möen ging Margarete Per Mikaels als kleines Mädchen einmal durch den Buchenwald bei Stevns, da begegnete ihr ein großes Weib mit schwarzer Haube und langen Fingern, die wurde größer und größer. Margarete lief vor ihr, spürte aber bald

ihre langen Finger auf der Schulter, das Laub wirbelte in den Baumwipfeln, und das Kind fiel um und blieb liegen, bis das unheimliche Wesen sich bei Sonnenuntergang in eine schwarze Kuh verwandelte. Margarete war von da an drei Jahre verstörten Geistes. Einst als die Kirschbäume, blühten, pflückte Margarete alle Blüten ab und lag dann 9 Tage zu Bette, in der neunten Nacht erschien ein Männchen, das war ein Els und wollte das Kind mit sich fortnehmen; da sie aber fest schlief, vermochte er ihr nichts anznhaben. Ein Els ist ein Wesen mit hohlem Rücken, das hat Macht über solche, bei deren Taufe es nicht ganz richtig zugegangen.1 Margarete blieb immer verstört; im Walde empfand sie stets einen unwiderstehlichen Zug zu der Stelle, wo jenes Weib ihr begegnet war. 2

§ 18. Die schwedischen Waldgeister.

Wie die dänische Inselnatur der überlieferten Sage durch Verwandlung der gejagten Frau in eine Meerfrau ihren Stempel aufdrückte, so auch die starre Gebirgsformation Skandinaviens. Um die Waldgeister Schwedens wahrhaft zu verstehen, muß man nach eigener Erfahrung den Eindruck sich zum Bewußtsein gebracht haben, den die unermeßliche Wildniß des schwedischen Urwaldes auf Gemüt und Phantasie ausübt; man muß den dunkeln, oft grausigen Skog kennen, dieses meilenweit ununterbrochene chaotische Gemisch von Laub- und Nadelholz (meist Fichten, Kiefern, Birken und Erlen) von Felstrümmern und umgestürzten Baumstämmen und einem Stein und Stock pilzartig überwuchernden Teppich von Moos und niederem Pflanzengestrüpp. Da hat man nach wenigen Minuten Pfad und Richtung verloren. Hie und da leitet dich wol ein vom weidenden Vieh getretener Gang, immer aber in die Irre; du brichst “durch den Pflanzenpelz, der die Untiefen überzieht, zerreißest deine Kleider, deine Haut an Gestrüpp und Felskanten und verzichtest auf jedes weitere Vordringen.3 Wie

in Deutschland sind in Schweden männliche und weibliche Waldgeister bekannt. Der Mann heißt in Schonen Skouman, Skougman (Waldmann). Er sieht ans wie ein Mann, stiert man ihn aber an,  so wird er so hoch als der höchste Baumstamm.1 Er führt die Menschen im Walde in die Irre und wenn sie vor Furcht weinen, lacht er; Ha ha ha!2 Wenn der Berguhu im Walde sich hören läßt, sagt man, der Skougman sei draußen und schreie.3 Im übrigen ist er sehr sinnlich und strebt gerne nach Verbindung mit christlichen Frauen. Im Smáland heißt der Skogman Hulte, er fährt in Sturm und Unwetter daher und kann jeden Baum niederwerfen. Die Skogsnufva, Skogsfru aber ist das Weib des Skogman oder des Hulte. Die Skogsnufva4 wird zur Familie der Trolle gerechnet, welche

so ziemlich unsern Unnererdschen entsprechen, dieselben sind zumeist klein von Wuchs, gebieten über Wald und Wild, See und Fische, Wetter und Wind, vertauschen Kinder mit ihren Wechselbälgen; zu ihnen zählen in Schonen auch die ob. S. 61 erwähnten Pysslingar. Wohnen sie in Berghöhlen, so heißen sie Bergtroll. Im Wirbelwinde fahren sie einher und da ein solcher im Sommer häufig entsteht, bevor ein Gewitter losbricht, heißt es, daß der Donner (Gofar) die Trolle verfolge.1 An die Stelle des Gattungsnamens Troll tritt zuweilen Rá (Neutr.) Plur. Ráde und die Skogsnufva heißt Skogsrá, wie es ebenfalls ein Sjörá (Seerá) giebt. Die Skogsnufva ist ein bösgesinntes, leichtfertiges und unheilvolles Wesen. Sie nimmt das Aussehen aller Tiere, Bäume und anderer Naturdinge an, welche im Walde vorkommen. Ihre wahre Gestalt ist diejenige eines in Tierfelle gekleideten alten Weibes mit fliegendem Haar und langen Brüsten, die über die Achseln geschlängt sind. Im Rücken trägt sie einen langen Kuhschwanz, oder sie ist hohl, wie ein alter fauler Baumstock oder ein zu Boden geworfener Stamm, oder Backtrog. Dem Jäger zeigt sie sich gerne als eine schöne und verführerische Jungfrau, aber nur von vorne; auf der Hinterseite kann sie nach den meisten Sagen ihre Ungestalt

nicht verbergen. Schützen und andere, welche ihre Wege im Urwald haben, hören oft die Skogsnufva trällern, lachen, wispern und flüstern in Busch und Dickicht, denn sie kann jede Art Laut annehmen. Spricht sie aber, so geschieht es stets mit heiserer Stimme. Ihre Erscheinung kündigt sie im voraus mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwinde an, der die Baumstämme bis zum Zusammenbrechen schüttelt. Hört man — wie es zuweilen geschieht — am einsamen Waldbach einen klatschenden oder schnalzenden Laut, so sagt das Volk: „Da wäscht die Waldfrau“, und werden im Frühlinge schneeweiße Flecken und Stellen tief hinten im dunkeln Walde sichtbar, so „ist das die Skogsnufva, welche ihre Kleider ausbreitet“ (vgl. die Wildfrauen in Tirol S. 101. 112). Wer sich aber tiefer hineinbegiebt in den wilden Wald, mag sich wol vorsehen, denn die Skogsnufva sucht auf jede Weise Macht über ihn zu erhalten.

Oft hört man sich laut bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht „ja“, sondern „he!“ denn die Waldfrau rief und mit der Antwort „ja“ giebt man sich in ihre Gewalt. Dann lacht sie laut auf, so daß es im ganzen Walde wiederhallt. Wer so in ihrer Macht ist, den macht sie irre (förvillar) auf mehr als eine Weise. Er findet sich nicht wieder aus dem Walde heraus, sondern geht und geht und kommt immer wieder auf die nämliche Stelle. Zuletzt ist er so sinnverwirrt, daß er nicht mehr sein eigen Haus erkennt. Oder der eine Stunde lang vom rechten Wege ab die Kreuz und Quer durch Hag und Dom Genarrte glaubt endlich in tiefem Morast zu waten und schürzt die Kleider auf. Da hört er plötzlich das Lachen der Skogsnufva im Walde wiederhallen und sieht sich auf trocknem Boden.1 Das einzige Gegenmittel ist, Wamms, Mütze, oder Strümpfe umkehren, oder das Vaterunser rückwärts beten. Milzsüchtige, melancholische Menschen, welche die Einsamkeit suchen, stellen in dem Rufe, daß die Skogsnufva sie locke oder Macht über sie bekommen habe. (Vgl. die Saligen o. S. 101 ff.) Von dieser Verzauberung kann man nur frei werden, wenn man nach der Anordnung eines „klugen Mannes“ dreimal durch einen Eichenkloben kriecht, der mit Holzkeilen und Holzaxt ohne Eisen gespalten

1) Nicolovius, Polkelifvet i Skyttshärad i Sk&ne S. 101,

ist. Bei Menschengedenken ist noch ein Bursche im Ljudersocken, der davon „Skogsnisse“ genannt wurde, von der Skogsnufva verwirrt und durch den beschriebenen Act von ihr befreit worden, der (nach S. 32) die Identification mit einem Baume, bedeutet. Im mittleren Oesterbotten erzählt man, zuweilen werde das im Walde weidende Vieh, oder werden Menschen in einem für sterbliche Augen unsichtbaren, aber in der Tat dichten und undurchdringlichen Flor oder Netze gefangen, welches sie wie ein Dach umhüllt, so daß sie sich — so lange sie unter des Skogsrá Einfluß stehen — weder rühren, noch um Hilfe rufen können. Doch der Kirchenglocken Klang bricht den Zauber augenblicklich1 und deshalb kann dieser nie länger als eine Woche währen. Wem dies begegnet, der heißt „skogtagen, walderfaßt“. Oft stößt er morgens aufwachend sofort auf das ersehnte Ziel und sieht, daß es ihm zur Seite lag. Zuweilen offenbart sich ihm das Skogsrá leibhaftig als altes Weih, großer Vogel, oder als polternder Greis mit starkem Barte. Man erzählt manche factische Beispiele von Skogtagning, meistens auf Kühe und Kinder, zuweilen auch auf ältere Personen bezüglich. Das Volk pflegt sich dabei allgemein auszudrücken „skoje halder d. h. der Wald hält fest“; wird aber gefragt, ob es der Wald selbst sei, der festhalte, so erhält man zur Antwort „Nein die Skogsrá“ („nej skogsráde“).2 Nur die Jäger suchen und gewinnen zuweilen des Waldweibes Freundschaft, denn sie ist es, die allem Wilde im weiten Skog gebietet und wer mit ihr gut steht, kann schießen, so viel er will. Alte Schützen pflegen deshalb eine Kupfermünze (Slant, Sechsstüber) oder etwas Speise für die Skogsnufva (das Skogsrá) auf einen Baumstubben oder einen Stein als Opfer niederzulegen. Oder man geht Ostermorgens um Sonnenaufgang auf so viele

Grundstücke, als man beschicken kann, bricht auf jedem einen kleinen Baum ab und sagt: Ich opfre dieses für mich, damit ich das Jahr hindurch Glück und Frieden bei der Jagd habe.1 (Vgl. unten das Zaubermittel, den russischen Waldgeist herbeizurufen.) Geht man drei Donnerstage hintereinander nüchtern auf die Jagd, so trifft man wol die Skogsfru selbst und erhält von ihr das Recht so viel zu treffen, als man Lust hat; beim Fortgehen darf man sich aber nicht nach ihr umsehen.2 Dem Schützen, den sie gern hat, führt sie zuweilen selber das Wildpret in den Weg. Dem Förster (Skogvaktare) Vestholm in Fryktdelshárad in Värmeland begegnete einst die Skogsfru wie sie einen großen Elennochsen (elgoxe) am Home führte. Sie rief: „Schieß! schieß! (skjut, skjut!)“ doch er wagte es nicht.3 Wem aber das Waldweib nicht hold ist, den narrt sie in Gestalt, eines Rehbocks, oder er jagt bei aller Mühe vergeblich. Ein Skogsrá untersuchte, da sie schliefen, die Büchsen zweier Jäger, die ihr Nachtquartier im Walde genommen hatten. Das eine Gewehr lohte sie: „gut! gut! gut! (bra, bra, bra).“ Der Eigentümer schoß am nächsten Tage viele Auerhähne. Das andere tadelte sie: „fi! fi! fi!;‘ Derjenige, dem es angehörte, machte nur Fehlschüsse.4 E. M. Arndt erfuhr von einem seiner Führer, er sei einmal mit sieben andern aufs Tjäderspiel (Auerhahnjagd) ausgewesen. Als sie nun da saßen und auf den Vogel lauerten, fuhr ein Skogsrá aus einem Baume in hellstem Glanze an ihnen vorbei. Sie sahen so viele Auerhähne, wie noch nie, aber sie schossen an jedem vorbei, und fingen nicht einen. Ein andermal fuhr das Rá mit Sausen aus der Luft herab, mit gewaltigen breiten Sprüngen auf ihn zu und beschüttete

ihn mit Regen aus einer wirbelnden Wolke, während es sonst allenthalben still und heiter war. Vierzehn Tage blieb sein Schießen behext, bis er endlich so glücklich war ein Skogsrá sausend vorbeifahren zu hören und sein Messer darüber zu werfen; so wurde sein Bann gelöst.1 Einzelne Tiere, Hirsche, Rehe, Hasen und Auerhühner eignet sich die Skogsfru ausschließlich zu; sie heißen Freitiere (Fridjur, vgl. ob. S. 3h die Fritrád) und niemand kann sie schießen, es sei denn mit einer besonders bereiteten Ladung. Zielt jemand auf solch ein dem Skogsrá, zugeeignetes Tier, so kommt es ihm nachher immer vors Gewehr, er kann hundertmal danach schießen und trifft es nie. Gelingt ihm aber auch auf die angegebene Weise der Schuß, so verdirbt jedenfalls seine Büchse und ist verhext und unbrauchbar. (Vgl. die Gemsen der Seligen ob. S. 100). Nur selten ist die Begegnung des Waldweibes mit Menschen ganz harmlos. Kersten Klemens Tochter aus Nykalvatten im Fryktdelshárad (Värmeland) traf zweimal die Skogsjungfru im Walde. Sie trug einen blauen Rock, der bis auf die Knie reichte, ein weißes Kopftuch und rauhe Hemdsärmel mit schönen Säumen an der Hand. Sie sah so freundlich aus, daß Kersten sich ärgerte sie nicht angeredet zu haben und sich dies für das drittemal vornahm. [Siehe Nachtrag S. 615.]

Dem Köhler, der Nachts einsam bei dem schwelenden Meiler wacht, oder dem Jäger, der sich um Mitternacht an einem Waldfeuer ausruht, naht sich die Skogsfru gerne in liebreizendem Körper und sucht ihn zur Zärtlichkeit zu verlocken. Läßt er sich von ihr betören, so sehnt er sich fortan Nacht und Tag danach ihr im Walde zu begegnen und kommt schließlich ganz

von Sinnen.1 Oder das tückische Waldweib schreit laut auf und ruft ihren unholden Gatten, der herbei stürzt und den Liebhaber zu Boden schlägt. 2 Dabei ist sie freilich nicht immer im Unrecht. Einen Herbstabend kam ein Skogsrá zu einem Kohlenmeiler und wärmte sich. Dem rohen Köhler fiel es ein, ihr einen Feuerbrand in die Kleider zu stecken, worauf sie einen Jammerschrei ausstieß und ihren Mann rief, so daß der ganze Wald erbebte und die Baumwipfel über ihr sich zusammenbogen. Erschreckt eilte der Köhler heim und konnte andern Tages kaum den Platz, da sein Meiler stand, finden.3

Wem fiele nicht auf, daß diese Geschichte natürlich mit veränderter Scenerie genau der Erzählung von dem in eine Baumspalte eingeklemmten Wildweibe in Tirol (ob. S. 95) entspricht? In ähnlicher Weise endet die Erzählung auch des Jägers von seinem Abenteuer fast in allen Fällen. Grade als sie vor dem Feuer hochmütig dastand und ihre schöne Gestalt zeigte, — so erzählt er wol — nahm ich einen Brand aus der Flamme und schlug ihr damit auf die Hand, indem ich ihr zurief: „Fahre hin in den Wald, du böser Geist!“ Da führ sie mit einem lauten Wimmern dahin, und ein furchtbares Unwetter entstand, so daß die Bäume sich mit den Wurzeln aus der Erde zu heben schienen, und als sie uns den Rücken zuwendete, war sie anzuschauen, wie ein hohler Baum, oder wie ein Backtrog.4 E. M. Arndt hörte von seinem schon erwähnten Führer, als derselbe einmal auf der Auerhahnjagd sich ein Feuer anzündete und aß, trat eine Jungfrau zu ihm in großem Schmuck, grüßte ihn freundlich, winkte und lockte. Sie war klein von Wuchs, hatte blonde Locken, aber — o weh! — Klauen statt der Nägel. Er fragte, ob sie mit ihm essen, oder am Feuer sich wärmen wollte; sie nickte freundlich. Da nahm er behutsam das Ende seiner Axt, legte

Speise darauf, und reichte sie ihr,1 denn die Hände wollte er nicht gegen ihre Klauen setzen. Sie nahm es nicht, sondern lächelte und verschwand grade wie eine Fackel, die man wirft. Ein Waldwärter (Skogsvaktare) trank auf einem Fichtenstamm sitzend einen Schluck Branntwein. Da setzte sich die Skogsfra auf die andere Seite des Baumes. Er fragte: „Trinkt die Jungfer? (Super mamsell?)“ Sie schüttelte den Kopf und verschwand.2 Ein Bursche in Finntorp, der eine Braut in Billing hatte, lud dieselbe zu einem Stelldichein auf den Ladbacken. Sie blieb aber aus und die Skogsfru des Berges zog ihre Gestalt (lhmn) an, tat mit dem Jüngling schön und bot ihm eine Bretzel. Er aß mit großem Wolgeschmack. Kaum hatte er jedoch den letzten Bissen heruntergesehluckt, so lachte sie aus vollem Halse, so daß es im Walde krachend wiederhallte, und verschwand zwischen den Felsen; im Verschwinden sah er den ausgehöhlten Rücken und langen Schwa z. In der Meinung, das Mädchen, welches sein Herz gewonnen hatte, sei ein Skogsrá, vermied er dasselbe fortan.3 Zuweilen kommt es zu einer engem Verbindung zwischen der Waldfrau und einem Menschen, welcher Kinder von größerem Wuchs und höherer Kraft als andere Menschen, nach andern dagegen abscheuliche Mißgeburten entspringen. Doch wird der Liebhaber dieses Verhältnisses bald überdrüssig, und er sucht dann wol Hilfe hei einem „Klugen.“ Allein er wird das Skogsrá gemeinhin nur los, wenn er eins ihrer Haupthaare um seine Büchse wickeln und sie damit schießen kann. Dann hört man einen entsetzlichen Aufschrei, ein furchtbares Tosen im Walde, und er sieht sie niemals wieder. Ein Jäger tat nie einen Fehlschuß, weil er mit einem Skogsrá im Bunde stand und sich von ihr jedesmal die Büchse laden ließ. Endlich faßte er Widerwillen gegen sie, hat sie, ihm das Gewehr mit tödtlichem Meisterschuß zu laden und erschoß sie. Seitdem hatte er keine Ruhe

mehr, weder im Schlafen noch Wachen.1 In alten Zeiten war ein Bauer, ohne ihre Herkunft zu wissen, mit einer Waldfrau die Ehe eingegangen. Sie lebten manche Jahre glücklich und zeugten Söhne und Töchter. Als sie einst gemeinsam im Walde daran arbeiteten, einen fertig gebrannten Kohlenmeiler auseinander zu reißen, fand sich, daß sie den Speisesack vergessen hatten. Er ging nach Hause, denselben zu holen. Da sprach die Hausfrau: „Kommst du zurück, so schlage drei Schläge in den und den Baum da,“ und damit bezeichnete sie eine Tanne, welche eine gute Strecke von ihnen entfernt stand. Der Bauer versprach ihrem Wunsche nachzukommen. Ob er das aber vergaß oder für unnötig hielt, genug bei seiner Zurückkunft sah er zu seinem großen Schrecken, wie sie die Kohlen mit bloßen Händen aus dem Meiler riß und mit ihrem langen Schwänze auslöschte. Sofort drehte er um und tat drei Schläge mit seinem Axthammer auf die Tanne (slog tre slag i fallen med yxhammaren), worauf das Weib sich sofort wieder in gewöhnliche und in allen Teilen gleichartige Menschengestalt verwandelte. [Nur auf Grund weitern Materials wollte ich es unternehmen zu entscheiden, ob jene drei Axtschläge nur den Zweck haben die Skogsfru von der Annäherung ihres rückkehrenden Mannes zu benachrichtigen, oder ob sie zu deren Verwandlung in einer inneren Beziehung stehen]. Seitdem dachte der Bauer darauf seine Frau los zu werden. Endlich gah ihm ein kluges Weib ihren Rat und zugleich einen großen Zauberbeutel als Amulet um den Hals zu hängen. Er fährt mit Frau und Kindern zu Schlitten über einen See, angeblich tun sie auf eine Hochzeit zu führen. In Sees Mitte liest er mehrere Worte, die die Alte ihm aufgeschrieben, und sofort kommt eine Menge von Wölfen zum Vorschein. Eiligst spannt er das Pferd aus und reitet davon, wie ängstlich auch die Gattin ihm nachruft: „Kehre um, wenn nicht um meinetwillen, so doch um Snorpipas willen, sonst fressen die Wölfe uns auf!“ Snorpipa (Schnarrpfeife) hieß ihr jüngstes Töchtercheu. In ihrer Not rief sie dann aus Leibeskräften nach ihrer Schwester Strássa. Der Troll in der Grube (Erzgrube?) Strássa war nämlich ihre Schwester. Dieselbe kam daher gefahren, so daß es

1) Aufgez. 1852 von M. H. Hultm, Hdschr. des Eeichsantiqnariums zu Stockholm.

in der Luft sauste und pfiff, und entrückte sie den Wölfen, die schon alle Kinder gefressen hatten. Den bösen Bauer verfolgte eine Trollkatze, vor deren Wuth ihn das Amulet schützte, obwol die hinter ihm zuschlagende Tür eines Hauses, in das er sich rettete, in Stücke sprang. Als er einst badend das Amulet ablegte, drehte ihm ein Troll den Hals um.1 So fest haftete der Glaube an Liebschaften von Menschen mit Waldfrauen, daß z. B. am 22.—23. Dezember 1691 vom Háradsgericht ein zwei und zwanzigjähriger Bursch ans dem Markshárad zum Tode verurteilt wurde, „wegen unerlaubter Vermischung mit einem Skogs- oder Bergsrá.“ Und noch am 5. August 1701 wurde Voloutair Maus Malm angeklagt und vor Gericht gezogen, weil er solle mit einem Skougr zu tun haben. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese schwedischen Traditionen den besten Kommentar zu des Burchard v. Worms (ob. S. 113) Aussage über die Waldfrauen liefern. Wie in obiger Sage der Troll in der Erzgrube der Skogsfru Schwester ist, wird andererseits der Name Skogsrá auch auf Wesen ausgedehnt, welche auf Almen (saetter) ihren Aufenthalt haben. So weiß man in den Waldgegenden der Distrikte Ásker und Lennäs in Nerike noch viel von einem Skogsrá, zu erzählen, welches von der Bergwiese Y-saetter den Namen Ysaetter-Kajsa (Ysaetter-Kätchen) führte. Als einst diese Alme gemäht wurde und die Schnitter beim Abendbrod saßen, rühmte sich ein Bursch, er habe Lust mit der Ysaetter-Kajsa Streit anzufangen, und da wolle er ihr schon auf den Pelz geben. Kaum sprach er dies, so hörte man hinter ihm ein Geräusch, und er erhielt von unsichtbarer Hand eine so derbe Ohrfeige, daß er Blut werfen mußte.2 Statt des Skogsrá d. h. der Personification des gesäumten Waldes wird mitunter auch das Rá eines einzelnen Baumes genannt und so zu sagen mit einem andern Geiste identifiziert.

Bei Badelund in Westmannland stand eine Tanne, die Klintatanne (Klintatall) auf kahlem Felsen, unter welchem im Berge der Tanne Schutzgeist (Rá) wohnte. Das war ein Meerweib, welches man oft aus einer Bucht des nahen Mälarsees schneeweiße Rinder über die Wiesen zum Baume treiben sah, dessen

1) Djurklou, Anteekuingar.

2) Djurklou a. a. 0.

Aeste niemand anzurühren wagte.1 Ueberhaupt stellen sich die Bergsrá. Skogsrá und Sjörá (Bergrá, Waldrá und Seerá) einander sehr nahe und sind fast nur durch ihren Wohnsitz und einige damit zusammenhängende Besonderheiten verschieden.

