Der deutsche Bauernkrieg : Die kirchlich-religiöse Lage des Bistums Bamberg um 1525

Die Stellung zu den religiösen Problemen war für den Bamberger Bischof durch dreierlei gegeben, durch die Tatsache, daß das Bistum unmittelbar dem Papste unterstand, daß es weiter in dem Oberhaupte des Reiches die allein sichere Stütze gegen alle Gegner im Innern wie nach Außen hin hatte, und schließlich durch die Erfahrungen, die es infolge der Nachbarschaft Böhmens mit den Hussiten und mit sektiererischen Neigungen in Franken hatte machen können. Je aufgeklärter das Volk in kirchlicher Beziehung, je regsamer seine religiöse Betätigung, desto ernster mußte der Bischof auf die Seite der konservativen Mächte treten, an die er bereits durch die Rücksicht auf Papst und Kaiser gebunden war. Zu einer Kirchenpolitik in dem Sinne Hermanns von Wied war in diesem ersten Jahrzehnte der Reformation keine Möglichkeit vorhanden.

Bereits Georg von Limburg, den wegen seiner Beziehungen zum Humanismus so vielgerühmten Vorgänger Weigands von Redwitz, wird man kaum in dem Maße, als es vielfach geschieht, für einen Freund der neuen Bewegung erklären können; ein Planitz, der allerdings vielleicht ein wenig zu feinhörig war, wollte in ihm einen schroffen Gegner Luthers erkennen. Gleichwohl konnte sogar am Hofe eines Bischofs der Maximilianeischen Zeit die neue Lehre Anhänger gewinnen. Nach dem Wormser Edikt ging das nicht mehr an. Jedenfalls durfte öffentlich hiergegen niemand weiter verstoßen. Es ist wahrscheinlich, wenn auch naturgemäß nur zu erschließen, daß, als im Jahre 1522 noch kein neuer Reichstag die Bedeutung des Edikts geschmälert hatte, das Domkapitel eben deswegen einen Mann wie Weigand von Redwitz wählte. Denn über Weigands religiösen Ernst war nach der Wallfahrt, die er nach Jerusalem gemacht, ebensowenig ein Zweifel möglich wie über seine bestimmte Stellung zu Rom. Er, der Oberpfarrer von Kronach, war es doch wohl gewesen, der gegen den Pfarrverweser dortselbst 1522 die Klage vor das Domkapitel gebracht hatte, daß er „sich mit eines Bürgers Dochter gen Wittenberg getan und daselbst mit ihr Hochzeit gehabt“ habe. Wenn in den beiden Jahren danach Weigand trotzdem den abweichenden Strömungen keine starken Dämme entgegensetzte, so lassen sich dafür die verschiedensten Motive denken. Die Rücksicht auf die Politik des Reiches, die aus dem Schwanken nicht heraus kam, wird den Ausschlag gegeben haben.

So konnte es kommen, daß bis zum Jahre 1524 in Stadt und Land die neue Richtung sich ausbreitete. Die Daten, die wir darüber haben, sind nicht gerade sehr zahlreich, so daß wir uns nicht immer hinlängliche Klarheit verschaffen können, wieweit, wer in den Ruf kam, auch wirklich Lutherischer war. Bei der Koketterie mit religiösen Problemen, die dem hier nicht selten vertretenen Humanismus so vielfach eignete, und bei dem Einschlag von böhmischen Anschauungen über Kirche und Kirchendiener, den doch keine Verfolgung derselben ganz vernichten konnte, wird man in der Benutzung jener Daten die größte Vorsicht üben müssen. Auch über den Erfolg der Predigt wie über ihren Charakter wissen wir kaum mehr, als daß er Aufmerksamkeit erregte. Die Predigten von Johannes Schwanhausen, dem sein Biograph den Titel des Reformators von Bamberg beilegen möchte, besonders die von 1524 enthalten zwar gelegentlich sehr scharfe Ausfälle wider die Ordnungen der alten Kirche und predigen nachdrücklich die Gleichheit aller Gläubigen vor Gott, die Rechtfertigung des Menschen allein durch den Glauben, der sich sodann in guten Werken, namentlich gegen die lebendigen Heiligen, die Armen fruchtbar erweist. Aber auf große Massen zu wirken, dazu fehlte es ihnen an Einfachheit und einem bestimmt erkennbaren Ziel. Man wird dem innerlich frommen Manne glauben  dürfen, daß es seiner Überzeugung entsprach, wenn er nach seiner Vertreibung aus Bamberg im Jalire 1525 die Gemeinde, die sich um ihn gesammelt hatte, zum Gehorsam gegen die Obrigkeit aufforderte. Predigten solchen Schlages werden die gewöhnlichen im Bistum gewesen sein. Bei der Persönlichkeit des Bischofs, die sogar Luther gerühmt ward, einer Persönlichkeit, in der sich religiöser Ernst mit Milde und Gütigkeit paarte, werden sich die Anhänger der neuen Lehre einer gewissen Mäßigung und Zurückhaltung beflissen haben.

Das Jahr 1524 war der Wendepunkt. Als sicli nach dem zweiten Nürnberger Reichstage auf Veranlassung des päpstlichen Abgesandten die süddeutschen Gegner des Luthertums zusammen taten, gesellte sich ihnen Weigand sofort und ohne Besinnen zu. Weigand war der einzige Bischof Frankens, der auf dem Regensburger Tage seinen Vertreter hatte, und sich dessen Beschlüsse zu eigen machte. Entsprach die Stellung, die er somit ergriff, den besonderen Verhältnissen des Bistums und seinen eigenen Neigungen, so hatte er nun auch den Rückhalt gewonnen, ohne den er gegen die „Lutherischen“ nicht Vorgehen konnte.

Schon unter dem 11. Juni 1524 war unter Zustimmung des Domkapitels das Wormser Edikt erneuert worden. Jetzt blieb es nicht mehr bei halben Maßregeln. Zunächst, wohl in Erwartung der kaiserlichen Entscheidung über das in Aussicht genommene Nationalkonzil zu Speyer, wahrte Weigand noch den Schein, daß nur überwiesene Ketzer die Strafe der Verbannung treffe. Die Prediger der „neuen Lehre“, vor allem der Gustos zu St. Gangolph, die Pfarrer zu Hallstadt und Memmelsdorff und andere ihresgleichen wurden vorgeladen und auf Grund des Abschiedes „auf dem Reichstage beschehen“, in Anwesenheit des Weihbischofs Hanlin, Weigands Abgesandten zum Regensburger Convent, und anderer einer Prüfung auf Glauben und Lehre unterworfen. Bald hielt er das nicht mehr für nötig. Mit Schwanhausen mußten bis in die ersten Monate des Jahres 1525 die neugläubigen Geistlichen das Bistum räumen. Sie taten es ohne Widerstand, ein Bewreis, daß sie ihre Sache hier für aussichtslos hielten.

Mit der Vertreibung der Prediger gingen Maßnahmen parallel, die die möglichst vollständige Restitution des Katholizismus bezweckten. Soviel wir aus den Dom-kapitelrecessen ersehen können, holte man sich die Kandidaten für vakante Pfarreien aus Leipzig, aus Ingolstadt, während der Besuch der Wittenberger Universität verboten wurde. Die Mißbräuche im Klerus, die schon so oft das Ärgernis der Laienwrelt gewesen waren, wurden nun energischer bekämpft. Konnte man sich dabei auf die Regensburger Beschlüsse stützen, so ist doch fraglich, ob sie bei allen anderen Beteiligten mit soviel sittlichem Ernst durchgeführt wurden.

So wenigstens der Beschluß des Domkapitels „auf Anbringen des Pürsten“ vom Dienstag nach Divis, apostol. (19. Juli). — Domkapitelrezesse.

Es lag in der Natur der Dinge, daß der Erfolg aller dieser Bestrebungen nicht sobald eintreten konnte. Selbst wenn das Bistum ganz für sich in der Welt gestanden hätte, wäre die Zeit von einem Jahre dazu zu kurz gewesen.

