Der achtseitige pyramidische Helm und seine Verbindung mit dem Vierkantturm

Umgekehrt nimmt der Helm auf Rundtürmen bisweilen die Form einer achtkantigen, in Betzendorf und Suderburg in der Lüneburger Heide und das Brücktor in Marienburg (22), oder sechzehnkantigen Pyramide an, in Salzhausen bei Lüneburg und Freckenhorst in Westfalen (120). Sie machen dem Zimmermann weniger Arbeit und passen sich gefällig dem runden Unterbau an. Reine Kegelform haben auch die als solche be-zeichneten Helme nicht. Sie bleiben immer vielkantige Pyramiden, da das Brett in der Hand des Zimmermanns seine ebene Fläche behält. Die Rundtürme der Kirchen in Suderburg, Salzhausen und Betzendorf sind nicht wie die der „Vizelinskirchen“ organisch mit dem Schiffe verbunden. Sie stehen fast frei vor der Westwand des Hauses und berühren diese kaum. Die Strebepfeiler der Türme in Suderburg und Betzendorf sollen ursprünglich gefehlt haben. Sie sind erst später als Stützen der Turmwände nötig geworden.

Das Wahrzeichen Eschweges ist ein aus Hausteinblöcken gefügter Gefangenenturm (XV), der für mehrere Straßenzüge ein abschließendes Bild gibt. Uber diesem Rundturm erhebt sich ein hohes, achtseitiges, mit Ziegeln gedecktes Pyramidendach. Vier auskragende, achtseitige, in Fachwerk erbaute Erkertürmchen tragen hohe Helme von gleicher Form und gleichem Material.

Hier kann noch auf einen andern, sehr alten Rundturm, den Buddenturm in Münster verwiesen werden. Er steht dort an der Kreuzschanze und stammt noch aus der ersten großen Stadtbefestigung von 1150. Auch er ist ein Gefangenenturm, der von vielen Spukgeschichten umraunt ist. Sie erzählen von traurigen Menschenschicksalen, von grausamen Folterqualen und Hinrichtungen und von den Seelen der dem Tode überlieferten Verbrecher, die noch heute in der Nähe herumspuken sollen. Der Turm wurde zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts in einen Wasserturm verwandelt. Dabei verlor er sein schmuckes, dem Eschweg Gefangenenturm ähnliches, leuchtend rotes Ziegeldach. Er erhielt dafür einen großformigen Zinnenkranz.

In der Geburtsstadt des deutschen Mystikers Thomas a Kempis, in Kempen am Niederrhein, gibt es ein Tor mit eigenartigen Turmhelmen. Es’ ist das Kuhtor (25). Seine Hauptfront ist in einen mittleren Teil und zwei Seitentürme gegliedert. Über dem ganzen Bau lagert ein breites Zeltdach, dessen Ecken von den beiden Türmen durchstoßen werden. Die Helme, die diese bedecken, verdienen besondere Beachtung. Sie erinnern an steil emporgereckte Walmdächer. Da die den Frontseiten des Tores zugekehrten Flächen der achtseitigen Pyramiden Rechtecksformen angenommen haben, entstanden in der Ansicht zwei Firstlinien. Sie beton-nen sehr eindrucksvoll die Ruhe und Behäbigkeit des Gesamtbildes. Die schlanken Rechtecksformen entsprechen der Ansicht des Gebäudes. Zur Füllung der leeren, großen, mittleren Dachfläche und als Vermittler zwischen den beiden Helmen dient ein Erker mit schlanker pyramidischer Spitze.

Achtseitige Pyramidenhelme auf achtseitigen Türmen sind keine Seltenheit. In Braunschweig finden wir sie am Dom und an der Martinikirche. Die beiden Westtürme des ersteren tragen flache (23), die der letzteren hohe Helme (24).

Ein besonders schöner und eindrucksvoller Turm dieser Art ist der der Ludgerikirche in Münster, der sich in oktogonaler Form aus einem schlichten schweren romanischen Unterbau über vermittelnde Formen zu einer filigranartigen Gotik entwickelt und mit seinem durchbrochenen Helm eine imposante Höhe erreicht. Er ist aufgebaut auf den Resten des romanischen Vierungsturms, die nach dem Brande von 1383 verblieben. Der Mittelbau des Wassertores in Sneek (183) in Holland, der, wie das Holstentor in Lübeck, mit einem Treppengiebel gekrönt ist, wird von zwei schlanken, achtkantigen Türmen flankiert. Die Schlankheit ihrer

Helme wird durch eine Brechung im unteren Teil besonders betont. Das Tor wirkt durch die Verwendung von glasierten farbigen Steinen außerordentlich lebendig.

