Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.

Der deutsche Bauernkrieg; Untersuchungen über seine Entstehung und seinen Verlauf.

Die Anfänge der Unruhen liegen in ein gewisses Dunkel gehüllt. So bestimmt man an allen leitenden Stellen im Reiche im Gefolge der religiösen Bewegung, die sich an Luthers Namen knüpfte, Unruhen befürchtete, die, die an den Südabhängen des Schwarzwalds im Gebiete der Abtei von St. Blasien und unter den Bonndorfer Untertanen des Landgrafen von Stühlingen, im Mai resp. im Juni 1524 ausbrachen, hielt man zunächst für zu unbedeutend, um sich eingehender über sie zu unterrichten. In dieser Einschätzung liegt z. T. der Grund, daß eine Reihe von Zeitgenossen und die von diesen abhängigen Schriftsteller die Bewegung im südlichen Schwarzwald während des Jahres 1524 der Erwähnung kaum für wert erachteten. Für sie beginnt der Bauernkrieg erst mit den Unruhen in Oberschwaben, also mit dem Jahre 1525. So mag zu erklären sein, daß die Quellen darüber nur spärlich fließen.1)

1) Diese sind verstreut in den Publikationen von Mone, Schreiber, Baumann, Hartfelder u. a. Außerdem hat Arnold Elben in seiner Schrift: Vorderösterreich und seine Schutzgebiete im Jahre 1524 (Stuttgart 1889) verschiedentlich ungedrucktes Material aus Württembergischen Archiven beigebracht.

Nicht auf jede Frage können wir direkten Bescheid erhoffen. Das gilt gleich von der, ob die Bonndorf er, da sie Ende Juni ganz ähnliche Forderungen verlauten ließen, wie die Untertanen des Abts von St. Blasien im Mai erhoben hatten, von diesen beeinflußt wurden. Die Frage, ob der Anstoß von einem geistlichen Territorium ausging, ist wie wir sehen werden, nicht ohne Interesse. Weiter möchte man wohl genaueres über die Motive der Bauern erfahren. Sie sperrten sich — nur das ist uns überliefert — plötzlich gegen einzelne Leistungen, die sie bis dahin willig erfüllt hatten, und wünschten Brief und Siegel zu sehen, daß die Herren solche mit Recht heischten. Bei den Bonndorfern ahnen wir, daß ihr Herr, der Landgraf Sigismund von Lupfen, nicht gerade zu den rücksichtsvollen Herren gehörte. Die Erzählung allerdings, daß seine Frau während der Erntezeit von den Bauern verlangte, Schneckenhäuschen zu sammeln, damit sie Garn darauf winde, trägt, um wahr zu sein, zu sehr den Stempel der Anekdote, wie sie denn auch erst später auftaucht. 1) Doch nennt Valerius Anshelm Lupfen geradezu einen Feind der Bauern, und im November 1524 mußte ihn seine Oberbehörde, der Innsbrucker Hofrat, mahnen lassen, sich solcher Worte zu enthalten, wie er sie seinen Untertanen gegenüber brauchte.2)

*) In der Berner Chronik des Valerius Anshelm (Band VI, 298), ferner in den Abschriften von Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495—1533 (vgl. die Ausgabe von Ohr. Roder = Bibliothek des Literar. Vereins in Stuttgart, Band 164, Tübingen 1883, 98 Anm. 2). In der Zimmerischen Chronik (ed. Barack, 2. Aufl.) Band II, 523 wird die Schuld auf die „scharfen und grimmen“ Amtsleute des Grafen geschoben.

*) Anshelm a. a. 0.; Baumann, Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkriegs aus Oberschwaben, (Freiburg i. B. 1877) 24, Nr. 42. Vgl. auch Schreiber, Der deutsche Bauernkrieg. Gleichzeitige Urkunden (Freiburg i. B. 1863 — Urkundenbuch der Stadt Freiburg i. B. N. F.) Band I, 92 und 96,7, Nr. 57 und 62.

Auch die Beschwerdeartikel, die die Stühlinger Bauern insgesamt im Frühjahr 1525 übergaben, lassen darauf schließen.1) Aber mit alledem ist nichts über das gesagt, was in erster Linie wissenswert erscheint. In der Literatur begegnet man zumeist der Behauptung, die ersten Bauernerhebungen trügen ein rein mittelalterliches Gepräge. Von einem Einfluß der Reformation sei nichts zu bemerken. Das Schlagwort vom „göttlichen Recht“, das im Dezember 1524 auftauchte2) und wie man meint, zum erstenmal eine Anteilnahme der Bauern an der religiösen Bewegung verrate, hätte nur ganz allmählich weitere Kreise für sich gewonnen. In der Tat trifft die Feststellung zu, daß sich bis zu jenem Tennin keinerlei Äußerungen derart unter den Bauern finden lassen. Aber einmal sind uns überhaupt so gut wie gar keine Äußerungen aus diesem Lager in dem ganzen ersten Halbjahr der Unruhen bekannt. Und dann sollte man doch meinen, daß solch Schlagwort, wenn es plötzlich in eine Bewegung hineingeworfen wird, deren Ziele sich mit den von ihm angedeuteten nicht deckten, allgemeines Aufsehen erregen müßte. Das ist hier nicht der Fall.

1) Gedruckt bei Baumann a. a. 0., 188—208.

2) Vgl. Elben 123, 126, 128 etc. Die von Elben 121 zitierte Stelle der Villinger Chronik ist mir nicht beweiskräftig genug. Zn Elbens DentuDg dieser Stellen (156ff.) vgl. A. Stern, Über die 12 Artikel der Bauern und einige andere Aktenstücke aus der Bewegung von 1525 (Leipzig 1868) 102ff., dem ich mich anschließe. Wenn auch schon in den Bewegungen vor 1524 das göttliche Recht der Ausgangspunkt ist, so war es doch nie und nimmer bis zu dieser Zeit von so zwingender Gewalt, daß die weitesten Kreise davon ergriffen wurden. Das war erst Folge von Luthers Auftreten.

