Am 16. April knattern abermals friedliche Schüsse. Es ist unser letzter Abschiedsgruß an Ernst Berner1. „La Libertad“ ist hinter einer Flußbiegung unseren Blicken entschwunden. Wir haben nur einen Yahuna bekommen können, der mein Boot steuert; Schmidt fährt allein mit dem größten Teil des Gepäcks in unserem langen Kanu. Nicht weit unterhalb der Ansiedlung kommt der Apaporis dem Hauptstrome sehr nahe. Ein kurzer Pfad führt hinüber. Wir frühstücken an der Mündung des Tariira-Parana, eines breiten linken Zuflusses mit schwarzem Wasser, der nach den Angaben der Indianer in seinem Oberlauf durch einen Fußpfad von drei Tagen mit dem Ira-Parana in Verbindung steht. Man treffe dort viele Maku, die von den Yahuna Usi genannt werden und bei den anderen Stämmen sehr gefürchtet sind. Wir haben von ihnen schon am Tiquié gehört (vgl. S. 155). Sämtliche linken Zuflüsse des unteren Apaporis und die Seen, die mit dem Fluß in Verbindung stehen, haben schwarzes Wasser. Daher kommt es, daß der Apaporis nahe seiner Mündung, wo er eine Breite von 350—400 m hat, eine dunkle Färbung annimmt und auf manchen Karten als Schwarzwasserfluß verzeichnet ist. Es herrscht schon völlige Dunkelheit, als wir bei leichtem Regen in den Yapura einfahren und bald darauf die Ansiedlung Narino, das Besitztum des Colombianers Cecilio Plata2, erreichen. Schmidt kommt erst spät in der Nacht an. Wegen des heftigen Windes hat er mehrmals unter das Ufergebüsch flüchten müssen und ist nur mit knapper Not vor dem Kentern bewahrt geblieben.

1 Er ist bald nach unserem Besuch gestorben.

2 Er wurde 1907 von den Yupua-Indianern aus Rache erschlagen.

Narino, eine Pfahlbaubaracke wie „La Libertad“, liegt auf dem hohen und steilen linken Ufer mit freiem Ausblick über den gewaltigen Strom. Fern im Westen erblickt man eine blaue Kuppe, die Serra de Yupaty, die den ersten großen Katarakt des Yapura bildet und ihm den Namen gibt. In Abwesenheit des Herrn empfängt uns der Hausverwalter, ein Kueretu namens Faustino. Er hat sich feingemacht und trägt eine neue schwarze Hose, ein weißes Leinenhemd, eine schwarzseidene Mütze und — Zugstiefel. Schon vor sieben Monaten, so erzählt er mir, wußte man hier durch das natürliche Telephon von Mund zu Mund, daß ein „Dotoro“ mit großem Gepäck am Caiary reise, Tanzschmuck und andere Sachen für schöne, große Waldmesser, Äxte usw. kaufe und später über Land zum Yapura kommen würde. Lebensmittel können wir nicht erhalten. Die Pflanzung ist noch jung und liefert keine Früchte. Die Leute leiden selbst Hunger. Über Nacht verschwindet eine Büchse Konserven aus unserem geringen Vorrat. Soweit hat man es schon in der europäischen Kultur gebracht ! — Als Leckerbissen verzehrt man hier dicke, weiße Käferlarven bei lebendigem Leib, die man aus einem Palmstamm bohrt. Regenwürmer esse man nicht am Yapura, sagt Faustino. Am Caiary werden auch diese gegessen.

Mein Opaina ist schon seit drei Tagen hier und hat sechs Masken, buntes Tongeschirr, einen prachtvollen Tanzstab und zwei Signaltuten mitgebracht. Vier von den Masken ähneln denen vom Dyi-Igarap£, sind aber viel feiner gearbeitet. Die zylindrischen Kopfaufsätze nebst den „Ohren“ sind aus sehr leichtem Holz verfertigt und bunt bemalt. Der Kopfüberzug und die Ärmeljacke bestehen aus rotem Baststoff, der lange Behang aus gelben Baststreifen. An das Ende des Kopfüberzuges, das durch ein viereckiges Loch des Zylinders gesteckt wird, bindet man einen langen, mit weißen Baststreifen umwundenen Stab aus Palmmark, den „Zopf“, der unten am Ring des Behanges befestigt wird. Schwarzgefärbte Baststreifen, die am Ende dieses Zopfes eingebunden sind, sollen das Haar vorstellen. Der Tänzer faßt mit beiden Händen einen Teil des Behanges, hebt ihn ein wenig hoch und springt hin und her, indem er den Oberkörper vor und zurück wirft und sich rasch dreht, so daß der übrige Behang fast wagerecht steht. Er begleitet den Tanz mit einem wilden Gesang. Je nachdem die Ohren eine runde oder viereckige Form haben, gehören die Masken paarweise zusammen. Sie stellen böse Waldgeister dar, Mann und Frau (Taf. XII).

Die beiden anderen Masken sind von diesen sehr verschieden. Nur Jacke und Behang sind die gleichen. Den Kopf bedeckt eine Kappe aus rotem Baststoff, auf die bei der einen Maske ein buntbemaltes menschliches Fratzengesicht aus Pech geklebt ist. Das obere Ende der Kappe ist mit einem Band aus gelbem Bast zu einem Zopf umwickelt, der in schwarz gefärbte Baststreifen, die .Haare“, aus-geht. Auch diese Maske stellt einen männlichen Dämon dar (Abb. S. 395). Die andere Maske derselben Art stellt die Wasserjungfer dar. Die dicken, runden Augen des Insektes, bunt bemalte Pechklumpen, treten stark hervor. Darüber erhebt sich der schlanke Leib, die ebenfalls mit buntbemaltem Pech überzogene, lange Spitze der Bastkappe. Bei der Vorführung eines Tanzes geht der Dämon, eine Stange schulternd, mit langen Schritten unter Gesang hin und her. Die Wasserjungfer tanzt in derselben Weise wie die Masken mit den Holzaufsätzen oder hockt stumpfsinnig auf einem Schemel. Außer bei den oberen Yahunastämmen finden sich alle diese Masken auch bei den Yukuna, Matapy und Kueretu. Die Masken und Maskentänze scheinen sehr mannigfaltig zu sein. So gibt es einen Tanz der großen Fledermaus, einen Schmetterlingstanz, einen Kolibritanz mit sehr kleiner Maske und noch viele andere. Die Melodien erinnern, auch im Rhythmus und Refrain, an die Masken-gesänge der Kobeua; aber die Maskentänze finden hier nicht aus Anlaß eines Totenfestes statt, wie am Caiary und Aiary. Von den beiden Signaltuten ist die eine in der Form eines sich nach oben verjüngenden Hohlzylinders aus sehr leichtem Holz verfertigt und mit bunten Mustern bemalt. Die andere, aus Ton gebrannt, wird durch ein seitliches Loch geblasen und trägt rote Bemalung auf dem natürlichen grauen Grunde (Abb. S. 405).

Wir treffen in der Ansiedlung außer Yahuna und Yupua einige Miranya, drei Männer und eine Frau, von einer Horde, die am Abiu-Parana, einem Zufluß des Cauinary, wohnt. Ihre Sprache stimmt bis auf geringe dialektische Unterschiede mit dem Imihitä überein. Erst nach längerem, komischem Bemühen verstehen sie, was ich will. Als ich nach dem Wort für „Zunge“ frage und dabei auf meine Zunge zeige, halten sie dies anfangs für einen gelungenen Scherz und strecken ebenfalls ihre Zungen weit heraus. Der Yapura, auf dem wir am 18. April weiterfahren, ist infolge des fortgesetzten Regens in den letzten Tagen sehr gestiegen und strömt stark. Er hat schon hier eine mächtige Breite und macht auf uns, die zwei Monate lang nur schmale Flüsse und Waldbäche gesehen haben, einen überwältigenden Eindruck. Seine unendlich langen, geraden Strecken nach Osten, bei denen man den freien Horizont sieht, erwecken die Sehnsucht nach dem Meer und der fernen Heimat, die dahinter liegt, wirken aber auch außerordentlich ermüdend, wenn man sie in glühender Mittagshitze durchrudern muß. Eine Überfahrt über den breiten Fluß, der von zahlreichen großen Inseln durchsetzt ist, so daß man selten beide Ufer zugleich sieht, ist wegen der plötzlichen Stürme, die sich häufig vorher kaum anzeigen, für kleine Fahrzeuge äußerst gefährlich. Wie der untere Apaporis, so empfängt auch der Yapura auf der linken Seite nur Zuflüsse mit schwarzem Wasser. Daher rührt die merkwürdige Erscheinung, daß der Fluß auf längeren Strecken links dunkles, rechts weißes Wasser führt. Die Ufer sind meistens einförmig flach. Selten sehen wir während der ersten Tage landeinwärts niedrige Kuppen und Höhenzüge, die am Unterlauf gänzlich fehlen. An einigen Stellen steigt das rechte Ufer in hohen Lehm-wänden empor. Auf beiden Seiten erstrecken sich zahlreiche große Seen. Weit und breit kein menschliches Wesen. Nur das ununterbrochene Heulen der Brüllaffen, die in starken Banden alle Inseln bevölkern, begleitet uns auf der einsamen Fahrt Wahrscheinlich sind sie während des Hochwassers auf Treibholz dorthin geführt oder auch durch neue Arme, die der heftige Strom beständig bildet, vom Festland abgeschnitten worden. Zahlreich sind die wilden Kakaobäume. Die gelben Früchte von der Größe eines kleinen Kürbisses treten unmittelbar aus dem Holz hervor und enthalten bohnenähnliche, rotbraune Samen in einer weißen, schleimigen, süß-sauren Masse, die, in Wasser aufgelöst, einen erfrischenden Trank liefert.

Mehrmals kommen wir an früheren indianischen Wohnstätten vorüber. Eine Maloka im Apaporis-Stil auf dem rechten Ufer ist verlassen aus Furcht vor den Colombianern, die am Cauinary viele Miranya erschossen hätten. Auch auf dem linken Ufer haben Miranya gewohnt. Sie sind gestorben oder verzogen. An einer anderen Stelle auf dem rechten Ufer hat ein Miranya-Häuptling eine große Maloka mit vielen Leuten gehabt. Alle sind gestorben. Gegenüber liegt die Wüstung eines Brasilianers. Die Miranya haben ihn mit der Axt erschlagen, weil er sie hat auspeitschen lassen. Eine Tagereise von der Mündung des Apaporis flußabwärts findet sich auf dem linken Ufer ein Urnenfeld aus uralter Zeit. Leider ist der Platz jetzt vom Wasser bedeckt. Als der Fluß seinen niedrigsten Stand hatte, sei das Ufer durch die Strahlen der Sonne abgebröckelt und habe viele Töpfe und übereinandergetürmte Schalen aufgedeckt. Dann sei die Uferwand nachgestürzt und habe alles in kleine Scherben zerschlagen. Der Opaina-Häuptling Matiri besitzt, wie ich jetzt zu spät erfahre, vier wohlerhaltene Urnen. Zwei andere habe sein kleiner Sohn zerbrochen. Am oberen Yapura gäbe es einen zweiten Fundort solcher alten Gefäße. Nach der Beschreibung meiner Buderer sind die meisten davon tiefe, reich mit Mustern verzierte Schalen. Viele tragen anscheinend am Rande die hockende Figur eines Affen oder Menschen, die den Kopf gebeugt hält und die Hände auf die Knie stützt. Am 20. April kommen wir zu der ersten brasilianischen Ansiedlung Gurupa auf dem rechten Ufer. Von dem Besitzer Manuel Francisco de Macedo werden wir trotz unseres schmutzigen und zerlumpten Zustandes freundlich aufgenommen. In seiner Frau, einer Peruanerin, lernen wir eine gebildete Dame kennen, die ihrem Gatten die Bücher und Korrespondenzen führt, was in diesem Hinterlande eine große Seltenheit ist Wir werden glänzend bewirtet Es ist der erste Lichtblick wirklicher Kultur. Der sympathische Mann, der so unterhaltend plaudern kann, das junge, hübsche Frauchen, drei nette, sauber gekleidete Kinder, auf einem Nebentisch ein Buch mit rotem, goldgepreßtem Einband, in dem die Dame des Hauses gerade gelesen hatte, bei Tisch feine Bestecke, ein blendend weißes Tischtuch, ebensolche kleine Servietten, die, geschmackvoll zusammengefaltet, neben jedem Gedeck liegen–alles im Festgewand, in Sonntagestimmung! Wir erfahren erst jetzt, daß man Gründonnerstag feiert. Die christliche Zeitrechnung ist uns ganz abhanden gekommen.

Beim Bau des Wohnhauses hat Macedo mehrere Urnen und Steinbeilklingen gefunden, wie auch in Taboca am unteren Yapura, wo er früher wohnte. Leider besitzt er nichts mehr davon. — Er beklagt sich bitter über die Regierung, die den Yapura ganz vergessen habe. Seit Monaten warte er vergeblich auf ein Dampfboot, um seinen Kautschuk loszuwerden. Der Yapura ist ein reicher Fluß. Die Ufer sind voll Wild, die Gewässer voll Fische und Tartaruga-Schildkröten, die Wälder voll von Kautschukbäumen, Amazoniens Reichtum. An Lebensmitteln fehlt es nicht, und das Geld liegt, wie man sagt, auf der Straße, aber — es fehlen menschliche Hände, die Schätze zu heben. Es macht einen traurigen Eindruck, wenn man an manchen Strecken von zwölf Fahrstunden, besonders in den langen Flußarmen unterhalb Gurupa, zwanzig bis dreißig verlassene Wohnstätten passiert, wenn man hört, welcher rege Verkehr noch vor wenigen Jahren hier herrschte, und wenn man jetzt tagelang fahren muß, um von einer der spärlichen Ansiedlungen zur anderen zu gelangen. Mögen auch manche dieser Wohnplätze wegen (1er furchtbaren Sumpffieber aufgegeben sein, die im Übergang der Jahreszeiten den Tod bringen, so liegt doch haupt-sächlich der Grund zu dieser Verödung in dem Mangel an geeigneten Verkehrsmitteln, um die in saurer Arbeit erworbenen Schätze auf den Markt zu bringen. Die Schiffahrt ist gleich Null. Die früher hier so zahlreichen Kautschuksammler haben sich zurückgezogen, um an besser bedachten Flüssen, wie Purus, Jurua, Javary u. a, ihr Heil zu versuchen, und der Urwald tritt wieder in sein altes Recht. Wir machen jetzt starke Tagereisen und benutzen die klaren und ruhigen Mondnächte zur Fahrt. Am 21. April kommen wir bei Morgengrauen an der Mündung des Rio Pure vorüber, eines breiten rechten Nebenflusses mit schwarzem Wasser. Er ergießt sich in einen Arm des Yapura. Der Pur£ habe erst in seinem Quellgebiet, das man in einem Monat Kanufahrt erreichen könne, Stroraschnellen. Dort wohnten Yuri und Passe. Der Fluß teile sich in zwei Quellarme, von denen der eine von Westen, der andere von Norden komme. An dem ersteren, der durch einen kurzen Pfad mit einem Zufluß des Issa in Verbindung stehe, hausten die Yuru-pischuna (Schwarzmäuler), wie sie wegen ihrer schwarzen, den Mund einschließenden Stammestatauierung genannt werden, eine Unterabteilung der Yuri. Der andere Quellfluß sei das Gebiet der Uainuma, die sehr wild seien und mit den Passe in beständiger Fehde lägen, wobei sie sich vergifteter Lanzen bedienten. Alle diese Stämme seien zahlreich. Sie hätten große Signaltrommeln und, ebenso wie die Tukuna, die südlich von ihnen wohnten, verschiedenartige Masken und Maskentänze. An der Mündung des Pure liegt eine Hütte der Yuri und nicht weit davon entfernt eine Hütte der Passe, beide leider verlassen.

Wir schlafen nie auf dem linken Flußufer, da meine Indianer große Angst haben vor den wilden Guariua (Brüllaffen-Indianern), die anscheinend in beträchtlicher Anzahl die Nebenflüsse zur Linken bewohnen und in friedlicher Absicht nie von einem Weißen besucht worden sind. Bisweilen kommen sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um die Ansiedlungen auf dem rechten Ufer zu überfallen. Mehrmals am Tage macht mich mein Yahuna während der Fahrt auf solche unheimlichen Plätze aufmerksam, wo sie Häuser ausgeraubt und verbrannt, die Bewohner getötet oder Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geschleppt hätten. Natürlich spielt auch hier die Gegenseitigkeit eine große Rolle. Im Jahre 1904 plünderten sie eine Hütte, die Macedo auf dem linken Flußufer besaß, und verbargen das Boot, das dabei lag. Als Wamungszeichen ließen sie einen Pfeil im Boden steckend zurück, eine Art Kriegserklärung. M&cedo machte damals mit Cecilio Plata und dem Häuptling M&tiri einen Streifzug gegen sie. Er brauchte fünf bis sechs Tage durch den Wald, um zu ihren Wohnsitzen zu gelangen. Zuerst gingen die Spuren nach Nordosten, dann weit nach Norden. Bei dieser Gelegenheit sollen acht Guariua gefallen sein; Matiri habe einen getötet. Die Guariua beschrieb man mir als große und kräftige Leute ?on sehr lichter Hautfarbe. Sie hätten große, sorgfältig bebaute Pflanzungen und bewohnten geräumige Giebelhäuser, deren Dächer bis auf die Erde reichten. Ihre Kanus seien aus Baumrinde gearbeitet. Als Waffen gebrauchten sie riesige Bogen und Pfeile mit vergifteten Palmholzspitzen. Ein Ansiedler, dessen Haus sie vor Jahresfrist angegriffen haben, schenkt mir drei eigenartige Giftpfeile, die ersten Belegstücke für die Existenz dieses interessanten Stammes, dessen ethnographische Stellung noch völlig im Dunkel liegt.