Die weiblichen Skogsrá kehren zuweilen auch in Mühlen, Ställe, Brennereien u. s. w. ein. Da kündigen sie ihre Gegenwart dadurch an, daß die Sachen irgendwo in Unordnung liegen. Dann deckt man an dieser Stelle einen Tisch mit ein wenig Speiseanriehtung und ruft mehrmals: „Findet sich da irgend ein Rá, so komme hervor!“ Erweist man dem erscheinenden Geiste seine Liebe mit freundlicher und liebreicher Zusprache und höflicher Begegnung (weitergehender Vertraulichkeit bedarf es nicht notwendig) so erwidert derselbe das Wolwollen, indem er Botschaften verrichtet, dem Hause Glück schafft u. s. w.2 Kurzum auch die Skogsrá gehen in Hausgeister über (vgl. die Dienstleistungen der Seligen ob. S. 90.103 und Moosleute S. 80).

Wie alle Trolle haben die Skogsrá Furcht vor dem Donner, der sie verfolgt und erschlägt. Oft hört man im Walde während des Gewitters den Skogsman und die Skogsfru laut jammern.3 Doch auch der wilden Jagd dienen sie als Verfolgungsziel. Ein Schneider im Nordmarkshárad in Värmeland liebte leidenschaftlich die Jagd. Als er einst Nachts auf dem Anstand lag, floh ein Skogsrá an ihm vorbei mit großen über die Achsel geschlagenen Brüsten, und das herabwallende Haar flatterte wild hinter ihr im Winde. Ihr folgte ein Jäger mit zwei pechschwarzen Hunden. Bald kam er zurück und hatte das Wildpret erlegt. Die Beine des Skogsrá hatte er über die Schulter geworfen, ihr Haupt imd ihre Brüste schleppten auf dem Boden nach und troffen von Blut, das die Hunde begierig aufleckten. Der Jäger fragte den Schneider, wie er dazu komme in seinem Walde zu jagen, und verbot es ihm.4 In Smáland und andern Gegenden wird gradezu König Oden als der nächtliche Jäger bezeichnet, der mit Jagdhorn und Spieß (resp. Büchse) und mit zwei Hunden

daherfahrend sich zum Wilde unveränderlich eine Skogsnufva oder ein Bergtroll ausersehen hat, die vor ihm durch die Luft fliehen mit fliegendem Haar und über die Achseln geschlängten Brüsten. Die Jagd geht über Wald und Berg, wie Vogelflug oder Sturmeswehn. Von der nächtigen Fahrt heimkehrend hat Oden die getödtete Skogsnufva quer über dem Rosse hängen. Einem Soldaten, der ihm einst auf einer Fahrt begegnet, giebt er sich zu erkennen.

„Ich bin König Oden und vom Allmächtigen dazu gesetzt, alle Trolle und Trollwveiber (alla troll och pyskan s. o. S. 128) auszurotten.“

Da habt ihr wol viele Arbeit? meinte der Soldat, König Oden antwortete: „Ja, doch ich habe den Donner zu Hilfe“ (Ja men jag har áskan til hjelp).1 Statt des Skogsrá oder Bergtrolls wird zuweilen eine Riesin (jättesa) mit eimergroßen Brüsten als Jagdstück, in anderen Sagen ihr eigener Gatte, oder (entsprechend der ob. S. 135 mitgeteilten Ueberlieferung) eine Schaar gespenstiger Wölfe als Verfolger genannt. Oefter sucht die Verfolgte in dem Fenster einer Heuscheuer mitten im Walde (hölada) Schutz und spottet da der Hunde oder Wölfe, wird aber von einem sie belauschenden Menschen unbarmherzig unter sie hinabgestossen.

§19. Die russischen Waldgeister.

Der russische Waldgeist Ljeschi (von ljes, poln. las Wald) wird allgemein in Menschengestalt mit Bockshörnern, Bocksohren und Geißfüßen gedacht, die Finger enden in lange Klauen, Kopf und Körper werden von rauhen und zottigen Haaren bedeckt, die häufig von grüner Farbe sind. Er kann aber mancherlei Gestalten annehmen und seine Größe willkürlich verändern. Geht er im Felde, so verkleinert er sich bis zur Größe des Grases; geht er im Walde, so erreicht er die Höhe der Bäume.2 Die Einwohner der Gouvernements Kiew und Tschernigoff teilen deshalb die Ljeschie in zwei Klassen. Die einen, die eigentlichen Waldljeschie, sind graufarbige Riesen, die andern, welche nicht minder Ljeschie (Waldgeister) heißen, sind Wesen des Kornfelds, Dämonen des Getreidewuchses selbst. Vor

der Ernte haben sie dieselbe Höhe, wie die noch grünen Halme, nach der Ernte schrumpfen sie zusammen, bis sie nicht höher sind, als das Stoppelfeld. Man darf daraus schließen, daß auch die eigentlichen Waldljeschie als Dämonen der Waldvegetation zu denken sind.

Häufig aber nehmen die Ljeschie völlig menschliche Gestalt an, nur daß sie niemals Augenbrauen und Wimpern und häufig gleich den Kyklopen nur ein Auge haben. Sie tragen dann das Gewand eines Bauern aus Schaffell, aber ohne Gürtel; statt dessen sind die beiden Rockzipfel in einander geschlungen. Wirbelwind und Sturm sind das Element, in welchem der Ljeschie seine Anwesenheit offenbart. Nach dem Glauben der Bauern entpringen die Verwüstungen der Orkane dem Kampfe dieser Waldgeister gegeneinander, wobei sie Baumstämme und Felsstücke schleudern. Hält der Ljeschie Rundgang durch sein Reich, so brüllt der Wald, und die Bäume zittern. Oder der Waldgeist springt spielend von Ast zu Ast und wiegt sich selbst in den Zweigen, wovon er an einigen Orten Zuibotschnik (vgl. Zuibka Wiege) genannt ist. In solchen Stunden macht er alle Arten von Lärm. Er kreischt und lacht, er klatscht in die Hände, er wiehert wie ein Pferd, brüllt wie eine Kuli, bellt wie ein Hund. Sein Lachen kann man meilenweit in der Runde hören. Wenn bei Sturmwetter das Knarren der Aeste, das Krachen der Stämme wiederhallt, so vernimmt der russische Bauer kein Echo, sondern den Ruf der Ljeschie, welche einen unvorsichtigen Jäger oder Holzhauer auf gefährlichen Grund zu verlocken trachten, um ihn zu Tode zu kitzeln, sobald sie ihn in ihrer Gewalt haben. [Wir begegneten dem nämlichen Zuge bereits ob. S. 87]. Nachts schläft der Ljeschie in irgend einer Hütte in der Tiefe der Wälder, und findet er etwa seinen Zufluchtsort von einem verspäteten Wanderer bereits besetzt, so streicht er als Wirbelwind über die Hütte, rüttelt an der Tür und hebt das Dach, indeß ringsum alle Bäume sich biegen und winden und ein furchtbares Geheul durch den Forst schallt Und wenn der ungebetene Gast alle diese Winke verachtet und sich nicht entfernt, läuft er Gefahr am nächsten Tage sich in den Wäldern zu verlieren, oder in einen Morast zu versinken. Im Gouvernement Archangel erzählt man, hei einem der erwähnten Kämpfe mit zwei andern Geistern seiner Klasse über die Rechte auf einen gewissen Wald wurde ein Ljeschie einmal überwunden und von jenen an den Händen so fest znsammengeschnürt, daß er sich nicht rühren konnte. So fand ihn ein reisender Kaufmann und band ihn los. Zum Dank sendete er seinen Woltäter in einem Wirbelwinde heim und tat nachher noch manches andere für ihn (vgl. ob. S. 68 die Geschichte des estnischen Baumelfen).

Als ehedem die Wälder noch größer und dichter waren, denn heutzutage, verlockte der Ljeschie beständig die Wanderer und führte sie vom rechten Wege ab in die Irre. Bald versetzte er die Grenzsteine, bald nahm er die Form eines Baumes an, nach welchem die Nachbarn die Richtung zu bestimmen pflegten. Zuweilen veränderte er sich in das Aussehen eines Wanderers und verflocht den Vorübergehenden in eine Unterhaltung. Der Verführte plauderte unbefangen, bis er plötzlich gewahr wurde, daß er sich mitten in einem Sumpf oder Waldbach befinde. Dann hörte er ein lautes Gelächter und wenige Schritte von sich sah er den Ljeschie grinsend in seiner wahren Gestalt. Auch vernimmt der Waldwart mitunter bei Nacht das Weinen eines Kindes und Seufzer, welche deutlich von einem Sterbenden herzurühren scheinen. Da tut er gut, schleunig nach Hause zu eilen, ohne auf diese Stimmen zu achten. Denn folgt er ihnen, so gerät er wahrscheinlich in einen reißenden Strom, der daherrauscht, wo früher kein Wasser war. Wo immer der Ljeschie geht, läßt er keine Spur hinter sich zurück, er verdeckt den Abdruck seiner Füße mit Sand, Laub oder Schnee. Tritt aber jemand zufällig in seine noch frische Fährte, so wird derselbe irre geführt und findet nicht leicht den rechten Weg wieder. In dieser Not ist es das beste Mittel, das Futter von Hemd, Schuhen oder Pelz nach außen zu kehren. Doch auch abgesehen von dieser Irreleitung der Wanderer macht sich der Waldgeist noch in mancherlei anderer Weise auf Kosten derselben lustig; er bläst ihnen Sand in die Augen, schlägt ihnen die Mütze vom Kopfe, läßt ihre Schlitten am Boden fest frieren.

„Geh nicht in den Wald,“

hört man oft sagen,

„der Ljeschie spielt dir da einen Possen.“

Schlimmer ist, daß er oft Krankheit verursacht, so daß von jemandem, der nach der Rückkehr aus den Waldungen unpäßlich wurde, die sprichwörtliche Redensart gilt:

„Er hat den Pfad der Ljeschie gekreuzt“

Um geheilt zu werden, trägt er Brod und Salz in einen reinliehen Lappen gebunden in den Wald und legt es unter Gebet als Opfer für den Ljeschi ins Moos in der festen Ueberzeugung bei der Nachhausekunft von seiner Krankheit befreit zu sein. Den Hirten, die im Walde ihre Heerde weiden, saugt der Ljeschi gerne das Euter der Kühe aus. Sie müssen deshalb mit ihm in gutes Einvernehmen zu kommen suchen. Im Gouvernement Olonetz glaubt man, der Hirte müsse jeden Sommer dem Ljeschi eine Kuh geben, geschehe das nicht, so zerstöre der Waldgeist die ganze Heerde. Im Gouvernement Archangel hält man dafür, wenn man das Glück habe, dem Ljeschi zu gefallen, so behüte er die ganze Heerde auf der Weide (vgl. ob. S. 30 die finnischen Baumnymphen).

Andererseits stehen alle Vögel und Tiere des Waldes unter dem Schutz des Ljeschi. In Kleinrußland soll er insonderheit der Schutzhelm der Wölfe sein. Gemeinhin gilt als sein Liebling der Bär, sein Diener, der bei ihm wacht, wenn er zuviel von dem starken Getränk genommen hat, das er so sehr liebt, und ihn vor den Angriffen der Waldgeister behütet. [Nachtrag S. 615.]

Wenn die Eichhörnchen, Feldmäuse und einige andere Tiere in Schaaren ihre periodischen Wanderungen antreten, erklärt das Volk, die Waldgeister treiben ihre Heerde von einem Wald in den andern. Unter solchen Umständen hängt auch der Erfolg des Waidmanns von seinem Verhältniß zum Ljeschi wesentlich ab. Er legt, um denselben für sich zu gewinnen, ein Stückchen Brod oder Pfannkuchen mit Salz bestreut auf einen Baumstumpf (vgl. o. S. 130), wie denn die Ljeschie zuweilen auch Kuchen von den im Wald arbeitenden Dorfleuten fordern (vgl. oh. S. 107) und, nachdem sie solche erhalten, sich mit schrecklich tönender Stimme entfernen. Im Gouvernement Perm weihen die Landleute einmal im Jahre dem Ljeschi ihre Gebete und bringen ihm dabei ein Päckchen Blättertaback dar, worin er ganz vernarrt ist. In einigen Distrikten eignen ihm die Jäger das erste Tier zu, welches sie fangen, indem sie dasselbe für ihn in einem Eichwalde zurücklassen. Ein gewisser Zaubersegen, der von Jägern öfter gebraucht wird, ruft die Teufel und Ljeschie, an, ihnen die Hasen in den Schuß zu treiben, und die magische Gewalt dieses Spruches soll so groß sein, daß die Waldgeister gehorchen. Wer den Ljeschi selbst herbeibesclnvören will, soll eine Anzahl junger Birken abhaueu und mit den Wipfeln nach innen in einen Kreis legen. Dann muß er im Kreise stehend laut rufen: „Großvater! (djeduschka)“; sofort wird der Waldgeist erscheinen.1

Oder er soll sich auf einen Baumstumpf stellen, mit dem Gesichte nach Osten, soll sich niederbükend zwischen seinen Beinen durchsehen und dabei sagen:

„Onkel Ljesehi erscheine, nicht als grauer Wolf, nicht als schwarzer Rabe, nicht als brennendes Feuer, sondeni als meines gleichen!“

Dann fangen die Blätter der Espe an zu zittern, wie wenn ein sanfter Wind durch sie hinstreiche, und der Ljesehi wird sichtbar in Menschengestalt. Bei solchen Gelegenheiten geht er gerne einen Handel mit seinem Beschwörer ein und ist bereit jede Art von Beistand zu gewähren, wenn ihm dafür des andern Seele zu Teil wird (aus christlichem Teufelsglauben entlehnt). Nach diesen Beschwörungsformeln wurde der Waldgeist doch wol aus den Birkenwipfeln oder dem Baumstumpf hervortretend, also in diesen weilend gedacht. Während in Deutschland und Skandinavien die Waldfrau die Hauptrolle spielt und häufig allein auf tritt, kennt die russische Sage umgekehrt vorzugsweise den männlichen Waldgeist. Zuweilen jedoch findet man demselben auch Weib und Kinder, die Lisunki, gesellt, behaarte Wesen von abschreckendem Aeußern. Eine kleinrussische Erzählung berichtet, daß ein Menschenweib einmal einen neuge-boraen Ljeschi nackend und kreischend auf der Erde liegen fand. Sie hob ihn mitleidig auf und deckte ihn mit ihrem warmen Tuch. Bald darauf kam die Lisunka, die Mutter des Kleinen, und beschenkte das mitleidige Weib dankbar mit einem Topfe glühender Kohlen, die sich hinterher in Gold verwandelten. Im wesentlichen dieselbe Geschichte wird in Thüringen von einem Holzweibchen erzählt.2 Zuweilen entführen die Ljeschie sterbliche Jungfrauen und machen sie zu ihren Eheweibern. Doch ob sie nun unter sich eheliche Verbindungen schließen, oder mit Sterb-

lichen, ihre Vermählung ist stets von lärmenden Festlichkeiten und heftigen Stürmen begleitet. Geht der Hochzeitzug durch ein Dorf, so wird manches Haus zu Schaden kommen, geht er durch einen Wald, so kommt mancher Baum zu Falle. Selten wagt es ein Bauer auf einem Waldpfade sich hinzulegen, denn der Brautzug des Waldgeistes könnte des Weges kommen und ihn im Schlafe zermalmen. Im Gouvernement Archaugel gilt der Wirbelwind als der Tanz des Ljeschi mit seiner Braut. Den zweiten Tag nach seiner Hochzeit geht der Waldgeist nach allgemein russischer Sitte mit seinem jungen Weibe zum Bade und wenn ihnen dann ein Sterblicher begegnet, so bespritzt ihn das würdige Paar mit Wasser und weicht ihn von Kopf bis zu Fuß ein. Wie Weiber raubt der Ljeschi Kinder, trägt sie in seine unterirdische Behausung und läßt sie erst nach Jahren ganz verwildert wieder heraus.1

§ 20. Peruanische und brasilianische Waldgeister.

Zum Vergleich mit diesen europäischen Waldgeistern und ehe wir noch einmal ihre lange Reihe prüfend überschauen, setze ich noch ein Beispiel aus einem entlegenen Weltteil und einer andern Zone her, an welchem einigermaßen gemessen werden kann, in wie weit die Apperception ähnlicher Kuturverhältnisse zu ähnlichen mythischen Gebilden sich verdichtet. Poppig 2 fand in den Wäldern von Peru den Glauben an ein gespenstiges Wesen lebendig, Namens Uchuclla-chaqui.

„Wo der Wald am dunkelsten ist, wo die lichtscheuen Amphibien und Nachtvögel sich aufhalten, wohnt dieses gefährliche Wesen und versucht in befreundeter Gestalt erscheinend den Indianer zu verderben. Es giebt die wohlverstandenen Zeichen, deren sich die geselligen Jäger zu bedienen pflegen; es lockt den Getäuschten selbst immer unerreichbar weiter und tiefer in die Oede und verschwindet mit lautem Hohngelächter, wenn der Rückweg verloren ist und die Schrecken der Wildniß durch die herabsinkenden Schatten der Nacht sich mehren. Bisweilen trennt es wohl auch die gemeinsam auf Jagd gezogenen, allein nie täuscht es den Erfahrenen, der in seinem Mißtrauen die Spur des Feindes untersucht. Kaum gewahrt er die ganz ungleiche Größe des Abdrucks der Füße, so kehrt er eilig zurück und wohl längere Zeit wagt niemand einen Zug in die Wildniß, denn nur vorübergehend sind die Besuche des Unholds. In jener Fabel,“

fügt der Erzähler hinzu, „gewahrt man den Einfluß, den die unbeschreibliche Wildniß und Trauer der sumpfigsten und unbesuchtesten Urwälder selbst auf die sonst schwer bewegliche Phantasie des Amerikaners ausübt. Von ihr schafft sich kein Europäer ein Bild, denn die einsamsten Forste seines Weltteils bieten ihm nirgend etwas Aehnliches (?). Allgemein verbreitet ist der Glaube an jenes gespenstige Wesen, das sogar Nachts die im Freien schlafenden Reisenden umlauert, um sie nach halbem Erwachen unter erlogener Gestalt irre zu leiten. Viele Geschichten, zum Teile der neuesten Zeit angehörig, werden von solchem Verlieren besonders der Kinder erzählt, und in der Tat ist nichts leichter möglich, als in solchem Walde nach wenigen Schritten Entfernung das Lager nicht wieder finden zu können, wenn weder ein Lichtschein noch rufende Stimmen die Richtung angeben.“ Ganz übereinstimmende Erfahrungen machten in neuerer Zeit Bates und nach ihm R. Schlobach in Brasilien.1

Bates schildert den fremdartigen Eindruck, den die Düsterheit und Stille im brasilianischen Walde hervorbringt, und spricht von dem betäubenden Geheul der Affen und dem plötzlichen Todesschrei von Schlangen und Tigern verfolgter Tiere, sporadischen Lauten, durch welche das Gefühl der ungastlichen Einöde, das der Wald hervorruft, nur noch mehr erhöht wird. Außerdem hört man Töne, die man sich nicht erklären kann, „und die Eingebornen waren dies — wie ich fand — noch weniger im Stande, als ich selbst.“

Zuweilen hört man Töne, als ob mit einer eisernen Stange an einen hohlen harten Baum geschlagen würde, oder ein durchdringender Schrei hallt durch die Luft. Das darauf folgende Stillschweigen erhöht den unangenehmen Eindruck, den solche einzelne nicht wiederholte Töne auf das Gemüt

1) Bates, Naturforscher am Amazonenstrom. Lpzg. 1866. S. 40. Schlobach in d. Illnstrirten Zeitung v. 25. Mai 1872.

machen. Bei den Eingebornen ist es immer der Curupira, der wilde Mann, der Waldgeist, der diese unerklärlichen Töne hervorbringt. Dieser ist ein sehr geheimnißvolles Wesen, dessen Attribute sehr ungewiß sind, da sie nach der Oertlichkeit wechseln. Er hat Weib und Kind und kommt zuweilen in die Rocas (Pflanzungen), um Mandioca zu stehlen. Ein junger Mameluco in Bates Dienste, dessen Kopf mit den Sagen und Aberglauben des Landes angefüllt war, zitterte am ganzen Leibe, so oft er im Walde die oben erwähnten Laute hörte, kroch hinter Bates und bat ihn umzukehren. Er wurde erst wieder ruhig, nachdem er ein Zaubemittel zum Schutze gegen den Curupira gemacht hatte. Zu diesem Zwecke nahm er ein junges Palmblatt, welches er zusammenflocht und einen Ring daraus bildete, den er an einem Aste auf dem Wege aufhing. Wollte er dadurch den Waldgeist an den Baum fesseln?

Vergleichen wir noch, was J. G. Müller von den Waldgeistern der südamerikanischen Völker meldet.1 „Die Gurupira sind neckische, schadenfrohe Waldgeister, die den Indianern unter allen Formen begegnen, sich auch einmal in ein Gespräch mit ihnen einlassen, auch Feindschaften zwischen einzelnen Personen erregen und erhalten. Bei den Botokuden heißen die Waldgeister, welche größer oder kleiner gedacht werden, Janchon; sie beunruhigen ebenfalls die Leute. Sonst gehört zu den Waldgeistern auch Uaiuara, bald ein kleines Männchen, bald ein gewaltiger Hund mit langen klappernden Ohren. Er läßt sich, wie das deutsche wilde Heer, am furchtbarsten um Mitternacht vernehmen. Ein anderer berühmter Waldgeist ist der Caypora der Küstenbewohner, der Kinder und junge Leute raubt, sie in hohle Bäume verbirgt und dort füttert.“

§ 21. Rückblicke und Ergebnisse.

Blicken wir noch einmal auf die lange Reihe der besprochenen Wald- und Feldgeister zurück, so wird das Beispiel der zuletzt aufgeführten südamerikanischen Dämonen uns hinreichend belehren können, daß unter ganz verschiedenen Himmelsstrichen, bei Völkern, deren Lage jeden Gedanken einer Entlehnung von einander ansschließt, aus einer Alt psychologischer Notwendigkeit sich über-

1) Geschichte der amerikanischen Urreligionen. Basel 1855. S.259

 

raschend ähnliche Mythengestalten erzeugt haben. Die Uebereinstimmung jener indianischen Vorstellungen vom Waldgeist ist am größten mit dem Volksglauben in Schweden und Rußland, zweien europäischen Ländern, deren Wald noch am meisten die Natur des Urwaldes bewahrte. Sie betrifft vorzugsweise Charakterzüge und Handlungen, welche aus diesem Naturverhalt fließen, Rufen, Hohngelächter, Irreführen. Eine jedoch weit größere Familienähnlichkeit mit einander tragen die nordeuropäischen Waldgeister au sich, sie sind offenbar Varietäten ein und derselben Art, deren verschiedene Abwandlungen wesentlich durch die Reflexe der localen Naturverhältnisse bedingt werden. Zum Erweise dieser Behauptung stelle ich in übersichtlicher Kürze die übereinstimmenden Züge zusammen. Aus denselben wird hervorgehen, daß wir die Waldleute (wilden Leute, Skogsnufvar, Ljeschie u. s. w.) anzusehen haben als eine Verschmelzung von Baumgeistern und Windgeistern; schwerlich spielt eine Erinnerung an wirkliche Menschen, rohe halbtierische Ureinwohner hinein, die sich vor unserer Race in die Wälder zurückgezogen hätten und im Volksgedächtniß zu Dämonen geworden wären, eine Ansicht, die neuerdings allerdings einige mehr oder minder consequente Vertreter (Hyltén-Cavallius, Chr. Schneller u. s. w.) gefunden hat.

Die Gestalt der Waldgeister wird bald riesenhaft, bald zwergisch beschrieben, für gewöhnlich menschenähnlich, aber in alle möglichen Tier- und Pflanzenformen verwandlungsfähig. Tiergestalt auf längere Dauer mißt man der gente salvatica S. 113, zeitweilige Geißgestalt den Ljeschie S. 138, Dialen S. 95, Delle Vivane S. 116 bei. Die vom wilden Jäger gejagten ganz in Moos gekleideten Moosweibchen in Wildenmann trugen Gänsefüße.1 Die Skogsnufva trägt Tierfelle und Kuhschwanz S. 128, die ihr entsprechende dänische Waldfrau S. 126 verwandelt sich noch altertümlicher in eine Kuh.2 Wenn die Fangga sich in Wildkatzenfelle kleidet und Stutzkatze heißt, so erblicke ich darin einen Fingerzeig, daß dieses Wesen auch Wild-

katzengestalt annehmen konnte. Die Holzweiber, wilden Weiber und der Skougman sitzen auch wol als Eulen auf den Bäumen S. 127, der lettische mahjas kungs entweicht in Gestalt eines Vogels S. 53, auf der unersteiglichen Alpe Morin in Tirol sollen drei Selige wohnen, die in Geiergestalt die Gemsen beschützen und den Jägern feind, den Hirten freund sind.1 Das Aussehen der Waldgeister, wenn sie anthropomorphisch auf treten, enthält manche Züge, welche darauf hindeuten, daß die Phantasie zu ihrer Ausstattung bei den Bäumen eine Anleihe machte. Sie tragen einen behaarten moosbewachsenen Leib oder grüne Kleidung; 2 einen Rücken, hohl wie ein morscher Baumstamm oder ein Backtrog;3 und ihre großen Brüste dürften als ein sinnlich symbolischer Ausdruck der Vegetationsfülle betrachtet werden;4 ihre langen gelben oder sonst weithin im

Winde flatternden Haare 1 erinnern an die Auffassung des (vom Sturme durch den Wald gejagten) Laubes als Baumhaar. Gradezu als Pflanzengeister treten sie auf, wenn ihr Leben und ihre Größe an das Leben der Bäume und Gräser geknüpft erscheint.2 Hiemit stimmen indirecte Zeugnisse überein. Das Schrätlein zieht sich vom Teufel verfolgt in den Baum zurück S. 115; die Verwundung des seligen Fräuleins wird bestraft, wie ein Axthieb in den Waldbaum S. 105. Um die Holzweibel, Seligen u. s. w. zu retten, muß man drei Kreuze in den Baum hauen, während er fällt S. 83. 106. Auch die Garnknäuel der Holzfräulein, Seligen, Fanggen und wilden Weiber weisen nach S. 76 vielleicht auf Moosfäden zurück.

Das Wesen der Waldgeister erweitert sich aber deutlich von Baumgeistern zu Genien der gesammten Vegetation. Die Holzfräulein walten auch im Gras- und Kornwuchs S. 77 ff, die Ljeschie sind Waldgeister und zugleich Dämonen der niedem Kulturpflanzen S. 138; vgl dazu die hessischen Wildleute S. 87. Die nämliche Doppelrolle als Wald- und Korndämonen spielen die Dames vertes. Auch die wilden Weiber erscheinen als

Genien von Kräutern S. 106. Die vom wilden Jäger gejagte Frau läßt sich als Walpurgis in eine Garbe einbinden S. 121. Vgl. den russischen und den schwedischen Zaubersegen, um die Waldgeister herbeizurufen S. 142.

Andererseits springt deutlichst als durchstehende Vorstellung in die Augen, Wirbelwind, Sturm und Gewitter seien Lebensäußerungen des nämlichen Geistes, der in ruhigen Momenten — wie wir sahen —- in Waldbäumen verkörpert erscheint.1 Vom wilden Jäger oder Teufel, resp. dem Donner gejagt finden wir die Moosleute, Holzfräulein, Selige, Schrätlein, Wildfrauen in Steiermark, Unterirdische und weiße Weiber in Lauenburg und Mecklenburg, dänische Meerfrauen, Skogsnufvar in Schweden. Nach verschiedenen z. T. den ältesten bezeugten Varianten ist die gejagte Frau die Buhle des wilden Jägers S. 125. Dem Küssen gilt der Wirbelwind als der Hochzeitstanz des Waldgeistes mit seiner Braut S. 143. Da nun die Erscheinung der wilden Jagd meistenteils mit dem Gewittersturme zusammenfällt,2 dem Gewitter aber, das physikalisch betrachtet ja überhaupt nur ein secundäres Product des vom Boden aufsteigenden, oder von oben her hereinbrechenden und den entgegengesetzten Passat verdrängenden Luftstromes ist, größtenteils merklich Wirbelwind vorangeht und heftigerer Wind nachfolgt;3 da der

Wirbelwind als fahrende Frau,1 Hexe,2 Thórs pjäska (S. 128) Windsbraut,3 auch sonst in Gestalt eines weiblichen Wesens personifiziert wird, so halte ich es für wahrscheinlich, daß anfänglich der im Wirbelwinde sein Dasein bekundende Waldgeist es war, der vom wilden Jäger (dem nachfolgenden stärkeren Unwetter) gejagt erschien.4  Es ist auch deutlich, warum insonderheit die männlichen Waldgeister (wilder Mann, Hulte, Ljeschi) sodann aber auch z. T. eben jene weiblichen Waldgenien eben sowol für sich allein im Winde daherfahrend oder als Anführer der wilden Jagd daherstürmend dargestellt werden konnten. Die angegebene Deutung trifft auf die Gewitterstürme im Sommer und die Mehrzahl unserer Sagen vollkommen zu. Wenn aber daneben nach manchen Sagen der Umzug der wilden Jagd oder des wütenden Heeres und ebenso der unserer Waldgeister zu Weihnachten, in der Neujahrsnacht oder Dreikönigsnacht vor sich geht, wenn die Jagd auf das geisterhafte Weib sieben Jahre (d. h. doch wol die 7 Wintermonate von October bis Mai) dauern soll, so ist es bei der Seltenheit der Wintergewitter in unsem Gegenden allerdings offenbar, daß hier die Jagd auf das Waldweib die angegebene Bedeutung nicht haben kann. Vielmehr sprachen wir schon S. 124 unsere Meinung dahin aus, daß dabei der Gedanke zu Grunde zu liegen scheint, im Winter sei der weibliche Waldgeist, die Genie des Blättergrüns, gleichsam verzaubert und fliehe vor dem im Sturme ihm nachsetzenden Gefährten, der zum Maitag (vgl. St. Walpurgis S. 121) sie erreiche, und [nach urtümlichst roher Weise der Hochzeit durch Frauenraub] quer über sein Roß lege.5 Ist diese Deutung richtig, so hat eine Verschiebung, eine Umdeutung eines ursprünglichen Gleichnisses in ein anderes stattgefunden. Die Probe würde erst gemacht werden

können durch eine genaue Untersuelumg aller sonstigen Jagdobjecte des wilden Jägers, denn es ist jedenfalls wichtig, zuvor zu wissen, ob die Eber, Rosse1, (Rinder?), Hirsche, (Rehe). Kaninchen, Hühner, welche je in verschiedenen Landschaften statt der Waldfrauen den Gegenstand der Verfolgung von Seiten der wilden Jagd ausmachen, und deren Schenkel dem Spötter aus den Wolken zugeworfen werden, wie der Fuß des Waldweibes, entweder sämmtlich, oder doch teilweise nur eine andere Form desselben Gedankens sind, den die gejagten Waldleute ausdrückeu. Wir müssen davon abstehen diese schwierige Frage an diesem Orte weiter zu verfolgen.2 Es erscheint uns die zuerst von

W. Schwarte aufgestellte Deutung, wonach die von der wilden Jagd herabgeworfene Lende oder Hälfte der Holzfrau, sowie die in Gold sich wandelnden Geschenke der thüringischen und czechischen Waldweiber, Lisunki u. s. w. ursprünglich den Blitz bedeuten, nicht unwahrscheinlich, wenngleich keinesweges gesichert. Mit der Natur der Waldgeister als Wind- und Wetterwesen scheint auch der Zug zusammenzuhangen, daß die Waldfrauen einen Gürtel schenken, welchen sie einen Menschen anlegen heißen. Der Beschenkte umgürtet damit aber zuvor einen Baum, und derselbe springt augenblicklich zerrissen und zersplittert in Stücke,1 Einen ebensolchen Gürtel verleiht nämlich auch der in der Windsbraut umfahrende Hexenmeister.2 Der den Wald erfüllende Nebel oder weiße an den Bergen hangende Wölkchen gelten als die Wäsche der Waldfrauen. Dergleichen wird erwähnt bezüglich der wilden und seligen Fräulein, der Wildfrauen in Steiermark, der Froberte, Skogsnufvar und Dames vertes, sowie der Pysslingar unter dem Apfelbaum zu Falsterbro (ob. S. 61). Da die menschliche Seele als Lufthauch (animus, spiritus) betrachtet wurde, 3 so steht es auch wol mit der Windnatur der Waldgeister in Verbindung, daß die Holzfräulein in arme Seelen, die Seligen in die Geister todter Mütter übergehen.

Ihrem Ursprünge nach dunkler, als die bis hieher behandelten Eigenschaften, sind diejenigen Aussagen, welche den Waldfrauen das Streben nach der Verbindung mit sterblichen Männern, dem

Waldmann die Sucht nach christlichen Frauen zuschreiben. Die Holzfräulein, die Seligen, Fanggen, die Skogsnufvar und Ljesche gehen eheliche Vereinigungen mit Menschen ein S. 79. 87. 103. 135. 143. Der Gesang und die schöne Gestalt der Seligen und wilden Weiber lockt Jünglinge und junge Männer an ihre Seite. Wenn manche Sagen dieses Verhaltnis außerordentlich zart und geistig darstellen (S. 101), so zeigen andere eine rohere, vermutlich ältere Form S. 102.

Rauhe Else naht, wie die Skogsnufva, dem am nächtigen Feuer Liegenden und verlangt nach seiner Minne S. 108. Vgl. die agrestes feminae bei Burckard v. Worms S. 113. Das badische Wildweib hat mit dem Jäger ein Kind 88, und die Dames vertes locken den betörten Liebhaber ins Dickicht S. 118. Der Kulte stellt christlichen Weibern nach S. 127, ebenso die lesni muzove in Böhmen S. 87.

Daneben wird behauptet, daß die Waldgeister kleine Kinder rauben oder an sich ziehen und tödten. Der Salvanel, die wilden Weiber am Untersberge, die Fanggen S. 90, die divé zeny in Böhmen S. 87 stehlen1 kleine Kinder. Oder die böhmische Waldfrau lockt sie an sich S. 87. Die Tiroler Langtüttin legt sie an ihre großen unheimlichen Brüste S. 108. Die Seligen holen sogar Wöchnerinnen aus dem Kindbett weg S. 108. Steht dazu in irgend einem Verhältniß der Zug des Irreleitens, der von den Froberte, den Dames vertes, der rauhen Else, der Skogsnufva und ihrem Gemahe, dem Hulte, den Ljeschie, wie dem peruanischen Uchuclla berichtet wird? Bei unseren Waldweibchen und Moosleuten schlägt dieser Zug gradezu in sein Gegenteil um. Die Moosweiblein in Wildemann z. B. leiteten Fremde, die sich verloren hatten, auf die rechte Straße und teilten ihnen Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2

Die Waldgeister zeigen sich auch sonst den Menschen gerne dienstbar und gehen in Hausgeister über. Die Holzfräulein in Thüringen und Franken, die wilden Leute in Baden, die Saligen in Tirol helfen zur Erntezeit den Arbeitern. Aber auch ständig treten Holzweiber und Waldmänncken, Fanggen, Salige, zuweilen

1) Vemaleken, Mythen und Branche 249, 55.

2) Pröhle, D. Sag. S. 37, 8. Vgl. auch ob. S. 84.

auch Skogsrá in den Dienst des Menschen, besorgen das Vieh im Stalle und segnen Vieh und Vorratekammer; auch die Schretel spielen die Rolle der Penaten S. 115. Die wilden Geißler (S. 96 ff.) stellen gewissermaßen Penaten der Dorfschaft vor. Wie hier in Hausgeister gehen die Waldgeister anderswo unmerklich in andere Elbe, namentlich in Höhlen und ebenes Feld bewohnende Zwerge über. Die Fanggen verlieren sich in Fenggen und Fänken. Die von Fanggen, Holzweiblein und wilden Frauen erzählte Geschichte von Todansagen (S. 90) wird auch von Zwergen berichtet. Wilde Leute werden local zu Nörgeln und Norken (S. 110), die Seligen zu Schanhollen (S. 102). Und die Seligen selber, die in fast allen Stücken den Wald- und Moosweibchen entsprechen, verlieren den Character eigentlicher Waldgenien fast ganz. In der norddeutschen Ebene vertreten die Unnererdschen und weißen Weiber die Waldgeister des deutschen Südens und skandinavischen Nordens (S. 124). Mit einem Worte Wald- und Feldgeister sind sowenig durch eine feste Schranke geschieden, daß sie vielfach in einander rinnen.

1) Die Identität der Seliger), witten Wiwer und Hollen erweisen die Mitteilungen von A. Kauffmann und Birlinger in Pfeiffers Germania XI, 411 ff. und XVII, 78, wonach in Aufzeichnungen des XVI. Jabrh. von niederrheinischen unter schiinen Bäumen und krausen Büschen wohnenden Geistern die Bede ist, für welche die Namen „selige frauwen,“ „holden,“ „wyße frauwen“ als Synonyma gebraucht werden.

Text aus dem Buch: Wald- und Feldkulte (1875), Wilhelm Mannhardt.

Siehe auch:
Wald- und Feldkulte – Vorwort
Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen
Die Baumseele

Inhaltsübergreifend: Deutsche Mythologie

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Wald- und Feldkulte

Strafe für Baumschäler:

„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)

Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen

Kapitel I.

Kapitelgliederung:
§ 1.     Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze
§ 2.     Mensch und Baum
§ 3.     Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla
§ 4.     Der Baum als Person behandelt
§ 5.     Die Holundermutter, die Eschenfrau und ihre Sippe
§ 6.     Niederlitauische Waldgeister
§ 7.     Baum, Menschenleib und Krankheitsdämonen
§ 8.     Strafe für Baumschäler
§ 9.     Miteinanderwuchs des Baumes und des Menschenleibes
§ 10.   Verletzte Bäume bluten
§ 11.   Freibäume
§ 12.   Baum zeitweilige Hülle einer abgeschiedenen Seele
§ 13.   Baum Aufenthalt des Hausgeistes
§ 14.   Baum Schutzgeist oder Sitz des Schutzgeistes
§ 14a. Baum = Lebensbaum
§ 14b. Fortreisende verknüpfen ihr Leben mit einem Baume
§ 14c.  Schicksals- und Geburtsbaum von Einzelnen und Familien
§ 14d. Várdträd
§ 15.   Weltbaum Yggdrasill
§ 16.   Erläuternde Begegnisse aus dem täglichen Leben
§ 17.   Boträ
§ 18.  Chronologische Zeugnisse

§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze. Verschiedene Formen dieses Glaubens.

Wir wenden uns zunächst der Betrachtung einer Reihe germanischer, lettoslavischer und keltisch-romanischer Anschauungen und Bräuche zu, welche uns darüber belehren, wie und in welcher Weise der Gedanke, daß die Pflanze beseelt sei, in Bezug auf die Bäume weiter und in mannigfachen Formen bis zu so völliger Gleichstellung mit den Menschen hinausgesponnen und entwickelt wurde, daß die einen so zu sagen als vollendete Doppelgänger der andern auftreten. Schon im antkropogoniscken Mythus nehmen wir eine Art solcher Gleichsetzung wahr; eine andere äußert sich in der Behandlung des Baumes als persönliches Wesen. Die Identifizierung erstreckt sich zuweilen sogar auf eine imaginäre Verschmelzung der Körperlichkeit von Mensch (oder Tier) und Pflanze und führt zu der Annahme, daß der Baum der Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele, der Wohnsitz mehrerer Elfen oder eines Schutzgeistes sei, der wiederum kaum von einem alter ego des Menschen zu unterscheiden sein möchte. Zuweilen führt die Baumseele oder der Banmgenius auch schon ein Leben außer dem Baumleibe in Sturm und Unwetter, in Wald und Feld. Da wir die in diesen Ueberlieferungen sehr scharf und deutlich zu Tage tretenden Verhältnisse später einmal vorzugsweise zum Verständniß von Korngeistem vergleichend zu nutzen gedenken, gestatten wir uns hier bereits gelegentlich von selbst aufstoßende Uebereinstinmmngen der Baumsage mit dem an das Getreide geknüpften Volksglauben voraunerken. Und auch das möge den Leser nicht stören, wenn er (da sich ein anderer Platz dazu nicht eignete) in die Darlegung des Baumglaubens nordenropäischer Stämme nicht ganz selten auch einzelne Analogien aus fernen Ländern und Weltteilen eingeflochten findet.

Es geschähe gegen unseren Willen, wenn durch Schuld dieser Einschaltungen das Bild des nordischen Baumkultus sich in einen verschwimmenden Allerweltsnebel auflösen würde. Wir stimmen vollkommen den goldenen Worten Th. Monunsens zu (Röm. Chronologie):

„das über die Kluft der Nationen hinweggerichtete Auge erfaßt nur allzuleicht der Schwindel und man vergißt den wahren und hauptsächlichsten Grundsatz aller historischen Kritik, daß die einzelne historische Erscheinung zunächst im Kreise der Nation, der sie angehört, geprüft und erklärt werden soll und erst das Resultat dieser Forschung als Grundlage der internationalen dienen darf.“

Insofern es sich aber hei unseren Zusammenstellungen zunächst noch nicht um die Darlegung irgend welcher historischen Verwandtschaft, sondern um die Beschreibung von Typen handelt, so bedienen wir uns desselben Vorteils, den etwa der Botaniker genießt, wenn er die Coniferen Europas und Amerikas miteinander vergleichen kann. Die Beobachtung gewisser gleicher Eigenschaften bei beiden macht klar, daß dieselben zum Wesen der Gattung gehören. Gleichartigkeit der Vorstellungen über den nämlichen Gegenstand in zwei verschiedenen Zonen läßt zumeist auf eine gewisse psychologische Notwendigkeit derselben schließen und die eine erläutert die andere. Nur als ein solches die Natur und den Sinn der nordeuropäischen Traditionen durch Analogie erläuterndes Material wünscht der Verfasser Einschiebsel aus der Fremde beachtet zu sehen.

§ 2. Mensch und Baum.

Gleichniss im Háramál. Die germanische Welt hat die Gleichung Mensch und Pflanze zur mannigfachsten Entfaltung gebracht. Auch abgesehen von jeder mythischen Verkörperung war dieselbe in unserer Poesie von alters her lebendig. Wie neuerdings Schüler den von seinen Anhängern verlassenen Waüenstein einen entlaubten Stamm nennt, hatte z. B. schon ein altnorwegischer Gnomendichter, dessen Sinnspruch man später dem Odhinn in den Mund legte, gesagt:

der Baum, der einsam im Dorfe steht, stirbt ab und nicht Laub noch Rinde halten ihn fürder wann; so ist der Mann, den niemand liebt, was soll er länger leben?

§ 3. Anthropogonischer Mythus von Askr und Embla.

Jahrhunderte bevor dieses Stückchen Volksweisheit sein poetisches Gewand erhielt, mag der bekannte  Mythus von Askr und Embla entstanden sein. Derselbe ist jedoch — ich folgere dies aus psychologischen Gründen — unmöglich in der uns vorliegenden Form zuerst entsprungen, sondern wir besitzen ihn in einer Gestalt, welche erst das Ergebniß mehrfacher Umwandlungen im Munde der Dichter gewesen zu sein scheint. Wie die Urform lautete, werden wir verstehen, wenn wir die noch einfachere Gestalt entsprechender Sagen bei anderen Völkern in Vergleich ziehen.

Bekanntlich läßt eine der eranischen Schöpfungssagen, aus denen die Cosmogonie des Bundehesch zusammengesetzt ist, das erste Menschenpaar Maschia und Maschiána in Gestalt einer Reivaspflanze (rheum ribes) aus der Erde emporwachsen. Sie machten ursprünglich ein uugetrenntes Ganze aus und trieben Blätter; in der Mitte bildeten sie einen Stamm, oben aber umarmten sie sich dergestalt, daß die Hände (Zweige, Aeste) des einen sich um die Ohren des andern schlangen. Erst später wurden sie von einander getrennt. In diesen Körper goß Ahuramazda die zuvor bereitete Seele und sie wurden zur Menschengestalt, indem jener Glanz geistiger Weise zum Durchbruch kam, der die Seele kundgiebt. Diese weder dem Avesta, noch den alten von Firdosi benutzten Quellen bekannte Anthropogonie -macht gleichwol auf hohes Altertum Anspruch, insofern sie noch ziemlich unverändert jene früheste Anschauungsstufe vor Augen stellt, wonach Mensch und Pflanze gleiches Wesens waren, und unmittelbar in einander übergingen. Eine ganz ähnliche Vorstellung begegnet bei den den Eraniern allem Anscheine nach nahverwandten Phrygem im Stromgebiete des Sangarios. Ihnen galten die Korybanten als die ersten Menschen; die Sonne beschien sie zuerst, als sie baumartig emporsproßten. Wir wissen nicht, wie sich der Rationalismus einer späteren Zeit den in der Mythe ausgesprochenen Uebergang des Baumes in die Menschengestalt in diesem Falle zurechtlegte. Nach den Sioux, die gleich den Karaiben nnd Antillenindianern ebenfalls die Stammeltern im Anfänge als zwei Bäume entstehen ließen, standen diese viele Menschenalter hindurch mit den Füßen im Boden haftend, bis eine große Schlange sie an den Wurzeln benagte, worauf sie als Menschen Weggehen konnten. Biesen Beispielen entsprechend wird auch der germanische Mythus die Urahnen anfänglich nicht aus todten Hölzern, sondern aus lebendigen aus der Erde aufsprießenden Bäumen (einem mit einem männlichen Namen und einem mit weiblicher Benennung) haben liervorgeheu lassen; später hat er dann zur Motivierung der freien Beweglichkeit des Menschen eine Umänderung dahin erfahren, daß drei kräftige und liebreiche Götter am Strande zwei über Meer von den Wellen ans Land getriebene Bäume (Askr und Elmja (?), Esche und Ulme (?) fanden und den noch Schicksalslosen Geist, Sprache, Blut und blühende Farbe eiuflößten. Die belebten Bäume Askr und Elmja (? fern, zu almr Ulmbaum) waren die Stammeltern aller Menschen. Uns ist diese Erzählung nur in einer zweiten Umformung bewahrt, in welcher der schwer über die Zunge gleitende Name der Stammmutter durch Metathesis mimdrecht gemacht und so in den geläufigeren Embla (aus Emla = amlja die arbeitsame) verändert ist. Auf den von uns für die Grundform dieser Schöpfungssage vorausgesetzten primitiven Standpunkt d. h. bis nahezu an die Schwelle wirklichen Glaubens an die Identität von Mensch und Pflanze würden uns gewisse der Skaldenpoesie geläufige Metaphern zurückweisen, falls nicht deren unmittelbarer Zusammenhang mit dev Naturpoesie sehr zweifelhaft wäre.