Und zwar aus dem Grunde nicht, weil sich die Forderungen, die die Bauern unter diesem Titel Ende des Jahres erhoben, von denen nicht unterschieden, die bereits früher aufgestellt waren. Auch diese Bauern wollten keine Dienste und Fronen mehr leisten, keine Fälle und Gelässe weiterhin reichen. Daneben kannten sie allerdings noch andere Beschwerden, wie die Leibeigenschaft, das Sonderrecht der Herren zu tischen und zu jagen, Beschwerden, die den St, Blasiem und Bonndorfern im Mai und Juni nur z. T. zum Bewußtsein gekommen waren, zwei Monate später aber schon allgemein als solche galten.1) Wird schon durch diese Bemerkungen jene Behauptung erschüttert, so scheint sie mir ihre Grundlage völlig zu verlieren, wenn man einer Tatsache gedenkt, die wohl bekannt doch nicht genug beachtet wurde. Soweit die Autorität der österreichischen Regierung reichte — sie herrschte damals außer in Württemberg und in der Landgrafschaft Oberelsaß auch in dem größten Teil des südlichen Schwarzwaldes —, aller Orten waren die neugläubigen Prädikanten in diesen Monaten vertrieben. Kein Zweifel, daß die Terminologie der bäuerischen Forderungen eben deshalb direkte Anklänge an die Schlagworte der religiös bewegten Zeit vermissen läßt. —

Von hervorragendster Bedeutung sind die Beziehungen Vorderösterreichs zu der Schweiz. Sie sind in diesem Zusammenhang noch nie recht gewürdigt worden.

1) Vgl. das Schreiben Lupfens vom 25. August 1524 an Freiburg (Schreiber 15, Nr. 15) mit den früheren Akten. Vortrefflich hat, wie mit den Wochen die Zahl der Beschwerden stieg, der „Schreiber des Truchsessen“ berichtet (Baumann, Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben [Bibi, des Literarischen Vereins in Stuttgart, Band 129, Tübingen 1876] 527). Daß mit der Zeit auch Klagen über die Besetzung der Gerichte etc. auftauchen, kann nicht zu einem abfälligen Urteil über die Rechtsprechung der Zeit Anlaß geben. Sie werden immer entstehen, wenn Fragen von prinzipieller Bedeutung ausgetragen werden sollen.

Nicht nur waren gewisse Landstriche die Kornkammer für die Nordschweiz; weshalb diese an ihrer materiellen Wohlfahrt in hohem Grade interessiert war. Überall saßen auch Schweizer Bürger. Schaffhausen gehörten Dörfer und Höfe in der Landgrafschaft Stühlingen, Züricher und St. Gallener hatten Viehheerden auf dem Walde,1) mit Bürgerrecht waren weite Kreise z. B. Zürich verbunden. Nichts ist bei solcher Lage der Verhältnisse gewisser, als daß von den reformatorischen Bewegungen, die an Zwinglis Auftreten anknüpften, Wellen auch in den südlichen Schwarzwald hinüberschlugen. Man wird dabei nicht an eine Propaganda durch Prädikanten denken dürfen. Jenseits der Grenzen einiger weniger schweizerischer Kantone gab es für diese in ruhigen Zeiten keinen Unterschlupf mehr, seitdem sich die Mehrzahl der Eidgenossen und Ferdinand von Österreich gegen jede Reform im lutherischen Sinne ausgesprochen und ihren Willen gezeigt hatten, eventuell mit Gewalt dagegen einzuschreiten. Aber es gab reichlich unzufriedene Leute sonst in Zürich, Männer, denen selbst ein Zwingli noch nicht genug tat. Nicht jeder ward durch seine Interpretation der heiligen Schrift befriedigt.2) Wenn einmal für gewisse Anschauungen der Zeit das Evangelium das Kriterium sein sollte, dem gemäß sie beibehalten wurden oder nicht so sah der gemeine Menschenverstand schwer ein, warum das nicht ebenso der Fall für Dinge wäre, die ihm nach Sinn und Zweck schon längst nicht recht verständlich waren, ohne daß sie doch unleidlich erschienen. Beschwerden wurden laut. Aber nicht alle wurden beseitigt; wie viele mochten das im Emst für möglich halten!

1) Schreiber 32.

2) Zu dem lebendigen Bildungseifer, in dem Zürich jener Tage, vgl. Furrer, Rudolf Collin, ein Charakterbild aus der schweizerischen Reformationsgeschichte, Halle 1863.

Doch wurden sie sämtlich — dafür sorgte Zwingli — an dem Evangelium und dem gemeinen Nutzen als der zweiten Instanz geprüft; wenn was Anlaß dazu gegeben hatte weiter beibehalten wurde, so wußte der ruhige, nur religiös interessierte Bürger, daß es notwendig war. Es ist nun sehr beachtenswert, daß fast alle die Forderungen, die die deutschen Bauern in den Anfängen des Bauernkrieges äußerten, schon zuvor in der Schweiz Gegenstand der Auseinandersetzung gewesen waren. Wer sich die Mühe gibt, die Aktensammlungen für Geschichte der schweizerischen Reformation durchzusehen, kann sich eine Fülle von Beispielen notieren. Auch für jene Zumutungen, die die Bauern im Mai und Juni stellten, lassen sich solche erbringen. Am 25. Jannuar desselben Jahres hatte die Gemeinde zu Embrach dem Züricher Rat unter anderem vorgetragen, daß sie Fälle und Lässe nicht mehr reichen, von der Leibeigenschaft nichts mehr wissen wolle. Sie habe zwar keine bestimmte Klage gegen ihren Propst und das Kapitel, „doch seien sie alle merklich beschwert“.1) Die Antwort des Züricher Rates ist nicht bekannt, Sie ist hier gleichgültig. Genug, daß man sieht, wie die Untertanen des Abts von St. Blasien und ebenso die des Landgrafen von Stühlingen, da sie derartige Forderungen erheben, in gewisser Weise von der Schweiz her beeinflußt erscheinen.2)

1) Egli, Aktensammlung zur Geschichte der Züricher Reformation in den Jahren 1519—1533 (Zürich 1879) 213 f., Nr. 490. Vgl. sonst Strickler, Die eidgenössischen Abschiede aus dem Zeitraum von 1521 —1528 (Der amtlichen Abschiedesammlung Band IV, Abt. 1 a, Brugg 1873), 450, Nr. 189, Bullingers Reformationsgeschichte, Band I (Frauenfeld 1838), 221.

