Geboren zu Amsterdam, Gestorben zu Greenwich 1707
Holländische Schule

der Kanonenschuss

Solange man das Pathetische, das Gewaltige in der Kunst am höchsten schätzte, waren die Seestücke vor allem gesucht, welche das Meer vom Sturme geht in wilder Bewegung zeigten; daher war Ludolf Backhuizen fast ebenso gefeiert wie der jüngere Willem van de Velde, und von beiden bevorzugte man Darstellungen der stürmischen See, Schiffbrüche oder Seeschlachten. Seit wir in der Landschaft vor allem die Stimmung sehen und bewundern, erscheinen uns diese Stürme und Schlachten, namentlich von L. Backhuizen, wie Theaterstücke; sie sind uns zu schwarz und zu unruhig und werden daher auch von den Sammlern nur noch wenig berücksichtigt. Aber Willem van de Velde hat auch Bilder gemalt, die unserer modernen Anschauung ganz nahe stehen, ja sie zuweilen voll zum Ausdruck bringen. Es sind jene Darstellungen der stillen See an sonnigen Tagen, mit hellen leichten Wolken, die sich in der trägen, glatten Fläche spiegeln und bei aller anscheinenden Einfachheit das Bild reich beleben. Ein Werk dieser Art ist „Der Kanonenschuss“, der mit der Sammlung van Hoop in das Rijksmuseum zu Amsterdam gekommen ist. Der Tag ist hell und schön; die Segel hängen schlaff an den Masten der Schiffe, die unbeschäftigt am Strande vor Anker liegen; breiter Sonnenschein lagert über der trägen, buntspiegelnden Fläche; da stört ein Signalschuss vom stolzen Dreimaster die Ruhe und bringt Bewegung und Licht und Schatten in die einförmige Fläche. Willem van de Velde, wie sein Vater Hofmaler bei den Oraniern, beobachtete die See, kannte das Meer und das Leben darauf wie kaum ein Seemann. Auf ihren Exkursionen, bei ihren Manövern, ja bis in die Schlacht begleitete er die Flotte, zeichnete die Schiffe in allen ihren Bewegungen, selbst unter dem Donner der Geschütze. Fast zahllose Studien dieser Art sind uns von ihm in allen Kabinetten und in manchen Privatsammlungen erhalten, die von seiner feinen Beobachtungsgabe, von der Sicherheit und Schnelligkeit im Aufskizzieren auch der flüchtigsten Bewegungen das beste Zeugnis geben.

Willem van de Velde