Der anatomische Gedanke in Holland

»Diese Richtung ist gewiß,

Immer schreite, schreite !

Finsternis und Hindernis Drängt mich nicht zur Seite.«

Goethe

Während Deutschland noch von dem unglückseligen dreißigjährigen Glaubenskrieg überzogen wurde, hatte Holland die beiden Großmächte der damaligen Welt überwunden, Spanien und den Katholizismus. Wie in fruchtbarer, lange brachgelegener Erde die Blumen, so blühten als üppige Pflanzen Industrie und Wissenschaft auf und machten Holland zum Mittelpunkt der damaligen Kultur. Ein freies, stolzes Bürgertum erhob sein Haupt und fühlte, daß es seine Entwicklung darin fände, mit beiden Füßen fest auf dem eigenen Boden zu stehen. Nicht die Pracht der Höfe, nicht der Pomp spanischer oder italienischer weltlicher und geistlicher Fürsten war mehr tonangebend, sondern ein behäbiges, wohlhabendes Bürgertum in evangelischem Geiste, das seine Wurzeln in der Wirklichkeit fand. So entstand denn auch aus einer prächtigen, höfischen Kunst eine gut bürgerliche Darstellung der einfach gesehenen Dinge. Die Muttergottes war nicht mehr die hohe Himmelskönigin, die mit Gold, Edelsteinen und kostbaren Gewändern angetan auf prunkvollem Throne saß, sondern die einfache gute Frau aus dem Volk, die Mutter, die mit ihrem Kinde fühlte, weinte und litt.

Ganz besonders war diese Richtung in der Wissenschaft erkennbar. Die Naturwissenschaft erhob ihr Haupt, die Beobachtung begann. Als Merkstein ist die Einführung der anatomischen Forschung, der Kenntnis vom Bau oder den Funktionen unseres Körpers, die die Grundlage allen Denkens sein sollte, zu bezeichnen. Sie hat die Menschheit nach langem Stumpfsein wesentlich höher gehoben und vom Aberglauben und Vorurteil in vielen Dingen freier gemacht.

Die Natur hat die Erscheinung des Todes für den Menschen mit Schrecken und Grauen umgeben. Und dieses Gefühl verläßt auch den Mediziner nicht ganz bei dem Betreten der Totenkammer. Größer ist aber hier dem nach Wahrheit dürstenden Geist der Wunsch, das schönste und erhabenste Kunstwerk der Natur in seinem Wesen zu ergründen: das Wunderwerk des menschlichen Leibes, seine Zusammensetzung und seine Funktion. Es gab in früheren Zeiten Künstler, welche das Wesen der Kunst nicht in der Darstellung des Schönen erblickten, sondern in der vollendeten Wiedergabe des wirklichen Lebens und seiner Erscheinungsformen. Solche Geister mußte es reizen, die innere Schönheit des menschlichen Leibes kennen zu lernen. Den wirklichen Künstler, d. h. den Beobachter und Schilderer der Wirklichkeit, wie den Naturforscher, hat es deshalb stets mit heißem Streben erfüllt, sich nicht mit der äußeren Form des menschlichen Aktes zu begnügen, sondern ihn in seinem wundervollen inneren Aufbau kennen zu lernen, zur Befriedigung des Dranges nach Wahrheit und zur Aufklärung unseres Denkens. Doch Vorurteile und Verbote der orthodoxen Kirche standen solchen Bestrebungen schroff entgegen. Bekannt ist die Skizze, auf der Michelangelo und Antonio della Torre in der Nacht bei Kerzenschein die heimliche Sektion einer Leiche vornehmen. Von jedem des glänzenden Dreigestirns am Sternenhimmel der italienischen Hochrenaissance, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffael, besitzen wir Zeichnungen, welche beweisen, daß sie an der Leiche Studien gemacht haben. Gewiß, die Renaissance der anatomischen Forschung ging von Italien aus durch den großen Vesal, aber dort war sie nur das Vorrecht vereinzelter, erlauchter Geister, sie wagte sich bei den nach Schönheit dürstenden Italienern nicht in die Oeffentlichkeit. Erst dem freien, im protestantischen Glauben erstarkten Neuholland blieb es Vorbehalten, in der Zergliederung und Entschleierung des Innern des menschlichen Körpers ein Ereignis von der weittragendsten Bedeutung zu sehen, die Befreiung von Aberglauben und Unfreiheit, die Rückkehr zum Denken auf naturwissenschaftlichem Boden. Dabei war das holländische Volk damals tief, man kann sagen orthodox religiös und sittlich veranlagt.

