Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer

Niedersachsen und die Ostseeländer

Celle.

Die Daten nach Pauli: Der nördliche Teil um 1530 beg. (vgl. Pauli, Anm. 10). Um 1545 der mittlere Dacherker an der Ostfront. Um 1565 rechter Erker und Dachausbau. 1579 (datiert) der linke Dacherker, Auslage i. Erd-gesch. links, Giebel der nördl. Schmalseite. 1581 der südl. Teil. Renov. 1893.

Material: Ziegel, verputzt und Sandstein.

Das oblonge, zweistöckige, mit einem hohen Schindeldach schließende Gebäude liegt mit seiner östlichen Breitseite an der Straße „am Markt“. Das eigentliche Rathaus beschränkt sich auf die nördliche Hälfte, in deren Mitte das Erdgeschoß drei auf starken gedrungenen Säulen ruhende Arkaden zeigt; die mittlere Öffnung — wohl in neuerer Zeit durch eine Brüstung teilweise geschlossen, die seitlichen zu Portalen und zur Ratskellertreppe führend.

Aus dem Satteldach schieben sich — nicht streng symmetrisch zu den Arkaden — drei Erker vor, die ihrer verschiedenen Entstehungszeit zufolge in der Gliederung und im Giebelabschluß differieren. Der mittlere, durch flache Lisenen geteilt, schließt mit kugelbesetzten Halbkreisscheiben (um 1530); der südlichste (späteste, 1579) hat kannelierte Pilaster und einen aus Rollwerk und Obelisken gebildeten Kontur. Der nördliche (1565) springt weiter vor und setzt sich nach unten als Erker am oberen Fassadengeschoß fort. Hier stützt er sich auf drei kräftige Konsolen; die Fenster trennen schlanke jonische Säulen, an der Brüstung zwei Köpfe in Medaillons. Dachgeschoß und Giebelaufsatz gliedern Pilaster, Voluten bezeichnen den Umriß, zu oberst steht ein Obelisk von Löwentatzen gefaßt.

Südlich von den Arkaden hat man dem Erdgeschoß eine Auslucht vorgelegt — als Gegengewicht gegen den nördlichen Erker. Die Fenster trennen schlanke kannelierte Säulen, auf dem Gebälk liegt eine niedrige Bekrönung aus derbem Rollwerk (1579). Der hohe Giebel der nördlichen Schmalseite wird durch kannelierte Pilaster, breite Gesimse und ein glattes Streifenornament reich gegliedert. Über den drei Fenstergeschossen streckt sich noch ein Wappenfeld in die Höhe. An den Rändern zieht sich mannigfach geschweiftes, ornamentiertes Bandwerk hin, aus dem Obelisken aufwachsen.

Die schlicht profilierten Fassadenfenster sitzen unregelmäßig, die des Obergeschosses ruhen auf einem durchlaufenden dünnen Gesimse. Im Erdgeschoß ist links von den Arkaden ein Paar gekuppelt mit einer Säule als Pfosten. —

In dem zum Teil umgebauten Innern führt eine geradläufige Treppe auf einen bescheidenen Vorplatz von unregelmäßigem Grundriß. An ihn schließt u. a. in der Nordostecke der Sitzungssaal mit niedriger Balkendecke, ebenfalls von irregulärem Grundriß; zu ihm gehört der nördliche Erker der Ostfront.Die südliche Hälfte des Gebäudes, ursprünglich als Stadtwage angebaut (1581), hat an der Ostfront über der einfachen Fassade ein großes Giebeldreieck zwischen zwei Dacherkern aus Fachwerk. Der Giebel der südlichen Schmalseite ist ebenfalls ohne besondere Bedeutung.

Alfeld.
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1585 — 86.

Material: Bruchstein, stellenweise Backstein, verputzt. Gliederungen aus rotem Sandstein.

Das rechteckige Gebäude liegt frei, die breite Front gegen den Marktplatz, die schlichte Rückseite der Stadtkirche gegenüber; an den Schmalseiten laufen Straßen. Über den drei Geschossen erhebt sich ein nicht sehr hohes Satteldach x). Die Front wird halbiert durch einen weit vorspringenden polygonen Treppenturm, der um eine Stockwerkhöhe über die Fassade hinaussteigt und mit einer doppelten Schieferhaube schließt. Da der Marktplatz sich nach Westen senkt, erscheinen rechts vom Turm unter den drei Stockwerken noch die Ratskellerfenster. Somit steigt ein hier aus der Fassade vortretendes Risalit — der Westecke näher als dem Turm — in vier Geschossen bis zum Dach, dessen Ansatz seine Giebelbekrönung überschneidet. Die Geschosse sind nach vorn in drei, nach den Seiten in ein Fenster aufgeteilt, und werden durch toskanische und jonische Pfeiler, durch jonische und korinthische Säulen gegliedert; außerdem differieren sie in der Höhe der Brüstungswände sowie in der Verzierung der Gebälke mit Fazetten und Bändern. Der Giebel zeigt drei Wappenfelder von Voluten und Obelisken eingefaßt.

