Dampfa kudja! — der Dampfer ist da


In den ersten Jahren nach Errichtung der „Deutschen Ostafrika-Linie“ bestand bei ihr der Brauch, dass ihre Dampfer nach erfolgter Einfahrt in die Häfen an der ostafrikanischen Küste in der Regel einen Böllerschuss lösten, um den Bewohnern dieser Plätze ihre Ankunft anzukünden. Hauptsächlich aber wohl zu dem Zwecke, damit die Postbehörden in die Lage kamen, die Abholung der eingelangten Europa-Post durch ihre Bootsmannschaften rechtzeitig in die Wege zu leiten. Die Deutschen Ostafrika-Linicn-Dampfer hatten es in damaliger Zeit, als in Deutsch-Ostafrika an Frachtgütern noch sehr wenig zur Einfuhr und gar nichts zur Ausfuhr gelangte, eben immer recht eilig, wieder aus jenen Häfen herauszukommen, die sie eigentlich lediglich der Post, und der damit zusammenhängenden Subvention wegen, anzulaufen verpflichtet waren. Oft genug blieben sie sowohl in Daressalam, wie auch in Tanga ausserhalb des Hafenbeckens auf der offenen Reede liegen, nur um die Einfahrtsmanöver zu sparen, die besonders bei Niedrigwasser dort ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Das „Geschäft“ lohnte nicht, und so wurde die Verpflichtung der Anfahrt der deutschen Küste von manchem Kapitän geradezu als lästige Hemmung des Betriebes empfunden.

Das ist ja heute ganz anders. Damals war die Dampferankunft ein besonderes Ereignis und man beeilte sich dann wohl, an Bord zu fahren, um dort seinen eisgekühlten Schoppen Bier zu trinken; war der Dampfer wieder fort, dann war Zeit genug, seine „Post“ wieder in ungestörter Ruhe zu lesen. Man hatte ja Zeit — in vier Wochen kam erst die nächste! Der Dampferschuss verursachte also doch eine gewisse Aufregung in aller Europäer Gemütern, die sich natürlich auch allen schwarzen Bewohnern der Hafenstadt mitteilte. „Dampfa kudja“ — der Dampfer ist da — sagten darum auch die Schwarzen verständnisvoll zueinander, wenn dieser Schuss fiel. Sie sahen das geschäftige Treiben, das mit diesem Schuss bei den Weissen anhub, zu dem auch sie vielfach in den verschiedenen Formen als nützliche Hilfsgeister herangezogen wurden. Jeder Diener eines Weissen hatte dabei natürlich die heilige Pflicht, seinem Herrn von der Dampferankunft, die deutlich vernehmbar, eigentlich doch von selbst anzeigte, sogleich Meldung zu machen. Es kam doch vor, dass die Dampfer am frühen Morgen einliefen, zu einer Zeit, als Gott Morpheus noch das Reich beherrschte, oder zurzeit des Schläfchens am Mittag. Der Ruf des Boys: „Dampfa kudja“ echote dann den verlorenen Schall des Schusses in die Ohren der Schläfer. In Eile vcrliess man dann die heimische Klause, wie auch hoch und niedrig nun den Amtsstuben den Rücken kehrte, wenn die durch den ehernen Mund des Dampfers erzeugte Schallwelle in die Ruhe der durch St. Bureaukratius geheiligten Räume drang! Man nahm dort den Dampferschuss sogar willig für den üblichen „Mittagsschuss“ vom Fort der Station, der das Ende des Vormittagsdienstes zu künden pflegte, man sagte ernsthaft: „Mahlzeit“ zu jenen, die den „Witz“ noch nicht kannten und ging seiner Wege zum harrenden Boot am Strande. Dampfa kudja! Damit war alles geklärt und erledigt, und der „angebrochene Vormittag“, fand erst ziemlich spät am Abend sein Ende. Wie weit aber die geradezu suggestive Wirkung des einstmaligen Dampferschusses reichte, konnte ich einmal im feinen Inneren des Landes in heiterer Weise erfahren.

Es war in Kilossa, zu einer Zeit, als man mehr Tage als heute Stunden benötigte, um mit der landesüblichen Karawane, „safari“ genannt, von der Küste au die lieblichen Usagara-Berge zu gelangen. Damals bestand dort nur eine sehr primitive, von einem Inder geführte „Wirtschaft“, der ein fideler Stationschef den Schädel eines Giraffen-Bullen mit dem Schilde „Zur lustigen Giraffe“ an die windschiefe Aussenwand halte schlagen lassen und auf deren Veranda wir wenigen Europäer des Bezirksamts unsere „Dämmerschoppen“ mit Andacht und Wärme — nämlich des Getränkes — abzuhalten pflegten. Der freie Platz zwischen Fort und der „Lustigen Giraffe“ diente auch zum Zeltlager der ziemlich häufig durchreisenden Europäer, die selbstverständlich auch Teilnehmer am „Stammtisch“ waren. Dort sassen wir eines Tages wie gewöhnlich und hatten auch einen fremden »Safarimann“ als Gast am Tisch. Beim Zelte hockten des Fremden Boys, um den Staub der „Barabara“ — der Karawanenstrasse — von den Marschstiefeln und dem Rüstzeug ihres Herrn zu wischen. Die Sonne war schon hinter den die Station gegen Westen umlagernden Usagara-Berge verschwunden, und schweigsam gaben wir Europäer uns dem Zauber des anbrechenden Abendfriedens hin. Da dröhnte ein Schuss aus dem nahen Steinbruch, wo unser Polizei-Feldwebel das Material zum Strassenbau aus den Felsblöcken mit Dynamitgewalt löste. Dumpf rollte der Schall des Sprengschusses über die weite Makatta-Steppe im Ostern und fand auch im Gebirge lauten Widerhall. Wir lauschten dem verhallenden Klange, da sprach einer der Boys am Zelte gelassen und wie selbstverständlich das Wort: „Dampfa kudja!“ Wir mussten lachen, dass uns die Tränen vor die Augen traten, mehr noch, als wir das sprachlose Erstaunen des Schwarzen sahen, der sich diese Wirkung seiner ernsthaften Feststellung anscheinend nicht zu erklären vermochte! Man denke, mehr als 300 Kilometer von den Gestaden des Ozeans, an den Ufern des spärlichen Gebirgsbaches in Usagara, da ruft mit heiligem Ernst ein schwarzes Menschenkind: „Der Dampfer ist da!“ Weil ein Schuss gefallen, der so, wie der „Dampferschiiss“ im Küstenhafen geklungen! Dem Manne wurde ein unvermutetes „Backschisch“ zuteil und heute noch: höre ich einen ähnlichen Schall in meinem Ohre klingen, dann tönt mir auch im Geiste der erinnerungsreiche Ruf im Gefolge: „Dampfa kudjal“

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