§ 4. Der Baum als Person behandelt.

Beruht der anthropogonische Mythus der Nordgermanen auf der Anschauung

„der Mensch ist wie ein Baum“,

so haftet der umgekehrte Vergleich

„der Baum ist wie ein Mensch“

nicht minder tief in dem Volksglauben sowol der skandinavischen als der deutschen Stämme, denen sich slavische und finnische Nachbarn anschließen. Schon auf den untersten Stufen zeigt sich diese Vorstellung in verschiedenen Formen, fast überall jedoch — wo sie auftritt — hat sie den Standpunkt der reinen Identität bereits verlassen und als Beimischung die Annahme eines dem Menschen zwar ähnlichen, aber geheimnisvollen und übernatürlichen Wesens erhalten. Am nächsten kommt es jenem ursprünglichen Standpunkt, daß der Mensch den Baum selbst ganz als eine ihm gleich stehende oder übergeordnete, mit individuell bestimmten Character, mit menschlichem Ethos begabte Persönlichkeit behandelt und anredet.

Man kündigt in Westfalen den Bäumen den Tod des Hausherrn an, indem man sie schüttelt und spricht: „der Wirt ist todt“. Die mährische Bäuerin streichelt den Obstbaum mit den von Bereitung des Weihnachtsteiges klebrigen Händen und sagt: „Bäumchen bringe viele Früchte“. Man springt und tanzt in der Sylvesternacht um die Obstbänme und ruft:

Freue ju Böme
Nüjár is kömen!
Dit Jar ne Käre vull,
Up et Jär en Wagen vull!

Zwischen Eslöf und Sallerup in Haragers Härad in Schweden befand sich noch 1624 ein Hain, den eine Riesenjungfrau gesät haben sollte; darin gab es eine Eiche, die Gyldeeiche, worin in alten Tagen viel Spukerei gespürt war. Wer irgend vorbeiging, grüßte den Baum mit Ehrerbietung

„Guten Morgen Gylde!“ ..Guten Abend Gylde!“

Allem Anscheine nach auf einstigem Gebrauche ruht, was der Tiroler vom Holunder sagt:

„der Holer ist ein so edler Baum, daß man vor ihm den Hut abnehmen soll.“

Die Holzarbeiter in der Oberpfalz reden von den Waldbäumen wie von Personen; zieht der Wind durch die Baumkrone, so

„neigt sie sich und beginnt zu sprechen“;

die Bäume „verstehen sich“. Der Baum „singt“, wenn die Luft durch seinen Wipfel streicht; nur ungern „läßt er sein Leben“; unter dem Axtschlag „seufzt“, zu Boden fallend „stöhnt“ er. Ein Förster stritt mit dem Herrn des Waldes, welche von den zwei schönen Buchen vor ihnen gefällt werdon solle. Da beugten sich beide Bäume seufzend hin und wieder. „Wer hat geseufzt?“ rief der Herr. Es war aber niemand da, der Antwort gab. Furcht trieb sie von dannen und die herrlichen Bäume blieben verschont. Noch jetzt bitten die Holzfäller den schönen gesunden Baum um Verzeihung, ehe sie ihm „das Lehen abtun“.

§ 5. Die Holundermutter, die Eschenfrau und ihre Sippe.

Trogill Arnkiel, ein geborner Nordschleswiger und Pastor zu Apenrade erzählt 1703, daß in seiner Jugendzeit (wie er öfters gehört und gesehen) niemand es wagte, frischweg einen Elhornbaum (Holunder) zu unterhauen, sondern wo sie denselben unterhauen (d. i. die Aeste stutzen) mußten, so pflegten sie vorher mit gebeugten Knien, entblößtem Haupte und gefalteten Händen dies Gebet zu tun:

„Frau Elhorn gib mir was von deinem Holtze, denn will ich dir von meinem auch was geben, wenn es wächst im Walde.“

Die Wahrheit dieser Erzählung erhärtet eine Aufzeichnung aus Dänemark v. J. 1722:

„Paganismo ortum debet superstitio, sambueum non esse excindendum, nisi prius rogata permissione his verbis: mater sambuci, mater sambuci permitte mihi tnam caedere silvam.“ 1

Der dänische Name des angerufenen Wesens lautet Hyldemoer, es wird auch sonst erwähnt, daß man dreimal hinter einander eine der Arnkielschen fast wörtlich entsprechende Formel anssprechen müsse, ehe man etwas vom Holunderbaum breche.1 In Schonen spricht man ebenso von der Hyllefroa (Holunderfrau), in Ljunitshärad ebendaselbst von der Askafroa (Eschenfrau). Am Aschermittwochsmorgen [askons dags morgon, diese Zeit ist nur wegen des zufälligen Gleichklangs mit ask Esche gewählt] opferten die Alten der Askafroa, indem sie vor Sonnenaufgang (denn dann sind die Geister rege) Wasser über die Wurzeln des Baumes ausgossen mit den Worten: nu offrar jag, sá gör du oss ingen skada. Nun opfere ich, tue, uns keinen Schaden! Wer einen Holunderbamn beschädigte oder verunreinigte, bekam eine Krankbeit, Hylleskál genannt, dagegen bötete man, indem man Milch über die Wurzeln des Baumes ausgoß,2 d. h. durch ehrerbietige Speisung des im Baume verkörperten Nuunens den begangenen Fehler wieder gut machte. Den Dänen ist auch eine Ellefra (Ellerfrau) bekannt, die im Erlenbaum (elle) lebt.4 In der Smáländischen Landschaft Värend heißt das der Holunderfrau und Eschenfrau entsprechende Wesen in gewissen Laubbäumen Löfvika.5  In der Mehrzahl dieser Beispiele erscheint der mit religiöser Scheu geehrte Dämon auch als der mit Denkkraft und Sinnen ausgerüstete Baum selbst; nicht anders verschieden steht der Baumgeist dem Holze gegenüber, als der menschliche Geist dem menschlichen Körper. Auch da noch bilden Baum und Baumgeist eine geschlossene Einheit, wo von dem Holunderbaum auf einem dänischen Pachthofe erzählt wird, der oft in der Dämmerung spazieren gehe und durch das Fenster gucke, wenn die Kinder allein im Zimmer sind.1 Diese Erzählung ist der einfache Widerschein der tiefen Furcht, welchen abergläubig erzogene Kinder vor jenem Baume als einem gespenstigen Wesen hegten.

§ 6. Niederlitauische Waldgeister.

Der Glaube, daß der von seinem Geiste erfüllte Baum schaden könne (s. n. die Askafroa) kehrt auch sonst wieder. Zwischen 1563 —1570 bemühte sich der Revisor von Niederlitauen, Jaeub Laszkowski, die noch stark in heidnischen Anschauungen befangenen Zemaiten von ihrem Aberglauben abzubringen.

§ 7. Baum, Menschenleib und Krankheitsdämonen.

Ein merkwürdiger französischer Brauch aus der Nähe der Pyrenäen schließt uns das Verständniß dieses litauischen Glaubens auf.

So weit de Nore’s Mitteilung. Der Askafroa, den niederlitauischen Baumdämonen. dem Monsieur le yéble wurde die Macht zugeschrieben, Menschen und Tieren zu schaden. Dies geschah — wie der französische Bericht in Verbindung mit dein litauischen lehrt — dem Volksglauben nach vermittelst der Insekten von mancherlei Gestalt und Farbe, welche in und unter der Rinde, Stamm und Wurzeln der Bäume uud Kräuter ihren Aufenthalt haben. Man warf dieses Gewürm nämlich mit den bösen Geistern in Wurmgestalt zusammen, welche nach einer uralten schon bei den Indern in dem Atharvaveda und in den Grihyasutras ganz ähnlich wie unter den Germanen entwickelten Vorstellung sich als Schmetterlinge, Raupen, Ringelwürmer, Kröten u. s. w. in den menschlichen oder tierischen Körper einschleichenn und dann als Parasiten verweilend die verschiedensten Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Kopfweh. Magenkrampf, Zahnweh, besonders nagende, bohrende und stechende Schmerzen u. s. w.) hervorbringen sollten.1


Der Glaube an dieses Gewürm beruht auf einem ganz einfachen psychologischen Vorgänge und erzeugt sich häufig auch jetzt noch in den Fieberphantasien sonst ganz gebildeter Kranker auf Momente wieder. Aus dem wilden Walde, meinte man, kämen diese Geister, welche häufig Elbe genannt werden,1 zu Menschen und Vieh.2 Der Baum, dessen Rinde sie beherberge, entsende sie entweder aus Lust am Schaden, oder um sie loszuwerden, weil sie in seinem eigenen Leibe, nie in den Eingeweiden des Menschen verzehrend wüteten.

Wie der Baum oder Baumgeist das krankheitserzeugende geisterhafte Ungeziefer (Elben u. s. w.)2 schickt, kann er es wieder zurücknehmen. Deshalb umwandelt man bei Zahnschmerzen einen Birnbaum rechts und umfaßt ihn mit den Worten:

Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer, die stechen mir,
Der eine ist grau,
Der andere ist blau,
Der dritte ist rot,
Ich wollte wünschen, sie wären alle drei todt.

Diese Zeremonie nennt man den Baum „anklagen“.1 Auch andere Pflanzen, als Bäume, stehen im Verdacht, durch ihren Willen die Würmer im tierischen Organismus festznhalten. So schreibt z. B. der böhmische Aberglaube vor, auf dem Felde eine Distel zu suchen, einen Stein und eine Ackerkrume darauf zu legen und zu sagen:

Distelchen, Distelchen
Ich lass‘ nicht eher dein Köpfchen los,
So lang du nicht frei läßt die Würmer der Kuh (des Pferdes u. dgl.). 2

Die einmal vorhandene Vorstellung von dem Verweilen der Krankheitsgeister im Baume haftete so sehr1, daß man sie auch da beibehielt, wo diese Dämonen nicht in Wurmgestalt, sondern in anderer Tier- oder Menschengestalt gedacht wurden. Auch da ist es häufig der Baum, der durch ihre Entsendung Epidemien hervorruft, durch ihre Zurückberufung die Gesundheit wiederherstellt. Lehrreich in dieser Beziehung ist ein Lied, welches bei einer Seuche die russischen Weiber singen, indem sie mit einem Pflug um das Dorf die die bösen Geister abwehrende Furche ziehen:

Vom Ocean, von der tiefen See
Sind zwölf Mädchen gekommen;
Sie nahmen ihren Weg — kein kleiner war’s —
Zu den steilen Höh’n, zu den Bergen empor,
Zu den drei alten Holunderbäumen.

Diese zwölf Mädchen, die in vielen gegen sie gerichteten Beschwörungsformeln „die bösen Schütteler“, oder „Töchter des Herodes“ oder einzeln mit den Namen besonderer Krankheiten genannt werden, mithin Personificationen der Krankheitsursachen sind,1 werden nun redend eingefiihrt:

Macht fertig die weißen Eichentische,
Schärfet die Messer von Stahl,
Macht heiß die siedenden Kessel,
Spaltet, durchbohrt bis zum Tode
Jedes Leben unter dem Himmel.

Die Holunder geben ihre Zustimmung zn dem Wunsche der zwölf Schwestern; alle lebenden Wesen sind dem Tode geweiht.

In diesen siedenden Kesseln
Brennt mit unauslöschlichem Feuer
Jedes Leben unter dem Himmel.

Doch die drei Holunder erfaßt mitleidige Rührung:

Rund um die siedenden Kessel
Steheu die alten Holunder.
Die alten Holunder singen,
Sie singen von Leben, sie singen von Tod,
Sie singen vom ganzen Menschengeschlecht.
Die alten Holunder verleihen
Der ganzen Welt langes Leben;
Doch dem andern, dem Übeln Tode,
Bestimmen die alten Holunder
Eine weite und große Reise.
Die alten Holunder versprechen
Ein beständiges Lehen
Dem ganzen Geschlechte der Menschen.2

Rief der Baumgeist die Krankheit verursachenden Elben nicht freiwillig zurück, so bediente man sich zauberischer Worte und symbolischer Handlungen, der unter uns sogenannten sympathetischen Kuren, welche darauf hinausgingen, die schädlichen Geister unter einen Stein, in die Wüstenei zu verweisen, einem Vogel zum Mitnehmen zu empfehlen, oder sonst zu verbannen, vorzüglich aber sie auf einen Baum oder ein Kraut zu 1 2

übertragen, da sie ja zu solchen gehören, von solchen ansgingen;1 oder wo diese letztere Vorstellung nicht mehr obwaltete, bewog die in der Menschheit ewig rege Selbstsucht die Schmerzen des eigenen Leibes auf einen fremden (den des Pflanzendämons) abzuleiten. Eine von Räucherung geweihter Kräuter und Rosenblätter begleitete Beschwörung in Böhmen lautet:

Ich verwünsche euch Gliederweh,
Brandweh, Beinweh
In den tiefen Wald,
In die hohe Eiche,
In das stehende Holz
Und in das liegende.
Dort schlagt euch herum und stoßet
Und gebet dieser Person (Name) Ruhe.2

In Mecklenburg spricht der Kranke bei abnehmendem Monde, die Würmer anredend:

Ji sölt mit mi führen to Holt,
Dár steit en Bömken köl un stolt,
Dárin will ik ju versenken,
Ertränken! 3

In Böhmen hält der Besegner behufs Entfernung der „fressenden Würmer in den Augen“ ein Büschel von 29 Sommerkornähren an das kranke Auge und sagt:

„Du N. N. hast fressende Würmer in den Augen. Ich laß sie nicht dort, ich bespreche sie heraus. Kommt ihr Würmer in diese Aehren.“4

Uebereinstimmend ist der mit mehrfachen Modificationen weit verbreitete Brauch, das Fieber in Getreidekörner (Gerste, Buchweizen u. s. w.) durch Berührung mit dem Körper des Kranken übergehen zu lassen und dieselben dann auszusäen; verfaulen

sie in der Erde, so starb der Quälgeist mit, gehen sie auf und schießen in Halmen empor, so steckt er in diesen und sie zittern bei ruhiger Luft beständig in Fieberschauern.1 Wer an Schwindel leidet, läuft nach Sonnenuntergang dreimal nackt um ein Flachsfeld. dann bekommt der Flachs den Schwindel.2

Wenn jemandem in Masuren die krazno lutki (Fettleute), kleine rote Würmer, in den Eingeweiden an der Lunge zehren, so schneidet mau etwa 40 Paar Hölzchen von nennerlei Holz (Kaddik. Erle, Birke u. s. w.) — dieselben müssen jedoch unter einem Aestchen abgeschnitteu sein, so daß sie mit diesem die Gestalt eines Häckckens bilden — übergießt den Kranken mit einem Kübel warmen, bei abnehmendem Licht aus fließendem Rinnsal geschöpften Wassers und wirft die Hölzchen paarweise hinein. Dann wäscht man den Leidenden besonders die Ohren, Nasenlöcher, Achselgruben und Kniekehlen) und sieht nun nach, wie viele Hölzchen oben im Wasser schwimmen, und wie viele zu Boden gesunken sind. Die ersteren zeigen die Anzahl der krazno lutki au, welche den Körper des Patienten bereits verlassen haben (d. h. in die Baumzweige übergegangen sind, die letzteren entsprechen der Anzahl der noch im Fleisch und Gebein des Unglücklichen verweilenden Plagegeister.3 An drei Donnerstagen wird die Procedur wiederholt, Bis alle Fettleute aus dem Körper heraus sind, oder die Unheilbarkeit sich herausstellte. Ein ganz ähnliches Verfahren wendet man mit drei in 81 kleine Stäbchen zerlegten Zweigen des Kirschbaums an, um zu erkennen, ob jemand mit „weißen Leuten“ (biale ludzie) in Haut, Blut, Adern und Gelenken behaftet sei. Bleiben alle Stäbchen schwimmen, so ist der Besegnete von weißen Leuten

frei, geht ein Teil unter, so ist er mit ihnen in dem Grade behaftet, als das Verhältniß zu den schwimmenden Zweigteilchen angiebt.1

Hierzu stellt sich u. a. der Brauch aus Vorarlberg, die Tschütaläuse (d. i. Flechten, herpes) einem kranken Tier zu vertreiben, selbst wenn das Stück entfernt ist. Man bricht bei Sonnenuntergang von der Holunderstaude drei Schossen ab unter Verwahrung für das namentlich genannte Tier, dem man zu helfen verlangt (dadurch gehen, wie man sich offenbar vorstellte, die Plagegeister in die Schößlinge über), hernach bindet man sie zusammen und henkt sie in den Kamin oder sonst in den Rauch; so geschwind die Schosse dürr werden, werden auch die Tschütaläuse weg sein.5 Aus diesen und ähnlichen Bräuchen darf wol gefolgert werden, daß die Vorstellung von den gespenstigen Würmern im kranken Menschenkörper wieder rückwärts gewirkt habe auf die Vorstellung von dem den Baum- oder sonstigen Pflanzenkörper bewohnenden Gewürm. Nicht allein unter dem Baum, oder zwischen dessen Borke, sondern (trichinartig) in seinem Innern dachte man sich nun wol derartig die Elben verteilt, daß im Holze jedes Zweiges mehrere ihren Sitz hatten, wie sonst in Fleisch und Gliedern des Menschen. In einen solchen Zweig sollten die vorstehenden Zauberformeln sie zurücklocken. Möglich ist, daß die Knoten der Astansätze für Anzeichen des Daseins je eines Elben oder eines Elbenpaares (Elb und Elbin, wie Wurm und Würmin) gehalten wurden; wenigstens die Unformen und auffallenden Knorren sollen von alten Elben herrühren, die sich im Baum verkriechen und dann verwachsen.3 Bei Potsdam heißen sie Alfloddern und verursachen, wenn man unter ihnen durchgeht, einen schlimmen Kopf. 4 (Der Alb springt von ihnen herab in den Kopf des Menschen.) Im menschlichen

Körper entsprechen diesen Knorren und Auswüchsen vorzugsweise die Geschwülste, Warzen und Leichdörner, weil diese das Dasein eines Geistes verraten; auch sind sie angeblich durch Uebertragung auf einen andern Menschen, auf Tiere und Bäume, durch Regenwasser, das auf einem Leichenstein gesammelt wurde, u. s. w. zu heilen.

Den vorstehenden Auseinandersetzungen entspricht es, daß der Beschwörer den krankheitverursachenclen Geist bald auf den Ast des Baumes sich setzen heißt, bald leibhaftig mitten in das Innere des Baumkörpers hineinzuversetzen sucht:

„Zweig ich biege dich, Fieber nun meide mich!“ (Myth. 1 CXL, XXVI),

oder

„Holunderast hebe dich auf, Rotlauf setze dich drauf!“ (Myth.2 1122),

oder den Holnnderbaum, während man Fieber hat, schüttelnd:

„Holunder! Holunder! Holunder! Auf mich kriecht die Kälte; wenn sie mich verlassen wird, kriecht sie dann auf dich! (Wuttke, § 488. Grollmann, Abergl. 164,1158)

oder:

„Goden Abend Herr Fléder! hier bring ick min Féber!“

oder frühmorgens drei Knoten in den Ast eines alten Weidenbaumes knüpfend:

„Gon morgen, Olde, ick géf u de Kolde; gón morgen, Olde! (Myth. 2 1123).

Schon etwas complizierter, mithin auf ältere einfachere Formen zurück weisend ist das vou Plinins Valerianus (oder Siberius, einem Gallier des 4. Jahr.) gemeldete Heilmittel für das viertägige Fieber: Panem et salem in linteo de lyco (lies: deliculo) liget et circa arborem licio alliget et juret ter per panem et salem: „Grastino mihi

hospites ventni sunt, snscipite illos.“ Hoc ter clicat. Plin. Valer. III. 6. p. 191b. Die Gäste sind die Plagegeister; der Kranke, der sie nicht haben will, bringt sie dem Baum zugleich mit Brot und Salz, damit dieser sie bewirte. Dazu vgl. Frischbier, Hexenspruch S. 58, 3, wo der Fieberkranke ein Geldstück und ein Stück Brot in einem Lappen jenseits neun Grenzen unter einen Stein (vgl. o. S. 18 Anm. 3) trägt und spricht:

„Grenze, Greuze, ich klage dir
Kalt und Heiß plaget mir,
Der erste Vogel, der rüber fliegt
Nehm’ es unter seine Flücht’.“

und dazu wieder den Spruch ebds. 4, welcher lehrt, daß auch dem Baume der Krankheitsgeist zuweilen nur übergeben wird, damit er denselben einem Vogel zum Hinwegtragen in weite Feme überliefere:

Bóm, Bóm öck schödder di,
Dat kóle Féber bring öck di.
De érscht Vagel, der räwerflücht,
Dat de dat Féber kriege mücht.

Über die ganze Vorstellung s. Kuhn, Zs. f. vgl. Spracht XIII. 73, der nicht allein Analoga aus den Veden und der Edda anführt, sondern auch an den Gebrauch in der Altmark erinnert, daß Kopfwehkranke einen Faden zuerst dreimal um ihr Haupt binden, dann in Form einer Schlinge an einen Baum hängeu. Fliegt ein Vogel hindurch, so nimmt er das Kopfweh mit. Ein Gichtkranker soll sich vor Tagesanbruch im Walde einfinden, dort drei Tropfen seines (von den unsichtbaren Plagegeistern erfüllten Blutes in den Spalt einer jungen Fichte versenken und nachdem die Öffnung mit Wachs von Jungfernhonig verschlossen ist, laut rufen:

Gut morgen, Frau Fichte, da bring i dir die Gichte! was ich getragen hab’ Jahr und Tag, das sollst du tragen dein Lebetag!1 Wer jemanden von Zahnschmerzen befreien will geht rücklings aus der Stube zu einem Holunderstrauch nud spricht dreimal

Liebe Hölter
Leiht mir einen Spälter
Den bring ich euch wieder!

Unterdessen macht er, sich umdrehend, zwei neben einander liegende Einschnitte und schält die Rinde auf eines Zolls Länge, doch so daß sie möglichst ungerissen unten mit dem Aste vereinigt bleibt, schneidet ans deim hloßgelegten Holz einen Splitter und trägt den wieder rücklings gehend in die Stube. Der Leidende ritzt dort mit dem grünen Splitter sein Zahnfleisch bis derselbe blutig wird, (mit dem Blute den das Zahnweh verursachenden Geist in sich auf nimmt). Dann bringt ihn der Beschwörer immer rückwärts gehend nieder zu dem Holderbaum, drückt ihn in den Splint, legt die Rinde, wie sie gewesen und befestigt sie mit einem Bindfaden, damit der Einschnitt desto eher verwachse. Dann noch einiges Gemurmel unverständlicher Worte und der Zahnschmerz ist fort.1 In Dänemark nimmt man bei Zahnweh einen Holunderzweig in den Mund und steckt ihn dann in die Wand mit den Worten: „Weiche böser Geist.“2 Es ist nun wohl deutlich, wie alle vielfachen Kuren, welche sonst noch auf ein Verpflöcken der Krankheit in den Baum, (sogar die Pest wird als Schmetterling in den Baum verkeilt), oder auf ein Einknoten oder Einbinden in Zweige hinausgehen samt und sonders auf eine und dieselbe Grundvorstellung zurückzuführen sind. 3



Von den unzähligen individuellen Ausgestaltungen und Sproßformen der dargelegten Ideen will ich nur noch eine hier erwähnen, welche aufs neue recht deutlich der im Volksglauben feststehenden Parallelismus des Baumes und des Menschenkörpers zeigt. Offenbar um seiner Form willen heißt ein schwellend hervorspringender Fleischteil bei Menschen, der Muskel, unter Hellenen, Römern und Deutschen Maus, Mäuslein, Mänschen. Auch von Tieren gilt dasselbe Wort.