Heutzutage, wo die Kenntnis des Baues unseres Körpers und seiner Funktion das Denken und die Kultur unserer Zeit mehr beeinflußt, als sich der einzelne bewußt wird, können wir uns kaum noch eine Vorstellung von der Tragweite solcher Ereignisse machen. Nur das in seiner äußeren Entwicklung auf das Höchste erstarkte Holland konnte das Befreiende einer anatomischen Forschung begreifen. Pieter Paaw errichtete 1597 in Leyden das erste anatomische Theater in Holland. Es ist sehr charakteristisch, daß in dem 1615 von Jakob de Ghein davon angefertigten Stich Männer jeden Standes und Alters, Ritter, Gelehrte, Bauern und Bürger der Sektion zuschauen. Die anatomischen Hörsäle waren damals eine Sehenswürdigkeit und ein Stolz der Städte.

Rembrandt war nicht ohne Vorgänger, als er die Vorsteher der Chirurgengilde bei einer anatomischen Unterrichtsstunde darstellte.
1619 hatte sich Doktor Egbert de Vrij, mit fünf Chirurgen zur Eröffnung des Amsterdamer Anatomiesaales um eine Leiche beschäftigt, von Thomas de Keyser malen lassen.
Im Delfter Krankenhaus befindet sich ein Anatomiegemälde von Michael Langson aus dem Jahre 1617.
1625 malte Nicolaas Elias in Amsterdam die Anatomie des Doktor Johann Holland, genannt Fonteyn.
Der eminente Fortschritt in der Auffassung Rembrandts bestand darin, daß er die Chirurgen nicht als Porträts der Leiche umstellte, sondern daraus eine Szene machte. Ein jeder tritt handelnd in dem einheitlichen Vorgang auf, dozierend oder zuhörend.

Man könnte es fast wie eine Allegorie auffassen, daß alles Licht im Bilde sich auf dem Kadaver sammelt und sich auf den Köpfen der Menschen abstuft.

Die Anatomiestücke der Holländer, die sich den Regentenbildern anschlossen, wiesen dem Volke, was für das Denken ihrer bedeutenden Aerzte die Unterlage war. In Holland gelangten die aufgeklärten Aerzte vielfach zu den höchsten bürgerlichen Ehrenstellen. Tulp, der angesehene Arzt und Anatom, den Rembrandt auf seiner Anatomie dargestellt hat, wurde später zum Bürgermeister von Amsterdam gewählt. In Deutschland kam der erste Professor der Anatomie an der Universität Göttingen, Albrecht der »Schinder«, wie ihn das Volk schimpfte, fast um, weil ihn keiner bedienen und beherbergen wollte. Die Naturwissenschaft blieb nicht ohne Einfluß auf das Denken des Volkes.

Rembrandts Denken und Schaffen ist ein Spiegelbild seiner Zeit. Er war darin der große Sohn seiner Zeit. Es lag in der Luft, daß ein Bahnbrecher kommen mußte, der auf die dogmatischen Regeln der Kunst und ein konstruiertes Schönheitsideal verzichten konnte, um sie durch einen freien, ungezwungenen Blick für seine Umgebung zu ersetzen. Er ist der Schöpfer einer Naturwissenschaft in der Malerei. Das soll nicht heißen eines sklavischen Kopierens der Natur, sondern eines Auffassens der Natur, so wie sie ist, mit ihren Licht-und ihren Schattenseiten, ihrer Schönheit und ihrer Häßlichkeit, ohne vorgefaßte Urteile und ohne ihr fremde Ideale.

Ich muß hier, wenn ich von Naturwissenschaft und Anatomie bei Rembrandt rede, von vornherein einer falschen Auffassung begegnen. Anatomie, das soll nicht heißen anatomische Korrektheit. Es gibt überhaupt in der Anatomie keine absolute anatomische Korrektheit, die organische Natur bringt keine einzige regelmäßige Figur hervor. Je mehr einer sich mit Anatomie beschäftigt, umsomehr lernt er erfahren, wie sehr hier das Unsymmetrische und Individuelle vorherrscht. So wie das nicht der beste, genialste Baumeister ist, der alles mit dem Zollstab nachmißt und danach konstruiert, so sicher ist nicht ein Anatom, der alles auf Korrektheit messen wollte. Im Gegenteil, es gilt auf Grund einer anatomischen Erfahrung und eines sicheren Sehens, in der Natur das Charakteristische zu finden, das, was man den anatomischen Gedanken nennen könnte. Wenn wir ein naturwissenschaftliches Präparat haben oder in das Mikroskop sehen, so werden wir auch nicht einfach beschreiben, was wir erblicken, sondern es gehören eine Menge Schlüsse und Erfahrungen dazu, um das Wesentliche darin zu sehen. Carl Neumann*) hat deshalb in einem sonst ausgezeichneten Buche die Mediziner doch nicht recht verstanden, wenn er schreibt:

