Das Baltenregiment

Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung von Medern. Aufnahme aus dem Sommer 1919. Als Führer der angegliederten leichten Batterie gehörte Schlageter dem Freikorps Medern an.

Am bedrohlichsten sah es 1918 in Estland aus. Gab es überhaupt eine Möglichkeit, ohne deutsche Hilfe der herannahenden Walze Einhalt, geschweige denn Umkehr zu gebieten? Oder blieb für die Balten nur noch die Flucht in das von der Revolution erschütterte Deutschland übrig? Eine dritte Möglichkeit hätte nur noch das Beispiel Wendens geboten, wo sich die Reste der Besatzung der Burg mit Frauen und Kindern vor 300 Jahren in Luft sprengte, um Folter, Tod oder Verschleppung ins Innere Rußlands zu entgehen. Nachdem man »feiger Gedanken bängliches Schwanken« als hier nicht am Platze von sich gewiesen hatte, beschloß man, sich bis zum Äußersten zu wehren.

Jetzt kam es nur noch darauf an, wie man das am ehesten wagen konnte. Auf Grund eines Aufrufes des estländischen Ritterschaftshauptmanns Baron Dellinghausen wurde in größter Eile eine baltische Freiwilligentruppe aufgestellt. Ihrerseits bemühte sich die provisorische estnische Regierung ebenfalls. Kampfeinheiten zu formieren, um der herannahenden roten Flut Einhalt zu gebieten. Sie stellte zunächst vier Regimenter auf. Aus mangelndem Zutrauen zu ihren Volksgenossen wollten die Esten anfangs auf eine baltische Beteiligung am Kampf verzichten. Die immer größer werdende Gefahr veranlaßte sie jedoch zur Änderung ihres Standpunkts. Sie gaben ihre Bedenken gegen eine baltische Truppe auf. Diese stand unter dem Befehl des früheren Gardeobersten in russischen Diensten. Constantin v. Weiß.

Der Oberst sah sich vor die Alternative gestellt, sich dem abziehenden deutschen Militär anzuschließen oder auf Gedeih und Verderb im Lande zu bleiben und sich zusammen mit den estnischen Verbänden der Roten Armee entgegenzustellen Der erste Weg war zweifellos sicherer. Van den deutschen Behörden konnte man Ausrüstung und Verpflegung erhalten. Sollte die russische Übermacht zu erdrückend sein so würde das Deutsche Reich als Zufluchtsort zur Verfügung stehen. Das waren die militärischen Überlegungen.

Es gab aber noch die politischen Gesichtspunkte: Würde es den Roten gelingen, ganz Estland und die Stadt Reval zu besetzen, wären die baltischen und estnischen Truppen zudem gezwungen, sich auf die Inseln vor Estlands Küste abzusetzen und die Hilfe der englischen Flotte zu erbitten, dann wäre aber die Zivilbevölkerung dem Terror der Kommunisten ausgesetzt. Einer Wiedereroberung des Landes stünden dann sehr ungünstige Bedingungen im Wege Gesetzt den anderen Fall, daß es den Esten mit Hilfe skandinavischer und finnischer Freiwilliger gelänge, die Roten zu vertreiben, ohne daß die Balten daran beteiligt wären, dann hätten diese mit der Heimat zugleich auch die Ehre verloren. Also entschloß sich Oberst Weiß, im Lande zu bleiben auch auf das Risiko hin, daß er mit seiner Truppe der Vernichtung durch die Bolschewiken entgegenginge. Das war der anständigste Weg. Auf die ersten vieraufgestellten estnischen Regimenter war anfangs wenig Verlaß. Sie waren kommunistisch verseucht und schlecht ausgerüstet. So verfügte diese Armee nur über ein einziges Geschütz, das den Kampf mit den Batterien der Roten aufnehmen sollte. Allmählich aber kam durch die Maßnahmen des sehr energischen Kommandierenden,des Generals Laidoner, Disziplin in die Reihen, und ihr Widerstandswille wuchs.

