Ein Frühstückstisch


Die alten Holländer haben zuerst unter den Völkern Europas das moderne Gefühl der Häuslichkeit gehabt, die Liebe zu den eigenen vier Wänden. Sie zeigen das nicht in der Literatur, wie unsre deutschen Dichter und Erzähler des 18. Jahrhunderts, sondern in ihrer Malerei, wie ja auch die Naturstimmung ihrer Landschaftsbilder schon da war, ehe Rousseau den literarischen Ausdruck für das moderne Naturgefühl fand. Dem bei den Holländern stark entwickelten Sinne für häusliche Behaglichkeit entspringt in ihrer Malerei die nachahmende Darstellung der unzähligen kleinen leblosen Dinge, die für den Menschen in seinem Heim einen Wert haben. Alle enthalten Beziehungen auf Personen: jedes Früchtestück setzt eine pflegende und ordnende Hand voraus, abgeschnittene Blumen haben ihre Liebhaber, ein menschenleeres Zimmer oder ein zurückgelassenes Kleidungsstück wissen etwas von einem Besitzer zu erzählen, und ein angegessener Frühstückstisch drückt noch etwas mehr aus als das angenehme Gefühl der Sättigung. Wie das menschliche Genrebild, so wird auch die nature morte, das Stilleben zu einem Sittenbilder der Holländer. Ganz abgesehen von diesem gegenständlichen Interesse hat sich aber das rein künstlerische Verlangen nach Form und Farbe in keiner anderen Gattung der Malerei so deutlich ausgesprochen. Wir haben den bedeutendsten Blumenmaler Hollands, Jan Davidsz de Heem, kennen gelernt. Auf derselben Höhe steht Kalf mit seinen Stilleben aus Früchten und Geräten, van Beyeren, mit seinen Fischbänken. Diese Gegenstände behandeln auch die etwa ein Menschenalter älteren Pieter Klaasz und Willem Heda in Haarlem. Ihre Bilder haben große Ähnlichkeit. Jener malt flotter, Heda etwas trocken, aber er ist der gewandtere, er folgt dem Pieter Klaasz, dessen Lehrer wir nicht kennen; der Anreger für Farbe und Licht war Frans Hals. Ihre Stilleben sind äußerlich nicht ansehnlich, manchmal nur klein, dabei wenig farbig, oft beinahe einfarbig bräunlich, gelbgrau oder blond, aber kräftig im Vortrag und lichtreich. Da sieht man Weingläser, Pokale, Deckelkrüge, einen Teller von Silber oder Zinn mit einer halbgeschälten Zitrone, Austernschalen, einige Nüsse und ein Stück Brot, auch wohl eine Taschenuhr mit einem farbigen Seidenbande, alles körperlich deutlich und sehr breit gemalt. Unser Frühstückstisch von Heda mit der Jahrzahl 1631, das Zweitälteste Bild des Meisters, bedarf zu seiner Erklärung höchstens noch des Hinweises, daß das eßbare Hauptstück auf der Tafel eine Brombeerpastete vorstellen soll.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie WILLEM KLAASZ HEDA 1594-1678