Der alte Orient und Griechenland

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Babel und Pyramiden

Die Uhr der Weltgeschichte hatte zu einem neuen Schlage ausgeholt, als das Großkönigtum auf der Weltenbühne erschien. Das war um rund 3000. Die Großstaaten, die damals entstanden, sind die Urbilder aller späteren Großstaaten, aller Weltmonarchien und Weltstaaten geworden. Sie waren bereits etwas ausgedehnter als das Deutsche Reich ohne seine Kolonien. „Der Herr der vier Weltgegenden“ gebot über eine Reihe von Ländern, die sich vom persischen Golf nach Südarabien zu und bis nach Nordsyrien, bis an die Gestade des Mittelmeeres, erstreckten. Die Gesamtfläche dieser Länder mag eine Million km2 erreicht oder gar übertroffen haben. Der Pharaonenstaat umfaßte ein Gebiet, das von dem Nildelta bis an die Hänge Abessiniens und im Westen bis an die Oasen von Tripolis, im Osten bis an den Sinai ging, mit gelegentlichem Kolonialbesitz an beiden Ufern des roten Meeres, zusammen etwa 800000 bis 1 Million km2. Schon damals, vor 5 Jahrtausenden, war ein vielgegliederter Hofstaat vorhanden; die Etikette, die Tracht, Titel und Art der Anrede waren genau geregelt. Ein Heer von Beamten war dem König unterstellt, um die einzelnen Provinzen zu beherrschen. Der Staat war durchaus zentralisiert. In Ägypten überwog mehr die Beamtenschaft, im Zweistromlande mehr die Soldaten. Neben beiden behauptete sich eine mächtige Priesterschaft. Es war ähnlich wie heute, wo noch immer Erzbischof und General um den Vortritt in der Gesellschaft streiten.. Die Priester hatten den Vorteil, daß sie zugleich die Hüter der Überlieferung, die Schöpfer der Wissenschaft, und zumeist auch die Förderer der Kunst waren. Ja, häufig auch die Hauptstützen der Kaufmannschaft und der Banken, denn bereits im dritten Jahrtausend war Handel und Wandel hoch entwickelt. Geld herzuleihen und Zinsen darauf zu nehmen — nicht unter 60% — war schon allgemein üblich.

Die höchste Blüte erlebte die Baukunst. Um 2700 wurden die großen Pyramiden erbaut, und wurde zugleich das berühmte Relief ausgedacht, das die Säule Naramsins im Zweistromlande ziert; jene Säule zeigt eine große Lebendigkeit, ein hervorragendes technisches Können und eine künstlerische Auffassung. Nur darf man sich nicht davon stören lassen, daß wie im ganzen Altertum und wie auch noch lange im Mittelalter Götter und Könige stets an Leibesgestalt, manchmal um das Fünf- und Sechsfache, den gewöhnlichen Sterblichen überragen. Die hohe Blüte der Kunst, wie auch der Wissenschaft, besonders in Stern- und Heilkunde, dauerte ungefähr bis um die Mitte des dritten Jahrtausends. Danach werden die Formen der Kunst allmählich starrer und leerer.

Die Wissenschaft verliert sich in Kleinkram; auch die Macht der Könige sinkt. Verfall tritt ein.

Soweit wir unsere Forschung auf der Grundlage der Schrift aufbauen können, haben wir es zunächst nur mit zwei großen Kulturwelten zu tun: nämlich mit Ägypten und Mesopotamien. Man darf jedoch nicht glauben, daß nur dort ein Staatswesen sich entfaltet habe. Wir wissen jetzt ganz bestimmt, daß schon vor 3000 es städtische Ansiedelungen auf dem Burghügel von Troja gegeben hat, und wissen nicht minder, daß auf Kreta schon in früher Dämmerung sich greifbare Gestaltungswelten erhoben. Eine Wanderung der megalithischen Denkmäler, einer machtvollen Baukunst, ist zudem von den Pyramiden über die Dolmen bis nach Nordeuropa zu beobachten. Die ältesten Kulturkeime Kretas deuten auf Afrika. Seit etwa 2500 sind mächtige Staaten mit hochentwickelter Bildung auf Kreta in die Erscheinung getreten. Die Gegenwart hat die weitläufigen Labyrinthe aufgedeckt, die von altkretischen Herrschern erbaut wurden, hat merkwürdige Vasen, Statuen und Wandgemälde gefunden, durch die wir uns ein höchst anschauliches Bild von der damaligen Zeit machen können. Auf die afrikanischen Herrscher, die jedenfalls libyscher, das heißt berberischer Rasse waren, sind später andere Eroberer gefolgt, die einen Zusammenhang mit Kleinasien aufweisen. Wir sind heute schon so weit, daß wir ganz deutlich die einzelnen Perioden kretischer Herrschaften verfolgen können. Möglicherweise von der großen Mittelmeerinsel ausgehend, hat sich dann die geschilderte Kultur nach dem westlichen Sudan, wo die jüngste Gegenwart bedeutsame Entdeckungen machte, und nach den Gestaden Südeuropas weiter verbreitet. Von Kreta führen ferner bestimmt erkennbare Wanderströme nach Troja und Mykene.