»Mediziner und Orthopäden pflegen, zur Kunstkritik berufen oder nicht, in diesem Punkte am unerbittlichsten zu sein und den Maßstab anatomischer Richtigkeit für den einzigen Wertmesser der Kunst zu erklären. Ein Punkt, in dem die Mediziner in Rembrandts Jahrhundert — nach vielen zu urteilen, die ihm Modell gesessen sind, die Doktoren Tulp und Deyman mit ihren Genossen, die van der Linden, Bonus und Tholinx — künstlerischer empfunden haben müssen, als viele Mediziner von heutzutage.«

Wir wissen als Mediziner sehr wohl, wenn wir uns Rembrandt ansehen, daß er auf anatomisch richtiges Zeichnen gar nicht den größten Wert legte, wir meinen jedoch ebenso zu empfinden, daß Rembrandt einen geübten und sicheren Blick für das Charakteristische in dem anatomischen Aufbau hatte, wie vielleicht kein Zweiter nach ihm, daß er den anatomischen Gedanken erfaßt hatte. Wir werden auch in dieser Arbeit bei unserem Thema sehen, wie sehr Rembrandt sich bemüht hat, durch eingehendste Studien aus dem Unwesentlichen das Wesentliche herauszuschälen und richtig zu sehen.

Ebenso verkehrt ist es, in umgekehrter Richtung, Rembrandt von der ästhetischen Seite nehmen zu wollen, ein Fehler, den in früheren Zeiten an der italienischen Kunst einseitig gebildete Generationen gemacht haben. Sie mußten Rembrandt verkennen. Die Natur ist zunächst nicht ästhetisch, sie idealisiert nicht und ist oft nach landläufigen Begriffen häßlich, sie hat zunächst nur den einen Vorzug, wahr zu sein. Hätte man schon früher Rembrandt mehr von der naturwissenschaftlichen Seite genommen, so hätte man ihn nicht den Maler des Häßlichen, sondern den Maler des Wahren und Tatsächlichen oder der nüchternen Naturwirklichkeit nennen müssen.

So versteht man auch sein Verhältnis zur Antike. Es ist nicht zutreffend, daß Rembrandt die Antike nicht verstanden habe, seine Kunstsammlungen beweisen, daß er Sinn für die Antike besaß, oder gar, daß er sich über die Antike habe lustig machen wollen, wie man ausgesprochen hat, sondern er scheint in allen seinen Werken als vornehmsten Grundsatz sich gesagt zu haben:

»Ich kann nicht darstellen, was ich nicht sehe.« So suchte er sich denn für seine antiken Figuren auffallende oder fremdländische Typen, die er am Hafen oder im Armen- oder Judenviertel fand, und umgab sie mit orientalischen Gewändern und Aufputz, wie er ihn fand oder er ihm zur Verfügung stand. So verkörperte sich ihm die Antike in dem von ihm Gesehenen. Hier kann auch die Gegenwart noch von ihm lernen. »Mit Rembrandts Augen in die Welt zu blicken, wird niemand gereuen,« sagt sehr richtig der Verfasser des Buches »Rembrandt als Erzieher«.

Man wird sagen, daß seine Zeit doch noch nicht reif für ihn war, Rembrandt wandelte bald seine Straße einsam, verkannt und verarmt. Aber ist es heute wohl in Wahrheit mit dem Verstehen Rembrandts viel anders? Die einfachen schlichten Wahrheiten der Natur imponieren der großen Menge nicht. Sie sind zu einfach. Besonders fällt ihre Wertschätzung denen schwer, die nur hinter Schulmauern in mittelalterlicher Bücherweisheit, der Welt abgewandt, aufgezogen sind. Ja, gewiß, Rembrandt ist heutzutage Mode, aber es scheint mir, daß oft mehr der Name klingt, als daß sein Werk es ist, das wirkt. Wie selbst dem musikalisch Begabten Bachsche Fugen nur klar werden, wenn er sie sich ganz nüchtern klarlegt und, ich möchte sagen, sie nachrechnet, so sprechen auch Rembrandtsche Ideen nicht sofort an, wenn man sie nicht mit der Natur vergleicht und mühsam zergliedert, mühsam, wie wir sehen werden, daß es der Meister selbst getan hat. Selbst dem Genie wird es nicht ohne Mühe und Arbeit gegeben. Wie schwer sind allein seine Beleuchtungsverhältnisse zu ergründen, für die das beliebte »Helldunkel« ja nicht mehr wie ein Schlagwort bedeutet.

Auch heute ist Rembrandt nicht das Gemeingut für viele, wie es auf den ersten Augenblick den Anschein haben könnte. Es ist wenigstens nicht leicht, ihm von allen Seiten gerecht zu werden. So möge man denn auch mir verzeihen, wenn ich Rembrandt hier nicht als Maler nehme, mich darin bescheidend und zurückstehend gegen Einsichtsvollere, sondern als Beobachter und Naturforscher.

Text aus dem Buch: Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung : nebst beitra˜gen zur geschichte des Startichs : eine Kulturhistorische Studie (1907), Author: Greeff, R. (Richard).

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