2) Fr. L. Baumann, Die Eidgenossen und der deutsche Bauernkrieg (Sitzungsberichte der philosophisch – philologischen und der historischen Klasse der k. B. Akademie der Wissenschaften zn München, Jahrgang 1896) 113—141 versucht den Nachweis, daß von der Schweiz her auch nicht der geringste Einfluß zu bemerken sei. Ein solcher, wie ihn — übrigens nur nach Baumann — andere Forscher behauptet haben, allerdings nicht. Von dem hier angedeuteten spricht Baumann nicht, obwohl die Behauptung Luthers und seiner Anhänger, daß der Bauernkrieg eine Folge der schwärmerischen und sektiererischen Bewegungen sei, zu denen sie bekanntlich auch die Schweizer Reformation rechneten, zum mindesten die Untersuchung auch nach dieser Seite hätte lenken sollen.

Die Reformation Luthers, die besondere Art des Bibelstudiums, wie sie in der freien Schweiz betrieben wurde, hatte zu solchen prinzipiellen Auseinandersetzungen aufgefordert. Beschwerden materieller Natur, d. h. solche unerträglicher Art lagen ihnen nicht zu Grunde.1) Die Bewegungen in den Jahrzehnten vor 1524/5 waren immer lokal begrenzt gewesen, wie sie denn wohl zumeist in der persönlichen Unbeliebtheit eines rücksichtslosen Herrn ihren Grund gehabt hatten. Denn schließlich waren die Verhältnisse hier wie dort dieselben; Beschwerden, auch erheblichere, konnten überall entstehen. Aber nicht immer führten sie zum Aufruhr. In den meisten Fällen mochten die steigenden Anforderungen, die infolge der neuen politischen Lage an die sogenannten „armen Leute“ gestellt werden mußten, ein Korrelat in dem Vertrauen haben, daß die Herren damit nicht ihrer Willkür frönten. Jetzt war das anders. Zwar nicht sofort. Wenn man nach einem zeitgenössischen Schriftsteller behauptete, daß sich zu gleicher Zeit mit den Bonndorfern Untertanen des Abts von St, Blasien erhoben hätten,2) so hat man übersehen, daß dieser Chronist

1) Vgl. hierzu die neuerlichen Untersuchungen zur Vorgeschichte des Bauernkrieges, von mir in Schmollers staats- und sozialwissenschaftlichen Forschungen, Band XVIII, 4 (Leipzig 1900), und von F. Kiener in der Zeitschrift für Gesch. des Oberrheins, N. F. XIX, 479—508 (Heidelberg 1904).

2) Elben 15 nach Hugs Villinger Chronik.

über den Beginn der Unruhen stark zusammenfassend und oberflächlich berichtet Die Akten geben keinen Anhalt dafür.1)

