Das deutsche Ausland-Institut zu Stuttgart

Es ist eine der wenigen heilsamen Wirkungen des Weltkriegs gewesen, dass er dem Deutschtum in aller Welt innerhalb und ausserhalb der Reichsgrenzen die Erkenntnis völkischer Zusammengehörigkeit gebracht hat. Aus dieser Erkenntnis wurde im Jahr 1917, mitten in schwerster Kriegszeit, als Deutschland von einem Wall feindlicher Heere blockiert war, im Herzen des Schwabenlandes das Deutsche Ausland-Institut zu Stuttgart gegründet, als eine Stätte der Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen Auslanddeutschtum und Heimat, der wissenschaftlichen Erforschung des Auslanddeutschtums, seiner Verbreitung, Wirtschaft und Kultur, eine Statte der Belebung auslandkundlichen Verständnisses in der Heimat.

In aller Stille entwickelte sich die Vorarbeit zu der gewaltigen Aufgabe, die dem neu gegründeten Institut Vorbehalten war. Schon 1918 trat das Institut mit einer Ausstellung über Kurland an die Oeffentlichkeit, die durch Darstellung des Deutschtums in den baltischen Provinzen, seiner Wohn- und Lebensweise, seiner Geschichte und Kultur in Bildern, Modellen und Karten zum Verständnis einer der ältesten Deutschtumskolonien im Ausland beitrug.

Als dann der Krieg zu Ende war und die Grenzen wieder aufgingen, da wurde in mühevoller Arbeit ein Netz von deutschen Vertrauensmännern im Ausland, von Kaufleuten, Lehrern, Geistlichen, Kolonisten und Ingenieuren geschaffen, dank deren Mitwirkung die Forschungs- und Sammeltätigkeit des Instituts sich belebte, denen es aber auch ebenso sehr zu verdanken ist, dass das Institut seinen praktischen Zielen gerecht werden konnte, die in den schweren Jahren nach dem Zusammenbruch alsbald in den Vordergrund traten.

Welches sind nun diese praktischen Aufgaben des Deutschen Ausland-Instituts?

Es sind in erster Linie Beratung, Auskunfterteilung und Unterstützung des Auslanddeutschtums im In- und Ausland. Die Auswanderung, insbesondere der wieder ins Ausland zurückströmenden ehemaligen Auslanddeutschen, erforderte ein umfangreiches und sorgfältig durchgearbeitetes Material, erforderte eine genaue, stets auf dem laufenden bleibende Kenntnis der Lebens- unu Wirtschaftsverhältnisse im Ausland, der Einreise- und Passbestimmungen, der Aussichten und Lebensmöglichkeiten für Deutsche in allen Ländern der Welt. Heute im Jahr 1922 werden täglich etwa 60 Personen allein in der Abteilung für Auswandererberatung schriftlich und mündlich über die Verhältnisse im Ausland und die Möglichkeiten der Auswanderung beraten.

Die Stellenvermittlung nach dem Ausland, die dem hinausgehenden Deutschen die Wege im Ausland ebnen soll, weist den Auskunftssuchenden deutsche Firmen im Ausland nach, die sich nach deutschem Personal umsehen, sie warnt ungeeignete Elemente vor unüberlegtem Entschluss und sucht die tüchtigen und qualifizierten Kräfte nach Möglichkeit draussen unterzubringen. Besonderer Augenmerk wird der engeren Verknüpfung auslanddeutscher und heimischer Wirtschaft gewidmet. Heimischen Firmen, die ihr Vertreternetz im Ausland auszubauen suchen, werden deutsche Kaufleute in allen Ländern der Welt nachgewiesen, die für den Absatz deutscher Ware und für die Vertretung der deutschen Industrie in Betracht kommen. Auslanddeutschen Beziehern werden Bezugsquellen im Inland vermittelt.

Eine Rechtsberatungsstelle nimmt sich der im Inland lebenden Auslanddeutschen an, erteilt juristische Auskünfte aller Alt , über Staatsangehörigkeits-, Steuer- und Entschädigungsfragen, weist dem noch Obdachlosen die Wege zu einer sehnlich gewünschten Wohnung und erleichtert dem in Deutschland sich ausbildenden, jungen Auslanddeutschen die Zulassung zu Mittel- und Hochschulen, den Quellen deutscher Kultur.

Wer als Auslanddeutscher wieder zurück in seinen früheren Wohnsitz strebt und durch den Krieg um sein Vermögen gekommen ist, wer nachweist, dass er draussen einen passenden Wirkungskreis von neuem finden kann, der wendet sich an die Unterstützungsabteilung, die ihm Reisebeihilfe gewährt und damit die teuere Ueberfahrt bestreiten hilft. Auch zum Wiederaufbau einer materiell gesicherten Existenz im Inland vermag diese Stelle arbeitswilligen und beruflich tüchtigen Auslanddeutschen zu verhelfen.

Um allen diesen praktischen Aufgaben völlig gerecht zu werden, ist eine wissenschaftliche Durcharbeitung des täglich eingehenden reichen Auslandsmaterials unbedingt erforderlich.

Die Bibliothek sammelt Bücher und Zeitschriften, die Ausland und Auslanddeutschtum betreffen und legt diese in einem besonderen Lesesaal aus, wo sich jeder kostenlos über den Stand des Deutschtums und über die Möglichkeiten eines Fortkommens draussen unterrichten kann.

Dem Archiv ist die Bearbeitung der deutschen Presse ,im Ausland anheim gegeben. Hier ‚werden alle wichtigen Nachrichten über das Auslanddeutschtum gesammelt und verarbeitet, hier werden auch die Beziehungen zu den deutschen Vereinen im Ausland gepflegt, die ja das Rückgrat des Auslanddeutschtums bilden. Wenn heute ein Auswanderer mit Weib und Kind nach einer von Deutschen bewohnten Stadt im Ausland strebt, so gibt ihm das Archiv Auskunft über die für seine Kinder in Betracht kommende Schiffe, über den Hilfsverein, den er im Notfall anrufen muss, über die geselligen Möglichkeiten, die ihm Gcsang-und Sportvereine draussen bieten. Es ist bezeichnend für das Wiederaufleben des Deutschtums im Ausland, dass hier im Archiv täglich etwa 10 neue deutsche Vereine im Ausland bekannt werden.

Die Karten- und Lichtbildabteilung bearbeitet alles eingehende geographische Material und hat sich in ihrem Lichtbilderbestand von annähernd 7000 Einheiten ein reiches von Vortragenden in ganz Deutschland ständig in Anspruch genommenes Material geschaffen, das Leben und Treiben der Auslanddeutschen dem wissbegierigem Heimatdeutschen anschaulich vorführt.

Um der Heimat einmal einen Gesamtüberblick über den Stand, die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten der Auswanderung zu geben, hat das Institut eine neue grosse Ausstellung ins Leben gerufen, die Auswanderungs-Ausstellung, die, wie einst 1918 die Kurlandausstellung, durch die Grossstädte Deutschlands wandert und gegen ein ganz geringes Eintrittsgeld allen denen zugänglich ist, die für Ausland und Auslanddeutschtum Interesse haben. In anschaulichen und schönen Modellen wird hier der Heimat ein Begriff von der Verbreitung, der Lebens- und Wohnweise der Auslanddeutschen gegeben, in Bildern und Karten die Kenntnis des Auslands vertieft, in Tabellen und graphischen Darstellungen die Entwicklung deutscher Wirtschaft und Kultur im Ausland geschildert.

Einen Niederschlag der gesamten Arbeit des Deutschen Ausland-Instituts bildet die Zeitschrift „Der Auslanddeutsche“, die an Mitglieder des Instituts im In- und Ausland kostenlos versandt wird und halbmonatlich über Wirtschaft und Kultur des Deutschtums in aller Welt berichtet. Eine wöchentlich an alle deutsche Zeitungen im In- und Ausland hinausgehende „Pressekorrespondenz“ trägt die Kunde vom Auslanddeutschtum in die weiten Schichten des Volkes.

Es ist selbstverständlich, dass eine so um fassende, dem Publikum gegenüber völlig kostenlose Arbeit an der fortschreitenden Geldentwertung in Deutschland grossen materiellen Schwierigkenen begegnet. Grösste Sparsamkeit in der Verwendung der von den Mitgliedern gespendeten Mittel, grösste Sparsamkeit auch in der Zahl der Beamten, Angestellten, die heute insgesamt 50 Köpfe umfasst, ist Pflicht und Vorbedingung zu erspriesslichem Werk. Und schon beginnen die Früchte zu reifen. Von allen Seiten, aus allen Weltteilen schreiben die Hinausgezogenen, die beim Institut beraten waren, freundliche und anerkennende Brief und stellen sich zu dauernder Mitarbeit dem Institut zur Verfügung. Es wächst die Zahl der Stifter und Gönner, die die Arbeit des Instituts persönlich in Augenschein nehmen konnten und sich überzeugt haben, dass hier aufhauende und wichtige nationale Arbeit geleistet wird.

Es wächst die Zahl der im Ausland ansässigen Landsleute, die der alten Heimat einen Besuch abstatten und die der Weg ihrer Reise auch nach Stuttgart führt, wo sie die Einrichtungen des Instituts kennenlernen wollen. Und allen Mitarbeitern ist es jedesmal eine Freude, solche Besuche empfangen und ihnen bei der Ausgestaltung ihres deutschen Reiseplans, bei der Anknüpfung von Beziehungen zu Behörden und Privatpersonen nach Kräften behilflich und dienlich zu sein.

Möchte bald der Tag kommen, da die Erkenntnis engster Zusammengehörigkeit von Auslanddeutschen und Heimat, die im Kriege erwacht ist, zum Gemeingut der 100 Millionen deutscher Landsleute geworden ist, die heute innerhalb und ausserhalb der Reichsgrenzen leben und arbeiten.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
Die Hallo-Mädchen
Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
Kinder aufs Land
August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone
Deutsche Wolkenkratzer
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Das Deutsche Haus in St. Paul – Ein Denkmal deutschen Strebens
Die Briefmarke einst und jetzt
Deutschlands grösster Dampfer
Schweres Schiffsunglück in Hamburg