So heißt in Augsburg ein besonders geschätzter Teil des Rindfleisches Herrenmaus. Man hat aber sicherlich diese Stelle einst auch wirklich von einem geisterhaften Wesen in Mausgestalt erfüllt gedacht. In vielen Sagen schlüpft die den Menschenleib bewohnende Seele in Mansgestalt aus dem Munde und verläßt zeitweilig oder für immer deu Körper.1 Auch Hexen, Hausgeister, Waldgeister und andere Dämonen nehmen Mausgestalt an. 2 Caspar Peucer, Melanchthons Schwiegersohn war doch wol durch eine allgemeine Anschauungsweise seiner Zeit zu der Ueberzengung und Behauptung verleitet, er selbst habe hei einer besessenen Weibsperson den Teufel in Gestalt einer Maus unter der Haut hin- und herlaufeu sehen.3 Wenn daher der Aberglaube versicherte, gewisse unerklärliche und krankhafte Anschwellungen des Körpers hei Menschen und Vieh rührte daher, weil eine Feldmaus darüber hingelaufeu sei, so wird diese Vorstellung ursprünglich ein Hineiuschlüpfen gemeint haben und nichts anderes besagen, als daß diese Geschwülste ähnlich den Warzen und anderen Auswüchsen durch einen gespenstigen Parasiten und zwar einen mausgestaltigen erzeugt würden. Unter dieser Voraussetzung wird es dann vollkommen erklärbar, weshalb man, um jene Krankheit zu heben, eine lebendige Feldmaus in eine Eiche, Ulme oder Esche, (pollardash, shrewash) verpflückte und der Ansicht war, mit einem Zweige dieses Baumes berührt, werde die Geschwulst sofort aufhören.4 Natürlich, die gespenstige Maus wurde als in den Baum zurückgegangen gedacht. Man gewahrt hier aber deutlich, wie durch Analogie und Wechselwirkung der Vorstellungen, nachdem zuerst die im Baume hausenden Insekten mit den vermeintlichen schmerzerregenden

Würmern identifiziert worden waren, nun auch andererseits die auf Gewürm oder Ungeziefer anderer Art erweiterte Vorstellung von den Krankheitsgeistern rückwärts auf den Baum als ursprünglichen Wohnsitz derselben übertragen worden und daher der Glaube an die Heilung durch eingepflöckte Feldmäuse entstanden ist. Fast überall wird bei derartigen Heilversuchen der Baumgeist angeredet, und von den Krankheit bringenden Geistern, den Elben, unterschieden. Nicht also das bewußtlose Gewächs, sondern der empfindend und denkend gedachte, der vollen Anthropomorphose sich annähernde Baum beherbergt, entsendet und nimmt wieder auf die schädlichen geisterhaften Würmer.1 Jene Aussage Laszkowskis über den Glauben der Niederlitauer wirft, wie es scheint, die Baumgeister und die Elben in eins. Erstere wollte der erzürnte Neubekehrte tödten oder schädigen, indem er von den Bäumen die Kinde abschälte (ego vos nudas faciam); aber unter den dem Viehstand schädlichen Götterchen, welche „intra arbores et cortices“ verborgen seien, sind sowol die den Baum als ihren Körper erfüllende unter der Rinde als unter ihrer Haut sich bergende Baumseele, welche die Plagegeister auf Tiere und Menschen entläßt, als die in Holz und Borke umherkriechenden den Leib des Baumgeistes bevölkernden „bösen Dinger“ von dem in die Einzelheiten der Vorstellung schwerlich genauer eingeweiliten Berichterstatter zusammengefaßt.1


Die Richtigkeit dieser Behauptung werden die auf den nachfolgenden Seiten anzustellenden Untersuchungen dartun, welche nachzuweisen bestimmt sind, wie detailliert sich der Volksglaube die Analogie des Baumleibes mit dem Menschenkörper weiterhin ausmalte.

§ 8. Strafe für Baumschäler.

Von allem anderen abgesehen, beweist Laszkowskis Mitteilung, daß bei einem Volke lettischen Stammes es für einen Frevel galt heilige Bäume der Rinde zu berauben, weil dadurch innewohnende Dämonen geschädigt würden; wer dies dennoch tat, erwartete für sich einen unerhörten Nachteil. Hiermit stimmt nun genau das Verbot des Baumschälens in dem uralten Gewohnheitsrechte der deutschen Markgenossenschaften zusammen, welches furchtbare Strafen für solchen Forstfrevel androhte.

Aus den Weistümem hat J. Grimm R. A. 519 ff. viele Beispiele znsammengestellt, ihrer noch weit mehrere sind hier und dort in seiner großen Weistümersammlung veröffentlicht; sie gleichen sich und es genügt das eine oder das andere herauszuheben.

„Item es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum negeln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lang bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien. (Oberurseler Weistum.)

Wenn jemand eine Weide abschält, so soll man ihn mit seinem Gedärme den Schaden bedecken lassen; kann er das verwinden, kann es der Baum auch verwinden. (Wendhager Bauemrecht.)

Der en fruchtbaren Baum truddelte, soll mit seinen Därmen nach ufgeschnittenen Bauche und den Schaden gebunden und damit zugehelen werden. Wenn jemand einen fruchtbaren Baum abhauete und den Stamm verdeckte dieblicher Weise, dem soll  seine rechte Hand auf den Rucken gebunden und sein Gemechte uf den Stammen genegelt werden und in die linke Hand eine Axe geben sich damit zu lösen. (Sehaumburger altes Landrecht.)

Wir haben meines Wissens keinen Beweis dafür, daß dieses barbarische Recht in Deutschland zu historischer Zeit jemals in Anwendung gebracht sei. Der Schuldige konnte Hals und Glied mit einer geringen Geldsumme lösen.1

Ein um so bemerkenswerteres Zeugniß für die Wahrheit des Dichterwortes, daß „Rechte und Gesetze“ sich längst überlebt wie eine ewige Krankheit fortpflanzen, bietet daher u. a, das Protokoll des Holt-tings zum Harenberg unweit Blumenau und Dimmer hei Hannover am 13. Nov. 1720. Noch damals erklärten die Beisitzer des unter dem Herrn von Holle als Erben und Holzgrafen zusammengetretenen Holzgerichts:

Frage 22:

Wenn einer befunden würde „der einen Heister (ndd. bester junger Eich- oder Buchbaum) witjede (von witjen weiß machen, schälen), wie hoch derselbe soll gestraft werden?

Antw.: Man solle dem Täter das Eingeweide ans dem Leibe schneiden und daran knüpfen und ihn so lange umb den Heister henunjagen, bis er wieder bewunden wird.

Fr. 23:

So einer befunden, der einem fruchtbaren Heister den Poll (Wipfel, Kopf2) abhauete, wie hoch derselbe soll gestrafet werden?

Autw.: Wenn der Heister fruchtbar sei, solle dem Täter der Kopf wieder abgehauen werden.

Fr. 24: Wenn einer einen Schnatbaum (Grenzbaum) abhauet, wie hoch derselbe solle gestrafet werden?

Autw.: Man soll dem Täter den Kopf auf dem Stamm wieder abhauen.3

Augenscheinlich hatten diese furchtbaren Strafandrohungen nur dann Sinn, wenn man zur Zeit, als sie zuerst ausgesprochen wurden, annahm, daß der Wipfel den Kopf, die deckende Rinde die Haut, der umwickelnde Bast die Eingeweide des Baumes als eines beseelten, menschenartig empfindenden Wesens darstellten.

Wer die Krone haut, Borke und Bast des lebenden Baumes reißt, beraubt den Baumgeist der zum Leben notwendigsten Glieder, Vgl. oben den Zemaiten Lazskowskis und unten in Kap. II. die Moosweibchen im Orlagau. Nach dem Grundsätze Auge um Auge, Zahn um Zahn sollte der frevelnde Mensch mit dem entsprechenden Teile seines Körpers gut machen, was er an jenem gesündigt; er sollte die entfremdeten Glieder mit seinen eigenen gleichsam ersetzen. Zu einer gewissen Zeit muß es mit solchen Strafandrohungen auch in Deutschland bitterer Ernst gewesen sein, mag diese Periode, auch vielleicht hinter der Zeit, der Bekehrung zum Christentum weit zurückliegen. In abgelegenen Strichen des Westens z. B. in Irland dauerte sie aber im elften Jahrhundert, in den heidnischen Ländern des Ostens im dreizehnten Jahrhundert noch fort. Was in unsem Weistümem nur als eine durch die Tradition fortgepflanzte, in der Praxis schwerlich ausgefilhrte Rechtsformel uns entgegentritt, war dort noch ein Stück lebendiger Sitte.

Als die deutschen Ordensritter die Eroberung Preußens kaum begonnen hatten, wurde ihnen im J. 1231 von seinem eigenen Oheim einer ihrer hartnäckigsten Gegner, der Häuptling Pipin in die Hand geliefert.

So erzählt nach einer den Ereignissen fast gleichzeitigen Quelle die ältere Chronik von Oliva p. 21. (Script. Rer. Prussic. edd. Hirsch Strehlke, Tüppen I. 677.) Obwohl das wirkliche Verhalten der deutschen Ordensritter keineswegs durchaus dem idealen Bilde entsprach, an welches J. Voigts berühmte Darstellung die Lesewelt gewöhnt hat, müßte uns ein so barbarisches Verfahren von ihrer Seite unbegreiflich erscheinen, wenn dasselbe nicht eine ganz besondere Veranlassung hatte; die Verwunderung schwindet, sobald wir der naheliegenden Vermutung Raum geben, daß die Deutschherren ihrem Gegner diejenige Todesart zuerkannten, welche er zuvor einem oder mehreren ihrer Untergebenen mochte angetan haben. Wenn man sich erinnert, daß heilige Bäume und Haine, denen kein Christ nahen durfte (Adam. Brem. IV. 18) hei den Völkern lettischen Stammes den Fremden als die augenfälligste Aeußerung ihres Cultus immer zuerst bemerkbar geworden sind, daß mithin grade diese die nächsten Opfer des frommen Bekehrungseifers der Christen sein mußten, so ist leicht einzuseheu, nie der preußische Häuptling seinerseits freche Eindringlinge für ein an heiligen Bäumen begangenes Sacrileg strafen zu müssen geglaubt hat. Wenn die Deutschen dies dann wieder für nichts anderes, als einen rohen Ausbruch blutdürstigen Hasses ansahen und demgemäß behandelten, so gewährt uns diese Bloßlegung der wahren Motive nur einen weiteren Beleg für die traurige Wahrheit, daß viele unserem Gefühle Schauder erregende Taten der beiderseitigen Unfälligkeit entspringen, sich in die Gedankenwelt des Gegners zu versetzen.

Uebrigens darf uns der barbarische Character der Strafe nicht verleiten den Culturzustand der alten Preußen allzu niedrig anzunehmen, sie standen (zumal in wirtschaftlicher Beziehung, wie das Neumannsche Vocabular lehrt) kaum niedriger als ihre christlichen Nachbarn in Polen und wenn der obige Bericht Laszkowski’s die Entdärmung auch in lettopreußischer Sitte als anfängliche Vergeltung für Baumschulen begreiflich macht, so läßt mich der Umstand, daß die Bekehrer heilige Bäume eher mit der Axt umzuhauen pflegten, daran denken, daß wohl schon 1231 jenes Verfahren für jede Art Verletzung der geweihten Haine und der mit religiöser Ehrfurcht behandelten Stämme in Anwendung gebracht sein mag, und im späteren Verlauf des zweihundertjährigen Religionskrieges, der mit der Ankunft der Deutschen anhub, wird es bei steigender Erbitterung auch in solchen Fällen auf Christen ausgedehnt sein, wenn sie kein specielles Baumheiligtum geschädigt hatten.1

So wird der folgende Vorgang verständlich. Im Januar 1345 erschien der heidnische Litauerkönig mit seinem Heere vor Riga. Festinans ad transitum (Dünahrücke, die zur Stadt führte)

Auch dieses Zeugnis bewährt, daß wir es mit einer religiösen Handlung, nicht mit einer profanen Strafe, oder leeren Grausamkeit zu tun haben; und auf eben denselben Punkt trifft noch ein weiterer Beweis, den ein Ereigniß aus der Zeit um 1236 darbietet. Papst Gregor IX. spricht sich nämlich 1238 in einer Bulle über die Verfolgung der Neubekehrten in Tawastland durch die finnischen Heiden folgendermaßen aus:

Letztere tödten die getauften Kindlein, quosdam adultos exfractis ab eis primo viseeribus daemonibus immolant et alios usque ad amissionem Spiritus arborem circnire compellunt.1 Eine so blutige Ceremonie durfte wol von den Christen als ein den Dämonen dargebrachtes Opfer bezeichnet werden, wenn sie auch nach Anschauung der Heiden eine Sühne für ihre beleidigten Götter war. Unter den letzteren werden wir auch in diesem Falle zunächst an jene der Hyldemoer, Aska froa u. s. w. zu vergleichenden Baumnymphen denken, welche der Finne unter dem Namen Kati, puiden emnu (Kati? Baummutter) Tuometar (von tnomi Traubenkirsche) Katajatar, (von kataja Wacholder). Hongatar (von honka Tanne), Pihlajatar (von pihlaja Eberesche) als Pflegerinnen und Schützerinnen der Waldbäume verehrte,1 und deren ja in jedem heiligen Haine eine oder mehrere zur Stelle waren. Es führt uns tief in das frische Waldleben der Vorzeit ein, wenn diese Gottheiten — die nach S. 22 Anm. 3 unzweifelhaft auch als Menschen und Tieren gefährlich gedacht worden sind — anderseits angerufen werden, sich der auf der Waldweide gehenden Viehherden anznnehmen

und ihnen in reichlichem Maße Laub zum Futter zu spenden.1 Wie durch die vorhergehenden Zeugnisse bei Finnen und Litauern, lernen wir die Sitte der Entdärmung durch Helmold auch als Brauch der heidnischen Slaven des 12. Jahrhunderts in Wagrien, Polabien und Obotritenland kennen. Er schildert deren Blutdurst und fügt hinzu:

„Wie viele Todesarten sie den Cristen schon zugefügt haben ist schwer zu erzählen, da sie den einen die Eingeweide aus dem Leibe rissen, und sie um einen Pfahl wickelten, die andern ans Kreuz schlugen, um das Zeichen unserer Erlösung zu verhöhnen.“ 2

Bei den Wagriem lag das Christentum damals bereits seit mehreren Jahrhunderten mit dem Heidentum im Kampf und dieser war zu großer Erbitterung gediehen. Da wir aber von ihnen ebenfalls wissen, daß Land und Städte an heiligen Hainen und Hausgöttern (luci et penates) Ueberfluß hatten (redundabant),3 so ist leicht zu erraten, daß auch hier jene Marterart gegen die Christen ursprünglich mit dem Auftreten der Missionare in Zusammenhang gestanden haben wird.4

§ 9. Miteinanderwuchs des Baumes und des Menschenleibes.

Das Gegenstück aber zu dem durch die Strafe, für Baumschäler geforderten Ersatz zerstörter Baumglieder liefert der Volksglaube, daß umgekehrt Gebrechen des Menschen durch den Baum ausgeglichen werden könnten.

Bekommt ein neugeborenes Kind einen Leibesschaden, so schlitzt man am nächsten Charfreitag ein Weidenstämmchen auf, zieht das Kind hindurch und verbindet den Spalt wieder, sobald er verwächst wird das Kind gesund.1 Meistens ist es eine in der Mitte gespaltene mit großen Keilen auf eine Weile auseinander gesperrte, später wieder fest verbundene und verklebte junge Eiche oder ein Obstbaum, wodurch man das lahme, oder an Nabelbruch oder an zurückbleibendem Wachstum (englischer Krankheit) leidende Kind vor Sonnenaufgang schweigend und nackt kriechen läßt. 1  Ackermann sah um 1790 in dem Eichenschlage eines gewissen Dorfes viele junge Eichen, an denen dieser Versuch gemacht war.3 Rückgratverkrümmungen heilt man, indem man den kranken Kleinen dreimal durch den aus der Erde hervorragenden Bogen einer Wurzel zieht; kann er nicht gehen lernen, so heißt man ihn durch die in die Erde gewachsenen Ranken des Brombeerstrauchs kriechen. Wenn der Bruch des Baumes verwächst, verwächst der Bruch des Menschenleibes, wenn der Baum, der Brombeerstrauch von der Wurzel aus grade und gesund in die Höhe wächst und Fortgang nimmt, so der darunter durchkriechende Mensch. Derselbe hat sein Schicksal, sein Leben mit demjenigen der Pflanze gleichsam auf mystische Weise verknüpft, sich selbst mit ihr so zu sagen für eins erklärt.4 Dies geht noch

deutlicher aus dem Umstande hervor, daß es fortan für den so Geheilten sehr gefahrvoll sein soll, wenn der mit ihm in Sympathie gebrachte Baum abgehauen wird.1 Sein Leben geht mit dem des Baumes zu Ende. Und umgekehrt stirbt der Mensch zuerst, so geht — nach Rügischem Glauben — sein Geist in den betreffenden Baum über und wird der letztere nach Jahren zum Schiffsbau tauglich und dazu benutzt, so entsteht aus den im Holze weilenden Geiste der Klabautermann, d. h. der Kobold oder Schutzgeist des Schiffes und der Schiffsmannschaft.2

Uebrigens lehrte schon unter Theodosius Marcellus von Bordeaux die in Rede stehende Kur:

Es liegt von meinem gegenwärtigen Zwecke ab auszuführen, wie dieses Durchkriechen durch einen gespaltenen Baum sich umgesetzt hat in das Durchkriechen durch die natürliche Höhlung, welche durch zwei unten sich trennende, oben wieder in eins zusammenwachsende Aeste gebildet wird, oder durch alle möglichen anderen Spalten und Höhlungen z. B. in Steinen, in der aufgegrabenen Erde (Friedberg, Bußbücher S. 99) u. s. w. Was wir jedoch vom Baume geglaubt sehen, findet auch auf das Getreide Anwendung. Hat ein Kind kein Gedeihen, so legt man es am Johannismorgen nackt in den Rasen und sät Leinsamen über dasselbe, oder man übersät es im Frühjahr mit Sommergerste. wenn die Saat aufgeht, zu „laufen“ anfängt, fängt auch das Kind an zu laufen.4 Der aufsprießende Halm ist hier der Doppelgänger des jungen Menschen und sein Wachstum verbürgt das Emporschießen und die Gesundheit desselben. Und anderer-

seits trat au die Stelle des Menschen auch wol das Tier; im 7. Jahrhundert predigt der h. Eligius im Frankenreiche „Nullus praesnmat peeora per cavam arhorem transire (Myth.1 XXX.). Es ist also auch das Tier mit dem Baume gewissermaßen identifiziert worden.

§ 10. Verletzte Bäume bluten.

Die Verschmelzung von Mensch (oder Tier) und Pflanze in der Phantasie, die magische Wechselwirkung zwischen beiden, welche in dem bisher besprochenen Volksglauben uns entgegentrat, steigerte sich zuletzt zu der noch mehr anthropomorphischen Vorstellung, daß heilige Bäume und andere Pflanzen hei Verletzungen bluten, als wären sie leibhafte Menschen und nur dem äußeren Scheine nach Vegetabilien. Loccenius im 17. Jahrhundert erzählt,1 daß ein Knecht auf dem Gute Vendel im Kirchspiel Osterhanning in Södermannland einen schönen schattenreichen Wachholder hauen wollte, der von anderen Bäumen umgeben auf einem ebenen, runden Platze stand. Da hörte er eine Stimme

„Haue den Wachholder nicht!“

und als er sich dennoch anschickte zuzuschlagen, ertönte die Stimme abermals:

„Ich sage dir, haue den Wachliolder nicht!“

Afzelius2 berichtet damit übereinstimmend nach einer älteren Schrift, als ein Mann einen Baum im Walde habe abhauen wollen, habe aus der Erde eine Stimme gerufen

„Lieber, haue nicht!“

und aus den Baumwurzeln sei Blut geflossen. Eine der ersten schwedischen ähnliche Sage erzählt man in Baden von einem Kirschbäumchen bei der Barbarakirche zu Herrenalb, aus dem sich ein Bauer eine Flegelrute machen wollte. Da rief es beim ersten Schnitte hinein „Au weh!“ und ebenso heim zweiten, worauf der Bauer sich mit Grauen davon machte. Am andern Tage war das Bäumchen verschwunden. Ein ander Mal, als ein Küfer dort eine Birke ahschneiden wollte, rief es hei jedem der drei Schnitte ans ihr „o Jesus!“ Auf dieses ließ der Küfer die Birke stehen, die er später nicht wiederfinden konnte.3 Doch auch der von Afzelius berichtete Zug findet unter dentschredenden Stämmen Analogien. Man vergleiche nur was Schiller Walter Tell zu seinem Vater sagen läßt (Act. III. Sc. 3):

Vater ists wahr, daß auf dem Berge dort

Die Bäume bluten, wenn man einen Streich

Drauf führe mit der Axt?

Tell: Wer sagt das Knabe?

Walter: Der Meister Hirt erzählte. Die Bäume seien

Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,

Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.

Grimm Myth.2 619 führt aus Meinerts Kuhländchen S. 122, das mir nicht zur Hand ist, an, daß die Erle anhebe zu bluten, zu weinen und zu reden, wenn einer sie haue. Nach Schönwerth soll es auch oberpfälzische Sagen geben, daß der Baum blute, wenn er umgehauen wird.1 Derselbe Glaube herrscht noch in Oesterr. Schlesien2 In jeder Hinsicht beglaubigt ist ferner die wichtige Aufzeichnung von J. V. Zingerle über den erst 1855 niedergehaunen „heiligen Baum“ bei Nanders in Tirol. Es war ein uralter zwieseliger Lärchbaum, aus dessen Nähe das Volk aus heiliger Scheu selbst bei öffentlichen Holzverteilungen kein Brenn- oder Bauholz nehmen mochte.3 Lärmen und Schreien bei diesem Baume galt für den größten Unfug. Fluchen und Schelten für einen himmelschreienden Frevel, der auf der Stelle

geahndet werde. Oft hörte man die Warnung:

„Tu nicht so. Hier ist der heilige Baum und dem Zorne wurde sofort Einhalt geboten. Allgemein herrscht der Glaube, der Baum blute, wenn man hineinhacke und der Hieb gehe in den Baum und in den Leib des Frevlers zugleich. Der Hieb dringe in beide gleich weit ein und Baum und Leibwunde blutest gleich stark, ja die Wunde am Leibe heile nicht früher, als der Hieb am Baume vernarbe.“

Ein frecher Knecht nahm sich vor — so erzählt man — den heiligen Baum zu fällen, um den Volksglauben zu Schanden zu machen. Schon schwang er die Axt zum zweiten Hiebe, als Blut aus dem Stamm quoll und Blutstropfen von den Aesten nieder träufelten. Der Holzknecht ließ die Axt vor Schrecken fallen und lief davon, fiel aber bald ohnmächtig zur Erde nieder und kam erst Tags darauf zur Besinnung.

