Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel

Der Haupteinwand, den die Forschung bisher gegen die Autorschaft Hubmaiers erhob, stützte sich auf die Tatsache, daß sich an den Bauernartikeln im südlichen Schwarzwald eine Hinneigung zur evangelischen Lehre bis in den April 1525 nicht bemerken ließ. Sie galt als Voraussetzung für das Auftreten der 12 Artikel. Durch meine erste Untersuchung dürfte dieser Einwand als hinfällig erwiesen sein. Von der Reformation Luthers war die bäuerliche Bewegung nicht erst in Oberschwaben beeinflußt. Wenn sich dennoch erst hier Forderungen finden, die davon berührt scheinen, Forderungen, von denen bis zum März 1525 sonst nur noch die 12 Artikel wissen, so ist mindestens mit derselben Sicherheit zu behaupten daß sie sich an dieses Manifest anlehnten wie das Gegenteil. Ja der Beweis hierfür ist sogar leichter erbracht, da alle die z. T. wörtlichen Anklänge in den Bauernbeschwerden so kurz und knapp gehalten sind, daß man sie ohne Heranziehung einer Vorlage kaum versteht. Meinte man ferner im Zusammenhang damit behaupten zu müssen, daß die 12 Artikel die gemeinsame Arbeit eines Bundestages von bäuerischen Abgesandten sei, so zeigt die Brüchigkeit der Argumentation allein die Tatsache zur Genüge, daß sie eine große Reihe von Vertretern derselben Meinung hinsichtlich der Herkunft der 12 Artikel als eine Privatarbeit ansehen zu sollen glaubte. Andere warfen sogar die Frage auf, ob der Bundestag, an dem sie hätten beraten werden müssen, überhaupt stattgefunden hat.

Eine besonders große Schwierigkeit bot den Gegnern von Stern bis vor einem Jahrzehnt das Zeugnis Fabers. Faber, Generalvikar des Bischofs von Konstanz und als solcher von diesem mit der Restauration des Katholizismus in Waldshut nach dessen Unterwerfung betraut, fand nach seiner Angabe in einer 1528 herausgegebenen Schrift: Ursach warum der Widertäufer Patron und erste Anfänger Balthasar Hubmaier zu Wien … 1528 verbrannt sei, bei einer Haussuchung in Hubmaiers Wohnung neben andern Manuskripten von dessen Hand, „sondere Bauernartikel, die in dem Druck ausgegangen, daraus erfolget, daß die Stühlinger Bauern und in dem Klettgau die ersten gewesen sind, die sich wider die Obrigkeit erhoben“. Faber bemerkt, daß Hubmaier sie „gemacht“ habe.

Er muß also aus dem Manuskript den Eindruck gewonnen haben, daß es sich nicht bloß um eine Abschrift handle. An einer anderen Stelle derselben Schrift veröffentlichte Faber ein Bekenntnis des Waldshuter Pfarrers, das von diesem selbst geschrieben „für den, welcher einen Zweifel trägt, in Königl Majestät zu Ungarn und Böhmen Kanzleien aufbewahrt ist“. Hier heißt es im 4. Artikel, daß Hubmaier eingestanden habe, der Bauern Artikel, so ihm von ihnen aus dem „Höre“ zugekommen wären, ihnen erweitert und ausgelegt zu haben „imd denselbigen solchs eingebildet die anzunehmen als christlich und billig.“ Die Artikel, von denen an diesen beiden Stellen die Rede ist, sind die 12. Das ist noch von niemanden in Zweifel gezogen worden. Auch an der Glaubwürdigkeit Fabers wagte man einen solchen nicht: warum sollte dieser Mann auch die Unwahrheit gesagt haben, noch dazu hinsichtlich eines Sektenführers? Wohl aber hat man das Gewicht seiner Angaben beseitigen zu können gemeint, indem man in ihrem Wortlaut einen Widerspruch konstruieren wollte: hier, in der Ursach heiße es, Hubmaier habe die Artikel „gemacht“, dort in der Urgicht, er habe Artikel, die ihm von anderer Seite zugetragen wurden, nur erweitert. Eine dritte Angabe in einer zweiten Schrift Fabers, der orthodoxae fidei catholica defensio, ebenfalls aus dem Jahre 1528, lasse sich wohl mit der der Urgicht in Einklang bringen, insofern hier Hubmaier der Vorwurf gemacht werde, daß er multa et longa verborum serie sediciosos articulos Evangelicis monumentis applicavit, nimmermehr aber sei das bei diesen beiden gegenüber der der Ursach möglich.