Aber sehr bald erhielten die Bonndorfer Zuzug durch andere Untertanen des Grafen von Lupfen. Im Oktober und erst recht vom November 1524 ab waren die Unruhen weit über die Grenzen der Landgrafschaft Stühlingen hinausgegangen. Über die Gründe hierzu haben die Chronisten mannigfache Vermutungen geäußert. Während der eine meinte, daß das Beispiel der Bonndorfer ansteckend wirkte,2) wies ein anderer auf die Besorgnis eben dieser Bauern hin, daß sie allein den Handel gegen ihre Obrigkeit nicht durchführen könnten; Hilfe zu gewinnen, hätten sie ihre Nachbarn angesprochen.3) Und ein dritter machte gar dafür *) Aus einem Schreiben des Innsbrucker Hofrats vom 27. Juni und Ferdinands vom 11. Juli 1524 (Baumann, Akten 2, Nr. 4 und Schreiber 3, Nr. 3) hören wir von Versammlungen der Bauern im Hegau und Klett-gau. Da hierüber keine weitere Nachricht vorliegt, auch die Chroniken schweigen, darf man wohl annehmen, daß sie entweder Gebilde der aufgeregten Phantasie waren, oder keine Bedeutung, jedenfalls andere Gründe wie die Versammlungen der Stühlinger hatten. Vgl. auch Elben 51, Anm. 1. *) So der St. Gallener Johannes Keßler (Sabbata [edid. Egli und Schoch 1902] 173). Er fand nicht wunderbar, da die Bauern im Schwarzwald von ihren Halsherren „so ganz unterdrückt uud beschwert lägen“, daß ein jeder Bauer den andern zum Ungehorsam bewegte, „überkommend, so lange nichts mehr zu geben, bis ihnen durch solche Anforschung Brief und Siegel gezeigt und wie dem Recht Genüge geschehn dargelegt sei.“ Ähnlich sagt der sogenannte „Schreiber des Truchsessen Georg von Waldburg“, des späteren Feldhauptmanns gegen die Bauern, dem zur Abfassung seines Berichts Quellen in Menge zu Gebote standen, die Hegauer Bauern hätten sich erhoben, weil sie sahen, daß denen in der Landgrafschaft Stüblingen ihre Handlung vor sich ging (Baumann, Quellen 529). 3) So der Abt Caspar von St. Blasien (Stiftungsbuch von St Blasien, vom Abte Caspar I. in Mones Quellensammlung zur badischen L&ndes-geschichte, Bd. II, Karlsruhe 1854 , 61): Die Lupfischen Hintersassen hätten besorgt, daß sie allein den Handel gegen ihre Oberkeit mit Ge- einen einzigen Mann verantwortlich; wenn man es recht bedenke, so sei der Waldshuter Prediger Balthasar Hubmaier der Anfänger und Aufwieger des ganzen bäurischen Krieges. * *) Forscht man in den Akten nach, so wird man keine dieser Ansichten verwerfen dürfen. In der Tat mag das Beispiel, welches die Stühlinger gaben, viele zu ähnlichem Unternehmen angelockt haben. Denn weder sie noch die St. Blasier wurden von vornherein derart abgewiesen, daß andere nicht zu ähnlichem Verlangen hätten Mut schöpfen können. An eine gewaltsame Unterdrückung konnte Lupfen nicht sofort denken. Einmal war er durch jenes Ansinnen völlig überrascht, und dann war, selbst wenn er den Beistand seines obersten Herren, des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, in dessen Schutz und Schirm er stand, hätte erwarten können, ein Krieg grade liier gefährlich. Denn bunt durcheinander mit seinen Bauern saßen, wie bereits bemerkt, Schweizer Bürger. Ein offener Kampf hätte also hier zu den unliebsamsten Weiterungen führen können. Andererseits hatte der Graf zum Nachgeben keine Veranlassung. Denn es war sein Recht, was ihm plötzlich bestritten wurde. Er erbot sich daher zum rechtlichen Austrag, und die Bauern nahmen das an, um alsbald zu erkennen, daß ihnen damit nicht gedient sei. Lupfen ging von seinem Standpunkt nicht ab, ja er gab die deutlichsten Zeichen, daß er ihn, wenn nötig, mit W affengewalt verteidigen werde. Es ist uns überliefert, daß er sich noch walt nicht erhalten könnten und hätten deshalb andere Umsässen angesprochen. *) Andreas Lettsch, der sich in den Diensten des Klosters St. Blasien schon 1525 befand und spätestens Anfang der dreißiger Jahre seine Chronik schrieb (in Mones Quellensaramlung 46). vor dem 1. August mit Geschütz zu versehen suchte, und daß er um tatkräftige Unterstützung seine Nachbarn anging. 1) Bei den Bauern haben diese offenkundigen Beweise einer ablehnenden Haltung die Überzeugung wachgerufen, daß sie ohne Weiteres nicht durchsetzen könnten, was sie wollten. Erst jetzt, im August 1524, hören wir von ihrer Organisation unter einem Hauptmann, als den wir Hans Müller von Bulgenbach, einen ehemaligen Landsknecht kennen lernen; diesem Hauptmann waren Fähnrich und Waibel zur Seite gesetzt.2) Und erst in diesen Wochen werden sich die Bonndorf er bei den anderen Hintersassen Lupfens um Hilfe umgesehen haben; der Graf meldet in einem Schreiben vom 25. August, daß die Aufständischen andere seiner Untertanen, die ihm gern nach ihrem Eid gehorsam geblieben wären, zu sich gezwungen und ihnen eingeredet hätten, daß er wider Kecht tun wolle.3) So hat die Drohung mit Gewalt schon hier zu dem Gegenteil von dem geführt, was damit beabsicht war.

1) Baumann, Akten 6, Nr. 10; Schreiber 11 und 12. — In dem Augsburger Stadtarchiv (Literalien 1524—1525) ist ein Schreiben Lupfens d. Stuhlingen, Zienstag nach Assumptionis Mariä 1524 (15. August) erhalten, in dem er den Schwäbischen Bund um Zusendung von 60 Pferden und 300 Knechten bittet und zwar in Fürstlicher Durchlaucht=Ferdinands Namen, da Stühlingen angegriffen werden solle und in Österreichs Schutz stehe. Schon in diesem Schreiben wird erwähnt, daß die Bauern Herzog Ulrich von Würtemberg behilflich und rätlich sein wollten.

2) Elben 27 meint die Organisation bereits in den Juli setzen zu müssen, doch ohne in den Quellen einen Anhalt zu haben. Der Bericht des Konstanzer Vikars Ramming über ein Lager bei Thiengen vom 19. Juli 1524 (Schreiber 6, Nr. 5) ist kein Beweisstück; dieses Lager, von dem wir nur hier hören, sollte wohl nur den Bauern, die sich zu den in Thiengen stattfindenden Verhandlungen nach Elbens (a. a. 0. Anm. 7) ansprechender Vermutung eiugefunden hatten, als Unterkunft dienen.

3) Über die Zahl der Bauern in den ersten Monaten sind wir ungenügend unterrichtet. Vgl. Elben 27. Gewiß ist, daß sie im September im Vergleich zum Juni stark zugenommen hatte.

Und ebenso war es später, Ende September und Anfang Oktober nicht minder wie im Dezember, als auf die Kunde von dem Anrücken von Truppen die Schwarzwaldbauern das Zierheldengeschrei ertönen ließen.

Aber alles das, weder die Macht des Beispiels und die Hoffnung auf Erfolg, noch die Propaganda, die im Augenblick einer wirklichen oder eingebildeten Gefahr einsetzte, erklären zur Genüge, warum seit Anfang Oktober die Unruhen so ganz andere Dimensionen annahmen und in rascher Folge den Hegau, den Kletgau, das Gebiet der Abtei St. Blasien und andere Striche Vorderösterreichs ergriffen. Ein Chronist, der, der in nächster Nähe die Dinge beobachten konnte, bürdet, wie bereits zu bemerken war, die Verantwortung dafür dem neugläubigen Prädikanten in Waldshut, Balthasar Hubmaier, auf.1)

Vielleicht ist keine Angabe, außer etwa der, daß am 24. August in jener Schwarzwaldstadt eine evangelische Brüderschaft zwischen den Anhängern Hubmaiers und den Bauern gegründet worden sei, so heftig bestritten worden wie eben diese. Die moderne Anschauung, nach der der Bauernkrieg der Versuch einer sozialen Revolution ist, will hiervon durchaus nichts wissen.2) Und doch hat sie, bei unbefangener Prüfung der Quellen, in gewissem Sinne recht. Nur ist sie allerdings etwas zu modifizieren, und vor allem ist die Tendenz, die sie verfolgt, abzuweisen.