Die Blutspuren blieben noch lange Zeit am Baume sichtbar. Die Narbe die von jenem Streiche herrühren sollte, sah mau noch vor einigen Jahren. Zur Stütze dieses Berichts aus neuester Zeit dient, was der (wol zwischen 1409—1418) in Niederlitauen unter den noch halbheidnischen Zemaiten missionierende Camaldulensermönch Hieronymus aus Prag im Jahre 1431 zu Basel dem damaligen Secretär Enea Silvio Piccolomini, späteren Papste Pius II. über seine Erfahrungen mitteilte, und was dieser der Nachwelt in seiner „Europa“ aufbewahrt hat:


Hier ist von demselben Lande die Rede, in welchem noch 150 Jahre später Laszkowski heilige Bäume umhieb, (o. S. 12). So tief wurzelte der Glaube an die geheimnißvolle Sympathie zwischen dem heiligen, von einem für göttlich erachteten Geiste erfüllten Baume und dem beschädigenden Menschen, daß den bereits zu der rationellen Erkenntniß Vorgedrungenen, die Eiche sei ja nur ein lebloses Stück Holz, im Augenblicke als er den Streich ausführt, jeue ältere ihm anerzogene Vorstellung mit Macht wieder überkommt und er unwillkürlich das Beil auf seinen eigenen Fuß lenkt. Ueberzeugt. daß er verwundet sei, so tief, als er vermutlich in den Baun gehauen, fällt er hin und bleibt liegen, bis ihn der Mönch aufstehen heißt und zeigt, daß er keine Wunde davon getragen.2 Schön ist die

Anwendung, welche eine Sage ans Millstadt in Kärnten vom Glauben an das Bluten der Waldbäume macht.

Ein vaterloses Mädchen liebt einen Soldaten und wird deshalb durch den Fluch seiner Mutter in einen Ahornbaum verwünscht; sein Leib wird zäh, seine Brust knorrig, seine Haut Rinde, die Hände ästig und die Haare Laub. Ein Spielmann will sich von dem Baume einen Zweig zum Bogen schneiden, da quillt Blut heraus. Eine Stimme aber spricht:

„Mein Blut ist versöhnt, schneide dir einen Bogen und spiele mir mit demselben ein Grablied; dann gehe zum Bleicherhause und siehst du meine Mutter, so geige ihr ein Stücklein und sage, daß der Bogen von ihrem Kinde sei.“

Als die Mutter das Spiel des Bogens hörte, der noch nie solche Töne hervorgebracht hatte, wie diesmal, ward sie blaß und versöhnt und reuevoll rief sie aus:

„Fürwahr, ein gefallenes Kind ist besser, als keines.1 Hier ist die Baumnymphe. deren Blut dem verletzten Stamme entströmt, durch rationalistische Deutung zur Metamorphose einer menschlichen Jungfrau geworden; die übrigen Züge der Sage gehören größtenteils einer zart empfundenen freien Erdichtung zur Motivierung dieser Verwandlungsgeschichte an, welche auf ihre wahre Meinung und ursprünglichste Grundform zurückgeführt deutlicher als die vorhergehenden Beispiele die Baumgöttin mit der Verschmelzung menschenartiger und vegetabilischer Leiblichkeit vor Augen führt.“

§11. Freibäume.

Derartiger Glaube konnte der Erfahrung des praktischen Lebens gegenüber natürlich in Bezug auf wenige Baumexemplare sich halten. In heidnischer Zeit werden das

vorzugsweise die Bäume geheiligter Haine gewesen sein, welche dem wirtschaftlichen Gebrauche durchaus entzogen waren. Aber auch später noch finden wir, daß in den Marken oder Gemeinwaldungen gewisse Bäume davor geschützt waren, von jedem Markgenossen geschlagen zu werden. Sie umzuhauen war bei Kapitalstrafe verboten. Dazu gehörten vorzugsweise die „fruchtbaren.“ d. h. zur Mast dienenden Harthölzer Eiche und Buche, (das Blumholz, die Blumware) wogegen es in alter Zeit jedermann freistand, das „unfruchtbare“ weiche Taub oder Dustholz nach Belieben für seinen Gebrauch zu hauen;1 ferner die zur Bezeichnung der Grenze dienenden Bäume. In manchen Gebirgstälern der Schweiz z. B. im Urserental waren Arven und Tannen gebannt d. h. vor dem Axthieb gefreit. Auf dem Umhauen gewisser Grenzarven stand der Tod.4 Unzweifelhaft blieben einzelne Exemplare stets unberührt stehen, während andere zu Bauholz angewiesen wurden. Solche Schutz- oder Freibäume scheinen vielfach die Träger der alten mythischen Anschauung geworden zu sein (vgl. o. S. 35). In Schweden spricht man von gewissen friträd (Freibäumen) welche nicht gehauen werden mögen „denn die Bewohnerin des Baumes (hon som bor i trädet) will nicht gehauen sein“.3

§ 12. Baum zeitweilige Hülle einer abgeschiedenen Seele.

In weiterer Entwickelung nehmen nun die bisher behandelten Vorstellungen von einem Baumgeiste mannigfach andere Formen an, von denen wir jedoch nur einige der einfacheren und von fremder Beimischung frei gebliebenen teils erwähnen, teils näher darlegen wollen. Aus dem Glauben, daß die Pflanze eine Seele habe, erwuchs die Ansicht, daß dieselbe der zeitweilige Körper einer Menschenseele sei. Die Seelen Liebender oder unschuldig Gemordeter wandeln sich in weiße Lilien und andere Blumen, welche aus dem Grabe oder aus dem hinströmenden Blute hervorsprießen (S. die o. S. 3 Anm. 1 angeführten Schriften). Die 70 Fuß hohe sogenannte „schöne Eiche“ im Walde bei Lüchow soll aus dem Munde eines in der

Schlacht gefallenen Könige hervorgewachsen sein.1 Ebenso giebt es viele Sagen von sogenannten Blutbäumen, die aus dem Blute schuldlos Gerichteter entstanden; mit dem Blute ging die Seele in sie über. Zu Camern waren das 7 Eichen, die sich wunderbar zu einem Stamme vereinigten und als man einst eine derselben fällte, schwitzte der Stumpf blutige Tränen, bis ein neuer Baum aus demselben hervorwuchs.2 Zu Mödrufell im Eyjafjördr auf Island ist es ein Vogelbeerbaum (reynir), der aus dem Blute zweier wegen vermeintlicher Blutschande unschuldig hingerichteter Geschwister entsteht.1 In der Hüll (Oberpfalz) hängt man an dem Orte, wo jemand gewaltsamen Todes starb, eine Tafel mit einer Gedächtnißinschrift an einen Baum. Bei Tag soll dann die arme Seele des Getödteten im Baume hausen, Nachts aber entbunden sein und in einem gewissen Umkreise frei schalten dürfen.4

Doch nicht bloß reine und selige Menschengeister, auch die Seelen Verdammter nehmen nach dem Tode Pflanzenleib an. In einem Laubwalde zwischen Neustrelitz und Brandenburg, an einer Stelle, wo einst ein Meuchelmord begangen wurde, stieg täglich mit dem ersten Schlage der Mittagsstunde eine distelähnliche Gestalt aus dem Boden, deren Stamm zwei mit Stacheln besetzte Arme mit in einander gerungenen Händen bildeten, unten am Stiel zwei über und über mit Stacheln oder Dornen besetzte Menschenköpfe. Sobald es zwölf ansgeschlagen hatte, war das Gewächs spurlos verschwunden. Einem Pastor, der mit seinem Stocke darüber hinfuhr, verkohlte

der Stock und verlahmte der Arm.1 Diese Mecklenburger Sage zeigt, eine wunderliche Zutat mittelalterlichen Fegefeuerglaubens. Reiner ist die bairische von den drei verfluchten Jungfern, die in einem Waldschlosse hei Nürnberg ein gottloses Leben führten, Fremde anlockten, ausplünderten und tödteten. Gottes Blitzstrahl erschlug sie und verbrannte ihr Haus; ihre Seelen aber fuhren in drei große Bäume und so oft einer davon gefällt wird, geht die Seele in einen andern. Nach Gebetläuten hört der Torübergehende von den Wipfeln dieser Bäume herab lachende Stimmen oder schadenfrohes Gekicher und nicht undeutlich glaubt er zwischen den Aesten eine Gestalt zu sehen, die ihn zu sich winkt. 2 Breithut, der Geist eines berüchtigten Raubritters im Geißenthäle läßt sich hier und da als Baumklotz oder gradezu als Baum blicken.3 Ein Pfleger, der Waisengelder angegriffen bat, spukt im Walde. Er sieht aus, wie in Baumrinde gekleidet, lehnt sich an einen Baumstamm und schaut die Holzarbeiter starr an, bis sie entsetzt fliehen.4 An der Pfaffenhaide am Hallwiler See stand bis vor kurzem ein sehr alter Kirschbaum. Dahinter sah jeder, der Nachts vorüber ging, einen Mann stehen, der die Hand vorstreckte, dann rasch hervorsprang und verschwand. Wer sich nach ihm umsah, dem blieb der Hals verdreht. Einem Weib hing er sich als Dom in die Jüppe und als sie diesen entfernen wollte, schwoll ihr der Kopf an. Man hieb den Birnbaum um. Seitdem ist auch jene Stelle frei, aber ebenso lange sitzt im Keller des nächstgelegenen Hauses ein schwarzer Hund auf einer Kiste und heißt wie der längst verstorbene Ahnherr dieses Hanses Suchelis.5 Im Buchenwalde auf dem Kestenberg zwischen den Schlössern Wildegg und Brumnegg hat sich ein Jäger an einer Eiche erhängt. Als der Schloßherr ihn fand, vom Winde in den Zweigen hin- und her geschaukelt, befahl derselbe die Eiche zu fällen; aber Blut quoll unter den Axthieben hervor und rote

Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm und Leichnam. Seitdem pirscht aber der Todte als Wildhans von Wildegg mit gespenstigen Hunden durch den Wald, oft hört man dieselben winseln, wenn er sie an die Bäume hängt, um sie mit Riemen zu hauen.1 Eine Variante dieser Sage knüpft sich unweit davon an einen Holzbirnbaum zwischen Wildegg und Lupfig. Der krumme Jäger, der an diesem Baume seine Hunde aufzuhängen pflegte, sich an ihm erhängt hatte und unter demselben begraben war, ließ sich da noch immer sehen, z. B. als dreibeiniger Hase mit Augen so groß wie ein Pflugrad. Wer ihm nachschaute, dem schwoll der Kopf. Oder er stand als schwarzer Mann hinter dem Baume. Einer, der ihn anredete, büßte mit gedunsenem Mund und geschwollenen Augen. Die Gemeinde beschloß nun den Baum umbauen zu lassen. Aber während das Gebüsche ringsum unbewegt in der ruhigen Luft stand, schüttelte ein Brausen die Aeste des Holzbirnbaumes. Den Arbeitern sprang die große Waldsäge ab, und wo man mit der Axt hintraf, war das Beil stumpf und ein blutroter Saft quoll nach.1

Diese Sagen sind in mancher Hinsicht lehrreich. Die Seele des Verstorbenen gebt in den Baum über, erfüllt ihn gleichsam mit menschlichem Leben, so daß Blut in seinem Geäder umläuft. Zugleich aber läßt sie sich als Schatten in Tier- oder Menschengestalt außerhalb des Baumes aber in dessen Nähe sehen, und ihr Anschanen verursacht jene Krankheiten, mit welchem der unverhüllte Anblick von Geistern auch sonst bestraft wird. Durch die Vernichtung des Baumes frei geworden, vereinigt sie sich mit dem Winde und tobt in der wilden Jagd daher.3 Es wird nun auch wol verständlich sein, weshalb auch Gespenster und Klopfgeister in hohle Bäume, Weideubäume u. dgl. gebannt werden.4 Man giebt ihnen, um sie los zu werden,

den Baum zum Leibe. Der im Weinkeller spukende Geist eines bösen Wirts ist in die Ruckfelder Linde bei Zurzach gebannt worden. Dort hauste er in einem Astloch. Nachts saß er oft auf einem Aste und geigte und je schärfer im Winter die Schneeflocken über Rückfeld stöberten, desto schöner und schärfer geigte er drauf los. Ein Bauer, der nach diesen Tönen tanzte, bis er umfiel, ist von Stand an der beste Tänzer im Lande geworden. Dieses zauberische Geigenspiel ist die Musik des Waldes, das Lied des Sturmes, welches alles bewegt und tanzen macht.1 Die breite Eiche auf dem Bleß bei Salzungen war die mächtigste des ganzen Forstes. Als sie hohl wurde, trugen die Jesuiten manchen Poltergeist in dieselbe. Leute, die vorbeigingen, hörten die Geister darinnen rumoren. In die dicht belaubten steilen Wände der wilden Löcher einer Schlucht in der Nähe dieser Eiche sind ebenfalls Poltergeister getragen und festgebannt. Noch heute guckt fast ans jeder Ecke und aus jedem Baumstumpf ein Spukgesicht heraus und erschreckt die armen Leute, die dort Leseholz suchen. Ein Tagelöhner aus Salzungen hatte hier Baumstubben gerodet und spaltete dieselben unter seinem Fenster vor dem neuen Tore; da sah er, als er soeben einen Keil ein trieb, aus dem Stubben ein kleines graues Männlein heraus und durch die Türe in das Haus schlüpfen, und ehe der Tagelöhner sich noch von seinem Schrecken erholt hatte, guckte der kleine Mann auch schon durch die runden Scheiben der Wohnstube, schnitt allerlei Gesichter und trieb so lange Unfug, bis er ihn durch einen Geisterbanner fangen und wieder bannen ließ.2

Noch ein Beispiel sei angeführt, welches wieder erinnern mag, daß auch diese Vorstellnngsweise die Bäume und niederen Pflanzen gemeinsam umfaßt. Man soll die Schmelber (Schmelcher oder Schmielen), eine hohe schlanke Grasart, nicht abreißen oder damit die Zähne ausstochern, damit man nicht von den bösen Geistern oder Teufeln besessen werde, welche oft dahinein gebannt oder darauf gespießt sind.3 Zu vergleichen steht die

von J. W. Wolf, Beitr. II, 242 aus Jacob a Voragine angeführte Legende von einem bösen Geist, der in oder zwischen den Blättern einer Salatstande saß.

§ 13. Baum Aufenthalt des Hausgeistes.

Mit den zuletzt behandelten Sagen berührt sich, was wir schon oben S. 38 wahmahmen, daß die Seele eines durch sympathetische Kur mit dem Baume verbundenen Menschen nach dem Tode, in ersteren übergeht, nach dem Abholzen des Baumes in dem daraus gezimmerten Balken verbleibt und Klabautermann d. b. Schutzgeist des Schiffes wird. Ebenso weilt nach manchen Sagen der Hausgeist im Hausbalken und bleibt wo dieser verbleibt.1 Er war wol auch vorher Geist des zum Balken verarbeiteten Baumstammes. W. Menzel 2 bezieht auf die Herkunft des Hauskobolds aus dem Baume vielleicht nicht mit Unrecht auch die folgende Sage.

Ein Hausgeist zu Sachsenheim, der sogenannte Klopferlee, schenkte der Magd, so oft sie in den Keller kam, ein Geldstück. Als ihm aber der Ritter befahl mehr zu bringen, erschien der Geist vor dem Ritter mit einem Eichenblatte im Munde, woran drei Eicheln hingen und verbrannte ihn sammt dem Schlosse.3 Sollte das Eichenblatt andeuten, daß der Schutzgeist des Hauses in den Wald zurückkehren wolle?

§ 14. Baum Schutzgeist oder Sitz des Schutzgeistes.

Jedenfalls gehört es in den Kreis dieser Vorstellungen, daß der

ideale Doppelgänger der Menschenseele, der Schutzgeist (genius tutelaris) der einzelnen Persönlichkeit (oder ganzer Geschlechter) die Fylgja, wie der Altnorweger sagte (Myth2 828ff. Mannhardt. Germ. Mythen 306 ff.) in einem Baume Wohnung haben soll. Um jedoch diese letztere Anschauung vollständig verständlich zu machen, gehen wir, ehe wir ihren Bestand aufführen, noch einmal auf eine schon vorhin von einem andern Punkte aus angeschlagene Gedankenreihe ein.

§ 14a. Baum = Lebensbaum.

Die unter uns ganz geläufige Redeweise

„der Baum meines, deines, seines u. s. w. Lebens grünt, welkt, stirbt ab“

zeigt uns den Vergleich menschlichen und vegetabilischen Wachstums in persönlichster Anwendung zu einem stetig dem Bewußtsein vorschwebenden Bilde gediehen. Während wir uns aber darüber klar sind, daß das uns immanente Leben, die Gesammtheit der Zustände und Veränderungen unseres Seins durch dieses Bild ausgedrückt werde, tritt dasselbe für das Bewußtsein mancher Menschen auf niederen Stufen durch Hypostase als etwas Reales und Selbständiges, gleichsam als ihr Doppelgänger, der alle ihre Schicksale mitmacht, anzeigt, oder gar bestimmt, aus ihrer Persönlichkeit heraus und neben dieselbe. Man sehe nur, wie in einem von Orest Miller mitgeteilten schönen russischen Hochzeitsliede aus dem Permschen Gouvernement das Mädchen sein Verhältniß zu dem künftigen Ehegatten schildert:

Nur wenig schlief ich Junge,
Wenig die ganze Nackt.
Doch in dem Schlummer hatt’ ich
Einen schönen Traum.
Ich sah in Hofes Mitten
Wuchs ein Cypressenbaum
Und ihm zur Seit´ ein andrer,
Ein zuckersüßer Baum.
Und auf dem Baume waren Goldener Zweige viel,
Zweige von Gold und Silber.
Da sprach das Haupt des Hauses,
Der Meister „liebes Herz,
Soll ich den Traum dir deuten?
Sieh der Cypressenstamm
Bin ich, der ich dein eigen.

Der zuckersüße Baum
Bist du, und du bist mein.
Und auf dem Baum die Aeste
Sind unsre Kleinen ja,
Die lieben teuren Kinder.“

Obgleich Hunderte von Meilen von Perm entfernt, liefert das Saterland den nächsten Verwandten dieses Volksliedes in einem Hochzeitsbrauche.1 In die eine Ecke der Bettlaken, welche ein Bräutigam mitbekommt, wenn er aus dem elterlichen Hause in einen fremden Hof hineinheiratet (und nur dann) stickt man mit bunten Fäden einige Blumen auf einen Baum, auf dessen Wipfel und reich belaubten Aesten Hähne (eine leicht verständliche Symbolik) sitzen. Zu beiden Seiten des Stammes stehen die Anfangsbuchstaben seines Tauf- und Familiennamens. Ebenso sticken die Mädchen in ihre Aussteuerhemden am Halse auf jede Seite der Spange je einen Baum und die Buchstaben ihres Namens. Es ist der Schicksals- oder Lebensbaum der jungen Leute selber gemeint, der aus dem heimatlichen Boden verpflanzt künftig auch in dem neuen Wohnsitze grünen, wachsen und Früchte bringen soll Auf der gleichen Anschauung beruht eine Reihe schöner Hochzeitsitten, die sich durch viele deutsche, slavische und lettische Landschaften verfolgen lassen.

Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit grüne Bäume vorangetragen, ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt, auf dem Dach oder vor der Tür des Hochzeitshauses. Im Drömling tragen die Braut- und die Bräutigamsjungfern auf dem Wege zur Kirche dem Brautpaar brennende Lichter auf jungen Tannen oder mit Buchsbaum umwundenen Gestellen voran. 2 Im Hannoverschen Wendlande tragen die Kranzjungfern während der Ehrentänze der Brautführer und des jungen Ehemanns mit der Neuvermählten mit brennenden Lichtern besteckte grüne Tannenbäumchen vorauf; indem die jungen Eheleute diese Lichter mit Tüchern ausschlagen (sie wollen ihren Lebensbaum für sich behalten), geben sie das Zeichen zum Beginn des allgemeinen Tanzes.3 In den wendischen Dörfern bei Ratzeburg

dagegen hatte ein grüner Baum auf dem Brantwagen Platz.1 In der Oberpfalz steckt ebenso vorn auf der äußersten Spitze des Kammerwagens, der die Aussteuer der Braut trägt, ein verziertes Fichtenstämmchen,5 nicht minder schmücken den schwäbischen Brautwagen um Ehingen, der die Kunkel und das Ehebett führt, sechs mit seidenen Bändern, Goldflittem und Blumen gezierte Tannenbäume.3 Auf den lettischen Bauerhochzeiten in Kurland wurde, sobald das neue Paar aus der Brautkammer trat, nachgeforscht, ob der junge Ehemann die Liebesprobe kräftiglich bestanden. Befand es sich so, so wurde große Fröhlichkeit geübt und ein großer grüner Baum oder Kranz oben auf das Hans gestellt. 4

Der Lebensbaum des Bräutigams oder des neubegründeten Stammes steht gut, wenn Aussicht auf Nachkommenschaft da ist. In Schweden nimmt man als Brautstuhl, auf dem das Hochzeitpaar während der Trauung sitzt, einen Chorstuhl, pflanzt zwei Tannen mit Blumen und Goldpapier vor dessen Türen, spannt oben eine weiße Decke ans und verziert es auffallend. Zu Väßbo werden am Vorabend der Hochzeit an allen Türen, Pforten und Gattertoren Tannen gesetzt, eine zu jeder Seite.5 Im Zwodtagrunde im Voigtlande werden, wie auch in Thüringen, Fichten vor das Hochzeithaus gesetzt.8 Im Weimarischen pflanzen die Burschen und Mädchen des Ortes am Vorabend der Hochzeit grüne Tannen vor das Brauthaus und verbinden sie mit Blumengewinden, Kränzen, bunten Bändern und einer Zitrone, worauf die Namen der Brautleute eingestochen sind.7 Dies geht schon über in eine andere Form der nämlichen Sitte, welche wir später nach Erörterung des Maibaums und Emtemais betrachten werden.

Nicht selten geschah es, daß unwillkürlich oder mit Absicht ein bestimmter lebender Baum zum Träger des zweiten Gliedes der Gleichung und dadurch gleichsam dauernd zum alter ego eines

bestimmten Menschen gemacht wurde. In Hochheim, Einzingen und anderen Orten in der Nähe von Gotha z. B. besteht der Brauch, daß das Brautpaar zur Hochzeit oder kurz danach zwei junge Bäumchen auf Gemeindeeigentum pflanzen muß. An sie knüpft sich der Glaube, wann das eine oder das andere eingehe, müsse auch das eine oder andere der Eheleute bald sterben.1 Auf ähnliche Anschaumig, vermöge deren der Liebhaber einen Baum mit sich selbst identifiziert, gründet sich u. a. auch der preußische Aberglaube, wenn man die Liebe eines Mädchens begehrt, drei Haare desselben in eine Baumspalte einzuklemmen, sodaß sie mit dem Baume verwachsen müssen. Das Mädchen kann dann nicht mehr von einem lassen.2

§ 14 b. Fortreisende verknüpfen ihr Leben mit einem Baume.