Bis zum 11. Januar 1919 bestand die Gefechtstätigkeit der baltischen und estnischen Truppen in einem langsamen Rückzug vor der roten Übermacht. Am 13. Dez. stand die Truppe in der Embachlinie. Zwei Tage später mußte Wesenberg aufgegeben werden. Am 22. Dez. verlief die Front am Flüßchen Walgejöggi. Der Bahnknotenpunkt Taps ging an diesem Tag verloren. An der Südflanke mußte schon am 21. Dez. Dorpat aufgegeben werden. Sechs Tage später bezog die Dorpater Gruppe des Ballen-Bataillons Stellung bei Kaltenbrunn nördlich von Weißenstein. Hier stieß die Wesenberger Gruppe des dortigen Selbstschutzes zu diesem Bataillon. Das brachte die Einheit auf eine Stärke von 450 Mann mit 15 schweren und vier leichten MGs und vier Geschützen. Am 1. Jan. 1919 formierte sich das Bataillon zum »Balten-Regiment«, bestehend aus der Schwadron, der Infanterie, der Maschinengewehr-Kompanie und einem reitenden MG-Kommando. Diese Einheit wurde bei Kerrafer 35 km vor Reval von starken roten Kräften angegriffen. Trotz sehr erfolgreicher Abwehr, wobei dem Gegner hohe Verluste zugefügt wurden, zog sich das Regiment auf Befehl weiter zurück. Die Truppe erfuhr hier ihre Bewährung und ihr Selbstbewußtsein hatte sich durch das Gefecht sichtlich gehoben. Als entscheidende Hilfe war am 31. Dez. ein finnländisches Freiwilligen-Bataillon von 250 Mann in Reval gelandet, das am 4. Januar 1919 an die Front ging. Damit begann der Vormarsch in östlicher Richtung. Er verlief bedeutend schneller als zuvor das der Roten in westlicher Richtung. Am 19. Januar schon wurde Narwa genommen; damit war der Feind aus Estland vertrieben.

Erwähnung muß hier noch der sog. »Kinderkreuzzug« finden. Er hieß so, weil er sich hauptsächlich aus Revaler Schülern rekrutierte. Diese Einheit hatte die Aufgabe, zusammen mit dem 7. estnischen Regiment das südliche Livland vom Feinde zu säubern. Es warein strapaziöses und gefährliches Unternehmen mit mangelhafter Ausrüstung, schlecht funktionierendem Nachschub und desolatem Nachrichtenwesen.

Ende April 1919 richtete Oberst Rodjanko, der Kommandeur des russischen Nordkorps, an Oberst Weiß die Bitte, ihn bei dem zu Beginn der »guten« Jahreszeit geplanten Vormarsch nach Ingermanland und vielleicht weiter nach Petersburg zu unterstützen. Dieser besprach die Angelegenheit mit dem estnischen General Tönisson. Der Este verschloß sich nicht dem Argument, daß die Verteidigung Estlands am besten aktiv geführt werden sollte. Auch General Laidoner schloß sich dieser Meinung an. Natürlich hatten solche Überlegungen auch politische Bedeutung. Für die Esten sprach, daß erst nach Beendigung des russischen Bürgerkrieges, gleich, wie er ausginge, ein Partner zur Verfügung stand, mit dem sie einen dauerhaften Frieden würden schließen können. Für die Balten waren die Bolschewiken unter allen Umständen die ärgsten Feinde. Siegten dazu die »weißen« Russen, so waren die Balten, da sie an dem Siege beteiligt waren, in günstiger Position, um gewisse Vorrechte kultureller Art in einem bürgerlichen Rußland beanspruchen zu können.

Das Nordkorps hatte sich unter das Kommando der Esten gestellt, und auch Nachschub jeglicher Art mußte über Reval laufen. Es zeugte für den kriegerischen Geist des Baltenregiments, gemeinsam mit dem Nordkorps die Kommunisten zu bekämpfen. Am 13. Mai 1919 begann mit gutem Erfolg die Offensive. Obgleich die vielen im Regiment befindlichen Balten, die während des Ersten Weltkrieges im russischen Heer gedient hatten, sich sagen mußten, daß schon damals auf die Russen in kritischen Situationen wenig Verlaß war und sich diese Unsicherheit eher verstärkt als gemindert haben mußte. Das sollte sich bald herausstellen. Zudem ließ die Führung des Nordkorps zu wünschen übrig. Der Oberkommandierende, General Judenitsch, hielt sich nicht bei der Truppe, sondern in Finnland auf. Er war oft über die Lage an der Front unzulänglich unterrichtet. So hatte das Balten-Regiment manche kritische Situation zu überstehen, und es war der eigenen guten Führung zu verdanken, daß nicht noch ärgere Verluste eintraten. Nachdem man schon etwa die Hälfte der Strecke Narwa-Petcrsburg erreicht hatte, verstärkte sich der Widerstand der Bolschewiken bei Kikerino und Zapolje erheblich.

Mitte Juni legte General Laidoner, der bisher die Front vor Petersburg befehligt hatte,den Oberbefehl nieder. Der Grund dafür war, daß die bürgerlichen Russen Randstaaten in ihrem Imperium nicht gelten lassen wollten. Den Oberbefehl übernahm nun Oberst Rodjanko. Nach einer Ruhepause erhielt das Balten-Regiment die Aufgabe, die rechte vernachlässigte Flanke der Nordarmee zu entlasten und einen Durchbruch der Bolschewiken zu vereiteln. Eine Waffentat, die das Regiment unter der persönlichen Führung von Oberst Weiß in bravouröser Manier meisterte. Danach wird es in Reserve an die Luga-Front zurückgenommen.

Im September entschließt sich die Führung der Nordarmee zu einer neuen Offensive, die den Feind überrascht und die siegreichen Truppen buchstäblich bis vor die Tore der ehemaligen Residenz Rußlands führt. Krasnoje Selo, Kaporskoje und Terele wo sind die Orte, in denen und um die das Regiment jetzt kämpft. Aber wieder macht sich die gewaltige Übermacht des Feindes an Menschenmaterial geltend, zumal es jetzt unter der Führung des genialen Trotzki kämpft. Die Nordarmee hatte alle verfügbaren Einheiten zur Einnahme Petersburgs eingesetzt und wieder die rechte Flanke vernachlässigt. Das nutzte der Feind aus; die »Weißen« liefen Gefahr, umgangen zu werden. Am 30. Oktober machte das Balten-Regiment einen letzten Vorstoß, um sich für einen geordneten Rückzug Luft zu verschaffen.

Es wurde noch so lange an der Narowa ein erbitterter Stellungskrieg geführt, bis die Kommunisten sich zu einem Frieden mit den Esten bereit erklärten. Die Friedensverhandlungen zerschlugen sich aber, weil die Roten auf der Annexion eines Streifens Landes westlich der Narowa bestanden, worauf die Esten nicht eingehen wollten.

Es kam erneut zu schweren Abwehrkämpfen, bis die Roten den Versuch, sich den Streifen mit Gewalt anzueignen, aufgaben und die Narowa als Grenze anerkannten. Das Balten-Regiment begann im April mit seiner Auflösung, die am 16. August 1920 beendet war.

Am 20. September 1920 erläßt Oberst v. Weiß den letzten Tagesbefehl. Ihm entnehmen wir: Hohe Anerkennung verdient die eiserne Gefechtsdisziplin, das Fundament unseres unüberwindlichen Widerstandes, das Geheimnis unserer schönsten Angriffserfolge. Die jahrhundertelange segensreiche Kulturarbeit unserer Voreltern hat uns ein Recht auf diese unsere Heimat gegeben. Dieses Recht verteidigt und für ewige Zeiten fest verankert zu haben, das ist das größte Verdienst, das Ihr Euch im Laufe der schweren Kriegsjahre erworben habt. Keine Macht der Welt soll uns dieses Recht wieder rauben.

Die Gefechtsstärke des Balten-Regiments betrug um Januar 1920 750 Mann. Seine Verluste an Toten belaufen sich auf 48 Mann. Über die eigenartigen Verhältnisse im Balten-Regiment meditiert einer seiner Angehörigen:

»Ich denke darüber nach, ob es in einem anderen Kriege, in einer anderen Truppe auch möglich wäre, seine Postenzeit so unmittelbar an der Front in Hemdsärmeln und Pantoffeln abzustehen? Nein, wohl kaum. Das ist wohl nur möglich, wo jeder Soldat beinahe selbst Führer sein kann, wo Führer und Geführter Bruder, Vetter, Landsmann, Schulkamerad oder Freund sein können, wo einer dem anderen vertrauen kann, wo jeder sich der Situation bewußt ist«.

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Das Baltikum wird zerstückelt
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Der Untergang des Deutschen Ritterordens
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