Bei dem vorherrschenden quadratischen Querschnitt des Turmes mußte man besondere Wege einsehlagen, um die gewünschte Abrundung zu erreichen. Sehr einfach verfuhr man an der Zarpe-ner Kirche (26) bei Reinfeld (Holst), Man stellte auf den quadratischen Turm eine achtseitige Pyramide so, daß vier Ecken auf den Ecken des Turmes ruhen und die anderen über diesen hinaus ins Freie ragen. So schön die Kirche im übrigen ist — sie wird von Pastor Dr. W. Jensen, Wandsbek, im neuen Stormambuch als das hervorragendste kirchliche Baudenkmal Stormarns bezeichnet —, so kann man diese Turmlösung doch wohl nicht die glücklichste nennen. Der achteckige Hut paßt nicht ohne weiteres auf den viereckigen Kopf. Diese Lösung ist jedoch kein Einzelfall. Wir-finden sie auch in Mecklenburg (Zierzow, Börzow), in Pommern (Kirchbaggendorf) und Ostpreußen (Manchengut). Die besonders schöne Form von Wißmar in Pommern (27) zeigt im unteren Teil eine charakteristische Brechung.

Oft begegnet man hölzernen Glockentürmen, die auf 4 schrägstehenden Wänden einen achtseitigen pyramidischen Helm tragen. In Morsum auf Sylt bedeckt dieser einen Turm, der noch keine Wände zeigt, als einen offenen Glockenstapel, der auf vier hölzernen Ständern ruht, die oben und unten gegen die wagerechten Hölzer durch Kopf- bzw. Fußbänder versteift sind. Wahrscheinlich ist diese Form der Vorläufer aller soeben genannten Beispiele.

In Bergedorf (28), Altengamme bei Hamburg (30 und 31), Sörup in Angeln (29) und Seelow in der Mark (32) versuchte man das Quadrat allmählich in das Achteck überzuleiten, indem man von den Ecken des Turmes sowie von den Mitten der oberen Turmkanten geschwungene Gratlinien zu den Pyramidenkanten hinaufführte. In Welver bei Soest (33) leiten in gleichem Sinne gerade Linien zum Achteck der Pyramide hinauf, auf die man noch eine zweite setzte. Auf dem Westertor in Duderstadt (34) (XV) in Südhannover sind es acht linkswendende Grate, die allmählich das Achteck entstehen lassen und schraubenförmig bis zur Spitze führen.

Dieses Zimmermannskunstwerk ist verwandt mit dem Helm auf dem Börsenturm in Kopenhagen, wo die Schwänze von vier mit dem Kopf auf den Turmecken lagernden Drachen sich zusammenfügen und schraubenartig zur Turmspitze hinaufleiten.

Ein anderer gedrehter Turmhelm, der im engsten Zusammenhang mit dem Westertor in Duderstadt genannt werden muß, ist der in Estebrügge (35) im Kreis Stade. Dort entsteht in gleicher Weise, allerdings durch eine Windung nach rechts, aus dem Quadrat des Turmes zusehends ein Sechzehneck. An jeder der oberen Turmkanten beginnen also vier Pyramidenflächen ihren schraubenförmigen Weg nach der Spitze. Ganz bieder trägt der Helm scheinbar an beliebiger Stelle, etwa in mittlerer Höhe, drei Auskragungen mit den Zifferblättern. Die mittlere, die eine freihängende Glocke überdeckt, ragt weiter hinaus. Mit dem vierschrötigen Holzturm zusammen wirkt er in seiner Schwere und Breite recht niederdeutsch.

Es gibt übrigens zwei typische Lösungen, die die verlangte Vermittlung vom Quadrat zum Achteck bestens erfüllen. Wir finden sie beispielsweise an der Marienkirche (VIII) und am Dom zu Lübeck. Sie begegnen uns überall, in Stadt und Dorf. Würden wir die über das Mauerwerk hinausragenden Teile des Zarpener Helmes durch senkrechte Schnitte entfernen und das Mauerwerk bis zu den Schnittkanten hinaufführen, so hätten wir einen Turm, der denen der Marienkirche in Lübeck (36) entspricht. Er hat dann vier Giebel erhalten, die acht Anschlußkanten für einen achteckigen Helm ergeben. In der Regel sind die Giebeldreiecke ungefähr gleichseitig (Eutin, Altenkrempe, Gadebusch (Meckl.), Marienkirche in Lübeck, Johanniskirche in Lüneburg (IV), Dom und Liebfrauenkirche in Bremen, Dom in Halberstadt (XXIII) und Quedlinburg). Auf jeden Fall steht ihre Höhe in einem festen Verhältnis zur Höhe des Turmhelms, solange der Querschnitt über den Giebeln ein reguläres Achteck bleibt. Wenn der Helm eine besondere große Höhe erreichen soll, müssen sich die Achteckswinkel über den Turmecken ein wenig dem rechten nähern (78). Das trifft auch in erheblichem Maße für die Helme der Marienkirche in Lübeck zu, die ohne den Turm mit ihren sieben Geschossen eine Höhe von 65 bis 66 m haben. Als die Helme der Marienkirche in den Jahren 1882 und 1884 ausgenchtet wurden, brachte man sie nicht in die lotrechte Lage, weil die Turmansicht sonst einen Knick gezeigt hätte. Ihre Achse stellt die Verlängerung der Turmachsen dar. Die Ausweichung des Mauerwerks beträgt am Norderturm 1,18 m nach Westen und 1,88 m nach Norden, am Süderturm 0,97 m nach Westen und 1,61 m nach Süden. Die Höhe des Norderturms mißt bis zum Hahnenkamm 124,85 m, die des Süderturmes 126,15 m.

Die Glocken hängen im obersten Geschoß des Turmes. Darüber beginnt der Helm. Von den acht Gratsparren führen vier nach den Turmecken. Die anderen vier stehen auf den Enden eines Balkenkreuzes, das die Giebelspitzen miteinander verbindet. Die Schildgiebel sind wesentlich schwächer als das Turmgemäuer und ersetzen Drempelwände. Aus dem Mittelschnitt ist ersichtlich, wie die Last des Helmes durch die schräg liegenden Stuhlsäulen über alle Geschosse nach dem Mauerwerk hinuntergeleitet wird. Auf der Rückseite der Giebeldreiecke laufen an deren Schenkeln Sparren herab. Auf diese sind die Leersparren des Helmgcrüstes, die zwischen den Gratsparren stehen, aufgeschiftet. Bei Zeltdächern oder niedrigen Turmhelmen wird auch ihr oberes Ende an die Gratsparren geschiftet. Bei hohen Helmen vermeidet man das durch den „Wechsel“. Im nächst höheren Geschoß steht immer ein Leersparren in der Mitte über zwei anderen. Ihre Zahl muß sich nach oben hin auf enger werdendem Raum ja verringcrn.lnfolge der Wechsel bilden die Leersparren nicht wie die Gratsparren eine von oben bis unten ununterbrochene Linie. *)

*) In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 wurden in Lübeck die Turmhelme der Marienkirche, des Domes und der Petrikirche durch englische Fliegerangriffe restlos zerstört.

Eine starke Abweichung vom gleichseitigen Dreieck zeigen die Schildgiebel der alten Dorfkirche in Schobüll (37) (XVII) bei Husum. Dort sind die Dreiecke so flach und ist die Gesamterscheinung darum so stumpf und massig zugleich, daß man zögert, an eine Übereinstimmung in der Konstruktion mit den vorhin genannten Kirchen zu glauben.

Eine besondere Variante stellt der Helm der Kirche in Bau bei Flensburg (38) dar. Dort wurde die übliche Anschlußform aufgegeben. Er scheint um ein Viertel eines rechten Winkels gedreht zu sein, so daß seine Grate etwa nach den Mitten der Giebelkanten führen. Der obere Teil der Giebel ragt ein wenig verloren und verlassen in die Luft. Das wird aber wieder aufgehoben durch den Schmuck seiner Spitzen.

Für die andere Lösung wurde als Beispiel der Lübecker Dom (39) angeführt. Dort steht auf jeder der oberen Turmkanten ein nach innen geneigtes Trapez. Je zwei von ihnen sind durch ein gleichschenkliges Dreieck, das in seiner nach unten gerichteten Spitze mit einer Turmecke zusammenfällt, verbunden. Die Trapeze und Dreiecke schließen sich oben zu einem regulären Achteck zusammen, aus dem die Pyramide heraussteigt. Man kann wohl sagen, daß sie nach unten hin in ein Schleppdach übergeht, mit dem sie den ganzen Turm bedeckt. Es ist naheliegend, eine solche Form zurückzuführen auf den Ulzener Helm. Fertigen wir uns danach ein kleines Modell aus einer Mohrrübe an, schneiden wir von der Spitze her bis zur horizontalen Brechungslinie so herunter, daß aus der vierseitigen eine regelmäßige achtseitige Pyramide entsteht, und schneiden wir von den Turmecken so in der Richtung nach oben, daß sich je zwei Schnittflächen in einer Achteckseite vereinigen, so haben wir ungefähr ein Modell unserer zweiten typischen Helmform erhalten. Auch hier kann selbstverständlich die Brechung ein wenig ausgerundet werden, oder die Dreiecke bzw. die Trapeze können einen bogenförmigen Ablauf erhalten. Das ist auch am Lübecker Dom der Fall. Es muß hier eingeschaltet werden, daß die heutige Form seiner Helme nicht die ursprüngliche ist.

Eine Überführung des Mauerwerks vom Quadrat ins Achteck ist auch bei sehr hohen Helm-pyramiden eigentlich nie nötig. Der Südturm des Lübecker Domes zeigt im Innern oben einen achteckigen Mauerrand, der durch die unterwölbte Auskragung in den Ecken des obersten Turmgeschosses gebildet ist, die früher Ecktürmchen trugen. Auch im Petriturm in Lübeck (XVI) finden wir unter dem obersten, dem Drempelgeschoß, das eine geringere Wandstärke und geringere Höhe hat, in jeder Ecke vier übereinander vorspringende gemauerte Tonnenbogen. Bei allen anderen Lübecker Türmen ruht die Pyramide nur auf dem vom quadratischen Turm aufgenommenen Gebälk. Die Konstruktion kann so erfolgen, wie Abb. 40 zeigt. Am Grunde der Drempelwand liegt ein Rahmen auf der Mauer, auf dem die Sparren stehen. Auf dem oberen Mauerrand ruht ein zweiter Rahmen, von dessen Ecken die Eckschifter nach den Sparren führen.

Der Turmhelm in Rahlstedt ist alt und hat seit dem Bau der Kirche keine Veränderung erfahren. Im Jahre 1666 war er nach einer Meldung schon vorhanden. Er hat keine Drempelwand (41). Die acht Gratsparren ruhen hier, ein regelmäßiges Achteck bestimmend, mit ihrem Rahmen auf dem äußeren Mauerrand. Dadurch bilden die Trapeze mit den darüber stehenden PYramidenwänden eigentlich ebene Flächen. Ihre etwas stärkere Neigung wurde erreicht durch Knaggen, die auf die Sparrenfüße genagelt wurden. Da der Mauerrand meistens sehr breit ist, selbst die Drcmpclwand des Petriturms in Lübeck ist noch 72 cm stark, könnte man leicht eine weit größere Neigung erzielen.

Als weitere Beispiele für die Turmlösung mit Schleppdach mögen noch genannt werden die Dreifaltigkeitskirche in Harburg, die doppcltürmige Marschkirche in Altenbruch (XIV) bei Cuxhaven, die ebenfalls doppeltürmige Nikolaikirche in Quedlinburg, das Breite Tor in Goslar, St. Petri in Rostock, St. Kunibert in Köln und der Dom in Xanten. Die Martinikirche in Halberstadt trägt Helme dieser Art, von denen der eine sehr niedrig ist.

Viele Variationen lassen sich auf diese Form zurückführen. In Gleschendorf bei Lübeck (43) erhebt sie sich über einer abgeschnittenen vierseitigen Pyramide. In Isernhagen (44) bei Celle ragen die Trapeze und Dreiecke etwa bis zur Mitte der Helmhöhe steil hinauf. Ähnliches finden wir in Hamborn und Lohne bei Soest. An dem Helm der Kirche in Neustadt, Holstein, der etwa 100 Jahre alt ist, sind sie dagegen so stark geneigt, daß sie nahezu eine Plattform bilden. Das gleiche gilt von Pommerensdorf bei Stettin und vom Marientor in Marienburg.