Sehr deutlich springt diese Vorstellung vom Schicksals-oder Lebenshaum in einer Reihe weitverbreiteter Traditionen hervor, wonach ein Fortreisender sein Leben sympathetisch mit einer daheinibleibenden Pflanze verknüpft. Im Märchen von den zwei Brüdern (K. H. M. Nr. 60) z. B. stößt der Fortziehende sein Messer in den Baum vor der Tür des Vaterhauses. So lange, es nicht roste, sei das ein Zeichen, daß er selbst gesund sei, wie der Baum. Im Märchen von den Goldkindern (Nr. 85) lassen die beiden Jünglinge, als sie ausziehen, um die Welt zu sehen, ihrem Vater ihre beiden Goldlilien zurück.

„An ihnen kannst du sehen, wie es uns ergeht. Wenn sie frisch sind, befinden wir uns wohl; wenn sie welken, sind wir krank; wenn sie abfallen, sind wir todt.“

Ob diese Märchen, denen sich verwandte Züge nicht allein aus Indien, sondern selbst aus Mexiko und Ägypten an die Seite stellen lassen,3 einheimische Gewächse

seien ist mehr als zweifelhaft; ganz nahe aber ihrem Inhalt liegt der Gedanke in der fein empfundenen dritten Strophe des Volksliedes:

„Morgen muß ich fort von hier.“

Der in Abschiedsweh fast vergehende Liebhaber erklärt sein Leben mit der zurückbleibenden Geliebten, die wie ein Baum auf grüner Aue sprießt, der Art eins und verwachsen, daß es (wenn er mit dem Körper davonziehe) gleichsam dableiben und sein Wiederbild in der Feme absterben werde:

Dort auf jener grünen Au,
Steht mein junges Leben.
Soll ich denn mein Lebelang
In der Fremde schweben?
Hab’ ich dir was Leids getan
Halt ich um Verzeihung an;
Denn es geht zu Ende.1

§ 14c. Schicksals- und Geburtsbaum von Einzelnen und Familien.

Jedenfalls kann nunmehr kein Zweifel sein über die richtige Auffassung des folgenden von Geyler von Kaisersberg als wirkliche Geschichtee aus dem 15. Jahrhundert berichteten Vorgangs. Als Molber, ein Schuhmacher zu Basel, ein neues Haus bezog, wählte jedes seiner drei Kinder sich im Garten einen Baum. Die Bäume der beiden Mädchen, Katharina und Adelheid brachten, „als der Glentz (Lenz) hereinstach,“ weiße

Blüten hervor; die deuteten auf ihren künftigen Beruf als Nonnen. Der des Bruders Johannes trug eine rote Rose; er ward Predigermönch in Prag und fand als Märtyrer durch die Hussiten seinen Tod. Die reinste und folgerichtigste Ausgestaltung der hier zu Grunde liegenden Anschauung war die schöne Sitte, schon in der Geburtstunde eines Kindes ein Bäumchen zu setzen. Im Aargau geschieht das noch jetzt ziemlich allgemein und man meint dort, der Neugeborne gedeihe oder sterbe (verkümmere) wie dieses Bäumchen.

Für Knaben setzt man Apfelbäume, für Mädchen Birnbäume. Noch in der letzten Generation kam der Fall vor, daß ein Aarganer Vater im Zorne über seinen misratenen Sohn, der eben in der Fremde und also der väterlichen Züchtigung unerreichbar war, aufs Feld ging und den dort gepflanzten Geburtsbaum wieder umhieb.1 Zuweilen sieht der Bauer auch ohne ausdrückliche Anpflanzung für eine bestimmte Person das Schicksal seiner Familienglieder mit dem Schicksal der Bäume am Hause verbunden. Der Voigtländer fürchtet, jemand aus der Familie werde sterben, wenn ein Baum im Garten oder ein einzelner Ast plötzlich dürr wird,3 auch in Bayern bedeutet ein Baum am Hause, der verdirbt, einen Todten vom Hause4 und dem Siebenbürger Sachsen verkündet es einen Todesfall, wenn ihm im Traume ein umstürzender Baum zu Gesichte kommt.5 Genau hiezu paßt es, daß in Siebenbürgen (Sächsisch-Regen) auch der poetische Glaube herrscht, dem Kinde nahe der Tod nicht mit der Sense, sondern er breche im Garten eine Blume vom Stengel, im nämlichen Augenblicke sterbe das Kind.6

Wie ein Einzelner kann aber auch eine Vereinigung mehrerer Menschen, eine Familie, eine Dorfschaft in einem Baume das reale Abbild ihres gemeinsamen Lebens empfinden. In Schweden sind nachweislich die Namen mehrerer Familien von einem heiligen Baume bei ihrem Stammhofe hergenommen; so der des Geschlechts Almén von einer großen Ulme, die ehemals am Hofe Bjellermála im Sockn Almundsryd stand. Die drei Familien Linnaeus (Linné), Lindelius und Tiliander hießen angeblich nach einem und demselben Baume, einer großen Linde mit drei Stämmen, welche zu Jonsboda Lindegárd in Hvitarydssocken Landschaft Finveden wuchs.

Als die Familie Lindelius ausstirbt, vertrocknete eines der Hauptäste der alten Linde; nach dem Tode der Tochter des großen Botanikers Linné hörte der zweite Ast auf Blätter zu treiben, und als der Letzte der Familie Tiliander starb, war die Kraft des Baumes erschöpft, aber der erstorbene Stamm der Linde steht noch und wird hoch in Ehren gehalten.1

§ 14 d. Várdträd.

Diese Linde und ähnliche Bäume werden als Várd-träd, Schutzbäume, bezeichnet. Várd (von várda warten, bewachen, hüten) bezeichnet Fürsorge, Obhut, Schutz; Várdträd ist also der Baum, der die Fürsorge, die Obhut ausübt; oder vielmehr der die Fürsorge persönlich ist. Der Várd wird nämlich als ein persönliches Wesen gedacht, also ein Geist, der dem Menschen folgt, wohin derselbe geht; er offenbart sich zuweilen, sei es als Lichtlein, (das Licht ist eine Form der Seele, vgl. Lebenslicht), sei es als des Menschen Scheinbild. Es giebt noch heute unweit der Gehöfte manche für heilig gehaltene Bäume, welche Várdträd genannt sind, offenbar als Wohnstätten der Várdar oder persönlichen Schutzgeister der Hofleute, oder der Familie, die den Hof bewohnt. Vor wenigen Menschenaltern gab es in der Südländischen Landschaft Várend einen Várdträd noch in der Nähe jedes Hofes. Es war eine alte Linde, Esche oder Ulme. Niemand brach davon auch nur ein Blatt, und ihre Beschädigung rächte sich sicher durch Unglück oder Siechtum. In Hänger erlaubte die Volkssitte nicht einmal windbrüchiges Holz davon weg zu nehmen und zu Hause zu verbrennen, sondern man häufte es zu einem Reiserhaufen oder Holzstoß („bäl“) am Fuße des heiligen Baumes auf. Schwangere umfasten sowol in Värend als in Vestbo in ihrer Not den Várdträd, um eine leichte Entbindung zu erhalten.1

Der Várd entspricht genau demjenigen Begriffe, den der Altnorweger und Isländer mit dem Namen Fylgja verband und wir sind somit hier auf dem Punkte angelangt, von dem aus mit vollem Verständniß die o, S. 45 angekündigte Vorstellungsreihe zu verfolgen möglich ist. Die Fylgja2 (d. h. Folgegeist) ist das Leben, der Genius des Menschen selbst als ein besonderer Dämon personifiziert und als solcher zum Begleiter, Schicksalsverkünder und Schicksalsurheber geworden. Von da war es nur ein unmerklicher Schritt und die Fylgja wurde ein warnender oder helfender Schutzgeist, der für den ihm zugeteilten Menschen liebreich sorgte. Die als Abbild oder Doppelgänger eines menschlichen Einzellebens oder des Lebens einer menschlichen Gemeinschaft gedachte Baumseele in derselben Weise mit Baum und Menschen zugleich verbunden und zugleich von beiden als selbständig hypostasiert, sodann als schützender, helfender Genius aufgefaßt ist der Várd. Die Sitte einen Várdträd hinter dem Hause zu haben, hatte in Dänemark ein unverkennbares Seitenstück. Noch H. Steffens (Gebirgssagen) konnte davon erzählen. In einer entlegenen Vorstadt von Kopenhagen — sagt er — innerhalb der Wälle, bewohnen die Matrosen der dänischen Marine ein Quartier, welches fast eine eigene Stadt bildet. In einem jeden Hof ihrer kleinen Häuser sieht man über die Planken hervorragend einen Holunderbaum, der mit einem religiösen Eifer unterhalten und gepflegt wird. Der Geist dieses Baumes ist Schutzgeist des Hauses. Er hilft in Krankheit, steht den Frauen in Kindesnöten bei, beschützt die Kinder, aber verschwindet auch, wenn der Baum abstirbt. Sicher aber war dieser Glaube sehr alt und in die heidnische Vorzeit hinaufreichend. Dies möchte ich aus der Uebereinstimmung mit der Sitte eines andern auch am Ostseerande wohnenden Volkes, der Letten nämlich, schließen, bei denen ehedem hinter jedem Hause, unweit der Hofstatt ein kleiner Hain von mehreren Bäumen gefunden wurde, in welchem der „Mahjas kungs“ (Herr der Heimat, Wohnung, Behausung)

also der Schutzgeist des Hofes wohnen sollte, dem man von Zeit zu Zeit kleine blutige und unblutige Opfergaben hineinwarf. Es mangelt uns nicht an älteren Zeugnissen über die Sache, aber noch 1836 u. a. zerstörte Pastor Carlbom in dem einen Kirchspiel Ermes in Livland innerhalb 14 Tagen etwa 80 solcher Götzenhaine.1 Wer den Hain umhieb, sah den Mahjas Kungs in Gestalt eines Vogels unter Sturmwind entweichen und mußte des Aussterbens seiner Familie und des Verlustes seines gesammten Hainstaudes gewärtig sein.2 Das Leben also der Menschen und der Tiere in der gesammten Wirtschaft war an das Wolbefinden der Bäume, resp. des Mahjas Kungs geknüpft, der andererseits ihr Heil fürsorglich in Schutz nahm.

Ob und wieweit auch in Deutschland vor alters Hans und Familie ihren Schutzbaum hatten und pflegten, darüber kann ich nichts Ausreichendes mitteilen. Einzelne Spuren scheinen dafür zu reden. Der Aelpler im Allgäu und Bregenzer Walde hat noch einen Familienbaum, unter dem er mit den Seinen sein Abendgebet verrichtet. Viele reservieren sich solche Bäume, wenn sie auch sonst Hab und Gut verkaufen und sind bei ihrem Absterben ängstlich um junge Stämme und Aeste bemüht.3 Manche Namen deutscher Familien (wie Linde, Eichbaum, Buchheister, Holunder, Kirschbaum, Birnbaum, Eschenmayer, Birkmayer, Pirkmayer, u. s. w.)4 könnten wenigstens mittelbar auf unsem Ideenkreis zurückweisen, falls die Bauernhöfe, von denen sie herstammten, nach besonders hochgehaltenen Bäumen in ihrer Umgebung genannt waren.5 Und wenn es Familienbäume gab, sollte vermöge naturgemäßer Erweiterung nicht auch die Dorfschaft in einem Baume ein Gegenbild und Symbol ihres Lebens, ihren Schutzgeist gesucht haben? Bewahren nicht etwa unsere deutschen Dorflinden eine Erinnerung, einen Anklang daran? Es verlohnte sich

wol diesen Gegenstand einmal ernstlich zur Frage und Untersuchung zu stellen.

§ 15. Weltbaum Yggdrasill.

Falls sich Schutzbäume der Dorfschaft erweisen ließen (und ich bitte den Leser darüber nachzusehen was ich weiter unten Kap. III. hinsichtlich der Maibäume anmerken werde) so wäre damit ein wichtiges Mittelglied aufgefunden, um einer Hypothese zu großer Wahrscheinlichkeit zu verhelfen, welche sich auch ohnedem unabweislich mir aufdrungen will. Ich vermute nämlich, daß auch der tiefsinnigen Eddamythe, vom Weltbaum Yggdrasill in ihrer ältesten Gestalt nichts anderes als eine ins Große, malende Anwendung der Vorstellung vom Várdträd auf das allgemeine Menschenheim zu Grunde gelegen habe. Schon diejenige Form, in welcher der Yggdrasillmyths in der Völuspá uns entgegentritt, noch mehr diejenige des Grimnismál enthält spekulative Gedanken durch Allegorie ausgedrückt und so einheitlich und harmonisch das aus allen Vorstufen als schließliches Ergebniß hervorgegangene großartige und allumfassende, die Einheit des gesamten Universums, wie es sich in Raum und Zeit darstellt, vergegenwärtigende Bild auch zu sein scheint,1 schon der Name Yggdrasill (Odhins Roß),2 die Vorstellung, daß Götter und Nornen als Richter und Urteiler unter dem Baume Ding halten.3 und die andere, daß die drei Schicksalsfrauen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Fluten aus dem Brunnen der Vergangenheit die Erde begießen und frisch erhalten, stellen ebenso viele verschiedene. Entwickelungsphasen der Sage dar, die ohne Zweifel vor Abfassung der Völuspá schon längere Zeit von den Dichtern bearbeitet und unter stets neuen und andern Gesichtspunkten dargestellt war; auch später noch, wie Grimnismál lehrt, der Gegenstand ergänzender oder tungestaltender Darstellungen blieb. Eine mehrfach abweichende Variante zur Auffassung des Weltbaums neben derjenigen in Völuspá gewährt das Lied Fjölsvinnsmál 19—24.4 Der

Kernstoff der Komposition, in welchen alle anderen spekulativen Bezüge erst hineingebildet wurden, war danach deutlich erkennbar ein kosmologisches Philosophem in Gestalt einer lebendigen mythischen Vorstellung, die Anschauung des Weltalls selbst als immergrüner vom Himmel bis in die Tiefen der Unterwelt reichender Baum, der beim Weltuntergang zittert, sich entzündet.1 Die erweiternde Spekulation zeigt ihn vom Wipfel bis zum Fuße vom regsten Leben erfüllt, an der Wurzel aber fortwährend von schädlichem Gewürme benagt. So ist es wol klar, weshalb jede der neun Welten einen solchen Weltbaum besitzt, ein Gegenhild ihrer selbst. 2 Es ist aber kaum denkbar, daß jemand darauf gekommen sein sollte den Doppelgänger des Gesammtlebens zugleich zum Schicksalsbaum zu machen, wenn nicht diese Idee gleich von Anfang an mit dem Bilde verbunden gewesen wäre. War dies aber der Fall, galt mit der Esche das Geschick der Welt von Anfang an verknüpft, war der Genius des Baumes, oder waren die in oder unter ihm wohnenden Genien zugleich schützende, und schicksalbestimmeude Mächte der Menschheit, so

ist in allen Teilen die Ähnlichkeit des Grundgedankens so groß, daß man kaum umhin kann den Várdträd, den Schutzbaum, falls dieser — wie doch wol schwerlich zweifelhaft sein kann — wirklich bis in die heidnische Zeit hinanfreicht, als das ursprüngliche und einfache Urbild des Weltbaums in Anspruch zu nehmen. Ein unvenverfliches Beweisstück für diese Behauptung wird aus Fjölsvinnsm. 20 ff. Bugge entnommen werden dürfen, wo (was auch immer die Beziehung zum Zusammenhänge der Dichtung sei) der Mimirsbaum (Mimameidr), der über alle Lande seine Zweige breitet, dessen Wurzel niemand kennt und den kein Feuer noch Eisen schädigt, unwiderleglich als der sonst Yggdrasill benannte Weltbamn zu verstehen ist.1 Von ihm heißt es, man solle von seiner Frucht ins Feuer tragen, dann würden Kindbetterinnen ihrer Bürde ledig. Dieser Zug ist so realistisch, daß er schwerlich aus dem bloßen poetischen Bilde des Weltalls als eines Baumes entstanden sein kann, sondern als Vorbild einen Brauch in der Wirklichkeit voraussetzt, mit den Früchten eines Baumes bei Entbindungen zu räuchern. Diese Form der Sitte weiß ich nun zwar nicht nachzuweisen, wohl aber stellt sich aufs nächste dazu, daß in Schweden Schwangere in ihrer Not den Várdträd umfassen und in Dänemark der Holunder neben dem Hause den Kreißenden hilfreich sein soll (s. o. S. 52). Was also ist wahrscheinlicher, als daß von dem Schutzbaume die Idee von Yggdrasill ausging?

Vom Standpunkte der so gewonnenen Erkenntnisse aus verlohnt es sich, Nyerups 2 bekannte und mit so großem Beifall aufgenommene Conjectur, daß der vor dem Göttertempel in

Upsala au einer Quelle stehende, Sommer und Winter grünende Baum unbekannten Geschlechts ein irdisches Abbild von Yggdrasill mit dem Urdhardbrunnen war1, noch einmal zu erwägen. Von diesem Baume wissen wir aus dem wahrscheinlich vom Verfasser selbst herrührenden, aus einer Mitteilung des Dänenkönigs Svend Estrithson oder seiner Hofleute um 1070 stammenden Scholion 1342 zu des Adam von Bremen Schilderung des Göttertempels in Upsala. Ist die Notiz tatsächlich begründet, wofür ein gleichzeitiges Analogon aus Pommern spricht,3 so ist damit noch nicht bewiesen, wenn gleich sehr glaublich, daß der Baum religiöse Bedeutung hatte. In diesem Falle scheint es jedoch weit näher zu liegen, in ihm den Várdträd des Upsalahofs als ein Abbild des Universums zu vermuten. Nyerups Hypothese ist umzukehren. Es läge also nach unserer Auslegung bei Meister Adam ein

Fingerzeig vor, daß im 11. Jahr. neben dem Hause der Götter (ebenso wie neben dem Privathause) ein Várdträd stand, womöglich neben einem Quell, in den man Gaben für die Gottheit versenkte. Solche Bäume aber waren nicht Nachbildungen, sondern Vorbilder des in norrönen und isländischen Liedern des 10. und 11. Jahr. und entgegentretenden Weltbaums.

§ 16. Erläuternde Begegnisse aus dem täglichen Leben.

Sollte übrigens noch jemand vorhanden sein, dem die Entstehung der Vorstellungen vom Schutzbaum ein psychologisches Rätsel darböte, so dürfen wir ihn glücklicherweise einladen in den Schilderungen netterer, aus der Fülle wirklicher Erlebnisse schöpfender Dichter Schritt für Schritt noch heute so zu sagen die Genesis derselben zu belauschen. Mit ferner Beobachtungsgabe hat z. B. Goethe im Werther das Anwachsen gemütlicher Beziehungen zwischen Mensch und Baum veranschaulicht. Werther trifft den alten Pfarrer zu St. auf seinem von Nußbäumen beschatteten Pfarrhof. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte, die schönen Nußbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing er an, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon zu geben.

„Den alten“, sagt er, „wissen wir nicht, wer den gepflanzt hat. Einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dahinten ist so alt als meine Frau, im Oktober fünfzig Jahre. Ihr Vater pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Es war mein Vorfahr im Amte und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen; mir ist ers gewiß nicht weniger. Meine Frau saß darunter, da ich vor siebunddzwanzig Jahren als ein armer Student zum ersten Male hier auf den Hof kam.“

Auch Werthern wachsen diese Bäume ans Herz, und als später eine neue Pfarrerin dieselben umbauen läßt, weil sie ihr unbequem sind, möchte er rasend werden, daß es Menschen geben soll ohne Sinn und Gefühl an dem Wenigen, was noch auf Erden Wert hat. Er könnte „den Hund ermorden, der den ersten Hieb daran tat.“ Aber auch das ganze Dorf nimmt und die Frau Pfarrerin soll es an Butter mul Eiern und übrigem Zutrauen spüren, was für eine Wunde sie ihrem Orte gegeben hat.

Hören wir außer Goethe noch einen neueren Kenner des Volkslebens. P. K. Rosegger schildert in seinen „Gestalten aus dem Volke der österr. Alpenwelt“ S. 280 ff. den reichen Bauer Hagenzweig in der Eben, der so nach seinem Gehöfte benannt ist, aber auch wol als der Lindenbauer bezeichnet wird, da ein mächtiger Lindenbaum an der Ecke seiner Stallungen steht. Nach diesem Baume kennzeichnet man dem fragenden Wanderer, Holz- oder Viehhändler das Grundstück, „der Hof, über den die alte Linde schaut.“4 Unter ihm versammelt der Herr Pfarrer die Kinder des Dorfes zuweilen zur Christenlehre. unter ihm auf dem Bänkchen, das rund um den Stamm läuft, sitzt der Bauer oft abends mit seiner Familie. Schon den Vätern war der Baum wert, und der Bauer ehrt ihn mit fast religiöser Scheu. Tee von seinen Blüten trinkt er als unfehlbares Universalmittel in allen Krankheiten, und sterbend verweist er den Sohn für die Zeit der Not im Alter auf die alte Linde. Der Sohn erbt die Ehrfurcht vor dem Baume, trinkt auch seinerseits getreulich Lindenblütentee und als er durch Mißernten verarmt, kann er sich nicht entschließen, den stattlichen Baum um den ihm angebotenen Preis von 45 Dukaten zu verkaufen, während er doch kurz vorher den vergoldeten Wetterhahn vom Dach ohne Bedenken veräußert hat. Als bald hernach ein Wetter den Baum stürzt, daß er über Haus und Stall morsch in sich zusammenbricht, ist es dem Lindenbauer, als sei es mit ihm selbst zu Ende und auch er bricht zusammen mit dem Rufe:

„Jetzt hin ich der Hagenzweig nicht mehr und jetzt kann ich nicht bleiben im Hof auf der Eben.“

Aber im hohlen Stamme der gefallenen Linde findet sich ein Topf Geld, den der Vater dort versteckte, und so hilft der Baum dem heruntergekommenen Lindenbauer wieder zu Kraft und Vermögen. Wieviel fehlte denn noch daran, daß der Oesterreicher Hagenzweig von seiner Linde dieselbe Vorstellung hegte, wie der Schwede vom Várdträd?

§ 17. Boträ.

