1. Willem Buytewech / Kavalier und Dame

Esprit ist keine Eigenschaft der Holländer. Wenn zu irgend einer Zeit, so musste sich das Verständnis dafür am ehesten damals entwickeln, als man viel Wert auf die Mache der Bilder legte, in der Epoche des Frans Hals, als man die Erscheinungswelt, so wie sie der naive Blick erfasst, mit aller Kraft der äusseren Mittel zu erfassen suchte. Auch bei Buytewech, der Geist und Witz besitzt, äussem sich diese Eigenschaften zunächst in der Technik. Kritzelnd spielt seine Feder über das Papier, und eine leichte Lavierung verteilt in schmalen Streifchen flüchtig Licht und Schatten. Die Umrisslinie bildet kleine scharfe Spitzen und verläuft in kecken, unerwarteten Kurven. Dem entspricht ein naiv frecher Ausdruck. Seine Kavaliere sind geckenhaft und frivol, seine Damen kindlich heitere Zierpuppen, die an nichts wie an Putz und Tändelei Vergnügen haben.

Dem Herrn kostet es Überlegung, den Antrag in die gefälligste Form zu kleiden; aber er versteht es die passende Stellung zu wählen, die Füsse mit herrlichen Schnallenschuhen zierlich vorzusetzen, die schmalen Finger geschickt in den Falten des Gewandes zu verstecken. Auch die Dame muss um des schönen Scheines willen leiden. Trotz des koketten Aufputzes wirkt sie wie ein kleines anmutiges Kunstwerk, geschaffen, andere durch ihren Anblick fröhlich zu stimmen.

 

2. Willem Buytewech / Konversation

Mit Anstand trägt man originell erdachte Kostüme zur Schau, leichtsinnig tändelt das Gespräch über nichtssagende Dinge hin. Ein elegantes Milieu ohne Persönlichkeiten, ein berückendes Benehmen, das über die innere Leere hinweghilft. Der Künstler sieht von aussen zu und hat seine Freude an süss verzogenen Gesichtern und possierlichen Rückansichten: durch den behäbigen Stuhl quillt üppig an allen Seiten ein weiter Damenrock hervor; hinter breitem Kragen versinkt ein kleiner Kopf, nur noch ein kleines Dreieck des Putzes schaut hervor.

Die Gruppierung ist kühn für die Zeit, in der die Zeichnung entstanden ist. Die Figuren stehen in auffälliger Unsymmetrie und komplizierten Verschiebungen gegeneinander im Raum. Die Bildtiefe ist ohne umgebende Architektur allein durch die vier Gestalten, die in ein verschobenes Parallelogramm einbezogen sind, hergestellt, freilich nicht völlig überzeugend, da die Gruppe nach rechts zusammensinkt und die Spitze des vorn liegenden stumpfen Winkels nicht stark genug herausgehoben ist. Unbewusst ist auch hier (wie in den Landschaftsbildern der Frühzeit) bei einer nur in zwei Ebenen angeordneten Komposition der Augenpunkt zu hoch gewählt, der Art, dass die hinteren Gestalten die vorderen überragen.

 

3. Willem Buytewech / Interieur

In Buytewech steckt noch die harmlose Erzählerlust der ersten Künstlergeneration des siebzehnten Jahrhunderts. Das sachliche Interesse steht über dem geistigen. Charakteristik des Vorganges und selbst Stimmung sind ihm nicht wesentlich, kaum ist es ihm darum zu tun, das Gemüt des Beschauers zu bewegen. Welcher Abstand noch von Rembrandt, der sich in der einfachsten Familienszene völlig auf das Geistige des Inhaltes konzentriert und Nebeneindrücke nicht aufkommen lässt! Dafür hat die Schilderung  Buytewech durch das naive Verweilen an jeder Kleinigkeit jene kindliche Wahrhaftigkeit und Überzeugungskraft, die nur von einer jugendlichen, noch gedankenfreien Kunst ausgeht.

Uns gibt der Künstler zugleich ein lebendiges Stück Kulturgeschichte. Der schwerfällig behagliche Hausrat erzählt von dem praktischen Sinn der Holländer. Kamin und Wände schmücken nur Dinge des Gebrauchs: Leuchter und Lichtputzschere, der Bettwärmer an langem Holzstiel, Ofenschaufel, Blasebalg, der eiserne Kessel am gezackten Haken über dem Feuer; an der Wand statt eines Bildes eine Karte der Provinzen Hollands in der neuen Einteilung, ein Wahrzeichen der Kraft des Landes für jeden guten Bürger, der die Befreiungskriege mitmachte. Die Gruppe am Kamin ist ein Bild holländischer Gemütlichkeit. Die Frauen haben die Holzpantoffel abgelegt und unter die Wiege gestellt; sie ziehen ihre Kniee beim Sitzen herauf, um dem Feuer eine breitere Warmfläche zu bieten. Wahrend sie emsig stricken, tönt ihnen das Schnurren der Katze am Herd und das Knistern des Feuers im Ohr, oder sie hören zu, was ihnen der Hausvater im Ofenwinkel — den Hut nach altholländischer Sitte auch im Zimmer auf dem Kopf — aus der Bibel vorliest.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Willem Buytewech