Der deutsche Bauernkrieg : Der Bauernkrieg im Bistum Bamberg.

Bis zum Jahre 1525 waren die Unruhen auf ein kleines Gebiet beschränkt geblieben. Es konnte Vorkommen, daß sie Chronikensehreibern ganz entgingen, daß diese den Bauernkrieg erst mit dem neuen Jahr beginnen ließen. Auch dann dauerte es noch Wochen, ehe sich der Aufstand auch nur über eine Landschaft ausdehnte. Seit dem Ende März 1525 dagegen flackerte überall die Flamme auf. Der Boden mindestens von ganz Südwestdeutschland seinen von ihr unterwühlt zu sein. Wo in den Jahren und Jahrzehnten vorher auch nicht die geringste Erregung zu spüren gewesen war, erhoben sich plötzlich, überraschend die Elemente des Volkes. Auf die Klöster flog der rote Hahn, die Schlösser sanken weit und breit in Trümmer. Was war der Grund dafür? Die Wissenschaft, soweit sie in den letzten Jahrzehnten hierauf ihr Augenmerk richtete, hatte nur die eine Erklärung, daß es soziale Antipathien gewesen sein müßten, die hier zum Ausbruch kamen, soziale Antipathien, die den Rückschluß auf arge Mißstände gestatteten. Von einer politischen oder wirtschaftlichen Notlage der unteren Klassen ließ sich nun zwar bei exakterer Untersuchung des Staatswesens der Zeit nicht wohl sprechen.1) Dafür aber meinte man in der privilegierten Stellung von Kirche und Adel den Grund entdeckt zu haben: im Hinblick auf diese Privilegien, auf ihre Betonung namentlich seitens des Adels sei das Temperament der Bevölkerung revolutionär geworden; allein hieraus, aus nichts anderem seien die Ereignisse seit dem April 1525 zu verstehen.

Man mag über das Temperament als Faktor im politischen Leben denken wie man will — das Eine ist gewiß, daß man jene Ereignisse nicht ohne Rücksicht auf die Monate vorher betrachten darf. Wie ich in der ersten Untersuchung nachwies, waren die Unruhen, die diese erfüllten, eine Folge der katholischen Reaktion. Je stärker diese sich zeigte, um so weiter griffen sie um sich: schon hier kam es zum Sturm auf die Klöster und Schlösser. Seit dem März 1525, als die gesamte Macht des Schwäbischen Bundes gegen die Bauern mobil gemacht wurde, war das nun in gesteigertem Maße der Fall. Die Tatsache, daß die 12 Artikel vielfach den einzig nachweisbaren Anstoß zu den Erhebungen an den verschiedensten Orten gaben, ist ein deutliches Zeichen, daß die Bauern überall den Weckruf zur Wahrung der evangelischen Predigt, zur Verteidigung der neuen Lehre verstanden: man kann behaupten, daß, wo nur die geringste Sympathie für die Sache des Schwäbischen Bundes bei den Herren oder bei der Obrigkeit hervortrat — nie war der Bund umfassender als in dieser Zeit! —, die Untertanen nicht lange zögerten, die Fahne des Aufruhrs aufzupflanzen. Streitigkeiten über die Staatsverwaltung, Beschwerden über die Regierung hat es immer gegeben, in deutschen Landen nie zahlreicher als seit den Jahren, da die lutherische Reformation alle kirchlichen Ordnungen in Frage stellte: sie wurden jetzt neu zusammengetragen. Warum sie zuweilen anders aussahen, sobald die Bewegung die Grenzen überschritt, innerhalb deren sie sich bis dahin abgespielt hatte, und warum die Unruhen hier eine Richtung einschlugen, die eine völlige Umgestaltung das Staatsgefüges in sich barg, das ist zu einem guten Teile auf die Natur und die Geschichte der Staatenwelt in diesen Gegenden zurückzuführen, wie ein Blick auf sie noch zeigen wird. Doch auf diese nicht allein!

Die Bewegung seit dem März 1525 war noch in einer anderen Beziehung mit der religiös-kirchlichen Frage verknüpft. Schon bei der Beobachtung der Unruhen im Winter 1524 — 25 war des Eindruckes zu gedenken, den die Schwenkung das Papstes von der Partei Karls V. zu der des französischen Königs auf weite Kreise machte. So lange die beiden obersten Gewalten in der Christenheit in Frieden und Freundschaft miteinander lebten, bestand kaum für Luther und seine Gesinnungsgenossen die Möglichkeit, ihre religiösen Ideale durchzusetzen. Ganz und gar ausgeschlossen aber war das für die radikaleren Elemente, soweit sie eine Umgestaltung der deutschen Kirche in jeder Beziehung zum Ziele hatten. Der Anhang, den sie bisher gewonnen hatten, war naturgemäß klein: Massen lassen sich nicht durch Gründe der Vernunft allein zu Taten fortreißen, unter denen das Gemüt zu leiden hat. Jetzt war nun die Sachlage für sie eine außerordentlich günstige.

Der Zwiespalt zwischen Kaiser und Papst war nicht nur allenthalben bekannt geworden, das Kaisertum, dessen Besitz dem Selbstgefühl der Deutschen in dieser romantisch angehauchten Zeit besonders schmeichelte, hatte sogar über den Verbündeten des Papstes den glänzendsten, wie man annehmen durfte, den entscheidenden Sieg davongetragen. Wenn je, so konnten jetzt Leute von dem Schlage eines Münzer und eines Karlstadt hoffen, größere Massen für ihre Ziele zu begeistern und mit ihrer Kirchenpolitik durchzudringen. Seitdem Luther, das sanfte Fleisch, wie man ihn nannte, ihrer Wirksamkeit in seiner Nähe ein Ende gemacht hatte, hatten sie auf Wanderfahrten im Süden Deutschlands ebensowohl für ihre Ideen weiter Propaganda getrieben, wie sie sie im Gegensatz zu dem Reformator dogmatisch immer radikaler ausgebildet hatten — man denke an Kapstadts Abendmahlslehre, an die vom freien Willen. Kreise, die Luther bisher gefolgt waren, waren durch den Streit um diese Positionen an ihm irre geworden. Jetzt, seit dem März 1525, war Gelegenheit ihm auch kirchenpolitisch den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Schon längst hat die Wissenschaft die Beobachtung gemacht, daß neben den Unruhen auf dem Lande solche in den Städten einhergingen. Vor dem März 1525 bereits fühlten sich die städtischen Behörden hier und da, dort, wo das Land vom Aufruhr ergriffen war, der niederen Schichten der Bevölkerung nicht mehr sicher. Werden diese in solchen unruhvollen Zeiten immer ökonomisch in Mitleidenschaft gezogen, und schon deshalb bereit sein, sich zu erheben, daß auch die Obrigkeit in den Städten die Sache des Schwäbischen Bundes gegen die Bauern vielfach zu der ihren machte, war dazu für sie ein weiteres Moment. Immerhin waren bis zu jenem Zeitpunkt Unruhen in den Städten nur vereinzelt. Wenn das seitdem anders wurde, wenn jetzt die kleineren Reichsstädte wie die Landstädte in ihren Mauern die stärksten Veränderungen hinsichtlich ihres Regiments erlebten, so, daß von nun an Kreise daran teilnahmen, die bisher davon ausgeschlossen waren, so wird man darin eine Rückwirkung jener Ereignisse der hohen Politik, den Einfluß der steigenden Macht der Männer erblicken dürfen, die sie zugunsten einer radikalen Politik

in Kirche und Staat auszunutzen gedachten. Nicht überall bedurfte es der Persönlichkeit eines Agitators wie sie etwa Münzer war. Man kann vielleicht sogar sagen, daß die Massen untergeordneteren Geistern eher folgten. Denn die Ziele durften nicht zu hoch gesteckt sein, es genügte vorläufig, wenn die Schichten ihres Einflusses und ihrer Macht beraubt wurden, die am Alten hingen oder einer Hinneigung dazu verdächtig waren. Nur selten verrät sich dem Forscher, zu wie hohem Fluge sich die Gedanken anschicken konnten. Der Plan einer Reichsreform, die die letzte Folge von alledem war, was angebalmt wurde, ist noch in der Zeit vor der Entscheidung zu Papier gebracht worden. Das Bauernparlament, das ihn beraten sollte, ist jedoch nicht mehr zusammengetreten.

Strömungen dieser Art waren es, die seit dem März 1525 die bestehenden Gewalten in Kirche und Staat fortzuschwemmen, dem politischen Leben ein ganz neues Gesicht zu geben drohten. Mit jener Reaktion der Massen gegen den Druck von katholischer Seite erschienen seitdem radikale Tendenzen verbunden, die sie benutzen konnten, und die die Gegensätze noch verschärfen, den Unruhen einen noch viel ernsteren Charakter aufprägen mußten. Alles war in Gefahr, darum war, nun erst recht, alles, was an dem Zustande wie er war ein Interesse hatte, gezwungen, an Gegenwehr zu denken. Damit wiederum wurden die Leidenschaften immer von neuem entzündet.

Es versteht sich von selbst, daß hierunter am meisten die geistlichen Territorien zu leiden hatten. Konservativ, wie nichts anderes in der Welt dieser Jahre, erregten sie eben darum bei der Lage der Dinge den stärksten Widerstreit; dabei waren sie ihrer staatlichen Organisation gemäß nicht imstande, von sich aus eine energische Gegenbewegung einzuleiten. Wer die Strömungen in diesen Monaten kennen lernen will, der wird sie also am ehesten an dem Verlauf der Erhebung in einem solchen Territorium studieren können. Hier konnten sie ungehindert ihre Wege suchen.

Indem ich im Folgenden mich der Aufgabe unterziehe, sie in einem solchen zu beobachten und zu verfolgen, wähle ich dazu als Beispiel das Bistum Bamberg. Einmal ist uns für den Bauernkrieg in diesem Bistum ein Quellenmaterial von einer außerordentlichen Reichhaltigkeit erhalten geblieben, das zudem aus den verschiedensten Lagern stammt. Und dann hat Bamberg, ich möchte fast sagen in seiner Ecke, ein Dasein ganz für sich führen können, anders als es z. B. dem Bistum Würzburg, von dessen Wohl und Wehe sehr viel mehr abhing, vergönnt war: die Bewegung konnte hier eben deshalb den typischen Verlauf nehmen.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg: Die 12 Artikel, ihr Verfasser und ihre Geschichte
Der deutsche Bauernkrieg: Die Streitfrage inbetreff der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg : Die kirchlich-religiöse Lage des Bistums Bamberg um 1525
Der deutsche Bauernkrieg : Blick auf die politische Lage des Bistums Bamberg um 1525