Kategorie: William Hogarth

(1697-1764.)

Ein einziges Mal hat in neuerer Zeit das Aschenbrödel unter den Künsten, die Graphik, das Glück gehabt gut abzuschneiden. Es dauerte rund hundert Jahre, bis die zauberhafte Kunst der Reynolds, Rommey und Gainsborough einen Weltruf erlangte. Hogarth aber war in der ganzen Kulturwelt sofort ebenso berühmt wie in seiner engsten Heimat.

Nun muss man leider gleich zugeben, dass es nicht das spezifisch Graphische in seinen Werken war, das ihm zu diesem Erfolg verholfen hat. Höchstens sprach es mit, insoweit diese Kunstrichtung schon an und für sich eine leichtere Verbreitung zulässt. Der Hauptgrund seiner Beliebtheit besteht aber wohl darin, dass er das Leitmotiv seines Zeitalters, den Gedanken, mit dem es sich unentwegt beschäftigt, aufling und ihm künstlerischen Ausdruck verlieh. Es ist das empfindsame, merkwürdige achtzehnte Jahrhundert, das von Anfang bis Ende auf ebenso beständige wie sonderbare Weise Stellung zur Moral suchte.

Man lese den 375. „Spectator“ vom 10. Mai 1714! Es ist uns heutzutage einfach unfassbar, wie im übrigen gescheite, wohl auch grosse Männer eine solche Erzählung für geeignet finden konnten, die Moral zu läutern. Oder man lese die wechselseitigen Kondolenzbriefe von Frau Chapone mit der berühmten Mine. D’Arblay (Fanny Burney). Zwei so kluge, feingebildete Frauen empfinden nicht das lächerlich Schwülstige ihres Vorhabens, wenn sie sich über die schwersten Schicksalsschläge durch moralisierende Erwägungen, ja durch „schön gewählte“ Dichterzitate zu trösten suchen! Andere wiederum versündigen sich an den Perlen einer früheren Zeit, an den Werken Shaksperes oder Heywoods, um sie zu vermoralisieren, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf. Die Sucht war, wie bekannt, nicht etwa auf England beschränkt. Lessing hat ja erst den „Kaufmann von London“ und den „Spieler“ eingeführt, ehe er zu Shakspere griff.

Es gab damals in England natürlich auch moralisch – empfindsame Menschen unter den bildenden Künstlern: Peters, Ben well, Bunbury, Northcote, Zauffely etc. heissen sie. Aber wie himmelhoch ist Hogarth über diesen Schwächlingen erhaben! Es ist nicht etwa, weil er ihnen technisch überlegen war, weil er etwa besser zeichnen konnte als sie. Er hat geahnt und empfunden, was eine spätere, frischere Zeit erst zu formulieren vermochte: dass man das Laster nur dann erfolgreich bekämpfen kann, wenn man es lächerlich macht. Darin besteht Hogarths Grösse. Und weiter, — es ist nicht nur, dass er mit seinem kernigen, unangekränkelten Sinn die weiblichzimperliche Schönfärberei nicht kennt, die so gern mit dem Laster mitleidsvoll flennt, ihm so gern — aber nur auf dem Wege nach Tyburn — seine gerührte Teilnahme ausdrückt: nein, – er weiss auch nichts von dem unkünstlerischen Materialismus jener „Meister“.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst William Hogarth