An der Fassade grenzt sich nur das oberste. Geschoß durch ein Gesims ab. Dieses läuft auch um den Turm, der außerdem noch einen Gurt in Dachhöhe trägt. Die rechteckigen Fenster sind gekuppelt, mit einwärts gerichteten einfachen Profilen. Die Öffnungen für die Treppe haben Rautenform.

Die Giebel über den ungegliederten kaum durchlochten Schmalseiten werden durch Gesimse geteilt, an deren Enden Obelisken stehen; dazwischen sind die glatten Ränder mit Kugeln besetzt. Gegen die Spitze erhebt sich ein reicheres Volutengebilde.

Drei Stufen führen zu dem schmalen Bogenportal im Turm, das von schlanken kannelierten Säulen flankiert wird und über dem eine Wappentafel mit dreieckiger Verdachung sich hoch hinauf reckt. Von der breiten bequemen Wendeltreppe tritt man, im zweiten und dritten Geschoß, auf einen kleinen Vorplatz, um den sich die Verwaltungsräume gruppieren. Im ersten Stock liegt westlich der Sitzungssaal mit dem Erker. Im einzelnen ist das Innere mehrfach modernisiert. Das Erdgeschoß hat besondere Zugänge, u. a. eine Spitzbogentür bei der Ostecke zur ehemaligen Ratswage und eine Rundbogentür westlich vom Turm zum Ratskeller.

Trefurt.
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1609.

Das zweistöckige Haus von oblongem Grundriß liegt auf abschüssigem Gelände, das durch den Sockelbau ausgeglichen wird. Über dem vorgekragten Obergeschoß ein niedriges Walmdach. Aus der breiten Front tritt, nicht in der Mitte, ein starker, viereckiger Turm vor, in fünf Stockwerke geteilt, mit hoher, durchbrochner Schieferhaube. Im Untergeschoß öffnet er sich vor der Eingangstür in eine hölzerne dreibogige Pfeilerhalle, zu der von den Seiten Freitreppen hinaufführen.

Krempe.
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1570.

Ein einfacher Backsteinbau von rechteckiger Grundform, zweistöckig, mit hohem Satteldach. Das obere Geschoß an den Langseiten in Fachwerk. Über der südlichen Giebelseite am Markt erhebt sich ein polygoner Dachreiter, der Raum für ein Zimmerchen bietet. Das Erdgeschoß schließt an der Marktfront mit einem breiten Sandsteinband. Im oberen Stock sitzen vier große mit Stichbögen schließende Fenster für den Saal, der fast das ganze Geschoß einnahm. Der Giebel, glatt umrandet, ist ungegliedert, durch kleine regelmäßig .angeordnete Rundbogenfenster in drei Reihen durchlocht.
Das Erdgeschoß bestand ehemals neben der Ratsstube aus einer großen Halle.

Danzig.
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(Altstädter Rathaus) 1587.

Der Baumeister war Anthony van Abbergen aus Mecheln. Das Gebäude dient heute als Amtsgericht.
Material: Ziegel mit Hausteingliederung.

Zwei Stockwerke unter einem hohen Walmdach, die Breitseite gegen die Straße. In der Frontmitte ein Dacherker, hinter dessen Giebel sich ein schlanker, lebhaft konturierter Dachreiter erhebt. Über dem Hauptgesims läuft eine Balustrade um das Dach herum; an den Fassadenecken steigen schlanke Türmchen auf. — Das Hauptportal in der Mitte der Front zwischen zwei kleineren Türen, auf beiden Seiten je zwei Rundbogenfenster. Das Obergeschoß wird durch fünf große Fenster, die ebenfalls mit Blendbögen schließen, in regulärer Ordnung als Saalbau charakterisiert. Diese Fenster setzen sich auch an den Schmalseiten fort.

Kulm.
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Seit 1567.

1595—96 Arbeiten am Turm. Ein Putzbau von rechteckiger Grundform, liegt frei auf dem geräumigen Marktplatz, „nicht in der Mitte, sondern der Ostseite näher gerückt“ Seine zwei Stockwerke werden durch eine ringsum aufsteigende, die beiden Pultdächer versteckende Mauer um mehr als die Hälfte erhöht1). Im Gegensatz zu der ungegliederten Fassade wird diese Blendmauer durch jonische Säulen, an den Breitseiten in acht, an denSchmal-seiten in vier Felder geteilt. Auf dem Säulengebälk liegt ein Kranz geschweifter Aufsätze, die auf den Schmalseiten und in der Mitte der Längsfronten zu größeren Giebelformen ausgebildet sind und an den Ecken in reich profilierte Pfosten auslaufen. Hinterdie-ser Scheinarchitektur ragt aus der Mitte des Gebäudes ein Turm auf; über dem hohen viereckigen Stamm, der mit einer Galerie schließt, ein schlanker achteckiger, zweimal durchbrochener Helm. An der Breitseite gegen den Platz drei hohe Rundbogenportale mit Ädikula-Umrahmung. Rechts davon eine kleinere Kellertür. Die rechteckigen Fenster des Obergeschosses tragen als Verdachung Kielbögen auf Konsolengesimsen. „Das Innere ist unbedeutend und verbaut.“

Posen.
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Umbau 1550 — 55.

1536 wurde das got. Rath, beim großen Stadtbrand stark beschädigt Die Mauern blieben z. T. erhalten, vor allem der Turmunterbau. Den Umbau leitete Giov. Battista di Quadro aus Lugano, 1550 — 55. Der obere Teil des Turmes stammt von 1783.
Material: Ziegel verputzt, Fensterrahmen aus Sandstein. Die Fassade war ursprünglich bemalt.

Ein rechteckiger Block, der mit der Schmalseite gegen den Markt blickt, mit zwei Seiten nahe an Häuser herangeschoben und an der einen Langseite von einer breiten Straße begrenzt ist. In drei nach oben zu niedriger werdenden Stockwerken geht es in die Höhe. Darüber erhebt sich eine mit einem Palmettenkranz schließende Mauer, hinter der sich — wie beim Kulmer Rathaus — der steile Dachstuhl versteckt. In der Mitte der Straßenfront steigt aus dem Block heraus der Turm. Über quadratischem Unterbau eingerückt zwei achteckige Stockwerke und nochmals verjüngt eine schlanke runde Laterne mit obeliskenförmiger Spitze.

Den wesentlichen Akzent gab Quadro der Marktfassade, der er eine dreigeschossige Halle vorlegte. Die beiden unteren Geschosse öffnen sich in fünf Bogen, das oberste in zehn. Die offenen Hallen werden auf beiden Seiten begrenzt von je einem geschlossenen Bogenfeld, das ein fest rahmendes Außenglied bildet und an den Ecken mit einem Pilaster schließt — im Gegensatz zu den Säulen der Mittelglieder. In ihrer vertikalen Folge leiten sie auf die polygonen Türmchen hin, die an den Ecken der Dachumfriedigung aufwachsen. Ein etwas höher gerecktes Türmchen sitzt in der Mittelachse der Fassade. Die Stockwerke sind nicht nur ungleich hoch, es besteht auch zwischen den drei Loggien eine Differenz in den Brüstungen und der Mauer über den Öffnungen. Gemeinsam ist ihnen, daß die Bögen (nicht volle Halbkreise, sondern Stichbögen) auf Pfeilern ruhen, diesen schlanke toskanische Säulen vorgelegt sind, die gerades Gebälk tragen. Die Zwickel füllt figürliches Relief. Aber während das Erdgeschoß eine hohe Sockelwand hat und das Gebälk das Stockwerk schließt, erscheint in der mittleren Reihe die Fensterbank sehr niedrig und über den Säulen ist ein breiter Mauerstreifen bis zum Gesims eingeschoben. Die oberste, doppelt geteilte Reihe hat wieder eine höhere Brüstung, und das Säulengebälk schließt unmittelbar gegen das Pultdach.

An den Seiten setzen sich die Hauptgesimse der Fassade fort. Die rechteckigen Fenster sitzen einzeln, ohne besondere Ordnung. Ihre profilierten Rahmen liegen vor der Mauer. Im Grundriß fand eine Erweiterung nach Westen statt, wodurch im Erdgeschoß zwei Amtszimmer gewonnen wurden und im oberen Stock die alte Ratsstube sich zu einem Saale vergrößerte. An diesen stößt der hinter der Ostfront liegende Hauptsaal, der die Breite der Marktseite einnimmt. Er wird von Spiegelgewölben gedeckt, deren vertiefte polygone Felder mit Reliefs verziert sind. Zu diesem Saal führen zwei geradläufige Treppen, die korrespondierend in der unteren Loggia angelegt sind, zu Seiten der Erdgeschoßtür, zu der in der Mittelachse der Fassade eine Freitreppe hinaufgeht. Die Treppe zwischen den oberen Stockwerken ist „sehr unbeholfen“ in den Saal hineingebaut.

Aus dem Buch: Das deutsche Rathaus der Renaissance (1907), Author Grisebach, August.

Siehe auch:
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Vorwort
Die Bedeutung des Rathauses im Stadtbild
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil I
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil II
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Fachwerkrathäuser
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Die Fassade
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Grundriß und Aufriß
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Die lokalen Sondercharaktere

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    17. Juli 2015

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