Man spricht hier viel von einem kecken Überfall, den die Guariua im Februar am hellen Mittag auf die Ansiedlung Altamira am rechten Ufer gemacht haben. Die Bewohner waren gerade beim Essen, da erschienen plötzlich die gefürchteten Wilden, ein halbes Dutzend Männer, an der Türe des einen Hauses und schossen sofort einige Pfeile hinein. Ein Pfeil durchbohrte eine Hängematte, und ein kleines Kind, das darin schlief, entging wie durch ein Wunder dem Tod. Die langen Spitzen der Pfeile waren frisch mit Gift bestrichen, das schwarz an den Schnüren der Hängematte haften blieb. Elin Ansiedler schoß seine Büchse auf die Indianer ab, die schleunigst in den Wald entflohen und in der Eile zwei kleine Mädchen zurückließen. Ich sah die Gefangenen später, leider nur vorübergehend. Sie wurden von den Ansiedlern gut behandelt, waren aber sehr scheu und sprachen kein Wort. Ihre auffallend helle Hautfarbe ähnelte der eines Südeuropäers. — Die Angreifer waren ganz nackt und hatten das Glied an der Hüft-schnur hochgebunden. Eins ihrer Ruder war aus einem gespaltenen Paschiuba8tamm mit dem Messer für den einmaligen Gebrauch roh zurechtgehauen. Das Blatt war kaum sichtbar. Zur Überfahrt Uber den breiten Fluß hatten diese Indianer einfach ein Stück Rinde benutzt, auf dem eine ganze Anzahl von ihnen Platz fand. Für ihre Überfälle wählen sie gewöhnlich den Beginn der Regenzeit. Ich möchte bezweifeln, daß sich der Überfall auf Altamira so abgespielt hat, wie es die Brasilianer erzählten. Wahrscheinlich sind die Indianer in friedlicher Absicht gekommen; sonst hätten sie keine kleinen Kinder mitgenommen. In diesen Gegenden, wo zwischen Weißen und Indianern gewissermaßen ein fortgesetzter Kriegszustand herrscht, ist der Weiße nur zu leicht geneigt, auf jeden fremden Indianer, der plötzlich aus dem Walde hervortritt, Feuer zu geben, was dieser dann mit seinen Giftpfeilen vergilt.

Ich glaube auch, daß die Guariua bisweilen den anderen unterworfenen Stämmen als eine Art Sündenböcke dienen müssen, auf die sie alle schlechten Streiche abladen. Vor einigen Jahren wurde das Haus eines Brasilianers in seiner Abwesenheit angeblich von Guariua niedergebrannt. Der Eigentümer sei ein grausamer Mann gewesen und habe seine Miranyasklaven häutig ausgepeitscht! Die Guariua werden am Yapura, obwohl sie ansässig sind, gewöhnlich Maku genannt. Sie haben jedoch sicherlich nichts zu tun mit den nordöstlich von ihnen streifenden Maku des Rio Negro-Gebietes, mit denen sie in erbitterter Feindschaft leben, und ebensowenig mit den Maku, die bisweilen am linken Ufer des unteren Yapura erscheinen und einige Zeit im Dienste der Ansiedler arbeiten. Am 23. April passieren wir die Mündung des Mapary, eines rechten Nebenflusses, der ebenfalls schwarzes Wasser führt. Er bildet wenig landeinwärts einen großen See, an dem fünf Malokas der Kaiueschana oder Kauischana, eines Aruakstammes, liegen. Auch am Yapura haben diese Indianer einen Hafen, ron dem ein Pfad in mehreren Stunden zu ihren Niederlassungen führt. Ein paar schlanke Einbäume liegen dort. Die Hauptmasse des Stammes wohnt noch in den alten Sitzen am Rio Tonantins und im Gebiet des Issa.

Die Nacht verbringen wir an der Mündung des Acunauy-Sees, der sich auf der rechten Seite weit ins Land hinein erstreckt. Sein Gestade hat sechsundachtzig .Jahre vorher (24. Dezember 1819) auch der Expedition Martius als Lagerplatz gedient. Von Zeit zu Zeit hören wir vom See her einen lauten Schall, ähnlich einem Pistolenschuß oder dem Knall einer großen Peitsche. Die Indianer erzählen, daß dort eine riesige Schlange ihr Wesen treibe, die die Kanus auf den Grund ziehe und die Mannschaft verzehre. — Ich kann mir die seltsame Erscheinung nicht erklären. Die Ansiedlungen werden nun häutiger, Wohnplätze brasilianischer Kautschuksammler, die aus wenigen Häuschen und Hütten bestehen, aber wohlklingende Namen führen, Santa Fe, Säo Sebastiäo, Floresta, Bom futuro usw. Bei einer Ansiedlung treffen wir ein Dampfboot aus Teffe, dessen Führer, Angestellter eines dortigen Hauses, sich als ein alter Bekannter Schmidts aus Espiritu Santo entpuppt. Es ist ein Händler, der an den Flüssen den Kautschuk auf kauft, um ihn mit mehr oder weniger Gewinn an die groben Häuser in Manaos loszuschlagen.

Unsere beiden Indianer kehren von hier aus mit reichem Lohn in die Heimat zurück. Sie erhalten alles, was wir nicht mehr notwendig brauchen, sämtliche Tauschwaren, Töpfe, Kessel, Teller, Löffel, die beiden Zelttücher und noch vieles andere, ein ganzes Boot voll Kostbarkeiten. Sie sind nun nach indianischen Begriffen reiche Leute und stark begehrte Heiratskandidaten; denn der Yahuna, ein junger Witwer, will sich, wie er mir gestanden hat, bei den Kauischana am Mapary ein Weib holen. Der andere ist noch Junggeselle. Er hat mir zwar sein Herz nicht offenbart, scheint aber ähnliche Absichten zu hegen. — Mögen sie ihr Glück finden! — — Durch das unendliche Gewirr von Inseln und Armen, das gleich einem riesigen Netz das Delta des Yapura bildet, bringt uns das kleine Dampfboot am 28. April zum Amazonenstrom und nach dem halbindianischen Städtchen Teflfä, von wo wir mit dem brasilianischen Dampfer „Lauro Sodrö“ am 4. Mai 1905 unseren Ausgangspunkt Manaos glücklich erreichen. Nach herzlichem Abschied von Otto Schmidt, der mir in Freud und Leid treu zur Seite gestanden hat, fahre ich mit der „Patagonia“ der Hamburg-Aroerika-Linie in die Heimat zurück.

Jahre sind vergangen. Wer heute in diese Gegenden kommt, wird ihre Bewohner nicht mehr so finden, wie ich sie hier geschildert habe. Der Pesthauch einer Pseudozivilisation ist über die rechtlosen braunen Leute hingegangen. Wie alles vernichtende Heuschreckenschwärme sind die entmenschten Scharen der Kautschuksammler immer weiter vorgedrungen. Die harte Arbeit in den fieberschwangeren Kautschukwäldern, rohe Gewalttaten, Mißhandlungen, Totschlag haben Tausende von Indianern dahingerafft. Die Dorfplätze veröden, die Häuser fallen in Asche, und von den Pflanzungen, die der pflegenden Hände entbehren, nimmt der Urwald wieder Besitz.–

Glücklich der Indianer, der in der Abgeschlossenheit seiner Wälder, im Schutze seiner tosenden Flüsse sein einfaches Leben verbringt, ein Leben reich an Freuden, aber auch reich an ernsten Pflichten, denen er sich gern und gewissenhaft unterzieht. Er wird noch seiner eigenen Hände Arbeit froh, scheut keine Mühe, auch die einfachsten Geräte des täglichen Lebens schön zu gestalten. Er ist glücklich in seiner Bedürfnislosigkeit, glücklich, weil er noch nicht den Fluch des Geldes kennt. Gerät er aber in die Abhängigkeit des Weißen oder auch nur unter seinen fortgesetzten Einfluß, dann verkommt er meistens an Leib und Seele. Zu seinen angeborenen Fehlern, die neben vielen Vorzügen auch jeder Naturmensch hat, lernt er noch die Laster der europäischen Zivilisation, die gewöhnlich nicht ihre besten Vertreter in die Wildnis sendet, und seine guten Eigenschaften verkümmern. — Was haben ihm die Europäer seit ihrem, ersten Auftreten gebracht? Die Herrschaft des Mammons, den Schnaps, die Syphilis, die Blattern und andere verheerende Krankheiten. Blut und Vernichtung begleiten den Weg des weißen Mannes in Amerika. So war es vor .lahrhunderten, so ist es noch heute. Eine kraftvolle Rasse, ein Volk mit prächtigen Anlagen des Geistes und Gemütes siecht dahin. Ein entwicklungsfähiges Menschenraaterial geht an der Minderwertigkeit europäischer Gesittung zugrunde.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Indianern am Rio Apaporis

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens


Am 9. März treten wir die Talfahrt an. Der Yauacaca-Igarape strömt in zahllosen Windungen zwischen hohen Ufern rasch dahin und behält die südöstliche Richtung bis zu seiner Mündung bei. An unserem Kinschiffungsplatz hat er eine Breite von etwa 12 in und ist an beiden Ufern seicht, in der Mitte 1 — 1/2 m tief. Freilich ist jetzt der Wasserstand sehr niedrig, wie man an den Ufermarken deutlich erkennen kann. Er nimmt viele kleine Wasseradern auf, die meistens klares, seltener weißes Wasser, wie der Bach selbst, führen. Mit dem Dyi-Igarape, der ihm mehr oder weniger parallel fließt, verbindet ihn eine Bifurkation. Er empfängt von ihm einen schmalen Arm mit klarem Wasser. Auf beiden Ufern und an einem Nebenbach finden sich mehrere Wüstungen. Vier rühren von den Palänoa her, eine von den Bara und eine aus sehr alter Zeit von den Tuyuka. Während der ersten drei Tage ist die Fahrt äußerst beschwerlich. Keine 50 m weit ist der Bach frei. Jeden Augenblick müssen wir auf einen übergestürzten mächtigen Baumstamm steigen, während die Indianer die schwerbeladenen Kanus mit aller Wucht über das Hindernis schleifen. Bald müssen wir uns flach in die Boote legen, wenn es in sausender Fahrt verhängnisvoll nahe unter einem dicken Baumstamm durchgeht.

Bolaka, der bequeme Herr, der vor Feistheit die Flügel nicht mear anlegen kann, und dem die dumme Fahrerei überhaupt ein Greuel ist keucht wie ein Jagdhund in den Stoppelfeldern und quittiert jeden Zweig, der ihn streift, durch lautes Geschrei. Einmal nimmt er meine Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ich zwischen einen Baumstamm und einen Koffer geklemmt werde und beinahe das Genick breche. Bisweilen scheint der Bach zu Ende zu sein, und ein hoher Berg von Bäumen und Astegewirr muß in stundenlanger, schwerer Arbeit durchhauen werden, um einen Durchschlupf zu finden.

Meine treuen Tuyuka sind trotz aller Anstrengungen lustig und gutfr Dinge, wozu das herrliche Wetter nicht wenig beiträgt, und auch wir haben keine Veranlassung, trüben Gedanken nachzuhängen. Sie liehen ihren „Diikana-kapitama“ („Tuyuka-Häuptling“), wie sie mich neanen, zärtlich und lesen mir jeden Wunsch von den Augen ab. Auf jeien Ast machen sie mich aufmerksam und knicken jedes Zweiglein, damit ich keinen Schaden leide. Während der unfreiwilligen Pausen treiben wir mancherlei kindliche Kurzweil. Eins meiner Kunststücke verfehlt nie seine Wirkung, wenn ich meine Augen im Kreise rollen lasse; denn das können sie nicht. Habe ich aber lange genug rechtsum gerollt, so verlangen sie, daß ich auch linksum rolle, und das kann ich zum Glück auch. — Auf die Bara sind sie wegen einiger Diebereien sehr schlecht zu sprechen. Diese haben bei der Auszahlung ein Päckchen Tabak und, was in meinen Augen viel schlimmer ist, einem meiner Tuyuka seinen selbstverfertigten Strohhut gestohlen. Wir haben uns deshalb auch kein Gewissen daraus gemacht, ihrer Pflanzung eine Last Zuckerrohr, Zitronen, Pfeffer und Coca für die Reise zu entnehmen. Öfters führen die Tuyuka pantomimisch und mit einem gewissen Genuß vor wie ein Bara, als ich gerade nicht hinsah, ein Päckchen Tabak aus dem offenen Koffer entwendet und in der Achselhöhle verborgen hätte; wie er dann weggelaufen wäre. „Bara-machsa yaani!“ („Die Bara-Leute sind schlecht!“), „Bara pochsa!“ („Die Bara sind Maku!“), so lautet stets der Refrain. Und in der Tat, beide Stämme sind nicht miteinander zu vergleichen.

Am dritten Tage der Fahrt kommen wir an eine Wüstung der Palänoa auf dem linken Ufer und übernachten dort unter einem Schuppen. Von hier aus führt ein Fußpfad in östlicher Richtung in einem halben Tag zu der großen Maloka der Bara am Tiquie. Die Bara und die Stämme des oberen Pira-Parana, besonders die Palänoa, benutzen ihn zu gegenseitigen Besuchen. Im Hafen liegen zwei größere, elegante Kanus, auf das Land gezogen. Das eine gehört den Bara, das andere einigen Palänoa, die vor kurzem hier angekommen und über Land zur Bara-Maloka weitergegangen sind, um dort an einem Tanzfest teilzunehmen. Daher ist auch der obere Yauacaca-Igarape so unwegsam, weil er den Indianern selten als Verkehrsweg dient. Im Dach des Schuppens stecken ein paar Paddelruder der Palänoa. Sie sind länger als die am Caiary und Rio Xegro gebräuchlichen Ruder und haben nicht wie diese ein breites, rundes, sondern ein langes, schmales, spitz zulaufendes Blatt. Der angeschnitzte Handgriff ist gerade, während er bei den Rio Negro-Rudern geschweift ist und sich dadurch der Hand besser anpaßt. Solche Ruder hätten alle Stämme der Yapuraseite, sagen die Tuyuka, die sich über die ungewohnten Dinger lustig machen. Sie nehmen das Kanu der Bara mit, um es zur Rückfahrt zu benutzen.

Am Nachmittag des 12. März — wir verzweifeln schon daran, heute noch Anwohner zu treffen — halten meine Leute plötzlich die Boote an, schnuppern in die Luft und sagen : „Pächkamä! Pächkamä!“ („Feuer! Feuer!“) Lautlos werden die Ruder eingetaucht; wie die Diebe schleichen wir weiter. Da — um die Ecke dichter Rauch, zwei Kanus am Ufer; ein Hund bellt uns wütend an; im Waldeshinter-grunde einige braune Hängematten über kleinen Feuern. Auf den Anruf meiner Leute kommt eine vollständig nackte ältere Frau mit einem kleinen Knaben hervor, der sich ängstlich an sie schmiegt. Die gelockten Haupthaare der Frau sind kurz geschnitten. Eine lebhafte Unterhaltung entspinnt sich. Die Tuyuka stellen uns vor und beschreiben kurz unsere Reise. Sofort wird die Alte zutraulicher; denn sie kennt den „Dotoro“ und seinen weißen Begleiter „Kariuatinga* schon vom Hörensagen und weiß, daß wir Freunde der Indianer sind. Das Lager gehört Palänoa vom oberen Pira-Parana, die im Walde Castanya- und Yapurafrüchte suchen. Die Frau ist vom Stamme der Tsöloa. Ich schenke ihr eine Schachtel Streichhölzer, dem Kleinen ein paar Perlen, und dann fahren wir rasch weiter, um noch heute zu einer Maloka der Tsöloa zu kommen. Mit voller Kraft geht es über die schlimmsten Baumstämme weg. Weniger gute Boote-würden es gar nicht aushalten. Bald begegnen wir einem Kanu mit zwei alten Männern, die uns Yapuranüsse und gekochtes Hokkohuhn für kleine Angelhaken geben. Beide sind gerade keine Schönheiten ihres Geschlechts. Sie haben ein kleines Loch in der Unterlippe, ein größeres in den Ohrläppchen mit Rohrpßöckchen darin und tragen das Haar halblang bis zur Schulter. Der eine hat es mit einem Streifen roten Baststoffes zu einer Art Zopf umwickelt. Sie fahren in ihrem leichten Kanu voraus, um uns anzumelden. Mit Einbruch der Dunkelheit ge* langen wir zum Hafen an einem kleinen Bach zur Rechten.

Die Maloka, die ziemlich weit landeinwärts liegt, erreichen wir nach einem üblen Marsch durch den finsteren Wald auf schmalem, wurzeligem Indianerpfad, wobei noch ein tiefer Bach auf schwankem Baumstamm überschritten werden muß. Die Bewohner empfangen uns freundlich, obwohl wir die ersten Weißen sind, die sie zu Gesicht bekommen. Die Weiber gehen, wie bei den Bara, ohne alle Bekleidung. Die jungen Männer sind im Gesicht rot bemalt. Man steht im Zeichen eines Yuruparyfestes, das am nächsten Tage stattfindet. Das Haus gleicht in allem den Malokas der Tuyuka und Bara und hat wie diese einen runden Hinterbau. Auch der Hausrat ist derselbe wie dort. Auffallend ist der Mangel an Keramik. Es gibt nur wenige und schlechte Töpfe, so daß wir nicht einmal einen Wassertopf für unseren Gebrauch bekommen können. Welch ein Unterschied gegen die schönen Töpferwaren am Caiary und Issana! — Sonst sind die Handelsbeziehungen zu den Stämmen des Tiquie anscheinend sehr rege. Man zeigt mir ein großes, neues Waldmesser, das ich im vergangenen Jahr in Pinokoaliro als Bezahlung gegeben habe, und das durch den Zwischenhandel bis hierher gelangt ist.