1) Über die Schicksale Waldsbnts und Hubmaiers in diesen Jahren unterrichtet vortrefflich ein Aufsatz von Loserth: Die Stadt Waldshut und die vorderösterreichische Regierung 1523—1526 (Archiv für österreichische Geschichte, Band 77 [1891J, 1—149), zu dem das reichhaltige und wohl noch nicht genug benutzte Statthaltereiarchiv in Innsbruck neben Schweizer Archiven ausgebeutet werden konnte. Auf die Bauernerhebungen geht L. nur nebenbei ein; er eignete sich hier ganz die Eibenschen Forschungen an. Zu den Beziehungen Waldshuts und der Bauern vgl. auch noch immer Stern a. a. 0., 62-89.

2) G. Frhr. von der Ropp hat in seiner Rektoratsrede „Sozialpolitische Bewegungen im Bauernstände vor dem Bauernkriege“ (Marburg 1899) daraufhingewiesen (U—15), daß hinsichtlich der agrarischen Forderungen, weiter „in dem Absehen von jedem Angriff auf das kirchliche Dogma und in der Fürsorge für den Pfarrer“ die Bauernartikel mit den Ausführungen der sogen. Reformation Sigismunds, hinsichtlich der Forderungen der christlichen Freiheit dagegen mit denen der Hnssiten übereinstimmen. Selbst das zugegeben, so ist damit doch für die Massenbewegung des Bauernkrieges nichts gesagt, jedenfalls kein Beweis erbracht, daß diese mit der Reformation Luthers in nicht dem geringsten Zusammenhang stehe.

Seit geraumer Zeit wurden überall im südlichen Schwarzwalde und am Rhein bis in die Schweiz hinein Prädikanten wie Laien, die nicht strikt am Alten hielten, mit den härtesten Strafen je nachdem an Geld oder am Leib verfolgt, unbescholtene so gut wie bescholtene. Zu gemeinsamer und desto wirksamerer Bekämpfung der neuen Lehren hatten sich sogar verschiedene schweizerische Kantone mit dem Hause Österreich verstanden. Während aber in der Schweiz trotz alledem einzelne Kantone, namentlich Zürich, ihrer anderen Überzeugung getreu blieben — die Gründe dazu sind hier nicht zu erörtern —, gelang in Vorderösterreich die Unterdrückung nach verhältnismäßig kurzer Zeit fast vollkommen. Wie schwer das auch so manchem werden mochte, es wagte sich hier niemand mehr zu dem neuen Glauben zu bekennen. Nur an einer einzigen Stelle traf die Regierung auf Widersetzlichkeit. Die Stadt Waldshut hatte den Mut, allen Mandaten zu trotzen, pochend auf ihre oft erprobte Treue, die sie auch jetzt nicht verletzt, wo sie die Predigt des Evangeliums nach seinem lauteren und klaren Inhalt geduldet habe, und vielleicht nicht ohne Hoffnung auf Unterstützung von Seiten Zürichs, wenn diese auch bei den Verhältnissen in der Eidgenossenschaft nur schlecht begründet war. Die Unterdrückung hatte nur einen Sinn, wenn sie vollständig war. Fehlte die Kraft, sie ganz durchzuführen, so war das Werk überhaupt gefährdet. Denn nichts mußte größeres Aufsehen machen, als wenn den ernstlichsten Verboten an einem Punkte Widerstand begegnete. Erst dann mußte die sittliche Kraft, die hinter ihm stand, den weitesten Kreisen zum Bewußtsein kommen und an sich Beifall finden. Als alle gütlichen Mittel zum Ziel zu gelangen, wenn auch nicht erschöpft, so doch angewandt waren, ließ der Erzherzog Ferdinand darum zu einem Zuge gegen Waldshut rüsten. Hubmaier eilte nach Schaffhausen, in die nächste Schweizer Stadt, die, wenn sie auch nicht rücksichtslos wie Zürich für den neuen Glauben eintrat, doch immerhin eine Neigung dazu in allem verriet.1) Die Bahn war frei für eine Aussöhnung Waldshuts mit der Regierung. Die altgläubigen Prädikanten, die sich um Pfingsten nach St. Blasien fortbegeben hatten, waren bereits zurückgekehrt. Aber alle Verhandlungen blieben ohne Ergebnis. Auf der Gegenseite wollte man von einer Bestrafung nicht absehen. Und in Waldshut hatte Hubmaiers Predigt doch solche Kraft entfaltet, daß die Stadt sich nicht schuldig bekennen mochte. Die österreichische Regierung setzte die Rüstungen fort.2) Um den ersten Oktober 1524 war die Gefahr für Waldshut so groß wie noch nie. Bereits mußten seine Gesandten die übermütigsten Worte hören.

1) In Betreff des Datums, an dem Hubmaler Waldshut verließ, kann ich mich Loscrth 30 im Hinblick auf Baumann, Akten 9, Nr. 17 nicht anschließen, sondern muß die alte Anschauung fest halten, daß das Datum der 17. (nicht 31.) August war.

2) Vgl. hierzu K. Walchner, Geschichte der Stadt Ratolphzell (Freiburg 1825) 91 f., 287/9.

