Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.

Obgleich uns kaum ein anderer Satz so vernünftig und einleuchtend erscheint wie die Behauptung, daß alles was geschieht seine wohlbegründete Ursache habe, so fällt es doch in jedem einzelnen Falle außerordentlich schwer, Ursache und Wirkung voneinander zu scheiden. Das gilt für das ganze Gebiet der menschlichen Forschung, und es gilt ganz besonders für die Fragen geschichtlicher Art. Sollen wir die tiefe Religiosität des mittelalterlichen Menschen als eine Folge seiner gesamten naiven Welteinstellung ansehen, oder sollen wir umgekehrt seine begrenzte und kindliche Auffassung von den Dingen des Diesseits und des Jenseits als eine Folge seiner Religiosität betrachten? Man sieht, Ursache und Wirkung gehen ineinander verschwommen über, ja erscheinen geradezu als ein einziger Komplex.

Die abendländische Menschheit hatte vor dem Ausbruch der Reformation einen eigenartigen Zustand der Sättigung mit Religiosität erreicht, der notwendig zu einer innern Abkehr führen mußte. Am stärksten trat diese Erscheinung in Italien hervor. Dieses Land war zwar gleich den deutschen Ländern jenseits der Alpen in zahllose kleine Staaten zerfallen, aber es befand sich in einem ungleich höheren kulturellen Zustand. Mit Recht nannte Luther das päpstliche Rom ein Sündenbabel. Es mochte richtig sein, was zeitgenössische Schriftsteller melden: je näher man nach Rom kam, um so weniger fromm wurden die Leute! Italien hatte den Höhepunkt jenes großartigen und merkwürdigen Aufschwungs, der als Renaissance bezeichnet wird, um 1500 bereits hinter sich. Die Stimmung der höheren und mittleren Stände — vom Bauern wissen wir freilich nichts — gegenüber der christlichen Kirche bestand, wenn wir Jacob Burckhardt Glauben schenken dürfen, „aus einem tiefen Unwillen, gemischt mit Verachtung und einer gewissen äußern Anpassung an die Kirche“, da diese auf so vielerlei Weise mit dem äußern Leben verflochten war. Man hielt sich an Taufe und Beichte, an den sonntäglichen Gottesdienst und an die kirchliche Trauung, Aber man nahm diese Dinge nicht sehr ernst. Bekannt ist auch das oft schauerlich verbrecherische Leben der fürstlichen Stände Sn den vielen kleinen und kleinsten Residenzen des unglücklichen Landes, und man weiß, wie gänzlich ohne jeden Einfluß im Sinne einer Milderung der Sitten oder Verringerung der politischen Gegensätze in dieser ganzen Epoche die Kirche blieb. Das ist um so weniger verwunderlich, als ja viele Päpste selbst ein ausschweifendes und verbrecherisches Leben führten und die allerwenigsten von ihnen den Anspruch auf wirkliche Frömmigkeit erheben konnten.

Wie die Stimmung in Italien in der Zeit vor 1500 ungefähr gewesen sein mag, wollen wir an einigen Worten veranschaulichen, die wir dem Masuccio entnehmen. In seinen „Novellen“ stellt er den Zustand der Kirche in einer Weise dar, die ein moderner Pamphletist kaum durch stärkere Ausdrücke oder größere Rücksichtslosigkeit übertreffen könnte. Es handelt sich um Verhältnisse und Zustände in Neapel. Von herumziehenden Minoritenmönchen heißt es:

„Sie betrügen, rauben und huren, und wo sie nicht mehr weiter wissen, stellen sie sich als Heilige und tun Wunder, wobei der eine das Gewand des S. Vincenzo, der andere den Zaum von Capistranos Esel vorzeigt. — Die Nonnen gehören ausschließlich den Mönchen; sobald sie sich mit Laien abgeben, werden sie eingekerkert, die andern aber halten mit Mönchen förmlich Hochzeit, wobei sogar Messen gesungen, Kontrakte aufgesetzt, Speise und Trank reichlich genossen werden. Solche Nonnen gebären dann entweder niedliche Mönchlein oder sie treiben die Frucht ab. Und wenn jemand behaupten möchte, dies sei eine Lüge, so untersuche er die Kloaken der Nonnenklöster und er wird darin einen Vorrat von zarten Knöchlein finden ..Und dann meint Masuccio „es gäbe keine bessere Züchtigung für sie, d. h.: die Mönche, als wenn Gott recht bald das Fegefeuer aufhöbe, denn dann könnten sie nicht vom Almosen leben und müßten wieder zur Hacke greifen!“

Angesichts solcher drastischen Darstellungen, die zu jener Zeit durchaus nichts seltenes, sondern im Gegenteil etwas ganz alltägliches waren, kann man die Meinung nicht von der Hand weisen, daß Italien, wenn es in religiöser Hinsicht ohne Einwirkung von außen geblieben wäre, sich in natürlicher Weise langsam von den Auswüchsen der Religion entfernt und darüber hinaus bald einem dem Allgemeinempfinden des Zeitalters entsprechenden dogmenlosen Deismus zugewandt hätte. Es ist nämlich in Wahrheit doch nicht so, wie unser großer Renaissance-Schriftsteller Jacob Burckhardt meint und wie Fritz Mauthner in seiner Geschichte des Atheismus im Abendlande wiederholt: daß die Italiener zu jener Zeit wirklich gottlos gewesen seien. Das ist ein Irrtum. Die Italiener sahen wohl das weltliche Leben der Priester und Mönche, das oft schauerliche Treiben der Päpste vor sich, aber sie schlossen hieraus ganz richtigerweise zunächst durchaus nicht auf die Nichtexistenz Gottes — so unlogisch dachte der Renaissancemensch wirklich nicht — sondern sie erkannten hieran lediglich die Sinnlosigkeit der Kirche und ihrer Dogmen. ! Eine wahrhaft gottlose Weltanschauung ist einer sehr viel späteren Zeit und Entwicklungsepoche Vorbehalten.

Diese äußere Einwirkung, ohne welche sich das ita-Herrische Volk zum Deismus entwickelt hätte unter Abschüttelung des kirchlichen Joches, diese äußere Beeinflussung fand eben leider doch statt. Es war die deutsche Reformation des Luther, dem dann Zwingli und Calvin folgten, wodurch der sozusagen natürliche Verlauf der Entwicklung in Italien unterbrochen wurde. Gewiß ist es mißlich, von irgendeinem natürlichen Vorgang, wie ihn ja letzten Endes jedes geschichtliche Ereignis bedeutet, zu sagen, er sei bedauerlich oder er sei unglücklich. Denn man kann dagegen einwenden, daß alles was geschieht, notwendig geschehen muß und daß der menschliche Standpunkt des Freuens oder Traurigseins angesichts der anerkannten und zugegebenen Kausalität geradezu lächerlich wäre. Wir können die Berechtigung dieses Einwandes gegenüber jeder geschichtlichen Kritik durchaus nicht bestreiten. Gewiß, das Auftreten der Reformation und ihre Rückwirkung auf die weitere Entwicklung des europäischen Geisteslebens ist ebenso gut ein natürliches Ereignis als wie etwa der Einbruch einer Eiszeit. Auch hier könnten wir sagen: wie großartig hätte sich die Entwicklung des Menschengeschlechtes auf unserem Planeten gestaltet, wenn die Eiszeiten nicht immer wieder von neuem die Ansätze einer Kultur zerstört hätten! —

Aber praktisch läßt sich ein derartiger mathematischer Standpunkt gegenüber den geschichtlichen Ereignissen durchaus nicht durchführen. Tatsächlich haben denn auch die besten Denker aller Nationen und aller Lager schon von der Zeit Goethes an die Reformation um dieser hier angedeuteten indirekten Wirkung willen verurteilt. Man kann mit Recht den Standpunkt einnehmen, daß ohne das Auftreten Luthers und ohne den mächtigen fürstlichen Schutz, der ihm aus teilweise rein materiellen Gründen zuteil wurde, das Geistesleben Europas sich in den nachfolgenden Jahrhunderten friedlicher gestaltet hätte. Luther hat doch tatsächlich keineswegs einen geistigen Fortschritt gebracht, sondern er stellt im Gegenteil die heftigste Verkörperung des schon im Abklingen begriffenen mittelalterlichen religiösen Empfindens vor. Luther ist kein freier, vom Standpunkt jener Zeiten aus beurteilt, offener und moderner Mensch. Er hat die schlimmsten Instinkte der Massen wachgerufen, hat den nie schlummernden Sinn für Gerechtigkeit mißbraucht (man denke an die „evangelische Freiheit“!) und schließlich seinen Gläubigen nichts anderes vorgesetzt als die von ihm gedeutete Bibel. Die Wandlung, die nun infolge dieser Neuentfachung religiöser Schwärmereien in Europa im Laufe eines einzigen Jahrhunderts vor sich ging, gehört zu den interessantesten Erscheinungen, die die Weltgeschichte darbietet. Aus dem liberalen und kunstfreudigen, wenn auch im Sinne Luthers „gottlosen Rom“ des Jahres 1500 wuchs sich die Hauptstadt der Christenheit zu einer in Furcht und Schrecken gebannten Zentrale der europäischen Inquisition im Jahre 1600 empor.“‚) *)

*) Freilich übertraf Spanien in dieser Hinsicht noch Italien.

Die katholische Kirche, die sich von außen bedroht sah, raffte sich zu heftigen Gegenschlägen auf. Die Italiener hatten niemals eine besondere Vorliebe für die Deutschen. Nun war ein großer Teil der Länder nördlich der Alpen vom katholischen Glauben abgefallen und ein Mönch hatte sich angemaßt, die Schrift richtiger auslegen zu können als der Papst selber. Dazu kam, daß auch in Italien der moderne Geist in verschiedenen Formen sich offenbarte. Beispielsweise war die Republik Venedig eine Freistätte für Andersgläubige. Diese durften sich nur nicht anmaßen, katholische Italiener zum Abfall von ihrem Glauben zu verleiten. Die religiöse Toleranz der Universität Padua war ein ständiger Stein des Anstoßes für den päpstlichen Stuhl.*)

Im Kampfe gegen die als Ketzer verschrieenen Neuerer entfaltete die Inquisition ihre Kräfte. Es ist beachtenswert, daß Rom selbst die geringste Zahl von Justizmorden dieser Art: Verbrennungen von Ketzern, Hexen und Häretikern aufweist. Das Jahr 1525 zeigt beispielsweise von vielen Jahren vorher und nachher als einziges den Vorgang einer Hexenverbrennung. Dagegen loderten die Scheiterhaufen in allen anderen Ländern der Christenheit, namentlich in Spanien, Frankreich und Deutschland. Man kann geradezu von einer Seuche sprechen und viele Schriftsteller, die sich mit der geschichtlichen Würdigung dieser traurigen Vorgänge befaßt haben, sind zu der Meinung gekommen, daß es sich um eine Art geistiger Epidemie gehandelt habe.

*) Der venetianische Staatstheologe Paolo Sarpi drohte in einem Konflikt mit Rom (1606) unverblümt mit dem Abfall zum Protestantismus 1

Als Ursache dieser Epidemie wird in der Regel die Geistlichkeit und deren abergläubische Weltanschauung angegeben. Es ist aber auch hier wieder zu sagen, daß wir Ursache und Wirkung nicht voneinander zu scheiden vermögen. Muß nicht, bevor wir eine derartige religiöse Entgleisung annehmen können, vorher der allgemeine Zustand des Denkens der Zeit als ein völlig kindlicher und geistloser bezeichnet werden? Wichtig und zu wenig beachtet ist ferner die Tatsache, daß an dem allgemeinen Treiben gegen Hexen, Ketzer und Andersgläubige auch die weltliche Obrigkeit und zahlreiche andere nicht geistliche Einzelpersonen teilnahinen. Bei diesen, seltener bei den geistlichen Wüterichen, spielte dabei der Gelderwerb eine große Rolle. Namentlich zeigen die Hexenprozesse in Spanien, Frankreich und Deutschland aufs klarste, daß es in den meisten Fällen auf die Konfiskation der Güter abgesehen war oder auf die Erwerbung der Sporteln. Das eine war in vielen Fällen ausschlaggebend für zahlreiche kleine Fürsten, das andere war für Denunzianten, Richter und Schöffen entscheidend. Aber auch in dieser Hinsicht ist bemerkenswert, daß gerade die von der katholischen Kirche in Italien selbst durchgeführten Inquisitionsprozesse am allerwenigsten von derartigen Motiven geleitet worden sind.

Für die Beurteilung dieser Sachlage ist es wichtig, daß man sich vergegenwärtigt, wie sehr die von Aberglauben und Verbrechen geleitete religiöse Intoleranz von allen Bekenntnissen in gleicher Weise gepflegt wurde. Zwingli ließ die Wiedertäufer in der Limniat ersäufen, Calvin und seine Schergen verbrannten zu Dutzenden harmlose Eiferer und gar im mittleren und nördlichen Deutschland loderten die Scheiterhaufen in gräßlichster Weise. Während um das Jahr 1500 eine Ketzerverbrennung als eine Seltenheit angesehen wurde, gehörte diese grausame Hinrichtung um das Jahr 1600 zu den alltäglichen Vorkommnissen. Daran ist die Religion soviel Schuld wie die Jurisprudenz, die Medizin soviel wie die Philosophie. Es ist lächerlich, ausgerechnet den Theologen alle Schuld beizumessen und völlig zu übersehen, daß eine geistige Epidemie der Theologen allein unmöglich ist. Übrigens ist das mit der geistigen Epidemie nur eine Ausrede — die gleiche Gesinnung wie damals hat in früheren wie späteren Epochen die Menschen beherrscht — und beherrscht sie auch heute noch. Im Weltkrieg sind mehr Menschen grausam getötet worden als jemals früher verbrannt wurden. Nur die „Ideale“, um derentwillen getötet wurde, haben gewechselt.

Die Verbreitung des Wissens durch gedruckte Bücher und die Vermehrung der Kenntnisse durch die Wiederentdeckung zahlreicher verschollener Schriften aus dem Altertum gaben dem europäischen Denken um 1500 einen mächtigen Antrieb. Da zudem trotz der politischen Zersplitterung sowohl Deutschland wie auch Italien sich in wirtschaftlicher Hinsicht außerordentlich günstig entwickelten, so hätte eine ungestörte Weiterentwicklung in kurzer Zeit eine hohe Blüte zum mindesten in diesen beiden Ländern hervorgebracht. Man muß annehmen, daß die gewaltigen positiven Kräfte, die im Sinne einer derartigen Gesundung wirksam gewesen sind, auch noch längere Zeit nach dem Auftreten der unglücklichen Störung am Leben blieben. Denn das Zeitalter zwischen Luther und Galilei zeigt gleichzeitig das Anwachsen und Nebeneinanderlaufen beider Kraftströme: die positiven Tendenzen, die zu gewaltiger Weiterentwicklung des abendländischen Menschen drängten und daneben, zu immer größerer Kraft gelangend, die negativen Tendenzen, die aufwühlenden unterseelischen Kräfte, die schließlich die Oberhand erlangen. Als Luther seine berühmten 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, war Deutschland ein wohlhabendes, ja stellenweise reiches Land und Italien war voll moderner und geistreicher Menschen. Als dann der 30jährige Krieg der ganzen religiösen Wirrnis ein verlogenes Ende bereitete, im Jahre 1648, war Deutschland zu einem nicht geringen Teil eine Wüste, sein Geistesleben war fast vernichtet … und Italien war aus dem geistigen Leben Europas geradezu ausgeschaltet. Zwischen diesen beiden Zeitpunkten haben beide Strömungen, ungefähr um 1600, gerade als die Gegenreformation zum wuchtigen Schlage ausholte, ihre Machtstellung gewechselt. Das geistige Europa erlebte im Zeitalter Galileis, als schon in allen Ländern die negativen Kräfte Oberhand gewannen, das Maximum seiner Blüte. Die um 1600 wirksamen negativen Kräfte, die sich einige Jahrzehnte hindurch fortsetzten, haben dann auf die folgenden Generationen ihre niederschmetternde Wirkung ausgeübt: Italien blieb völlig ausgeschaltet aus dem geistigen Leben Europas, ebenso Spanien, während Deutschland mehrere Generationen lang nur eine geringe Rolle zu spielen imstande war.

Wir haben die hier skizzierten Verhältnisse, deren nähere Erörterung nicht unsere Aufgabe sein kann, in zwei Karten zum Ausdruck gebracht. Die eine Karte zeigt das geistige Leben Europas zur Zeit Galileis. Wir sehen da fünf Nationen durch ihre hervorragendensten Vertreter auf eine Landkarte eingezeichnet. Die zahlreichen lodernden Scheiterhaufen zwischen den berühmten Namen und gelegentlich auch bei den Trägern dieser Namen selber zeigen uns den ungeheuren Zusammenstoß zweier Weltanschauungen, der damals in Europa stattfand. Viel zu wenig, meinen wir, ist dieser eigenartige geschichtliche Moment bisher von uns gewürdigt worden.

Die zweite Karte zeigt das Bild Europas hundert Jahre nach Galilei. Aus den fünf Nationen sind drei Nationen geworden, oder da man Deutschland um 1700 erst halb zählen kann, zweieinhalb. Spanien und Italien sind aus dem geistigen Leben noch völlig ausgeschieden. Wenn wir auch zugeben wollen, daß in der drastischen Darstellung auf der Karte eine Übertreibung enthalten sein mag, so geben die beiden Bilder doch im wesentlichen eine getreue Darstellung jener furchtbaren Wirklichkeit, die dem Abendlande zum Beginn der Neuzeit Schicksal wurde.

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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