Außer den Tsöloa wohnen hier zwei Dachsäana, Vater und Sohn, mit ihren Familien, die einzigen ihres Stammes, und zwei alte Yahuna, Brüder, die aber ihre Sprache vergessen haben, da sie‘ schon als Kinder, wohl als Gefangene, hierher gekommen sind. Die letzteren sind ausgesprochen häßliche Typen mit kleinen, verkniffenen Augen, krummen Näschen und halblangem, wirrgelocktem Haupthaar. Die Sprache der Tsöloa ist mit dem Erulia fast identisch. Dialektische Unterschiede sind gering. Wenige Tiernamen sind verschieden. Es erregt allgemeines Erstaunen, als ich meinem Gewährsmann „seine Sprache“ aus meiner vorjährigen Erulia-Aufnahme vom Papier ablese. Vom Dyi-Igarape, der verhältnismäßig stark bevölkert zu sein scheint, sind einige Festgäste gekommen, Yäba, scheu wie Wildkatzen. Ein langer, hagerer Alter mit nordamerikanischem Indianergesicht hat eine ansehnliche Glatze, eine große Seltenheit bei den Indianern. Die Sprache ist identisch mit dem Buhagana. Einem dieser Leute kaufe ich ein Bündel Giftlanzen ab, die am Caiary nicht im Gebrauch sind, im Yapuragebiet aber allgemein Verwendung finden. Es sind Wurflanzen, die zur Jagd auf große

Vierfüßler und als Angriffswaffen im Kampfe dienen. Sie haben eine Gesamtlänge von etwa 175 cm und sind aus rotem Holz gearbeitet, wohlgeglättet und von rundem Querschnitt. Nach unten verjüngen sie sich, so daß der Schwerpunkt der Waffe im oberen Ende liegt. Der obere, dickere Teil ist in einer Länge von 5 cm etwas abgesetzt und mit einem tiefen Einschnitt versehen, in den die im Querschnitt viereckige Spitze eingefügt und durch eine Umwickelung mit feinem Bast lose befestigt ist. Das hervorragende Ende der Spitze ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Gift bestrichen, zeigt aber keine Einschnitte. Nach Art der Giftpfeile werden stets sieben Lanzen zu einem Bündel vereinigt. Auch das dazu gehörige Futteral gleicht in seiner Anlage dem Futteral der Giftpfeile. Die vergifteten Spitzen stecken in Rohrhülsen, die mit Baststreifen zusammengebunden, und deren Zwischenräume mit Pech ausgefüllt sind. Diese Hülle wird gewöhnlich auf der ganzen Außenfläche mit einer dicken Pechschicht überzogen.

Das Yuruparyfest verläuft in derselben Weise wie seinerzeit am Tiquie. Die Veranlassung dazu gibt, wie dort, die Ernte der Mauritia-und Yapurafrüchte, die in Palmblattkiepen unter der Musik von zwei Flöten und zwei Trompeten ins Haus getragen werden. Profane Tänze von prächtiger Wildheit folgen. Jeder Tanz hat seinen Namen; so heißt einer „Fischtanz“. Auch Weiber nehmen zeitweise daran teil. Bei einem Tanz tragen die herrlich geschmückten Männer in der rechten Hand dicke Bambusstäbe, mit denen sie im Takte aufstampfen. Diesen Bambus findet man an einer Stromschnelle des Pira-Parana; am Caiary und iBsana kommt er nicht vor. Das Zeremoniell wird streng gewahrt: rechts vom Eingang sitzen die Gäste vom Dyi-Igarape, links wir und die Tuyuka als Zuschauer. Vor jedem Tanz treten die einzelnen Tänzer zu den Gruppen und rufen mit lauter Stimme aus, was getanzt werden soll, worauf die Zuschauer mit ermunternden Zurufen antworten. Am Schluß des Tanzes stoßen die Zuschauer ein lautes Beifallsgeschrei aus. Auch ich spende nach einem besonders wilden, im raschesten Tempo exakt ausgeführten Tanz durch Klatschen und Bravorufen meinen Beifall, was ihnen offenbar sehr gefällt; denn sie kommen nachher zu mir und fragen mich, ob es wirklich schön gewesen sei.

Die Panpfeifentänze zu zweien, bei denen die Jünglinge mit ihren Mädchen eine Zeitlang rasch in der Maloka hin und her tanzen und allmählich im nächtlichen Dunkel verschwinden, haben ihren besonderen Zweck. Sie werden, wie mir meine Tuyuka erklären, nur von Liebesleuten ausgeführt, und die Nacht deckt alles Naschen mit einem gnädigen Mantel. Vor Beginn des Festes hockte sich ein gemütlicher, dicker Alter, der Zauberarzt der Maloka, hinter einen Lattenverschlag neben den Eingang, so daß ihn keines der Weiber sehen konnte, und blies unter beschwörenden Worten über eine große Kalabasse voll Coca. Danach wurden Kaapi-Wurzeln zu ihm gebracht, mit denen eres ebenso machte. Es war eine Art Segen. Ähnliches haben wir in Pinokoaliro und an der Pary-Cachoeira beobachtet.

Der Kaapi-Topf ist ein uraltes Ding mit abgebrochenen Ohren und furchtbar schmutzig, da er ja nie nach dem Gebrauch gewaschen wird. Coca wird in unglaublichen Massen vertilgt. Den ganzen Tag geht die Kalabasse um. Besonders ein Yäba leistet darin Außerordentliches. Beständig hat er einen dicken Knoten in der linken Backe, als wenn diese von Zahnschmerzen geschwollen sei. Ich muß etwa eine halbe Stunde warten und ihn scharf beobachten, daß er seine Vorratskammer nicht von neuem füllt, um eine einigermaßen anständige Photographie von ihm zu bekommen. Schließlich aber ist er ‘auf dem Bilde doch einseitig geschwollen.

Bei den Kaschirifesten scheint es bisweilen nicht ganz friedlich herzugehen. Ein Tuyuka zeigt mir fürchterliche Narben am linken Oberarm und Schulterblatt von Hieben mit dem Waldmesser, die er beim Streit im Kaschirirausch empfangen habe. Am nächsten Mittag gelangen wir zu einem Hafen am rechten Ufer. Ein längerer Pfad führt uns zu einer Maloka der Palänoa oder vielmehr einer provisorischen Hütte; die riesige Maloka mit rundem Hinterbau, 32 m lang und 24 ra breit, ist vor kurzem bis auf die verkohlten Pfosten niedergebrannt. Die Männer sind zu dem Tanzfest der Bara gefahren; nur Weiber und Kinder sind anwesend. Zuerst sehr scheu, da sie noch nie Weiße gesehen haben, werden sie allmählich zutraulicher. Abends kommen noch drei Männer mit Fischen, Gäste vom Dyi-Igarape, zwei Doä und ein Tsaina, ein bildschöner Jüngling. Beide Sprachen stimmen wiederum mit dem Buhagana überein. Wir bemerken hier einige europäische Erzeugnisse, einen Holzkoffer, Kattunröcke usw., Import von den Bara, wie wir auf unsere Fragen erfahren. Die Stämme des oberen Pira-Parana haben keine Beziehungen zu den Weißen am Yapura. Auch mehrere bemalte Schemel stammen vom Tiquie. Hier wie bei den Tsöloa erhalte ich Angaben über „Parata“, die aber nur auf Hörensagen beruhen. Sein Haus soll vier Tagereisen von hier an der Mündung des Pira-Parana liegen.

Eine knappe Stunde Fahrt bringt uns am anderen Tage (14. März) zum Pira-Parana, der an dieser Stelle 50 — 60 m breit ist und tiefschwarzes Wasser führt. Er ist sehr trocken. Eine größere Sandbank an der Mündung des Yauacaca-Igarape besteht aus weißem Kieselgeröll, teilweise leichteren, porösen Steinen, wie Kreide, welche die Tuyuka „ Schlangensteine“ nennen. Sie schaben feinen Staub davon ab und putzen damit ihren Silberschmuck. Bis zu seiner Mündung fließt der Pira-Parana in südsüdöstlicher bis südlicher Richtung, teils zwischen schroff abfallenden Felswänden, teils an niedrigen, bewaldeten Höhenzügen vorüber, die längs der Ufer verlaufen und durch Täler mit kleinen, klaren Wasseradern in einzelne Kuppen geteilt sind. Gegen die Mündung hin finden sich auf beiden Seiten einige Seen, die mit dem Fluß in Verbindung stehen. Erst fünf Tagereisen oberhalb der Mündung des Yauacaca-Igarape trifft man wieder Indianer, Palänoa; über ihnen wohnen Erulia und weiter aufwärts Tsöla oder, wie die Tuyuka sagen, Tsöna, eine andere Horde als die Tsöloa, wenn auch beide zu derselben Sprachgruppe gehören. Diese Stämme hätten bis vor wenigen Jahren noch Steinbeile im Gebrauoh gehabt, und die Bewohner des Quellgebietes verwendeten sie noch heute, ganz große, halbarmlange bis zu ganz kleinen. Ein alter Tsöloa zeigte mir die Befestigung der Klinge. Der etwa 45 bis 50 cm lange, ein wenig gebogene und an beiden Seiten abgeflachte Stiel wird nahe dem einen Ende mit zwei gegenüberliegenden breiten, viereckigen Kerben versehen. Die Klinge wird mit dem Bahnende flach in die eine Kerbe gelegt und mit Palmfaserschnur vielfach umwickelt, die an den Schäftungseinschnitten der Klinge und an der anderen Kerbe einen Halt findet. Die Umschnürung wird dick mit Pech überstrichen. Der Dyi-Igarape, bei den Tuyuka Kumeya (Axtbach), habe seinen Namen daher, daß in früheren Zeiten die Leute dort ihre Steinbeile geholt hätten. An einer Stromschnelle im unteren Pira-Parana lägen viele Steinbeile umher. Diese merkwürdige Angabe klärt sich später dahin auf, daß in der Tat dort Hunderte von Steinbeilklingen „umherliegen“, aber nicht von Menschenhand, sondern von der Natur, dem Wasser, fast schon in der richtigen Form zugeschliffen. Es ist ein dichter, schwarzer Diabas, aus dem viele Steinbeilklingen bestehen, und der den grobkörnigen Granit der Felsen gangförmig durchsetzt. Auch hier holten die Indianer früher ihre Steinbeile. Sie brauchten nur den am besten passenden Stein aus der Menge herauszusuchen, etwas zuzuschleifen, und die Axt war bis auf den Stiel fertig.

Der zweite Tag der Fahrt auf dem Pira-Parana bringt uns schwere Arbeit und schwere Verluste. Der Fluß ist von Felsen und Felsinselchen stark eingeengt und tost in zahlreichen Abstürzen und heftigen Schnellen dahin. In einer langen und sehr schlimmen Schnelle wird einem Tuyuka beim Transport der Kanus über die zackigen Felsen eine große Zehe zerquetscht. In einer anderen Stromschnelle geht ein Kanu unter. Wir verlieren außer einigen ethnographischen Gegenständen, Kochgeschirr und anderen Geräten, einen Vorderlader und mein Waldmesser, das ich schon vor sechs Jahren in Zentralbrasilien getragen habe, was aber weit schlimmer ist, alles Mehl und Salz! Einen Eisenkoffer mit sämtlichen Tauschwaren rettet ein Tuyuka aus den schäumenden Wogen. Fälle und rauschende Schnellen begleiten uns bis zur Mündung des Dyi-Igarape, die wir am späten Nachmittag erreichen. Diese ganze lange Strecke, die wir am 16. März durchfahren haben, bildet eigentlich eine fortgesetzte Stromschnelle und muß bei hohem Wasserstande infolge der starken Einengungen, der hohen Ufer und der zahlreichen im Flußbett zerstreuten Felsen fürchterlich sein. Kein Wunder, daß die kleinen Stämme des oberen Pira-Parana gar keine Berührung mit den Weißen am Yapura haben; denn mit einem größeren Boot bei vollem Fluß hier aufwärts zu fahren, lohnt, wenn es überhaupt möglich ist, nicht Zeit und Mühe und die sicheren Verluste.

Der ansehnliche Dyi-Igarape bildet kurz oberhalb seiner Mündung einen Fall. Er soll voll Stromschnellen sein. Wir lagern auf der „Mondinsel“, die vor seiner Mündung liegt. Hier tritt eine schwere Entscheidung an mich heran. Die Buhagana sind nicht erschienen. Die Tuyuka, die sich nur bis hierher verpflichtet haben, wollen mich nicht weiter begleiten aus Furcht vor den Huaiana an der Mündung des Pira-Parana, die seit alters ihre Feinde wären und ihre Väter getötet hätten. Sie suchen mich zu überreden, mit ihnen über den Dyi-Igarape zum Tiquiö zurückzukehren, aber das will ich nicht. Bis zur ersten Maloka der Tsöloa am Dyi-Igarapö zu fahren, die zwei Tagereisen in leichtem Kanu entfernt ist, würde uns zuviel Zeitverlust verursachen, und damit kann ich nicht rechnen, wenn ich nicht die ganze Reise aufs Spiel setzen will. Wahrscheinlich würden diese Indianer ebensowenig mit uns gehen wie die Tuyuka. Deshalb wollen wir in unserem größten Kanu allein weiterfahren, etwas ins Blaue hinein; denn über die weiteren Entfernungen bis zum Yapura habe ich nur ganz unbestimmte Angaben erhalten können, die zwischen vier und vierzehn Tagen schwanken.

Am anderen Morgen nehmen die Tuyuka Abschied. Sie sind um uns besorgt und suchen mir noch einmal alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Zum Schluß fragen sie mich, wann ich wieder zum Tiquie käme, und ob ich dann meine Frau mitbrächte. Sie erhalten reichen Lohn. Ich schenke ihnen auch unser zweites Kanu, das jetzt überflüssig geworden ist. Das große Kanu beladen wir mit dem Rest des Gepäcks und fahren gegen Mittag ab, einem ungewissen Schicksal entgegen. Ich rudere im Bug; Schmidt steuert; vor mir auf der äußersten Spitze des Bootes sitzt Bolaka, dem ich von Zeit zu Zeit von meinem Ruder Wasser in den durstigen Schnabel träufele. Die mittleren Ruderbänke haben wir herausgenommen, um die Last unterbringen zu können. Der »Fischfluß“ macht seinem Namen alle Ehre; es wimmelt von Fischen jeder Art und Größe. Fahren wir über eine Bank aus weißem Sand, die vom Fluß bedeckt ist, so sehen wir in dem klaren, braunen, sonnendurchleuchteten Wasser ganze Schwärme großer und kleiner Fische. Aber wir können mit Angeln keine Zeit verlieren. Ich sorge durch Jagd für unseren Unterhalt und schieße manchen Hokko, der im Uferwalde brummt. Auf den Sandbänken finden wir öfters frische Spuren von Jaguaren, die in den lichten Wäldern häufig Vorkommen. Einen großen, schwarzen Klumpen auf einer Sandbank halten wir aus der Ferne für einen Tapir. Es ist ein Klotz Braunkohle, der vom Hochwasser dort angeschwemmt ist. Wir überwinden mehrere Stromschnellen, wobei wir das schwere Gepäck über Land tragen müssen.

In solchen unbewachten Augenblicken reißt Bolaka mehrmals in den Wald aus und gibt aus Trotz keinen Laut von sich, wenn wir ihn auch noch so zärtlich rufen, bis wir ihn zufällig im dichten Geäst erblicken und herabschiitteln. Wir haben uns zwar die letzten Bananen für ihn vom Munde abgespart, aber er merkt doch, daß er auf schmale Kost gesetzt ist, und ahnt vielleicht, daß er wirklichen Hungertagen entgegengeht. Am 19. März kommen wir an einem ansehnlichen rechten Zuflüßchen mit klarem Wasser vorüber. Es muß der Tariira-Igarape sein, den uns die Indianer verheißen haben. An ihm, aber weit einwärts, sollen auch Buhagana wohnen. Sie scheinen mit den Indianern des Apaporis Beziehungen zu unterhalten; denn von jetzt an begegnen wir mehrmals älteren Lagerstätten, kleinen Schlafhütten mit und ohne Bratrost. Wieder ein Zufluß, diesmal von links, mit weißem Wasser. Wir fahren eine Zeitlang zwischen schroffen Sandsteinwänden dahin und lenken am Morgen des 20. März in den Rio Apaporis ein.

Er ist hier etwa 250 m breit und hat eine kaum bemerkbare Strömung. Sein grünlich-weißes Wasser ist mehrere Grad wärmer als das klarbraune, gesunde Wasser des Pira-Parana und hat einen wenig angenehmen Geschmack. Wir hüten uns möglichst, davon zu trinken, aus Furcht vor Dysenterie, und benutzen es nicht einmal zum Mundspülen, sondern füllen von Zeit zu Zeit unseren Kochkessel in den klaren Bächen, die zahlreich von den hoben Ufern herabrinnen, um auf der Fahrt stets frisches Trinkwasser zur Hand zu haben. Gleich unterhalb der Mündung des Pira-Parana finden wir einen wenige Tage alten Lagerplatz, offenbar von einer Person benutzt, und bald darauf einen Bach, der durch einen primitiven kleinen Fischzaun aus Palmblättern abgesperrt ist, alles noch frisch, anscheinend vom vorhergehenden Tag. Wir warten hier eine ganze Weile, dringen eine Strecke in den Wald ein, rufen in allen Indianersprachen, die uns einfallen — niemand antwortet uns. Von „Parata-uii“ (Platas Haus) ist weit und breit nichts zu sehen. An der Mündung eines größeren rechten Nebenbaches mit weißem Wasser finden wir ein gutes Nachtlager. Der Platz ist vor kurzem einige Zeit von Fischern benutzt worden. Eine Stelle des Uferwaldes ist frisch ausgehauen. Darauf steht ein guter Schuppen mit Bratrost und weggeworfenen Fischereigerätschaften.

Am nächsten Tag sehen wir auf einer Sandbank die frischen Spuren eines größeren Lagers, zahlreiche menschliche Fußtapfen im Sande, mehrere Feuerstellen, daneben die noch blutige Rückenschale einer großen Schildkröte, deren Anblick uns mit Neid erfüllt. Wir passieren drei Stromschnellen und zwischen den beiden letzten einen ansehnlichen linken Zufluß. Wo aber bleiben die Indianer? Wir haben zwar das schönste Reisewetter, das man sich nur denken kann, aber die Mühen und Entbehrungen werden von Tag zu Tag größer. Bei jedem dieser endlosen, geraden Strecken, die meist nach Süden und Südosten verlaufen und sehr ermüden, hoffen wir auf eine gute Neuigkeit — immer vergebens! — Maggis Suppentafeln, die uns noch in den ersten Tagen neben Wildbret eine kräftigende Kost gewährten und uns das Fehlen des Salzes und Mehls nicht so sehr empfinden ließen, sind längst zu Ende. Die Jagd, die seit dem Eintritt in den Apaporis sehr spärlich geworden ist, haben wir ganz eingestellt, um nicht an wohnende Indianer durch Schüsse zu verscheuchen. Einige Ölsardinen ohne alle Zukost bilden schließlich unsere kärgliche Nahrung. Die kleinen Zuflüsse mit frischem, strömendem Wasser sind äußerst selten geworden. Um uns aufrechtzuerhalten, trinken wir während der Fahrt große Mengen starken Tees, von dem wir ein Paket durch alle Fährnisse gerettet haben. Da wir nachts nicht wachen können — sind wir doch von den Anstrengungen des Tages zu sehr ermüdet —, so binden wir das Tau, an dem das Boot, unsere letzte Rettung, befestigt ist, an unsere Hängematten, um bei der geringsten Erschütterung wach zu werden. Die geladene Flinte liegt stets handgerecht neben uns. Auch eine Axt nehmen wir mit ans Land, um im Notfall ein Floß bauen zu können. Der Mangel an Salz und Zerealien wird immer empfindlicher, und die ungewohnte schwere Arbeit in den fortgesetzten Stromschnellen, verbanden mit der unzureichenden Ernährung, läßt unsere Kräfte rasch schwinden. Endlich, am 23. März, als unsere Lage anfängt recht kritisch zu werden, treffen wir wieder die ersten Menschen.

Wir haben gerade in einer kleinen Bucht gefrühstückt und schicken uns mit trüben Gedanken an weiterzufahren, da bemerke ich weit flußaufwärts ein Kanu, das in voller Fahrt auf uns zu kommt. Ich winke und schreie: „Amigo! Amigo!w („Freund! Freund!), um die Insassen von unseren friedlichen Absichten zu überzeugen, worauf sie sofort das Rudern einstellen. Wir fürchten schon, sie würden kehrtmachen und das Weite suchen. Aber da setzen sie mit erneuter Kraft die Ruder ein, und bald liegen wir Bord an Bord. Es ist ein Colombianer namens Tornas Prata mit vier Indianern und einer Indianerin. Sie kommen von Corinto, der Hauptniederlassung der Kautschuksammler am oberen Apaporis, um am Unterlauf Waren zu holen, die dort lagern. Dreißig Tage sind sie schon bei strammer Fahrt unterwegs. Acht Tage vorher haben sie in einem schlimmen Schnellengebiet einen hohen Wasserfall passiert. Als Anwohner trafen sie dort in einigen Malokas die Kauyari und wohnten Tänzen mit Masken bei, die nach ihrer Beschreibung den Masken der Indianer des Dyi-Igarape ähneln (vgl. S. 205). Bis zur Niederlassung der Colombianer am unteren Apaporis fahre man vier Tage; vier Stromschnellen seien noch zu überwinden. Dort befinde sich ein Landsmann von mir, Don Ernesto, ein Vertreter des colom-bianischen Hauses Calderon. Ich setze mich zu dem Colombianer ins Boot, während zwei Indianer in unser Kanu steigen. Rasch fahren wir weiter. Prata hat von uns schon am oberen Caiary gehört. Seit seiner frühesten Jugend führt er in den entlegenen Gegenden des oberen Caqueta, Putumayo1 und Magdalena ein unstetes Abenteurerleben. Als ich Crevaux  erwähne, stellt es sich heraus, daß er den französischen Reisenden im Jahre 1880 vom Rio Magdalena über die Cordillere zum oberen Guaviare begleitet hat. Er kennt sein trauriges Ende und erkundigt sich nach Apatu, Crevaux’ schwarzem Diener1.

1 So neunen die Colombiancr uud Peruaner den Yapura und Issa, die beiden großen linken Nebenflüsse des Amazonenstroms.

Die indianische Mannschaft des Kautschuksammlers gehört verschiedenen Stämmen an, Uitoto, Hianakoto, Tsahatsaha und Yahuna. Die junge Indianerin, die Genossin Pratas, ist eine Hianakoto. Der Tsahatsaha-Jüngling trägt einen sehr hohen und engen Bastgürtel, den er während der ganzen Reise nicht abgelegt hat. Nach kurzer Fahrt werden wir aus einer Maniokpflanzung auf dem rechten Ufer angerufen und kommen bald darauf zu einer Maloka der Makuna, die auf dem steilen linken Lehmufer unter hohen Pupunya-palraen liegt. Prata fährt am nächsten Morgen weiter; wir bleiben hier bis zum 28. März und lernen viel Neues kennen. Alles ist etwas anders als am Caiary und au dem von ihm beeinflußten Yauacaca-Igarape: die Menschen, ihre Waffen, ihre Geräte.

Die Makuna, die einen dem Buhagana nahe verwandten Dialekt sprechen, bewohnen, nur noch fünf Familien stark, zwei Malokas. Das eine Haus, das unmittelbar unterhalb der Mündung des Pira-Parana auf dem linken Ufer des Apaporis liegt, haben wir nicht gefunden. Der kleine Lagerplatz und das Fischzäunchen, die wir dort an trafen, rührten offenbar von seinen Bewohnern her. Die Makuna-Männer sind prachtvolle, ebenmäßige Gestalten mit angenehmen Gesichtszügen. An Schönheit des Körperbaus geben ihnen die Yabahana nichts nach, von denen einige Individuen, angeblich die einzigen ihres Stammes, mit den Makuna Zusammenleben. Sie sprechen nur Yahuna. Die Yahuna, deren Sprache zur Tukano-Gruppe gehört, sich aber von den Uaupes-Sprachen sehr unterscheidet, zerfallen in eine Anzahl kleiner Horden mit verschiedenen Namen. Von diesen wohnen die Opaina und Dätuana, wie mir angegeben wurde, in acht Malokas am Apaporis, zwei Tagereisen oberhalb der Mündung des Pira-Parana, und an einem rechten Nebenfluß. Die Opaina sind die Huaiana der Tuyuka. Unterhalb der Makuna sitzen am Apaporis in drei Malokas die eigentlichen Yahuna und die Kuschiita. Tracht und Schmuck sind bei allen diesen Stämmen ziemlich gleichartig. Ohrläppchen, Nasenscheidewand und Unterlippe sind gewöhnlich durchbohrt und zur Aufnahme von Rohrpflöckchen und leichten Holzstäbchen bestimmt. Die Yabahana- und Makuna-Männer tragen in der Scheidewand der Nase dünne, wohlgeglättete Stäbe aus schwarzem Falmholz von viereckigem Querschnitt, die dreißig und mehr Zentimeter in der Länge messen. Die charakteristische Tracht des Mannes ist bei den Stämmen des unteren Apaporis ein langer und breiter Gurt aus weißem Baumbast, der eng um den Bauch gewickelt und mit einem schwarzgefärbten Baststreifen festgebunden wird. Von der Hüft-schnur hängt ein langer Schamschurz aus schmalen Baststreifen bis auf die Füße herab. Gewöhnlich wird ein kleinerer Teil der Baststreifen, bisweilen auch, wenn der Mann sich frei bewegen will, das ganze Bündel zwischen den Beinen durchgezogen und hinten unter der Hüft-schnur wieder festgeklemmt. Manche tragen das am Caiary gebräuchliche Suspensorium aus rotem Baststoff unter diesem Schamschurz, der dann frei herabhängt. Die Oberarme uraschnüren Bastbinden, die möglichst straff angezogen und nie abgelegt werden. An den Druckstellen entstehen mit der Zeit tiefe Male; die Haut ist viel zarter und heller als am übrigen Körper, wird an der Luft runzelig und springt ab. — Eine lustige Geschichte erzählten mir später die Colom-bianer: Ein Kautschuksammler war eines Tages mit einem Yahuna-ttuderer, der die Armbinden abgelegt hatte, zum Amazonenstrom gekommen und wurde dort von der brasilianischen Behörde, die diese Narben der Eitelkeit für Male von Arraschellen hielt, wegen Mißhandlung seiner Leute verhaftet. — Neben diesen einfachen Bastbinden werden häufig Armbänder aus schwarzen, glänzenden Palmnüssen und anderen Früchten getragen. Hals und Brust schmücken dicke Ketten aus Tierzähnen, schwarzen, roten und weißen Samen, Oocons oder auch europäischen Glasperlen. Lange Perlenschnüre werden in breiten Binden um beide Handgelenke gewunden. Das lange, weiche, wohlgepflegte Haupthaar wird in der Mitte gescheitelt und mit einem Streifen gelben Baumbastes zopfartig umwickelt; doch scheint diese Tracht, die ich nur bei jüngeren Leuten beobachtete, am unteren Apaporis allmählich zu verschwinden.

1 Der ausgezeichnete und unermüdliche Südamerikaforscher Dr. J u I e s Crevaux wurde im Jahre 1882 mit allen seinen Begleitern am Rio Pilcomayo iu Bolivia von den Toba-Indiancrn ermordet.

Auf die Haarpflege wird in der Makuna-Maloka von den drei prächtigen Söhnen des Häuptlings die größte Sorgfalt verwendet. Nachts schlafen sie mit offenem Haar. Morgens früh nach dem Bade treiben sie sich so lange im Hause umher, bis das Haar trocken ist, worauf es sorgfältig gekämmt und mit der Bastbinde umwickelt wird. Nachmittags gegen zwei Uhr wiederholt sich die Szene. Nach dem Abendbad wird das Haar nochmals gekämmt und auf Einwohnerschaft untersucht, was meistens die sehr resolute und reinliche Mutter besorgt. Sie kämmt das Haar über einem Schemel, tippt die darauffallenden Lauschen mit angefeuchtetem Zeigefinger auf und verzehrt sie mit großem Genuß.

Die Weiber gehen gewöhnlich ganz nackt. In der Makuna-Maloka gibt es nur einen Rock, der der Frau des Häuptlings gehört. Als ich die schlanke, wohlgebaute Tochter in ganzer Figur photographieren will, zieht Mama ihr erst den Rock an, so daß ich lieber auf das Bild verzichte. Die Maloka des unteren Apaporis ist von den Malokas des Caiary und Yauacaca-Igarap£ vollständig verschieden. Über kreisrundem Grundriß erhebt sich auf niedriger Wand das allmählich ansteigende Dach, das von einem merkwürdigen giebelförmigen, nach vorn und hinten weit offenen Rauchausgang gekrönt wird, der zugleich als Lichtspender dient und das Innere des Hauses wohl erhellt. Inmitten des Hauses stehen vier Hauptpfosten, im Quadrat angeordnet. Sie tragen die Balken, die das viereckige Licht- und Rauchloch begrenzen. Sechzehn kleinere Seitenpfosten laufen ringsum und stützen das Dach, mit dessen Sparren sie durch Horizontalbalken verbunden sind. An der Seite befinden sich die einzelnen Familienabteilungen, die selten durch niedrige Mattenwände voneinander getrennt sind. Auch hier bleibt der Mittelraum als Verkehrsraum frei. Die Seitenwand besteht aus Palmlatten, die dicht nebeneinander auf Querleisten mit Lianen festgebunden sind. Bisweilen ist diese Lattenwand außen mit Schichten von Palmblättern oder mit Matten aus Palmwedeln bekleidet. Das Dach ist mit mehreren Schichten von Palmblättern schindelartig gedeckt und gewährt einen sicheren Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Der Ausgang wird nie unmittelbar gegenüber dem Eingang, sondern stets schräg links davon angelegt, so daß gewöhnlich auf der längeren Seite zehn, auf der kürzeren Seite sechs kleine Strebepfosten sich befinden. Dies geschieht wohl, um den scharfen Durchzug der Luft zu verhindern. Die Eingangstüren in den von mir besuchten Häusern des unteren Apaporis sind offenbar nicht mehr ursprünglich indianisch. Sie bestehen aus einem oder zwei Flügeln aus dickem, schwerem Holz, die in der hohen Schwelle und dem dicken oberen Querbalken in Zapfen laufen. Zum Zuziehen der Tür dient ein Strick, der durch ein Loch der Türe geht, und an dessen beiden Enden ein Stück Holz quer angebunden ist, damit er nicht durchschlüpfen kann. Wider den Ausgang wird gewöhnlich von innen eine Palmstrohmatte gelehnt.

Das Dach hat vier flache Seiten, deren Längssparren, je fünf, parallel zueinander laufen, wie die Dachseiten eines gewöhnlichen Giebelhauses; nur die Verbindungssparren, je drei bis vier, die die Zwischenräume zwischen diesen einzelnen flachen Dachseiten ausfüllen, laufen naturgemäß oben zusammen und geben so dem Dache die etwas eckige Rundung. Die beiden flachen Dachseiten rechts und links vom Eingang überragen die beiden anderen Seiten beträchtlich und bilden dadurch, daß sie oben Zusammenstößen, den giebelförmigen Rauchfang. Die beiden anderen kürzeren Dachseiten gehen über einen Teil des Rauchloches hinaus, um bei den weiten Giebelöffnungen Schutz gegen eindringenden Regen zu gewähren.

Im Innern dieser Malokas herrscht die peinlichste Sauberkeit, aber es fehlt der große, freie Dorfplatz, und der Urwald tritt von allen Seiten fast unmittelbar an das Haus heran. Bisweilen liegt die Maloka inmitten einer Maniokpflanzung (Abb. S. 368). Ähnliche Häuser scheinen die Buhagana und andere Stämme des Pira-Parana zu haben. Man gebraucht am unteren Apaporis zwei Arten von Einbäumen. Die eine Art, die von den Yahuna mit dem Lingoa geral-Namen uba bezeichnet wird und nicht einheimisch zu sein braucht, gleicht den Kanus des Rio Negro-Gebietes. Sie ist schmal und tief mit abgerundetem Kiel und spitz zulaufenden Enden. Die andere Art, die den Yahuna-Namen kumoa führt, ist breit und flach, mit scharfem Kiel und abgestumpften Enden. Es gehört ziemliche Geschicklichkeit dazu, in diesen Kanus zu fahren.

Die Jagd scheint eine größere Bedeutung zu haben als der Fischfang. Dies bezeugen schon das Fehlen der Netze und großen Fischfallen und der Überfluß an sorgfältig gearbeiteten Jagdwaffen, nicht zuletzt auch die auffallend großen, schönen und wohlgepflegten Jagdhunde, die man in allen Malokas trifft. Die Blasrohre und Köcher gleichen vollkommen denen der Buhagana. Sie sind fremder Import und werden von den Yukuna eingehandelt, einem Aruakstamme des benachbarten Miriti-Parana, der oberhalb des Apaporis auf derselben Seite in den Yapura mündet. Die großen Giftpfeile mit Schutzfutteral unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der Umaua und Kobeua. Das Pfeilgift, das besonders stark sein soll, ist auch hier ein teurer und begehrter Artikel. Es wird in kleinen, halbkugeligen Tontöpfchen aufbewahrt, die mit Blättern bedeckt und bisweilen ganz mit Palmfaserstricken umschnürt sind. Zum Aufträgen des Giftes auf die Pfeilspitze dient ein kleiner hölzerner Spatel. Nur mit Mühe gelingt es mir, ein solches indianisches Wertstück für die Sammlung zu erwerben. Als ich mit einem Yahuna um drei Töpfchen mit Pfeilgift handele, läßt er zwei davon hinter meinem Rücken durch seinen kleinen Sohn in Sicherheit bringen.

Von der Schlagfertigkeit der Apaporisindianer zeugen die zahlreichen Kriegswaffen, Giftlanzen und Keulen, die ihre ursprüngliche ernste Bedeutung noch nicht verloren haben. In allen Malokas finden sich merkwürdige primitive Keulen in ziemlicher Anzahl. Sie dienen dazu, „Leute totzuschlagen“. Es sind schwere, knorrige Naturknüppel von etwa 1 m Länge, aus einem hellen Holz, ähnlich unserer Akazie, die in der Mitte eine Schlinge aus Palmfaserschnüren oder einfachen Baststreifen tragen. Der Kämpfer schlingt diesen Strick fest um das rechte Handgelenk, faßt den Knüppel mit beiden Händen in der Mitte und führt in stark vorgebeugter Haltung heftige Hiebe nach vorn, die sich, wie man mir erklärt, auf die Schienbeine und Oberschenkel des Gegners richten, um ihn zu Fall zu bringen und ihm dann vollends den Garaus zu machen. Die oberen Yahuna und die benachbarten Aruakstämme benutzen zur Verteidigung große, runde Schilde aus mehreren Lagen Tapirbaut, die in der Mitte eine buckelartige Erhöhung haben und mittels eines Strickes oder Bandes am linken Unterarm getragen werden. Ein Indianer zeigt mir mit vorzüglicher Mimik, wie sie mit diesen Schilden den Körper gegen die Giftlanzeu der Feinde decken und selbst hinter dem Schild hervor ihre Wurfgeschosse schleudern. Sie nennen die Schilde ahäa und bezeichnen mit demselben Namen auch einen größeren Mondhof (Mondring); ein treffender Vergleich, wenn man den Mondring als den Rand des Schildes und den leuchtenden Mond als den vorstehenden runden Schildnabel ansieht. Die unteren Yahuna gebrauchen diese Schilde heute nicht mehr. Der ganze Hausrat dieser Indianer ist sehr einfach, und die mit schönen Mustern verzierten Ton- und Flechtwaren ihrer nördlichen Nachbarn würde man bei ihnen vergeblich suchen; immerhin sind die glänzend schwarzen Tongefäße von eleganter Form und gut gebrannt. Die Tragkörbe der Weiber sind nicht kugelig wie am Caiary und Issana, sondern haben bei weiter Öffnung mehr längliche Gestalt und verjüngen sich nach unten stark. Die Korbwannen zum Aufbewahren der Maniokfladen sind tiefer und haben einen höheren Rand, der mehr vertikal zum Boden steht. Die Flechtart ist dieselbe. Tragkörbe und andere Gegenstände, die mit einer Schlinge versehen sind, werden außer Gebrauch über ein Querholz gehängt, das au einem vom Dach herabhängenden Strick befestigt ist. Reibebretter finden sich in keiner

Maloka. Die Maniokwurzeln werden auf einfachen Steinplatten mit körniger Oberfläche gerieben, die zu diesem Zweck auf drei niedrige, in die Erde gerammte Stöcke gelegt werden. Die Frau sitzt davor und reibt nur mit einer Hand. Die kleinen Steinplatten sind im Verhältnis zu den großen, kunstvollen Reibebrettern der nördlichen Gebiete ein sehr primitiver Behelf, und die Arbeit geht nur sehr langsam vonstatten. Zum Auspressen der Maniokmasse dienen Preß-8chläuche und Siebe auf dreieckigem Gestell wie im Norden. Die Weiber stricken mit drei Nadeln über einem Bogen aus elastischem Holz viereckige Taschen aus festen Palmfaserschnüren für die Männer, die darin Perlenketten, Spiegel, Feuerzeug und andere kleine Sachen verwahren. Als ich den Inhalt einer solchen Tasche untersuche, kommt unter anderem Kram ein ärztliches Instrument zum Vorschein, ein Wundkratzer, der sich in gleicher Form auch in Zentralbrasilien findet. In eine dreieckige Kalabassenscherbe sind auf einem vorgeritzten Strich feine, spitze Zähnchen des Trahira-FiBches in einer Reihe eingelassen und zur größeren Haltbarkeit auf der Rückseite mit Pech dick überstrichen. Mit diesem Skarifikations-apparat wird bei allen möglichen Krankheiten und auch zur Stärkung der Muskeln die Haut geritzt, bis das Blut in Strömen fließt. Die Kämme sind bei weitem nicht so kunstreich gearbeitet und verziert wie am Caiary. Die Zinken, harte, an beiden Enden zugespitzte Palmholzsplitter, sind in der Mitte zwischen zwei einfache Rohrhälften geklemmt, die an den Enden zusammengebunden sind. Die Leute geben gern alle ihre Sachen gegen unsere Tauschwaren her. Sie sind offenbar noch nicht so verwöhnt und wählerisch wie viele Stämme am Caiary.