Als Ausläufer einer schon müde gewordenen Welt erscheint um 2000 in Mesopotamien Hammurabi. Sein Gesetz faßt die Gewohnheiten und „Weistümer“ Vorderasiens zusammen. Einzelne Bestimmungen des Gesetzes sind wohl geeignet, Freudenfeuer auch in der Brust heutiger Juristen zu entzünden. So ist darin schon von einer Präklusivfrist die Rede, ferner von der Haftung des Tierhalters. Auch der Begriff der force majeure besteht schon. Der Schutz der Frau ist sehr ausgedehnt. Im allgemeinen ist das Gesetz zwar milde für die Sklaven, aber andrerseits recht kapitalistenfreundlich. So heißt es:

„Wenn jemand seinen Acker einem Bauern für Zins überlassen, und den Pachtzins erhalten hat, so trifft, wenn nachher Überschwemmung oder Mißernte einfällt, der Schade den Bauern.“

Eine kranke Frau darf der Mann nicht verstoßen, sondern muß sie unterhalten, solange sie lebt, dagegen darf er eine zweite Frau nehmen. Will dann die erste Frau, wie man wohl begreifen mag, nicht mit der zweiten zusammenhausen, so muß ihr der Mann die Mitgift zurückgeben. Besondere Genugtuung wird die Gegenwart über folgenden Spruch empfinden:

„Wenn ein Baumeister für jemand ein Haus baut, und seinen Bau so wenig fest aufführt, daß das Haus, so er gebaut hat, einstürzt, und den Hauseigentümer erschlägt, so wird ein solcher Baumeister mit dem Tode bestraft.“

Hammurabis Staat ist bis ins einzelne gut geordnet. Das alte Reich faßte noch einmal seine Kraft zusammen, um sich im Kampf ums Dasein zu behaupten. Den Verfall konnte jedoch Hammurabi nicht aufhalten. Nach ihm brach das Verhängnis mit voller Macht herein. Eine Völkerwanderung von gewaltiger Wucht und Ausdehnung ergoß sich über ganz Vorderasien und Ägypten. Die Völker gehörten der großen und weitverzweigten Rasse an, die man zweckmäßig die Kas nennt. Ihre heutigen Überbleibsel sind die Tscherkessen und Georgier des Kaukasus, die Basken in den Pyrenäen und die Berber am Atlas und seinem Vorlande. Die eigentlichen Kas besetzten das Zweistromland, die Hethiter errichteten einen Kriegerstaat in Kleinasien und die Hyksos eroberten Ägypten. Alles das seit 1800. Von dem unwiderstehlichen Sturm wurden auch die Vorfahren der Juden mitfortgerissen, deren Stammherr Abraham als Zeitgenosse des Amraphel, das ist des Hammurabi, gedacht wird.

Die jugendkräftigen Eroberer brachten eigene Sprache und Sitte, brachten vielfältige Errungenschaften eigener Bildung, darunter auch eine besondere Schrift mit. Sie wurden jedoch von der viel größeren Kraft und Nachhaltigkeit der älteren Kultur, die sie bereits vorfanden, überwältigt. Überall wuchsen sie rasch in die dort bestehenden Einrichtungen und Gewohnheiten hinein, und verloren nicht selten sogar ihre eigene Sprache, wurden mit einem Wort babyionisiert und ägyptisiert, oder aber sie wurden nach harten Kämpfen aus den besetzten Ländern wieder herausgeschlagen. Zuletzt siegte überall die Urkultur.