Es bedeutete schon etwas, daß, als im Jahre 1524 der Bischof auf dem aus den verschiedensten Gründen zusammenberufenen Landtage seine Stände auch zu einer Meinungsäußerung über die religiöse Frage veranlaßte, die Stände und zwar insgesamt, auch die Prälaten, gegen den Beschluß der neuen Lehre halber protestierten, den wie ihnen berichtet sei, der Bischof in Regensburg neben andern gemacht und bewilligt habe, und daß sie, als Weigand darauf ihnen keine Zusage eines Stillstands in dieser An-legenheit geben zu können erklärte, die dringende Bitte an ihn richteten, sich zu keiner Ungnade gegen Übertreter des Edikts bewegen zu lassen „vorerscheinung des furgeschlagen Reichstags zu Speier“. Wenn die Stände sich auch nicht in die Competenzen des „Ordinarius des Stifts“ damit einmisclien wollten, die zeitliche Beschränkung vielmehr die Bitte dahin bestimmte, daß der Bischof mit seinen Maßnahmen den Beschlüssen des Nationalkonvents nicht vorgreifen solle, so konnte wer wollte aus der Haltung der Stände doch eine gewisse Hinneigung zur neuen Lehre ablesen. Der Bischof handelte vielleicht nicht nur seiner Natur gemäß, sondern auch im Gedenken an die Stände, als er auf die mildeste Weise gegen jene Prediger vorging. — Viel bedenklicher war, daß die Nachbarn, und zwar alle mit Ausnahme des Bischofs von Würzburg, nicht nur das Luthertum nicht ebenso wie Weigand bekämpften, daß im Gegenteil 1524 die mächtige Reichsstadt im Süden, Nürnberg, den kirchlichen Anordnungen ihres Bamberger Ordinarius offenen Widerstand entgegensetzte. Unter diesen Verhältnissen mußte auch hier ein treten, was ich bereits an der Schweizer Grenze zu beobachten hatte. In das Gebiet, das Weigand gegen die neue Lehre abzuschließen hoffte, drang sie ein, nun aber auf verborgenen Wegen und damit in um so bedenklicherer Prägung. Dort im Süden hatten die nächstliegenden Fragen den Gegenstand der Auseinandersetzung abgegeben. Von Nürnberg, der Welthandelsstadt, wro die letzten beiden, für die religiöse Frage so bedeutsamen Reichstage getagt hatten,  konnten weiterausschauende Gedanken ins Volk geworfen werden. —

Im Mai 1524, als im südlichen Schwarzwald die Untertanen des Abts von St. Blasien zum ersten Mal ihre Forderungen vortrugen, brachen auch im Gebiete von Nürnberg wie in den benachbarten Bezirken von Bamberg gewisse Unruhen aus, die sich gegen den Zehnten richteten und hier zweifellos ebenso prinzipiell gedacht waren, wie die ähnlichen im Gebiete des alemannischen Stammes. Ob die Bewegung im Nürnbergischen, die übrigens sehr rasch, durch Festnahme der Rädelsführer, gestillt ward, sich gegen bestimmte Hebungsberechtigte wandte, oder ganz allgemein nur auf die Abschaffung dieser Abgabe drang, lassen die mir vorliegenden Berichte nicht erkennen. Die Zehnten in den bambergischen Ortschaften Eggolsheim, Drosendorf, Ebermannstadt und deren Umgegend, die man sperrte, wie die Weiher, die. gleichzeitig 25 Forchheimer Bürger ausfischten, gehörten dem Bamberger Dompropst Marquart von Stein. Man würde nun gern erfahren, ob die Bamberger Untertanen damit nur eine Kundgebung gegen den Dompropst planten, der wegen seiner andauernden Abwesenheit vom Stift damit seiner Einnahmen verlustig erklärt werden sollte, oder ob sie auf solche Weise das ganze , Domkapitel treffen wollten, das den Propst gewiß nicht verlassen konnte. Was wir den Quellen entnehmen können, ist nur, daß das Domkapitel diese Angelegenheit mit den ernstesten Augen betrachtete. Es hatte Recht damit.

Die Zehntverweigerungen waren der Anfang von noch Schlimmerem. Der Bischof hatte am 24. Mai ein Mandat ausgehen lassen, das die Zehnten weiter zu reichen gebot und zugleich alles Rottieren mit strengen Strafen bedrohte.

Als der bischöfliche Schultheiß in Forchheim, Wilhelm von Wiesenthau, dieses Mandat am 26. Mai anschlug, ward es für „etlich los gesinds“ in der Forchheimer Gemeinde nicht nur das Signal zu einem Aufruhr, der alsbald einen erschreckenden Umfang annahm — Bürgermeister und Rat mußten zur Gemeinde schwören, die Bewohner der umliegenden Dörfer, aufgemahnt, zogen am folgenden Morgen in die Stadt ein, — es ward dabei auch ein Programm enthüllt, das Forderungen von der grüßten Tragweite umfaßte. Abgesehen davon, daß fortan Wasser, Wildbann und Vögel frei sein sollten, verlangten nämlich die Forchheimer und ihre Genossen die Aufhebung des Zehnten, aber nur soweit er dem Dompropst, den Domherren und Geistlichen zukam. Der „gnädige Herr“ sollte ihn weiter erhalten, wenn auch vermindert auf das 30. Band. Diese Forderung bedeutete an sich eine vollständige Säkularisation der Abgabe. Doch hatte sie noch einen weiteren Sinn.

In zwei Artikeln, die die Forchheimer ihr anreihten, verlangten sie nämlich, daß „auch das geistliche Gericht um Zins oder Schuld aufhören, daß die Weihsteuer fernerhin unserm gnädigen Herrn von Bamberg allein in die Kammern gefallen solle“, ohne daß das Kapitel davon einen Teil sich nehme. Wenn man der Ziele der Bewegung des Jahres 1525 gedenkt, so erkennt man sie schon in diesen Artikeln, wenn auch noch nicht so deutlich ausgesprochen: der Bischof sollte fortan der einige Herr im Bistum, das Domkapitel seiner Würden entsetzt sein. daß die Forchheimer an letzter Stelle alle gefreiten Häuser in das Mitleiden hineingezogen zu sehen wünschten, paßte in das Programm vortrefflich hinein. Zugleich erneuerten sie damit nur ein altes Begehren aller unteren Volksschichten. Bei einem solchen Programm waren Verhandlungen nicht möglich. Vorkehrungen wurden getroffen, daß sich der Aufruhr nicht weiter verbreite. Es bezeichnet die Ansicht von ihm in den fürstlichen Kreisen, daß sich Markgraf Casimir daran beteiligte. Bemerkenswerter Weise wurden vor allem die Klöster zur Vorsicht gemahnt. Die Lehnleute des Bischofs wurden beschrieben, die auf dem Gebirge in die Hauptstadt, deren man, wie es scheint, sich nicht sicher fühlte, die auf dem Steigerwald gen Hochstadt, Kriegsknechte wurden geworben. An die benachbarten Fürsten, an den schwäbischen Bund gingen Hilfgesuehe ab. Mochten nun alle diese Maßnahmen die Aufrührer schrecken, mochten diese, da eine Hilfe nirgends weiter sich zeigte, die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens einsehen, — genug, da der Bischof die Klugheit hatte, Amnestie allen denen zuzusichern, die „gedrungen oder aus Furcht“ sich der Bewegung angeschlossen hatten, konnte er schon am 3. Juni persönlich an der Spitze einer kleinen Truppenmacht in Forchheim einreiten. Die Strafen, die er gegen 29 Bürger und Bauern sofort verhängte, waren, soweit man sehen kann, nicht streng. Ein Rest von 11 blieb einstweilen noch im Gewahrsam, unter ihnen der Priester Georg Creutzer, dem man einen großen Teil der Schuld an diesen Unruhen beimaß.

Der Aufruhr war damit beendigt. Aber damit waren die Ideen nicht vernichtet, die in Forchheim zu Tage getreten waren. Im Gegenteil warben sie nun im Bistum neue Anhänger. Fortan hörten die Unruhen nicht mehr auf. Das Mandat wegen der Zehnten scheint auf diese Frage erst recht aufmerksam gemacht zu haben. Die Notizen über Zehntverweigerungen reißen bis zum Bauernkrieg in den Domkapitelrecessen nicht mehr ab. Niemand fand sich mehr, der sie „bestehen“ oder Scheuern dazu herleihen wollte, weil gar zu oft die Lieferungen ein Raub der Flammen wurden. Im März 1525 versuchte man mit interterritorialen Abmachungen dem Unwesen zu steuern. Ende des Monats traten Bischof und Kapitel mit dem Nachbarstift deswegen in Verbindung. Verhandlungen mit andern fränkischen Mächten sollten folgen, der Schwäbische Bund um einige Reiter und Fußknechte angegangen werden, die die Ungehorsamen sofort strafen könnten. Der Bauernkrieg brachte schließlich größere Sorgen, vor denen diese zurücktreten mußte. Aus den Domkapitelrecessen erfahren wir ferner, daß im Amte Fürth dem Dompropst der Handlohn verweigert wurde (14. Juni, 5. Juli), daß die Frage inbetreff der Weihsteuer nun auch von der Stadt Bamberg angeregt ward (12. August). Das Kapitel wünschte eine schriftliche Antwort des Bischofs darauf vermieden, endlich mußte es sich zu ihr doch verstehen (23. August). In der Hauptstadt „rumorte“ es überhaupt. Die Wühlereien bezogen sich dabei augenscheinlich auf das Domkapitel, in dem zugleich alle anderen Stifter mit getroffen wurden, da es diese seit langem in den wichtigsten Anliegen vertrat. Schon zur Zeit des Forchheimer Aufruhrs hatte man von etlichen „seltzamen reden“ im Kapitel zu handeln, die „durch etliche Munteter geschähen und nur zu Empörung und Aufrur dienten“ (3. Juni). Bald darauf hatte es sich über „mutwillige Handlungen der von Bamberg“ zu beklagen (7. Juli). In Nürnberg waren am 5. Juli ein Wirt aus Word und ein Nürnberger Tuchknappe wegen ihrer Agitation gegen das Ungeld hingerichtet worden.

Solche Agitation begann nun auch hier. Lag ein Fall davon schon am 23. August vor, so beweist der Receß vom 21. März 1525, der die Antwort des Kapitels auf eine Supplikation der Muntäten zu St. Stephan, St. Jakob und auf dem Kaulberge in dieser Angelegenheit enthält, daß sich das Kapitel bis dahin darüber noch nicht hatte schlüssig wTerden können. Ja, das Kapitel mußte nun sogar erleben, daß auch der Rat der Stadt ihm offen gegenüberzutreten wagte. Wiederholt hatte es sich mit der Forderung desselben zu beschäftigen, einen freien Zutritt zum Bischof zu erhalten. Unter dem 12. August hören wir von Vorstellungen der Bürger „wegen der Schlüssel“. Wir werden anzunehmen haben, daß die Stadt sich wieder in den Besitz größerer Selbständigkeit setzen wollte. —

Während es so bereits in Stadt und Land gährte, zogen „fremde Buben“ durchs Land, die Gährung auch dorthin zu tragen, wo sie noch nicht bestand. Am 5. Juli 1524 bereits war eine Abrede ihretwegen zwischen Bamberg und Würzburg getroffen worden. Am 5. August mußte ein Mandat ergehen, wonach die „fremden Buben, so hin und wider im Stift umziehen und des Zehenden halben die annen Leut bedrohen sollen“, mit den härtesteil Strafen bedroht werden. Aber noch am 6. März 1525, einem Tage, der besonders energische Entschlüsse des Kapitels zeitigte, sah sich dieses zu der dringenden Vorstellung beim Bischof genötigt, „zur Verkommung allerlei Übels“ zu erwägen, wie mit „ernstlicheren Strafen“ gegen die mutwilligen Übeltäter im Stift vorgegangen werden könne. Ja es verstieg sich jetzt zu dem Ansinnen an ihn, einige Räte und Amtleute zu ändern, offenbar, wie uns gelegentliche Erwähnungen zeigen, in dem Sinne eines schärferen Anziehens der Regierungsgewalt gegen alle Strömungen im Volke.

Alle zu weichen, zu nachgiebigen Charaktere sollten jetzt ausscheiden.2) Wie notwendig das war, beweist eine Supplikation der Bierbrauer und der Gemeinde auf dem Kaulberg bei Bamberg um die Mitte des Monats, die auf nichts geringeres hinauslief, als auf die Forderung, das Bier, das sie seit ungezählten Jahren in die Keller des Domstifts geliefert hatten, fortan ihnen zu bezahlen. Die Dinge reiften, wie man daraus ersieht, dem Konflikte entgegen.

Schon heute wäre es kaum möglich, gegen eine so allgemeine Aufregung erfolgreich anzugehen. In einem Bistum der Reformationszeit, bei dem Widerstreit der politischen und kirchlichen Anschauungen, die in ihm lebten, war dazu die geringste Aussicht vorhanden. Gegen den isolierten Forchheimer Aufstand hatte man schnell genügend Lehnsleute aufbieten, hatte man Kriegsknechte werben können. Zudem ward Hilfe auf allen Seiten angeboten. Aber seit dem Mai 1524 hatten sich die Verhältnisse vollständig gewandelt. Wie in Bamberg so hatten überall unruhige Bewegungen an ein Zusammenhalten der Kräfte gemahnt. Seitdem nun aber gar von dem südlichen Schwarzwald her der offene Aufruhr sich über ganz Schwaben ausgedehnt hatte, war an solche Hilfe um so weniger zu denken, als jeder einzelnen Macht in Süddeutschland durch den Schwäbischen Bund die eigenen Kräfte bereits stark beschnitten waren.

In der Tat waren die Anforderungen des Schwäbischen Bundes ganz außerordentliche. Sehr bald hatte er bemerkt, daß, bis die beiden ersten Drittel der „eilenden Hilfe“ angezogen seien, die er am 11. und 18. Februar ausgeschrieben hatte, zuviel kostbare Zeit verloren gehe, mid so hatte er sich denn entschlossen, als sich ihm ein Haufen Knechte bot, diesen außerdem anzunehmen. Die Umlage, für Bamberg 825 fl., die er dafür am 25. Februar auf die einzelnen Bundesmitglieder verteilte, blieb nun aber nicht die einzige.

Als sich der Aufstand der Bauern in Oberschwaben immer bedrohlicher entwickelte, verlangte er am 7. März das 3. Drittel der Hilfe, aber dieses in Geld, am 30. März sogar noch ein 4. Drittel, um den Bundesständen, „so überlast leiden“, soviel möglich Rettung und Hilfe zu leisten, in Ansehung dessen, daß der Aufruhr nicht allein dem Bunde, sondern dem ganzen Reich gefährlich werden könne. Er stellte dabei anheim, dieses 4. Drittel entweder an Volk oder in Geld zu leisten. Doch das war noch nicht alles. Am 21. März war der Aufruhr in der Rothenburger Landwehr ausgebrochen, der sich alsbald weiter ausdehnte. Am 24. März hatte daraufhin Markgraf Casimir von Brandenburg beim Bunde unter energischer Betonung dessen, was er im Vorjahre und in diesem bereits ohne Inanspruchnahme des Bundes zur Unterdrückung der Unruhen geleistet habe, das dringende Gesuch gerichtet, ihm gegen „die Bauern um Rotenburg, gegen der Jagst und auf dem Geu die Tauber hinab und sonst in Franken“ sowohl sein eigenes zum Bunde gesandtes Kriegsvolk zurück als auch sonst noch Truppen zuzuschicken, sodaß er eine größere Macht beisammen habe. Er hielt das für nötig, „damit die last nit allain uff uns lige, und das man sehe, das wir von allentailn obeinander halten und einander nit verlassen____“ auch darum, weil „Itzt anfencklich bei der Zeit Inn der eyl mit ainem clainen costen (sich) viel guts schaffen und nachtails furkumen (lasse), dann hernach mit gantzer macht gescheen mag“. Der Bund hatte Casimir darauf nach anfänglichem Zögern zwar nicht die gewünschten Truppen zurückgesandt, da er sie im Süden nicht entbehren konnte, wohl aber die kleine Macht von 300 Pferden zugebilligt, die ihm von den anstoßenden Bundesverwandten gestellt werden sollte. Auf Bamberg entfielen davon 70 Mann.

Das Geld für die ersten beiden Drittel der Hilfe hatte in Bamberg — nach den Domkapitelrecessen — z. T. schon aus der Steuer, z. T. aus der Weihsteuer bestritten werden müssen, da bei der Kammer — wohl infolge des Vorjahres — Geld nicht vorhanden war. Ob diese Hilfsquellen bereits damit erschöpft waren, ist nicht ersichtlich. Jedenfalls erging schon am 2. März, also nach dem Ausschreiben der 825 fl., seitens des Kapitels an den Bischof die Mahnung, sich allenthalben umzusehen, wie er (zu Erhaltung des Kriegsvolkes im Bunde) mit den geringsten Kosten Geld auf bringen könne. Die weiteren Forderungen des Bundes erhöhten die Verlegenheit, um so mehr, je dringlicher sie gestellt wurden. Man hat den Eindruck, daß die regierenden Kreise im Bistum die Schwierigkeiten sehr hoch einschätzten, und daß sie derart auch waren.