Es wäre sehr erwünscht, wenn wir über den Eindruck, den diese Vorgänge in den bäuerlichen Kreisen machten, genauer unterrichtet wären. Korrespondenzen aus diesem Lager sind für das erste Halbjahr nicht vorhanden. Das erste Schreiben eines Bauernhaufens, das wir kennen, stammt aus dem Dezember 1524.1) Vielleicht gab es in dieser Zeit eine solche Korrespondenz auch nicht, wie denn der Charakter, den die Bewegung bis dahin hatte, die Annahme zu verbieten scheint, daß sich die Bauern bereits einen Schreiber verpflichtet hatten. Aber wir können doch aus bestimmten Tatsachen ziemlich sichere Schlüsse auch auf die Stimmung der Massen ziehen. Einmal war ihr Führer, Hans Müller von Bulgenbach, entschieden dem neuen Glauben geneigt, wenn nicht ihm schon gewonnen, wie aus allem hervorgeht, was wir von ihm wissen. Was das aber zu bedeuten hat, weiß jeder, der den Einfluß der Religion auf das Volk kennt, und der sich erinnert, daß die Neugläubigen für die Sache der Religion gegen eine Kirche einstehen zu müssen glaubten, in der von Religion wenig mehr zu finden sei. Aus einer zweiten Tatsache ist weniger leicht ein Rückschluß möglich. Immerhin darf sie nicht unbeachtet bleiben. Ende Juli schlugen die Bauern als Schiedsrichter zwischen sich und ihren Herren neben fünf anderen einen Vertreter der Stadt Waldshut vor. Wenn nun auch ein solcher grade anwesend war, dieser Vorschlag also nicht notwendig als Beweis für die Sympathie der Bauern mit dieser Stadt zu deuten ist, so mußte doch die Zurückweisung grade dieses Mannes als parteiisch2) berechtigtes Aufsehen erregen und Bauern, die über das Verhältnis ihres Unternehmens zu der neuen Lehre nicht im Gewissen waren, darüber in unerwünschter Weise aufklären.

1) Schreiber 132, Nr. 96 (vgl. S. 130).

2) Ebenso wurden zwei „vom Wald“ zurückgewiesen, doch wohl Untertanen des Abts von St. Blasien, die seit dem Mai mit ihrem Herrn in Unfrieden lebten.

Viel deutlicher spricht der berühmte Zug der Bauern unter ihrem Hauptmann nach Waldshut, gelegentlich der Kirchweih, etwa am 24. August 1524. 1) Beide Parteien fühlten sich bedroht, wenn auch bei weitem nicht in dem Maße wie einen Monat später. Aber weder hatte Waldshut im Augenblick so viel zu befürchten, daß es nach Hilfe Ausschau halten mußte — sogar mit der Instandsetzung seiner Verteidigungsmittel begann es erst später2) —, noch bedurften die Bauern schon einer Zufluchtsstätte. Eben zu dem 24. August war eine neue Verhandlung mit ihrem Herrn anberaumt. Der Zug läßt sich nur als Manifestation erklären. Wenn die Bauern auch keine evangelische Brüderschaft mit den Anhängern Hubmaiers schließen wollten — sie konnten es schon ihrer Herren wegen nicht, mit denen sie sich noch immer zu vertragen gedachten —, sie wollten wenigtens zeigen, daß sie der Stadt ihren moralischen Beistand liehen, und daß sie eine gewaltsame Unterdrückung nicht leiden würden. Ein Bündnis kam zu stände, sich in der Not einander gegenseitig zu retten und zu schirmen. — Vorerst war dieser Fall der Not noch nicht da. Die Stühlinger ließen sich deshalb im September auf neue Verhandlungen ein, die Schaffhausen vermittelte. Zwar konnten sie sich nicht zur Annahme der harten Bedingungen entschließen, ohne deren Erfüllung Lupfen von einer völligen Aussöhnung nichts wissen wollte.

1) Zum Datum vgl. Elben 31, Anm. 1.

2) Schreiber 72 (Schreiben vom 16. September 1524). In einer Entschuldigung, die die Stadt Waldahut 1525 ausgehen ließ, setzte sie diesen Termin sogar noch weiter hinauf (Archiv für österreichische Geschichte, Band 77,119).

Es konnte fraglich erscheinen, ob sie je dazu zu überreden waren. Aber die Mehrzahl begab sich an die Arbeit und in ihr Heim zurück. Ende September war Waldshut fast1) isoliert, und es war zugleich wie bemerkt gefährdeter denn je.

Der Anfang Oktober 1524 ist ein bedeutungsvoller Termin in der Entwicklung des Bauernkriegs nicht minder wie in der Geschichte der katholischen Reaktion in diesen Gegenden. Nicht nur in Vorderösterreich drängte alles zur Entscheidung. In der Schweiz war es ähnlich. Wenn ich nicht sehr irre, kann man in diesem Herbst beobachten, daß der Einfluß Zürichs immer mehr geschwächt daß diese Vorkämpferin des Evangeliums in ihrer politischen Betätigung mehr und mehr gehindert wurde. Dafür legen Zeugnis ab die Vereinbarungen der Tagsatzungen mit Österreich, ferner die Tatsache, daß Zürich die unschuldigen „Ursächer“ jenes bedauerlichen Sturmes auf das Kloster Ittingen nicht vor der Todesstrafe bewahren konnte. In solcher Lage waren die Anhänger des neuen Glaubens in beiden Gebieten ganz besonders eng aufeinander angewiesen.2) Es war gegeben, daß zunächst die weniger bedrohte Stadt der anderen zu Hilfe eilte. Der Rat Zürichs hat zwar immer eine offizielle Unterstützung Waldshuts in Abrede gestellt. Es war jetzt keine Zeit, eine auch noch so weitsichtige Stadtpolitik für sich allein zu treiben. Aber auch ohne seine Erlaubnis waren genügend Bürger in Zürich bereit, für das Evangelium Leib und Leben zu wagen. Am 3. Oktober zog eine beträchtliche »Schar von ihnen in Waldshut ein, zum Jubel ihrer Glaubensgenossen.

1) Vgl. Schreiber 69.

2) Vgl. zu dem Folgenden namentl. Eidgenössische Abschiede 016/8 ww, 525 h, i, 1, 525 h und die dazu gehörigen Akten.

Doch dabei konnte es nicht bleiben. Wir wissen, daß Schaffhausen, auch sie eine der Reformation geneigte Stadt, bei jenen Verhandlungen, die sie selbst zwischen Lupfen und seinen Hintersassen vermittelt hatte, die Bauern zur Ablehnung der Bedingungen ermunterte, die die Herren verlangten.1) So lieb ihr anfänglich sein mochte, den Krieg in ihrer Nähe vermieden zu sehen, so erwünscht mußte ihr jetzt sein, wenn die Unruhen nicht aufhörten. Dieselben Absichten verfolgte Zürich gegenüber den Kletgauer Hintersassen des Grafen Rudolf von Sulz. Diese waren von den Stühlingern, ihren Nachbarn, gebeten worden, ihnen gegen einen Überzug zu helfen. Sie wandten sich daraufhin an Zürich, dessen Schutz, Schirm und Burgrecht sie mit ihrem Herrn zusammen genossen, und fragten hier um Verhaltungsmaßregeln an. Die Antwort des Züricher Rates ist viel berufen worden. Je nachdem man der Reformation und religiösen Motiven oder rein weltlich materiellen Gesichtspunkten Einfluß auf die Bewegungen dieser Monate zuschrieb, wurde sie gelobt oder als ungehörig verdammt. Der Rat legte den Abgesandten der Kletgauer die Gegenfrage vor, ob sie seinen Mandaten Statt tun wollten oder nicht, also, daß sie die offene und freie Predigt des Gottesworts und des Evangeliums sowie alles dessen zuließen, wras man mit der Bibel und dem Neuen Testament beweisen könne, und ob sie dem rechten wahren Gotteswort, wie es jetzt vorgelegt sei, anhängen wollten, bis daß man mit den wahren Schriften beider Testamente eines Besseren berichtet würde.

1) Schreiber 68. Vgl. übrigens dazu Schreiber III, 78, Nr. 409.

Denn der Aufruhr komme allenthalben zum guten Teile wegen des Gottesworts und der heiligen Evangelien auf.1) Darauf große Freude bei den Kletgauern; sie wollten sehr gern diesen Mandaten nachleben und zu dem Evangelium mit Gottes Gnade Leib und Gut setzen. Und als ein Vertreter des gräflichen Vogts natürlich sehr erstaunt über solche Frage erklärt, auch er habe bisher dem Gotteswort nach seinem Vermögen angehangen, zur endgültigen Beantwortung müsse er die Frage jedoch erst an seinen Auftraggeber gelangen lassen, da gibt der Rat zum definitiven Bescheid: da man erwarte, daß der Graf von Sulz wie seine Amtleute und die ganze Grafschaft das wahre Gotteswort einhalten und keinen Prediger desselben, wie es anderwärts geschehe, vertreiben und durchächten würden, so wolle er an die Stühlinger die Weisung ergehen lassen, die Kletgauer nicht zu beunruhigen. Es kann kein Zweifel sein, wie diese Antwort zu verstehen ist.2) Der Züricher Rat wußte ganz genau, daß der Graf von Sulz als einer der höchsten Beamten Ferdinands die religiöse Politik seines Herrn nicht durchkreuzen könne, und daß er mit seiner Frage an die Kletgauer und mit seinem Bescheid den Keim zum Unfrieden säte. Eben dahin ging seine Absicht. Und sie wurde erreicht. Kurze Zeit darauf brachen auch in dieser Landschaft die Unruhen aus. Man beschloß, dem Züricher Mandat statt zu geben mit Leib und Gut, und man sperrte genau so wie es im Juni die Stühlinger getan hatten dem Herrn die Dienste und andere Leistungen, wofern er keine Briefe und Kundschaften darüber habe. —

1) Egli 252, Nr. 583, Schreiber 115, Nr. 81 (hier vom November datiert statt vom 11. Oktober). Vgl. auch zur Erhebung der Kletgauer Baumann, Akten 23, Nr. 40, Schreiber 184, (42).

2) Elben, der in seiner Anschauung von der Bedeutung der Reformation für den Bauernkrieg von Baumann abhängig ist, weiß hiermit so wenig etwas anzufangen wie mit dem Auftauchen des Schlagwortes göttliches Recht in Vorderösterreich. Vgl. 103 f. und 156 ff. Vgl. auch v. Bezolds Geschichte der deutschen Reformation (Berlin 1890) 467, Baumann, Eidgenossen 129, dem ich mich natürlich in dem nicht anschließen kann, was er daraus folgert.

Waren diese Bauern mehr die geschobenen, wußten sie, als sie im Anfang Oktober bei Zürich anfragten, vielleicht nicht, um welche Dinge es sich handle, bei den Hegauern, die sich in den ersten Tagen desselben Monats verbündeten, scheint ein Bewußtsein davon vorhanden gewesen zu sein. Auf das Ansuchen Lupfens hatte sich die österreichische Regierung um Mitte September bei dessen Nachbarn um Pferde und Knechte beworben, also gerade im Hegau und Kletgau, um gegen die Stühlinger Vorgehen zu können, die den soeben geschlossenen Vertrag nicht annehmen wollten.1) Vielleicht war dabei auch schon von dem Zuge gegen Waldslmt die Rede. Es ist nun bei den Werbeverhältnissen der Zeit klar, daß damit die Hintersassen des Hegauer Adels vor die Frage gestellt waren, ob sie an ihrem Teil zur Unterdrückung jener Nachbarn mitwirken wollten. Wie ihr Benehmen zeigte, waren sie nicht der Meinung. In kürzester Frist — schon am 23. September wird davon gemeldet — hatten auch sie bereits eine heimliche Konspiration miteinander, daß sie ebenfalls in den Ungehorsam treten und ihren Herren keinen Zins noch Gülten mehr reichen wollten. Die Streife auf die Stühlinger unterblieb, wohl eben aus dem Grunde, weil man den allgemeinen Aufstand befürchtete, dem man seit Beginn der Unruhen Sorge getragen hatte zu begegnen.2)

1) Schreiber 69, Nr. 47. Vgl. dazu auch oben S. 15, Anm. 2.

2) Die Angst vor Unruhen in Folge der lutherischen Reformation ist älter als die Unruhen selbst, und kam auf die erste Kunde vou dem Ausbruch derselben zum Ausdruck.

Genügend Truppen dazu waren — aus dem Württembergischen — schon vorhanden. 1) Jedoch der Zug gegen Waldshut wurde ins Werk gesetzt, Fiel diese Stadt, so war den Bauern der Rückhalt genommen. Wir wissen leider nicht direkt, wie weit auf der Hilzinger Kirchweih, die am 2. Oktober trotz aller Bemühungen der Herren sie zu verhindern stattfand, hiervon die Rede war. Aber es ist nach allem übrigen sicher, daß man davon nicht schwieg. Auch die Hegaubauern kündigten nun den Gehorsam.2)

Als Anfang Oktober die österreichische Regierung jetzt endlich in Waldshut die Anhänger des neuen Glaubens ausrotten wollte, wie es ihr bisher überall sonst in ihren Landen gelungen war. sah sie plötzlich in den weitesten Kreisen den Aufruhr aufflammen. Neue Aufgaben waren da, zu denen die vorhandenen, nicht allzu reichlichen Mittel vorläufig nicht hinlangteu.

Die Bauern hatten nicht als Anhänger Luthers oder Zwinglis ihre Forderungen gestellt. Immerhin war das sogenannte Formalprinzip der Reformation, die Rückkehr von der Tradition zum Evangelium, für sie — wie für so viele Geistliche und Laien der Zeit — der Anlaß gewesen, was sie nach Sinn und Absicht in dem politischen Leben nicht verstanden, in Frage zu ziehen. Aber die freie Aussprache darüber, wie überhaupt jede Hinneigung zur neuen Lehre ward ihnen verwehrt. Eben deshalb erhoben sie sich; sie meinten sich nicht ohne weiteres mundtot machen lassen zu sollen, sie sperrten, wozu sie nach dem Evangelium nicht verpflichtet zu sein glaubten.

1) Elben 73, Anm. 1. Diese Tatsache scheint mir sicher. Hält man sich das vor Angen, so wird man znr Erklärung des energielosen Verhaltens der Österreichischen Regierung den Stühlingern gegenüber auf das oben angeführte Motiv gebracht.

2) Es sei hier auf die Bemerkung des Villiuger Chronisten hingewiesen, wonach an der Empörung der Bauern im Hegan die Rüstung der Herrschaften schuld gewesen sei.

Die Forschung hatte also recht, wenn sie bei der Erhebung der Stühlinger religiöse Motive leugnete, aber sie hatte unrecht, daß sie nun auch jeden Einfluß der Reformation in Abrede stellte, daß sie Ferdinand und seinen katholischen Zeitgenossen Verleumdung nachsagte, wenn sie die Unruhen der lutherischen Sekte, d. h. doch eben nichts weiter als Anhängern der neuen Lehre zuschrieben. Nur nebenbei sei daran erinnert, daß auch Luther und seine Gesinnungsgenossen ähnlich urteilten, nur daß sie in den Schwärmern die Schuldigen sahen, zu denen bekanntlich der deutsche Reformator bis auf die Zeit der Unionsverhandlungen auch Zwingli zählte. Schon diese Bewegungen gehören also in den engsten Zusammenhang mit den großen religiös-kirchlichen Strömungen der Zeit. Wenn den Bauern auch vielfach dieser Zusammenhang nicht ganz klar war — Mitläufer gibt es bei solchen Gelegenheiten immer —, eben weil dem so war, war eine Verknüpfung mit der rein religiösen Waldshuter Angelegenheit möglich. Den Bauern, die kein wahrhaft evangelischer Prediger, wie der Schweizer Johannes Keßler einmal sagt,1) von der Wahrheit wohl unterrichten und von dem fleischlichen Verstand des Evangeliums auf den geistlichen zu Geduld und Sanftmut ziehen und vermahnen konnte, wurde ebenso wie der Stadt Waldshut und aus demselben Motiv heraus das Recht ihres Vorgehens bestritten.

1) Sabbata 171. — Ganz ähnlich sprach sich Hans von Schwarzenberg aus, in seiner Schrift: „Beschwörung der alten Teufelischen Schlangen mit dem göttlichen Wort“, die wohl Ende 1524 geschrieben, 1525 in Nürnberg erschien: der Aufruhr der Bauern sei nicht durch die Predigt von der christlichen Freiheit, nicht durch Luther veranlaßt worden. „Die größte Aufruhr und Unordnung kommt davon, daß die Päpstischen wahrhaftige evangelische Prediger verjagen, und die Irrung des Volks viel lieber als die evangelische Wahrheit gedulden wollen.“ (E. Herrmaiin, Johann Freiherr zu Schwarzenberg 84.)

So wurden die beiden Parteien zu-sammengefiihrt. Die Verknüpfung war also nicht Sache des Mutwillens. Dafür sorgte vielmehr die katholische Reaktion, ohne die jene bäurischen Erhebungen nicht zu denken sind, und die den Trotz des evangelischen Waldshut brechen wollte. Nur im Zusammenhang mit dieser Reaktion sind die Ereignisse im Herbst 1524 zu verstehen. Jener Chronist hat in gewissem Sinne das Richtige getroffen, wenn er am letzten Ende Hubmaier als Urheber des Bauernkriegs bezeichnete, aber es liegt Tendenz in der Behauptung, daß dieser die Schuld und die Verantwortung dafür trägt. Nicht die neue Lehre an sich, sondern der Widerstand, der ihr begegnete, der Versuch, sie mit Gewalt zu unterdrücken, hat die Unruhen weiter um sich greifen lassen.

Siehe auch:
Deutsche Dome des Mittelalters
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mittelalterliche Backsteinbauten Mittelpommerns
Deutsche Baukunst des Mittelalters und der Renaissance in Bild
Deutsche Kultur des Mittelalters in Bild
GESELLSCHAFT UND STIL IM EUROPÄISCHEN MITTELALTER
Mecklenburg – Mittelalter und Renaissance
Dresden im Mittelalter
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter
Die Miniaturen des frühen Mittelalters
Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes