Der deutsche Bauernkrieg: Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege

Die Ausdehnung des Aufstandes über ganz Schwaben, die Bauern und der Adel.

Die ersten Monate, ja das ganze erste Vierteljahr des Jahres 1525 tragen entsprechend dem Charakter der Jahreszeit die Signatur der Vorbereitung auf die Entscheidung. Jeder wußte, was er vom andern zu erwarten hatte; eben darum sahen sich die Gegner in der Zwangslage, alle ihre Kräfte zu sammeln. Die Gegensätze treten wieder damit immer deutlicher hervor; bald verschwindet auch die letzte Rücksicht, sie zu verschleiern. Beobachten wir also die einzelnen Parteien in ihrem Treiben während dieser Monate, so werden uns nicht nur die Ideen immer klarer werden, die in ihnen lebten und die Gegensätze verschärften; es wird sich uns auch von hier aus ein Ausblick auf die dann kommende Zeit eröffnen, der ein näheres Eingehen auf dasselbe, auf das Tohuwabohu, was in ihr herrschte, unnötig erscheinen läßt.

Die ersten Wochen des neuen Jahres waren z. T. noch erfüllt mit den Verhandlungen, die im vergangenen verabredet waren. In Stockach, in Radolfzell, dann wieder in Stockach und in Konstanz trafen sich die Parteien. Noch einmal wurde versucht, die Bauern der verschiedenen Herren und Waldshut zur Änderung ihres Verhaltens zu veranlassen. Aber waren bisher schon alle Verhandlungen vergeblich gewesen, so waren sie es erst recht jetzt, da zu den Worten der Herren die Taten noch weniger wie früher stimmen wollten. Im Gegenteil mögen sie die Erbitterung noch vermehrt haben. Denn nur allzudeutlich war, daß die Herren, natürlich mit Ausnahmen, damit nur Zeit gewinnen wollten.

In der Tat ging dahin die Absicht auf dieser Seite. Denn wenn auch die Rüstungen schon weit genug gediehen waren, eben jetzt spekulierte man mit gegründeter Hoffnung auf Erfolg auf die Mittel des Schwäbischen Bundes. Es ist interessant, aus den Korrespondenzen der Österreicher mit dem Bunde während dieser Wochen zu ersehen, wie sehr jenen daran lag, den Fall der Not zu erweisen, für den ja in dem letzten Bundesabschied die Hilfe allein zugesagt war. Denn das war das Neue bei dem Gesuch der vorderösterreichischen Eegierung zu Ensisheim — nur diese oder die Stockacher Kommissare im Verein mit dem Innsbrucker Hofrat und Ferdinand waren beteiligt, nicht auch die österreichische Regierung zu Stuttgart —, daß sie die Hilfe jetzt nur noch gegen die Bauern begehrte. Von Ulrich verlautete vorläufig kein Wort und zwar, wie wir hinzufügen können, nur deshalb nicht, weil der Bund Ferdinand in dieser größten Krise auch jetzt noch nicht beispringen wollte. Im Dezember 1524 bemühte sich Wilhelm Truchseß, der österreichische Statthalter in Württemberg, persönlich in Ulm um die eilende Hilfe; er hatte das Vertrauen zur Sache, das Gesuch wieder mit Ulrichs Rüstungen und der Empörung des gemeinen Mannes zu begründen.

Der Bundeshauptmann Wilhelm Gyß von Gyssenberg gab ihm darauf den Wink, daß, wenn die österreichischen Botschafter am 5. Januar auf dem Ulmer Tage, zu dem er seine beiden Kollegen und die sechs Räte zu berufen versprach, keine anderen Gründe Vorbringen würden, sie wohl ohne die eilende Hilfe würden heimkehren müssen. So war noch jetzt der Bund gesonnen. Auch im Januar war bei ihm nicht mehr durchzusetzen, als daß der Termin für den nächsten Bundestag früher als vorgesehen anberaumt wurde; nur der Befehl wurde den Ausschreiben noch hinzugefügt, daß die Bundesstände sich mit der Hilfe bereit halten sollten, so daß sie auf weiteres Erfordern sofort anziehen könne.

Es ist sehr bemerkenswert und für das Verhältnis zwischen Ferdinand und dem Bunde bezeichnend, daß Ferdinand, sobald er auch nur soviel erreicht hatte, die Truppen, die ihm zu Gebote standen, bis auf eine kleine Schar von Reisigen aus diesen Landstrichen entfernte; wahrscheinlich fanden sie in Italien Verwendung.

Als Grund dafür gab er „vielerlei Ursachen“ an, ohne sie im einzelnen zu nennen. Ferdinand rechnete wohl vornehmlich mit der Winterszeit, die größere Bauern Versammlungen zu verbieten schien. Gegen die einzelnen Aufrührer meinte er jetzt mit weniger kostspieligen Mitteln Vorgehen zu können. Es ist nicht nötig darzulegen, wie sich Ferdinand die neue Aktion gegen die Bauern dachte. Sie blieb auf dem Papier, vor allem wohl infolge des passiven Widerstandes der damit beauftragten österreichischen Kommissare, die aus der Nähe besser erkannten als ihr ferner Herr, wie gefährlich, im Hinblick auf Ulrich von Württemberg, solch stürmisches Tempo war. Sodann aber auch, weil mit dem plötzlichen Eingreifen Ulrichs die Sachlage ein anderes Gesicht bekam. Es genügt hier die Bemerkung, daß Ferdinands Plan an Grausamkeit kaum seines gleichen finden kann. Man muß annehmen, daß, wenn er zur Ausführung gelangt wäre, die Unruhen sofort einen anderen Charakter erhalten hätten, einen Charakter nach der Art der Weinsberger Bluttat an Ludwig von Helfenstein und Genossen.

Natürlich war Ferdinand genötigt, jene abziehenden Truppen in gewisser Stärke zu ersetzen. Das verlangte schon die Rücksicht auf den Bund, dessen Willfährigkeit in dem Maße geringer werden mußte, als seine Kriegsbereitschaft den Ernst vermissen ließ. Die kleine Zahl von gegen 300 Reisigen, die Herr von Geroldseck ihm geworben hatte, konnte nicht genügen, ebensowenig das Angebot der Städte, im Falle der Not sofort Hilfe zu bringen. Wie der Adel, von dessen Verhalten wir leider sehr wenig Nachrichten besitzen, so waren auch die Bürger im allgemeinen abgeneigt, für längere Zeit Haus und Hof zu verlassen; nur Freiburg tat, soweit wir sehen, ein Übriges, indem es in einzelne Städte Besatzungen abordnete. Da war es denn für Ferdinand von größtem Werte, daß ihm die Städte auf dem Freiburger Landtage vom Januar 1525 sofort ein Ehr- und Hilfgeld (auch Schatzgeld genannt) zur Bekämpfung des Aufstandes bewilligten, und daß sie ferner versprachen, zur Rettung und Beschirmung Württembergs gegen Ulrich 1000 Knechte zu stellen.

Soviel war erreicht, aber noch war alles in weitem Felde, als plötzlich die beunruhigendsten Naclirichten über Ulrich einliefen. Georg Truchseß, der erste österreichische Kommissar, zog Truppen von allen Seiten heran und besetzte die gefährdetsten und wichtigsten Orte, soweit sie noch nicht genügend besetzt waren. Doch war, was er hatte, noch lange nicht ausreichend. Vom 30. Januar sind uns zwei Schreiben aus Innsbruck erhalten, eins von Ferdinand und eins vom Hofrat, gerichtet an die drei  Bundeshauptleute, in denen sich die ganze Sorge vor der neuen großen Gefahr frei und sicherlich so wie sie empfunden war, äußerte. Es handelte sich um die tatkräftige Unterstützung der Bauern durch Ulrich. Das Bündnis zwischen beiden Faktoren, lange vorbereitet, war jetzt perfekt geworden.

Seit dem Ende des Jahres 1524 hatten die Bauern nicht mehr zweifeln können, daß sie mit ihren Forderungen bei Ferdinand nur Widerstand bis aufs äußerste zu erwarten hatten. Hatte er den Zwiespalt der ja zunächst nur zwischen seinen Schutzverwandten und dessen Hintersassen hervorgetreten war, sofort in seiner ganzen prinzipiellen Tragweite gefaßt, so war jeder Gedanke an Entgegenkommen bei ihm ausgeschlossen, seitdem er sich auch auf seinem eigenen Gebiet in seinen Rechten beschränkt sah. Ferdinand zeigte das durch sein Verhalten jedermann deutlich genug. Zwar ließen sich die Bauern noch im Januar auf die früher verabredeten Verhandlungen ein. Ob aber ihre Absicht dabei eine andere war, wie die ihrer Gegner, wird sich bezweifeln lassen. Daß sie sogleich nach ihrem Abbruch kriegsbereit waren, ist eine starke Instanz dagegen.

Es ist der Beobachtung wohl wert, wie sich auch im neuen Jahre die Gegensätze, deren Herausbildung wir bemerkten, weiter und weiter vertieften. In einem Schreiben vom 16. Januar klagte der Pfarrer Männer in Löftingen dem Fürstenberger Oberamtmann seine Not: wie ihm seine Pfarrkinder um einiger Worte willen, derentwegen er sich vor jedermann zu Hecht erboten, den Tod gedroht, wie sie nach einer Predigt am 6. Januar darauf getrunken hätten. Weiter hätten sie sich vernehmen lassen, daß sie nicht mehr beichten und auch kein Beichtgeld mehr geben, daß sie die Herren mit dem Kirchengut bekriegen und die Kaplaneien verzechen wollten. Ja sie sperrten ihm sogar seine Einkünfte, wie ihm denn der Bachheimer Vogt keinen Heuzehnten mehr gebe, mit der Bemerkung, er sei den nicht schuldig.

Man wolle überhaupt von dem kleinen Zehnten nichts mehr wissen. Ende des Monats beschwerte sich der Abt von St. Blasien bei Zürich, daß ihm die Gemeinde Grießen im Kletgau eben diese Abgabe verweigere. Als dann Zürich der Gemeinde den Wunsch aussprach, daß sie den Abt „unklagbar mache“, berief sich diese darauf, daß er sich gegen ihr Begehr nach einem Prediger gesträubt habe, der ihnen das Gotteswort pur, klar und lauter verkünde. Zum ersten Mal wurden also derartige Forderungen von den Bauern verlautbart. Wenn sie auch in der Literatur schon früher zu bemerken sind, die österreichischen Untertanen resp. Schutzverwandten hatten ihnen Ausdruck zu geben bisher nicht wagen dürfen. Daß es jetzt geschah, ist für die Stimmung unter ihnen bezeichnend.

Aus eben diesen Wochen haben wir die erste Kunde von kriegerischen Taten der Bauern, oder doch von solchen, die sich als Vorbereitungen dazu erweisen. Als Georg Truchseß die zur Unterhandlung mit Waldshut abgeord-neten Gesandten des Schwäbischen Bundes am 10. Januar nach Schaffhausen geleitet hatte und von hier am nächsten Tage auf das Schloß Kiissenberg im Kletgau reiten wollte, das Ferdinands Statthalter Rudolf von Sulz gehörte, fand er den Weg dorthin durch einen Bauernhaufen von gegen 500 Mann versperrt; ja man sprach sogar von einer Belagerung des Schlosses. Weiter verlangten jetzt die Hintersassen des Abts von St. Blasien, daß sich das Kloster in ihren Schutz und Schirm begebe. Wenn Ferdinand das so verstand, daß das Kloster alle ihre Beschwerden teilen solle, so mag diese Vermutung ebenso richtig sein, wie die Annahme, daß sich die Bauern damit das Recht auf einen freien Zutritt zu jeder Zeit, folglich einen militärischen und ökonomischen Stützpunkt verschaffen wollten. Denn hierauf mußte ihre Absicht inbetracht der Winterszeit wohl gehen.

So vernehmen wir denn auch aus diesen selben Tagen, daß die Bauern ihre fahrende Habe und ihre Lebensmittel in die verschiedensten Städte flüchteten, daß sie sich einiger zu bemächtigen suchten. Nachdem die Verhandlungen vor dem Stockacher freien Landgericht mit der Abweisung aller bäurischen Forderungen geendet hatten, rüsteten sich, vvie weiter berichtet wird, „die Bauern gemeiniglich im Hegau zu einem Krieg und gruben sich in Hilzingen ein“. Am 28. Januar meldete Villingen nach Freiburg, daß die Bauern im alten und neuen Haufen, also die Stühlinger uftd Fürstenberger Kriegsanstalten träfen und „ihre heimliche Praktik und Verstand stets ohne Unterlaß zueinander schickten und dabei so schmähliche Worte gebrauchten, daß sie Sorge hätten, eine Botschaft fortzusenden“.

Am 29. zogen die Bauern aus dem Kletgau mit einem blanweißen Fähnlein gen Waldshut. Also überall, wohin man auch blickt, Vorbereitung zum Kampf! Die Winterszeit hatte dem Aufstand nicht mir keinen Einhalt geboten, sondern ihn erst recht zur Entfaltung kommen lassen.

Und trotzdem vernehmen wir vor wie nach Stimmen der Verzagtheit. Ja die Stockacher Kommissare konnten melden, daß die Bauern ob der österreichischen Rüstung nicht wenig entsetzt seien, andere, daß sie gern sich auf Verträge einlassen würden, um in der Heimat wieder bei Weib nnd Kind leben zu können. Es ist sicher, daß, wenn die Mehrzahl der Bauern Vorkehrungen traf, die mit ihrer Stimmung nicht recht im Einklang waren, hinter ihr, abgesehen von der kleinen Zahl der Radikalen, andere Kräfte standen, auf deren Hilfe sie bei ihrem Unternehmen, bei dem Widerstand gegen das gewalttätige Vorgehen ihrer Obrigkeit vertrauten. Wie schon anzumerken war, schloß in diesen Wochen Ulrich seinen Bund mit den Bauern ab.

Am 27. Januar berichteten die Kommissare aus Stockach, daß ihm von der Gebaursame auf dem Walde und im Klet-gau Hilfe zugesagt sei. Auch die im Hegau habe vier zu ihm gen Schaffhausen verordnet, ohne daß man jedoch bisher etwas von ihren Verhandlungen wisse. Ferner sei eine Person aus dem Württembergischen bettlersweis mit Schriften zu dem Herzog gekommen und habe sich vernehmen lassen, daß seine Praktik und Handlung im Laude Württemberg auf guten Wegen sei. Ulrich hatte also nicht gefeiert, und die Bauern mußten ihm in ihrer Not um so lieber entgegenkommen, als er über einiges Geschütz verfügte und sich Schweizer, namentlich aus Basel, aber auch aus andern evangelischen Kantonen von ihm zahlreich hatten werben lassen. In der Folge finden wir häufiger auf bäurischer Seite diese Schweizer erwähnt. Wie die Bauern schon zuvor gern mit einer Unterstützung ihres Vorhabens durch die Schweizer Furcht zu erwecken versucht hatten, so können wir aus jener Tatsache entnehmen, daß die Bauern die Hoffnung auf die nicht nur militärische Hilfe von dieser Seite zum Anschluß an Ulrich nicht unwesentlich bestimmt hat, Hatte doch auch grade in diesen Tagen Waldshut von Zürich, Basel und Schaffhausen das Versprechen erhalten, für den Fall, daß Ferdinand die Stadt nicht bei ihrem Glauben lasse, sie zu Recht handhaben zu wollen. Seitdem die katholischen Kantone in Italien in den ernstesten Kampf gegen Habsburg verwickelt waren, hatten die Anhänger des Evangeliums in der Schweiz wieder einen freieren Stand. Ein Bündnis auf evangelischer Grundlage schien also jetzt hergestellt. Alle Gegner Österreichs in diesen Landstrichen hatten sich in ihm zusammengefunden; denn alle waren sie mehr oder minder dem Evangelium geneigt.

Bei solcher Sachlage ist verständlich, daß Ferdinand und seine Räte, indem sie sofort alle Meldungen an den Schwäbischen Bund Weitergaben, diesen mit den dringlichsten Vorstellungen um Zubilligung der eilenden Hilfe bestürmten. Am 5. Februar trat der Bundestag in Ulm zusammen. Aber erst am 11. wurde beschlossen, das erste Drittel gegen die aufrührerischen Untertanen aufzubieten. Wenn man sich nach den Gründen solchen Zögerns auch jetzt noch umschaut, so steigt wohl der Zweifel auf, ob der Bund zunächst überhaupt zu rüsten ernstlich gewillt war. Denn nicht die Notlage Ferdinands hat für jenen Beschluß beim Bundestage den Ausschlag gegeben, vielmehr die Tatsache, daß der Bund selbst sich plötzlich in seiner nächsten Nähe von ähnlichen Unruhen bedroht sah. Am 9. Februar hatte sich aus den Bauern des Donaurieds bei Ulm und Biberach ein großer Haufen gebildet, der sogenannte Baltringer. Jetzt galt auch für den Bund nicht mehr zu feiern. Der Bundestag tat sogar noch ein Übriges, indem er den Bundesständen zugleich anbefahl, sich mit dem zweiten Drittel bereitzumachen.

Bis zum Januar 1525 war es im großen und ganzen mit Ausnahme jener vorderösterreichischen Gebiete im Süden Deutschlands ruhig geblieben. Wenn auch die Verhältnisse der inneren Politik sozusagen überall zu Beschwerden Anlaß gaben, die Opposition hatte sich nur hier und da einmal in einem kleinen Putsch geäußert, der ebenso rasch wie er entstand wieder vorbei war. Im allgemeinen ließ sie sich nur in der Literatur vernehmen, die dementsprechend zahlreich war. Zu irgendwelcher Sorge schien also vorläufig keine Veranlassung, und man glaubte auch dann dazu noch nicht berechtigt zu sein, als man erfuhr, daß auf dem Donauried, in dem Gebiet der Reichsstadt Biberach, seit Weihnachten 1524 Bauern Zusammenkünfte abhielten. Erst als diese immer regelmäßiger und häufiger wurden, wurde ihnen wohl größere Beachtung geschenkt. Am 9. Februar wie gesagt hatte sich ein starker Haufen gebildet; Leonhard von Eck, der bayrische Bundesrat schreibt von 4000 Mann, deren Zahl jedoch immer noch wüchse.

Inbetreff der Ursachen für die Bildung dieses Baltringer Haufens, wie er sich nach dem Biberach gehörigen Dorf Baltringen nannte, vermag der beste Kenner der Geschichte des oberschwäbischen Bauernkrieges, Franz Ludwig Baumann bestimmte Angaben nicht zu machen. Wir sind daher auf Rückschlüsse aus allgemeineren Verhältnissen angewiesen, für die den Beweis der Richtigkeit die Tatsache liefert, daß sie sich sonst immer als zu recht bestehend erweisen lassen.

Bekanntlich hatten sich auf dem zweiten Nürnberger Reichstag vom Winter 1523—24 die Reichsstände für verpflichtet erklärt, dem Wormser Edikt gegen Luthers Lehre nachzuleben, soweit als möglich. Ihm ganz strikt nachzukommen hatten sich einzelne Fürsten und Bischöfe Süddeutschlands im Juli in Regensburg verbunden, während andere im Hinblick auf ihre Untertanen dazu nicht imstande zu sein venneinten. Den letzteren hatten sich die größeren Städte angeschlossen. Auf dem Städtetag zu Ulm im Dezember 1524 sagten sie einander zu einmütig zusammenzustehn, wenn gegen eine Stadt ihrer lutherischen Haltung wegen eingeschritten würde. Sie glaubten sich dennoch weit entfernt die lutherische Lehre damit zu fördern. Aber genug, daß sie ihr einen Rückhalt mehr boten. Namentlich für Schwaben war das von großer Bedeutung. Denn, um den Wirrwarr, den jener Beschluß des Nürnberger Reichstages hervorrief, zu vermehren, hatten sich hier neben jenen Fürsten und Bischöfen, die sich in Regensburg zu-sammenfanden, namentlich die oberschwäbischen kleineren Potenzen zu Leutkirch auch ihrerseits zur Ausführung des Wormser Edikts vereint. Jeder Stand, dahin waren sie im Juli übereingekommen, solle die kaiserlichen Mandate in seinen Gebieten nochmals verkünden, die Übertreter derselben erst verwarnen und dann bestrafen. Für den Fall des Widerstandes bei diesem Vorhaben hatte man sich gegenseitige Hilfe versprochen.

Die Forschung hat es sich bisher nicht zur Aufgabe gemacht, den Wirkungen dieser Beschlüsse nachzugehen. Wenn auch so sehr viel darauf nicht ankommt, da die gleichen Ursachen die gleichen Folgen zu haben pflegen, so würde doch von Interesse sein zu wissen, wo die katholische Reaktion einsetzte und wann das geschah. Man würde dann wohl verstehen, warum an diesem oder jenem Orte die Bauern 1525 von vornherein radikaler auftraten als anderswo, wo die evangelischen Pfarrer noch geduldet waren. Denn gewißlich war die Erregung dort leichter zu steigern als hier, obwohl sie auch hier schon vorhanden war. Eben das ist das besonders Bemerkenswerte in Oberschwaben, dem politisch zerklüftetsten Lande Deutschlands daß die Verfolgung der Prediger alle Gebiete in Mitleidenschaft zog, mochte in ihnen das Evangelium eine Statt gefunden haben oder nicht. Einmal mußte jetzt jeder der neuen Lehre halb oder ganz gewonnene Priester, mochte ihm seine Obrigkeit auch vorläufig noch gewogen sein, mit Sorgen der Zeiten gedenken, wo auch über ihn unter dem Druck von irgendwelcher Seite her die Verfolgung hereinbrach. Für jeden nicht ganz charakterfesten Mann lag die Gefahr nur allzunahe, daß er unter solchen Umständen den Halt bei seinen Pfarrkindern suchte und ihren Wünschen in der besonderen Ausprägung seiner Lehre Rechnung trug.

Doch nicht nur auf diese Weise wurde ein radikalerer Ton auch in Kreise verpflanzt, die von der Verfolgung nicht direkt berührt waren. Die vertriebenen Pfarrer brauchten oft nicht weit zu wandern, um einen Unterschlupf zu finden. Die Vorarlberger z. B., über die Erzherzog Ferdinand ein nicht minder scharfes Regiment führte wie über die Vorderösterreicher, konnten die beiden Priester, die sich hatten flüchten müssen, in Lindau aufsuchen, wo sie gern aufgenommen waren. Es läßt sich denken, daß nur allzuoft die Predigt solcher Leute Farbe von den Erfahrungen und Leiden erhielt, die sie durchgemacht hatten, und deshalb in gewisser Weise aufreizend wirkte, wenn sie nicht überhaupt schon mehr an den Gedankenkreisen der Hörer als an der objektiven Lehre orientiert war. So hatte die katholische Reaktion nur deshalb, weil sie bemerkbar war, auch hier und zwar in den weitesten Kreisen jene vom Evangelium nur oberflächlich berührte Stimmung hervorgerufen, die wir seit dem Mai 1524 schon aus dem Schwarzwald kennen. Nur daß hier, in Folge der stärkeren Teilnahme von Geistlichen die Meinung sofort bei den Bauern überall verbreitet war, die wir dort erst im Dezember 1524 feststellen konnten, daß das Recht, welches sie sich zu verschaffen hätten, das göttliche Recht sei.

Man wird nicht verlangen können, daß in solchen aufgeregten Zeiten, wo erst hier, dann dort sich die Elemente des Volkes gegen ihre Obrigkeiten auflehnen, Verbindungen zwischen den einzelnen Aufrukrzentren nachgewiesen werden. Denn nicht immer schafft solche bewußte Propaganda, da Handelsbeziehungen und anderes die Kunde von derartigen Vorgängen weitertragen. Und selbst diese entzieht sich ja nur allzuleicht selbst der größten Aufmerksamkeit.

Die Frage der 12 Artikel soll hier nicht näher erörtert werden; in dem zweiten Teil dieser Untersuchungen habe ich den Nachweis versucht, daß mit ihnen gewisse Kreise der Schwarzwaldbauern schon damals ein Mittel der Propaganda in Händen hatten. Ich denke, es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Balthasar Hubmaier, der sich selbst als Verfasser derselben bezeichnete und bezeichnen ließ, sie zusammenstellte. Im Augenblick der bisher größten Gefahr, als es sich ebenso um der Bauern Sache wie um seiner Gemeinde und sein eigenes Heil handelte, unterzog er in ihnen sich der Aufgabe, das Unternehmen der Bauern als dem Evangelium entsprechend zu erweisen und damit zu rechtfertigen. Es ist so gut wie sicher, daß die Baltringer diese 12 Artikel im Februar bereits kannten, sie mögen zu ihnen nun gelangt sein wie sie wollen.

Ihre Beschwerdeartikel, die sie am 16. Februar dem Schwäbischen Bunde vorlegten, sind davon nicht unberührt, wenngleich sie im ganzen, genau so wie die bis dahin aufgestellten Artikel der Bauern in Vorderösterreich mehr ein lokales Kolorit trugen. Denn jene 12 in toto aufzunehmen lag keine Veranlassung vor, da in der Frage des Zehnten die Wünsche der Oberschwaben weitergingen, und da einzelne der in ihnen enthaltenen Forderungen, wie z. B. die nach der Pfarrwahl durch die Gemeinde hier keinen Sinn hatten, weil der Zweck solcher Forderung, die Verkündigung des Evangeliums, im Gebiet des Baltringer Haufens erfüllt war.

Doch noch in anderer Weise mag die Tatsache jenes Zusammenschlusses der Bauern am 9. Februar mit den Vorgängen in Vorderösterreich in Zusammenhang stehen, wenn auch das Material fehlt, die Annahme zur Gewißheit zu erheben. Ist doch undenkbar, daß jenes Ansuchen der Kommissare Ferdinands beim Schwäbischen Bunde den Bauern in der Nähe von Ulm nicht bekannt geworden sein sollte. Nicht nur ihre Sympathien mußten dadurch wachgerufen werden. Wollten sie selbst noch ihren Forderungen Gehör verschaffen, so war es jetzt höchste Zeit. Man braucht nicht an den Plan eines bewaffneten Eingreifens bei den Bauern zu denken; sie mochten glauben, allein damit, daß sie ähnliche Wünsche anmeldeten, wie jene geäußert hatten, den Bund von bewaffnetem Einschreiten abhalten zu können. Auch ihr Rechenfehler lag in der Unterschätzung des Katholizismus als politischer Macht.

Kaum hatte der Bund mit seinen Rüstungen angefangen, als sich auch in den übrigen Teilen Schwabens die Bauern zusammenscharten. Gleichsam, um den Herren die Mittel zu entziehen, suspendierten sie Zehnten, Renten und Gülten; daneben trugen sie ihre Beschwerden vor. Die Studien Baumanns überheben mich im allgemeinen der Pflicht, die Bildung vor allem der zwrei weiteren großen Haufen, des See- und des Allgäuerhaufens, zu verfolgen. Aber da Baumann dabei solche Zusammenhänge, wie ich sie andeutete, nicht berücksichtigte, da er der Meinung war, daß die Bewegung in diesen Landstrichen für sich betrachtet werden könne und nicht vielmehr als ein Schlußglied in der Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege anzusehen sei, so bin ich genötigt , die Aufmerksamkeit noch dieser oder jener Frage zu schenken, die sich bei dem Gange der Untersuchung von selbst ergibt.

