Der Dauerkäse

Nicht gerade zu den schönsten Genüssen dieses Lebens sind die Dienst- oder gar „Erholungsreisen“ auf den kleinen Gouvernements-Dampfern an der deutsch-ostafrikanischen Küste zu rechnen. Besonders die zur Seekrankheit hinneigenden Personen gehen einem solchen Vergnügen sicherlich lieber nach Möglichkeit aus dem Wege. Ausser dem Mangel irgendwelcher Kajüten oder sonstigem Schutz vor Wind und Seewasser bietender Räumlichkeiten, ist besonders auch oft die Verpflegungsfrage geeignet, auch weniger anspruchsvolleren Reisenden eine derartige Fahrt, und zumal wenn diese mehrere Tage dauern muss, ganz gehörig zu verleiden. Die Verpflegung wird von der „Messe“ des Schiffspersonales, die unter der Leitung des Schiffsführers steht, an die Fahrgäste, zu einem vom Gouvernement festgesetzten Tagespreise abgegeben. Qualität wie Quantität der Schiffskost sind demnach sehr von der auf dem Kahne jeweilig vorherrschenden Geschmacksrichtung der Seeleute abhängig. Selbstverständlich aber auch von den kulinarischen Fähigkeiten des Schiffskochs.

Den grössten Einfluss auf die Zusammensetzung der Speisenkarte übte aber doch naturgemäss der Herr Kapitän, und wenn dieser mehr der flüssigen als der festen Nahrungsaufnahme huldigte, wie es zuweilen vorkam, dann konnte der Reisende in dieser Hinsicht mancherlei Uebcrraschungcn erleben. Dies war bei einem früheren, alten, braven, sehr bekannten Kapitän der Fall, der durch viele Jahre seinen Kahn durch jenen Teil des Indischen Ozeans steuerte und dabei durch sein originelles Wesen vielerlei Unterhaltungsstoff in den sonstigen Gleichlauf der Fahrten brachte. Seine „Messe“ gehörte aber zu den minder erfreulichen Begleiterscheinungen der durch einen urwüchsigen Seemannshumor gewürzten und darum immer gern ertragenen Reisen auf „seinem“ Dampfer. Als „piéce de résistance“ im wahrsten Sinne des Wortes, brachte der Nachtisch unabänderlich bei der Hauptmahlzeit ein umfangreiches Stück Schweizerkäse auf die Tafel, der ob seines geradezu vorsintflutlichen Alters auch den hartnäckigsten Angriffen eines auf Käsegenuss etwa erpichten Reisegefährten stets wirkungsvoll Stand zu halten vermochte und somit diesem Menü-Teile eine ganz unbegrenzte Lebensdauer sicherte. Dieser Käse figurierte bei all den zahlreichen Kennern der Tafelfreuden dieses Dampfers unter dem durch Tradition wohlerworbenen Eigennamen „Dauerkäse“. Jedermann, der auch nur ein zweites Mal eine Reise mit jenem Dampfer unternahm, erwartete mit Spannung das Aufträgen dieses altbekannten Freundes aus des Kapitäns „Vorratskammer“, dessen Erscheinen dann eine mehr oder weniger reiche Fülle von Witzen und Erinnerungen, je nach der Dauer der „Bekanntschaft“ unter der Tischgesellschaft auszulösen pflegte. Nur der Kapitän bewahrte dann eine sonst nicht immer übliche, würdevolle Haltung als Messevorstand! Ja, eine ernsthafte Kritik konnte er dann unter Umständen geradezu „krumm“ nehmen.

Ein etwas griesgrämiger Herr, der das Wiedervorsetzen des bereits vor Monden einmal vergeblich in Angriff genommenen, ansonsten als Gattungsbegriff zu menschlicher Nahrung bestimmten Objektes, wohl gar als Beleidigung seines Geldbeutels ansah und darum die Erneuerung der Bekanntschaft mit dem „Dauerkäse“ in ernsthafter Weise ablehnte, veranlasste den Herrn Kapitän einmal zu der folgenden, historisch verbürgten, freundlich belehrenden Auslassung:

„Mein lieber Herr, dass dieser Käse noch immer der gleiche ist, wie bei Ihrer letzten Reise, das mag ja wohl stimmen, dafür kann ich aber nichts, denn irgend einmal muss doch wohl auch dieser Käse weich gewesen sein und man hat ihn allem Anscheine nach doch auch damals nicht gegessen, genau so, wie auch jetzt nicht, also ist es doch eigentlich ganz egal, ob er weich oder hart ist: Käse bleibt Käse! Und wenn der Käse nun auch immer noch derselbe ist, wie damals, so vergessen Sie nicht Verehrtester, dass auch das Verpflegungsgeld immer noch das gleiche ist!“ —

Dieser wahrhaft verblüffenden Logik konnte sich selbst dieser arg materialistisch veranlagte Herr nicht vcrschliessen, und so blieb der Kapitän, und mit ihm auch der „Dauerkäse“, in seinem angestammten Rechte! Wo dieser Käse in der Gegenwart sein unzweifelhaftes Aeonen – Dasein fristet, ist leider nicht bekannt — er wäre sicher würdig, dem ozeano-graphischen Museum des Fürsten von Monaco einverleibt zu werden!

Otto Stollowsky.

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    12. Oktober 2016

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