Zuweilen erhält der Várdträd den Namen Bosträd oder Boträ (Wohnsitzbaum) d. h. entweder Baum, der zur Wohnung des Menschen gehört, oder der der Wohnsitz gewisser Wesen ist. In letzterem Falle bezeichnet dieser Ausdruck den Baum nicht mehr als den Körper oder als das Gewand, sondern als die vertauschbare Wohnung eines mythischen Naturgeistes, der außerhalb des Baumes seine Wirksamkeit übt und bei dessen Untergang heimatlos wird. Vor solchen Bäumen hat man Gebete und Opfer zumal an Donnerstagabenden und an den Vorabenden der großen Feste dargebracht, um Siechtum, Unglück und Unheil von Menschen und Vieh abzuwehren. Das Opfer bestand gemeinhin in Milch oder Bier, das man über die Wurzeln des Baumes sprengte. Noch im Jahre 1744 wurde ein Mann im Fosspastorat in Bohuslän, der von einem Boträd einen Zweig abgehauen, dann aber vor dem Baume einen Kniefall getan und um Verzeihung gebeten hatte, in der Beichte zu einer Buße verurteilt Man denkt sich aber häufig nicht einen einzelnen Geist, sondern eine ganze Gesellschaft als Bewohner des Baumes. Als einmal ein Bauer im Värend einen solchen Wohnsitzbaum umhieb, hörte er es Abends im Stubben singen

husvilla ä´vi
husvilla ä´vi
husvill skal du ocksá bli.

d. h. wir verloren unser Haus, wir verloren unser Haus, auch du sollst das deine verlieren. Tags darauf brannte das ganze Gehöft nieder.1 Diese mythischen Banmbewohner werden Tomtegubbar benannt sie sind Vervielfältigungen des einen Värd, den wir vorhin im Baume walten sahen (o. S. 61) und in ihnen erscheint uns der Baumgeist, der nach vorhin behandelten Sagen erst nach der Einfügung des gefällten Baumes als Balken in Haus und Schiff zum Hausgeist wurde, schon hei Leben der Pflanze als solcher tätig. Ihre Behausung wird bald in den Stamm selbst, bald unter die Wurzeln des Baumes verlegt. In Bohnlän wohnen die Tomtegubbar (die „Alten im Gehöfte“) d. h. Hauskobolde, welche ungesehen dem Bauer hilfreich in der Wirtschaft zur Seite stehn z. B. des Viehs sich annehmen, Aehren vom fremden Kornboden auf den seinigen tragen, das Haus mit Wolstand begaben, und vor Brandschaden (eld och brand) schützen (weshalb bei ihrem Fortgänge Feuer ausbricht s. o. S. 44), im Baume nahe dem Hofe; man hütet sich Dommerstag Abends etwas zu hauen oder zu spinnen, damit sie nicht erzürnt werden und mit ihrem Segen entweichen. 2 In Norwegen soll der Tomtegubbe unter Bäumen bei den Wohnhäusern

seinen Sitz haben mul deshalb darf man diese nie ganz fällen.1 Aber auch Zwerge, Unterjordiske (Unterirdische, Unner erdsken) wohnen wie unter Hügeln und Häusern, so zuweilen unter gewissen Bäumen, die man deshalb nicht fällen darf.2 Doch — das ist der Unterschied — diese Bäume sind nicht mehr immer beim Hause, sondern in Feld und Wald zu suchen.3 Auf einer Haide zwischen Falsterbro mul Skannür in Schonen steht ein uralter Apfelbaum, unter dem kleine Leutchen (et Pysslingefolk) wohnten, eine Schuhmacherfamilie. Oft sieht man sie noch bei schönem Wetter ihr kleines Leinenzeug im Baume aufhängen und trocknen. Als ein gewisser Jons Páhlsson einen grünen Zweig zum Hirtenstabe abhieb, bekam er Schmerzen in den Eingeweiden, welche erst aufhörten, als er um Vergebung bat. Eine Seemann in Falsterbro, der schnelle Aufbruchsordre empfing und sein Schuhwerk nicht in Ordnung hatte, rief im Vorbeifahren spottend, der Schuhmacher unter dem Apfelbaum solle ihm die Stiefel flicken. Als er abends wieder an jene Stelle kam, wurde er irre und fuhr die ganze Nacht um den Baum herum, die Wagenräder ließen eine bleibende Spur zurück.4 Auch in deutschen Sagen liegt der Eingang zu den Wohnungen der Unterirdischen (d. h. der Zwerge) unter einem Apfelbaume, einer Rüster, in der Ellernkuhle u. s. w.5 In Verwirrung geraten scheint die folgende Sage.

Zu Menzingen im Kanton Zug stand mitten im Dorf ein hoher Baum, so hoch, daß er vom Sturme gebrochen alle Wohnungen zerschlagen hätte. Da niemand ihn zu fällen wagte, gewann man

ein Bergmännchen. Das kappte den Baum und verschwand dann im hohlen Baum auf immer. Der Berggeist hauste wol auch vorher schon im Baume.1 Der Schwede nennt als Bewohner solcher Bäume auch jene Elfen (elfvor), welche wie kleine Puppen gestaltet auf den Wiesen tanzen. Unsichtbar fahren sie mit gleicher Leichtigkeit durch Luft. Feuer, Erde, Wasser, Berge und Bäume. Sichtbar erscheinen sie in mancherlei Gestalt, oft sah man sie als Eulen zwischen den Baumästen herumküpfeu. Auf Wiesen gewahrt man oft Ringe von grünerem und frischerem Gras, das ist der sogenannte „Elfdans“, da schwangen sich die Elfen während lichter Sommernächte in luftigem Reigen und unter ihren Füßen wuchs das Gras üppiger.2 Am liebsten üben sie ihre Spiele unter Linden und anderen Laubbäumen. Sie haben allerlei Aufenthaltsorte in der Erde, in Steinen, wie in Bäumen. Wer solchen Bäumen irgendwie schadet, wer durch ein Astloch nach den Elfen sieht, oder wer das Gras der Elfenringe niedertritt, der erblindet, oder er wird von den Geistern angehaucht und bekommt ein Geschwulst oder eine Wunde am Kopf, eine Krankheit, die alfild (Elfenfeuer) oder alfgast und elfbläst (Elfenanhauch) heißt, gradeso wie in Schottland und Irland schon der bloße Anblick der Elfen Tod, Fieber oder Verlust des Verstandes, ihr Anhauch Beulen und Krankheiten zur Folge hat, doch saugen die Elfen auch behexten Kindern an Fingern und Zehen, so daß sie klein und schwach bleiben. Als Gegenmittel gegen diese Krankheiten bindet man den Kindern entweder Donnerkeile um den Hals oder man schmiert die Löcher oder Vertiefungen in gewissen großen tief in den Wählern liegenden Steinen oder Riesenbetten mit Butter aus und setzt Puppen von Zeuglappen gemacht in Gestalt der Elfen hinein. Oder ein kluger Mann räuchert das kranke Kind mit Vendelört (Valeriana officinalis); dann sieht man die Elfen in Gestalt kleiner Puppen über den Fußboden gehen und bitten, man möge ihnen nur erlauben eine andere Stelle aufzusuchen. In Skinnersála in Vesterrumsockn ging eine Bäuerin in den Wald, um sich Kien zu hauen. Sie hieb einen

Baumstumpf mit der Wurzel heraus und wurde sofort so siech, daß sie kaum heimgehen konnte. Niemand wußte was ihr fehlte, bis ein kluger Mann erkannte, daß sie einem Elfen geschadet haben müsse. Und erholt sich (kommer sig) der Elfe, sagt er, so erholt sich die Bäuerin auch, stirbt aber der Elf, so stirbt die Bäuerin ebenfalls. Die Frau sah nun ein, daß ein Elf im Baumstamm gewohnt haben müsse und starb bald nachher, denn der Elf konnte nicht leben, da der Stubben mit den Wurzeln ausgenommen war.1

Diese Elfen sind offenbar den deutschen krankheiterzeugenden Elfen, von denen wir oben sprachen, aufs nächste verwandt. Befallen sie einen Menschen, so werden sie in effigie (aus Zeuglappen) zum Walde zurückgetragen.

Eine dänische Überlieferung von 1722 bezeichnet die in oder bei den Wurzeln des Baumes wohnenden Geister ganz allgemein als Vaetter:

Den schwedischen Erzählungen von den Hausgeistern unter dem Boträd gleichen wieder mehr die Angaben in einer Denkschrift, welche zwischen den Jahren 1526—1530 über den heidenartigen Aberglauben der noch ihren alten, dem lettischen Stamme angehörigen, Dialekt sprechenden Bewohner des nordwestlichen Winkels im preußischen Samlande verfaßt, aber erst nach 1560 unter dem Titel „von der Bockheiligung der Sudaner“ gedruckt ist. Der Verfasser (wahrscheinlich ein evangelischer Geistlicher) bezeichnet die Personifikationen des Volksglaubens als heidnische Götter. Nach Herstellung des Textes auf Grund der ältesten Handschriften ergiebt die Denkschrift über die Verehrung des Holunderbaummes Folgendes. Sein Holz gelte für großwürdig und heilig. Unter ihm wohne in der Erde der Erdengott Puschkaitis. Diesen bitte man, indem man Brot, Bier und andere Speisen unter den Baum trage, er wolle seine Markopolen d. h. die Erdleutchen und seine Parstucken d. h. kleine Männlein in die Scheune schicken, um Getreide dahinein zu tragen und wol zu behüten. In der Nacht setzen die Bauern Speisen in die Scheune und

rufen jene zu Gaste. Wenn sie morgens viel verzehrt finden, hoffen sie auf Vermehrung ihres Getreides. Da die Namen Puschkaitis und Markopole etymologisch noch unaufgeklärt sind, läßt sich nicht sagen, ob der Verfasser mit seiner Angabe „der Erden Gott“ recht habe. Sei Puschkait jedoch eine Personifikation wessen er wolle, jedesfalls geht soviel daraus hervor, daß nach altpreußischem Volksglauben unter dem Holunder ein Dämon wohnt, welcher sowohl über Zwerge (Markopole), als Kobolde (Parstuckeu, Fingerlinge?) Macht hat und dieselben zu Gunsten oder Schaden der Menschen auf bietet. Nach den gleichzeitigen Mitteilungen des Lucas David war anderswo in Preußen der Glaube verbreitet, daß wenn man die Erde unter dem Holunderstrauch verunreinige, der Geist, so unsichtbar unter dem Baume wohne, das Auge verunstalte; verbrenne mau den Busch, so nehme man ihm seine Herberge.

Überschlagen wir alle diese Überlieferungen, so wird es klar, daß in denselben eine Verschmelzung verschiedener Vorstellungen statt hatte. Der Hausgeist (Tomtegubbe u. s. w.) im Boträd tritt uns entgegen gleichsam als der Baumgeist, der personifizierte Baum selbst. Neben anderm was wir schon beibrachten, stimmt hiezu aufs beste, daß der Kobold in den Niederlanden, Holstein, Thüringen, Hessen und Baden zuweilen grünes Gewand trägt, daß er in Holland ein grünes Gesicht und grüne Hände, in Belgien ein Antlitz „verschrumpelt wie die Kinde eines Baumes“ haben soll, und daß er in der Mark der grüne Junge beißt.1 Diesen Hausgeist, der der Baumdämon selber, sehen wir nun nach Analogie der „Elbe“ mitunter zu einer ganzen Schaar vervielfältigt, die in oder unter dem Baume Wohnung nimmt und mit Attributen ausgerüstet, welche diesen als Krankheitsgeistern zukommen. Andererseits gewahren wir die Elfen ein Stück von dem Wesen des Baumgeistes selbst annehmen. Konnten sie dem Körper des Menschen und der Tiere schaden, so mochten sie besänftigt auch wolthätig wirkend gedacht sein und so auch von dieser Seite her mit der Idee des Schutzgeistes zusammenfließen. Daher erklärt sich das im Eichsfelde gebräuchliche Verbot Holunderholz zu verbrennen,

weil sonst im ganzen Hanse die Hühner sterben.1 Das Leben der Hühner ist mit dem des Baumes so zu sagen identisch geworden. Hiemit stimmt die Sage vom Stodderstubben bei Bönsvig (Praestoe auf Seeland). Es ist ein Weißdornstumpf, der als Seemarke dient. Wer Hand daran legt, dem widerfährt Unglück. Einern Bauer, der ihn zum Pflughaupt abhauen wollte, fuhr die Axt ins Bein (vgl. ob. S. 36). Als er zum zweitenmale Hand anlegte, starb ihm eine Kuh. Stodderstubben (Bettlerstumpf) heißt der Baum, weil da ein Bettler begraben ist (vgl. ob. S. 39). 2 Endlich treten sogar auch die Zwerge an die Stelle der Elben. Vielleicht wird es weise getan sein zu erinnern, daß die von uns zur Besprechung gebrachten Charakterzüge das Wesen weder der Kobolde und Hausgeister, noch der Elbe und Zwerge erschöpfen. Die Kobolde namentlich gehen fast durchgängig in Personificationen feuriger Lufterscheinungen (Drachen) über, so daß die Bezeichnung als Baumgeister eine viel zu enge wäre. Und auch von den Elben (Elfen) hat man festzuhalten, daß ihr Aufenthalt im Baume und ihre Eigenschaft als Krankheit verursachende Geister nur eine einzelne unter ihren mannigfachen Erscheinungsformen sind, wenn auch eine nicht ungewöhnliche, wie ich durch noch einige weitere Metamorphosen dieser Vorstellung erhärten möchte. Im Waldeckischen versteht man unter den „Hollen“ kleine schwarze Leute, welche Züge der Zwergsage und der Koboldsage vereinigen. Sie wohnen im Höllenstein, vertauschen Kinder, backen dem Ackerer Kuchen, tragen ihren Lieblingen Korn von eines andern Boden zu.3 Doch auch im Baume wähnt man sie gegenwärtig. Wenn kleine Kinder kränkeln, müssen die Eltern Wolle und Brod in den Wachholderhusch einer anderen Feldflur bringen und dabei sprechen:

Ihr Hollen und Hollinnen,
Hier bring‘ ich euch was zu spinnen
Und was zu essen.
Ihr sollt spinnen und essen
Und meines Kindes vergessen.4

Auf dem Kirchhofe von Storeheddinge auf der Insel Seeland finden sich Ueberbleibsel eines Eichenwaldes. Das sind — sagt der gemeine Mann — des Elfenkönigs Soldaten, bei Tage Bäume, bei Nacht tapfere Krieger. Aus einem Baume im Walde zu Rugaard auf derselben Insel wird Nachts ein ganzes Elfenvolk und läuft lebendig herum.1 Das sind die neben dem eigentlichen Baumgeist die Zweige des Baumes bewohnenden Elbe. Die Auffassung der kranheitverursachenden Elbe als Würmer war die eine uralt indoeuropäische Vorstellung, welche vielfach bis auf die neueste Zeit maßgebend geblieben ist. In den Soldaten der soeben angeführten seeländischen Sage erkenne ich dagegen einen Ausfluß einer andern daneben Verlaufenden und, wie das Beispiel des durch seine Pfeile Pest hervorrufenden Apollo zeigt, nicht minder alten Auffassung, wonach die Schmerzen als unsichtbare Verwundungen durch kleine Speere oder Pfeile von Götterhand oder ans der Hand der Elfen betrachtet werden. Vgl. die englischen und schottischen Vorstellungen vom elfbolt, elfarrow 2 und den ags. Segen in der Hs. der Harlejan. Samml. X. 585, gegen Stiche.3 wo es heißt, daß Hexen gellende Speere (gyllende gáras) Göttergeschoß, Elfengeschoß, Hexengeschoß (ésa gescot, ylfa gescot, hägtessan gescot) in Haut, Fleisch, Blut oder Glied entsandten „heraus kleiner Speer (ut lytel spere).“ So sprechen wir noch heute vom Hexenschuß, und dem Schweden heißt älftblást auch elfskudt. Die Zusammenstellung ésa gescot, ylfa gescot aber, welche in der stehenden formelhaften Miteiandernennung von Asen und Alfen in Liedern der älteren Edda4

ihr Seitenstück hat, spricht dafür, daß diese Ausdrücke auf germanischem Boden in eine dem Heidentum angehörige, Angelsachsen

und Skandinaven gemeinsame Kulturepoche zurückreichen. Sehr deutlich zeigt uns der Baumgeist als Beherrscher der in den Baumgliedern lebenden Elfen die estnische Tradition. Der Este erzählt nämlich von Baumelfen puu-halijad, welche im Baume wohnen und bei aufsteigendem Gewitter sich aus Angst vor der Verfolgung des Donners mehrere Fuß tief unter des Baumes Wurzeln verkriechen. Ein Bauersmann findet einst bei aufsteigendem Gewitter einen fremden Mann unter einem Baume schlafen und weckt ihn. Der Fremde sagt ihm seine Gegendienste zu. Wenn er einst fern vom Vaterlande einmal Heimweh bekomme, werde er eine krumme Birke gewahren. Er solle anklopfen und fragen: Ist der Krumme zu Hause? Dies geschieht, als er nach Jahren als Kriegsmann im fernen Finnland dient. Er sieht die Birke, er fragt nach dem Krummen, der Fremde steht vor ihm, und ruft sogleich in den Baum hinein nach den schnellsten von seinen Jungen. Wetteifernd drängen sie sich, endlich erhält einer, schneller als der Gedanke, Befehl, den Kriegsmann mit einem guten Geldsack in seine Heimat zu tragen. Der Krumme war der Baumelf (puuhalijas) gewesen.1 Insofern die Elbe dem Menschen und Tiere seine Kraft, sein Fleisch oder die Nahrung rauben (vgl. den Ausdruck Mitesser) konnten sie wol Diebe genannt werden. Indem man aber mißverständlich „was von ihnen gesagt wurde, auch auf menschliche Stehler übertrug, kam man dahin zu glauben, Frau Wachholder könne Diebe zwingen, gestohlenes Gut zurückzubringen. Man geht zu diesem Zwecke vor Sonnenaufgang zum Wachholderbusch, beugt einen Zweig mit der Linken nach Osten bis auf die Erde herab und legt einen Stein darauf, damit er nicht emporschnellen kann, und spricht:

Wachholderstrauch, ich tue dich bücken und drücken, bis der Dieb dem N. N. sein gestohlen Gut wiedergebracht hat.“

Der Dieb wird kommen. Sobald er aber das Gestohlene gebracht hat, muß man den Zweig lösen

und den Stein genau an seine vorige Stelle legen.1 Man merke wol, wie genau diese Beschwörung der ob. S. 15 mitgeteilten gleicht, welche den Baum bewegen soll, den Krankheitsdämon zurückzurufen. Dort wurde nämlich ein Stein auf eine Distel gelegt. Ganz dasselbe geschieht in Estland, sobald das erste Korn der neuen Ernte zum Dörren aufgestellt wird. Man legt auf jedes Fensterloch eine große Distel und auf diese einen Stein. Dann kann der Kobold während des Dreschens das Korn nicht fortschleppen. Der kornstehlende Kobold oder fliegende Drache wird hier deutlich in die Distel (als einen seinem Wesen entsprechenden Wohnsitz) gebannt. 2 Nun erklärt sich auch, weshalb in der schon erwähnten Denkschrift von der Sudaner Bockheiligung Puschkait (s. ob. S. 63). bei Diebstählen ermahnt wird, den Dieb nicht über die Grenze zu lassen.3

Unbemerkt gelangten wir der Entwickelung des Baumkultus folgend bereits an diejenige Stufe, welche vir in der Einleitung als die dritte bezeichneten, d. h. zu solchen mythischen Gestalten, welche scheinbar mit Freiheit außerhalb der Pflanze sich bewegen, mit ihrem Leben aber an das Geschick derselben gebunden sind. So kann die Baumnymphe zuweilen der Art von ihrem Baume sich lösen, daß sie mit Menschen in ehelicher Gemeinschaft lebt. In Böhmen gab es im Bidschower Kreise einmal eine Familie, deren Mutter Nacht für Nacht ihren Körper verließ, um in eine Weide am Bache zu gehen. Als ihr Mann davon erfuhr, fällte er die Weide, aber im nächsten Augenblick starb auch sein Weib wie von einer Sichel abgehauen. Nur die Liebe zu den Kindern überdauerte die Verstorbene. Die aus der Weide gemachte Wiege schläferte die zurückgebliebene Waise ein, und als diese heranwuchs und aus dem Weidengebüsch, das aus dem

Baumstümpfe hervorwuchs, sich Pfeifen verfertigte, sprach während des Pfeifens die Mutter mit ihr.

§ 18. Chronologische Zeugnisse.

Hiemit schließen wir den schon breit genug ausgelaufenen Nachweis, daß und in wie mannigfachen Gestalten der Volksglaube ein enges und magisches Band zwischen dem Baume (resp. der Pflanze) und dem Menschen als vorhanden setzt. Wir trafen die Baumverehrung und damit zusammenhängende Gebräuche und Anschauungen wesentlich in denselben Formen aus Skandinavien, Deutschland, England, Litauern, Rußland, Böhmen und Frankreich bezeugt. Bei mehreren derselben fehlt es außer den inneren Anzeichen auch an den äußeren Zeugnissen für ein hohes Altertum nicht. Wenn unsere Auseinandersetzungen über Yggdrasill richtig sind, muß der Glaube an den Várdträd mindestens ins 8.—10. Jahrhundert zurükreichen. Die ins Strafrecht der Holzgenosseuschafteu übergegangene Identifizierung des Baum- und Menschenleibes ist älter als das 11. Jahrhundert (ob. S. 29); Herzog Bretislaw II. von Böhmen (1092—1100) ließ Haine und heidnische Bäume (lueos et arbores gentiles) umhauen (Cosmas Pragens. Lib. III). König Knut der Große (1014—1035) verbietet in England die Verehrung jeder Art von Waldbäumen (aeniges eynnes wndutreówa), König Eádgár (959—975) die eiteln Gebräuche mit Holunder und manchen andern Bäumen , S. Kemble, Sachsen in England T, 433, 436. Schmidt, Gesetze der Angelsachsen, Lpz. 1858. S. 272. Heilige Haine waren auch den Sachsenstämmen des Festlandes gemeinsam. Noch Erzbischof Unwan von Bremen (1013—1029)

„ließ die Haine, welche die Marschbewohner seines Sprengels in törichter Verblendung besuchten, niederhauen und davon die Kirchen neu bauen“ (Adam-Brem. 1. H, e. 46)

und als Vieelin um das Jahr 1129 zu den Holtsaten in Faldera (Neumünster) kam, fand er, daß sie nichts weiter als den Namen von Christen hatten, denn die Verehrung von Hainen und Quellen und sonst noch mancherlei Aberglaube herrschte bei ihnen (Helmold Chronic. Slavor. I. Cap. 47). Schon der Landtag zu Paderborn im Jahre 785, wenige Jahre nach Christianisierung der Sachsen, bedrohte unter andern Resten des Heidentums mit Strafe.

Wenn das Concil zu Nantes im Jahre 895 den Bischöfen die Ausrottung der „arbores daemonibus cousecratae quas vulgus colit et in tanta veneratione habet, ut nec ramum vel sucrulum andeat amputare zur Pflicht macht, so brauchen darunter keine anderen als die vom Baumgeist bewohnten verstanden zu werden (Myth.1 XXXV): ebenso wie der Baum, den der h. Amandus (gestorben 671) unter Nordfranken verehrt fand „idolum scilicet arborem, quam erat daemoni dedicata“ (Myth.63), keine andere Interpretation verlangt. Auch die so oft von den Bußbüchern erwähnten „oblationes ad arbores“ finden durch S. 11 hinreichende Erklärung. Wahrscheinlich schon im 7. Jahrhundert (Concil v. Rouen 650, c. 4) übten Hirten und Fischer den Brauch vermittelst eines an den leidenden Teil angebundenen Brodstücks oder Krautes Viehkrankheiten in einen Baum zu verkeilen (S. E. Friedberg, Aus deutschen Bußbüchern 26 ff. 66. 84 ft). In noch frühere Zeit weisen die S. 20. 34 beigebrachten Zeugnisse aus dem h. Eligius, Marcellus von Bordeaux und Plinius Valerianus. Wenn die Decrete und Bußbücher der christlichen Kirche des Mittelalters in den vorhergenanuten Ländern bald nach der Bekehrung noch andere Arten der Baum- und Hainverehrung als im Heidentum gewöhnlich und aus diesem noch später übrig bezeugen z. B. Opfer, Gelübde, Fackelanzündung an Bäumen, so erklären sich auch diese teilweise aus den von uns dargelegten Formen des Kultus, teilweise schließen sie sich an andere Seiten desselben an, welche weiter zu verfolgen unserm gegenwärtigen Zwecke ferner liegt.

Text aus dem Buch: Wald- und Feldkulte (1875), Wilhelm Mannhardt.

Siehe auch:
Wald- und Feldkulte – Vorwort
Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen

Inhaltsübergreifend: Deutsche Mythologie

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Wald- und Feldkulte