Es ist schwer zu sagen, wo sich die Unruhen in Oberschwaben zuerst zeigten. Baumann behauptet zwar, daß die Untertanen des Fürstabts von Kempten damit den Anfang gemacht, daß sie wenigstens im Allgäu den Aufruhr weiterverbreitet hätten. Doch dürfte sich diese Behauptung schwerlich aufrecht erhalten lassen. Denn wenn sich auch diese Bauern bereits am 21. Januar 1525 auf der alten Malstätte, der Leubas, zusammentaten, um so verbunden der neuen Forderung einer Reissteuer von seiten ihres Herrn entgegenzutreten, bis zum 15. Februar etwa haben wirkeinen Beweis dafür, daß ihre Absicht eine andere war, als deswegen beim Schwäbischen Bund Beschwerde zu erheben und den Rechtsweg zu beschreiten. Irgendwelche Be-rührungen mit Bewegungen außerhalb des Kemptener Gebietes sind bis dahin nicht zu bemerken. Erst um den 20. Februar nimmt die bisher rein politische Erhebung den Charakter an. den die Unruhen in den Nachbargebieten bereits hatten, dergestalt, daß seitdem auch sie das Schlagwort vom göttlichen Recht beherrscht.

Ist somit zum mindesten kein Beweis dafür vorhanden, daß in einer von Kempten ausgehenden Propaganda die Erklärung für die Gleichzeitigkeit des Ausbruchs der Unruhen an den verschiedensten Stellen Oberschwabens zu finden sei, so fehlt solche überhaupt. Denn Baumanns weitere Meinung, daß der Anlaß dazu allein die Lehre vom göttlichen Beeilt, der Wunsch, dieses zu erlangen, gewesen sei, hat nur den Wert der Feststellung der Beobachtung, daß die Oberschwaben samt und sonders von Anfang an mit diesem Schlagwort operieren. Eine Erklärung, wie wir sie wünschen müssen, bietet sie deshalb nicht, weil sogar dieser Forscher sein großes Erstaunen bekennen muß, wie unvermittelt plötzlich jene Lehre hier überall Beifall fand. Vor dem Februar 1525 sind auch nicht die geringsten Spuren davon zu entdecken, daß sich außer einigen wenigen literarisch tätigen Geistlichen oder Laien irgend jemand mit solchen Gedanken trug.

Will man sich nun nicht als mit einer ultima ratio, mit einer augenblicklichen Erleuchtung der Bauern als Erklärung begnügen, so wird man wohl oder übel auch hier wie bei der Baltringer Erhebung einen gewissen Einfluß der Unruhen im Schwarzwald in Betracht zu ziehen haben. Erst dann wird verständlich, daß der Aufruhr gänzlich unerwartet und sofort in nicht mehr zu unterdrückender Ausdehnung ausbrach; der Boden war, wie wir sahen, nur zu gut vorbereitet.

Für eine solche Fernwirkung liegen die verschiedensten Anzeichen vor. Wir brauchen dazu nicht zu rechnen, daß, wie es scheint, die Unruhen unter den Bauern der Herren begannen, die zu Ferdinand oder zu seinen vorderösterreichischen Schirmverwandten in besonders naher Beziehung standen, weil wir deutlichere besitzen. Auch hier können wir an diesen und jenen Eingaben der Bauern Anklänge an die 12 Artikel bemerken, die nicht durch die gleiche Richtung der Wünsche der Bauern allein erklärt werden können. Das ist namentlich der Fall bei denen der Kis-legger, die gleich nach dem 10.Februar sich erhoben hatten; in einem Anhang reichten sie sozusagen ein kurzes Inhaltsverzeichnis der 12 Artikel ein, soweit diese nicht schon sonst unter ihren Beschwerden vertreten waren. Das ist weiter, wenn auch nicht mehr so offensichtlich, der Fall bei der Eingabe der Untertanen des Klosters Roth vom 14. Februar, bei deren erstem und drittem Abschnitt, bei der der Plesser Bauern vom 15. Februar. Wenn uns nicht so wenig Bauernbeschwerden überliefert wären, würden wir wohl noch mehr derartige Anklänge schon aus dieser Frühzeit feststellen können. Doch sie sind nicht die einzigen deutlicheren Anzeichen. Wenn Peutinger am 19. Februar die Waldshuter Angelegenheit mit dem Abfall der oberschwäbischen Bauern in Zusammenhang brachte, so gaben ihm die Ereignisse insofern recht, als die Bauern zumeist ihre Erhebung mit dem Wunsche begründeten, die Predigt des göttlichen Worts hören zu dürfen, dann aber auch und vor allem dem göttlichen Wort Beistand zu leisten, damit es nicht weiter unterdrückt bleibe. Zuweilen mögen wohl Erfahrungen in der nächsten Nähe zu solchen Äußerungen Veranlassung gegeben haben; besonders bei den Vorarlbergern dürfte man damit zu rechnen haben. Aber ganz gewiß war jene Verfolgung der Waldshuter auch hier der Aufmerksamkeit begegnet, die sie, wie wir sahen, sonst so vielfach erregt hatte.

Ist also mit dem Stande dieser Angelegenheit erklärt, daß sich im Februar 1525 auch die Bauern Schwabens erhoben — wobei man nur noch genauer wissen möchte, inwieweit sie von den Bauern jener Gegend direkt dazu bestimmt wurden —. so werden uns verschiedene Tatsachen verständlich werden, deren Interpretation unter dem anderen Gesichtspunkte wenigstens dem tieferen Gefühl nicht genügen konnte. Einmal nämlich, daß sich der Aufruhr innerhalb der nächsten Wochen mit reißender Geschwindigkeit ausdehnte, und daß die Untertanen der verschiedensten Herrschaften sich in sehr bald straff organisierte Haufen zusammenschlossen. Ich brauche darauf nicht ausführlich einzugehen; der Grund hierfür wie für die Ereignisse der Monate darauf lag in den Rüstungen des Bundes, wie uns durch mehrfache Zeugnisse bestätigt wird. Es ist wichtig, hervorzuheben, was sonst nur nebenbei erwähnt wird, daß die Haufen zunächst nur einen defensiven Charakter hatten, und daß mit ihrer Bildung kein irgendwie radikales Programm in die Erscheinung trat. Dann wird weiter verständlich, daß sich unter diesen Oberschwaben von Anfang an eine ganz andere Energie entwickelte. Die radikaleren Unterströmungen, die wir im Westen erst im späteren Verlauf der Bewegung feststellen konnten, sind hier sofort und  zwar in breiten Massen von Geistlichen und Laien vorhanden. Drohworte werden gegen altgläubige Priester laut, gegen Klöster geht man tätlich vor, dieser oder jener, ja ganze Landstriche werden zum Anschluß gezwungen. Von jeneu Ereignissen im Schwarzwald her mißten eben die meisten, was sie erwartete. Vielleicht hängt mit diesen Tendenzen zusammen, daß sicli auch die Kemptener zur Verbindung mit den übrigen Allgäuern bewegen ließen; denn von einem Rechtsstreit konnten sie sich nichts mehr versprechen, nachdem, wie wir als sicher annehmen dürfen, ihrer Tübinger Gesandtschaft das unzweifelhafte Recht des Fürstabts zu jener Reissteuer und wohl auch zu anderen Forderungen nachgewiesen worden war.

Es ist bisher eine der beliebtesten Behauptungen gewesen, daß der Bauernaufruhr in einer Reihe von lokalen Erhebungen erfolgt sei, die untereinander in keiner irgendwie gearteten Beziehung gestanden hätten, und die jedenfalls durch kein gemeinsames ideales Interesse bedingt gewesen seien. Daß die Behauptung so zum mindesten schief ist, bedarf keines Beweises mehr, nachdem wir gesehen haben, daß die Opposition gegen eine wie auch immer gedeutete katholische Reaktion das Motiv für alle Bauern war. Pan gewisses Recht hat sie nur insofern, als solche Haufenbildungen, wie wir sie in Oberschwaben kennen lernten, höchstens innerhalb einer Landschaft vorkamen. Nur einmal, im April, gab es einen Moment, wo die Bauern an eine noch größere Zusammenfassung dachten, damals, als die Hegauer und Kletgauer den hart bedrängten Seebauern zu Hilfe kommen wollten; einzig die Diplomatie des Bundes hat das verhindert. Im allgemeinen aber lagen solche Pläne nicht im Gesichtskreis der Aufständigen. Denn nach wie vor wollten sie nur immer mit ihrer lokalen Obrigkeit zu tun haben, deren Stellungnahme ja denn auch zumeist unabhängig von äußeren Einflüssen erfolgte. Zudem war, um schon öfter Gesagtes nochmals zu wiederholen, das religiöse Interesse auf dieser Seite nicht tief genug gegründet, um den Gegensatz ebenso prinzipiell zu fassen, wie es bei den Gegnern geschah — obwohl seit dem Februar 1525 spätestens, wie ich bemerkte, in den 12 Artikeln ein gewisser prinzipieller Standpunkt manifestiert war.

Es kamen im Februar und März Wochen, wo die Bauern, wenn anders in ihrem Vorhaben die Kraft der Aggressive enthalten gewesen wäre, ihren Gegnern die größten Schwierigkeiten hätten bereiten können. Die Truppen des Schwäbischen Bundes fanden sich einmal nur sehr langsam ein, obwohl das erste Drittel der Hilfe zum sofortigen Anzug — nach jenem Rundschreiben aus dem Januar — hatte fertig gestellt werden sollen. Der Hauptgrund dafür wrar, daß die Bundesstände, in der Sorge, der Aufruhr könne noch weiter um sich greifen, zum Teil nur sehr ungern zu jenem Beschluß vom 11. Februar ihre Zustimmung gegeben hatten, wie denn überhaupt der Bund wreit entfernt war, in dieser Angelegenheit eine Meinung zu vertreten. Es mag nur nebenbei erwähnt werden, daß, trotzdem Ferdinand um jene Hilfe gebeten hatte, auch die Frage keineswegs entschieden war, ob die Truppen ihm überlassen, oder wie der bayrische Bundesrat Leonhard von Eck wollte, ob sie gegen die oberschwäbischen Bauern verwandt werden sollten. Ja bündischerseits ging man sogar soweit, gegen den Wunsch des Erzherzogs, dem, wie wir sahen, die Bestrafung Waldshuts im Augenblicke fast die wichtigste Aufgabe seiner deutschen Politik war, nochmals eine Versöhnungsaktion einzuleiten, damit diese Stadt nicht weiter die allgemeine Aufmerksamkeit der Bauern auf sich ziehe. Diese Zwistigkeiten im Bunde waren nicht das einzige, was den Bauern zugute gekommen wäre. Am 20. Februar fühlte sich endlich Ulrich von Württemberg stark genug, zur Wiedergewinnung seines Landes loszubrechen. Die antihabsburgische Politik, die im Schwäbischen Bunde geradezu Orgien gefeiert hatte, schien jetzt bitter bestraft werden zu sollen. Daß der Bund Ferdinand regelmäßig seine Unterstützung gegen Ulrich versagt hatte, hatte das von diesem nur allzugern weiterverbreitete Gerücht bewirkt, daß der Bund gegen Ulrichs Unternehmen nicht einschreiten werde. Vielleicht gerade deshalb hatte der Herzog in der Schweiz und auch in deutschen Landen eine Unterstützung gefunden, die jedenfalls seine bayrischen Gegner nicht erwartet hatten.

In Württemberg fiel das Volk seinem angestammten Herrn sofort zu. Wer die Ereignisse aus dem Jahre 1519 im Gedächtnis hat, versteht, daß die Herren im Bunde bleiches Entsetzen ergriff, als sich der „unsinnige, tolle Mann“, wie ihn Leonhard von Eck nennt, nun doch zu jenem Wagestück entschloß. Nicht bloß wurden daraufhin die Rüstungen, die schon im Gange waren, beschleunigt — am 19. Februar war bereits das zweite Drittel gegen die Bauern aufgeboten worden — und neue anbefohlen; man suchte auch jetzt in der Schweiz und in Württemberg jeden Zweifel zu zerstreuen, daß der Bund nicht zn den Gegnern Ulrichs gehöre; Manifeste in dem Sinne wurden erlassen. Nichtsdestoweniger sah um die Wende des Februar zum März alles sehr bedenklich aus. Durch jene Erklärungen des Bundes hat sich vielleicht nur Ulrich Müller von Bulgenbach mit dem geringen Anhang von Schwarzwaldbauern, den er zum Anschluß an den Herzog bewogen hatte, von weiterer Unterstützung desselben abschrecken lassen. Und dann waren selbst die Truppen, die bereits an ihren Sammelplätzen eingetroffen waren, nicht sämtlich gegen Ulrich zu verwenden. Der Führer der Bundeshilfe Würzburgs wird nicht der einzige gewesen sein, der betonte, daß sie nur gegen die aufrührerischen Untertanen ins Feld geschickt sei, und der sich demgemäß weigerte, sich zu jenem Zuge gebrauchen zu lassen. Wenn dennoch Ulrichs Unternehmen mißglückte, so lag das bekanntlich ganz und gar an dem Umschwung der Dinge, der unterdessen auf dem italienischen Kriegsschauplatz eingetreten war. Am 24. Februar hatte vor Pavia das französische Heer eine vollständige Niederlage erlitten. Franz I. war dabei persönlich in die Gefangenschaft geraten; ein sehr triftiger Grund für die Schweizer, ihre Angehörigen mit den emstlichsten Worten von Stuttgart zurückzurufen.

Da die Bauern während jener Episode von Ulrichs Württemberger Zug nichts Größeres unternommen hatten, sondern sich auch während dessen zu Anständen mit den Herren hatten überreden lassen, so war ihr Schicksal nach der Schlacht bei Pavia entschieden. Die in Italien gebrauchten Trappen waren nun frei. Wenn auch von den Landsknechten, die dort mitgefochten hatten, nur absolut zuverlässige gegen die Bauern zu gebrauchen waren, der Schwäbische Bund, der von vornherein mehr auf Reisige sein Augenmerk gerichtet hatte, erliielt jetzt von diesen eine stattliche Anzahl zur Verfügung. An Geld fehlte es ihm nicht, da schon im Februar statt der Bundeshilfe an Mannschaften eine solche in Geld ausgeschrieben worden war. Und über seine Gesinnung konnte kein Zweifel weiter sein, da der einflußreichste Mann in ihm, Leonhard von Eck, aus seinem Haß gegen das Luthertum und gegen die aufständischen Untertauen nie einen Hehl gemacht hatte, und da diesem jetzt keiner mehr entgegenzutreten vermochte. Trotz alledem gaben die Bauern ihr Spiel noch nicht verloren. Da der Bund sich stärkte und neue Kräfte gegen sie mobil machte, mehrten sich auch ihre Reihen und nun nicht mehr ans ländlichen Kreisen allein; denn auch in den Städten gab es Unzufriedene genug, denen ein göttliches Recht mehr wrert erschien als das irdische. Es wird noch Gelegenheit sein, zu verfolgen, in welcher Weise das geschah. Die 12 Artikel wurden nun das allgemeine Programm der Bauernschaft in ganz Südwestdeutschland. Es spricht alles dafür, daß sie von ObersehW’aben aus verbreitet wurden. Denn hierhin war der erste Stoß der hündischen Macht gerichtet, uicht nach Vorderösterreich — auch dies wieder ein Erfolg der bayrischen Politik am Bunde. Doch alle Anstrengungen der Bauern waren vergebens; nicht in ihre Hand wrar gegeben, das Evangelium vor der Unterdrückung zu retten. Der geschlossenen Macht, des Schwäbischen Bundes, die wußte was sie wollte, konnten die Bauern nicht mit gleichen Waffen begegnen.

Der Bauernkrieg bietet in seinem Verlaufe sehr viel weniger Probleme, als die Vorbereitungen zu ihm; für die Aufgabe, zu untersuchen, wieweit die Bezeichnung einer sozialen Erhebung für ihn gerechtfertigt ist, bleibt sogar nur noch ein einziges übrig. Bekanntlich stützt sich diese Auffassung im wesentlichen auf die Tatsache, daß die Bauern neben den Klöstern eine Unzahl von Schlössern niederbrannten. Namentlich das Letztere schien entscheidend zu sein; denn daß die Klöster zerstört wurden, war bei ihrer Wehrlosigkeit und bei den vielseitigen Angriffen, die auf sie seit Jahren und Jahrzehnten gerichtet waren, nicht weiter erstaunlich. Zwar hatten schon einzelne Zeitgenossen jenes Faktum sehr vorsichtig interpretiert. Der Augsburger Wilhelm Rem z. B., dem wir eine von Kenntnis und Urteil zeugende Cronica newer geschichten (1512 bis 1527) verdanken, stellt die Eroberung von Schlössern als ein ziemlich nebensächliches Ereignis hin; die Hauptsache für ihn war, daß die Bauern Abte und Pröpste und Bischöfe überzogen und viele Mönch- und Frauenklöster verbrannten und plünderten.

Jedoch die überwiegende Mehrzahl aller zeitgenössischen Schriftsteller zeigte den Sinn für eine derartig unterschiedliche Wertung nicht; lag ihnen doch zumeist auch alles andere näher, als Geschichte nach dem Objekt zu schreiben. Kein Wunder, daß fast alle modernen Historiker sich für ihre Auffassung auf diese Zeugen beriefen; sie scheinen ihnen vielfach um so lieber gewesen zu sein, als sie damit der zeitraubenden Aufgabe enthoben waren, den Bauernkrieg auf seinen historischen Verlauf hin ihrerseits zu untersuchen.

Bisher war immer Gelegenheit zu bemerken, daß die Bauern trotz aller Widerstände, die sie fanden oder ahnten, garnicht daran dachten, mit Gewalt durchzusetzen, was sie zur Erhebung veranlaßt hatte. Zwar vergriffen sie sich hin und wieder an Klostergut und schickten sich zu kriegerischem Vorgehen an, aber wie sie sich sehr gern von ihren Herren auf die Zukunft vertrösten ließen, so hatten sie bislang ihr Vorhaben noch durch keine Gewalt- oder gar Bluttat diskreditiert. Sollten schon diese Beobachtungen jener Auffassung gegenüber skeptisch machen, so muß jeder Versuch derselben, durch Dialektik eine andersartige Interpretation jener Tatsachen herbeizuführen, an der Feststellung scheitern, daß die Angriffe auf die Schlösser erst im Augenblick der Not erfolgten.

Als infolge der Rüstungen des Schwäbischen Bundes die oberschwäbischen Haufen zur christlichen Vereinigung zusammentraten, beschloß diese auf dem Memminger Tage vom 7. März von den Herren zu verlangen, daß sie ihre Schlösser und Sitze nur mit dem notwendigen Proviant versähen. Auf keinen Fall sollte weiter geduldet werden, daß Geschütz hinaufgeführt, oder daß zur Besetzung noch notwendige Knechte anderswoher genommen würden als aus den Reihen der christlichen Vereinigung selbst. Der Beschluß ist sehr begreiflich, wenn man hört, daß, sobald die Unruhen sich ausdehnten, der Adel Anstalten traf seine Burgen für jeden Fall in Stand zu setzen. Er sah weiter als die Mehrzahl der Bauern; er wußte, daß diese Bewegung nur noch mit bewaffneter Hand aufzuhalten sei, und daß für den Schwäbischen Bund dann gut verwahrte Schlösser  den größten Wert haben mußten. Zugleich ist aber jener Beschluß auch sehr charakteristisch für die unkriegerische Stimmung der Haufen noch zu einer Zeit, wo kein Zweifel mehr sein konnte, welches Schicksal ihnen zugedacht war. Auch dann änderte sich ihre Haltung noch nicht, als die Truppen des Bundes nach Ulrichs Flucht gegen sie zu ziehen bereit waren. Die Einnahme von zwei Schlössern des Bischofs von Augsburg, von der der bayrische Rat Weißenfelder am 20. März berichtete, hatte augenscheinlich nur zum Zweck, den Vorrat von Getreide, der dort lag, nicht dem Feinde in die Hände fallen zu lassen. Auch aus dem Verlangen die Schlösser ihnen zu öffnen, von dem wir hier und da einmal hören, dürfen wir noch nicht auf Zerstörungspläne schließen. Erst gegen Ende des Monats konnten sich die Bauern damit nicht mehr begnügen. Zwar hatte gerade damals der Schwäbische Bund wiederum — in Ecks Abwesenheit — einen Waffenstillstand mit ihnen geschlossen;3) noch einmal sollte eine gütliche Vermittlung statthaben, so war zwischen den bäurischen Abgesandten und der Bundesversammlung verabredet worden. Aber, da sich auch diese materiell in nichts von früheren Versuchen unterschied, so darf man der großen Masse der Bauern mit Baumann nicht verargen, daß sie sich in ja berechtigtem Argwohn an diese Abmachungen nicht gebunden fühlte. Am 16. März hatte der Bund ein Mandat erlassen, das vor dem Anschluß an die Aufständischen warnte und für den Übertretungsfall strenge Strafen androhte. Welcher Art diese waren, konnte man aus dem Exempel ersehen, das Dietrich Spät an den Bewohnern Münsingens statuierte, soweit sie sich den Bauern zugesellt hatten.Am 21. März ferner hatte die hündische Gesandtschaft — unter Übergehung Ferdinands — die abgefallenen Württembergischen Örter und Flecken mit harten Strafen belegt. Schließlich war das hündische Heer Ende des Monats im Anzug auf Ulm. Es ist nun sehr bemerkenswert, daß gerade die Baltringer, die, woran erinnert sein mag, aus der Nähe von Ulm sich rekrutierten, und die im Gegensatz namentlich zu den Seebauern, gemäßigtere Tendenzen vertraten, die ersten waren, die sich nicht mehr an der Besetzung der Schlösser genügen ließen.

Am 26. März wurde aus ihrem Kreise zum ersten Mal eine Feste angezündet das dem Abte von Salmansweiler gehörige Schloß Schemmerberg. Es heißt im Hinblick auf alle die vorauf gegangenen Ereignisse in der unbilligsten Weise nach einem formalrechtlichen Gesichtspunkt handeln, wenn man in diesem und in allen den zahlreichen folgenden Fällen nach dem Schuldigen auf irgendeiner Seite sucht, dem die Verantwortung aufzubürden sei. Da die Bauern den Krieg zu erwarten hatten, wer will ihnen verdenken, daß sie dem Gegner alle jene Stützpunkte zu nehmen versuchten, die er mitten unter ihnen besaß, und daß sie sie zerstörten, wenn es nicht andere ging, mochte nun der einzelne Besitzer persönlich den Unwillen der Bauern sich verdient haben oder nicht. Schon früher war einmal darauf hinzuweisen gewesen, daß, da das Fußvolk gegen die Bauern kaum verwandt werden konnte, dem Adel und den Reisigen die Hauptarbeit im Bauernkriege zuerteilt war. Die Gegenstellung des Adels und der Bauern kam jetzt erneut zum Ausdruck. Aber nicht Gründe sozialer Natur, wenn man den Begriff nicht in einem ungewöhnlichen Sinne gebrauchen will, sondern solche militärischer Natur waren es, die das bewirkt hatten. Wie wenig die Ansicht zu Recht besteht, daß demokratische Gleichheitsmacherei oder wohl gar der Haß des einen Standes auf den anderen, des Armen auf den Besitzenden Motiv dazu gewesen ist, kann, wer den Dingen nicht Gewalt anzutun gemeint ist, daraus entnehmen, daß ein freiwilliger, unverdächtiger Anschluß an diese Bewegung manchem Adligen sein Hab und Gut vor Zerstörung bewahrt hat, Das Kriterium der Unverdächtigkeit aber war für die Bauern die Stellung zum Evangelium; darum konnten die Haufen in evangelisch gesinnten Edelleuten sogar Führer finden.

Die Zerstörung der Klöster und die Niederbrennung der Schlösser waren bekanntlich fast die einzig unverantwortlichen Handlungen der Bauern in einem Zeitalter, dessen Roheit schwer übertroffen werden konnte. Es ist schon oft gesagt worden, daß die Weinsberger Bluttat in ihrer Einzigartigkeit nur durch die kürzlich vollzogenen, hinterlistigen Metzeleien des Bundes unter den oberschwäbischen Bauern erklärt werden kann. Es kommt dazu, daß Ludwig von Helfenstein mit wenig Unterstützung dem ganzen Neckarhaufen glaubte Widerstand leisten zu können, wodurch das Selbstgefühl der Bauern noch besonders aufgeregt war. Aber das gewaltsame Vorgehen der Aufständischen gegen die Klöster und Schlösser setzte sie in Unrecht. So begreiflich es ist, mit der eigentlichen Ursache der Bewegung, dem Wunsche, über diese und jene Beschwerung Aufklärung zu erlangen und diese oder jene Last gelindert oder abgestellt zu sehen, standen diese Taten in schreiendem Widerspruch.

Wenn Luther in der Vermahnung auf die 12 Artikel zwar den Bauern verwehrt hatte, sicli auf das Evangelium bei ihrem Vorhaben zu berufen, aber zugleich doch auch den Herren ins Gewissen redete, dies oder jenes ihren Untertanen nachzulassen, so mußte er jetzt wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern schreiben. Und in dieser ablehnenden Haltung traten dem Beschützer des reinen Evangeliums jene mitteldeutschen Fürsten zur Seite, die mit einer protestantischen Gesinnung eine weise Fürsorge in allen diesen Fragen verbunden hatten. Wenn wohl hier und da anfänglich das Gerücht in Oberschwaben umlief, Friedrich der Weise sei auf dem Wege, den Bauern mit einem Heere zu Hilfe zu kommen, nach jenen Taten rüsteten sich auch diese Fürsten. Eben an ihnen brach sich die Kraft der Propaganda, die die 12 Artikel und die bäurische Bewegung überhaupt entwickelt hatten. Während im Süden alles drunter und drüber ging, blieb im Norden alles ruhig; während dort dem Evangelium nur hier und da eine Freistatt blieb, ergriff es hier das Volk in allen seinen Schichten.

Weiterführendes:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg: Die 12 Artikel, ihr Verfasser und ihre Geschichte
Der deutsche Bauernkrieg: Die Streitfrage inbetreff der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg : Die kirchlich-religiöse Lage des Bistums Bamberg um 1525
Der deutsche Bauernkrieg : Blick auf die politische Lage des Bistums Bamberg um 1525
Der deutsche Bauernkrieg : Der Bauernkrieg im Bistum Bamberg
Zur Kritik der Quellen über den Bamberger Bauernkrieg