Das Familienbild

EIN AUFTRAG AN DIE KÜNSTLER UNSERER ZEIT

Der eine Maler zaubert eine ganze Schlacht mit allen Farben der Palette auf die Leinwand, doch nach kurzem sind er und sein Werk vergessen. Seine Schlucht war eitel Blendwerk, leerer Tand, Angeberei, nur ein Gedächtnisfang. Ein anderer malt ein Büschel Gras, ein paar Pellkartoffeln mit einem Hering oder ein in der Pfütze spielendes Kind und fängt in seinem Werk die ganze Welt ein. Noch nach Jahrhunderten ergreift es die Menschen.

Ob ein Bild ein Kunstwerk wird, hängt nicht von dem dargestellten Gegenstand ab, sondern einzig und allein von der begnadeten Hand des Künstlers. Diese Freiheit vor dem Motiv, die Freiheit, das Bild einer Dirne genau so wie das Bild einer Madonna zu einem Kunstwerk höchster Vollendung gestalten zu können, verleiht dem Künstler eine gewaltige Macht, eine Macht, die von größtem Segen für das Volk sein kann, die es aber auch zur größten Verderbnis zu führen vermag.

Wir leben in einem gewaltigen Umbruch. Im Zerfall der alten Welten erkennen wir durch Schmerz und Not hindurch in ahnungsreichem Glück die Formen einer neuen Welt. Wir spüren mit gläubigem Erschauern, wie aller Schein dahinschwindet, wie das, was sich in Jahrhunderten getrennt auseinandergelebt hatte, wieder zueinander will, zu einer Einheit, zur göttlichen Ordnung. Das Leben, die Kunst, die Religion, sie sollen wieder nur einem einzigen dienen — Gott. Das tägliche Leben des einzelnen, des Menschenpaares, der Familie, der Sippe, des Volkes, unsere religiösen Feiern und als sinndeutende Hochform die Kunst, sie alle sehen und gestalten wir wieder als Ausdruck göttlichen Willens.

Der Künstler ist wieder eingesetzt in die größte, ihm seit je gestellte Aufgabe, dem Lebendigen zu dienen. Er wird die göttliche Ordnung nicht mehr aus dem Stoff einer Hafenkneipe oder eines Blumenstillebens formen, sondern aus dem Stoff des ihn umgebenden, zu neuer Ordnung drängenden Lebens der Menschen. Dies wird er nicht mehr als einen Zwang, als eine Einschränkung in der Motivwahl betrachten, sondern es wird von innen her, von seinem künstlerischen Maß, sein sehnlichster Wunsch sein, diejenigen Bilder zu gestalten, in denen das Gesetz des Lebens als eines mit dem Gesetz der Kunst am schönsten und sinnfälligsten zum Ausdruck kommt.

Die Künstler werden nicht müde werden, diese Themen immer wieder neu, immer inniger zu bilden: den in sich ruhenden und auf ein Ziel hin bewegten Menschen, das ebenbürtige Paar, das eines Sinnes ist, und als besonders reiche Aufgabe die aus der Ebenbürtigkeit eines einigen Paares entfaltete kinderreiche Fumilie. Die „Cocotte“ von Leibi, die „Nachtwache“ von Rembrandt werden uns zwar als köstliche und ewig junge Werke Generation um Generation von neuem begeistern. Auch die Künstler der kommenden Zeiten werden es sich nicht nehmen lassen, ein plötzlich erschautes Bild, das sie ergreift, in Farbe und Stein zu bannen, ihre höchste Aufgabe jedoch werden sie darin sehen, die Hochformen des Lebens, Liebe und Ehe, zum Gegenstand ihres Könnens zu wählen. Sie werden diese herrlichste aller Aufgaben nicht mehr, wie es vielfach noch heute geschieht, den gewandten Konjunkturrittern überlassen, die nur gedanklich zu politischen — hoffentlich nicht auch egoistischen — Zwecken ihr Handwerk üben, sondern sie werden den Artisten und Virtuosen Pinsel und Meißel aus den unheiligen Fingern nehmen und mit begnadeter Hand die göttlichen Gleichnisse des Lebens reinen Herzens in göttliche Formen gießen.