Das neue Südafrika

Die Weltgeschichte macht heute geradezu Sprünge. Kaum acht Jahre sind vergangen, seit die südafrikanischen Freistaaten zusammengebrochen sind und das Burentum so daniederlag, dass man an ein Wiedererstehen dieses Volkes kaum mehr denken konnte.

Wir haben damit die schöpferische Kraft des Burentums weit unterschätzt, denn gerade das Burenelement ist es, das die neue südafrikanische Union zusammengebracht hat. Aeusserlich ist der Traum von Cecil Rhodes, ein geeinigtes Südafrika unter britischer Flagge, in Erfüllung gegangen, innerlich nähert sich aber das junge Staatengebilde mehr der Idee Ohm Krügers. Denn in Wirklichkeit befindet sich im neuen Südafrika das politische Uebergewicht in den Händen der Buren. Ob nun die führenden Burenkreise den Traum einstiger Selbständigkeit unter eigener Flagge endgültig begraben oder nur zurückgestellt haben oder ob sie einzusehen beginnen, dass es sich für ein kleines Volk unter dem Schutz und Schirm eines grossen Reiches doch besser leben lässt, wird die Zukunft lehren. Wir glauben, dass das letztere der Fall ist. Jedenfalls zeugt das Verhalten des Burentums während all der Jahre von viel politischem Verstand — oder besser gesagt — von einem grossen Mass von Bauernschlauheit. Wenige Jahre nach dem erbitterten Krieg entpuppten sich die Buren als so loyale Untertanen des britischen Reiches,  dass ihnen für ihr Wohlverhalten schon 1905 Selbstverwaltung zugestanden wurde.

Und Louis Botha, der Führer der Buren im Kriege gegen die Engländer, sprach im Jahre 1906 auf der britischen Reichskonferenz mit solcher Begeisterung vom britischen Reich, dass auch die naivsten Leute ob solcher Wandlungen hätten stutzig werden können. Jedenfalls haben die Buren erreicht, was sie wollten, sie haben in aller Form in Südafrika das Heft in den Händen und sind im Grunde mächtiger als vor dem Kriege. Und Louis Botha ist Premierminister des neuen Südafrika.

Am achten Jahrestage des Friedensschlusses von Vereeniging, den Botha mitvollzogen hat, ist in Pretoria, der Hochburg der Krügerschen Oligarchie von ehedem, die südafrikanische Union feierlich proklamiert worden. Sie umfasst neben den beiden alten Kolonien Kap und Natal die beiden eroberten Buren-Republiken, die damit endgültig und noch enger in die Reihe der britischen Tochterstaaten erster Klasse, solche mit selbständigerVerfassung und einem Parlament verantwortlicher Regierung, treten. Alle vier werden Provinzen des neuen Südafrika. Die vier bisherigen Gouverneure und Parlamente verschwinden. Das ganze Gebiet, das viermal so gross ist wie Grossbritannien und Irland und rund 1 100000 weisse, rund 4 200000 farbige Einwohner zählt, ist einem General-Gouverneur als Vertreter der britischen Krone unterstellt. Neben ihm stehen das Bundes-Ministerium, der Senat und die Gesetzgebende Versammlung. Der Senat hat 40 Mitglieder, 8 für jede Provinz gewählte und 8 vom Gouverneur ernannte. Von den 121 Abgeordneten der Gesetz-Abenden Versammlung kommen 51 auf das Kapland, 36 auf Transvaal und je 17 auf Oranje und Natal.

Wer nun aber glaubt, das rasche Zustandekommen der südafrikanischen Union sei ein Beweis für die Einigkeit der Nationalitäten, der befindet sich sehr im Irrtum. Im Gegenteil, die politischen Kämpfe werden jetzt erst losgehen, nachdem das Burentum in aller Form politisch mündig gemacht worden ist. Aber es werden immer Kämpfe sein, die an dem Charakter des neuen Staates als Gliedes des britischen Reichs kaum etwas ändern dürften. Immerhin können veileicht noch Menschenalter vergehen, bis Burentum und Angelsachsentum sich assimiliert haben, wenn dies überhaupt jemals geschieht. Es gibt noch zu starke Gegensätze zwischen beiden Nationalitäten; wir nennen nur die Sprachenfrage und die grundverschiedenen Anschauungen der Buren und Engländer über die Eingeborenenpolitik. Auch wir haben alle Ursache, mit einer gewissen Aufmerksamkeit der Entwickelung der Südafrikanischen Union zu folgen, sind wir doch in Südwestafrika Nachbarn des neuen Staates. Hoffentlich gelingt es uns, freundnachbarliche Beziehungen anzubahnen, denn unsere Kolonie ist bis zu einem gewissen Grade wirtschaftlich von dem guten Willen unserer Nachbarn abhängig. Es wird aber gut sein, wenn wir davon absehen, die „Stammesverwandlschaft“ mit dem herrschenden Burentum und den Dank, den uns die Buren schulden, als Faktoren in die Rechnung einzusetzen. Schon die zahlreichen deutschen Mitkämpfer im Burenkrieg mussten vielfach zu ihrem Schaden einsehen, dass Dankbarkeit nicht zu den Tugenden des Buren gehört und in Südwestafrika haben wir im allgemeinen die Erfahrung gemacht, dass die dort wohnenden zahlreichen Buren keineswegs Miene machen, sich uns einigermassen anzupassen. Von irgendwelcher Stammverwandtschaft kann überhaupt fast keine Rede sein; das Denken und Fühlen des Buren weicht ganz und gar von demjenigen des deutschen Ansiedlers ab. Nur in einem stehen die Buren uns näher als den Engländern: in der Auffassung über Eingeborenenpolitik. Wir können also hoffen’, dass wir in dieser Richtung mit der neuen Union bessere Erlahmngen machen werden, als z. B. während des Aufstands mit der früheren Kapkolonie.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“
Eine Straussenfarm in Deutschland
Wie der Neger in Togo wohnt
Deutsche Diamanten
Zur Frauenfrage in den deutschen Kolonien und andere Bekanntmachungen
Die Landesvermessung in Südwestafrika
Bilder aus dem Norden von Deutsch-Südwest: Namutoni
Koloniale Neuigkeiten
Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika
Das Deutsche Institut für ärztlich Missionen in Tübingen
Bilder von der afrikanischen Schutztruppe
Die Kolonien in der Kunst
Der Handelsagent in Deutsch-Afrika
Bierbrauerei der Eingeborenen in Afrika
Samoanische Dorfjungfrau
Losso-Krieger aus dem Norden von Togo
Allerlei aus dem Leben des Togonegers
Ostafrikanisches Obst
Ostafrikanische Küstenbilder
Tabakbau und Tabakverarbeitung in Havanna
Die französische Fremdenlegion
Kamerun : Totentanz der Küstenneger
Ein Rasseproblem
Blick in eine Wanjamwesi-Siedlung bei Daressalam
Der Botanische Garten zu Berlin als Zentralstelle für koloniale Landwirtschaft
Die Kirchen in Daressalam
Das Meer und seine Bewohner : Seevögel
Sie riss das Gewehr an die Backe, zielte einen Augenblick und schoss . . .
Wie man in Afrika in der Regenzeit reist
Auf den Diamantenfeldern von Lüderitzbucht
Die Diamanten-Regie des südwestafrikanischen Schutzgebiets in Berlin
Bilder aus der ostafrikanischen Vogelwelt
Vom Deutschtum im Ausland (Chile)
Medizintanz der Baias in Kamerun
Hamburg als Hafenstadt
An der Trasse der Bagdadbahn
Die Baumwollfrage
Die Mischehen unter fremden Rassen
Das Haar
Deutsches Leben in Deutsch-Südwest Afrika
Unteroffiziere der Schutztruppe in Südwest-Afrika feiern Weihnachten
Wenn der Buschneger den ersten Weissen sieht …
Berittene Spielleute des Sultans Sanda von Dikoa
Ein Morgenpirschgang in Ostafrika
Die Kilimandjaro-Bahn
Die Aufgaben der deutschen Frau in Deutsch-Südwestafrika
Kolonie und Heimat : Rückblick und Ausblick
Prosit Neujahr!
Wie die Ponapeleute entwaffnet wurden
Goldgewinnung an der Goldküste
Eingeborenen-Bilder aus Kamerun : Die Wute
Wie schafft man sich gesundes Blut?
Bilder aus der Tierwelt Südafrikas
Totengebräuche auf den Salomons-Inseln
Fünfundzwanzig Jahre Deutsch-Ostafrika
Eine Reise durch die deutschen Kolonien
Neues aus dem Innern von Neu-Guinea
Der Nord-Ostsee-Kanal
Bilder aus der Kameruner Vogelwelt
Die landwirtschaftliche Ausstellung in Keetmanshoop
Herero-Mann Deutsch-Südwestafrika
Die Straussenzucht in Südwestafrika
Kolonie und Heimat erscheint von jetzt an wöchentlich.
Die deutsche Frau in der Südsee
Die Ölpalme
Frauenerziehung in China
Seltsame Fleischkost
Mitteilung des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft
Die Herstellung von Rindentuch in Zentralafrika
Südwestafrikanische Früchte in Deutschland
Windhuk
Der Panamakanal
Bilder aus Kiautschou : Unsre Besatzungstruppe
Bilder aus Kiautschou : Chinesische Verkehrsmittel
Ein Besuch in der chinesischen Stadt Kiautschau
Das neugierige Krokodil
Bilder vom Wegebau in Kamerun
Negerkapelle
Verarmte deutsche Ansiedler in Jamaika : Ein Notschrei aus Westindien
Pestgefahr in Kiautschou?
Gastfreundschaft in Deutsch-Ostafrika
Eine leckere Mahlzeit
Südseeinsulaner aus Jap (Westkarolinen)
Kalkutta
Liebesdienst
Die Ausfuhrprodukte Deutsch-Ostafrika
Die Bewohner von Ruanda
Die Heuschreckenplage in Südafrika
Südseeschutzgebiete
Deutsch Ostafrika : Gefangene junge Elefanten in Udjidji am Tanganjikasee
Koloniale Plastik
Wie der Europäer in Südafrika wohnt
Bilder von der ostafrikanischen Nordbahn
Die Tropenhygiene auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung
Kamerun: Ein Haussa-Fleischer in Bamum räuchert Fleisch
Ein afrikanischer Operettenkrieg
Der tote Buschmann

4 Comments

  1. […] Ein Haussa-Fleischer in Bamum räuchert Fleisch Ein afrikanischer Operettenkrieg Der tote Buschmann Das neue Südafrika Auf einer Station im Innern von Südkamerun Die drahtlose Telegraphie und ihre Bedeutung für […]

    6. Oktober 2016

Comments are closed.