„Mag Faber durch einen scheinbaren (!) handschriftlichen Beweis getäuscht worden sein, mag er sich im Eifer haben hinreißen lassen, mit dürren Worten zu behaupten, was er höchstens vermuten konnte, — die Worte der Ursach geben keinen ausreichenden Grund dazu, Hubmaiers Persönlichkeit mit der Abfassung der 12 Artikel in Beziehung zu bringen.“ Stern hat seinerzeit versucht, diesen Widerspruch zu heben, indem er jene Worte der Urgicht auf die Artikel des sogenannten Artikelbriefs zu beziehen suchte. Das ist jedoch nicht nötig. Schließen sich beiderlei Angaben keineswegs unbedingt aus, Faber, der Hubmaiers Bekenntnis in seine Ursach einrückte, der also die Kontrolle seiner Angabe selbst ermöglichte, fühlte sich gewiß nicht gedrungen seine Feder so scharf zu beobachten wie ein wohlgebildeter Philologe der Jetztzeit tun würde. Er hat sich einen lapsus calami zu Schulden kommen lassen, der umso verständlicher ist, als das Verbrechen Hubmaiers für ihn mindestens ebensosehr in der Tatsache bestand, daß er seine Dienste den Bauern zur Verfügung stellte. Hubmaier hat also nach alledem die Artikel zwar nicht gemacht, aber sein Anteil an ihnen ist ein recht großer: er hat sie erweitert und ausgelegt, er hat den Bauern bewiesen, daß sie christlich und billig seien.

Stern hatte für seine These neben dem Zeugnis Fabers eine Angabe Thomas Münzers in seinem Bekenntnisse kurz vor seinem Tode anführen können, das, wenn auch nicht so vollgewichtig, doch immerhin von hervorragender Bedeutung ist. Thomas Münzer, der im Herbst 1524 selbst im südlichen Schwarzwald war, und der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur zu dieser Zeit, sondern auch noch später mit Hubmaier in Verbindung stand, bezeichnet die 12 Artikel als Artikel der Schwarzwälder Bauern. Auch diese Worte hat man weginterpretieren zu können geglaubt. „Da das, was als Bekenntnis vorliegt, wie alle Protokolle dieser Art aus Frage und Antwort zusammengeschmolzen ist, so kann man nicht wissen, ob diese Angabe nicht schon in der Frage enthalten gewesen ist.“ Man braucht sich  nicht den Kopf mit einer Entgegnung auf diese Bemerkung zu zerbrechen, um trotzdem den Wert der Aussage zu behaupten. Denn es ist gleichviel, von wem die Bezeichnung der 12 Artikel als Schwarzwälder herrührt. Auf jeden Fall ist sehr beachtenswert, daß sie schon Mitte Mai 1525 in Thüringen auftaucht.

Außer diesen beiden direkten Hinweisen auf den Schwarzwald und auf Hubmaier besitzt die Wissenschaft heute noch eine Reihe von Argumenten mehr für die Sternsche These.

Die 12 Artikel sind Entschuldigungs- und Anklageschrift zugleich. Sie sollen zeigen, daß, was sie fordern, dem göttlichen Wort gemäß ist. Darum sprechen sie von den Bauern in der ersten Person: unser demütig Bitt’ ist usw. Anders die Einleitung. Hier wird in naiver Weise auseinandergesetzt, daß, wer gegen die Bauern angeht, ein Feind des Evangeliums sei, und daß sie, die nur diesem leben wollen, nimmermehr aufrührerisch genannt werden dürften. Als ob eine Autorität in der Bibelforschung sich ihrer angenommen hätte und sie verteidigen wollte, ist darum hier von den Bauern in der dritten Person die Rede. Denselben Gedanken vertritt die „wahrhaftige Entschuldigung und Klage der Stadt Waldshut an alle christgläubigen Menschen“, die anno 1525 ausgegangen und nachweislich von Hubmaier verfaßt ist.2) Auch sie ist Anklage und Verteidigung zugleich, wie schon die Überschrift andeutet. Nicht einer neuen Lehre folge die Stadt: „wir wissen von keiner“, sondern nur der Lehre Christi. Ihr Glaube sei „nit uß den pfaffen oder münchen, sondern uß dem wort gottes“. Aber alle Wünsche, sich mit den Gegnern zu verständigen, scheiterten an diesen, die sie lieber verleumdeten und verfolgten. Das Datum dieser Entschuldigung ist mit ziemlicher Bestimmtheit in den Anfang des Jahres 1525 zu setzen.

Die Angabe, Freiburg und Breisach habe ihnen „am jüngsten zugeschrieben,“ sie seien hussisch und ketzerisch, die auf den Brief dieser beiden Städte vom 8. Oktober 1524 deutet, die Tatsache, daß die Darstellung der Verhandlungen um eine Verständigung mit dem Tage von Bheinfelden vom 15. November 1524 schließt, und daß endlich aufgefordert wird, Waldshut Unterstützung zukommen zu lassen („von unser wegen allein zu Waldshut ist das Spiel nicht angefangen“ — die Sache betrifft alle Christen), all das weist bezüglich der Entstehung dieses Schriftstücks auf den Januar 1525 als spätesten Termin hin. Im Januar drohte von Georg Truchseß, von den Österreichern überhaupt, die nun endlich ein kleines Heer zusammengebracht hatten, ernstliche Gefahr, Grund genug, an Unterstützung und an eine Darlegung ihrer Ideen vor einem größeren Publikum zu denken.

Die 12 Artikel sind, da sie die Vorlage für die Memminger Eingabe waren, spätestens am 20. Februar in die Hände der Memminger Bauern gelangt. Selbst wenn man noch immer Zweifel an der Heimat der 12 Artikel haben sollte, macht die zeitliche Nachbarschaft beider Schriftstücke, die denselben Inhalt haben, nicht einen gemeinsamen Autor sehr wahrscheinlich?

In der Zeit seiner freiwilligen Verbannung nach Schaffhausen, vom 17. August bis zum 27. Oktober 1524, verfertigte Hubmaier eine kleine Schrift „von den Ketzern und ihren Verbrennern“. Sie soll nachweisen, daß als Ketzer nicht die anzusehen sind, die die Kirche verfolgt, sondern vielmehr die, die freventlich wider die heilige Schrift fechten. Auch hier begegnet also wieder der Gedanke, der einen Teil der Einleitung der 12 Artikel ausmacht.

Als Faber im Dezember 1525 die Wohnung Hubmaiers in Waldshut durchsuchte, fand er neben dem Artikelbrief und den 12 Artikeln einen sehr merkwürdigen Verfassungsentwurf vor, nur zum Teil in der Handschrift jenes Reformers, aber dort, wo eine andere Hand die Feder geführt hatte, von ihm vielfach verbessert. Stern macht wahrscheinlich,daß bei diesem Entwürfe Münzerischer Einfluß wirksam war. Wie auch immer — ein solcher läßt sich ja sonst vielfach feststellen —, was hier interessiert, ist, daß sich in ihm gleich am Anfang ein Passus befindet, der an das Zitat des Titels in dem, wie ich noch nachweisen werde, ältesten Drucke (die Zeit ist hie, das anfahe das gericht von dem Hause Gottes) aufs deutlichste anklingt: es sei die Zeit da, daß Gott die Tyrannei der weltlichen Herren nicht mehr leiden wolle. Wenn auch der Entwurf in der vorliegenden Fassung aus der Zeit nach der Metzelei bei Zabem (17. Mai 1525) stammt, so ist doch sehr bemerkenswert, daß Hubmaier mit jenem Gedanken überhaupt vertraut werden konnte.

Unwesentlicheres, wie den Umstand, daß Hubmaier nach dem Bauernkriege den Vorwurf hat hören müssen, er habe alle Dinge „gemein machen wollen,“ kann man übergehen. Doch entsinnt man sich dabei des 4. unter den 12 Artikeln mit seiner Verweisung auf den Urzustand des Menschen.

