Das achtseitige prismatische Bauglied als Träger der Pyramide

Selbst wenn zwischen dem Vierkantturm und dem pyramidischen Helm ein prismatisches Bauglied eingefügt wird, bleibt die Vermittlung zwischen Vier- und Achteck erwünscht. In Dorum im Lande Wursten (61), in Lüssow (Meckl.) (62) und an den Ost- und Westtürmen der Godehardikirche in Hildesheim (63) dienen dazu wieder die Zclt-dachecken. Wegen seiner Verwandtschaft im Aufbau soll hier auch schon trotz seiner barocken Anzeichen der Travemünder Turm (64) genannt werden. Seine gedrungene, kraftvolle Erscheinung wirkt echt niederdeutsch. Die Zcltdacheckcn sind hier durch geschwungene, dreieckige Walmflächen ersetzt worden.

Gibt man dem Vierkantturm ein breites Kranzgesims und dem Oktogon einen kleineren, äußeren Durchmesser, so läßt sich um das Mauerwerk ein Gitter führen, das die nackten Ecken verdeckt und den Übergang verschleiert. An dem Jakobihelm in Hamburg (65) verbindet es vier Ecktürmchen. Die Wände des Prismas enden oben in acht Giebeldreiecken. Die Pyramidenkanten führen hier nicht nach deren Spitzen, wie an anderen Beispielen zu zeigen ist, sondern nach ihren Fußpunkten. Von den Spitzen stoßen hier kurze Firste in die Pyra-midenflächen. Der ganze Helm ist in Holz konstruiert und in Kupfer gekleidet.

Die Kirchtürme in Buxtehude, Oldenburg und Neubrandenburg und die Klosterkirche in Malchow (Meckl.) zeigen auf gemauerten Oktogonen einen ähnlichen Aufbau. In Neubrandenburg bestehen die Gitter aus besonders schön und zierlich gemauertem Maßwerk, das in Verbindung mit dem Maßwerk der Türen und Fenster und den Krabben auf Fialen und Ecktürmchen dem Ganzen einen einheitlichen und angemessenen Schmuck verleiht.

Einige Tore beweisen uns, wie aus denselben Bauelementen Gebäude von grundverschiedenem Charakter entstehen können. Das Stettiner Tor in Pyritz (66) und das in Königsberg i. d. Ncumark (67), die wie Brüder ähnlich sind, machen einen äußerst wehrhaften Eindruck. Auf einem mächtigen, vierseitigen Turm stehen vier dicke, runde Ecktürme, die in drohendem Trotz mit einem kolossalen, oktogonalcn, gedrungenen Mittelturm, der eine gemauerte Pyramide trägt, aufs engste gegen jeden Angriff verbunden sind. Der ganze Bau besteht in beiden Fällen vom Sockel bis zur Spitze aus Backstein. Nicht weniger trotzig und unerschütterlich wirkt das Mühlcntor in Pasewalk (Pommern) (68) (XIX). Hier sind drei rohe Bauglieder in derb primitiver Form aufeinander gesetzt. Auf dem nahezu kubischen Vierkantturm, der nur in seiner oberen Hälfte auf beiden Torseiten durch eine Reihe von eng aneinander gerückten, langen, schmalen Blendfenstern geschmückt ist, ruht ohne jede Vermittlung ein schwerer, achtseitiger Backsteinturm mit ebenfalls gemauertem, achtseitigem, pyramidischem Helm. Diese beiden Glieder sind ohne jeden Schmuck. Da die Helmflächen gegen die ihres Unterhaus zurücktreten, erscheint das Ganze stufenförmig aufgebaut. Es wirkt massiv, wie eine ägyptische Pyramide. Man möchte überhaupt keine Hohlräume hinter dem Gemäuer vermuten. Diesen trotzigen Charakter verleugnet auch sein kirchlicher Zeitgenosse am gleichen Orte nicht. Der Nikolaiturm (69) ist zwar schlanker und edler. Er trägt einen leichteren, hohen Helm aus Holz. Aber auch hier steht der achtkantige Turm ganz unvermittelt auf einem trotzigen Vierkantturm mit einem schweren Granitportal. Er schämt sich nicht seiner harten, eckigen Schultern und verzichtet selbst auf ihre Abwalmung im Sinne des Travemünder Turmes. Es muß darauf hingewiesen werden, daß der trotzige Baucharakter dieser Gegend auf ältester Tradition beruht. Die Kirchen in Pasewalk, Küssow und Königsberg in der Uckermark waren ursprünglich romanische Felsenkirchen, die im 14. Jahrhundert den Charakter von Backsteinkirchen annahmen. Ein Verwandter des Pasewalker Mühlentors ist auch der eine Turm der Kirche in Gransce in der Mark (1). Er zeigt ebenfalls die scharfen Turmcckcn und den gleichen stufenförmigen Aufbau. Der zweite Helm, der wahrscheinlich später entstand — der erste soll schon vor 1300 gebaut sein—, ist ein Sonderling. Er besteht aus drei Abschnitten. Den unteren Teil stellt ein vierseitiger Pyramidenstumpf dar, den zweiten bildet ein Vermittlungsstück zwischen diesem und der achtseitigen Helmpyramide. Dieses Mittelglied erhielt anstatt der bekannten vier Trapeze ebenso viele gleichschenklige Dreiecke, und jedes der sonst üblichen Eckdreiecke wurde durch eine Gratlinie in zwei Hälften zerlegt. Ihre oberen Seitenlinien schließen sich nun allein zu dem regulären Achteck zusammen, das die Helmpyramide trägt.

Neben dem Südturm der Kirche in Gransee muß der Kehrwiederturm in Hildesheim (70) mit seinen spitzbogigen Torbogen betrachtet werden. Sein oberstes Geschoß ist wie der Helm Zimmermannsarbeit. Die Verwandtschaft seines Helmes mit dem von Gransee ist leicht zu erkennen. Die Vermitt-lungsdrciecke schließen sich hier unmittelbar an das Turmquadrat an.

Seiner Konstruktion nach gehört der Kehrwiederturm zu der in Abschnitt 6 (Bergedorf—Zarpen) genannten Gruppe. Vier Gratsparren ruhen auf den Mitten der Turmkanten. Sie bilden mit ihren unteren Teilen die Höhen von vier ihnen aufgelagerten, gleichschenkligen Dreiecken, deren Basis die Turmkanten darstellen und an deren Spitzen die reguläre Pyramide beginnt.

Als einen Sonderling müssen wir auch noch den Kirchturm in Kavelstorf (Meckl.) (71) nennen. Auch hier ist der Helm dreiteilig. Er kommt in zwei Etappen vom Quadrat zum Achteck. Von dem vierseitigen Mauerwerk scheinen die Kanten senkrecht abgeschnitten zu sein. Die Schnittflächen gehen etwa in Zweidrittelhöhe des Turmes in Walmecken über. (Vergleiche den Travemünder Turm.) So bildet der obere Rand des Mauerwerk,? ein Achteck mit vier Langseiten und vier kürzeren an den Ecken. An dieses schließen sich acht geneigte Trapeze an, die oben ein reguläres Achteck bilden. Dieses trägt ein kurzes Prisma mit Helmpyramide.

In Kavelstorf (Meckl.) führt die Vermittlung vom Quadrat zum regelmäßigen Achteck über ein unregelmäßiges. An der Kathedrale in Antwerpen (XIII) wurde der eine der Hausteintürme nicht vollendet. Er trägt einen Nothelm (72). Aus dem Zeltdach steigt hier ein Oktogon empor, von dem keine Wand einer Turmwand parallel ist (vgl. 53). — Auf dem Domturm in Königsberg (73) sind über jeder Zeltdachfläche drei senkrechte Wände errichtet worden. So entstand ein zwölfseitiges Prisma mit Pyramide.

Das Eselstor in Brügge (74) zeigt eine leicht verständliche Abwandlung des dortigen Marschallstores (17). — Als letztes Beispiel soll hier der Beifried von Kortryk (75) (VII) genannt werden. Sein Oktogon hat einen offenen Durchblick und ist von vier Ecktürmchen umgeben.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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