Das Baltikum wird zerstückelt

Am Beginn des 17. Jahrhunderts mußte der größte Teil Livlands von Polen-Litauen an Schweden abgetreten werden, 1654 fiel Kiew an Rußland, 1655 standen Moskaus Heere vorübergehend in Wilna und Kaunas. Unter Peter I. der Große gelang Rußland im frühen 18. Jahrhundert vollends der Anschluß an das europäische Konzert der Mächte. Peter war übrigens seit 1703 in zweiter Ehe mit einer von russischen Soldaten in Livland geraubten Magd litauischer Herkunft namens Martha verheiratet. Die Markgräfin von Bayreuth, eine Schwester Friedrichs des Großen, urteilte anläßlich eines Besuches des Zarenpaares in Berlin 1717 wenig charmant über die Regentin, die inzwischen den Namen Katharina Aleksejewna angenommen hatte: »Die Zarin war klein und untersetzt, sehr braun von Antlitz und hatte weder Anstand noch Grazie. Man brauchte sie nur anzusehen, um ihre niedrige Herkunft zu erraten. Nach ihrer Kleidung hätte man sie für eine deutsche Schauspielerin gehalten. Ihr Gewand war wie auf dem Trödelmarkt gekauft, á l´ antique und sehr mit Silber und Schmutz bedeckt. Die Kaiserin trug ein Dutzend Orden und ebensoviele Heiligenbilder und Reliquien, die am Vorstoß ihres Kleides befestigt waren, dergestalt, daß man, wenn sie ging, ein Maultier zu hören glaubte, da diese Orden, aneinanderstoßend, dasselbe Geräusch machten.«

Der Nordische Krieg (1700-1721), den Schweden gegen die verbündeten Mächte Dänemark, Polen (damals unter dem sächsischen Kurfürsten August II.) und Rußland verlor, brachte Estland, Livland, bald darauf auch Kurland unter russische Herrschaft und degradierte Polen zum machtpolitisch neutralisierten Vorfeld Moskaus. Schweden, das von der baltischen Küste aus bislang starken Einfluß auf die Region genommen hatte, war nun nur noch Mittelmacht.

Rußland, Preußen und Österreich sollten nun für den Rest des Jahrhunderts die europäische Politik bestimmen und sich 1772, 1793 und 1795 zu den sogenannten drei Teilungen Polens zusammenfinden. Die dritte Teilung zerriß zugleich das litauische Kerngcbict: Der Hauptteil, zukünftig gegliedert in die Gouvernements Wilna, Kaunas und Grodno, wurde russisch. Der Südwesten, Suwalki, fiel vorübergehend an Preußen, aber schon 1807 an das Herzogtum Warschau (und nach dem Wiener Kongreß 1815 an Kongreßpolen). Der »Code Napoleon« hatte im sogenannten »Polnisch-Litauen« die Befreiung der Bauern zur Folge, auch wenn der Fronzwang erhalten blieb.

Doch langsam erwachte das verschüttete litauische Nationalbewußtsein. Unter den Trümmern des zerstörten polnischen Imperiums fand das Volk langsam zum eigenen Ursprung zurück.

Nach dem polnischen Aufstand von 1830/31 gegen die russische Herrschaft, an dem sich insbesondere die Litauer aus Schemaiten beteiligt hatten, setzten die Behörden jetzt auf eine Russifizierung statt Polonisierung Litauens. Der Widerstand dagegen war umfassend und wurde auch von den Bauern getragen, die sich dem zweiten Aufstand gegen Rußland 1863/64 – anders als ihre Standesgenossen in Polen – in großer Zahl anschlossen. Bei ihnen kam die Enttäuschung darüber hinzu, daß die 1861 aufgehobene Leibeigenschaft ihre Lage kaum gebessert hatte, sondern ihnen im Gegenteil danach noch größere Fronleistungen abverlangt wurden.

Mit gnadenloser Härte handelte Zar Alexander II. nach der Niederschlagung des Aufstandes. Die Russifizierung wurde in allen Bereichen verschärft. 1865 erfolgte ein generelles Verbot, Schriften in lateinischen Lettern zu drucken, wodurch zugleich das römisch-katholische Kirchenleben gelähmt wurde. Litauer durften im russischen Staatsdienst in ihren Heimatprovinzen keine Anstellung erhalten. Die Intelligenzschicht sollte zur Abwanderung gezwungen werden.

Doch es kam noch schlimmer: Michail Murawew, im Mai 1863 zum Generalgouvemeur der westlichen Gouvernements ernannt, erwarb sich sehr bald den Beinamen »Der Henker«. Unter ihm spielten sich in Wilna Szenen ab, die sich zu Zeiten Stalins – wenngleich in ganz anderen Dimensionen – wiederholen sollten. Er ließ innerhalb von zwei Jahren 128 Aufständische, darunter auch lediglich Verdächtige, hinrichten. Rund 1 000 Personen wurden zu Zwangsarbeit verurteilt, 8 000 nach Sibirien und in andere Teile Rußlands deponiert oder strafweise in die Kasernen der Armee geschickt. Als Ersatz wurden russische Kolonisten planmäßig angesiedelt. Mehr als die Hälfte der 46 katholischen Klöster seines Befehlsbereichs ließ »der Henker« aufheben und ihren Besitz einziehen.

Die nationale, antirussische Widerstandsbewegung wuchs. Gleichzeitig begann die Separierung vom Polentum. Dies wiederum führte zu einer vorübergehenden Entfremdung von der fast ausschließlich polnischen oder polonisierten höheren Geistlichkeit.

Da die Russifizierung offenkundig gescheitert und im Gegenteil den Patriotismus der Litauer erst geweckt hatte, hoffte Rußland nun, mittels eines liberalen Kurses die Situation zu entschärfen. Am 24. April 1904 hob ein Dekret das Druckverbot auf. Die russische Revolution von 1905 brachte zusätzliche Erleichterungen, unter anderem die Zulassung des Litauischen als Schulsprache. Vertreter der litauischen Nationalbewegung stellten weitere Forderungen: Politische Autonomie, einen frei zu wählenden Landtag in Wilna, Litauisch als Verwaltungssprache, Vereinigung des Gouvernements Suwalki mit dem übrigen litauischen Territorium, kurz darauf sogar Errichtung eines »Groß-Litauen« durch die ethnisch und historisch keineswegs zu rechtfertigende – Angliederung »Klein-Litauens«, womit das östliche Ostpreußen gemeint war.

Der Erste Weltkrieg warf bereits seine Schatten voraus…

Siehe auch:
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Das Balten-Gebet
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
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Sowjetunion-Das Land
Sowjetunion-Schlußwort
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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    13. September 2017
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