Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.

Zickzackkurs und Scheinblüte.

Als sein eigener Kanzler und womöglich auch sein eigener Feldherr wollte Kaiser Wilhelm II. die Geschicke des Reiches leiten. „Ich werde euch herrlichen Zeiten entgegenführen“, war sein Versprechen. Mit großen Reden und Kundgebungen trat er vor die Öffentlichkeit. Doch die Taten hielten nicht immer, was das Wort versprach. Das merkte das Volk sehr bald. Schmeichelnde Höflinge und Juden gewannen Einfluß. Nach einigen Fehlgriffen wurde der Kaiser selbst unsicher und unentschlossen. Das deutsche Staatsschiff fuhr einen Zickzackkurs. Sein „wachhabender Offizier“ war kein Führer. Und gerade in dieser Zeit hätte es eines zielbewußten, kraftvollen Führers mehr denn je bedurft, denn schwere Entscheidungen reiften heran.

Von Jahr zu Jahr wuchs die Bevölkerung Deutschlands um nahezu 900 000 Menschen. Alle mußten ernährt werden. Die deutsche Wirtschaft nahm einen ungeahnten Aufstieg (Gasglühlicht, Benzinauto, Grammophon, elektrische Wellen, Dieselmotor, Röntgenstrahlen, Luftschiff, Motorflugzeug, drahtlose Telephonie).

England, das bisher führend gewesen war, wurde in der Stahl-, Roheisen- und Maschinenerzeugung überholt. Deutschland förderte beinahe soviel Kohlen wie England. Der deutsche Außenhandel überholte schon 1893 den französischen, stand an zweiter Stelle in der Welt und näherte sich dem englischen. Das Reich besaß die zweitgrößte Handelsflotte. Mit 60000 km Schienenlänge hatte Deutschland das beste Verkehrsnetz in Europa.

Aber die stark aufgeblühte Industrie war im Rohstoffbezug vom Wohlwollen des Auslandes abhängig. Baumwolle, Wolle, Kupfer, Eisenerze und Nahrungsmittel mußten aus fremden Ländern eingeführt werden. Das ergab eine starke Abhängigkeit vom Ausland, die sich im Kriegsfall verhängnisvoll auswirken konnte. Sperrten die anderen Mächte die „offene Tür“, dann brachen Deutschlands Wirtschaft und Ernährung zusammen.

Eine starke Flotte sollte diese Gefahr von Deutschland abwenden. Mit der Durchführung des Flottenbauprogramms betraute der Kaiser den Admiral Tirpitz. 19 Linienschiffe, 8 Küstenpanzer, 12 große und 30 kleine Kreuzer wurden gebaut. Kiel, Wilhelmshaven und die Insel Helgoland wurden Seefestungen ersten Ranges. Deutschland rückte zur zweitstärksten Seemacht auf. Das erregte den Neid der Großmächte Europas, vor allem aber die Gegnerschaft Englands.

Noch größer und verderblicher als die außenpolitischen Gefahren waren die Schäden, die der deutschen Volksgemeinschaft aus der überstürzten Entwicklung zum Industriestaat entstanden.

Besonders gefährdet waren die Ostgebiete. Eine Million Deutsche wanderten vom Osten in die Industriestädte des Westens, und nur 100000 ließen sich im Ostraum nieder. Die Polen strömten in Massen ein. Der Staatsraum war zu klein geworden, um das Volk zu ernähren und wurde doch nicht voll für das deutsche Volk ausgenutzt.

Auch der Wille zur Volksgemeinschaft erfuhr keine Stärkung. In keinem Lande der Welt geschah so viel für die Arbeiter wie in Deutschland. Trotzdem schürten die marxistischen Hetzer fortgesetzt weiter. Ihnen ging es nicht um die Besserstellung der Arbeiter, sondern um die Erringung der Macht. Sie schürten den Haß gegen den Staat und setzten sich als Ziel die Errichtung der marxistischen Republik. Die Zahl der marxistisch verhetzten Arbeiter stieg ständig.

So erlebte das deutsche Volk unter Wilhelm II. wohl eine wirtschaftliche Scheinblüte. Aber die äußere Machtstellung war auf schwankendem Grunde aufgebaut. Dem Volke fehlte die innere Geschlossenheit, dem Reiche ein starker, zielbewußter Führer.

Die Einkreisung Deutschlands.

Bei allen Bestrebungen in der Weltpolitik, die sich gegen ein Erstarken Deutschlands richteten, war England der treibende 1904/05 Keil. Im Russisch-Japanischen Krieg ließ es Rußland durch Japan, mit dem England ein Bündnis geschlossen hatte, gehörig schwächen. Schon vorher hatte es sich mit Frankreich ausgesöhnt, nun zog es auch Rußland an sich heran und wandte sich gemeinsam mit beiden gegen Deutschland. Sein Ziel war, die wirtschaftliche Machtstellung Deutschlands zu brechen, seine Flotte zu zerstören und seine Kolonien zu rauben. Deutschland sollte von seiner stolzen Höhe herabgestoßen werden. Deshalb betrieb der englische König Eduard VII. die Einkreisung Deutschlands und die Zerstörung des Dreibundes. In den Ring um Deutschland wurde noch eine Reihe kleinerer Mächte einbezogen (Belgien, Portugal, Serbien und Rumänien).

Diesem mächtigen Feindblock stand Deutschland fast allein oder doch mit unsicheren oder schwachen Bundesgenossen gegenüber. Italien hatte schon im Jahre 1902 auf Englands Betreiben ein Abkommen mit seiner „romanischen Schwester“ Frankreich geschlossen. Beide wollten in einem Kriege mit einer dritten Macht neutral bleiben. In Österreich warteten die slawischen Fremdvölker schon damals auf den Zerfall des Habsburgerreiches, um eigene Staaten aufrichten zu können. Noch kläglicher sah der letzte Freund Deutschlands aus, die Türkei. Spottend nannte man sie den „kranken Mann am Bosporus“.

In den Feindländern setzte um 1900 ein ungeheures Wettrüsten ein. Mit französischem Gelde verstärkte Rußland sein Heer auf 1,3 Millionen Mann. Frankreich führte die dreijährige Dienstzeit ein. England baute riesige Schlachtschiffe und viele Tauchboote, Belgien ging zur allgemeinen Wehrpflicht über. Den französischen Manövern wohnten russische Offiziere bei, und die Generalstäbe arbeiteten gemeinsame Kriegspläne aus. Dazu kam noch ein gemeiner, niederträchtiger Lügenfeldzug gegen Deutschland.

Alle großen Zeitungen der Welt erhielten ihre Nachrichten von wenigen Pressebüros, die von Freimaurern und Juden geleitet wurden. Sie alle waren gehässige Feinde Deutschlands und verbreiteten zielbewußt gemeine Lügen. Immer drohender und düsterer gestaltete sich die Lage der Mittelmächte. Weder dem deutschen Kaiser noch irgendeinem Mann seiner Umgebung gelang es, die Lage günstiger zu gestalten. Mehrfach bot sich Gelegenheit, einen der Gegner (Frankreich, Rußland) für sich allein niederzukämpfen, bevor die Einkreisung erfolgte. Doch auch dazu wurde der Entschluß nicht gefunden. 20 Jahre nach Bismarcks Sturz hatten genügt, um Deutschland völlig einzukreisen.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.