I.

Der neue Aufschwung der Architektur in Österreich, zunächst an der Zentralstelle in Wien, fällt so ziemlich mit den politischen Weckrufen des Jahres 1848, wenn auch bei anderen Tendenzen, zusammen. Die neue Kunstbewegung — die „Monumentalperiode“ der deutschen Kunst — war jenseits unserer Grenzen bereits in vollem Gange, als bei uns die verwandte Entwicklung einsetzte. Hier wurde es allerdings ein Prozeß mit beschleunigten Pulsen. Man wollte nicht bloß nachkomrncn und einholen, sondern in kürzester Zeit selbständig konkurrieren und auf eigenen Wegen fortschreiten, was denn bald genug auf überraschende Weise gelang.

Der vorangegangene Zustand, auf den wir nur der Einleitung wegen zurückblicken, war wohl nahezu trostlos. Unter allen Künsten läßt sich die Baukunst am ehesten staatlich einschränken und disziplinieren, und dies geschah in der „vormärzlichen“ Zeit nach allen Graden. Es gab damals bei uns eine bauliche Zensur, ebenso drückend gchandhabt wie die literarische. „Vor dem Jahre 1848 erschöpfte sich“ — wie einmal Rudolf von Eitelberger sagte — „die Architektur Österreichs einerseits in dem Gcschäftslcbcn des Bauhandwerkes, anderseits in dem Bureaulebcn der Baubeamtcn. Die Architektur als Kunst ging leer aus.“ Paul Sprenger (gcb. 1798, gest. 1854), zuletzt Hofbaurat, dozierte an der Akademie der bildenden Künste seit 1828 „geometrie dcscriptive“ als neuen Lehrgegenstand, dann auch die „schöne Baukunst“ — doch diese ganz nach den Regierungsmaximen, gleichsam als bauliche Rezeptierkunde. Ihm gegenüber vertrat wohl schon früher Peter von Nobile (aus Campestre im Kanton Tessin, gcb. 1774, gest. 1854) die offiziell zugestandene künstlerische Auffassung —- zunächst mit seinem dorischen Burgtor (siehe Abb. 1) und seinem Theseustempei im Volksgarten (1822—1824). Er war Dogmatiker in Sachen der Kunst; er sah in der Antike nur die Regel und schätzte neben Vitruv wohl auch Vignola und Palladio, insofern sie gleichfalls Regeln aufstellten. Nobile war um sieben Jahre älter als sein großer Zeitgenosse, der Wiedererwecker der Baukunst in Deutschland, Karl Friedrich Schinkel (1781 —1841), und überlebte diesen um dreizehn Jahre, um aber während dieser langen Lebensdauer lediglich über den akademischen Stillstand der Architektur in Österreich zu wachen. Er kehrte zur Antike zurück und blieb bei ihr stehen, indes Schinkel mit genialem Blick von ihr ausging, um dieselbe einer lebensvollen Erneuerung entgegenzuführen. Bei den wenigen Bauten, die in jener Zeit einen gewissen Anspruch auf Bedeutung machten, mußte eine lokalisierte Abart des Empirestils neben Nobiles Schulantikc hcrhalten. Ein für die damaligen Verhältnisse noch immer beachtenswerter Bau war das Polytechnische Institut auf der Wieden, vom Hofbaurat Direktor Schemerl von Leytenbach im Jahre 1816 erbaut, von Prof. Stummer 1839 wesentlich erweitert. In der Herrengasse, wohin sich besonders die staatliche Bautätigkeit hinzog, nahm man sich eigens zusammen. So tat es der sonst nüchterne Sprenger, der im Statthaltereigebäude (1845) sogar dekorativ wurde, und früher schon Moreau mit der Fassade der Nationalbank und ihrem schulgerecht antikisierenden Portal, dann E. Ludwig Pichl in dem Umbau des Ständehauses (1838), welcher mit der stark ausladenden korinthischen Säulenstellung des Mittelbaues an klassizistischer Anstrengung schon in sehr beachtenswertem Maße ein Übriges tat. Weiter durfte man aber nicht gehen. „Monumentalität“ war für die franziszeischc Epoche und die nächste Folgezeit ein fremder Begriff.

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Stadtansichten Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts