Charles Tooby-Tiermaler und Landschaftsmaler


Dem frischen, kerngesunden Malertalent von Charles Tooby hat der langjährige Kampf mit der Gleichgültigkeit des Publikums ebensowenig geschadet, als es der ewige Wechsel von „Richtungen“ und alleinseligmachenden Offenbarungen irre machen konnte, der unsere Kunst seit zwanzig Jahren im Kreise herumhetzt. Er ist Charles Tooby geblieben und hat sich nur auf seiner eigenen Linie vervollkommnet — zufrieden damit, unter seinesgleichen als ein Erster zu gelten. Wirklich ein Erster!

Der englischdeutsche Tiermaler und Landschafter Tooby gehört fraglos zu den Besten, die wir in Deutschland haben und ist unter Kunstgenossen längst als solcher geschätzt, so daß ihn die Münchner Sezession vor Jahren schon durch eine Sonderausstellung seiner Werke ehrte. Vielleicht hat das Gros der Besucher damals nicht begriffen, um welche bedeutsame Persönlichkeit es sich handelte, nicht begriffen gerade wegen des besonderen Vorzugs Toobyscher Malerei: daß sie so vollkommen prätensionslos und selbstverständlich wirkt.

Keine Zeitphrase klingt darin wieder und sie blufft nicht mit Geschicklichkeiten, die blenden — sie ist nur schlechthin stark und gut, erscheint so unmittelbar und wahrhaftig, daß ich glaube, Tooby hat sich überhaupt über eine Theorie nie den Kopf zerbrochen. Er besitzt die beste Art von Malerkultur, die angeboren, die nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt ist! Die Güte seiner Arbeit hat mit Bravour nichts zu tun, der Eindruck macht bei ihm auf dem Weg vom Auge zur Hand nicht denUmweg über ein Malerrezept und so ist er ein Impressionist im gesundesten Sinne; nicht einer, der erst fragt, wie es die „großen Vorbilder“ gemacht haben und der sich bemüht, zu empfinden wie jene! So hat Tooby viel mit den ebenfalls von den vielen spät oder nie erkannten Karl Schuch und Hagemeister gemein, deren Impressionismus ebenfalls von allen dogmatischen Phrasen frei ist.



In seinem Werk ist eine große Harmonie — alles ist Guß aus dem gleichen Metall. Dies aber ist in sehr verschiedene Formen gegossen, was er uns in jener großen Kollektion wie in vielen Einzelausstellungen alle die Jahre her bewies. Wenige Tiermaler sind so wenig Spezialisten, wie er :Rinder malt er wohl am öftesten, weil sie eben sein Malerauge am öftesten zu sehen bekommt und weil sie die zugänglichsten und geduldigsten Modelle sind. Aber seinem Pinsel gehört alles, was kreucht und fleucht, Pferde, Schafe und Hunde, totes und lebendiges Groß- und Kleinwild, die Vögel vom Königsadler bis zum Finken und dazu die gesamte Einwohnerschaft des Tiergartens — abgesehen von den zweibeinigen Primaten.

Landschafter ist er nicht nur gelegentlich, sondern mit ganzer Seele; reine Landschaften von prächtiger Farbe und wundersamer Größe des Eindrucks zählen zu Toobys gehaltvollsten Werken und in vielen seiner Bilder sind Tier und Landschaft gleichwertig betrachtete Faktoren, sind eben zusammen ein Ganzes.

Charles Tooby bezeichnet es selbst als sein Ziel, das Tier „impressionistisch“ wiederzugeben — man darf ihn dabei aber ja nicht mißverstehen. Es ist nicht der flüchtige, der momentane Eindruck, den er festhält, dazu hat er das Tier viel zu lieb, versteht es viel zu gut, sowohl dessen Physis als der Psyche nach! Man muß sogar, um ihn ganz zu würdigen, eigentlich selber Tierfreund und Tierkenner sein — was ja auch für den malerisch auf ganz anderen Wegen wandelnden Heinrich v. Zügel gilt. Trotz aller Breite und robusten Kraft seines malerischen Stils ist Tooby ein fast wissenschaftlich genauer Beobachter der tierischen Form, unterscheidet zum Beispiel in seinen Viehbildern Rassen und Altersstufen mit sachlichster Schärfe und differenziert seine Tiere stets meisterlich nach ihrem Temperament.

Ebensoweit geht seineUnterscheidung landschaftlicher Charaktere. Was er von seinem letzten Aufenthalte in England zurückbrachte, ist in Ton und Farbe ganz anders, als das, was er in seiner süddeutschen, zweiten Heimat studiert. Das Grün seiner englischen Landschaften fällt sofort durch seine volle und satte Leuchtkraft auf — wer mit sehenden Augen einmal, entzückt und staunend , das wunderbare Grün englischer Wiesen erblickt hat, muß schon aus der Farbe dieser Tooby sehen Bilder die Heimat ihrer Motive erraten.

Impressionistisch ist seine Tiermalerei, weil sie ohne Tüftelei und Reflexion den empfangenen Eindruck unverfälscht gibt: Nicht impressionistisch ist sie aber in bezug auf das Eingehen aufs Stoffliche, das der Impressionismus strenger Observanz ja wohl mit dem Bann belegt. Ks ist ebenso bewundernswert wie charakteristisch an Tooby, wie hervorragend stofflich er seine Tiere behandelt — oft hat man, wenn man diese Tierschilderungen betrachtet, ein Gefühl, als streiche man mit der Hand über Vließ und Gefieder, so unsagbar wahr ist es gegeben, „minutiös nachgebildet“— so möchte man glauben, bis man sich überzeugt, daß hier ein breiter Pinsel kräftigste Primamalerei geleistet hat.

Wie er das Gefieder eines toten Adlers, Falken oder Reihers oder delikat gefärbter kleiner Singvögel, den glatten, schimmernden Haarsammet wohlgepflegter Rinder, den rauhweichen Pelz eines Fuchses oder Neufundländers, das kurze, feste Grannenhaar eines Löwen, das glatte Prunkfell desTigers, dieDecke eines Rehbocks malt, immer flott und zugig bleibend und doch fast mit „zoologischer“ Sachlichkeit — das setzt ein erstaunliches Maß an malerischem Können und Schulung des Auges voraus. Er schildert aber auch mit gleich einfachsicheren Mitteln das Spiel des Lichts über den Tieren in freier Luft oder die verwickelten Beleuchtungsverhältnisse im dunklen oder hellen Stall, gibt Stimmungslandschaften von nobler Ruhe und Eindringlichkeit — immer derselbe und immer wieder neu! Man kann Tooby verstehen oder nicht verstehen, kann ihn anerkennen oder grundsätzlich anderer Meinung sein, meinetwegen — nur eins kann man nicht: an seiner Malerei irgend eine Unwahrhaftigkeit, eine Absicht entdecken, die nicht reinkünstlerische Ziele verfolgt. Und ebensowenig eine Inkongruenz zwischen Wollen und Können.

Charles Tooby ist in England geboren — 1863 in London. Er wuchs in Surrey auf dem Lande auf. Im Alter von sieben oder acht Jahren stürzte er so unglücklich, daß er drei Jahre liegen mußte, und über diese Zeit half ihm die Lust zum Zeichnen hinweg, die von seiner künstlerisch veranlagten Mutter verständnisvoll gepflegt wurde. Was er zeichnete, waren Kühe und Stiere, Pferde, Geflügel, kurz, was er an Haustieren zu sehen bekam.

Sein Vater war kurz nach der Geburt des Knaben gestorben und mag wohl auch kein alltäglicher Geist gewesen sein. Er war Gründer des Savage-Klubs, eines der originellsten Londoner Klubs, der besonders von Künstlern frequentiert wird. — Mit 18 Jahren trat Charles Tooby als Clerk in die Bank von England ein und hatte hier bald Aussicht auf ein glänzendes Vorwärtskommen gewonnen. Die Arbeit in der Bank aber war ihm so widerwärtig, daß er auf alle jene schönen Aussichten verzichtete und nach zweijährigem Martyrium auf den Rat eines deutschen Freundes nach Dresden ging, um Maler zu werden. Der pedantische Betrieb auf der dortigen Akademie sagte ihm freilich wenig zu. Das widersprach seiner künstlerischen Natur ganz so, wie die Arbeit im Bankkontor.

Statt ein braver Akademieschüler zu werden, arbeitete er denn auch von früh bis spät im Zoologischen Garten, und was er dort von den mannigfachen Modellen aus aller Herren Ländern geschaffen hatte, verschaffte ihm dann die Aufnahme in die Schule des Professors A. Brendel in Weimar. Ein Jahr später hatte er dort die Medaille für Tiermalerei und ein eigenes Atelier bekommen.

Von Weimar aus begab sich Tooby nach seiner englischen Heimat, heiratete dort und übersiedelte dann für immer nach München. Er hat freilich noch mehrmals vorübergehenden Aufenthalt in England genommen und dort u. a. das von der Münchner Pinakothek angekaufte Bild „Nach dem Regen“, später die prachtvolle Landschaft „Wind und Sonne“ gemalt, die von der Sezessionsgalerie erworben wurde. So reich befruchtend die Eindrücke der Heimat aber auch immer wieder auf ihn wirkten, als Maler dürfen und müssen wir ihn zu den Unsrigen zählen.

Seine Malerei ist zu vollsäftig gesund, sein Temperament zu wenig gebändigt durch Überlieferung und Konvention, um für englisch zu gelten. Die herbsinnliche Lebendigkeit seiner Darstellung, die Wucht seines Vortrags entspricht unendlich viel besser dem deutschen Ideal, d. h. dem Ideal, das die guten deutschen Maler hatten, ehe es in Deutschland Mode wurde, französisch zu empfinden. Zwei Namen, die hieher gehören, wurden schon genannt, das Freundespaar Schuch und Hagemeister. Tooby hat den ersteren wohl, wie wir alle, relativ spät kennen gelernt, den letzteren — ebenfalls wie „wir alle!“ — vermutlich erst im letzten Jahr — aber seine Kunst steht so ziemlich auf dem gleichen Boden wie die der beiden. Auch sein Verhältnis zum Stillleben, das wohl auch für ihn Übungsgebiet und Vorstufe ist, scheint mir ähnlich wie bei Schuch. Nur stellt Schuch sich das Problem absolut koloristisch, während Tooby — wie auch Hagemeister, wenn er Wild malt — dazu noch seine Freude an gegenständlich treuer Wiedergabe der Objekte, der toten Tiere, hat.

Ganz so undankbar wie gegen diese beiden war nun freilich die Mitwelt gegen Charles Tooby nicht. Er hat seinen Erfolg noch erlebt, ehe er fünfzig Jahre alt geworden, und es steht zu hoffen, daß es hiermit noch stetig aufwärts geht. Außer den genannten Münchner Sammlungen besitzen auch die Galerien von Weimar und Hannover, der Prinzregent von Bayern und zahlreiche Privatsammler Bilder von Tooby. Ja, es gibt deren, die ihn speziell „sammeln“. So fest begründete Qualitäten, so echte und blanke Künstlerschaft müssen schließlich den Widerstand der stumpfen Welt besiegen. Nicht so weit vielleicht, daß Tooby einmal populär wird, aber so weit, daß für die Urteilsfähigen feststeht: was er uns schenkte, gehört zu den wertvollsten und echtesten Schöpfungen der Kunst seinerZeit und muß dauern für die Zukunft!

F. v. O.

Verzecihnis der Abbildungen:
Charles Tooby-Altenglischer Kuhstall
Charles Tooby-Fuchs
Charles Tooby-Geflügel im Stall
Charles Tooby-Kuh unter Bäumen
Charles Tooby-Kühe im Felde
Charles Tooby-Schafe mit Lämmern
Charles Tooby-Schafherde-Worcestershire
Charles Tooby-Sommerlandschaft mit Kühen
Charles Tooby-Tier im Stall

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer