Das Photographische Porträt

Die nicht gerade einfachen Vorgänge und Wirkungen in der photographischen Porträten führen oft zu mißverständlichen Beurteilungen. Dem photographischen Porträt gegenüber, besonders wenn ihm von anderer Seite das Prädikat „künstlerisch“ zuteil geworden ist, sind viele auffallend mißtrauisch. Sie finden es ganz selbstverständlich, daß die photographische Technik eine mehr oder minder mechanische, handwerkliche Tätigkeit ist. Ab und zu werden noch die Leistung der modernen Optik und die schönen Papiere bewundert. Gerade diese Kreise ziehen gerne Vergleiche zwischen dem gemalten und dem nur photographierten Porträt. Sie sagen mit Vorliebe, die Photographie könne nur einen Moment wiedergeben, während der Maler in der Lage sei zu kombinieren, und vor allem das Innere, die Seele des Menschen darstellen könnte; die Photographie dagegen zeige nur die Oberfläche des Abgebildeten.

In meinem Berufsleben habe ich Gelegenheit gehabt, mit Künstlern und kunstbegabten Menschen aller Nationen zu verkehren; ich habe gefunden, daß große, hochstehende Künstler und ästhetisch Gebildete den Kunstcharakter des photographischen Porträts rückhaltlos anerkennen. Dies aus dem einfachen Grunde, weil sie alles einzuschätzen wissen, was man mit dem Worte „geistige Auffassung“ bezeichnet. Das photographische Porträt entsteht durch die Auffassung und nicht allein durch die Technik. Wo keine geistige und künstlerische Auffassung ist, ist auch kein anderes Ergebnis als Mechanismus.

Je mehr die Auffassung ganz bewußt Wege geht, die die Eigenart der Technik der Photographie, ihren Stil, berücksichtigen, desto besser für das Resultat. Zugegeben, die Photographie kann nur einen Moment wiedergeben,- wenn nun aber dieser Moment ein sehr guter ist? Wenn in diesem Moment eine Stimmung, ein charakteristischer Blick, ein Lächeln, ein lustiges Kindergesicht glücklich eingefangen wurde, ist dann nicht aus dem Nachteil ein Vorzug geworden? Dieser Vorzug ist so groß, daß man ohne Prätention behaupten kann, gewisse Dinge lassen sich überhaupt nur mit Photographien wiedergeben. In dieser Erkenntnis hegt das Ziel guter, ehrlicher Bestrebung in der photographischen Porträtur:die Kultivierung des Mo men tanen.

Auch den andern schlagwortartigen Begriff, der Maler könne die Seele des Abgebildeten darstellen, während der Photograph lediglich die Oberfläche wiedergeben könne, möchte ich gerne etwas näher besehen.

Ob der Künstler die Seele des Porträtierten darstellen könne, ist seit Generationen eine beliebte Streitfrage; die einen bejahen dies, die andern bestreiten es. Jakob Burckhardt drückt sich darüber sehr zurückhaltend aus: er spricht von einer Verrechnung zwischen Ähnlichkeit und höherer Auffassung, was aber ein schwieriges Thema sei. Goethe äußert sich darüber, indem er sagt, der Künstler sei beim Porträt lediglich zur Darstellung der Oberfläche berufen; noch schärfer drückt sich Friedrich Nietzsche aus ; er schreibt:

„Daß gar der Maler und der Bildhauer die Seele des Menschen zum Ausdruck bringe, ist eitel Phantasterei und Sinnentrug.“

Er führt dann weiter aus, daß man, um Seelenmaler zu sein, geradezu vollkommene Kenntnisse seines Modells haben müsse, und wer habe diese? Wir alle hätten von unseren Nebenmenschen nur sehr unvollkommene Vorstellungen, man mache sich nur ganz oberflächliche Entwürfe von seinem Nebenmenschen überhaupt, weil man ihn in seinen geheimsten, inneren Wesentlichkeiten niemals erkennen könne. Es sei also eine schöneTäuschung, wenn ein Maler behaupte, er male den inneren Menschen.— Wenn man glaubt und weiß, daß die seelischen Eigenschaften wenigstens teilweise die Oberfläche des Menschen, sein Gesicht, die Hände, die Bewegungen und den Ausdruck aufs nachhaltigste beeinflussen und formen, so darf man auch annehmen, daß das Seelische im Menschen in seinem Porträt zu erkennen sein wird, auch wenn dieses nur mit „Objektivität“ hergestellt worden war.

Die Grenzen, die man durch verallgemeinernde Behauptungen der photographischen Porträtur ziehen möchte, si nd nicht festliegend. Geistige Auffassung, psychologische Kenntnisse und Fähigkeiten, verbunden mit souveräner Beherrschung der künstlerischen Ausdrucksmittel, werden die photographische Porträtur zur noch weiteren Entwicklung führen.

Zürich, Anfang 1920.
Camill Ruf.

Siehe auch:
Albert Anker-Besuch im Atelier

2 Comments

Comments are closed.