Eine interessante Abwandlung, die an das Westertor in Duderstadt (XV) erinnert, finden wir in Heiden im Lippeschen Lande (45) und auf St. Nikolai in Lemgo (2). Beide Helme wirken viel edler als der von Estebrügge, der mehr die bäuerliche Kraft und Behäbigkeit darstellt. Auf dem hölzernen Glockenturm in St. Margarethen (Holst.) (46) scheint die Pyramide um 221/2w gedreht, so daß ihre Kanten die Trapeze und Dreiecke in ihren mittleren Höhen durchstoßen. Wenn wir die beiden charakteristischen Grundformen unserer niederdeutschen Helmpyramiden, die in den beiden genannten Lübecker Beispielen so stolze Vertreter finden, auf ihre Wirkung hin vergleichen, so läßt sich kaum sagen, welche von beiden die schönere sei. Dennoch ist ihr ästhetischer Eindruck sehr verschieden. Die erste Form wirkt, besonders bei geringerer Höhe, schwerer, massiger und trotziger, die zweite durchweg schlanker und eleganter. Von entscheidender Bedeutung sind dafür jedoch feinere Abwägungen des Baumeisters. Unterschiede in der Neigung, Schweifung und Größe der Trapezflächen und in der Höhe des Helmes führen zu verschiedenen Formnuancen.

Unter den Hamburger Hauptkirchen ist in Anlehnung an die Viergiebelform der Petriturm (47) zu nennen. Für ihn scheint jedoch die soeben gemachte Behauptung bezüglich der Wirkung nicht zuzutreffen. Er macht in der Reihe seiner Verwandten einen besonders schlanken Eindruck. Das wurde einmal dadurch erreicht, daß die Helmflächen nach innen zurücktreten. Wir sehen daher an den Seiten der Giebel Streifen in der Breite der Mauerstärke herablaufen. Zum anderen wurde die Schlankheit dadurch hervorgerufen, daß die Helmwände in Höhe der Giebelspitzen eine Brechung erfuhren und von dort aus steiler hinaufgeführt wurden. Der Turm erreicht die beträchtliche Höhe von 132 m. Die Kirche wurde nach dem großen Brande 1842 dann in den Jahren bis 1849 wieder aufgebaut. Die Ausführung des Hehnentwurfs erfolgte wegen Geldmangels erst in den Jahren 1876—78.

Neben den genannten Vermittlungsformen zwischen Quadrat und Achteck kommt auch noch die Verbindung von Zeltdach und Pyramide in Betracht. In Borken (Westf.) (48) und an der dop-peltürmigen Stiftskirche in Kleve ist diese so aufgestellt, daß vier ihrer Grundkanten mit den Turmkanten zusammenfallen. Die Marienkirche in Frankfurt a. d. O. hatte einst zwei gleiche wehrhaft und trotzig wirkende Türme von imposanter Höhe. Nachdem der eine in sich zusammenstürzte, steht nun der andere allein mit seiner mächtigen Zinnenkrone als Wächter vor dem Gotteshause. Aus der Krone ragt ein kleiner achtkantiger Spitzhelm hervor, der in gleicher Weise auf den Turm gestellt wurde, wie der in Borken, jedoch wurden hier die vermittelnden Zeltdachecken infolge des Zinnenkrazes überflüssig.

Auf der Andreaskirche in Verden (49) und in Jeeben in der Altmark (50 und 51) münden dagegen vier ihrer Gratlinien in die des Zeltdaches. An dem Turmhelm in Lüdinghausen (West.) (52) reichen die Fxken so weit hinauf, daß wir sie als Teile einer hohen, vierseitigen Pyramide an-sehen müssen.

Die Pyramide des Jakobihelms in Allenstein (53) hat die gleiche Stellung wie die in Verden. Sie wird jedoch in mittlerer Höhe durch eine offene Laterne unterbrochen. In konstruktiver Hinsicht müssen die Helme der Kirche in Jeeben, der Andreaskirche in Verden und der Jakobikirche in Allenstein mit den bereits genannten von Bergedorf, Sörup, Altengamme, Seelow, Welver und St. Margarethen zu einer Gruppe zusammengefaßt werden. Sie gehen alle auf die achtseitige Pyramide zurück, die wir in Zarpen kennenlernten. Die Sparren treten hier jedoch auf engerem Raum etwas weniger gespreizt ‚auf, so daß nicht die vier Ecken des Turmquadrats, sondern dessen Seitenmitten zu Stützpunkten der Sparren werden. Wenn es das Gewicht des Helmes erfordert, daß auch die vier nach den Ecken führenden Sparren auf Mauerwerk gestützt werden.

lassen sie sich weiter hinabführen in die Eckwinkel unter der Drempelwand. Sonst kann ihre Last auch von den kurzen, das Achteck bildenden Eckverstrebungen des Rahmens oder von Balken aufgenommen werden (31). In dieser Gruppe sind ja auch mehrere Holztürme enthalten, in denen selbstverständlich die Sparren nur die Ständer und das Gebälk oder deren Zubehör belasten können. Wenn auch der Helm der Bergedorfer Kirche (28 und 42) unter den Barockformen angeführt werden könnte, so soll er doch als Pyramidenform hier seinen Platz finden. Wie alle Vierländer Kirchen und viele Marsch- und Heidekirchen einen freistehenden, hölzernen Glockenturm hatten oder noch haben, so war auch der Bergedorfer Turm vor 1600 nicht mit der Kirche verbunden, dafür trug die Kirche selbst einen Dachreiter. Der heutige Turm mit einer Höhe von 43 m ist ein Werk des Hamburger Baumeisters Sonnin und zeugt von seinem genialen Können. Fast spielend steigt das feste Balkenwerk aus dem Quadrat heraus, um bald in ein Achteck überzugehen.

Der Helm zeigt in der Form eine große Übereinstimmung mit dem in Sörup (29). Für die an dem letzteren über den Mitten der Turmwände stehenden vier Dachluken hat er nur auf der südöstlichen Fläche in mittlerer Höhe eine freihängende, überdachte Glocke. Der ganze Holzturm und der Helm wurden vor wenigen Jahren in Kupfer gekleidet. Von den Turmecken führen elegante Kurven herauf, die einer Hyperbel gleichen, deren Scheitel in ihrem Ausgangspunkt liegt, und deren Schenkel ins Unendliche weist. Die Mittelgrate sind durch weniger scharfe Kurven mit dem Traufenrand des Helmes verbunden.

Die Konstruktion ergibt sich aus Abb. 42. Die vier Mittelsparren stehen auf dem Rahmen, von mächtigen Ständern unterstützt. Die Ecksparren werden von zwei der von Westen nach Osten laufenden Balken getragen. Bogenförmig gefutterte Aufschieblinge ergeben den kurvenmäßigen Ablauf. Der Kaiserstil führt als Mittelsäule vom Fuß des Helmes bis in die Spitze hinauf. Die von ihm ausgehenden Kopfbänder und Streben geben dem Helm die nötige Festigkeit.

Über den Aufbau des Helmes in Altengammc (30 und 31) ist folgendes zu sagen. Die Seitenmitten des schweren Eichenholzrahmens, auf dem sich der Helm erhebt, sind durch ein starkes Balkenkreuz verbunden. Auf diesem stehen in der Nähe des Rahmens vier der acht Gratsparren. Die übrigen sind auf ebenso starke Diagonalhölzer gestellt, die jedoch nicht nach dem Schnittpunkt des Balkenkreuzes geführt wurden, weil durch weitere Holzverbindungen die Mitte zu sehr geschwächt worden wäre. Durch horizontale Eckverstrebungen erhielt der Turm die wegen des Windschubs und vor allem wegen der Glockenbewegung nötige Versteifung. Die Gratsparren des Helmes bilden im Querschnitt ein Achteck, dessen Winkel sich über den Turmecken stark einem solchen von 90° nähern. Zwei bis drei Meter hohe S-förmig geschwungene Kanthölzer sind als Aufschieblingssparren in den Rahmen verzapft und an die Sparren geschiftet. Nach den Ecksparren führen je drei, nach den Mittelsparren je einer. Die vier auf den Turmecken stehenden Hölzer sind stärker geschweift und länger als die übrigen zwölf. Durch sie wird auch die barocke Form des unteren Helmteiles besonders bestimmt. Die mittleren Aufschieblinge zeichnen sich in der äußeren Erscheinung nur wenig ab. Der Helm ist mit Eichenschindeln abgedeckt. Ihr grauer Ton paßt gut zu den naturfarbigen, graubraunen, gescheckten Brettern der Turmwände. Der malerische Eindruck wird sich noch erhöhen, wenn die erst vor wenigen Jahren neu gelegten Schindeln sich mit einem grünen Schimmer von Moos und Algen überzogen haben werden. Nach dem Vorbilde von Curslack hat der Dachdecker mittels des gegebenen Materials einen feinen Schmuck geschaffen. Nahe der Spitze wird die schuppenförmige Deckung durch ein vierzeiliges und darüber durch ein zweizeiliges Band unterbrochen, in denen die Schindeln ihr Oben nach unten wenden und so in gerader, ununterbrochener Linie den Helm umziehen. Der Turmhelm in Curslack hat drei solcher Bänder aufzuweisen.

Am Altengammer Turm ist der vergoldete Wetterhahn auf einem waagerecht liegenden vergoldeten Reifen befestigt, mit dem er sich um dessen Mittelpunkt nach dem Winde dreht.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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