Das Tabakrauchen tritt am unteren Apaporis fast ganz gegen das Parica- Schnupfen und Coca-Kauen zurück. Die Schnupfgeräte sind dieselben wie am oberen Tiquiö. Die Coca spielt auch hier eine Hauptrolle. In einer Yahuna-Maloka fand ich allein vier große Zylinder zum Klopfen des Cocapulvers. Die Zubereitung bleibt den Männern überlassen. Sie holen in einem kleinen zylindrischen Korb, der an einem Bastband über der linken Schulter getragen wird, die Cocablätter aus der Pflanzung, rösten, stampfen und klopfen sie und nehmen auch den größten Teil davon für sich in Anspruch. Als Zusatz zur Coca dient die Asche von Cecropia- und anderen Blättern. Die Geräte zum Aufbewahren und Nehmen der Coca ähneln denen vom Caiary.

Berauschende Getränke, wie das Gift Kaapi und das im Norden so beliebte Kaschiri, scheint man am unteren Apaporis gar nicht zu kennen. In keiner Maloka sieht man ein großes Kaschirigefaß oder einen der riesigen Holztröge zum Ansetzen des Kaschiri, die am Caiary bisweilen eine Länge von 4 m und eine Tiefe von ’/• m haben. Der Makuna-Häuptling wundert sich sehr, als ich ihm die Größe der dortigen Kaschiritöpfe beschreibe. Man kaut hier Coca in großen Mengen, schnupft Paricapulver und unterhält sich dabei in langweiligen, eintönigen Lauten bis spät in die Nacht hinein. Auch die Weiber beteiligen sich von Zeit zu Zeit an der Unterhaltung und genießen von dem grünen Staub. Das ist aber auch alles; eine harmlose und, was ein großer Vorzug ist, sehr nüchterne Sache. — Wie es bei Tanzfesten ist, weiß ich nicht.

Als Erfrischungsgetränk dient zur Zeit säuerliche Pupunyabrühe. Jeden Morgen wird von einer der Frauen eine große Topfschale voll des goldgelben, appetitlich aussehenden Trankes mit Schöpfkalabasse inmitten der Maloka aufgestellt, damit jeder nach Belieben davon nehmen kann. Die Pupunyafrüchte werden zu diesem Zweck, in Körbe verpackt, eine Zeitlang unter Wasser aufbewabrt und dann gerieben. Die Masse preßt man durch ein feines Sieb. Auch auf der Reise wird Pupunyamasse in einem Topf mitgenommen und zu jedesmaligem Gebrauch die nötige Menge in einer Kalabasse in Wasser aufgelöst. Ein anderes Erfrischungsgetränk bereiten sie aus den »schwarzen Früchten“, Iua pischuna, die wir schon am Tiquie kennen gelernt haben (vgl. S. 216). Die braune Brühe, die wie Schokolade aussieht und etwas nach Pfeffer schmeckt, ist sehr fett und nahrhaft. Auch davon wird ein großer Topf voll zum allgemeinen Besten in die Mitte des Hauses gesetzt.

Als Tunke für Maniokfladen dient eine braune, stark gepfefferte Brühe, die aus eingekochtem Manioksaft hergestellt ist und einen pikanten Geschmack hat (vgl. S. 336). Ein weißer, fettiger Ton, offenbar organischen Ursprungs, der aus dem Quellgebiet des Yapura stammen soll, gilt als beliebtes Genußmittel. Von den harten Tonklumpen, die zuvor längere Zeit ans Feuer gelegt werden, schabt man mit dem Messer feinen Staub ab. Maniokgrütze wird nur wenig bereitet, meistens zum Verkauf an die Kautschuksammler, die gelegentlich die Malokas besuchen. Seltene „Haustiere“ finden wir in der Makuna-Maloka. An einem Hauspfosten ist in einer Höhe von etwa zwei Metern ein Stück eines hohlen Baumstammes mit Stricken festgebunden, ein Bienenstock, an dem die fleißigen Bewohner munter aus und ein fliegen. Leider haben diese Indianer keine Tanzmasken mehr, die sie aber wohl kennen und wie die Masken der Bewohner des Dyi-Igaräpe beschreiben. Bei den oberen Yahuna seien sie noch im Gebrauch. Diese hätten auch Signaltrommeln von derselben Art wie am Caiary. In einer Maloka der Opaina seien vier Stück.

Tanze habe ich nicht beobachtet. Die Makuna haben köcherähnliche Behälter aus leichten Stäbchen, die mit weißen und schwarzen Baststreifen dicht umwickelt sind. Sie stellen Fischreusen dar und werden bei einem Tanz, der sich auf die Fischerei bezieht, mit einer Arara-schwanzfeder geschmückt, am Zopf getragen. Die Tänzer schreiten nebeneinander, die linke Hand auf der rechten Schulter des Nebenmannes, und halten in der Rechten Stäbe, mit denen sie im Takt auf den Boden stoßen. Diese Tanzstäbe, hohle Zylinder aus Cecropia-holz, gleichen in der äußeren Form denen vom Caiary und Issana, sind aber auf der Oberfläche mit bunten Mustern bedeckt, die einen ganz anderen Stil zeigen. An einer Bastschlinge wird der Stab beim Gebrauch über das Handgelenk gehängt. Die Yuruparyfeste werden in derselben Weise wie in ganz Nordwestbrasilien gefeiert. Über ihre Entstehung berichtet folgende Sage der Yahuna: Vor vielen, vielen Jahren kam aus dem großen Wasserhause, der Heimat der Sonne, ein kleiner Knabe, der so wunderschön singen konnte, daß viele Leute von nah und fern herbeieilten, ihn zu sehen und zu hören. Er hieß Milomaki. Als aber die Leute, die ihn gehört hatten, heimkehrten und Fische aßen, fielen sie alle tot nieder. Da ergriffen ihre Angehörigen Milomaki, der inzwischen zum Jüngling herangewachsen war, und verbrannten ihn auf einem großen Scheiterhaufen, weil er schlecht wäre und ihre Brüder getötet hätte. Der Jüngling aber fuhr bis zu seinem Ende fort, wunderschön zu singen, und als schon die Flammen an seinem Leib emporleckten, sang er: „Jetzt sterbe ich, mein Sohn, jetzt verlasse ich diese Welt!“ — Als sein Leib von der Hitze anschwoll, sang er noch immer in herrlichen Tönen: „Jetzt zerbricht mein Leib, jetzt bin ich tot!“ — Und sein Leib zerplatzte. Er starb und ward von den Flammen verzehrt; seine Seele aber stieg auf zum Himmel. Aus seiner Asche erwuchs noch an demselben Tag ein langes, grünes Blatt. Es wurde zusehends größer und größer, breitete sich aus und war am anderen Tag schon ein hoher Baum, die erste Paschiubapalme; denn vorher gab es diese Palme nicht. Die Leute aber machten aus ihrem Holz große Flöten, und diese gaben die wunderschönen Weisen wieder, die einst Milomaki gesungen hatte. Die Männer blasen sie bis auf den heutigen Tag, jedesmal wenn die Waldfrüchte reif sind, und tanzen dabei zu Ehren von Milomaki, der alle Früchte geschaffen hat. Die Weiber aber und kleinen Knaben dürfen die Flöten nicht sehen. Erstere würden sonst sterben, letztere würden Erde essen, krank werden und auch sterben. Die Männer dürfen nach dem Tanz erst wieder etwas genießen, nachdem ihnen der Zauberarzt eine geröstete Pfefferfrucht gegeben hat, und auch dann dürfen sie nur Maniokfladen, spanischen Pfeffer, eingedickten Manioksaft und geröstete Blattschneide-Ameisen zu sich nehmen 2*/* Tage lang; danach sind ihnen wieder alle Speisen gestattet. Einmal im Jahr aber, bei dem „großen Yurupary-Fest“, zu dem viele Leute Zusammenkommen, geißeln Bich die Teilnehmer bis aufs Blut. Die Wunden werden mit Pfeffer eingerieben und „schmerzen drei Tage lang fürchterlich“.

Der Stammesheros tritt in dieser Mythe zugleich als der Kulturheros auf, der Erzeuger des Wachstums, und trägt einen ausgeprägten solaren Charakter. Er ist die Sonne selbst. Er kommt von Osten aus dem großen „Wasserhaus“, dem Meere, wandert über die Erde und geht im Feuer gen Himmel. Die Verbrennung des Heros durch die Menschen wegen seiner magischen Eigenschaften ißt ein vielen Mythen gemeinsamer Zug, der sich auch sonst in Südamerika findet.

Der Makuna-Häuptling Josö ist für seine Verhältnisse ein gebildeter und weitgereister Mann. Er trägt Hemd und Hose und spricht außer Makuna und Yahuna geläufig Lingoa geral und etwas portugiesisch. Er ist schon mehrmals biß zum Amazonenstrom hinabgefahren und zählt mir mit indianischer Umständlichkeit die Stationen auf, die auf dieser Reise zu passieren seien. Vor mehreren Jahren ist er mit einem schwerbeladenen Boot und fünf Kanus, die er am Amazonenstrom verkauft hat, bis zum Städtchen Teffe gekommen. Nach seiner Aussage hat er zu dieser Reise hin und zurück bei strammer Fahrt fünf Monate gebraucht. Von einer dieser Reisen hat er seinen Angehörigen als Merkwürdigkeit einige Stücke Bimsstein mitgebracht, der aus den peruanischen Kordilleren kommt und häufig in großen Brocken auf dem Amazonenstrom treibt. Jetzt baut er ein wenig flußabwärts eine größere Maloka, da sein Haus, besonders für Tanzfeste, wenn viele Leute kämen, zu klein sei. Er arbeitet auch für Cecilio Plata, der vor kurzem’flußaufwärts gefahren ist, um mit den dortigen Indianern Handel zu treiben. Die Spuren des großen Lagers, die wir auf einer Sandbank gefunden haben, stammen von ihm.

Eines Mittags erscheinen sechs Kautschuksammler, Weiße und Mischlinge und ein Tsahatsaha-Indianer. Sie kommen ebenfalls von Corinto und gehören zur Mannschaft Tomas Pratas. Sie sind erstaunt, zwei Weiße hier zu treffen, und anscheinend nicht sehr erbaut davon. Jos6 macht, gestützt auf unsere Gegenwart, wenig Umstände mit ihnen, so daß sie abziehen müssen, ohne Ruderer bekommen zu haben. Ekelhaft war es anzusehen, wie sie sich um die nackte Tochter des Häuptlings drängten, die gerade am Siebgestell Maniokmasse auspreßte. Nur unsere Anwesenheit hielt sie wohl zurück, sich so zu benehmen, wie sie es gewohnt waren. „Die Colombianer taugen nichts!“ sagt der Häuptling, und er hat leider nur zu sehr recht. —

Am 28. März fahren wir weiter. Erst nach wiederholten Beteuerungen, daß ich die Leute nur bis zur nächsten Maloka und nicht bis zu den bösen Colombianern mitnehmen würde, habe ich zwei Yaba-hana als Ruderer bekommen können. Zwei ältere Yahuna mit ihren Familien, die als Gäste bei den Makuna weilten, schließen sich uns an und nehmen einen Teil der Last in ihre Boote. Der eine hat einen auffallend mongoloiden Typus mit verhältnismäßig starkem Bartwuchs, so daß man ihn in anderer Umgebung nicht für einen Indianer halten würde. Wir kommen bald an einer Stelle vorbei, wo ein kurzer Fußpfad zum Miriti-Parana führt, und verbringen die Nacht in einer neuen Pflanzung auf dem linken Ufer unter einigen Hütten, die zur Zeit von drei Yahunafamilien bewohnt werden. Es sind wiederum schöne Leute, besonders eine junge Frau mit seelenvollen, dunklen Augen. Am nächsten Mittag erreichen wir eine große Maloka der Yahuna auf dem rechten Ufer, die Heimat des Mongolen, der uns aber noch bis zu den Colombianern begleiten will. Man scheint ein Fest vorzubereiten. Auf einem riesigen, viereckigen Bratrost schmort eine Unmenge Fische. Unter den etwa zwanzig Bewohnern befinden sich einige Gäste. Auffallend ist die geringe Anzahl der Kinder; ich bemerke nur zwei kleine Knaben. — Es ist immer schwer, die wirkliche Bevölkerung einer Maloka zu bestimmen, da meistens Bewohner abwesend sind, oder umgekehrt Besuch da ist, der nicht dazu gehört. —

Ein junger Mann, dem das Haupthaar bis auf die Hüften herabhängt, hat eine Muskulatur und Körpergröße, wie ich sie noch nie bei Indianern gesehen habe. Er ist ein Buhagana vom Tariira-Igarapö des Pira-Parana. Ich mieteihn für die Weiterfahrt. Bitsuka, so heißt er, wird von den Indianern nur „Bitsu“ gerufen; Schmidt nennt ihn kurzweg „Bicho,u, und er hört auch auf diesen wenig schmeichelhaften, Namen.

1 Sprich „bischu“; wörtlich „Wurm“, eiu beliebtes brasilianisches Schimpfwort.

Der untere Apaporis empfangt alle seine größeren Zuflüsse von links, da auf der rechten Seite der Miriti-Parana sehr nahe herantritt Zu den bedeutendsten gehört der Ooca, an dessen Mündung wir am 1. April vorüberfahren. An seinen Ufern haben die Yupua, deren Sprache dem Desana am nächsten kommt, ihre Wohnsitze. Fährt man ihn zwanzig Tage aufwärts, so gelangt man zu einem Fußpfad, der zum Ira-Parana, dem rechten Nebenfluß des unteren Tiqui£ führt. Dort wohnen Maku (vgl. S. 155—156). In der großen, ganz neuen Maloka der Kuschiita-Yahuna auf dem rechten Ufer, wo wir am folgenden Mittag ankommen, finden wir nur wenige Bewohner, aber um so mehr europäischen Einfluß. Die Männer sind mit Hemd und Hose, die meisten Weiber mit Röcken und Leibchen aus Kattun bekleidet. Unser Aufenthalt bei den freien Indianern erreicht hier sein Ende. Nahe dem Hafen der Maloka habe ich des Fells wegen, da das Fleisch ungenießbar ist, einen großen Ameisenbär erlegt, der, die lange, spitze Schnauze senkrecht aus dem Wasser streckend, den Fluß durchschwamm. Das Tier hatte ein außerordentlich zähes Leben. Vier SchrotschüsBe bekam er in den kleinen Kopf. Trotzdem wäre er beinahe in den Wald entkommen. Er brüllte fürchterlich, als er nach einem Kugelschuß aufs Blatt am Land zusammenbrach, und ßolaka flüchtete sich vor dem Ungeheuer entsetzt bis an das äußerste Ende des Bootes1. Die mit riesigen Krallen bewehrten Vorderbeine des harmlosen Zahnlückers haben fingerdicke Sehnen und bilden seine einzige, aber gefährliche Waffe. Wird das Tier angegriffen, so setzt es sich auf die Hinterschenkel und sucht den Qegner zu umfassen. In seiner Umarmung ist jeder — nach den Erzählungen der Indianer selbst der Jaguar — unrettbar verloren.

Am 4. und 5. April passieren wir drei Stromschnellen, von denen die beiden ersten dicht aufeinander folgen. Die eine, ein mehrere Meter hoher Fall, ist sogar bei dem jetzigen niedrigen Wasserstande infolge der außerordentlichen Einengung des Flusses von reißender Wildheit und muß mit Booten und Gepäck über Land umgangen werden. Dichter Regen strömt den ganzen Tag herab, der Vorbote der Regenzeit. Ich habe mir Bitsuka als Vorruderer ins Boot genommen. HoJaka habe ich glücklich mit nach Europa gebracht. Er führt noch heute im Zoologischen Garten zu Frankfurt a. M. ein beschauliches Dasein. Seinen Herrn kannte er noch nach zwei Jahren. Sein Indiauisch aber hat er längst vergessen. Mit jedem Schlag seines breiten Kuders, das zu seiner riesenhaften Gestalt im richtigen Verhältnis steht, bringt er das Kanu einige Meter weiter. Schmidt steuert. Ein Gewittersturm nötigt uns, unter strömendem Regen auf einer Sandbank, die kaum 1 m hoch aus dem Wasser ragt, ein notdürftiges Lager aufzuschlagen. Die beiden anderen Boote haben wir weit hinter uns gelassen. Ich gebe ein paar Schüsse ab, aber der Schall geht im Heulen des Sturmes und Prasseln des Regens verloren. Niemand kommt, und Bitsukas Hängematte ist in einem anderen Boot zurückgeblieben. Wir rammen Pfähle ein und binden unsere Hängematten daran. Mit meinem Kleidersack und einer Decke richten wir Bitsuka unter meiner Hängematte ein hartes Bett her. Der Fluß steigt rasch. Ein großer Teil der Sandbank ist schon bei Sonnenuntergang vom Wasser bedeckt. So machen wir uns auf alles gefaßt. Eine unruhige Nacht! Strömender Regen bis gegen neun Uhr. „Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll.** — Ich erwache gegen elf Uhr und betaste unter mir den Sand. Der Fluß hat uns erreicht. Mein Riese schläft, vom Wasser umspült. Ein Rippenstoß scheucht ihn aus seiner Ruhe auf. Schleunigst rafft er sein nasses Lager zusammen und entflieht ins Kanu. Ich binde meine Hängematte einen halben Meter höher. Umsonst! — „Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll!“ — Schon platschen Pirahibas und andere große Fische dicht neben mir, und um drei Uhr erwache ich abermals — nur noch zwei Finger breit über den Wellen! — Wir brechen das Lager ab, wobei Bitsuka mit dem Kanu unter die Hängematten fährt, und lassen uns von der starken Strömung treiben. Das Brausen eines Falles in unheimlicher Nähe weckt uns gegen Morgen aus unruhigem Schlummer. Wir erreichen noch gerade das Land. Ein einsames Licht schimmert vom rechten Ufer durch die Finsternis, und als es Tag wird, sehen wir die Colombianer-Ansiedlung vor uns liegen.