Denn die alten Kulturreiche setzten sich dem Kassturm gegenüber zur Wehr. Druck erzeugt Gegendruck. Die Eroberung erzeugte ein grimmiges Gefühl des Hasses bei den Unterdrückten. Eine Strömung, die wir heute Nationalismus nennen würden, entstand. Um jedoch den nordischen Eroberern gewachsen zu sein, dazu mußten die alten Staaten ihre militärische Tüchtigkeit steigern. Es gelang ihnen, das fremde Joch abzuwerfen. Zugleich war die Folge ihres kriegerischen Aufschwunges eine Nachblüte der Literatur, zum mindesten in Ägypten. In der Folgezeit haben wir ein Dreiecksverhältnis. Mesopotamien und Ägypten kämpften gegen die Hethiter und ihre Verwandten, und kämpften zugleich gegeneinander. Zum ersten Male in der Weltgeschichte werden bewußt Fäden zwischen Afrika und Asien gesponnen. Die Heere der Pharaonen bemächtigten sich Syriens und rückten bis zum Euphrat vor. Der Krieg, sagt der alte Heraklit, ist der Vater aller Dinge. So war denn auch damals durch die beständigen Feldzüge, durch die starke kriegerische Reibung eine wechselseitige Beeinflussung der Kulturen in die Wege geleitet. Die mesopotamische Bildung erwies sich aber als stärker. Das Aramäisch bildete damals die Verkehrssprache Vorderasiens und hielt seinen Einzug auch am Nil. Selbst die Ratgeber des Pharao bedienten sich dieser nordsemitischen Sprache, um diplomatische Briefe an den Großkönig in Babel zu schreiben. Auch feierte ein nordsemitischer Gott, Adonis, Triumphe in Theben, wo er von Amenophis dem Vierten als Atenn Ra eingeführt wurde.

Wir können hier eine grundsätzliche Bemerkung über die Chronologie des Altertums einschalten. Bis auf die Pyramiden, und bis auf Naramsin konnte man froh sein, wenn man das richtige Jahrtausend herausgerechnet hatte; von da ab bis in die Mitte des zweiten Jahrtausends schwanken die Zeitansätze um ein oder mehrere Jahrhunderte. Von jetzt an aber wird allmählich selbst das Jahrzehnt einigermaßen sicher. Seit dem achten Jahrhundert vollends beträgt die mögliche Fehlerquelle bei der Zeitrechnung nur noch einzelne Jahre. Freilich gilt dies nicht bei der Gründung von Städten, denn die einzelnen Daten liegen hier bis tief in die nachchristliche Zeit hinein um ausgedehnte Zeiträume auseinander. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß eben eine und dieselbe Stadt häufig zerstört und dann, meistens von einem anderen Volke wieder aufgebaut worden ist. Von dieser Art ist Venedig gewesen. Ausgrabungen der Gegenwart haben uns belehrt, daß es schon in vorgeschichtlicher Zeit ein Venedig gegeben haben muß. Ähnlich schwanken die Ansätze über das erste Jahr Roms. Es ist durchaus möglich, daß nicht erst seit 753, wie es gewöhnlich heißt, sondern schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts ein Rom bestanden hat. Wenn wir diese Beobachtungen auf syrische Städte anwenden, und wenn wir erwägen, daß Jerusalem längst vor den Juden bestand, so werden wir auch die sehr frühen Jahreszahlen für die Gründung phönizischer Städte nicht phantastisch finden. Tyrus, das sogar bedeutend jünger als die Nebenbuhlerin Sidon war, soll 2785 gegründet worden sein. Das ist durchaus möglich. Nur wurde aller Wahrscheinlichkeit nach die Stadt von vorsemitischen oder kasischen Stämmen erbaut. Ein Jahrtausend oder noch später sind die Phönizier in das Land gekommen, und haben die bereits vorhandenen Städte den früheren Besitzern entrissen. Ich denke mir, daß auch die berühmten Ruinen vonBaalbeck (die Kaiser Wilhelm so gut gefielen) auf vorsemitische Zeiten zurückgehen. Die einzelnen Teile dieses nordsyrischen Tempels sind zu den verschiedensten Zeiten entstanden, einige Porträtbüsten gehören ja erst der nachchristlichen Zeit an; die Megalithen dürften jedoch aus einer ganz frühen Epoche stammen. Einer dieser großen Steine hat nicht weniger als 19 m in der Länge, 9m in der Breite, und 8 m in der Höhe. Was aber das Allererstaunlichste ist, der Riesenstein liegt nicht auf dem Erdboden, sondern er befindet sich mehrere Mannslängen hoch über dem Boden, türmt sich auf anderen Steinen auf. Es kann keine geringe Ingenieurkunst gewesen sein, die solche technische Wunder des Transportes zuwege brachte; man hat berechnet, daß nicht weniger als 40000 Menschen notwendig sein müssen, um ein derartiges Riesending zu bewegen, um es in beträchtliche Höhe emporzuziehen. Da man jedoch unmöglich eine so große Menschenmenge auf einen einzigen Punkt versammeln kann — und sonst wäre ihre vereinigte Kraft nicht wirksam gewesen, — so bleibt eben nur die eine Erklärung über, daß die Werkmeister jener Frühzeit schon mit Hebelarmen, und vielleicht sogar mit gewaltigen Krahnen arbeiten konnten. Ohnehin ist so gut wie sicher, daß selbst in jener entlegenen Zeit die Menschen die Eigenschaften des Dampfes und der Elektrizität gekannt haben. Nur war eben deren Anwendung noch sehr beschränkt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge

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