Bis zum April hatte der Bischof davon absehen können, seine Ritterschaft nach Bamberg zu berufen. Die Reisigen oder Fußknechte, die er immer zur rechten Zeit nach dem Süden entsandt hatte, waren wohl aus den Kriegsknechten genommen, die sich zu jeder Zeit anboten. Der letzten Forderung des Bundes, 70 Pferde Casimir zu schicken, war nun der Bischof entweder nicht mehr imstande oder nicht mehr gewillt, aus eigenen Mitteln zu entsprechen. Am 4. April, an dem Tage, an dem ihn die erste Aufforderung Casimirs wegen der 70 Pferde erreichte, war bereits der Entschluß gefaßt, deswegen an die Ritterschaft zu schreiben und sie nach Bamberg zu bestellen; es bleibt im Ungewissen, mit welchen Bitten und Fragen Weigand an sie herantreten wollte. Aber das Schreiben ging an diesem Tage noch nicht ab, sondern erst am 5. April, nicht ohne eine, wie wir annehmen müssen, wichtige, vielleicht wesentliche redaktionelle Änderung seitens des Domkapitels. Dieses hatte nämlich ebenfalls am 4. April zum ersten Mal sich mit den immer bedrohlicher werdenden Zeitläuften beschäftigt und war dabei zu dem Gutachten gekommen: dieweil sich die leuft allenthalben geschwind anlassen, daß mein gn. herr von Bamberg seiner gn. leben- und Ambtleuten geschrieben hette, sich in gereitschafft zuhalten, und uf des negst schreiben zuerscheinen. Der Bischof ging zweifellos auf diese Anregung um so lieber ein, als er selbst bei seinem Ausschreiben wohl auch an derartiges gedacht hatte. Das Ausschreiben ward nun in diesem Sinne gefaßt, unter der weiteren Anteilnahme des Kapitels. Am 11. April sollten die Stiftsverwandten und Lehenleute, ein jeder aufs stärkste mit Knechten und Pferden gerüstet, in Bamberg erscheinen. Als Grund wurden nicht der spezielle Anlaß dazu, sondern, um ihn als recht dringlich auch für den Adel hinzustellen, ganz im allgemeinen die „Läufte“ angegeben, die sich „zu auffruor unnd empoerung, auch ungehorsam etlicher der unsern und anderer fürsten und obrikeitten undertkanen unnd der Bauerschafft richten, wellichs nit allein unns und unnserm Stifft, sonnder dergleichen Dir unnd andern vom Adel zu untreglicher beschwerd und nachteil, unnd on zweiffel mit der zeit (so nit ufs ehst unnd unuerzoglich mit dapfferm ernst dagegenn gehanndelt) zu entlicher entziehung aller unterthanen gebärenden schuldigen gehorsamen unnd dienstbarkeiten gegen jrer Oberkeit gewießlich gedeyen würde“. So sollte nun also in der Stadt Bamberg eine Truppenmacht zusammengezogen werden, ähnlich wie sie Markgraf Casimir bereits besaß, fähig und stark genug, allen aufrührerischen Bewegungen im Bistum sofort ein Ende zu bereiten, sie womöglich im Keime zu ersticken, wehrend Casimir, mit der Unterstützung dieses Stiftes, an den Grenzen und in der Nachbarschaft derselben Aufgabe oblag. Es war kein Zweifel, daß die Schicksalsstunde dem Bistum gestellt war. Daß dies Ausschreiben gedruckt, wie es der Menge wegen sein mußte, einer weiteren Allgemeinheit unbekannt blieb, war nicht möglich. Wie würde diese solche neue Regung ultrakonservativen Geistes hinnehmen?

Vor dem 4. April findet sich in den Domkapitelrecessen keine Äußerung der Sorge, daß sich im Bistum ein Aufstand wie der Forchheimer des Vorjahres wiederholen werde. Jetzt wurde Rats gepflogen, wie „die Stiftsprivilegien, Kleinodien und Barschaft an sichere Orte gebracht“ werden könnten und ob man Wächter in der Altenburg bei Bamberg anstellen solle. Solche Maßregeln der Sorge auf der einen Seite aber pflegen den Mut auf der anderen nur zu erhöhen. Man weiß nicht, wieweit die Vorkehrungen gegen den drohenden Sturm schon gediehen wraren. Da brach am 11. April der Sturm los.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg: Die 12 Artikel, ihr Verfasser und ihre Geschichte
Der deutsche Bauernkrieg: Die Streitfrage inbetreff der 12 Artikel