Wir fahren hinüber und klettern über die niedergeschlagenen Bäume einer frischen Pflanzung. Alles schläft noch. Ich mache darüber zu Schmidt eine Bemerkung auf deutsch. Da ertönt aus dem Innern des Hauses in unverkennbar schwäbischem Dialekt: „Ei, guten Morgen, Herr Doktor! Wir haben Sie schon längst erwartet!“ Es ist Ernst Berner aus Aalen in Württemberg, der uns herzlich aufnimmt. Seit fünfzehn Jahren weilt er in Südamerika. Ursprünglich Kaufmann in Lima, ist er nach langen, abenteuerlichen Irrfahrten in dieser Wildnis gelandet und fühlt sich in seiner rohen Umgebung sehr unglücklich. Er hat seinerzeit Waren und Lebensmittel (Konserven) von Manaos geholt und mit einigen anderen Angestellten des Hauses Calderon die Niederlassung angelegt. Ein Teil der Waren ist für die verschiedenen Plätze der Kautschnk8amraler am oberen Apaporis bestimmt, ein Teil gebt über den Apaporis und Macaya zum oberen Caiary. Tornas Prata hat hier am meisten zu sagen. Er ist eine Art „stiller Teilhaber4* des ganzen Unternehmens, obgleich er weder lesen noch schreiben kann. Die Ansiedlung, die den stolzen Namen „La Libertad“ führt, liegt reizend auf dem hohen Ufer an einer tiefen Bucht, die der Fluß am Fuß des Falles bildet. Das Hauptgebäude ist ein Pfahlbau mit hoher und breiter Veranda, auf die die Kammern, Wohnräurae der „Herren“, münden. Darunter zu ebener Erde befinden sich die Lagerräume, hinter dem Haus ein kleiner Pfahlbau, die Küche, und ein paar niedrige Hütten für die indianischen Bediensteten. Einige zwanzig Kautschuksammler wohnen zur Zeit in der Niederlassung, Weiße, Mischlinge und reinblütige Indianer, zum Teil mit Uitotoweibern. Die Bediensteten, um nicht za sagen Sklaven, gehören den Uitoto, Miranya, Hianakoto, Tsahatsaha und anderen Stämmen an. Mehrere leiden schwer an Malaria. Als ich die Genossin Pratas, die kaum dem Kindesalter entwachsen ist, frage, ob sie meinen einstigen Ruderer, den Hianakoto Kauilimu, kenne, ist sie zuerst ganz still, dann ruft sie aus: „Das ist ja mein Vater!“ und läuft weg. Prata hat sie von einem anderen für eine Hose gekauft.—

Auch hier gibt es für mich genug Arbeit: Sprachaufnahmen, Photographieren und anderes. Ich habe den ganzen Tag zu tun, oft bis spät in die Nacht hinein. Die bisher ganz unklare sprachliche Stellung der Uitoto wird in einer ausführlichen Wörterliste festgelegt. Man begreift unter dem Namen Uitoto eine Anzahl sprach-verwandter Horden, die in den noch wenig bekannten Gebieten zwischen Caqueta (oberem Yapura) und Putumayo (oberem Issa), besonders am Cara-Parana und Igara-Parana, linken Nebenflüssen des letzteren, wohnen, wo schon viele als Kautschuksammler im Dienste der Peruaner und Colombianer stehen und von diesen zum Teil mit unmenschlicher Grausamkeit behandelt werden. Einige Horden sind noch Menschenfresser. Ihre Gesamtzahl wird auf 20 000 und mehr Seelen geschätzt. Den Namen „Uitoto“ (Feind), den ihnen ihre nördlichen Nachbarn und Todfeinde, die karaibischen Umaua, und nach diesen die Weißen beilegen, hören sie aus leicht begreiflichen Gründen nicht gern. Überhaupt führen sie keinen Gesamtnamen, sondern unterscheiden sich mit einer Unzahl verschiedener Hordennamen. Die Dialekte weichen teilweise erheblich voneinander ab. Hier in „La Libertad“ sind zwei Männer und drei Weiber, die verschiedenen Horden angehören, sich aber mit Hilfe ihrer eigenen Idiome untereinander verständigen können. Der Uitoto * Benjamin“, der gut spanisch spricht, ist trotz der roten Gesichtsbemalung schon so „zivilisiert“, daß er beim Photographieren nicht zu bewegen ist, das Hemd auszuziehen. Viele Kautschuksammler beherrschen die Uitotosprache, die sich, mit spanischen Ausdrücken vermengt, in diesen Gegenden zu einer Verkehrssprache ausgebildet hat.

Mit der Karaibengruppe, der man das Uitoto bisher infolge gänzlichen Mangels an Sprachproben zurechnete, hat es nicht das geringste zu tun, ebensowenig mit einer anderen der bisher bekannten Sprach-gruppen Südamerikas. Vielmehr bilden alle diese Dialekte, deren zahlreiche Vertreter ein weites Gebiet besetzt halten, eine neue sprachliche Einheit, der ich den Namen Uitoto-Gruppe gegeben habe. In ihrem Äußern unterscheiden sich die Uitoto wesentlich von ihren Nachbarn. Es sind durchschnittlich kleine, wenn auch wohlproportionierte Leute mit rohen GesichtszUgen und dunkler Hautfarbe. Hervorragend ist ihre Intelligenz und Schlauheit. Manche tragen, ebenso wie die Kauyari am mittleren Apaporis, breite Ohrpflöcke, so daß die Ohrläppchen bei einigen bis auf die Schultern herabhängen; doch verschwindet diese Sitte allmählich. Bisweilen nehmen sie den Pflock heraus und hängen den Zügel über die Ohrmuschel.

Sie bewohnen runde Malokas von ähnlicher Bauart wie am Apaporis. Kulturell stehen sie weit hinter den anderen Stämmen dieser Gegenden zurück, die auf sie mit Haß und Verachtung herabsehen. Die Hianakoto bezeichneten mir die Uitoto geradezu als „Maku“. Vielleicht haben wir auch sie als Reste einer ursprünglicheren Bevölkerung anzusehen. Ein eigenartiger Brauch der Uitoto ist das Tabakschlecken. Sie kochen Tabakblätter mit Wasser zu einer sirupdicken Masse, die, in Blätter gewickelt, auf bewahrt und in dieser Verpackung auch anderen Horden übersandt wird. Abends sitzen die Männer in der Maloka zusammen, kauen Coca und besprechen die Geschäfte des folgenden Tages. Wird über irgend etwas Wichtiges, einen Kriegs- oder Jagdzug und dergleichen, beraten, so hocken sie um einen Topf mit Tabak-sirup und genießen von Zeit zu Zeit davon, indem sie Zeige- und Mittelfinger in die Masse tauchen und abschlecken. Hat jemand von dem Tabak genossen, so gilt dies gleich einem Schwur; er ist verpflichtet, alles mitzumachen, was beraten und beschlossen wird. Auch die Miranya haben diesen Brauch.

Die Trommelsprache scheint bei den Uitoto sehr ausgebildet zu sein und wird von den Kautschuksammlern zu ihren Zwecken benutzt. Die Trommeln sind ebenso gearbeitet wie am Caiary, finden sich aber stets paarweise nebeneinander, eine große und eine kleinere mit verschiedenen Tonlagen, „Männchen* und „Weibchen“, wie die Indianer sagen. Sie werden mit zwei Kautschukschlegeln bearbeitet und dienen, außer als Tanzinstrumente, hauptsächlich zum Signalisieren in weitere Entfernung. Je nachdem die Indianer die Schläge rasch oder langsam aufeinander folgen lassen, je nachdem sie bald hellere, bald dumpfere Töne anschlagen, können sie Uber alles mögliche Nach* rieht geben, ja ganze Gespräche halten. Wenn z. B. ein Dampfboot ankommt, „telephonieren“ sie dies sofort mit allen Einzelheiten in die nächsten Malokas, die die Meldung weitertromraeln, so daß in kurzer Zeit das ganze Gebiet davon unterrichtet ist. Sie beschreiben damit einen neuangekommenen Weißen; sie benachrichtigen die Stammesgenossen, an einem bestimmten Tag Kautschuk zu bringen; sie laden mittels der Trommeln zu ihren Festen ein.

Fehlen den Uitoto diese großen Signaltrommeln, z. B. auf der Reise, so verfertigen sie rasch, um etwa zwei Stunden weit signalisieren zu können, folgenden kleinen Apparat: Sie graben ein sauberes, viereckiges Loch, nur wenig länger als breit (ca. 80 cm) und 40 bis 50 cm tief, in den Erdboden. Dann schneiden sie zwei Hölzer, gleich dick, so daß man sie mit beiden Händen umspannen kann, und gleich lang (ca. 90 cm), und flachen sie an einer Seite etwas ab. An dieser flachen Stelle höhlen sie je eine glatte, gleich lange, aber verschieden breite und tiefe Rille aus, die nicht bis zu den Enden der Stöcke reicht. Auf die kürzeren Ränder des Erdloches werden nun leicht zusammengebundene Strohbüschel gelegt und auf diese die beiden Hölzer mit der Rille nach unten, so daß sie beinahe das ganze Loch bedecken. Sie werden mit zwei einfachen Stöcken aus hartem, schwerem Holz in derselben Weise geschlagen wie die großen Signaltrommeln. Auch Miranya ist ein Sammelname, mit dem eine Anzahl unter sich oft feindlicher Stämme mit sehr verschiedenen Sprachen zwischen Caqueta und Putumayo bezeichnet wird. Als ihr Zentrum gilt der Rio Cauinary, ein rechter Nebenfluß des mittleren Yapura-Caqueta. Dort hausen sie in größerer Anzahl und in zahlreiche kleinere Horden zersplittert, gehaßt und gefürchtet von den Nachbarstämmen und den Kautschuksammlern. Die hiesigen Miranya gehören einer Horde an, die sich selbst Imihitä nennt. Eine Wörterliste ihrer rauhen, gutturalen und häßlich breiten Sprache kommt nur unter den größten Schwierigkeiten zustande, zumal die Leute erst vor kurzem aus ihren Wäldern geholt worden sind und nur ihr eigenes Idiom kennen. Es sind kräftige, wohlgebaute Leute von durchschnittlich dunkler Hautfarbe mit breiten, rohen Gesichtern, die bisweilen noch durch Pflöcke oder runde Muschel-schälchen in den durchbohrten Nasenflügeln entstellt werden. Dieser merkwürdige Schmuck, der auch bei einigen Uitoto-Horden im Gebrauch ist, scheint bei den Miranya, die schon mit Europäern in Berührung stehen, im Schwinden zu sein. Hier sieht man ihn nur noch bei wenigen Individuen in kleinem Maßstab, während zurZeit des deutschen Reisenden Martius vor fünfundachtzig Jahren besonders die Weiber es in dieser Eitelkeit so weit trieben, „daß manche die Ringe der Nasenflügel Uber die Ohren stülpen mußten, damit sie nicht schlaff herabhingen“. Auch die Nasenscheidewand ist durchbohrt. Das Haupthaar wird von Männern und Weibern lang getragen. Einige Mänuer haben auf den Armen dieselben runden Ziernarben eingebrannt, wie ich sie bei den Tuyuka und anderen Stämmen des Caiary gesehen habe.

Eines Tages kommt der am ganzen mittleren Yapura berüchtigte Opaina-Häuptling Manduca oder Matiri zu Besuch, der bei den Colom-bianern in großem Respekt steht, und dem sie verschiedene Mordtaten zuschreiben. In seiner Begleitung befindet sich der Kueretu Tornas. Beide haben lange Zeit in brasilianischen Ansiedlungen gelebt und haben ein stolzes Auftreten. Sie wohnen, von ihren Stämmen getrennt, an einem kleinen rechten Nebenfluß des Yapura, kurz oberhalb der Mündung des Apaporis, wo sie mit Indianern aus verschiedenen Stämmen auf eigene Rechnung Kautschuk ausbeuten. Der Kueretu, ein sehr intelligenter Mensch, der außer seiner Sprache mehrere andere Idiome (Yahuna, Yukuna, Miranya usw.), Lingoa geral und Portugiesisch beherrscht, ist mir bei den Sprachaufnahmen eine ausgezeichnete Hilfe. Die Kueretu, die unter dem Namen Coretus im achtzehnten Jahrhundert neben anderen Stämmen des Yapura vielfach in die Ortschaften am unteren Rio Negro verpflanzt wurden, leben nur noch in geringer Anzahl am Rio Caritaya, einem rechten Zufluß des Miriti-Parana. Ihre Sprache gehört der Tukanogruppe an. Die Weiber der Kueretu und ihrer Nachbarn, der Aruakstämme Yukuna und Matapy, verfertigen feine, polierte Tonwaren in schwarzer und roter Farbe, besonders prächtige Schalen von verschiedener Größe.

1 Über die Uitoto, Miranya and andere Stamme zwischen Caqueta und Putu-mayo hat der englische Reisende Thomas Whiffen inzwischen ein inhaltsreiches Bach veröffentlicht: The North-West Aiuazon». Notes of some inonths spent among cannibal tribes. London 1915.

Für einen einläufigen Vorderlader, Pulver und Schrot als Vorausbezahlung verspricht mir Matiri, vier vollständige Tanzmaskenanzüge der Opaina durch einen Mann, der mich auch weiter begleiten soll, in das Haus Cecilio Platas zu schicken. Am 14. April fährt Toraas Prata mit seiner ganzen Mannschaft in mehreren großen, schwerbeladenen Booten Apaporis aufwärts. Vom oberen Hafen knattern zum Abschied ihre Schüsse. Berner bleibt mit einem fieberkranken Colombianer und einigen Miranya allein zurück. Die Yahuna und Buhagana, die mich hierher gebracht haben, und die Prata gern als Ruderer mitgenommen hätte, haben sich eines Nachts heimlich davongeraacht. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens

ln der Ruhe von São Pelippe erholen wir uns rasch von den großen Anstrengungen der Caiary – Reise. Auch eine schwere Erkältung, die ich der zugigen Hütte des alten Joãa in Yauarete verdanke, und die sich durch die Fahrt im offenen Kanu bei dem regnerischen Wetter noch verschlimmert hat, verliert sich bald bei der ausgezeichneten Pflege. Die Sammlungen werden verpackt und Antonio Garrido mitgegeben, der mit einem Lastboot nach Tapuru-cuara fährt; die Montana wird gründlich ausgebessert, und am 6. Februar nehmen wir endgültig Abschied von SAo Felippe und von Don Gerraano, der mir von Anfang bis zu Ende ein wahrer Freund und Vater war. —

Die Heimreise beginnt! Über Tiquié und Yapura wollen wir den Amazonenstrom erreichen. Unter unserer Mannschaft befinden sich wieder wie im vorigen Jahr die beiden alten Schnapsbrüder, der Maku Ignacio und der Tukano Joao Grande. Mein Arara Bolaka ist in der „Pension“ etwas verwildert und hat infolge falscher Ernährung mit Fleisch den Glanz seines Gefieders erheblich eiugebüßt. Der untere Caiary ist noch mehr gesunken. Beständig müssen wir wegen der vorgelagerten, stundenlangen Sandbänke kreuzen und kommen daher nur sehr langsam vorwärts. An den Sandbänken, die gegen die scharfe Strömung schrotf abfallen, ziehen die Indianer das Boot vom Strand aus am Tau rasch flußaufwärts. Vom Lappenbaum steht nur noch ein kurzer Stumpf; das Übrige ist verfault und vom Wasser entführt. Wir geben dem Geist wieder unseren Tribut, ich ein Stück geräucherten Fisches, Schmidt eine Scheibe Kürbis, die Indianer Fischgräten und andere unbrauchbare Sachen. Bei der Niederlassung Abilios treffen wir Salvador mit seinem kleinen Lastboot, der nach uns von Silo Felippe abgefahren ist, uns aber bei Nacht überholt hat. Er übergibt mir ein herzliches Abschiedsschreiben seines Vaters. Vier Tukano vom oberen Tiquié haben am vorhergehenden Tage Salvador Maniokgrütze gebracht, darunter Paschiko, der Sohn des Inspektors Antonio, der mich seinerzeit in das Quellgebiet deR Tiquie begleitet hat. Das kommt mir sehr gelegen. Ich entlasse meine alten, durch den Alkohol entnervten Kerle und nehme diese jungen, kräftigen Burschen als Ruderer. Auch der Tiquié, den wir nun aufwärts fahren, hat sehr niedrigen Wasserstand, so daß meine Leute das Boot mit Stangen weiterstoßen können. Kleine Lager aus primitiven Hütten halten die Sandbänke besetzt. Von weither, sogar vom Papury, sind Indianer gekommen, um in den Seen des unteren Tiquie zu fischen.

Am 25. Februar kommen wir an der Mündung des Castanya Parana vorüber, der acht Tagereisen aufwärts durch einen kurzen Fußpfad auch mit dem Dyi-Igarap£, einem linken Zufluß des Pira-Parana, in Verbindung steht. Wir begegnen hier dem Tukanohäuptling Maximiano und ziehen bei ihm nochmals nähere Erkundigungen über den Weg zum Yapura ein. Von meinen Ruderern erfahre ich jetzt, woher der Alte diese Kenntnisse hat. Als Jüngling hat er im Bunde mit den Buhagana einen Kriegszug gegen die Yahuna unternommen. Er brauchte über einen Monat, um zu ihren Wohnsitzen am Apaporis zu gelangen. Dieser berühmte Zug, von dem man sich noch heute, nach etwa vierzig Jahren, am ganzen Tiquié erzählt, war, wie die meisten Indianerfehden, nichts anderes als ein nächtlicher Überfall auf eine friedliche Maloka, deren nichtsahnende, von einem großen Tanzfest ermattete Bewohner im Schlafe niedergemacht wurden. Von den verbündeten Buhagana seien drei gefallen, zwei durch Flintenschüsse, einer durch Axthiebe; die Tukano seien alle unversehrt zurückgekehrt. Wenige Weiber und Kinder schleppte man als Gefangene mit und verkaufte sie später an die Weißen. Jetzt kämen solche Kriege nicht mehr vor, nur ab und zu ein Totschlag wegen Zauberei. Man schildert mir diesen Kriegszug mit allen Einzelheiten und unter lebhaften Pantomimen: So hätten die Weiber und Kinder geschrien; bis zu den Knöcheln hätten die Helden im Blute gewatet! — Der streitbare Alte verdient nach seinem Tod al8Hero8 in den Sagenkreis der Tukano aufgenommen zu werden! —

Bei ihren Kämpfen sollen sich die Yahuna, wie ich am Caiary mehrfach gehört habe, einer heimtückischen Waffe bedienen. Sie bänden sich lange, mit Curare vergiftete Palmstacheln an die Ellbogen und Handgelenke und verwundeten die Feinde im Handgemenge zu Tode. Besonders die Weiber verteidigten sich damit gegen fremde Angriffe. Nach langem Suchen finden wir einen Baum, der uns eine Menge roten Bastes liefert. Auch wir Europäer ziehen diesen wegen seines aromatischen Geruchs dem Zigarettenpapier vor. Die Indianer erklettern den Baum mit Hilfe eines aus Liane geflochtenen Ringes, in den sie die Füße setzen, um auf diese Weise am Stamm immer höher zu rutschen. Mit dem Waldmesser lösen sie die Rinde in langen Streifen vom Stamm, schneiden sie parallel zurecht, ziehen die äußere rauhe Schicht vorsichtig ab und klopfen mit einem platten Holz oder der flachen Klinge des Weidmessers so lange wider das eine Ende des jetzt noch steifen Bastteils, bis die vielen Lagen des Bastes sich gelöst haben. Dann waschen sie den Bast sorgfältig, um den klebrigen Saft zu entfernen, lösen die feinen Häute vorsichtig voneinander und trocknen sie.

An der Pary-Cachoeira werden wir am 26. Februar als alte Freunde empfangen. Häuptling José ist mit den meisten Männern flußaufwärts zu den Tuyuka gefahren, um Palmblätter für das Dach der neuen Maloka zu holen. Das im Rohbau fertige, riesige Haus erhebt sich auf dem großen, freien Platz etwas vor der alten Maloka, die dem Einsturz droht. Luiz, des Häuptlings jüngerer Bruder, der uns vor einem Jahr nach São Felippe brachte, erbietet sich, uns bis zum Yauacaca-Igarapö zu begleiten. Er nimmt seine ganze Familie mit, da seine Frau, eine Bara, die Gelegenheit benutzen will, ihre Verwandten zu besuchen. Unser alter Freund Inspektor Antonio, so erzählt man uns hier, liege im Sterben. Der Beschreibung nach hat er einen Schlaganfall gehabt. Natürlich ist er „vergiftet“ worden; Zaubergift vom oberen Fluß. Am nächsten Tage kommen wir zu ihm. Er kann nicht mehr gehen und hört fast nichts mehr. Seit drei Monaten hat er die Hängematte nicht verlassen. Trotzdem ist er noch ebenso lebhaft wie früher und nimmt an allem Anteil. Freilich ist er sehr abgemagert, da er nach der bekannten Indianermethode, alle Krankheiten mit übertriebener Diät zu kurieren, während seiner ganzen Leidenszeit nichts gegessen hat außer warmer Mehlsuppe. Seine Angehörigen sagen einfachzu mir: „Inspektor manu putari!“ („Der Inspektor will sterben!“). Damit ist aber auch ihre Teilnahme erschöpft. Er bleibt in seinem finsteren, rauchigen und staubigen Wohnraum; man bringt ihm von Zeit zu Zeit seine Mehlsuppe; eine alte Frau hockt sich bisweilen zur Unterhaltung zu ihm; im übrigen — „manu putari!“ Er ist auf-gegeben. — Unsere Bauern machen es vielfach nicht besser. — Und der gute Alte will noch gar nicht diese schöne Welt verlassen. Er kommandiert von seinem Sterbelager aus die Weiber zum Photographieren. Er schwatzt mit uns ein langes und breites über unsere Reise und bedauert sehr, daß er krank sei, sonst würde er uns bis zu den Buhagana am Dyi-Igarap6 begleiten. Seine erste Frage an Paschiko ist, wer uns jetzt dorthin bringe, da er selbst doch nicht helfen könne! —

Gegen Abend kommt Häuptling Jose mit seinen Mannen und einer Anzahl Makusklaven in einem halben Dutzend größerer Boote. Meine schwere Montaria, die mir im Gebiet der Fälle und in den schmalen Quellarmen doch nur hinderlich wäre, tauscht er ein gegen ein langes Kanu, das den größten Teil unseres Gepäcks faßt Den Rest nimmt Luiz in sein Familienboot. Der Häuptling schickt seine Mannschaft nach der Pary-Cachoeira voraus und bleibt mit einigen älteren Tukano bis zum nächsten Morgen zu einem kleinen Kaschiri aus den schönen rotgelben Früchten der Pupunya-Palme, an dem die Weiber den ganzen Tag tüchtig gearbeitet haben. Es ist aus altem Stoff angesetzt und sehr sauer. Auch Schnaps wird in einem feinen Henkelglas gereicht, ein bitterlich-süßlich schmeckendes, wasserklares Giftzeug, das mit Rum nicht die entfernteste Ähnlichkeit hat. Sie stellen es unter einem Schuppen hinter dem Haus mittels eines sehr primitiven Destillierapparates her, dessen einen Teil — horribile dictu! — ein schweres, ehernes Taufbecken der guten Padres bildet. Eine gewaltige Ironie des Schicksals! —

Ich suche hier möglichst viel Maniokgrütze zu kaufen, da am Pira-Parana, wie man mir sagt, keine Leute wohnen, sondern nur an seinen Zuflüssen, zum Teil weit einwärts. Mittags sind wir gerade damit beschäftigt, durch Geschenke an die Bewohner unser Gepäck auf das Notwendigste zu beschränken, als drei Indianer, das Ruder in der Hand, ins Haus springen. Es ist Antonio, der älteste Sohn des Tukano-Häuptlings vom nahen Cabary-Igarapé, mit zwei jungen Burschen. Er fängt sofort an, laut zu schreien und zu gestikulieren. Paschiko schreit dagegen, zieht sich aber dann grollend in eine Ecke des Hauses zurück; der andere schimpft weiter. Plötzlich bricht ein fürchterlicher Lärm los. Beide Helden rennen im Mittelgang der Maloka gegeneinander und fuchteln unter wütendem Geschrei mit Armen und Beinen in der Luft hemm, so daß einer, der die Indianer nicht kennt, das Schlimmste befürchten müßte. Aber sie bleiben sich immer hübsch drei Schritte vom Leib. Schmidts Hängematte, die zwischen den beiden Mittelpfeilern des Hauses ausgespannt ißt, trennt die streitenden Parteien. So geht es eine ganze Weile fort. Durch Fragen bekomme ich endlich folgendes heraus: Die Cabary-Leuto sind böse, weil wir dort keinen Besuch gemacht haben, und beschuldigen Paschiko, er habe uns ihnen vorenthalten. Deshalb ist Antonio mit seinen Getreuen gekommen; er will uns freiwillig zu den Tuyuka bringen. Schließlich mache ich dem Streit ein Ende und sage den Eindringlingen, sie sollten heimgehen, ich wolle mit ihnen nichts zu tun haben, ich dulde keinen solchen Lärm in der Maloka meines Freundes, des kranken Inspektors, worauf sie verschwinden. Die Hiesigen triumphieren. Jeder Frau, die von der Pflanzung zurückkehrt, wird der Vorfall mit großer Schadenfreude erzählt.

Ein Gewittersturm mit heftigem Regen verzögert unsere Abfahrt biß zum anderen Morgen. Abends bereiten mir die Frauen eine kleine Abschiedsfeier. Sie haben sich mir zu Ehren rote Muster in das Gesicht gemalt und hocken iin Halbkreis um meine Hängematte. Sie wollen die Namen aller meiner Angehörigen wissen und tragen an alle nach der Reihe Grüße auf. Von meiner Braut oder, wie sie sagen, „Frau“ sprechen sie mit dem ehrenden Ausdruck „yeöraamio elsa“ („meine ältere Schwester Elsa“) und nennen mich „yeömamio ponakö* („meiner älteren Schwester Mann“). Wie gewöhnlich muß ich singen. Ich singe alles, was mir in den Sinn kommt, lustige und traurige Lieder, Soldatenlieder und sentimentale Abschiedslieder. Immer wieder bitten Bie mich: „Dotoro achpäna bachsa!“ („Doktor, sing noch ein Lied!“) Wer kann da widerstehen? Ich singe, bis ich heiser werde. Zum Dank geben mir die Frauen nun auch ihre Gesänge zum besten, die trotz der verhältnismäßig wenigen Töne, in denen sie sich bewegen, nicht unmelodisch sind und halblaut in raschem Takt vorgetragen werden. Es sind Lieder der Tukano, Palänoa, Erulia und anderer Stämme. Zuletzt improvisieren sie. Sie besingen mich und meine Angehörigen; sie besingen die ganze Reise, meine Heimkehr und das Wiedersehen mit meiner Frau und meinen Kindern. Am anderen Morgen stehen sie alle auf dem hohen Ufer, und so lange sie mein Boot mit den Blicken verfolgen können, rufen sie mir nach: „Ayuato mönömo elsa!“ („Grüße deine Frau Elsa!“) In dem letzten Tukanohaus treffen wir einen Indianer, den eine Jararaca-Schlange drei Jahre vorher in das Bein unterhalb des Knies gebissen hat. Das Bein ist, wie er mir erzählt, nach einiger Zeit unter der Bißstelle abgefault. Der Mann bewegt sich jetzt an einer einfachen Krücke und einem Stock rasch vorwärts und befindet sich körperlich uud geistig wohl und munter.

An der Caruru – Cachoeira rupfen meine Indianer Bolaka die schlechten gelben Federn aus, damit sie wieder in neuem Glanz erstehen können. So oft auf der Weiterfahrt das Brausen eines Kataraktes ertönt, fängt Bolaka an zu schreien. Offenbar fürchtet er wieder gerupft zu werden. In seiner alten Heimat, der ersten kleinen Tuyuka-Maloka auf dem rechten Ufer, scheint er noch Witterung von seinen Stammesgenossen zu haben, die inzwischen flußabwärts verkauft worden sind. Er fliegt suchend hin und her und schreit gegen seine Gewohnheit unaufhörlich. Die Araras sind sehr gesellig. Auf der Reise wird jedes vorüberfliegende Arara-Paar von Bolaka, der auf dem Schutzdach des Bootes sitzt, laut beschrien, So daß die Angerufenen häufig wieder kehrtmachen, um zu sehen, wer sie da begrüßt. In der Maloka des Inspektors hatte Bolaka sofort mit einem wunderschönen, jungen Arara — oder war es eine Arara-Jungfrau? — innige Freundschaft geschlossen. Sie waren unzertrennlich und hätten beim Abschied sicher geweint, wenn ihnen erleichternde Tränen beschieden gewesen wären. —

Merkwürdigerweise werden wir in dieser Tuyuka-Maloka nicht bewirtet Den Grund erfahre ich später: Das Haus hat vor kurzem neue Bewohner bekommen; die Pflanzung ist noch jung und gibt keinen Ertrag, da die Maniok nach dem Pflanzen zwei Jahre zum Reifen braucht. Deshalb nähren sich die Leute jetzt nur von Umari-Früchten  deren Reifezeit gerade ist, und haben aus der Masse der Umari-Kerne sogar eine Art Fladen bereitet, die rötlich aussehen und einen wenig angenehmen, bitteren Geschmack haben. Mehrmals fangen meine Indianer junge Tiere, um sie zu zähmen. Luiz nimmt aus einem Taubennest zwei Junge heraus. Seine Frau füttert die noch ganz nackten Tierchen. Sie kaut Nüsse der Pataua-Palme zu feinem Brei und steckt dann die Schnäbelchen in ihren Mund, und die kleinen, häßlichen Geschöpfe schlingen und schlucken gierig. Ein anderer Ruderer holt aus einem Nest einen jungen, fast ausgewachsenen Beutelstar. Auf derartige Menagerien sind die Indianer erpicht.

In Pinokoaliro bekommen wir neue Mannschaft und setzen am 6. März in vier Kanus unsere Reise fort. Die Tuyuka wollen uns bis zum Dyi-Igarape bringen. Ich sende zwei Leute auf dem Landweg dorthin und lasse den Buhagana sagen, sie möchten uns an der Mündung des Dyi-Igarape erwarten. Nun beginnt wieder die beschwerliche Fahrt in dem engen Quellflüßchen. Unzählige Spinnen und Ameisen der verschiedensten Arten streifen wir von den Asten ins Boot. Zu den schlimmsten Plagegeistern des Urwaldes gehören die winzigen Feuerameisen. Wo sie über die Haut laufen, brennt es längere Zeit wie Feuer. In einem sehr schmalen, verwachsenen Kanal bleiben wir mehrmals stecken. Ich greife ins Ufergebüsch, um das Boot weiterzuziehen. Da reißt der vor mir rudernde Tuyuka meine Hand rasch zurück und schreit, ganz fahl vor Entsetzen: „ Anya! Anya! “ („ Jararaca ! Jararaca!“) Am Fuße des Strauches, einen knappen Meter von mir entfernt, liegt aufgerollt und nach mir züngelnd eine schwarze Jararaca, eine der schlimmsten Giftschlangen. Um ein Haar wäre ich gebissen worden. Aufgeregtes Geschrei bei meiner Mannschaft, während ich mich kaum zu rühren wage. Ein Tuyuka will sie mit dem Ruder erschlagen. Schmidt zerschmettert ihr aus nächster Nähe mit einem Schuß den Kopf. Der Zwischenfall wird lebhaft besprochen. Die Indianer, die, meinem Beispiel folgend, ein besonderes Interesse daran haben, die Namen aller Gegenstände und Tiere in unserer Sprache zu hören, fragen Schmidt und mich nach dem Wort für di anya, wie sie diese Giftschlange nennen. Schmidt gibt ihnen das Lingoa geral-Wort yararaka an, das auch in den brasilianischen Sprachgebrauch übergegangen ist. Mir bleibt daher nichts anderes übrig, als ihnen den lateinischen Namen „Bothrops atrox“ zu sagen, den sie sich sofort als „botrokes atrokes“ mundgerecht machen und wiederholt vor sich hin sprechen, wie Kinder, die sich eine Aufgabe einprägen. Sooft wir nun an einer verwachsenen Uferstelle vorüberkommen, wo ein solches Scheusal verborgen sein kann, rufen sie mir laut und warnend zu: „Botrokes atrokes uii!“ („Bothrops-atrox-Haus!“) — Vier Tage nachher, als wir die Wasserscheide zum Yapura längst überschritten, und viele neue Eindrücke die Gedanken an dieses Schlangenabenteuer verdrängt hatten, gelangten wir an einen kleinen See. Auf meine Frage nach dem Namen des Sees antwortete mir ein Tuyuka mit schelmischem Stolz: „Botrokes atrokes dichtara!“ Es war der „ Jararaca-Lagou! —

Von den Bara kaufen wir zwei neue Kanus. Das größte davon, über sieben Meter lang, tief und aus dein besten Bootsholz elegant gearbeitet, liegt im Hafen des Yauacaca-Igarape, so daß wir nur das kleinere Kanu über die schmale Wasserscheide schaffen müssen, was mit Hilfe der zahlreichen Indianer rasch vonstatten geht. Die Bara erzählen mir, ein Weißer namens „Parata“ baue jetzt am unteren Pira-Parana ein Haus. Sie meinen den Colombianer Cecilio Plata, an den ich einen Empfehlungsbrief von Raphael Tobar habe. In früherer Zeit hätten ihn die verhaßten Yahuna durch einen Pfeilschuß in die Seite ermorden wollen; dann habe er Krieg mit ihnen geführt und viele getötet. Jetzt fürchteten ihn die Yahuna.

Die Nacht vom 8. auf den 9. März verbringen wir in der jetzt verlassenen Bara-Maloka am Hafen des Yauacaca-Igarapé. Spät abends kommen zwei meiner Tnyuka von der Jagd zurück, der eine mit blutender Wunde an der Schläfe. Sie sind vor einem Gespenst ausgerissen, das im dunklen Wald auf sie zukam. Dabei ist der eine gestürzt und hat sich am Flintenlauf verletzt.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens


Unser Aufenthalt bei dem liebenswürdigen Volke der Kobeua neigt sieb seinem Ende zu. Wenige Tage vor unserer Abreise kommt eine Bande Yulämaua vom Querary, Verwandte einiger in Namocoliba verheirateter Frauen. Es sind sieben Männer und Knaben, durchweg muskulöse Gestalten, auffallend durch die starken StirnwUlste, die den Gesichtern einen etwas finsteren Ausdruck verleihen. Sie wollen Arundinaria-Halme schneiden, die in ihrer Heimat nicht wachsen, als Einlage für Blasrohre. Mit den Kobeua tauschen sie Körbe und Siebe.

Die Frauen geben zu Ehren ihrer Stammesbrüder ein kleines Kaschiri, das jedoch die tägliche Arbeit nicht unterbricht. Der Zauberarzt ist eifrig damit beschäftigt, in der Nähe Wald für eine neue Pflanzung zu roden. Den ganzen Tag erschallt das lange anhaltende, donnerähnliche Krachen und Rauschen der niederstürzenden Bäume. Trinkend und gemütlich plaudernd sitzen wir am Abend beisammen. Gegen neun Uhr findet ein Tanz statt. Ein Dutzend Tänzer, nur wenige mit einfachen Federreifen geschmückt, bewegt sich im raschen Tanzschritt in der üblichen Runde. Die linke Hand ruht auf der rechten Schulter des Nebenmannes. Die rechte Hand hält einen am oberen Ende mit Fußklappern umwundenen, schmucklosen Holzstab, der bei jedem Schritt rasselnd aufgestoßen wird. Tanz und Gesang beginnen feierlich langsam, werden immer rascher und endigen langsam und feierlich. Zum Schluß stellen sich alle Tänzer in einer Reihe, dem Eingang zugewendet, in der Maloka auf, singen und stampfen noch eine Zeitlang sehr langsam weiter und gehen dann nach drei kurzen, lauten Schreien und schrillen Pfiffen durch die Zähne auseinander. Die Tänze dauern bis zum frühen Morgen. Auch Frauen nehmen daran teil. Es ist ganz so, wie seinerzeit am Aiary; nur die viehische Trunkenheit fehlt.

Schmidt macht mir in diesen Tagen schwere Sorge. Er bekommt jeden Abend zu einer gewissen Stunde heftige Magenkrämpfe und Hustenanfälle, die ihn zum Erbrechen reizen und öfters mit Fieber verbunden sind. Es sei Zaubergift von den Colombianern, meint der Häuptling. Ich halte es für Keuchhusten. Eine Frau leidet unter denselben Anfällen. Auch die Frau des Häuptlings liegt mehrere Tage mit fürchterlichen Schmerzen wimmernd in der Hängematte. Auf dem Weg zur Pflanzung ist sie an zwei Tagen hintereinander von Vogelspinnen an der Hand und am Fuß gebissen worden.

Am 12. Dezember nehmen wir Abschied. Aus allen umliegenden Malokas sind Leute gekommen, um uns Lebewohl zu sagen. Die Bewohner von Surubiroca, die uns nach Matapy bringen wollen, sind vollzählig erschienen. Ihr Häuptling hält mir mitten auf dem Dorfplatz vor versammeltem Volk eine lange Lobrede in Lingoa geral, die mit dem alten Missionsgruß „Yasu tupana irumo!“ („Geh mit Gott!“) feierlich ausklingt. Alle geben uns das Geleit zum Hafen. Die Frauen reichen mir noch einmal ihre Kinder. Jeder will mir die Hand drücken. Selten ist mir ein Abschied so schwer geworden. —

Es war eine unvergeßlich schone Zeit. Man hat uns volles Vertrauen entgegengebracht, und nie ist unser Vertrauen getäuscht worden. Nie wurde unsere Eintracht ernstlich gestört. Niemals wurde uns das geringste entwendet, obwohl wir die Koffer bisweilen offen stehen ließen. Bei unserer Abreise zum oberen Caiary blieb der größte Teil unseres Gepäcks in Namocoliba zurück. Der Häuptling ließ vor unseren Augen in einer Ecke der Maloka ein Gerüst errichten und unsere Kisten und Ballen dort aufstapeln. Als wir nach einem Monat zurückkehrten, lag eine dicke Staubschicht auf den Sachen. Niemand hatte daran gerührt, obwohl alle wußten, daß sie Kostbarkeiten, Perlen, Äxte, Messer, enthielten.

Ich lernte hier so recht das reiche Seelenleben kennen, durch das sich die indianische Frau auszeichnet. Sie ist nichts weniger als das „stumpfsinnige Lasttier“, wie sie so oft von flüchtigen Beobachtern dargestellt wird. Während der Mann seine Kräfte mehr dem Gemeinwesen widmet, spielt sich das Leben der Frau im engen Kreise der Familie ab. Mit den Hauptpflichten in der Familie übernimmt sie auch die Hauptrechte. Ihr Leben ist wohl reich an Mühe und Arbeit, aber gerade dadurch findet sie Gelegenheit, alle ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre seelischen Eigenschaften zur vollen Entwicklung zu bringen. Ihre große Intelligenz ist angenehm verbunden mit einer reinen Gutmütigkeit, die sie nicht nur gegen Angehörige ihrer Familie und ihres Stammes, sondern auch gegen Fremde betätigt, die ihr Vertrauen gewonnen haben. Wir wurden von den Frauen wie Stammesgenossen behandelt. Sie ließen es nie an Speise und Trank für uns fehlen und waren eifrig für unser Wohlergehen besorgt. Besonders war es die Frau des Häuptlings, die Mutterstelle an uns vertrat, und deren liebevoller Fürsorge ich mich erfreute. Es wurde mir wirklich nicht schwer, die gütige Alte „meine Mutter“ anzureden, zumal wenn ich sah, welche freudige Genugtuung ich damit ihr und ihren Angehörigen bereitete, und ich freute mich ebenso, wenn sie mich „mein Sohn“ nannte. Jeden Morgen, sobald ich erwachte, schickte sie mir ihre kleine Tochter mit einer Kalabasse frischen Wassers zum Mundausspülen und Zähneputzen, und manchen Extrabissen, manchen erfrischenden Trank danke ich ihr. Beim Abschied fehlten „meine Mutter“ und „meine kleine Schwester“. Sie waren schon vor Tagesanbruch auf die Pflanzung gegangen, um in der Scheidestunde nicht zugegen zu sein. —

Der Caiary hat infolge des sehr niedrigen Wasserstandes ein ganz anderes Aussehen angenommen. Überall ragen riesige Felsen, zwischen denen das Wasser verschwindet; weithin leuchten weiße Sandbänke. An allen Malokas, besonders bei den Stromschnellen, sieht man jetzt merkwürdige Zäune aus entrindeten Stangen, die an der Spitze bisweilen noch Fiederblätter tragen. Auf den Kreuzungspunkten der Stangen liegen Bündelchen gelber Rinde. Es sind „Badeanstalten“ der Indianer. Mit der Rinde, die, mit Wasser gerieben, einen dicken Schaum wie Seife erzeugt, reinigen sie den Körper und auch Kleider. Jedes Bündelchen Rinde hat seinen bestimmten Besitzer.

Schon am 16. Dezember gelangten wir nach Matapy. Bei der Aufwärtsfahrt haben wir zu derselben Strecke volle vierzehn Tage gebraucht. Wir bleiben hier einen Tag, um die Montaria zu kalfatern, die durch den schwierigen Transport über die unzähligen Felsen wieder ganz leck geworden ist. Der „Herr Professor“ willigt sofort ein, uns mit einigen Desana und Uanana und drei Maku bis Yauarete zu bringen.

Diese Maku gehören zu einer Bande Ton einigen zwanzig Männern, Weibern und Kindern, die eines Tages vom Papury her nach Matapy gekommen sind. Fünf Männer mit ihren Familien hat der Häuptling behalten; zwei hat er dem Oberhäuptling in Caruru überlassen; die übrigen sind in der Umgegend verteilt worden. Sie wohnen nicht in der Maloka, sondern halten sich in der Nähe im Walde unter erbärmlichen Hütten auf und werden nur zu besonderen Dienstleistungen herangerufen. Sie helfen auch beim Ausbessern unseres Bootes und werden bezahlt wie die anderen. Der Häuptling fragt sie, was sie haben wollen. Es sind also hier keine Haussklaven, wie z. B. bei den Tukano an der Pary-Cachoeira des Tiquie, sondern eine Art Tagelöhner. Die Weiber, die mir zu Gesicht kommen, sind abschreckend häßlich. Einige hübsche, großäugige, aber unbeschreiblich schmutzige Bänderchen schreien mörderisch, sobald wir Weißen uns ihnen nahen. Die Männer machen im Verkehr keinen unsympathischen Eindruck, zeigen aber in dem wenig proportionierten Körperbau, den breiten Nasenflügeln und dem schnauzenförmigen Mund den häßlichen Makutypus. Mit Hilfe des Desana, das sie beherrschen, nehme ich eine Wörterliste ihrer fürchterlichen Sprache auf, die bisher unbekannt war. Sie scheint mit dem Maku des Querary, von dem ich einige Wörter bei den Kobeua hörte, identisch zu sein, ist aber in den meisten Wörtern gänzlich verschieden von dem Maku des Tiquiö und Curicuriary. Nur wenige Ausdrücke zeigen eine entfernte Verwandtschaft, die mit dem Tiquiö-Maku größer zu sein scheint als mit dem Maku vom Curicuriary.

Das Uanana mit seinem halblauten, verschwommenen Lispeln und hochgeschraubten, singenden Tonfall mutet uns jetzt, nachdem wir monatelang nur das rauhe, stark gutturale und nasale Kobeua gehört haben, ganz sonderbar an. Der Typus der Desana ist im ganzen Caiarygebiet sehr einheitlich. Meine Ruderer sind an den langen Köpfen, dem struppigen Haar und den schräggestellten, geschlitzten Augen sofort als Angehörige dieses Stammes zu erkennen. An der Caruru-Cachoeira haben wir ein Erlebnis, das uns noch tagelang Stoff zur Heiterkeit gibt. Beim Frühstück erscheint plötzlich eine sehr korpulente Indianerin, mit einem langen geblümten Rock nebst eng anschließender Taille bekleidet, ein weißes türkisches Tuch um den vollen Nacken geschlungen, an den nackten Füßen feine Lederpantöffelchen. Es ist meine alte Bekannte vom Jahr vorher. Sie redet mich in gewähltem Portugiesisch an, so daß ich ganz verlegen werde, denn ich habe mein bißchen Portugiesisch über der Lingoa geral und dem Kobeua fast vergessen. Sie erkundigt sich eingehend nach „Don Rafaelo“, wo ich ihm begegnet sei, was er mit mir gesprochen habe, wann er wieder flußabwärts käme, ob er nicht ein Boot herunterschicken wolle usw, usw. Nach manchem komischen Hin und Her stellt es sich heraus, daß sie die Uanana ist, die der Colombianerchef Raphael Tobar kürzlich zur Gattin erkoren hot. Zu ihrer Beruhigung können wir ihr mitteilen, daß er uns gesagt habe, er wolle ein Boot schicken, um sie zu sich zu holen. Ihre „zivilisierte“ Erscheinung wirkt in der nackten Umgebung ungeheuer komisch, und wir atmen auf, als sie sich endlich verabschiedet; denn es war schwer, die Fassung zu bewahren, besonders als der böse Schmidt sie fragte, wie viele Rinder sie habe, und sie gekränkt antwortete: .Was denken Sie denn? Ich bin ja noch Jungfrau!“ Wußten wir doch, daß diese „Jungfrau“ jahrelang die Geliebte unseres einstigen Kobeuaführers Jostf-Kadyu war. —

Sonst sind die Colombianer weniger begehrt. Überall fragt man ängstlich nach diesen sauberen Herren, die eine Art Popanz für die Uaupes-Indianer zu sein scheinen. In einer Maloka sitzen die jungen Männer am Eingang und verfertigen Pfeile. Sie sehen mich erst, als ich dicht vor ihnen stehe. Mit dem Schreckensruf „Kolombiano!“ stieben sie auseinander, kommen aber sofort zurück, als sie ihren Freund „Dotoro“ erkennen. Um ein Haar wäre ich untergegangen. Die Stromschnelle von Uacariaca oberhalb Yauarete ist jetzt sehr reißend und nur durch einen Zickzackkanal zu passieren. Ich fahre mit zwei halbwüchsigen Knaben in einem Einbaum, unserem Jagdboot, während Schmidt die Montaria befehligt. Mein einziger Ruderer bringt das lange und schwere Kanu im entscheidenden Augenblick nicht herum. Es wird wider einen Felsen geschlagen und durch den Andrang der Wogen daran festgehalten. Die Last rutscht; das Boot füllt sich halb mit Wasser, und nur der Gewandtheit und Geistesgegenwart meiner beiden kleinen Genossen ist es zu verdanken, daß wir nicht sinken und in der tosenden Schnelle alles verlieren. Mein Ruderer springt sofort, als er die drohende Gefahr bemerkt, in das Wasser, stemmt sich mit den Füßen gegen den Felsen und hält das Kanu mit den Händen einigermaßen davon ab, während ich mich rasch auf die andere Seite werfe und das Boot, über dem schon die Wogen zusammenschlagen, wieder ins Gleichgewicht bringe. Der Pilot fischt unterdessen mein Ledertäschchen und einen kleinen Blechkasten, der außer Briefen sämtliche Tagebücher und Vokabularien enthält, aus der Stromschnelle auf. Die halbe Nacht trocknen wir Papiere auf einem großen Bratrost. Zwei Maku, die in einem leeren Kanu uns folgten und als echte Waldläufer gar nichts vom Rudern verstanden, haben sich einfach treiben lassen und kamen ohne Unfall durch. In derselben Schnelle haben schon verschiedene Weiße Boote und Last verloren, auch die Colombianer, diese Pechvögel.

Vom 22. bis 25. Dezember liegen wir in Yauarete fest, da wir keine Ruderer bekommen. Wir lagern anfangs am unteren Hafen unter einigen überhängenden Bäumen (Tafel I), siedeln aber dann, weil das Wetter sehr schlecht wird, in die vernachlässigte Maloka des alten Häuptlings JoAo über, die ein paar hundert Meter landeinwärts an einem Nebenbach liegt. Auch hier ist eine Signaltrommel. Nach längeren Verhandlungen bekomme ich endlich zur Weiterreise bis Säo Felippe elf Mann mit dem Häuptling. Zum Transport der Signaltrommel, die wir seinerzeit auf einer nahen Insel gekauft haben, und zur Rückfahrt der Mannschaft miete ich noch eine kleinere Montaria.

Außer einem halben Dutzend Yurupary-Instrumente von der gewöhnlichen Form, die wiederum mit aller Vorsicht und der üblichen Geheimniskrämerei im Kielwasser der Montaria versteckt werden, erwerbe ich von JoAo zwei sehr alte Maskenanzüge, wie sie von den Tariana, Uanana und anderen Stämmen des Caiary bei großen Yurupary-festen getragen und vor den Weibern streng geheim gehalten werden. Solche Maskenanzüge waren seinerzeit die Veranlassung zur Vertreibung der Missionare. Es sind eigentümliche ärmellose Kapuzen, aus braunen Affenhaarstricken zusammengenäht und mit Menschen-haareu durchflochten, Haupthaaren, die den MädcheD bei der ersten Menstruation abgeschnitten werden; ein deutlicher Hinweis auf den Zusammenhang dieser Feste mit der Pubertät. Löcher dienen zum Durchstecken der Arme und für Augen und Mund. Ein langer Behang aus Palmfasern verdeckt die Beine der Tänzer. Die Spitze der Kapuze wird beim Fest mit einer Federkrause und einem Anhänger auB dem Balg eines kleinen Säugetieres geschmückt. Die größere Maske nennt der Häuptling „Mann“, die kleinere „Frau“. Sie treten stets paarweise auf und stellen den Dämon des Yuruparyfestes und seine Frau dar. . In der Regel besitzt jeder Stamm nur ein Paar, das der Oberhäuptling in Verwahrung hat und an andere Malokas für die Dauer des Festes verleiht. Die Feste, bei denen mit diesen Masken getanzt wird, sind mit schweren Geißelungen der Teilnehmer verbunden.

Am unteren Hafen von Yauareté findet sich eine künstliche Felsritzung, die man mit einiger Phantasie für eine Tapirspur halten könnte. In uralter Zeit, als Yaperikuli noch unter den Menschen weilte, sei ein riesiger Tapir von hier aus in den Fluß gesprungen und habe die Spur hinterlassen. Auf der Weiterfahrt erzählt man uns, Indianer hätten in der Abwesenheit Abilios sein Haus geplündert. .Das haben die Leute von Ipanoris getan!“ sagt sofort Joäo, aus dem die alte Todfeindschaft zwischetf den beiden Abteilungen des Tarianastammes spricht. Am Ort der Tat stellt sich die .große Plünderung“ als ein kleiner Diebstahl heraus. Durchreisende Indianer haben einen Koffer erbrochen und etwas Kattun und Perlen daraus entwendet. Das ist alles! — So wächst eine Nachricht im Munde der Indianer von Ort zu Ort lawinenartig an. Die Stromschnelle von Ipanorä umgehen wir mit dem Gepäck auf einem Pfad über Land. Die leeren Boote fahren die Leute durch den nördlichen Hauptarm, da der schmale und harmlose Nebenarm, den wir auf der Hinreise benutzten, trocken liegt. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Montaria wäre in den großen Strudel gezogen worden. Schmidt, der an der tollen Fahrt teilnahm, stand eine nicht geringe Angst aus. Vor Jahren verlor hier ein Weißer ein großes Boot mit der gesamten Mannschaft; alle Indianer ertranken in den furchtbaren Strudeln.

Über die Entstehung der zahlreichen Stromschnellen des Caiary und seinen vielfach gewundenen Lauf haben die Indianer folgende Sage: Vor vielen, vielen Jahren kam von Westen her eine riesige Schlange. Die anderen Tiere wollten sie töten. Überall, wo heute Stromschnellen sind, stellten sie ihr Hindernisse in den Weg: Bei Taiasu suchte eine Reihe von Wildschweinen sie aufzuhalten, bei Yacar£ ein großer Alligator; bei Tapira-girao hatten die Tapire eine große Falle (girao) gebaut, um die Schlange zu fangen; bei Matapy hatten die Tiere eine gewaltige Reuse gelegt; bei Yandu hatte eine große Spinne ihr Netz ausgespannt; bei Arara kamen viele große Araras geflogen und ließen Felsen, die sie im Schnabel trugen, auf sie herabfallen, usw. Doch die Schlange war stärker und überwand alle Hindernisse. Die Bewohner des unteren Caiary hatten schon einen großen Topf verfertigt, um das Ungeheuer darin zuzubereiten. Nun stülpten sie den unnütz gewordenen Topf um, der bis auf den heutigen Tag in der abgerundeten Kuppe der Panella-uitera zu sehen ist. Bei .Süo Gabriel wurde die Schlange endlich gefangen und getötet. Noch heute sieht man dort die „Kessel“, runde Löcher in den Felsen, in denen sie gekocht wurde.

In Nanarapecuma treffen wir Salvador und Hildebrando, die mit einem kleinen Lastboot auf der Fahrt nach Ipanore sind. Wir erhalten die traurige Nachricht, daß am 8. November Salvadors Haus mit dem ganzen Inhalt und alle Hütten flußabwärts davon niedergebrannt sind. Es war noch ein Glück, daß gerade ein scharfer Nordwind wehte; sonst wäre von der sauberen Ansiedlung nichts übrig geblieben. Der Brand war durch die Unvorsichtigkeit einer indianischen Dienerin entstanden, die auf offenem Herd mit Petroleum Feuer angezündet hatte. Salvador war während des Unglücks mit seiner Familie auf dem Fischfang an einer nahen Lagune. Sie haben nur gerettet, was sie auf dem Leibe trugen. Auch der Rest meiner Ausrüstung, der in Salvadors Haus lagerte, Flinten, Munition, Tauschwaren u. a, ist verbrannt. Ich bange um meine Tagebücher und Wörterlisten, Früchte meiner Reisen zum Issana und Tiquie, und verbringe einige schlaflose Nächte, bis ich in Säo Felippe, wo wir am 1. Januar 1905 ankommen, erfahre, daß ich am Tage unserer Abreise diese Schätze Don Gennano anvertraut hatte, dessen Haus vom Feuer verschont geblieben ist. Ich wäre sonst noch einmal zum Issana gefahren.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens