Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen

Rot gegen Weiß

Jetzt stießen deutsche Truppen von Riga aus nach Estland vor. Am 25. Februar 1918 fiel Reval, einen Tag nach der von Deutschland erst am 19. November anerkannten – Proklamation der Unabhängigkeit der Republik Estland unter Ministerpräsident Konstantin Päts. Bald darauf stand das gesamte Territorium der drei baltischen Republiken unter deutscher Kontrolle. Am 3. März wurde der für das revolutionäre Rußland äußerst harte Frieden von Brest-Litowsk unterzeichnet. In Punkt 2 des Artikels 4 heißt es dort: Estland und Lettland seien restlos von russischen Truppen und der Roten Armee zu räumen, an deren Stelle deutsche Polizeikräfte treten sollten, bis die innere Sicherheit und Ordnung von eigenen nationalen Institutionen gewährleistet werden könne.

Doch das Kriegsgeschehen wendete sich erneut. In der Nacht vom 10. auf den 11. November 1918 mußten die deutschen Unterhändler nach dem militärischen Zusammenbruch im Westen und dem Ausbruch der Revolution in Deutschland den Waffenstillstand unterzeichnen. Im Baltikum wurden gleichzeitig Soldatenräte in den deutschen Truppen aktiv, die die Offiziere vertrieben und die Demobilisierung anordneten.

Am 18. Februar proklamierte der Lettische Volksrat, der aus dem Demokratischen Block hervorgegangen war, den freien Staat Lettland. Karlis Ulmanis, Führer der Bauernpartei, wurde Premierminister. Doch bis zur Realisierung der Unabhängigkeit sollte es noch ein schwerer, blutiger Weg sein: Am 13. November annullierte die Sowjetregierung den Frieden von Brest-Litowsk und damit auch den Verzicht auf die baltischen Länder. Die Rote Armee, übrigens unter dem Oberkommando des lettischen Oberst Jukums S. Vacietis, folgte den abzichcndcn deutschen Verbänden auf dem Fuß. Georg von Rauch schreibt dazu in seiner »Geschichte der baltischen Staaten«: »Die Eroberung des Baltikums stellte einen festen Programmpunkt der wcltrevolutionären Planungen der Moskauer bolschewistischen Führung dar.

Schon am 16. November hatte der sowjetische Kriegskommissar Trotzki in Voronez den Vormarsch der Roten Armee nach Westen proklamiert; über Kiew sollte der Anschluß an die österreichische und über Pleskau und Wilna an die deutsche Revolution hergestellt werden. Ein lettisches kommunistisches Manifest vom 17. Dezember sprach die Erwartung aus, die kommunistische Revolution werde in kurzer Zeit auch Deutschland und das übrige Europa erfassen, wonach alle Länder zu einem »allgemeinen Bund der sowjetischen Republiken« zusammengefaßt werden müßten.« Estnische und lettische Einheiten, verstärkt durch viele Freiwillige, darunter in großer Zahl Schüler, leisteten gemeinsam mit Restkontingenten der deutschen Armee, die sich der Demobilisierung widersetzten, erbittert Widerstand. Bis zum Jahresende gelangte Estland dennoch in die Hand der Bolschewisten, die umgehend die »Estnische Arbeiterkommune« als Sowjetrepublik ausriefen.

Doch innerhalb weniger Wochen befreite die estnische Armee das Land wieder.

In Livland drangen vor allem die lettischen Schützenregimenter innerhalb der Roten Armee vor. Eine Räteregierung unter Peteris Stucka (ein Schwager des Dichters Janis Rainis), reklamierte die Sowjetmacht und wurde am 22. Dezember per Dekret von Lenin anerkannt. Am 6. Januar 1919 stand die Rote Armee auch in Wilna und den größten Teilen Nord- und Ostlitauens. Die Kommunisten etablierten eine provisorische Revolutions-Regierung und erklärten Litauen zur Sowjet -Republik. Bolschewistischer Terror verfolgte in diesem Winter 1918/19 alle Besitzenden und Bürgerlichen, ob lettischer, estnischer, litauischer oder deutscher Nationalität.

Darum hatten schon am 11. November deutsch-baltische Kreise mit der Aufstellung einer »Baltischen Landeswehr« begonnen, die aus in sich national einheitlichen Verbänden von Deutschen, Leiten, Esten und Russen bestehen sollte. Am 7. Dezember 1918 beschloß die wenige Wochen zuvor ausgerufene lettische provisorische Regierung eine Verstärkung dieser »Baltischen Landeswehr«, die insgesamt 6000 Soldaten umfassen sollte. In Reval vereinbarten bereits am 27. November die nationale Regierung unter Konstantin Päts, die nach der Eroberung Estlands durch deutsche Truppen ausgeschaltet worden war, aber inzwischen wieder ihre Tätigkeit aufgenommen hatte, und Vertreter der Deutschbalten die Bildung einer deutschbaltischen Truppe (»Baltenregimcnt«) unter estnischem Oberkommando. Sie schlossen sich, wie auch in Lettland, mit »weißen«, also antibolschewistischen russischen Truppen zusammen. Die Befreiung der Republik Estlands aus den Händen der Roten gelang dann bereits bis Anfang Mai 1919 – weitgehend durch eigene Kraft. Das Oberkommando der deutschen Truppen im Baltikum legte man in die Hände des erfahrenen Soldaten General Graf Rüdiger von der Goltz. In Deutschland wurden Freikorps-Kämpfer für die sogenannten »»Eisernen Brigaden« (ab Januar 1919 »Eiserne Division« mit einer Stärke von 10 000 Mann) rekrutiert. Dies geschah »mit Zustimmung und auf ausdrücklichen Wunsch der Alliierten«, wie es in dem Bericht einer amerikanischen Senatskommission heißt.

Den deutschen Freiwilligen hatte die lettische Regierung für einen Mindesteinsatz von vier Wochen die Staatsbürgerschaft zugesichert. Später fühlte sich die lettische Regierung nicht einmal mehr an das Staatsbürgerschafts-Versprechen gebunden. Der Krieg im Baltikum zwischen Weiß tind Rot, der mit der Offensive des Generals von der Goltz im Februar 1919 neu entzündet wurde, war von beispielloser Grausamkeit, auch und gerade der Zivilbevölkerung gegenüber. Zuerst hatten die Deutschen unter den Bolschewiken leiden müssen. Der französische Historiker Dominique Venner: »Es gab kaum eine Familie, aus der nicht zumindest ein Mitglied verschleppt, gefoltert oder hingerichtet worden war; nur einzelne alte Frauen blieben verschont. Zu jener Zeit genügte es, auf der Straße deutsch zu sprechen, um getötet zu werden, weil das Wort >deutsch< selbst zu einer ungeheuren Beschimpfung geworden war… Als sich die deutschen Truppen der Stadt (Mitau im März 1919) näherten, wurden die Geiseln in die Gefängnishöfe gejagt und dort aus Maschinengewehren niedergeschossen. Dazu warfen die Roten durch die Fenster Handgranaten. Die Geiseln, die man am Leben gelassen hatte, wurden an Pferde gebunden und von Mitau bis Riga mitgeschleift. Lange Blutspuren zogen sich durch den Schnee.«

Am 22. Mai 1919 befreite die »Baltische Landeswehr« Riga.

Die Litauer konnten bis Ende August 1919 die Rote Armee aus dem Land drängen. Gleichzeitig erwuchsen Antonas Smetona, der inzwischen Staatspräsident war, neue Probleme von einer anderen Seite: Im April 1919 hatte Polen die Hauptstadt Wilna besetzt und die Regierung – wie schon während der kommunistischen Herrschaft – zum Ausweichen nach Kaunas gezwungen. Erst im Juli 1920 sollte Wilna wieder vorübergehend zu Litauen kommen, aber nicht aufgrund eigener Stärke, sondern im Zuge des Vormarsches der Roten Armee gegen Polen. Doch das letzte Wort stand hier noch aus.

Die Kraft der Roten war gebrochen. Ein anderer Kampf wartete schon: Sich gegenüber standen jetzt die Niedra-Regierung, die der Baltischen Landeswehr ergeben war, und die von Manteuffel seinerzeit abgesetzte Ulmanis-Regierung, die mit Hilfe einer estnisch-lettischen Armee die Macht zurückerobem wollte. Bei Wenden (Cesis) kam es am 22./23. Juni 1919 zur Entscheidungsschlacht. Die Truppen des von der Goltz erlitten dabei eine Niederlage gegen die national inspirierten Esten und Letten. Niedra wurde des Hochverrats angeklagt. Jede Hoffnung auf deutscher Seite, die Unabhängigkeit der beiden Provinzen verhindern zu können, war zunächst dahin – zumal die deutsche Regierung wenige Tage später, am 28. Juni, den Diktat-Frieden von Versailles unterzeichnen mußte und die Entente inzwischen die Auflösung der deutschen Truppen im Baltikum verlangte.

General von der Goltz umging den erzwungenen Befehl der Reichsregicrung indem er seinen Abschied nahm und als Privatmann wieder zu seinen Truppen stieß. Ein Teil von ihnen unterstellte sich im Herbst 1919 einem neuen Oberbefehlshaber: Dem russisch-kaukasischen Oberst Bermondt – Fürst Awaloff, der – mit der Basis Kurland – eine antibolschewistische Freiwillige Russische Westarmee aufgestellt hatte, um Lenins Revolutionsregierung zu stürzen und eine großrussische Monarchie wiederherzustellen. Doch bis zum November hatten, von britischen Offizieren unterstützt, estnische und lettische Einheiten unter dem Kommando des Generalmajors Emst Pödder die Bermondt-Verbände geschlagen und über die litauische Grenze aus dem Land getrieben.

Der Weg in die Unabhängigkeit stand endlich offen. Am 2. Februar 1920 wurde in Dorpat der Friedensvertrag zwischen Estland und der Sowjetregierung unterzeichnet; am 12. Juli in Wilna zwischen Litauen und der Sowjetunion; am 1. August in Riga zwischen Lettland und der Sowjetregiemng.

Der Inhalt dieser Verträge war jeweils weitgehend identisch. Sowjet-Rußland verzichtete »freiwillig und für alle Zeit auf die Souveränitätsrechte«, die Rußland gegenüber den Territorien und Menschen Litauens, Lettlands und Estlands innegehabt hatte. Eine Niederlage für die Sowjetmacht.

Die Konfrontation und daraus resultierende Schwächung ihrer beiden stärksten Nachbarn, der Deutschen und der Russen, hatten Litauer, Letten und Esten zur Etablierung ihrer Unabhängigkeit nutzen können.

Die französischen Konzeptionen bezüglich Polen und Litauen gingen nur zum Teil in Erfüllung. Die litauische Hauptstadt Wilna war im April 1919 von einer kleinen polnischen Kampfgruppe unter General Szeptycki besetzt worden. Im Frühjahr 1920 führte der »Kiewer Feldzug« die polnischen Heere bis tief in die Ukraine. Doch diesen spektakulären Anfangssiegen folgte eine Gegenoffensive der Roten Armee. Am 14. Juli mußten die Polen Wilna verlassen, das aufgrund des sowjetisch-litauischen Friedensvertrages zu Litauen zurückgekehrt war. Schließlich stand Polen am Rande der militärischen Katastrophe. Doch das »Wunder an der Weichsel«, der überraschende Sieg Pilsudskis über die Russen kurz vor Warschau, verkehrte die Verhältnisse erneut.

Diesmal schien sich Warschau auf eine vertragliche Lösung der Wilna-Frage einzulassen. Am 7. Oktober 1920 schlossen Vertreter Polens und Litauens das »Abkommen von Suwalki«, nach dem Wilna bei Litauen verbleiben sollte. Aber nur zwei Tage später nahm der polnische General Zeligowski handstreichartig die Stadt ein und proklamierte in dem von ihm eroberten Gebiet den Staat »Mittellitauen«. In der »vorläufigen Regierungskommission« saßen indes nur Polen. Im Frühjahr 1922 wurde »Mittellitauen« (das territorial nach Südwesten erweitert worden war und so nur eine litauische Minderheit aufwies) auch formal dem polnischen Staat angegliedert. Erst im Zuge der Einverleibung des Baltikums in die UdSSR 1940 sollte Moskau Wilna wieder Litauen zuschlagen: Aus der Konkursmasse des bereits im September 1939 gemeinsam mit Berlin zerschlagenen Polen.

Siehe auch:
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Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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