Das Bombardement von Zanzibar im Jahre 1896

Am 1. Juli 1890 hat das Deutsche Reich durch ein Abkommen mit England, den sogenannten Zanzibar-Vertrag, seine Ansprüche auf diese reiche Insel und andere wertvolle Gebiete auf dem afrikanischen Festland aufgegeben und dafür die Insel Helgoland eingetauscht oder wie damals ein Engländer spöttisch äusserte, einen alten Hosenknopf gegen eine neue Hose. Es hat heute keinen Zweck mehr, jenem Tausch nachzuweinen, wobei wir dahingestellt sein lassen wollen, ob Helgoland wirklich so wertlos ist. Von Zanzibar sind unsere ersten Erwerbungen in Afrika ausgegangen, die weiteren Geschicke der Insel entbehren daher nicht eines gewissen Interesses für uns, besonders da Zanzibar unter dem Einfluss der deutschen Arbeit an der ostafrikanischen Küste sehr an Bedeutung als Seehandelsplatz verloren hat.

Am 25. August 1896, nach kaum dreijähriger Regierungszeit, starb in Zanzibar der Sultan Seyid Hamed bin Thueni. Der Tod des Herrschers und der damit verknüpfte Thronwechsel rief einen schweren Konflikt zwischen dem Arabertum des ostafrikanischen Inselreiches, mit der eine wenig verschleierte Oberherrschaft dort ausübenden, britischen „Protektoratsmacht“ hervor.

Er führte bekanntlich zu einem Bombardement des Sultans-Palastes durch einen Teil der englischen Kriegsflotte. Kurz nach dem Ableben des erwähnten Herrschers hatte Seyid Chalid, ein Sohn des im Jahre 1888 inmitten der bewegten politischen Uebergangszeit verstorbenen Sultans Seyid Bargasch, Besitz von dem Throne seiner Väter ergriffen und zwar gegen den Willen des grossbritannischen diplomatischen Agenten, Sir Arthur Hardinge, der einen bejahrten, gebrechlichen Oheim des soeben dahingeschiedenen Sultans, den Araber Hamud bin Mohamed, als voraussichtlich weit gefügigeres Werkzeug der britischen Politik, zur Regentschaft zu bringen trachtete. Seyid Chalid, der nach dem herrschenden arabischen Rechte vollberechtigte Erbe des Thrones, war aber den Engländern und ihrem Kandidaten, wie erwähnt, zuvorgekommen und weigerte sich nun ganz entschieden, den bereits bezogenen Sultans-Palast zu räumen. Er stützte sich dabei auf die Sympathien des weitaus grössten Teiles des arabischen Elementes der Stadt sowie auf die treue Ergebenheit der gesamten, aus einigen Hundert farbigen Soldaten bestehenden „bewaffneten Macht“ des Sultanates, und zögerte nicht, auch sofort Vorkehrungen zu treffen, um seine Stellung, selbst gegen ein gewaltmässiges Vorgehen der Engländer, nach Möglichkeit zu befestigen. So wurde denn gegen die See am Strande vor dem Palaste im Laufe des Tages durch Tausende geschäftiger Sklavenhände aus den in grossen Mengen im Zollhause lagernden Kopra-Ballen, aus alten Schifiskesseln, See-Bojen, Wellblechplatten und ähnlichem Material, eine Art Verschanzung aufgebaut, und auch die Zufahrtstrassen von der Landseite innerhalb der Siadt wurden durch Barrikaden gesperrt.

Allen diplomatischen Verhandlungsversuchen der Engländer setzte Seyid Chalid mit erstaunlicher Künnheit die starre Weigerung entgegen, seinen Thronrechten zu entsagen, und da auch das alsbald vom Kommandanten des auf der Reede liegenden britischen Geschwaders für nachmittag 4 Uhr gestellte Ultimatum ablief, ohne dass an Stelle der roten Sultansflagge auf dem Leuchtturm vor dem Palaste, die verlangte weisse Fahne, zum Zeichen der erfolgten Unterwerfung, aufstieg, so begann denn auch pünktlich die an-gedrohtc Beschiessung. Vier Linienschiffe und sieben Kreuzer, das britische Kapstadt-Geschwader, begannen beinahezu gleicher Zeit ihre vielartigen Tod und Verderben bringenden Feuerschlünde zu öffnen, um die mannigfaltigen Geschosse mit Donnergeroll gegen den Sultans-Palast und dessen Besatzung zu schleudern Das Feuer der britischen Schiffsgeschütze wurde aber auch sofort, sowohl seitens der in der primitiven Verschanzung aufgestellten Batterie des Sultans, wie auch seitens der, durch ein einziges altes Holzschiff repräsentierten „Kriegsflotte“ Zanzibars sehr energisch erwidert. Wie die Spreu vor dem Winde flog die Schutzwehr der Batterie vor dem Hagel der britischen Geschosse auseinander, diese selbst mitsamt der Bemannung alsbald zum Schweigen bringend, wie auch schon die ersten Treffer der Engländer das Sultansschiff draussen auf dem Meere mit Mann und Maus zum Sinken brachten. Genau 50 Minuten dauerte das Bombardement und zerschmettert lag des zan-zibaritischen Reiches Macht und Herrlichkeit im Staube. Der Krieg Zanzibars mit England war zu Ende! Der alte Sultans-Palast, das durch reiche, indische Holzschnitzereien ausgezeichnete weitläufige Harems-Gebäude, der grosse Leuchtturm auf dem Sultansplalze lagen in Trümmern, und auch der „neue“ zwei Stockwerke auf mächtigen Säulen tragende Palast bot ein trauriges Bild der Verwüstung dar. Furchtbar war auch natürlich die Wirkung der Kanonade auf die in dem engen Raum zusammengepfercht gewesenen Menschenmassen, auf die Araber, ihren Sklavenanhang und die regulären Sultans-Soldaten! Durch „verirrte“ Kugeln der Engländer waren auch eine grosse Anzahl anderer Gebäude in der Stadt und deren Umgebung vielfach beschädigt worden.

Seyid Chalid, der den Kampf mit Albion gewagt, hatte sich bald nach Eintritt der gewaltigen Wirkungen der Beschiessung, in Begleitung seiner vornehmsten Anhänger und höheren Offiziere, durch eine Hintertür des Palastes geflüchtet und den Schulz des Kaiserlich Deutschen Konsulates nachgesucht. Auf Grund einer kurzen, zwischen dem Konsul Freiherrn von Rechenberg und dem fluchtigen Sultan geführten Verhandlung, öffneten sich ih n die rettenden Pforten des deutschen Konsulates. Ein Landungs-Korps der Briten ergriff alsbald Besitz von dem Palaste, der vorerst einer einstündigen Plünderung durch die einrückenden Blaujacken freigegeben ward, worauf der Prätendent der Engländer, als Herr der Trümmer und des Inselreiches Zanzibar und Pemba, feierlich zum Sultan ausgerufen wurde.

Seyid Chalid verblieb durch einige Wochen als Gast des Konsuls irn deutschen Konsulate, mitsamt seinem nicht gerade kleinen Gefolge. Die von den Engländern begehrte Auslielerung der Flüchtlinge wurde auch seitens der Berliner Regierung abgelehnt. Dem Ex-Sultan wurde im Gegenteil durch den Kaiser ein dauerndes Asyl in Deutsch-Ostafrika angeboten, und ein deutsches Kriegsschiff brachte Seyid Chalid nach Daressalam. Dort lebt er noch heute; durch eine aus dem Fonds des Schutzgebietes gezahlte Pension wird ihm sein und seiner zahlreichen Familie Lebensunterhalt ermöglicht. Er führt ein recht beschauliches, aber immerhin mit einer gewissen Repräsentation als „Ex-Herrscher“ verbundenes Dasein. Sein ehemaliger Beschützer und Retter in Zanzibar ist der jetzige Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

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