Ich möchte nur noch die Aufmerksamkeit darauf lenken, daß bei den Artikeln 5—11 die Hand eines theologischen Beraters der Bauern nur in den übrigens seltener als sonst auftretenden Marginalien sichtbar wird (mit Ausnahme des bedeutungslosen Schlusses im Artikel 6: allein nach laut des wort gottes), während die Artikel 1—4, die Einleitung sowie der Schlußartikel sie ebenso im Text wie am Rande (wie häufig hier!) verraten. Die Artikel 6—11 sind solche, die immer und überall wiederkehren. Es sind die, welche sich gegen augenscheinliche Willkürmaßregeln der Herren richteten, die den Bauern nach ihrer Berechtigung und ihrem Zweck unverständlich waren, gegen die Steigerung der Dienste, der Abgaben aus dem Pachtverhältnis, der Frevel, gegen die Angriffe auf das Gemeindeeigentum u. a. m. Es sind Beschwerden, die zu sehr in aller Bewußtsein lebten, sozusagen zu selbstverständlich waren, um noch einer eingehenderen Begründung aus dem Evangelium zu bedürfen. Anders stand es um die Artikel 1—4. Hier handelte es sich zum Teil um Institutionen, die wie die Leibeigenschaft, wie das Recht des Herrn am Wildpret, an Vögeln und Fischen im fließenden Wasser für den einzelnen kaum eine Beschwerde darstellten, zum Teil um solche, die anzutasten nur der Kampf um die Prinzipien verführt hatte. In der ersten Untersuchung wies ich nach, daß gerade derartige die Unruhen erregt hatten. Hier mußte, sollte anders das Vorhaben der Bauern mit dem göttlichen Wort vereinbar erscheinen, der Theologe dem Bauern zu Hülfe kommen. An dieser Stelle sei nun wieder an jene obenzitierten Angaben Fabers erinnert. Hubmaier sollte danach Artikel, die ihm aus dem Heere zugekommen waren, den Bauern ausgelegt und erweitert, er sollte, wie die catholica defensio besagte, die sediciosos articulos mit evangelischen Monumenten versehen haben. Ist es nicht auffällig, wie vortrefflich unsere Beobachtung an den 12 Artikeln zu diesen Worten paßt?

Neben der innerenVerwandtschaft von Hubmaiers Schriften mit den 12 Artikeln läßt sich bei einer genaueren Vergleichung auch noch eine äußere bemerken.

Man hat bisher zum Beweise für die Anteilnahme Lotzers an der Kedaktion der Bauernbeschwerden die Tatsache herangezogen, daß sich in Schriften von ihm ähnliche Marginalien wie in den 12 Artikeln befinden. An denen Hubmaiers können wir dieselbe Beobachtung machen. In der „Entschuldigung der Stadt Waldshut“ sind folgende Zitatformen enthalten:

Mar. 1. c____act. 17. ca. (S. 108), Mat. am 18. ca. . . Mar. am 16. ca. (S. 109), Jo. am ersten Cappittel… Gal. am I. ca. (S. 111), Epistel Pauli Ro. am 13. und I. Petri I (S. 112), Esa. am 58. ca. (S. 114), Marci am XVI. ca. . . . Jo. am XII. ca.. . . Jo. am V. ca…. Lu. am XVI. ca. (S. 120), endlich Math. VII. ca. (S. 121). In der Überschrift einer in Nürnberg 1525 gedruckten Schrift Hubmaiers „von dem Christenl. Tanff der gläubigen“ begegnet das Zitat: 1. Corin. xiii Kap., in der in Zürich 1526 gedruckten „Handlung … zu Osterlytz“: 1. Cor. I,4) iu dem in Nikolsburg gedruckten „Gespräch“ Balth. Hubmaiers die Form Hiere. 22. Kap. Man kann mit Wrede, der bei der Besprechung des Baumannschen Buches auf ein allerdings vereinzeltes ähnliches Zitat in einem Werke Luthers aufmerksam machte, den Nachweis ähnlicher Zitiermethoden für wenig beweiskräftig halten. Aber doch wird man, wenn man in den 12 Artikeln neben Gen. — Genes., neben Matt. — Matth., neben Deut. — Deute, usw. trifft, wenn mau ferner so eigentümliche Formen findet, wie Oorin. und Hiere., Tessalo., Petri, usw., aus der Unregelmäßigkeit in der Zitierweise und aus dieser selbst in jenen Schriften und in den Artikeln auf einen gemeinsamen Autor schließen dürfen.

Bei der Argumentation für Hubmaiers Autorschaft blieb bisher ein Beweismoment unberücksichtigt, das nie ohne Bedeutung auch hier gegeben ist, das e contrario.

Unter den 12 Artikeln befinden sich zwei, die man nicht anders als als revolutionär bezeichnen kann. Das sind der erste, der die Pfarrwahl für die Gemeinde fordert, und der zweite, in dem der große Zehnt als Besoldung des Geistlichen seitens der Pfarrkinder in Anspruch genommen und die Einstellung der Bezahlung des kleinen oder Blutzehnten verlangt wird. Wenn die 12 Artikel in Oberschwaben, speziell in Memmingen entstanden sein sollten, mußte nachgewiesen werden, wie man hier zu diesen Forderungen kommen konnte. Der Nachweis war um so dringlicher, wenn man die Memminger Eingabe, die dieselben Forderungen enthält, für das spätere Schriftstück hielt. Den Nachweis hat man bisher nicht versucht. Er wird auch schwerlich zu erbringen sein. Denn nirgendwo in dieser Gegend hören wir vor dem 20. Februar, als an welchem Tage etwa die 12 Artikel den Memminger Bauern bekannt geworden sein müßten, von dem Verlangen nach der Pfarrwahl durch die Gemeinde. In dem evangelisch gesinnten Kreise ferner, der sich in Memmingen um Schappeler zusammenschloß, hatte es keinen Sinn, derartig revolutionäre Forderungen aufzustellen, mochte man sich auch vielleicht im Hinblick auf die ländlichen Verhältnisse theoretisch mit solchen Fragen beschäftigen.

Weiter wissen wir von dem Memminger Pfarrer, daß er sich prinzipiell gegen jeden Zehnten anssprach, weil er nicht in der Schrift gegründet sei. Demzufolge wurde denn auch in der Memminger Eingabe auf die Aufhebung des ganzen Zehnten gedrungen. Es ist nicht abzusehen, warum wer sonst dem Meister strikt folgte hier, wo die Bauern gewiß so aufmerksam wie möglich gewesen wären, plötzlich von dessen Standpunkt abgewichen sein soll. Schließlich hat uns Franz Ludwig Baumann, der die Wissenschaft mit einer alle Verhältnisse schildernden Geschichte des Allgäus beschenkte, bei der Darstellung der bäuerlichen Abgaben belehrt, daß der kleine Zehnt wenigstens im Allgäu also auch um Memmingen nicht nur den Blutzehnten in sich begriff, sondern alle Zehnten außer dem vom Getreide.

Bilden diese beiden ersten Artikel somit wie ich denke recht starke Instanzen gegen die Annahme, daß Oberschwaben die Heimat der 12 Artikel sei, in den Zusammenhang mit den Ereignissen im südlichen Schwarzwald fügen sie sich sehr gut ein. Nach dem ersten Teil dieser Untersuchungen ist eine eingehendere Ausführung nicht nötig, inwiefern das auf den ersten Artikel zutrifft. In der Konstanzer Diözese, wo die geistliche und die weltliche Gewalt gemeinsam die neue Lehre niederzuhalten bemüht waren, ist es selbstverständlich, daß die Neugläubigen dieses Recht für sich beanspruchten, um so mehr, als das nahe Zürich derartigen Bestrebungen den nötigen ideellen Rückhalt bot. Die Stadt Waldshut gab ihren Gesandten bereits zu dem Tage von Rheinfelden, 31 Oktober 1524. den Artikel mit: das Evangelium sei pur, lauter und klar zu predigen, also frei, daß darüber kein anderer Richter oder Rechtfertiger gesetzt werde, „außerhalb der, so die heilig gschrifft selbs setzt unnd gybt“.

Die Instruktion lautete dann weiter: dies Wort Gottes, wie es soll frei sein zuverkündigen und ungebunden, also will auch die Kirche zu Waldshut des Predigers halb frei sein, ledig und unverstrickt, geb, wen sie erwähle oder wer ihnen gefalle …, denn es unmöglich, daß der Enden das heilige Evangelium aufrecht und frei gepredigt werde, wo der Austeiler desselben mit Menschenstricken verknüpft ist.  Auf diesem Punkte bestand die Stadt auch fernerhin, wieweit sie auch sonst dem Erzherzog entgegenkomm en mochte. Der Tag in Konstanz im Januar 1525 hatte eben deshalb keinen Erfolg. Um diese Zeit, noch im Januar 1525, wurden nun auch schon an anderer Stelle solche Wünsche laut. Am 31. Januar beschwerte sich die Gemeinde Griessen im Klettgau, — eben die, in der Münzer während seines Aufenthaltes in dieser Gegend gelebt hatte, in einem Schreiben nach Zürich, daß sie ihr Herr, der Abt von St. Blasien, trotz mehrfach geäußerten Wunsches mit keinem Prädikanten versehe, der das Gotteswort „pur, klar, luter verkünde“. Bis zu der Aufstellung einer Forderung, wie sie der erste der 12 Artikel enthält, war nur noch ein Schritt.

Im Gebiete der Stadt Zürich war ferner der zweite Wunsch der Bauern in ihrem Manifest, der, nur noch den großen Zehnten geben zu sollen, bereits verwirklicht. Freilich ein Edikt, das die Scheidung in großen und kleinen Zehnten anerkannte und den letzten als unnötig bezeichnete, ist hier erst später, nach dem Bauernkriege publiziert worden. Aber wie aus Verordnungen vor ihm zu ententnehmen ist, wurde hier tatsächlich immer nur der große Zehnt, ein solcher von Korn, Hafer, Heu und Wein, verlangt, In keiner oberschwäbischen Bauernbeschwerde wird vor dem 14. Februar 1525 dieser Forderung gedacht. Dagegen wird in dem Anlaß zwischen den Grafen von Fürstenberg und Lupfen und den Herren von Schellenberg einerund deren Untertanen andrerseits, der vom 10. Februar datiert ist, bestimmt, daß nur der große Zehnt bis zum Austrage des Streits vor dem Reichskammergericht weiter entrichtet werden solle. Die Vermutung ist gewiß begründet, daß eine dahingehende Forderung der Bauern, die wir nicht mehr kennen, Vorgelegen hat. Eben hierhin gehört ein Punkt aus der Beschwerdeschrift der Grafschaft Klettgau über ihren Herrn an die Stadt Zürich, bei dem sie anfragt, wie es mit dem kleinen Zehnten zu halten.

Baumann behauptete zwar, dieses Schriftstück sei in den März 1525 einzuordnen, aber schon Stern betonte die Unmöglichkeit dafür einen Beweis zu erbringen; Baumann mußte ihn denn auch schuldig bleiben. Hat man danach nicht allen Grund zu der Annahme, daß hier im Schwarzwald jene Distinktion zwischen großem und kleinem Zehnten ihren Ursprung hat?

Alle diese teils direkten, teils indirekten Hinweise auf den südlichen Schwarzwald, denen Instanzen von Bedeutung nicht entgegenstehen, lassen in Verbindung mit den eindeutigen Worten Fabers meines Erachtens einen Zweifel nicht mehr zu, daß die Wissenschaft in Hubmaier den Verfasser der 12 Artikel zu sehen hat, soweit von einem solchen die Rede sein kann. Was wir von der Persönlichkeit Hubmaiers wissen, spricht gegen seine Autorschaft in keiner Weise. Im Gegenteil stimmen das Temperament, die dialektische Gewandtheit, das starke Vertrauen auf den Sieg der Sache, die in der Einleitung zum Ausdruck kommen, recht gut zu diesem Mann, der schon bevor er der Schüler der Reformation namentlich Zwinglis wurde ein eifriger Theolog und Bibelforscher war und dabei schon damals an Reformen dachte. Für die sachliche Verwandtschaft seiner Schriften mit den 12 Artikeln hatten sich uns außerdem bereits einzelne Belege ergeben.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege